Nr. 136 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 13. Juni 1929
Der Gießener Voranschlag für 1929.
VI. (Schluß.) *)
3n unseren bisherigen Aufsätzen über den städtischenHaushaltsvoranschlag für 1 929 haben wir einen sehr weitgehenden Einblick in die Etatvorschläge der Stadtverwaltung gegeben. Diese eingeyende Darstellung erschien uns unter den gegenwärtigen Wirtschaftsverhältnissen und angesichts der außerordentlich angespannten allgemeinen Finanzlage besonders notwendig. Wer diese Auszüge aufmerksam gelesen und sich dabei die vielfältigen Notwendigkeiten unserer städtischen Wirtschaftsführung vor Augen gehalten hat, wird wohl mit uns zu der Lleberzeugung gekommen sein, daß unser Gemeinwesen es diesmal mit einem ungewöhnlich stark angespannten Haushaltsentwurf zu tun hat. Auf der einen Seite werden — schon seit Jahren — von der Bürgerschaft Wünsche und Forderungen, deren Berechtigung und Dringlichkeit nicht bestritten werden kann, an die Stadtverwaltung und die Stadtratsmitglieder herangebracht. Anderseits soll und kann aber die Inanspruchnahme der Steuerquellen, die leider nicht allzu zahlreich vorhanden sind, nur in einem Ausmaße erfolgen, das den Gliedern unserer heimischen Wirtschaft noch den gebührenden Spielraum für ihre produktive Betätigung läßt. In diesem Dilemma die richtige Linie zu finden, ist in den verflossenen Jahren schon nicht leicht gewesen, im neuen Wirtschaftsjahre ist diese Aufgabe aber doppelt schwer. Dieser Ernst der Situation ist nicht nur der Verwaltung bekannt, sondern in gleicher Weise ist man auch in den Kreisen der Stadtratsmitglieder und bei den übrigen kommunalpolitisch wirkenden Personen darüber unterrichtet. Eindringlicher Beweis dafür ist u. a. die Tatsache, daß Mitglieder des Stadtrates erklärten, sie sähen unter den heutigen Verhältnissen keine Möglichkeit, den Voranschlag für 1929 anders aufzuziehen, als die Verwaltung es getan habe: weiterer Beweis ist, daß von einem Teile der Stadtratsmitglieder, der durchaus nicht ohne Wünsche und Forderungen für die Fortentwicklung unserer kommunalen Angelegenheiten ist, unter Hinweis auf die gegenwärtigen außerordentlichen Schwierigkeiten keine Anträge zum Etat gestellt wurden, weil man sich sagte, daß einerseits eine Herabminderung der Einnahmen unter den von der Verwaltung errechneten Stand eine sehr schwere Hemmung, möglicherweise sogar eine Gefährdung des Ganges unserer Derwaltungsmaschinerie bedeute, auf der anderen Seite die Erfüllung weiterer Forderungen eine noch stärkere Anspannung der Steuerzahler als vorgesehen bedinge, die man auch nicht vertreten könne. In der Tat kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß der Voranschlag in seiner von der Verwaltung fe.st gelegten Fassung nach beiden Richtungen hin das Aeuherste dar st eilt, das unter den heutigen Verhält- nissen zur Erfüllung der allerdringlichsten kommunalen Aufgaben erforderlich und Wohl auch tragbar erscheint. Zwar mögen hier und da bei einzelnen Titeln Heinere Verschiebungen möglich erscheinen, im Gesamtergebnis dürften aber Aenderungen von großer Wirksamkeit kaum zu erzielen sein. Wir lassen keineswegs die Tatsache außer Betracht, daß Handel, Gewerbe und Handwerk, wie auch der Haus- und Grundbesitz —
♦) Teil I in Ri-109 vom 11. Mai, Teil II in Rr. 115 vom 18. Mai, Teil III in Rr. 120 vom 25. Mai, Teil IV in Rr. 126 vom 1. Juni, Teil V in Rr. 132 vom 8. Juni.
Roman von Edgar Wallace.
NackHruck verboten.
1.
Larry Holt sah vor dem Cafe de la Paix und beobachtete aufmerksam den Mensch^strorn, der den „Boulevard des Italiens" in beiden Richtungen entlangströmte. Der Hauch des Frühlings hing in der Luft, die Bäume bedeckten sich mit kleinen, grünen Knospen, am blauen Himmel zogen leichte, weihe Wölkchen entlang, und ein goldener Sonnenschein lieh die Farben der Zeitungskioske in leuchtenden Schattierungen hervortreten und verlieh sogar den schreienden Rekla- men einen gewissen künstlerischen Wert. Ueber- füllte Autobusse rumpelten vorbei, und kleine Taxis tauchten eilig in dem stetigen Strom des Verkehrs auf und nieder — ließen ahnungslose Fußgänger entsetzt zurückspringen.
An der Ecke stand ein Polizist, den Umhang über den Schultern, eine Hand auf dem Rücken, und starrte unbeweglich vor sich hin, während auf dem Bürgersteig junge, barhäuptige Mädchen, alte Männer und Soldaten gemächlich vorbeizogen. Fliegende Händler schlenderten an den Tischen des Cafes vorbei, braune Araber boten ihre Decken und Tücher an, abgerissen aussehende Männer handelten mit Stützen von Postkarten. Dies Treiben und Hasten, all diese Menschen entzückten Larry Holt, der nach vier Jahren harter Arbeit in Frankreich und Deutschland von Berlin hier eingetroffen war, und er fühlte ein richtiges Feriengefühl in sich, ein Feriengefühl, das sogar ein vielbeschäftigter Detektiv empfinden kann.
Die Stellung, die Larry Holt bekleidete, war den Beamten von Scotland Vard ein Rätsel. Er hatte den Rang eines Inspektors, seine Tätigkeit war die eines Kommissärs, und allgemein wurde angenommen, dah er für den ersten freien Posten eines assistierenden Kommissärs vorgemerkt war. Aber in diesem Augenblick lagen all diese Fragen von Rang und Beförderung für Larry in weiter Ferne. Behaglich sah er auf seinem Stuhl und trank mit jedem Atemzug den fützen Odem des Frühlings; die reine Freude am Leben sprach sich in seinen hübschen Gesichtszügen aus, und in seinem Herzen war ein Gefühl der Erleichterung, der Ruhe, das er für Monate und Jahre nicht gefühlt hatte.
Larry b^ahlte seinen Kaffee, stand auf und ging gemächlich um die Ecke nach seinem Hotel. Behaglich ging der schlanke, große Mann seines Weges, die Hände in den Taschen, den weichen Filzhut auf dem Hinterkopf, und ein freundliches
die ja die direkten und Hauptträger der kommunalen Steuerlasten sind — gegenwärtig ebenfalls unter ungewöhnlich schweren Wirtschaftsverhältnissen um ihren Bestand zu ringen haben; für manche von ihnen werden die vorjährigen Verhältnisse, die auch schon ernst genug waren, geradezu rosig gewesen sein im Vergleich zu den Wirtschaftsbedingungen von heute. Aber auf der anderen Seite darf doch auch nicht übersehen werden, dah aus der Durchführung der Vorschläge der Stadtverwaltung eine bedeutsame wirtschaftliche Auftriebskraft für Handel, Gewerbe und Handwerk unserer Stadt hervorgeht. Würden die von der Verwaltung ohnehin schon stark gekürzten Pläne und Wittel dazu noch weiter beschnitten werden, so ergäbe sich zwangsläufig auch eine Verringerung der Arbeits- und Verdien stmoglichkeiten für weite Kreise unseres selbständigen Mittelstandes und seiner Angestellten und Arbeiter, damit natürlich auch eine Verringerung der allgemeinen Kaufkraft und ein Abstieg von dem heute ohnehin nicht allzu hohen Stand der Wirtschafts- und Einkommensgrötze in breiten Kreisen der Gießener Devöllerung.
Bei der Beschlußfassung über die Finanzierung des Voranschlages wird — da die Steuereinkünfte aus Äeberweisungen des Reiches und aus einigen kommunalen Steuerquellen zweiten Ranges zu besonderen Bemerkungen Wohl keinen Anlaß bieten dürsten — die Gewerbesteuer den Hauptpunkt bilden, dem sich in gewissem Abstande die Grundsteuer an- schließen dürfte. Alm einen Maßstab für eine gerechte und sachdienliche Deurtellung der Gewerbesteuerfrage zu erhalten, haben wir uns nach den Gewerbe st euer-Ausschlagssätzen für 1 928 und 1 929 in anderen hessischen Städten erkundigt und dabei den in der nachstehenden Uebersicht vermerkten Aufschluß erhalten. Es kamen 1928 zur Erhebung und sind — bis auf Gießen, wo es sich bei den Sähen für 1929 zur Zeit noch um Anträge der Stadtverwaltung handelt — für 1929 bereits beschlossen worden:
von je 100 Mk. Steuerwerk des gewerbl. Anlage« u. Betriebskapitals
von je 100 Mk. des Gewerbeertrags
1928
1929
1928
1929
Stadt
Rpf.
Rpf.
Rpf.
Rpf.
Darmstadt
57,4
57,4
226,0
226,0
Mainz
75,0
75,0
340,0
340,0
Offenbach
84,0
84,0
350,0
350,0
Worms
83,5
83,5
232,1
232,1
Friedberg
85,0
115,0
254,0
344,0
Bad-Nauheim
70,0
70,0
110,0
300,0
Gießen
40,0
63,0
180,0
270,0
Die jetzigen Anträge der Verwaltung zur Festsetzung der Gewerbesteuerausschlagssätze sind eine Wiederholung der im vorigen Jahre schon vor- gelegten, damals aber nicht genehmigten Vorschläge. Trotz der mittlerweile weiter erhöhten Anforderungen zur Befriedigung dringendster Erfordernisse unserer kommunalen Weiterentwicklung glaubt die Verwaltung, mit ihren vorjährigen Ausschlagsanträgen auskommen zu können. Bei einer Betrachtung der vorstehenden Vergleichsziffern ergibt sich, datz wir auch nach der Annahme der jetzt vorgeschlagenen Sätze noch hinter anderen großen hessischen Städten und auch hinter den kleineren Rach barorten Dad-Rauheim und Friedberg zurückbleiben toürben. Erwägungen über die Ertragsmöglichkeit der jeweiligen örtlichen Wirtschaft spielen hierbei natürlich eine bedeutsame Rolle, aber man kann wohl sagen, datz dieser Unterschiedlichkeit durch die Vorschläge der Verwaltung für unsere Stadt wohl schon hinlänglich Rechnung getragen ist. Dah die Aus- fchlagssätze in Darmstadt für 1929 gegenüber den
Lächeln spielte um seine Lippen, während seine weißen Zähne eine lange, schwarze Zigarettenspitze festhielteln.
Er trat in die überfüllte Vorhalle seines Hotels — der einzige Fleck in Paris, wo Menschen hasten und eilen, wo Pagen wirklich rennen und wo selbst der phlegmatische Engländer in ftänöiger Eile zu fein scheint — und ging auf den Fahrstuhl zu, als er durch die große Glastür, die nach dem Wintergarten führte, dort einen eleganten Herrn bemerkte, der bequem in einem großen Klubsessel sah und bedächttg seine Zigarre rauchte.
Larry grinste und zögerte einen Augenblick. Dieser Mann mit den scharfen Gesichtszügen, der so wunderbar elegant angezogen war, an dessen Fingern und Krawatte Brillanten blitzten, war ihm bekannt. In einem Anfall mutwilliger Bosheit ging er durch die Glastür auf den behaglich Sitzenden zu.
„Ist es wirklich mein alter Freund Fred?" sagte er leise. „ Flimmer Fred," internationaler Hochstapler und Falschspieler, sprang mit einem Sah auf die Füße, und unverkennbare Bestür- zung zeigte sich beim Anblick dieser unerwarteten Erscheinung auf seinen Zügen.
„Hallo, Mr. HoltI" stammelte er. „Sie sind wirklich die letzte Person in der ganzen Welt, die ich erwartet hätte, hier zu finden —"
„Oder gewünscht hätte, hier zu finten,“ unterbrach Larry mit einem vorwurfsvollen Kopfschütteln. „Was für ein Glanz! Donnerwetter, Fred, Sie sind ja ausgeputzt wie ein Weihnachtsbaum."
Flimmer Fred griente unbehaglich, gab sich aber große Mühe, vollkommene Gleichgültigkeit zu zeigen.
„Das alte Leben ist jetzt für mich abgetan, Mr. Holt," sagte er.
„Sie sind ein Schwindler und werden immer ein Schwindler bleiben," erwiderte Larry ruhig.
„Auf die Bibel schwöre ich Ihnen —" begann Fred nachdrücklich.
„Fred, Fred," fiel Larry ohne eine Spur von Qlerger ein, „wenn Sie zwischen Ihrer toten Tante und Ihrem sterbenden Onkel stehen und einen Eid auf die Bibel schwören würden, ich würde Ihnen doch nicht glauben."
Mit Bewunderung betrachtete er sich Freds Aeußeres, die große Brillantnadel in seiner Krawatte, die dreifache, goldene Kette über seiner hocheleganten Weste, die blendend weißen Gamaschen über den glänzenden Lackschuhen, das tadellos gebürstete Haar.
„Sie sehen sütz aus, wirklich süß! Was für eine neue Sache haben Sie jetzt vor? — Ich nehme natürlich nicht an,“ unterbrach er sich selbst, „Sie werden's mir erzählen, aber ziemlich aussichtsreich muß es doch sein, Fred."
Vorschlägen der ©iefjencr Verwaltung geringer sind, ist daraus zurückzuführen, datz die Darmstädter Stadtverwaltung zum Ausgleich ihres Haushalts sämtliche Reserven, auch die der städtischen Betriebe, bis zum letzten für den Voranschlag herangezogen hat. Datz eine solche kom- munale Finanzpolitik außerordentlich gefährlich ist — man denke nur einmal an größere Betriebs, schäden in einem Werk, durch die Verluste in großer Höhe eintreten und die dann nur unter schweren Bedingungen auf dem Anleihemärkte gedeckt werden könnten — liegt auf der Hand. Wir möchten jedenfalls nicht dazu raten, den gleichen Weg der Doranschlagsfinanzierung auch in Gießen zu gehen, da hierdurch den Bürgern unter Umständen ein sehr starkes Risiko auf. gebürdet würde. Dah den Stadtratsmitgliedem die Entscheidung in dieser Steuerfrage schwer werden wird, steht außer Frage. Sie müssen sich aber vor Augen halten, dah der Verwaltung
die zur Erfüllung der dringlichsten Aufgaben unbedingt gebotenen Mittel an die Hand gegeben werden müssen, damit dann auch von dieser Seite her die heimische Wirtschaft den erforderlichen Auftrieb erfahren kann. Wenn auch in rein verwaltungsmäßiger Hinsicht hier imbi da vielleicht noch einige Einsparungen möglich erscheinen, so glauben wir aber doch nicht, day in sachlichen Dingen und bei der Schaffung neuer kommunaler Einrichtungen Abstriche von so großem Ausmaß möglich sein werden, daß man den Anträgen der Verwaltung in der vorgeschlagenen Höhe nicht stattzugeben brauchte. Möge das Stadtratskollegium bei seiner Entscheidung frei bleiben von Stimmungen und Rücksichten, die im Augenblick vielleicht eine gewisse Popularität für sich hätten, die aber, falls sie entscheidend Aur Geltung kämen, kaum von Dortell sein wür- oen für eine gedeihliche, wenn auch nur schrittweise Aufwärtsentwicklung unseres Gemeinwesens.
Aegypten, wie es der König verließ.
Don unserem X-Benchterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Kairo, Juni 1929.
Angesichts des Schicksals, das der König Aman- u l l a b nach seinem Europabesuch erlitt, wird vielleicht hier und da ein Vergleich mit der Auslandsfahrt des ägyptischen Königs Fuad angestellt werden. Um es gleich vorweg zu nehmen: solch ein Vergleich geht von falschen Voraussetzungen aus und ist deshalb unzutreffend. Als Amanullah seinen Fuß außer Landes setzte, verließ er einen Staat, der sich, sieht man von der Hauptstadt und ihrer, engsten Umgebung ab, noch im Zustande des Mittelalters befand. Aegypten aber ist auch außerhalb Alexandriens, Port Saids und Kairos ein m o • derner Staat, und daß es zu keinem Aufruhr im Lande kommt, dafür sorgen nicht nur der gegenwärtige Diktator und Ministerpräsident M o h a m - med Machmut Pascha mit seiner gut disziplinierten und schlagkräftigen Polizei — im Gegensatz zu der kleinen und militärisch fast wertlosen Armee — sondern vor allem die Einheiten der briti- scben Mittelmeerflotte sowie die englischen Besatzungstruppen in Aegypten und im Sudan.
Dennoch darf man bei einer Betrachtung Aegyptens, wie es sein König jetzt hinter sich gelassen hat, natürlich nicht die verschiedenen, nicht abzuleugnenden Spannungen übersehen, die nun einmal vorhanden sind, und mit denen der Politiker und Staatsmann rechnen muß. Vor allem eine Frage: besitzt der Könia Feinde? — Natürlich! Er besitzt sie wie jeder Mensch und besonders wie ein jeder, der im Vordergrund d^s Interesses und an erster Stelle im öffentlichen Leben steht. Es sind auch große feindliche Strömungen gegen den König vorhanden, die sich in der stärksten Partei des Landes, der W a f d, vereinigen. Es ist dies die Partei des verstorbenen Z a g l u l Pascha, die eigentliche ägyptische Volkspartei. Der Name Wafd bedeutet wöttlich Delegation und bezieht sich auf jene Abordnung, die der berühmte nationale Führer im Jahre 1919 nach London brachte, um dort die Freiheit seiner Heimat am grünen Tisch zu erkämpfen, was ihm aber nicht gelang. Es ist ungeheuer schwer, bei der Bettachtung der ägyptischen Parteien Parallelen zu Europa, etwa zu Deutschland, zu ziehen. Die Wafdisten haben einen sehr stark sozialen bis sozialistischen Einschlag. Grundsätzlich sind sie für die Republik, also schon deswegen gegen den Monarchen. Abgesehen davon, erblicken sie jedoch in Fuad keinen Aegypter im eigentlichen Sinne, sondern den Abkömmling jenes albanischen
Offiziers der osmanischen Okkupationsarmee, der der Gründer der jetzt herrschenden Dynastie geworden Ist. Aber mit der ägyptischen Nationalität ist das eine eigene Sache. Die Wissenschaft streitet sogar den Kopten das Recht ab, sich als die Nachkommen des alten Kulturvolkes zu bezeichnen, das in der Antike das Niltal bevölkerte, die Pyramiden baute und die Papyri schrieb. Heute besteht die Einwohnerschaft Aegyptens zum größten Teil aus Fellachen, einem arabisch-türkisch-hamitischen Gemisch. Wer ist nun eigentlich ein „echter Aegypter"? König Fuad schlechthin als einen Türken zu bezeichnen, wie es die Wafdisten tun, ist aber zumindest abwegig.
Trotz ihrer beinahe sozialistischen Einstellung be- Aeichnen sich die Wafdisten jedoch, und das nicht mit Unrecht, als eine nationale Partei. Eine solche Einstellung wird man ihrem gegenwärtigen Führer, dem früheren Ministerpräsidenten Nahas Pascha, auch nicht gut absprechen können, und wer ihre offi« Aielle Zeitung „Balagh" liest, wird auch zu einem solchen Eindruck kommen. Internationale Bindungen fehlen vollständig. Vielleicht kann man die Wafdisten als national-sozialistisch bezeichnen, doch sind sie dazu noch allzusehr zum Kompromiß geneigt. Die „echten Nationalisten" bekämpfen den „nationalen Revisionismus" der Wafd, die zwar nach der endgültigen Befreiung Aegyptens von jeder Fremdherrschaft trachtet, es jedoch der Zeit überlassen will, das Schicksal des Landes zu formen. Gegenwärtig, also unter der Diktatur der liberalen Partei, der der Diktator Machmut Pascha angehört, sind die Wafdisten zweifellos starken 23er«. folgungen ausgesetzt. Man bringt in ihre Häuser ein, beschlagnahmt tagtäglich „Dokumente", ihre Zeitungen werden verboten, ihre Agitatoren ins Gefängnis geworfen. Der König hat einmal erklärt, die Tür seines Palastes stände jedem seiner Untertanen offen. Es ist aber sehr schwer, zu dieser Tür zu gelangen. Davor stehen nämlich die Wachsoldaten der Diktatur. Zwischen den Wafdisten und der äußersten nationalen Rechten besteht ungefähr dasselbe Verhältnis wie zwischen den deutschen Sozialdemokraten und der K. P. D. Die Wafd hat übrigens eine unbestreitbare Krippenwirtschast getrieben, als sie an der Regierung war. Dabei ist sie tatsächlich eine Volkspartei, die sich auf die große Masse der Landbevölkerung stützt, und deren natiov nale Gesinnung über alle Zweifel erhaben ist.
Ganz anders die kleine, aber äußerst lebendige nationalistische Partei, die sich zum größten Teil aus der akademischen Jugend
Der Mann fuhr sich mit frer Zunge über die trockenen Lippen.
„Ich bin jetzt im Geschäft," sagte er.
„In wessen Geschäft denn?" fragte Larry mit Interesse. „Und wie sind Sie denn da 'reingekommen? Mit 'nem Brecheisen oder war's eine Dhnamitpatrone? Das wäre ja ein ganz neuer Beruf für Sie, Fred. Bis jetzt haben Die sich doch ausschließlich darauf beschränkt, unerfahrene Jugend um ihr Geld zu bringen und," fügte er bedeutungsvoll hinzu, „die Taschen von gerade Gestorbenen zu erleichtern."
Freds Gesicht rötete sich.
„Sie glauben doch nicht, dah ich irgend was mit dem Mord in Montpellier zu tun hatte?" protestierte er hitzig.
„Ich glaube ja nicht, dah Sie den bedauerns- teerten, jungen Mann erschossen haben," gab Larry zu, „aber Sie sind sicherlich beobachtet tooröen, wie Sie sich über den Körper beugten und seine Taschen durchsuchten."
„Ich wollte doch bloh sehen, teer es war," entgegnete Fred tugendhaft, „und 'rausfinden, teer ihn getötet hatte."
„Sie sind gleichfalls gesehen worden, wie Sie mit dem Täter sprachen. Eine alte Dame, eine gewisse Madame Prideaux, sah von ihrem Schlafzimmerfenster aus, wie Sie den Mann festhielten und dann gehen liehen. Ich nehme an, er hat .geschmiert'."
Fred antwortete nicht gleich darauf. Er hahte sogenannte feine Herren, die sich zu einer so gewöhnlichen Ausdrucksweise herabliehen und statt „bestechen" „schmieren" sagten.
„Das ist nun schon zwei Jahre her, Mr. Holt," sagte er, „und ich begreife nicht, warum Sie diesen alten Kohl noch aufwärmen. Der Untersuchungsrichter hat mich in jeder Beziehung frei- gesprochen."
Larry lachte und klopfte ihn auf die Schulter.
„Wie das auch sein mag, ich bin auf jeden Fall jetzt nicht im Dienst, Fred. Ich gehe auf eine Erholungs- und Vergnügungsreise."
„Sie fahren also nicht nach London?" fragte der Mann schnell.
„Rein," antwortete Larry und hatte die Empfindung, dah der andere erleichtert aufatmete.
„Ich fahre heute nach London und hoffte, toir würden vielleicht zusammen reifen können."
„Es tut mir unendlich leid," erwiderte Larry, „Ihre Hoffnungen enttäuschen zu müssen, aber ich reife in entgegengesetzter Richtung. Aus Wiedersehen."
„Viel Vergnügen!" sagte Fred und blickte mit einem Gesicht hinter ihm her, dessen Ausdruck keineswegs mit seinen Worten übereinftimmte.
Larry ging auf sein Zimmer und fand seinen Diener mit dem Reinigen und Ordnen feiner Garderobe beschäftigt. Patrick Sunnh, den er nun schon zwei Jahre hindurch als Diener er
tragen hatte, war ein ernsthafter, junger Mann mit Glotzaugen und einem runden Gesicht, der jetzt bei seinem Eintritt eine plötzliche, energische Tätigkeit entwickelte. Er bürstete und pfiff zwischen den Zähnen — er war früher Kavallerist gewesen.
Larry schlenderte an das Fenster und blickte auf den belebten Place de l'Opera hinab.
„Sunnh," sagte er, „Sie brauchen meine Anzüge nicht weiter zu beschädigen. Packen Sie sie ein.“
„Ja, Sir," entgegnete Sunnh.
„Ich reife mit dem Rachtzug nach Monte Carlo."
„Ja, Sir," sagte Sunnh, der genau dasselbe gesagt hätte, wenn Larry die Absicht ausgesprochen hätte, nach der Sahara oder dem Rord- pol abzureisen.
„Rach Monte Carlo, Sunnh!" rief Larrh vergnügt. „Auf sechs freie, vergnügte und kostspielige Wochen. — Fangen Sie sofort mit dem Packen an."
Er nahm den Telephonhörer vom Schreibttsch auf und rief das Reisebureau an.
„Reservieren Sie mir einen Schlafwagen und ein Erster für heute nacht nach Monte Carlo," sagte er. „Monte Carlo," wiederholte er lauter. „Rein, nicht nach Calais. Ich habe nicht die geringste Absicht, nach Calais zu fahren — danke bestens." Er hing den Hörer auf und betrachtete seinen Diener. „Wissen Sie, Sunnh, ich hasse es direkt, mich mit Ihnen zu unterhalten, aber heute mutz ich mit jemand reden. Ihren Ramen faim ich auch nicht ausstehen. Von wem haben Sie eigentlich den furchtbaren Ramen?"
„Von meinen Eltern," sagte Sunnh steif, ohne von seiner Arbeit aufzublicken.
„Die müssen aber den Anschluß verpatzt haben?" fragte Larrh. „Denn es ist ausgeschlossen, datz jemand weniger sunny (sonnig) aussehen kann als Sie. Aber wir gehen nach dem Süden, Sunnh, nach der Azurküste, nach dem Lande der Blumen und Tollheiten, nach den Orangenhainen — essen Sie gern Apfelsinen, Sunnh?"
„Ich ziehe Walnüsse vor, Sir," antwortete Sunnh, „aber sonst mache ich mir gar nichts aus Früchten."
Larrh sicherte unb setzte sich auf den Dettrand.
„Monte Carlo! Wir werden auch mal Verbrecher fein und anderen Leuten das Geld abnehmen," sagte er, „anstatt unsere Rase in die verbrecherischen Fähigkeiten Anderer zu stecken. Keine Räubereien und Unterschlagungen, keine Fälschungen und Morde, Sunny. Sechs köstliche Wochen eines ungestörten Dolcefarniente."
„Das Spiel kenne ich nicht, Sir," antwortete sein Diener. „Ich persönlich ziehe Cribbage (Kartenspiel) vor."
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