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Matthesius:Ich verstehe mich auf Menschen, ich bin unter allen Umständen dafür, wir versuchen es einmal. Außerdem tut mir das junge Ding leid."

Die Exzellenz:Wenn Ihnen das Mädchen leid tut, dann lassen Sie es Lehrerin oder Gouvernante werden, man kann doch einen Menschen, der so jung ist, nicht in solche Gefahren schicken."

Matthesius:Sie wird die Gefahren suchen wol­len. Wir werden das ja sehen."

Die Exzellenz:Also machen Sie, was Sie wol­len, Sie müssen das ja schließlich wissen."

Am Nachmittag sitzt Annemarie Lesser verweint und bleich I. Matthesius gegenüber. Der hagere Mann fängt an zu reden. Seine schmalen gepflegten Hände gleiten über Karten, spielen mit den Zirkeln, zeichnen Linien auf weißem Papier.Was wollen Sie jetzt anfangen?"

Ich weiß es nicht. Nichts."

Sie müssen doch irgend etwas tun."

Ich werde schnell mit mir ein Ende machen."

Glauben Sie, daß das im Sinne Ihres toten Freundes wäre?"

Daun möchte ich irgend etwas tun, das mich so in Anspruch nimmt, daß ich alles um mich herum vergesse."

Pause.

Matthesius stichelt auf seinen Karten.

Da sagt Annemarie:

Könnte ich nicht?"

Gewiß, wenn Sie wollen. Hören Sie zu. Sie fahren in die Vogesen. Sie stellen das und jenes fest." Matthesius sitzt mit ihr über den Karten und über den Dienstbüchern der französischen Armee wiederum bis zum Morgengrauen. In die müden Augen des Mädchens kommt Leben, sie macht Ein­wendungen, schlägt dies und das vor, verwirft Vor­schläge ihres Gegenübers und macht andere. Der hagere Matthesius erwärmt sich, man wird einig und man wird handelseinig. Am nächsten Morgen zieht Annemarie ins Hotel. Nach einigen Tagen rückt ein Mädchen, das aussieht wie eine Sechzehn­jährige, mit Koffern und Schachteln in ein Pensionat in der Bismarckstraße in Charlottenburg. Lange Zöpfe hängen ihr über den Rücken. Sie ist von Ge­stalt klein und zierlich, das kommt ihr zu Hilfe.

Matthesius bringt dieses junge Mädchen an den O Zug nach Kalmar. Von Ferne sieht ein älter Herr zu, wie dieses Mädchen in den Zug steigt. Als er abgefahren ist, trifft dieser alte Herr auf der Bahn­hofstreppe den Herrn I. Matthesius:Sie sind voll­ständig verrückt. Das ist doch ein Kind!"

I. Matthesius geht ruhig weiter Schritt für Schritt die Treppe hinab. Er kennt den alten Herrn nicht, der zufällig neben ihm ging, er führt ein leises Selbstgespräch, aus dem der alte Herr nur versteht: Warten Sie es ab, Exzellenz."

(Fortsetzung folgt.)

Generalsrevotte in China.

Das in den langjährigen chinesischen Eini­gungskämpfen geflossene Blut ist vergeblich ver­gossen worden: China ist heute uneiniger denn je, der Einfluß der Zentralregierung in Banking ist durch den Richtungskampf inner­halb der herrschenden Kuomintangpariei und durch eine soeben zum Ausbruch gekommene groß-- zügig angelegte Generalrevolte fast voll­ständig zerstört worden. Bachrichten aus China müssen natürlich mit großer Zurückhaltung aus­genommen werden, weil sie selten mit den Tat­sachen übereinstimmen. Man darf wohl auch jetzt zunächst annehmen, daß Tschiangkai- s ch e k versuchen wird, mit den ihm treugeblie- benen Truppen nacheinander die meuternden Generäle zur Vernunft zu bringen. Er hat aber leider ma>t mehr den gleichen Rückhalt bei der Kuomintangpartei wie früher, auch fehlt es ihm an den erforderlichen Geldmitteln, um einen langwierigen Bürgerkrieg führen zu kön­nen. Außerdem ist die Zahl seiner Gegner so erheblich, daß Teilerfolge kaum ins Gewicht fal­len werden, weil Tschiangkaischek an verschiedenen Fronten kämpfen muß und auf die Dauer dem Druck der verschiedenen gegen ihn aufmarschie­renden Armeen doch nicht wird standhalten können. China steht heute wieder da, wo es sich 1924 befand. Die lokalen Gewalthaber haben d:e Macht an sich gerissen und werden, sobald Tschangkaischek erledigt ist, wieder gegen einander marschieren und einen Generalslwieg entfesseln, der China endgültig ruinieren muß.

Aus der provinzialhauptstadt.

Gießen, den 12. Dezember 1929.

S!udienrat Or. Otto Lenz t.

Heute früh gegen 6 Hhr ist der in weiten Kreisen unserer Stadt und der Provinz Ober- Hessen bekannte Studienrat Dr. Otto Lenz zu Gießen plötzlich an einem Herzschlag ver­schieden. Der auf so tragische Weise Verewigte hat ein Alter von nur 42 Jahren erreicht. Gestern nachmittag nahm er noch in voller Frische und Spannkraft an einer Lehrerkonferenz in der Studienanstalt teil, wo er seit mehreren Jahren unterricht.te. Der Heimgegangene, über dessen Lebensgang und Wirken wir morgen noch näher berichten werden, war eine mannhafte Persönlichkeit mit ausrechtem, geraden Charakter, die überall voll und ganz den Platz ausfüllte, auf den sie gestellt war. Der Entschlafene hinter­läßt im Lehrkörper der Studienanstalt, wie auch im öffentlichen Leben und bei seinem ft üben- tisch2n Bunde eine Lücke, die von vielen Mit­bürgern in Stadt und Land schmerzlich emp­funden werden wird.

Höchstleistung des Menschen als Persönlichkeit.

Vorirag von Prof. Messer in detr Volkshochschule.

Man berichtet uns: In der von der Volkshoch, schule veranstalteten Vortragsreihe mit dem ThemaHöchstleistung" hielt nach interessanten Ausführungen Prof. Hunte Müllers über körperliche, besonders sportliche Höchstleistungen und ör. Marten s", Bildungsleiters des DH. D., über Sinn und Hnfinn in der beruflichen Höchstleistung Prof. Messer den sehr stark be- suchten Schluhvortrag. Anknüpfend an die beiden voraugegangenen Vorträge zeigte Prof. M e f - s e r, daß sowohl bei der Behandlung des Sports, wie bei der des Berufs ein Hinausgreifen auf ein größeres Wissens- und höheres Lebensgebiet notwendig war. Unter den Fragen, die sich bei der Betrachtung des Svorts ergeben, find not­wendig auch solche nach der Gesundheit, die höher zu bewerten ist, als sportliche Tüchtigkeit. Die Fragen der Derufsertüchtigung führen weiter zu solchen wie: ist die berufliche oder dieallgemein kulturelle Ausbildung" (Martens) die wertvol­lere?, ist, was der Mensch durch Fleiß und Hin­gabe, oder was er durch Begabung leistet, höher

Große Saniia'iskolonnenübung auf -em Gchwelkrastwerk Wölfersheim.

Eigenbericht desGießener Anzeigers".

Friedberg, 9.Dez.

Der Provinzialinspekteur der ober^rssischen Sa- nitälskolonnen, Sanitätsrat Dr. Hahn (Bad- Bauheim), hatte für den gestrigen Sonntag eine große Kolonnenübung angeseht, und zwar der Kolonnen Friedberg, Bad-Bauheim, Butzbach und eines Sanitätsautos mit fünf Sanitätern der Kolonne Gießen. Die Be­deutung der Hebung ging aus der Anwesenheit zahlreicher Behördenvertreter hervor, von denen wir nennen: Kreisdirektor Recht hi en, Regie­rungsrat Grein und Obermedizinalrat Dr. Bebel vom Kreisamt Friedberg, Beigeordneten P l o ch (Butzbach), Beigeordneten Kling (Dad- Bauheim), die Bürgermeister von Wölfersheim, Södel, Melbach und Steinfurth. Der Hessische Landesverein vom Roten Kreuz war durch seinen Vorsitzenden, Geheimrat v. Hahn (Darmstadt), vertreten. Auch Mitglieder der neuen Sanitäts- kolonnen von Leihgestern und Hungen hatten sich auf dem Hebungsgelände eingefunden.

Die Uebungsidee.

Der beauftragte Hebungsleiter, Oberarzt Dr. Göbel (Friedberg), hatte der Hebung folgen­den Gedanken zugrunde gelegt:In dem Schwel­kraftwerk Wöl.ersheim hat am 8. Dezember, vor­mittags 10.30 Hhr, im alten Kesselhaus eine Dampfkesselexplosion stattgefunden. Es arbeiten in diesem Betrieb zur Zeit des Hnfalles etwa zwanzig Personen: es ist anzunehmen, daß diese Arbeiter teils schwer, teils leichter verletzt wur­den. Zunächst wird die Sanitätskolonne Friedberg zur ersten Hilfeleistung alarmiert. In der Zwi­schenzeit ist infolge der Explosion ein Brand ausgebrochen, so daß weitere Explosionen zu befürchten sind. Da unter diesen Umständen die Sanitätskolonne Friedberg zur ersten Hilfelei­stung nicht ausreichen wird, müfsen weitere Sani­tätskolonnen herangezogen werden. Es werden alarmiert die Kolonnen Bad--Bauheim und Butz­bach. Don der Sanitätskolonne Gießen wird durch Alarm das Krankenauto zum Transport Schwerverletzter herangezogen. Gleichzeitig wird zur Bekämpfung des Feuers die nächste Frei­willige Feuerwehr (von Södel und Melbach) her- beigerusen."

Die Alarmierung.

Kolonne Friedberg Gießen Butzbach B.-Nauheim

Eintreffen

Alarm an der Unglüdsftätte 10.30 Uhr nach 30 Min., um 11.00 Uhr 10.57 Uhr nach 38 Min., um 11.35 Uhr 10.59 Uhr nach 59 Min., um 11.53 Uhr 11.00 Uhr nach 30 Min., um 11.30 Uhr

Die Verletzten wurden von den Mitgliedern der Sanitä slolonne Hungen markiert.

Der Uebungsoerlauf.

Die Kolonne Friedberg (30 Mann, dirigiert von Oberarzt Dr. Göbel, Führer Röschen) hatte als erste eingreifende Kolonne die Aufgabe, die Verletzten aus den mit Gas gefüllten Räu­men des Kesselhauses zu bergen und ihnen in einer als Derbandsraum hergerichteten bedeckten Halle die erste Hilfe angedeihen za lassen. Erst­malig wurden dabei Sauer st ofsmasken

verwandt. Die schwierigen Bergungsarbeiten wurden geschickt ausgeführt, vor allem das Hoch­seilen der beladenen Tragen aus dem Kessel­schacht, sowie das Abseilen von den Laufgängen des Kesselhauses mittels Flascherzugs. Zur Be­kämpfung des Brandes wurde die rasch alar­mierte Feuerwehr von Södel eingesetzt. Die Freiwillige Feuerwehr Melbach brauchte nicht aktiv eir zugreifen.

Von den inzwischen weiter alarmierten Kolon­nen war z ierft Bad-Bauheim (50 Mann, dirigiert von Sanitätsrat Dr. Hahn, Führer H. Stamm) zur Stelle, wenige Minuten dar­auf traf die Gießener Sanitätswache mit ihrem großen Sanitätsauto ein (vier Mann, Führer Kratz). Eine beschwerliche Fahrt hatte die Kolonne Butzbach (26 Mann, dirigiert von Dr. Rau. Führer Bachmann), die des­halb als letzte an der Hnglücksstätte erschien. Alle Kolonnen griffen sofort nach Eintreffen um­sichtig in das Rettungswerk ein. Dabei erwiesen sich die von der Kolonne Gießen neu angeschaff­ten Gasmasken als sehr praktisch. Es gab viel zu tun: Wiederbelebungsversuche an Schwer­verletzten, Behandlung der vom Starkstrom Be­täubten, Verladung und Abtransport der Ver­letzten in Kranlenkraftwagen und inzwischen her- gerichteten ßaftfrafttoagen.

Die Kritik

fand im Derbandsraum statt. Der Butzbacher Kolonnenarz' Dr. Rau unterzog die Leistungen der Kolonnen Friedberg uni) Gießen einer kritischen Besprechung, die dem Können der Ko­lonnen hohes Lob spendete. Oberarzt Dr. G ö - b e l (Friedberg), der die Kolonnen Butzbach und Bad-Bauheim zu beurteilen hatte, konnte sich ebenfalls sehr anerkennend aussprechen. Das zu­sammenfassende Gesamt urteil gab der Ver­anstalter der Hebung, Sani.ätsrat Dr. Hahn, nachdem er vorerst die Gäste herzlichst begrüßt und ihnen für ihr reges Interesse an den ge­meinnützigen Bestrebungen des Roten Kreuzes gedankt hatte. Er zollte den vier schlagfertigen Sanitäts.olonnen, ihren rüjrigen Kolonnenärzten und bewährten Führern uneingeschränktes Lob. Herzlich wurde auch für das von der Leitung des Schwellraftwertes geze'.g.e Entgegenkommen gedankt. Zweck der Hebung sei nicht nur die Vor­bereitung und Prüfung für den Ernstfall ge­wesen, sondern auch der Gedanke, für die segens­reiche Tätigkeit des Roten Kreuzes in weiteren Kreisen zu werben. Redner betonte dabei unter lebhaftem Beifall, daß die Rot-Krerz-Organi- sationen abseits der politischen und religiösen Kämpfe stünden und als völlig, neutrale Einrich- '"en nur das eine Ziel im Auge hätten, der Allgemeinheit z i dienen. Der humanitäre Gedanke dürfe nichtverpolitisiert" werden.

Geheimrat v. Hahn (Darmstadt) und Kreis­direktor R e ch t h i e n (Friedberg) dankten herz­lichst für die Einladungen zu der großen Hebung, für deren Verlauf beide Redner lobende Worte der Anerkennung fanden, unter besonderer Be­tonung der edlen Aufgaben des Roten Kreuzes.

zu bewerten? So erweiterte sich (auch gemäß dem Plan der Vortragsreihe) das Thema mehr und mehr bis zur Frage nach ber Höchstleistung Des Menschen überhaupt. Zunächst, um diese Frage zu klären, dürfte man mit dem Vortragen­den die elf Kulturgebiete der Gesundheit, der Wirtschaft, des Rechts, der Gesellschaft, der Kunst, der Wissenschaft, der Religion, der Moralität, der Bildung, des Glücks und der Sittlichkeit im Geist durchwandern, was zugleich wiederum ein Vor­dringen aus der Enge in die Weite bedeutete. Denn bei der Behandlung des Dildungswertes stellte der Vortragende fest, daß Bildung Ver­ständnis für alle vorher aufgeführten Gebiete und eventuell auch Betätigung auf diesem fei. Bildung hat das Eigentümliche, daß sie auf all die anderen Gebiete sich bezieht und doch als etwas beson­deres, als Geist der Kulturtätigkeit für sich an­gesehen werden kann. Aehnlich verhält es sich mit dem Glückswert, von dem ebenfalls Strahlen nach allen möglichen Gebieten gehen. Zum Bei­spiel findet jemand sein Glück auch im Dildungs- streben. Bach dieser Klärung entschied der Vor­tragende die Frage, ob fachliche oder allgemein kulturelle Ausbildung im Sinn einer totalen Bildung dahin: Höchstleistung des Menschen widerstreitet dem Gedanken des Fachmenschen- tums, das von der im Wesen der Bildung lie­genden, allerdings oft leidvollen Beziehung zu allen Werten nichts wissen will. Dann tat der Vortragende den letzten Schritt, indem er zeigte, daß das Gebiet der Sittlichkeit das alles umfassende sei. Dieses Gebiet deckt sich nicht mit dem der Moralität, die es lediglich mit den zwischenmenschlichen Beziehungen der Rechtlichkeit zu tun hat. Dagegen wird vom Ethischen (Sittlich­keit) her das Gesamtleben des Menschen gestaltet. Hnd zwar aus persönlichen Gewissensentscheidun­gen, die vielfach aus einem Wertkonflikt hervor­gehen. Sie werden dem Gebot gerecht: versuche in der gegebenen Situation den höchstmöglichen Wert zu verwirklichen bzw. nur das kleinste Hebel zuzulassen. Die Tatsache des Wertkonfliktes be­weist, daß der sittliche Mensch an der Totalität der Werte durch innere Hingabe lebendig teil­nimmt; daher entschied sich der Vortragende bei der Frage, ob die mit dem ethischen Verhalten verbundene Hingabe an die Welt der Werte oder die natürliche, mehr spezielle Begabung höher zu bewerten fei, zugunsten der ersteren. Er brachte zum Ausdruck, daß die Begabung sich überhaupt erst in der hingebenden, dienenden Arbeit ent­falte. Sv kam er auch zur Verwerfung des Per- sonlichkeits k u l t u s, indem er zeigte, daß das erstrebenswerte Ziel der Persönlichkeit am ehesten erreicht wird, wenn man nicht an seine Persönlich­keit denkt.Wer seine Seele verliert, der wird sie gewinnen."

Anschließend beantwortete Pros. Messer ein­gehend zahlreiche Fragen der Hörer. W. H.

' Das Porto für Weihnach t s- und Beujahrspostkarten. Ohne Hmschlag ver­sandte gedruckte einfache Weihnachts- und 2(eu- jahrSkarten, die hinsichtlich der Größe, Form und Papierstärke den Bestimmungen für Post- karten entsprechen müssen, kosten sowohl im Orts­bereich des Aufgabeorts, als auch im Fern­verkehr 3 Pf. Es dürfen in dielen Karten außer den sogenannten Abfenderangaben (Absendungs­

tag, Bame, Stand und Wohnort nebst Wohnung des Absenders noch weitere 5 Worte, die mit dcm gedruckten Wortlaut im Zusammenhang stehen müssen, handschriftlich hinzugefügt wer­den. Als solche zulässige Bachtragungen gelten z. B. die üblichen Zusätzesendet",Ihre", Dein Freund",sendet Dix",sendet mit besten Grüßen Ihre" usw. Werden solche Karten im offenen Hmschlag versandt, so kosten sie sowohl im Ortsbereich des Aufgabeorts, als auch nach außerhalb 5 Pf.

** Deutsche Volkspartei. Man berichtet uns: Eine große Anzahl von Mitgliedern der Frauengruppe der D. D. P. hatte sich im Hindenburg" an weihnachtlich geschmückten Tischen zu einer Ehrung der aus dem Stadtrat ausscheidenden Frau Minna Baumann ver­sammelt. Die erste Vorsitzende, Fräulein Clara' Birnbaum, dankte Frau Baumann in herzlichen Worten für ihre zehnjährige, unermüd­liche und aufopfernde Tätigkeit im Stadtparla­ment, die sie in Zeiten schwerer Bot und poli­tischer Wirren angetreten hat. Frau Baumann erwiderte, daß sie stets mit Dankbar eit der Zeit im Stadtrat gedenken werde, da sie ihr eine Lebensbereicherung bedeutet habe. Ihr Dank gelte vor allem auch dem verstorbenen Professor Dr. K r außmüller, der ihr zur Seite gestanden. Sie gab dann einige Erinnerungen an die ab­gelaufene Zeit. Frau A. Kindt gab darauf in feinsinniger Weise einen Bericht über das Buch von Otto Lerche:Frauenbriefe aus Ze.ten deut­scher Bot". Sie betonte, daß das Buch kein ge­schichtliches Quellenwerk sein wo e, sondern Do­kumente des Herzens und ter Seele enthalte. Sie brachte eine Reihe der schönsten Briefe zu Gehör, beginnend zu den Zeiten der Reformation mit einem Briefe Katharina von Boras, abschließend mit einem Briefe Johanna v. Bismarcks. Im An­schluß an einen Brief der Königin Luise sprach FrI. Hanna Keller mit ihrer klangvollen Stimme Körners SonettVor Rauchs Büste der Königin Luise" und anschließend an einen Brief der Schwester Körners, dessen Sonett2lbschied vom Leben". Die Briefe legten Zeugnis davon ab, wie oft Deutschlands Geschichte Seiten schwe­rer Bot gekannt, und wie allzeit deutsche Frauen geduldig das allgemeine Leid mitgetragen und in Treue und Zuversicht an dem Werden besserer Zeiten mitgearbeitet haben. Fräulein Hanna Keller stellte dann mit dem Vortrag des ftim- mungsvolten GedichtesWeihnachtkgedan.e.n" die Verbindung zur Gegenwart wieder her.

Rathen au und seine Zei t. Der Reichsbund der Deutschen Demokratischen Ju­gend (Jungdemokraten), Ortsgruppe Gießen, und der Demokratische Studentenbund hatten für Montagabend zu einem Vortragsabend im Hotel Schütz eingeladen, der außerordentlich gut besucht war. Bach der Begrüßung durch Schulverwal- ter Bauer, der kurz die Organisation und die Aufgaben der Jungdemokraten erläuterte, sprach der Referent des Abends, Herr Behrens, in interessanter Weise überRathenau und seine Zeit". Er entwarf zunächst ein Bild von der Jugendzeit Rathenaus, schilderte dessen vielsei­tige geistige Fähigkeiten und die Eigenart seines Wesens, um sich bann eingehend mit Rathenau als Mensch, als Schriftsteller und Dramatiker, rls Politiker, als Staatsmann und als Wirt- l schastler zu beschäftigen. Der Redner kam hier­

bei auf die literarische Tätigkeit Rathenaus zu sprechen, zeigte seine Einstellung in wirtschaft­lichen Fragen, schilderte ihn als Warner und Mahner in der Zeit vor dem Kriege, als Or­ganisator bei der Kriegsversorgung. Er erläu­terte dann die Stellung Rathenaus zur Deino- kratischen Partei, der er bereits im Jäher 1920 Rückschläge vorausgesagt habe, gab die Einstel­lung Rathenaus zu den außenpolitischen Fra­gen und seinen Einfluß bei Verhandlungen mit unseren früheren Feinden bekannt und zeigte die Schwierigkeiten und Anfeindungen, mit denen Rathenau bei seinem Wirken zu kämpfen hatte. Der Redner kam noch auf die Ermordung Ra­thenaus und deren Begleitumstände zu sprechen. An die Ausführungen schloß sich eine rege Aus^ spräche» an der sich die Herren Rechtsanwalt Dr. Katz, Krämer, Schulrat Fischer und Grünewald beteiligten. Mit einem Schluß­wort des Referenten und einigen geschichtlichen Mitteilungen des Versammlungsleiters fand die Veranstaltung. ihr Ende.

* Hausfrauen - Beratungsstelle. Am Montag hielt die Haussrauenberatungs- stelle (Hntergruppe des A. D. F.) die erste Abendversammlung ab. Bachdem die Dorfitzende Frau Dr. K o e p p e den Anwesenden kurz ihre Ziele und Aufgaben erläutert hatte, hielt sie in äußerst geschickter und anschaulicher Form einen Vortrag über praktische Weihnachts­geschenke. Sie gab ihren Zuhörerinnen mancherlei neue und für jeden Geldbeutel ausführbare Anregungen, die dankbar und mit großem Interesse ausgenommen wurden. Zum Schluß bat die Rednerin die anwesenden Vorsitzenden der Frauenvereine herzlich, die Beugründung zu unterstützen und auch in ihren Organisationen in diesem Sinne zu wirken. P. S.

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

X Wieseck, 11. Dez. Den zweiten Advents-« Sonntag beschloß in unserer Kirche eine Ad­vents-Lichtbild stunde mit zwei Film- ostoreihen und zugehörigem Orgelspiel und Ge­meindegesang. Auf die ReiheKinderadvent" mit 25 Bildern folgte eine sehr anziehende Reihe Vom Advent zur Weihenacht"; 58 Bilder aus Leben und Kunst gaben dem erläuternden Orte» geistlichen Gelegenheit, auf schöne Adventssitten und -bräuche hinzuweisen.

: Beuern, 9. Dez. Hnter zahlreicher Be­teiligung fast der ganzen Gemeinde, sowie sämt­licher Schulllassen wurde unser langjähriger Kir­chendiener Heinrich Schneider im Alter von 73 Jahren zu Grabe getragen. Heber 45 Jahre hat der Verewigte fein Amt mit großer Treue und Gewissenhastigteit versehen. Hafer Ortsgeist­licher Pfarrer Schmi11r ühmte die vorzüglichen Eigenschaften des Dahingeschiedenen in einer zu Herzen gehenden Ansprache. Bürgermeister Lin­de n st r u t h legte unter Würdigung der großen Verdienste, die der Verstorbene sich in unserer Kirchengemeinde erworben hat, einen Kran; nie­der. Außerdem legten noch Kränze nieder der Kirchenvorstand und der Kirchenchor seinem Ehrenmitglied. Letzterer, sowie die Schulkinder, sangen dem Entschlafenen.

s. Beuern, 11. Dez. Die Hosreite der Witwe Walter in der Beugasse wurde kürzlich für 12 000 Mk. versteigert. Ferner ging die Hofrcite des Landwirts Karl Walter in den Besitz des Wagnermeisters Krämer über. Der Kauf­preis für diese betrug 13 000 Mk. Bimmt man hinzu, daß ebenfalls in diesem Jahr der frühere Bürgermeister Walter seine Hofreite an den Steinbruchsbesitzer Karl Damm verkaufte, so wechseln in einem Jahr drei Häuser von den sechs, die der alte Geschirrhändler Heinrich Wal­ter seinen sechs Kindern in unserem Dorfe neu erstellt hatte.

* Lumda, 11. Dez. Am gestrigen 10. Dezember konnte der einzige noch lebende Veteran von 1870/71 unseres Ortes, Peter Kappes Hl., in geistige'' und körperlicher Frische feinen 81. Ge­burtstag feiern. Reichspräsident v. Hinden- b u r g schickte ihm als altem Mitkämpfer ein herz­liches Glückwunschschreiben mit seinem Bilde. Die Schulkinder ehrten den alten Krieger durch den Gesang der beiden Lieder:Ein' feste Burg" und Ich hatt einen Kameraden", die ihm durch seine Kriegszeit besonders wertvoll geworden waren.

CO Klein-Linden, 11. Dez. Daß die Land­wirtschaft und damit die Viehzucht in unserem Dorfe immer weiter zurückgeht, bewiesen die Cr- gebniffe der Diehzählun-U in der vorigen Woche. An Pferden wurden 23 gezählt (1928: 22). an Rindvieh 298 Stück, darunter 101 Stück Jungvieh und 197 Milch- bzw. Fahrkühe (1928: 361 und 1927: 374 Stück), Schafe 0. Die Zahl der Schweine, alle zur Hausschlachtung vorge­sehen, beträgt 262 (gegen 281 in 1928 und 311 in 1927). Ganz erheblich ist auch die Ziegenzucht zurückgegangen. Während im Jahre 1927 noch 253 und 1928 noch 217 Ziegen vorhanden waren, ist ihre Zahl jetzt auf 186 zurückgegangen. Bur bei der Zucht des Federviehes ist ein kleines Ansteigen zu beobachten. Es sind gegenwärtig vorhanden 31 Gänse, 34 Enten und 3101 Hühner, insgesamt 3166 Tiere. (1928: 3014 und 1927: 2806). Die Zahl der Bienenvölker beträgt 17 (1928: 8).

al. A11endors a. d. Lahn, 11. Dez. Hnfcrc Bürgermeisterei hat nunmehr auch T e - lephonanschluß unter der Bummer 355 er­halten. Für die Deutschen Jugend­herbergen, Gau Südhessen, in Darmstadt konnten aus einer Haussammlung in unserem Orte 30 Mk. überwiesen werden.

* Leihgestern, 11. Dez. Einen genußreichen musikalischen Abend veranstaltete dec Orche st erverein Gießen von 1908 am Samstag im SaaleZur Krone". Der erste Seil des Programms, der fast durchweg aus ernsteren, der Adventszeit angepaßten Stücken sich zusam- menfehte, wurde von den Zuhörern sehr beifällig ausgenommen. Im zweiten Teile des Programms wurden meist heitere volkstümliche Werke zu Ge­hör gebracht, die immer wieder stürmischen Beifall hervorriefen und den Orchesterverein nötigten, Zugaben zu gewähren. Der Gesangverein Eintracht" half den Abend durch Vortrag verschiedener Lieder verschönen;Schäfers Sonn­tagslied" von Kreutzer mit Orchesterbegleitung war sehr schön, ebenso der Chor:Waldnacht von Kern. Ganz besonders ansprechend waren die beiden Lieder:Morgenwanderung" von de Groote undSandmännchen" von Brodt. Der Dirigent des GesangvereinsEintracht", Herr D a u t b, der es verstand, seine gut geschulte Sängerschar mit ihrem guten Stimmenmateriat kicher zu leiten, erntete wohlverdienten Beifall.