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Nr. 291 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 12. Dezember 1929
Rußlands Erfolg in der Mandschurei.
Don unserem dl.-Derichterstatter.
. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Moskau, Dezember 1929.
i Russland hat. das ist heute nicht mehr zu be- | streiten, ganz überraschend in der Mandschurei einen grossen Erfolg davongetragen. Cs ist ihm i gelungen, den mandschurischen Machthaber Tschanghsueliang zu zwingen, sich mit den j russischen Unterhändlern erneut an einen Tisch I zu sehen und anzubieten, den Status quo an der chinesischen O st bahn wieder herzustellen. Damit ist die Lage in der Mandschurei wieder einmal eindeutig zugunsten der Russen verschoben, da auch alle späteren Intrigen der Grossmächte kaum dazu ausreichen dürften, um diesen ersten russischen Erfolg rückgängig zu • machen. Meder der Rankingregierung noch den Japanern, noch Washington bürte es einfallen, , den „ Stieben“ in Ostasien ernsthaft zu stören, falls nicht etwa bie Russen über bie Wieberher- stellung des Status quo an ber Eisenbahn hinaus Forderungen stellen.
Es ist bemerkenswert, wie die Russen diesen Erfolg erzielt haben: durch Einsatz brutalster militärischer Macht nach bewährter ^zaristischer" Methode, ja sogar ohne formale Kriegserklärung. Das russische Dorgehen ist jedoch nicht so widersinnig, wie es scheint. Da I der Feldzug in der Mandschurei kurz vor Anbruch des Winters begonnen wurde, noch | dazu in einem Lande, das einen dem sibirischen I lehr ähnlichen Winter kennt, schienen zwar die I militärischen Aussichten des russischen Dorstosses an sich sehr gering zu sein. Aber die russische I Armee, jedenfalls die an dieser Stelle eingesetzten sibirischen Elitedivisionen, hätten den Winter In der Mandschurei nicht als ungewöhnlich ernp- sunden. sondern sind von ihrer Heimat her noch I Härteres gewohnt. Das wäre hingegen mit den । einzigen, ernsthaft in Betracht kommenden Geg- ; 'nem der Russen, den Japanern, nicht der i Fall gewesen, also der einzigen Macht, die imstande gewesen wäre, den chinesischen Divisionen | den erforderlichen Rückhalt zu geben. Der mandschurische Winter ist eben für die südländischen apaner zu hart, so dass in dieser Zeit die japa- ische Politik militärisch stark behindert ist. Infolgedessen ist aber auch die russische Offensive gerade im Winter besonders gefährlich für die Chinesen, da zu dieser Zeit niemand ernsthaft auftreten kann, der den Russen Widerstand cnt- i aegenzusetzen vermag, um so mehr, wenn die Offensive der Russen so geführt wird, wie das Diesmal der Fall war, dass nämlich die einzigen Kohlenbergwerke in der Mandschurei bei Dalainor, bie bie Kohlen für bie gesamte chinesische Ostbahn liefern, gleich zu Beginn von bcn Russen besetzt würben unb damit bas ganze mandschurische Cisenbahnsystem lahm gelegt tvird.
Hinzu kommt jedoch, bah bie politische Situation sich für die Russen seit ber Beschlagnahme ber ostchinesischen Bahn im Frühjahr des Jahres verschoben hatte. Als seinerzeit Tschanghsueliang, der chinesische Machthaber in der Mandschurei, die russischen Beamten der vstchincsischen Bahn vertrieb oder sie in Internierungslager sperrte, war China einig. Tschangh- fueliang konnte daher damit rechnen, dass ihm die Rankingregierung im Kriegsfälle Truppen senden oder doch zumindest „moralisch" zu Hilfe kommen toürbe. Das war in dem Augenblick, in dem bie Russen ben General Blücher gegen die Ostbahn in Bewegung setzten, nicht mehr möglich. Ganz abgesehen davon, dass der Winter auch die Chinesen, ähnlich wie bie Japaner, bei Truppenverschiebungen klimatisch behindert hätte, mußte Tschanghsueliang zur Zeit des Eingreifens der Russen befürchten, dass der chinesische Bürgerkrieg jede Hilfe der Rankingleute uinmöglich machen würde.
Zwischen der Mandschurei und der chinesischen Zentralregierung standen damals (und stehen auch noch heute trotz des Waffenstillstandes!)
der christliche General Feng und der Mustergouverneur Den von Schansi, die beide der Rankingregierung nicht gerade wohlwollend gesinnt sind — Feng ganz offen, Pen mehr im geheimen. Dieser Kampf nahm in dem Augenblick, in dem bie Sowjet-Union in ber Man- bschurei einfiel, olle Kräfte der Rankingregierung in Anspruch unb machte es ihr unmöglich. Gelb unb Waffen nach bem Rorden zu fenben ober auch nur burch aussenpolitische Interventionen die Dinge zu beeinflussen. Denn solange sie selbst im Lande keine unbestrittene Autorität hatte, war es ihr eben kaum möglich, dem Auslande gegenüber zu behaupten, dass bie Rankingregierung auch für den mandschurischen Machthaber zu sprechen berechtigt sei. Roch heute ist es ja nicht ganz klar, wer denn nun eigentlich mit ben Russen bie Fricbensverhandlungen führt, ob bie Regierung von Ranking ober Mukden.
Infolgebessen waren auch bie Japaner hindert. Rachbem sie einmal grundsätzlich zu- gestanden haben, dass die mandschurische Frage auch in ben Machtbereich ber Rankingregierung fallen mühte, war es ihnen unmöglich, in biefer Angelegenheit sich selbständig mit dem mandschurischen Machthaber zusammenzusetzen, bzw. ihn an die Stelle zu dirigieren, die bie japanische Politik für richtig hält, ohne in ganz China einen Sturm ber Entrüstung hervorzurufen. Die Japaner waren infolgebessen gezwungen, sich im ganzen mandschurischen Konflikt zurückhaltend zu benehmen, wenn sie nicht ihre Interessen dabei gänzlich aufs Spiel setzen wollten.
Die ganze Lage war somit für eine schnelle Aktion ber Russen überaus günstig. Aber so, wie bie Dinge nun einmal lagen, war für die Russen auch Eile geboten. 3ebe weitergehende Aktion, etwa die Loslösung der Mandschurei aus dem chinesischen Reichsverband, verbot sich nämlich, trotz aller Gunst der Lage, von selbst. Im Frühjahr, wenn die Schneeschmelze eintritt, d. h. also, in wenigstens vier Monaten, würden bie Japaner wieder aktionsfähig gewesen sein unb notwendigerweise die japanischen Interessen mit bewaffneter Faust verteidigt haben. Auch bie Rankingregierung würde vielleicht bis dahin die Möglichkeit gehabt haben, doch wieder eine Einigung in China herbeizusühren, und Tschiang- kaischek vielleicht sogar die Möglichkeit gewinnen, alle chinesischen Generäle zu einem Feldzug gegen Russland zusammenzufassen.
Deshalb beschränkten sich die Russen auf ein enges Ziel: man formte Tschanghsueliang auf bie Knie zwingen, indem man ihm die Gefahr vor Augen führte, die eine ernsthafte militärische Riederlage für ihn gehabt haben würde. (Die Geplänkel in der Mandschurei waren ja keine richtigen Schlachten, sondern beschränkten sich auf die Vertreibung mehrerer chinesischer Regimenter durch eine überlegene russische Stossdivision.) Dazu genügte es aber, wenn man einerseits einrückte und doch zu einem Frieden bereit war, ehe der Feind vernichtend geschlagen war. Denn bann blieb Tschanghsueliang zwar in seiner Macht erhalten, war aber eben doch so verschüchtert, bass er einen Widerstand gegen die Rückgabe der Ostbahn an Russland nicht mehr leisten würde. Diese russische Berechnung ist denn auch richtig gewesen, da Tschanghsueliang eine ständige militärische Drohung der Russen nicht vertragen kann, ohne seine Herrschaft zu gefährden.
Die russische Taktik in der Mandschurei war somit ausserordentlich geschickt gewählt. Die Drohung mit dem Kriege, bie ihr Vorgehen bebeu» tete, hat tatsächlich ausgereicht, um zunächst einmal de facto ben Status quo in ber Mandschurei wieberherzustellen, ohne bass eine andere Macht imstande gewesen wäre, das zu verhindern. Unb es ist kaum daran zu zweifeln, dass bie von den Russen in der Mandschurei geschaffenen Tatsachen durch die diplomatischen Verhandlungen nicht wieder ganz umgestohen werden können.
Gießener Siadttheater.
Weihnachtsmärchen:
„Das tapfere Schneiderlein".
Es dauerte beinahe drei Stunden — Weihnachtsmärchen können, wie man weiss, überhaupt gar nicht lang genug dauern —, unb es war | tnunberfdjön.
Alle Kinder, so etwa vom vierten oder fünften 1$ Jahre ab, sollten es gezeigt bekommen. Unb - r emch von den Grossen tollten es alle sehen, welche | stich ein kindliches Gemüt bewahrt haben oder « es um die Weihnachtszeit wieder in sich entdecken I wollen.
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Ehe man hingeht, mag man die Kinder- und jl Hausmärchen der Brüder Grimm wieder einmal vornehmen unb die Geschichte vom tapferen Echneidcrlein aufschlagen. Jedermann wird sich alsbald besinnen, dass dessen Feldgeschrei lautet: i sieben auf einen Streich!", und jedermann er- | , rtmert sich mit Vergnügen unb mit Gruseln, wie es ' mit ihm unb feinen gewaltigen Abenteuern be- i pellt war.
"Nützlich unb ergötzlich ist es aber, dies alles l‘ Leibhaftig und mit vielem Prunk vor sich auf r der Bühne zu sehen, wie es Alohs Prasch I- erfunden hat als ein Zaubermärchen fürs Theater 11 in fünf Bildern und einer großen Schlussapotheose v vnd mit Musik von Gustav von Rößler.
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Gs ist also einfach nicht zu sagen, was es alles I j.n sehen gibt In ber Schneiderwerkstatt beim Deister Pimpernuß werben zum Beispiel vorn
I ®efeilen Sixtus sieben überlebensgroße, fette Flie- । $m auf dem Musbrot mit einem Streich j. erschlagen: man muß es loben. Es wirb auch i; gefungen unb getanzt und ein gefährlicher Traum [! geträumt, unb am Ende zieht bas tapfere Schnei- ! dcrlein auf Abenteuer aus.
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Sehr prächtig ist das Schloß des Königs Zip- . htrlein. Es herrscht dort aber Heulen unb Zähne- ' klappen, weil männiglich in großer Furcht lebt Dir bem bösen Wildschwein, welches das ganze Ir Land verwüstet. Unb mit bem Einhorn ist I; es ebenfalls nicht geheuer, unb auch bie beiden |i Riesen im Walde haben was zu bestellen.
Vorher erscheint aber noch der buntscheckige Prinz vom Äffenlande mit seinem Gefolge, und
zwischendrin gibt es eine so niedliche Parade der Zinnsoldaten, daß allen bas Herz im Leibe lacht.
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Ueberaus groß und finster ist ber Wald. Es blitzt unb donnert, unb das Wildschwein rennt mit glühenden Augen ganz schrecklich über bie Bühne unb jagt ben gesamten Hofstaat in Angst und Aufruhr vor sich her, bis es vom Schncider- lein mit List gefangen und erschlagen wird: recht fett und rosig liegt es im Grünen.
Dann wird das wütige Einhorn gebändigt, auf dem kommt ber siegreiche Schneider angeritten, und die Tiere des Waldes, als da sind Affen. Bären. Hasen. Eichhörnchen unb Mäuse, tanzen einen artigen Reigen.
Zwei ganz gefährliche Butzemänner sind bie Riesen Titi unb Duschi-Buschi; ber Schneider, wie man sich erinnert, steigt auf einen bicken Baum, schmeißt Steine auf bie beiÖm Ungetüme herunter und bringt sie so in Wut, bah sie sich gegenseitig mit Keulen erschlagen. Man atmet ordentlich auf, wenn sie bot sinb.
Ja, und zum Schluß ist männiglich wieder am Königshos, unb das Schneiberlein bekommt natürlich die schöne Königstochter zum Lohn unb wirb zum Ritter geschlagen, unb wenn sie nicht gestorben sinb, bann leben sie heute noch. Ach, unb auf einmal steht ein stattlicher Weihnachtsengel da unb singt, unb da kommt wahrhaftig ein Christbaum mit Kerzen unb Spielzeug bunt unb tounberbar aus den höchsten Höhen heruntergefahren. unb alle Welt singt zuguterletzt „O du fröhliche, o bu selige Weihnachtszeit". Fein!
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Der gute Onkel Dolck hat das Zaubermärchen sichtbarlich mit viel Liebe und grosser Sorgfalt einftubiert, vom Meister Löffler sinb bie prächtigen Dekorationen, Franz Bauer dirigiert mit Schwung die Musik, und Herr Däulke (ber mit feiner Partnerin auch einen drolligen Solotanz beisteuert) hat die sehr hübschen und kindlichen Reigen eingeübt.
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Man kann nicht alle aufzählen, die als Schauspieler mitwirken, aber man muß sagen, daß sie sämtlich mit Eifer und fröhlicher Laune dabei waren.
Oie Verfaffungsreform in Oesterreich.
Herrn Schober ist also wirklich das Kunststück gelungen, die Derfassungsreform a u f parlamentarischem Wege zu lösen und dadurch Oesterreich von dem Rand des Bürgerkrieges, an den es schon sehr hart herangerückt war, wieder zurückzuführen. Ein parlamentarisches Meisterstück, das nur möglich war. weil er die Kräfte der beiden Gruppen sehr klug gegeneinander abwog und die eine gegen bie andere auszufpielen wusste. Gesiegt haben weder die Heimwehren noch die Sozialdemokraten. Aber die Sozialdemokraten haben doch sehr viel Haare lassen müssen. Sie waren sich eben im Grunde darüber klar, bah sie es auf eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ben Heimwehren nicht ankommen lassen bürsten. Sie haben zwar ben Wund sehr voll genommen, im tiefsten Herzen aber hatten sie eine heillose Angst bavor, bah es ernst werben könnte, unb sie waren baher Herrn Schober bankbar. als er ihnen eine Drücke baute, bie sie mit Anstanb betreten konnten.
Dafür haben sie einer Stärkung der Rechte des Bundespräsidenten, also einer Beschneidung ber Parlamentsrechte zugestimmt. Sie haben auch von ber Sonderst el- lu ng Wiens sehr viel opfern müssen. Ihre bisherige unumschränkte Machtstellung in ber Hauptstadt ist böse gekappt worden, ber Bürgermeister von Wien wirb künftig ber Bundesregie
rung unterstellt. Darüber hinaus sind Kontrollorgane vorgesehen, bie ihren Daumen auf ber Steuerpolitik und auf ber Daupolitik der Wiener Gemeinden halten und eine sinnlose Verschwendung verhindern, wie sie in ben letzten Jahren auf Kosten bes Hausbesihes getrieben worden ist. Als Letztes endlich hat bie Sozialdemokratie bie Vorteile ihrer qualifizierten Mehrheit. bie sie bisher im Rationalrat oft genug mißbrauchte, aufgeben müssen, in ber etwas verzwickten Form, daß nach deutschem Muster d i a Institution des Volksentscheids geschaffen ist, die sich allerdings nicht selbständig auswirkt, sondern nur über Gesetze zulässig ist. die im Rationalrat keine Mehrheit gefunden haben. Auf diesem Wege kann die Sperre die von den Sozialdemokraten bisher jeder Verfassungsänderung entgegengesetzt wurde, umgangen werden.
Welchen Preis Herr Schober seinerseits den Sozialdemokraten für chre weitgehenden Zugeständnisse gemacht hat. darüber bestehen bisher nur Vermutungen. Wahrscheinlich wird er sich verpflichtet haben, nach Erledigung dieser Aktion die Bünde zu entwaffnen, um dadurch der Sozialdemokratie die Angst vor der Wiederholung des Heimwehraufmarsches zu nehmen. Aber es scheint doch, als wenn er indirekt damit ein gewisses Miliz-System einführen will, so daß aus ben Bünden staatliche Hilfstruppen würden, die bann allein burch ihren Bestand schon dafür sorgen müßten, daß in Oesterreich bie sozialdemokratischen Bäume nicht toicber in ben Himmel wachsen.
Mademoiselle Docteur,
die größte Gpiom'n Deutschlands.
Katastrophe und Aufstieg.
III.
Aus bem neuen Buche: „Spionage!" von H. R. B e r n b o r f f. Verlag Dieck & Co., Stuttgart.
Die Leitung des Krankenhauses erfährt von Annemarie Lesser die Adresse der Familie des toten Offiziers. Annemarie Lesser selbst erinnert sich, daß ihr der Hauptmann eingeprägt hat, daß sie, wenn etwas mit ihm geschähe, sofort auf dem schnellsten Wege einen Herrn I. Matthesius in ber Bülow- straße in Berlin benachrichtigen soll.
Telegramme flattern in alle Winde. Im Domhotel trifft die ankommende Verwandtschaft des Toten die junge Annemarie Lesser. Das Mädchen ging zu dem Bruder des Toten, sie fragte, wann die Beerdigung tattfinden würde und sie erhielt die Antwort, daß ie bas nichts anginge und daß die Familie sie er- uche, nicht an das Grab eines Mannes zu kam- men, dessen Unglück sie verschuldet habe. Die Familie weiß nichts von dem, was der Hauptmann in den letzten Zeiten getrieben hat, sie ist davon überzeugt, daß der Hauptmann, der so plötzlich seinen Abschied nahm, „vor die Hunde" gegangen sei und daß Annemarie ihn „zu sich herabgezogen habe".
Annemarie weint fassungslos in ihrem Zimmer, da erscheint liebenswürdig und taktvoll ein Oberleutnant der Kommandantur Köln, der erklärt, er habe den Auftrag, von Annemarie die Herausgabe der Papiere des Toten zu erbitten. Annemarie fährt auf, in ihrem Schmerz hat sie gar nicht daran gedacht, die Papiere befinden sich eingenäht in der Weste des Toten. Während die Familie schon in der Kapelle des Krankenhauses um den Sarg versammelt ist, in dem der Tote in dem Anzug ruht, den er zuletzt getragen hat, erscheint ein Offizier mit einigen Zivilisten: „Befehl der Kommandantur! Die Leiche ist beschlagnahmt!"
Entsetztes Erstaunen der Familie, bie nichts begreift und nichts begreifen kann, der man aber die Leiche nach kaum einer halben Stunde zur Beerdigung freigibt. Am Abend erscheint der Oberleutnant der Kommandantur wieder bei Annemarie Lesser,
Kurt D o m m i s ch war bas kecke Schneiberlein, bas sich vor nichts fürchtet: Heinrich Hub ein prachtvoll bicker, richtiger Märchenkönig: Beatrice Doering eine anmutige Prinzessin; Ludwig L i n k m a n n ber geckenhafte Prinz vom Affenlande; Karl V o l ck unb Luise Jüngling bie Schneidersleute; unb Gretel Woelke fang ben Weihnachtsengel.
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Es bauert beinah drei Stunden, das haben wir schon gesagt: man kommt ordentlich auf seine Kosten, alles was recht ist. Und die Kinder, sie hören es gerne: sind auch das dankbarste Publikum, das man sich denken und wünschen kann: ihr Applaus kommt aus dem Herren, sie gehen mit heißen Backen nach Haus, und manches von ihnen wird heute nacht vom wilden Schwein, vom Affenprinzen, vom Christbaum und von den Eichhörnchen geträumt haben.
Dr. Th.
Streit um die Badewanne Marats.
Die Badewanne des Revolutionsmannes Marat war bekanntlich die Stätte, an der der blutdürstige Demagoge von der schönen Charlotte Cordah erdolcht wurde; Die echte Badewanne, in der dieses geschichtliche Drama sich abspielte, ist daher eine Reliquie ersten Ranges, aber es fragt sich, welches die echte Badewanne Marats ist. Wie in der Ringgeschichte des Rathan drei Ringe statt des einen echten auftauchen, so gibt es auch drei Badewannen, für die der Anspruch erhoben wird, die einzige historische Badewanne Marats zu sein. Die Streitfrage ist dadurch in den Mittelpunkt bes Interesses gerückt, daß kürzlich ein amerikanischer Millionär die Badewanne, die ber verstorbene Dollarkönig Rodman Wanamaker vor einigen Jahren aus Paris mitgebracht hatte, für einen sehr hohen Preis erstand und sie als die echte Reliquie einem amerikanischen Museum stiften will. Daraufhin kam aus Paris bie Mitteilung, daß sich in bem borkigen Grevin- Museum, das eine grosse Sammlung von Reliquien aus der Zeit der französischen Revolution enthält, die echte Wanne Marats befinde; sie soll bald nach ber Ermordung des Revolutionshelden für bie Sammlungen des Staates gesichert worden sein. Aus Conbon aber
sie weigert sich zuerst die Tür ihres Zimmers zu öffnen, sie will niemanden sehen, will mit niemandem sprechen, sie will dem Geliebten in den Tod nachfolgen. Der Oberleutnant redet und redet durch die geschlossene Tür, die sie schließlich doch öffnet, und er steckt zuerst einen kleinen zierlichen Revolver, ben er auf dem Tisch liegen sieht, in feine Tasche. Mit diesem Oberleutnant geht sie zur Bahn, er bittet sie, sich in Berlin sofort zu einem Herrn Matthe- sius zu begeben, dessen Adresse er ihr nochmal nennt. Im Zug nach Berlin faßt sich das junge Mädchen. Auf dem Bahnhof ist ein kleiner hagerer Herr, Matthesius, der sie bittet, mit ihm zu kommen, er hat sie gleich erkannt, eine junge Dame in tiefem Schwarz. In dem Bureau des Mannes liegen die eng beschriebenen Blätter, die man in ber Weste bes Toten gefunden hat, daneben liegen Karten, Zirkel und Papier. Annemarie faßt sich schnell, sie erklärt, sie zeigt. Hier, bie Zahlen links auf Wynan- kys Zetteln bebeuten die Planquabrate auf ber Generalstabskarte, diese Striche, das sind die Feldbahnen, das sind Gräben, diese Linien waren im letzten Manöver besetzt, das ist das und dies ist jenes. Matthesius pfeift durch die Zahne. Stundenlang zeichnen bie beiben bie Notizen auf einer Karte ein, immer roieber erklärt Annemarie deutlich und präzis, still zeichnet ber hagere Matthesius, unb zum Schluß, als ber Morgen schon dämmert, drückt er Annemarie Lesser bie Hanb und sagt:
„Woher können Sie das alles? Ich denke, wir reden morgen weiter."
Annemarie schläft auf einer Chaiselongue, sie weint sich in den Schlaf, in der Wohnung des I. Matthesius.
Annemarie schläft noch, da gehen zwei Männer burch einen einsamen Weg im Tiergarten. Der eine ist Matthesius, ber anbere trägt den Titel „Exzellenz".
Die Exzellenz: „Ich sinde Ihren Vorschlag gerabezu grotesk. Die Tatsache, daß das Mädel die Notizen des armen Wynanky entziffern kann und Erklürun- gen dazu gibt, beweist doch nicht, daß sie selbst so etwas ermitteln kann."
meldete sich das bekannte Wachsfiguren-Käbinett der Mme. Tussaud und erklärte, die Badewanne die eine Sehenswürdi^eit des Panoptikums ist und mit einer Wachsfigur Marats ausgestattet ist, sei die einzig echte; sie wurde 1885 von dem Geistlichen des Ortes Sarzeau in der Bretagne für 8000 Francs für das Kabinett erstanden. Der Pfarrer hatte festgestellt, dass die Wanne aus dem Besitz eines Rachkommen des Brigadegenerals de Saint-Hilaire stammte, der sie 1805 von einem Antiquitätenhändler erworben hatte, der wiederum behauptete, sie nach Marats Tod aus dem Badezimmer genommen mx haben. Die Badewanne des amerikanischen Millionärs verfügt aber ebenfalls über sehr bestechende Echtheits beweise. Sie zeigt nicht nur eine Inschrift in alten Buchstaben: „3n dieser Badewanne wurde Marat am 13. Juni 1793 von Charlotte Cordah ermordet", sondern ihr ist auch eine älrkunde beigegeben, in der eine Frau Marcelle de Saint Drice erklärt, sie habe die Wanne von einem gewissen Boichard erstanden, dessen Grossvater bereits versicherte, cs sei die Badewanne Marats. Ob dir Wanne, für deren Echtheit man jetzt in Amerika kämpft, historisch ist oder nicht — jedenfalls ist sie ein interessantes Schaustück; sie hat die Form eines grossen Schuhes aus Messina, ist fünf Fuss lang und vier Fuss hoch; der Badende fass in ihr auf einem Stuhl mit ausgestreckten Beinen, und darunter war ein Rost, auf den glühende Holzkohle gelegt wurde, um das Wasser warm zu halten. Badewannen waren zur Zeit der französischen Revolution noch eine grosse Seltenheit, und auch Marat benutzte die seine nicht etwa der Reinlichkeit wegen, sondern weil er an einer Hautkrankheit litt, bei der ihm warme Bäder Erleichterung verschafften.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Arnold (Süden an ber Technischen Hochschule in Breslau, dem Lehrstühle der physikalischen Chemie in Göttingen als Rachfolger von Geheimrat G. Sammann sowie in Frankfurt an Stelle von R. Lorenz angeboten wurden, hat sich entschlossen, den Ruf nach Frankfurt abzulehnen und der Derufuna nach Göttingen Folge zu leisten.


