Ausgabe 
12.8.1929
 
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Oie Gießener Verfassungsfeier

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Freude bedeute.

Mond und Medizin waren in alten Zeiten eng verbundene Begriffe. Dann kam die strenge Wissenschaft und verwies derartige Verknüpfun­gen in das Reich des Aberglaubens und mysti­schen Ansinns. ..... .. ,

Uni) nun kommt jetzt das British Medical Journal und stellt eine durchaus ernsthafte Rund­frage unter den Aerzten an. ob sie irgendwelchen Einfluh des Mondlichts auf die Gesundheit fest­stellen konnten. Die Antworten fallen durchaus voneinander abweichend aus.

Die einen sagen: Ausgeschlossen! Die anderen:

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festgeklemmt hatte: rechts. Und so weiter, und so weiter.-- ...

Rach stundenlanger Arbeit hatte sich zu seiner Rechten ein Urgebirge von erschrecklichen Di­mensionen aufgetürmt, quoll auseinander und drohte, das Maulwurfshäuflein zur Linken, dem es sich mit der Basis immer mehr näherte, zu verschlingen. Daher unterzog der Musternde das Häuflein einer neuen Durchsicht.

Das rosa Band! Eigentlich doch eine ganz nette Erinnerung!" Und es wanderte nach rechts. Aus der Zigarrenspitze hatte er bei dem Souper geraucht, das für seine Karriere so entscheidend war. Und es flog auf den Chimborasso zur Rechten. War nicht die Gans auf dem Bilderbuchblatt die stille Liebe seiner Kindheit? Zurück nach rechts! Die alten Zeitungen! Weshalb hatte er die ausbewahrt? Er muhte sie doch noch einmal durchsehen. Marsch nach rechts!

Das Häuflein zur Linken war fast zu mikro­skopischem Dasein zerkrümelt, nicht mehr teert, weggeworfen zu werden. So scharrte er alles toieöer zusammen und stopfte es schließlich neuer­dings in die Lade zu dem Rest, der sich noch darin befand. Stieß sie dann mit Elan zu, was ausnahmsweise gelang, und zündete sich höchst­befriedigt eine Pfeife an.

Es verschlug ihm auch weiter nichts, dah die Lade, als er nochmals hineinschauen wollte, sich diesmal nicht mehr öffnen lieh.

Dis zur nächsten Musterung war ja noch lange hin!

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dem Monde sind, wie neuerdings Im Mount Wilson-Observatorium festgestellt wurde, recht un­erfreulich, übersteigen all das bei weitem, was uns Polar- und Tropenfahrten zumuten. Schwan­kungen zwischen mehr als 10 0 Grad Wärme und bei einer unbedeutenden Mondfinsternis unter 1 00 Grad Kälte scheinen nach den amerikanischen Messungen dort nichts Auher- gewöhnliches zu sein.

Das Uebergewicht an mitzunehmenden Klei­dungsstücken kann in bescheidenem Umfange durch eine gewisse Einschränkung in der Auswahl der mitzunehmenden Toilette-Gegenstände ausge-

Musterung.

Don Eberhard von Weittenhiller.

Als er die Tischlade wieder zuschieben wollte, staute sich der Wust des Eingeschlossenen wie Magma, das aus einer Erdspalte quillt und zu einem Gebirgskamm erstarrt. Er brachte die Lade nicht mehr zu. So beschloß er dann, fürchterliche Musterung zu halten.

Er zog die Lade ganz heraus, und hunder­terlei kollerte über feine Knie auf den Boden. Er kam mit sich überein, das, was er behalten wollte, rechts, den überflüssigen Kram links auf den Tisch zu legen.

Erst befreite er seine Knie von dem Heraus- gequollenen, hob das auf dem Boden Liegende auf und stopfte es wieder in die Lade. Dann begann er systematisch vorzugehen.

Ein Zahnstocher aus Elfenbein: rechts. Ein Briet Lizzys: rechts. Ein gestickter Tabaksbeutel: rechts. Eine Photographie von ihm selbst: rechts. Ein rosa Band: hm? links. Ein paar Stahlfedern: rechts. Ein Zehnpfennigstück: rechts. Eine gebrauchte Zigarrenspitze aus Papier: links. Zwei Reißnägel: rechts. Eine Briefmarke: rechts. Siegellack: rechts. Ein Wust alter Zeitungen: links. Packpapier: rechts. Ein Lineal: rechts. Das herausgerissene Blatt eines unzerreißbaren Bilderbuches mit einer . Gans auf grüner Wiese: links. Ein Staubtuch, das sich bei der letzten Musterung in der Lade

Hochschulnachrichten.

Der 23. (£., der Verband der Turner- schaften auf deutschen Hochschulen, ver­anstaltete Anfang August auf Rittergut Januschau (Streis Rosenberg, Westpreußen) eine O st s ch u lungswoche. Diese Tagung war vom Verband Alter Turnerschafter unter Leitung des Hochschul­politischen Amtes des 23. C. veranstaltet. Vorträge sollten die Teilnehmer in die Fragen des deutschen Ostens einführen. So behandelte u. a. Privatdozent Dr. M a s ch k e (Königsberg)Die historische Ent- Wicklung der deutschen Nordostmark". Die politische Seite wurde durch einen Vortrag von Kandidat Friedrich G l o m b o w s k i (Danzig) über .Korridor, Danzig und Memel in ihrer Bedeutung für die deutsche Ostpolitik" beleuchtet. Den Abschluß bildeten zwei Vorträge allgemeiner Art. G l o m b o w s k i behandelteDie Stellung des Akademikers im Grenz- lanb"; Referendar Koffke (Berlin) sprach über Die deutsche Wehrbewegung"»

glichen werden. .

Sollte der erste dorthin entsandte Spezial- berichterstatter mit einem unzuverlässigen Füll­federhalter gesegnet sein, so findet er Bims­stein zur Reinigung seiner Finger oben mehr als reichlich vor. Er braucht nur an den näch­sten der reichlich vorhandenen Berge zu gehen, um wieder blütenweiße Finger zu erhalten. Die Gesteinsmassen des Mondes bestehen nämlich aus Bimsstein oder einer bimssteinähnlichen Materie. Auch diese Feststellung, ebenfalls ein Ergebnis der Temperaturmessungen, verdanken wir einem amerikanischen Gelehrten, der fand, daß Abküh­lungsstärke und -Schnelligkeit der Mondgesteine bei ausbleibender Sonnenbestrahlung, d. h. bei einer Mondfinsternis, eine auffällige Ähnlichkeit mit dem Verlauf der 2lbkühlung beim Bimsstein, und zwar nur bei diesem, haben. Bimsstein ist stets das Produkt vulkanischer Tätigkeit. Sein reichliches Vorhandensein auf, dem Monde durfte dafür sprechen, dah dessen zahlreiche Krater, heute stumm und starr, früher einmal eine hafte Tätigkeit entfaltet haben.

Wenn nun die neuen Erkenntnisse über Eigenschaften des Mondes keineswegs dazu tragen, einen Besuch dort oben besonders lockend erscheinen zu lassen, so sieht es nun beinahe so aus. als ob seine Strahlung uns Erdenmenschen nicht immer nur eine reine

im Staate des Deutschen Volkes nach Prägung und Verwirklichung verlangen? Das ist die entscheidende Frage unserer Reichsverfassung ge­genüber. Mit klarstem Bewußtsein knüpft ihr Einleitungs^ah an die geschichtliche Tradition un­seres deutschen Volkes an:Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen und von dem Willen beseelt, sein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuen und zu festigen, dem inneren und dem äußeren Frieden zu dienen und den gesell­schaftlichen Fortschritt zu fördern, hat sich diese Verfassung gegeben."

Es entspricht dem großen Gedanken unserer größten S.aats. enker, dah in diesem Reiche jebet Stamm sein Eigenrecht bewahren soll zugleich mit seiner Einorbnung in das Ganze der deut­schen Reichseinheit. Was geschaffen war: das Deutsche Reich, es soll bleiben, es soll ausgebaut werden zu wirklicher Gemeinschaft der deutschen Stämme. 3n Treue fest zum Deutschen Reich vom Rhein bis zur Ostmark, von der Donau bis zum Strande des deutschen Meeres, und in diesem Reiche ein mannigfaltiges Eigenleben der deutschen Länder das ist der Reichsgedanke un­serer Verfassung.

3n Freiheit und Gerechtigkeit" soll das Deutsche Reich erneut und befestigt werden. Richt historische Tradition allein greift die Ver­fassung auf, sie gründet den Staats- und Reichs- Willen des deutschen Volkes in die Tiefe sitt­lichen Menschheitsempfindens. Freiheit und Ge­rechtigkeit gerade das deutsche Staatsempfin­dens hat diese sittlichen Gemeinschaftswerte als Grundeigenschaften echten Staatslebens stark er­lebt und stets betont.

Freiheit ergänzt sich unmittelbar durch die Gerechtigkeit". Denn was will die Gerechtigkeit anders als jedes Menschen und jedes Standes Freiheit achten, schützen und positiv fördern! Achtung vor der Menschenwürde eines jeden, wes Standes er fei, Achtung vor der Bedeutung eines jeden Standes im Rahmen des Ganzen das ist das deutsche Gerechtigkeitsideal, wie es wiederum die Staatslehre des deutschen 3dealismus mit tiefem sittlichen Pathos Der- kündet hat.

E i n Recht für alle, ein Rech t, das der Eigen­art jedes Standes gerecht wird, das zugleich jedem Stande den Dienst an der Ganzheit des Volkskörpcrs als Pflicht auferlegt und ihn zu ihrer Erfüllung beruft das ist die alte ger­manische Rechtsidee, die den einzelnen nur kennt als Glied des Ganzen, den Stand nur getragen

Keineswegs ausgeschlossen, obgleich ... ilnb die Dritten bejahen die Frage.

So Will z. B. ein englischer Arzt, der in 3ndien praktiziert, festgestellt haben, dah der Schläfern und besonders Schläferinnen direkt ins Gesicht scheinende Mond eine Art von Dämmerzustand, geradezu einenMondstich" , hervorbringen kann. Die gleiche Anschauung ist bei den mittel­afrikanischen Siedlern verbreitet, die in mond­hellen Rächten, um sich vor unangenehmen Kopf­schmerzen zu schützen, ihr Haupt stets durch den Tropenhelm vor allzustarker Mondbestrahlung schützen.

Da sich diese vollkommen mit den 3ahr- tausende alten Anschauungen derjenigen Völker deckt, die Erfahrung und ileberlieferung über alle graue Theorie stellen, muh man schon an­nehmen, dah an der Sache etwas Wahres ist.

Woraus man weiterhin folgern muh, dah der Mond zwar der Freund aller Liebenden, aber nicht auch gleichzeitig aller zu Kopfschmerzen Neigenden ist.

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Guter Mond?

Don Dr. Th. A. Maaß.

Es ist eine liebe Gewohnheit, vom Monde mit einem wohlwollenden, sogar etwas mitleidigen Unterton zu sprechen. Ganz anders als von der Sonne, die man immer nur mit ausgesprochener Hochachtung und ein klein bißchen Angst erwähnt. Das liegt daran, dah man von ihr in hohem "Rah abhängig ist. Wenn sie eines Tages nicht ehr will, dann adieu liebe Menschheit, dann

s aus. Dann können uns alle unsere Errungen­schaften und Fortschritte nicht einmal den beschei­densten Bruchteil der aus unendlicher Raum- ferne zu uns dringenden Sonnenwärme ersehen.

Zudem gestattet sich die Sonne auch, im De- wuhtsein ihrer Macht, allerlei Launenhaftigkei­ten, scheint mal zu viel, mal zu wenig (was ne­benbei nicht ihre Schuld ist, sondern die der ir­dischen Atmosphäre) und kann schliehlich mit Blendung, Sonnenbrand, Hihschlag und Sonnen- stich ausgesprochen unfreundliche und feindselige Handlungen begehen.

Da ist der Mond, unser alter, ehrlicher Tra­bant, doch viel gemütlicher. Er tut uns, wie man wenigstens bisher annahm, nur Gutes. Ab­gesehen von seiner überragenden Bedeutung für alle lyrische Dichtung sorgt er etwas für Ebbe und Flut und erhellt hier und da in bescheidenen Grenzen unsere Rächte.

Wenn auch, trotz der Entfernung von nur 400 000 Kilometern, die Reise nach dem Monde bisher nur in Romanen und Filmen zurückgelegt wurde, wissen wir dort doch, durch die Leistungs­fähigkeit unserer astronomischen und physikalischen 3nstrumente, so genau Bescheid, als ob wir schon dagewosen wären. Cs geht uns da, wie jedem besseren Bremer oder Hamburger Kaufmanns­sohn der schliehlich. wenn er auch niemalsbrü­hen' war, in Heberfee mindestens so gut zu Hause ist, wie in der nächsten Umgebung des Alster- ba^)adtounöert man sich ordentlich, toertn man über eine so genau bekannte Gegend wie den Mond doch hier und da noch etwas Reues er-

Zunachst einmal einige beherzigenswerte Winke für zukünftige, mondbesuchende Raumfahrer: ne­ben vielen anderen nützlichen Dingen, besonders einem recht reichlichen Luftvorrat, müssen sie auch eine sehr abwechslungsreiche und den ex­tremsten Bedingungen gewachsene Garderobe bei sich haben. Denn die Temperaturverhaltnisse aut

zucken die Deutschen noch die Achseln und wollen nicht mit der Sprache heraus. Während die Eng­länder dafür sorgen, dah jedes einzelne Wort, das Herr Snowden spricht, möglichst genau und möglichst weit bekannt wird, hört man von den Stresemannschen Ausführungen in den Geheim­sitzungen nur eine farblose, amtlich zurechtge­machte Wiedergabe. Das ist nicht gerade gün­stig für die deutsche Sache, die ohnedies nicht sonderlich gut steht. Denn darüber muh man sich klar sein, diese nervöse Spannung , die hier im Haag eingetreten ist, dieses Aufgeregtsein, das durch die Anwesenheit so vieler Vertreter kleinerer Mächte noch künstlich gesteigert wird, ist der politischen Aussprache, um die es Deutschland geht, außerordentlich abträglich. So gut die Atmosphäre des Ortes ist, an der die Konferenz abgehalten wird, so peinigend wirkt diese Span- nung auf alle Nerven, die schon zu revoltieren anfangen und so eine allgemeine Stimmung der ilnluft schaffen. 3n diesem aufgeregten Hin und Her, in dieser Anzahl gegenseitiger Besuche, die sich die Koryphäen der Konferenz abstatten, in diesem wilden Trubel unkontrollierbarer Ge­rüchte und durchsichtigster Stimmungsmache, ist für eine wirklich ernsthafte und ersprietz-

Zur Feier der Verfassung hatten am gestrigen Sonntag, der uns schönes, warmes Sommer­wetter bescherte, die staatlichen und städtischen Gebäude, sowie eine Anzahl von Privathäusem Flaggenschmuck angelegt. Am Vormittag veran­staltete die Reichswehrkapelle in der Südanlage ein Platzkonzert, das zahlreiche Zuhörer angelockt hatte. Von 13 Ahr ab liehen die Kirchenglocken zur Feier des Tages ihre eherne Stimme über die Stadt erschallen.

Pünktlich 15.15 Ahr begann am Nachmittag in der mit Fahnen in den Reichs- und Landes­farben geschmückten, vollbesetzten Volkshalte die offizielle V e r f a s s u n g s f e i e r für die Stadt und denKreis Gießen. Die Feier wurde von der Reichswehrkapelle unter Leitung von Obermusikmeister Gober mit dem Auszug der Meistersinger" (Richard Wagner) eröffnet. Hierauf folgte ein von den vereinigten Gießener Gesangvereinen unter der bewährten Stabführung des Dirigenten Kasten klangschön vorgetragener MassenchorO Schutzgeist alles Schönen" von Mozart. Dann betrat ihnverftfäteprofeffor Dr. Steinbüchel die geschmückte Rednertribüne, um die Fest­rede zu halten, worin er u. a. folgendes aus- ^Am 10.3ahrestag der Rechtsgültigkeitserklä­rung derVerfassung des Deutschen Reiches schweift der besinnliche Blick zurück in jene dunk­len Tage, da die Verfassung dem Volle gegeben und die neue Staatsform in ihren Grundgesetzen festgelegt wurde. Es waren dunkle Tage jene Monate, in denen die Weimarer Verfassung be­raten und schließlich als Recht formuliert wurde: die Tage des Versailler Vertrages, der das aufs tiefste getroffene deutsche Volksleben zu ver­nichten drohte, und die Tage schwerster innerer Kämpfe.

Die Lebensform des Volkes ist der Staat. Staat ist nicht selbst das Volk, aber* Staat ist die rechtliche Form, in die ein Volk die 3nha!le seines Gemeinschaftslebens hineing eßt. 3m Staate lebt daher immer etwas von derSeele" eines Volkes. Dieses Volk selbst ist die Quelle, aus der sein Staatsleben sich lebendig erhält. Das Volk ist ursprünglicher als sein Staat.

Die Verfassung muh daher den Geist des Vol­kes bergen und zum Ausdruck bringen, soll sie als Grundgesetz staatlich-volklichen Lebens diesem Geben selbst Gepräge geben.

Gebt wirklich derGeist der 3ahrhunderte in ihr, und leben in ihr tiefste sittliche 3deen, die

liebe Aussprache wenig Raum. Man hat so den Eindruck, als würden alle Dinge zu glet- cher Zeit angesaht, als fehle es an jeder wirk­lichen Systematik und als suchten alle alles )U machen, ohne wirklich etwas zu tun. Es ist der englich-französische Gegensatz, der geradezu jede fruchtbare Arbeit verhindert und der es allen Teilnehmern fast gleichgültig macht, was in den einzelnen Kommissionen be­sprochen und behandelt wird. Riemand aber ver­mag sich irgendein Bild zu machen, wie dieser Gegensatz beseitigt und ausgeglichen werden folL 3e länger jedoch diese Mauer besteht, um so höher brandet an ihr die Nervosität und Die ilnluft an der ganzen Konferenz empor. Sollte es doch gelingen, zu einem Kompromiß zu kom­men, so tritt nach der Spannung die Abspan­nung ein und dann wird man erst recht ver­suchen, verlorene Zeit einzuholen, und so schnell wie möglich zu einem Ende zu kommen, ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, wie dieses Ende aussieht und wie es sich schließ­lich vor der Geschichte bewährt. Draußen aber auf der Düne von Scheveningen braust in ewig gleichen Gezeiten mit Ebbe und Flut das weite Meer...

Oie Aufgeregten.

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Den Haag, 11. August 1929.

's Gravenhage ist nicht die Hauptstadt des Königreiches der Niederlande, sondern seine Residenz. Hauptstädte sind die großen Hafen Amsterdam und Rotterdam, Amschlagplahe des Welthandels, wo das wirtschaftliche Geben Pul- liert und immer mehr schon die Industrie den Charakter der Städte bestimmt. Der Haag ist die stille, vornehme Stadt, die Stadt des Hofes und die Stadt der alten Kultur, die in ihrem Mauritshuis eine der köstlichsten Kunstsammlung gen Europas birgt. Wenn man sagt, dah der Haag eine Residenz fei und daß der Hof hier cveile, so würde man dem besonderen Charakter der Stadt doch Anrecht tun, wenn man sich unter ihr einen Rokokotraum vorstellt oder eine Manifestation des Barock. Olein, höfisch ist der Haag im eigentlichen Sinne nicht. Das nieder­ländische Königtum ist man muß es schon tagen ein Dürgerkönigtum, und so trägt auch die Residenz einen bürgerlichen Cha- ratter, allerdings einen Charakter, erstklassigsten gefestigsten Bürgertums. Selbst auf den Haupt­straßen fehlt das Hasten und Garmen, das die Straßen moderner Städte bestimmt, und die Rebenstraßen sind erst recht erfüllt von einer stillen und vornehmen Ruhe, Zurückhaltung und Dediegenheit.

Mit einer wunderschönen breiten Allee ist der Haag mit dem größten holländischen Seebad, mit Scheveningen, verbunden. Früher lag ein stiller Wald dazwischen, der wohl könig­licher Besitz war, aber heute hat die Stadt sich doch immer mehr an das Meer herangebaut, und o verspürt man als Fremder nicht sogleich den Uebergang, der einen aus der Geschlossenheit der Residenz hinein in das mondäne Geben eines icr größten Seebäder der Rordseeküste führt. M o n d ä n? Run ja, Scheveningen hat durchaus en Ehrgeiz, es Ostende gleichzutun, und es hat diesen Ehrgeiz auch vor zwanzig 3ahren schon gehabt, wo es eine Art Gründerzeit durch- machte, deren Spuren heute noch zu sehen sind und die im grellen Gegensatz zu dem Patina stehen, das über dem eigentlichen Haag liegt. Aber wirklich ein mondänes Seebad in dem Sinne des Wortes, wie man es heute anwendet, t nun Scheveningen darum doch nicht geworden id wird es wohl auch niemals werden. Die olländische Solidität bestimmt auch hier den Untergrund, und wenn die Kurverwaltung, dem ug der Zeit folgend, auch alle die Beranstal- .tngen trifft, die nun einmal geboten sind, so ebt sich doch der ganze Gebenszuschnitt dieses olländischen Bades von allen anderen Nordsee- ädern, insbesondere denen der belgischen Küste, ehr deutlich ab.

3n diese Atmosphäre hinein hat man nun dieKonferenz gestellt. Der Haag ist ja bereits ein historischer Konferenzort, aber der Anter- schied zwischen den Konferenzen der Vorkriegs­zeit und den großen politischen Zusammenkünften unserer Tage fällt hier gerade wegen des eigenen Rahmens ganz besonders in die Augen. Damals, als man auf Anregung des Zaren zur ersten Abrüstungskonferenz vor nun schon 30 Jahren zusammentrat, waren es ebenso gemessene und im eigentlichen Sinne solide Geute, die hier zu Verhandlungen zusammenkamen, und wenn mich die ganze Welt auf diese Zusammenkunft schaute, so war es doch so, daß die Teilnehmer in keiner Weise aus der Umgebung1 heraus­fielen und daß das geruhsame Geben auch während dieser weltbewegenden Verhandlungen unverändert dahinfloß. Wie anders ist das beute. Heute rücken ganze Generalstäbe an und führen

mit sich einen Troß von Sekretären, von Presse­leuten, von Photographen und von Menschen, von denen man nicht weiß, ob sie Schlachten­bummler der Weltpolitik sind oder ob sie viel­leicht sogar irgendwelche Schiebergeschäfte zu machen hoffen. Die Ruhe von 's Gravenhage ist plötzlich zerrissen: es ist, als wäre ein Bienenschwarm in einen Garten gefallen und als brächte dieser durch sein ewiges Sum­men und Surren die ganze Umgebung in Auf­regung.

Es ist in der Tat eine Konferenz der Aufgereg­ten. die sich hier abspielt. Von Gemessenheit ist keine Rede und von Solidität wird kein Hauch verspürt. Richt einmal die Eng 1 ä n- der, die sonst in dem Rufe stehen, mit der Ruhe an alle Dinge heranzugehen, werden diesem Rufe ganz gerecht. Zwar heben sie sich un Au^ treten und in ihrem ganzen Benehmen deutlich von den anderen Teilnehmern ab, zeigen nach außen eine Unbekümmertheit, die nun einmal ihre Rationaleigenschaft zu sein scheint und die sie den noch unbekümmerteren und noch ruhigeren Gast­gebern eigentlich besonders sympathisch macht, aber auch ihnen merkt man es an, daß sie doch irgendwie gehetzt sind, dah sie nur mühsam eine Karte Nervosität unterdrücken. Herr Snowden, der ja doch eigentlich der­jenige ist, dem man die Hauptaufregung ner- dankt und der sozusagen das Wasser zum Kochen gebracht hat, wahrt noch am allerbesten das Gesicht. Man erzählt sich, dah er mitten in den wichtigsten Unterredungen und in dem ganzen Tohuwabohu, den sein Protest gegen den Pariser Verteilungsschlüssel hervorgerufen hat, anstatt zur Stelle zu fein, ganz urplötzlich gemütlich einen Autoausflug irgendwo nach dem Zuidersee hin, vielleicht zur Stadt des roten Käses, zur 3nsel Marken oder nach Delft unter­nommen habe.

Nächst ihm ist es doch D r ia n d, der den Manen des Ortes einigermaßen Rechnung trägt, aber was um ihn ist, zeigt darum um so we­niger Contenance. Doch Herr Driand ist ja auch heute nicht mehr der alte Feuergeist. Er trägt auch nicht mehr den breitkrämpigen schwarzen Hut des Kabarettisten vom Montmartre, sondern er sieht eher aus wie ein würdiger, alter Kauf­mann, der viele 3ahrzehnte seines Gebens mit Pfeffer und Nelken gehandelt, und sich nun zur Ruhe gesetzt hat und der weiter keinen Ehrgeiz mehr kennt, als auf gute Weise einmal ein Bändchen ins Knopfloch zu erhalten. Man weih, dah Herr Briand durchaus n i ch t ein Mann die­ser Art ist. Er hat es auch diesmal wieder be­wiesen, er ist immer noch der schlaue Fuchs, der auf das schärfste, unter halb geschlossenen Bibern hervor, auf die Schwächen seiner Geg­ner achtet und sofort und mitleidslos zustöht, wenn er irgendwo eine verwundbare Stelle ent­deckt. Aber wenn man ihn so daherkommen sieht, ein wenig breitbeinig, in einem etwas zu weiten Rock, vornübergebeugt, sich doch merklich auf den Stock stützend, dann würde man nie von ihm denken, dah er der Mann sei, der plötzlich in Rede und Geste ein geradezu überstürzendes Temperament zu entfalten vermag.

Von den Deutschen sieht man eigentlich wenig. Der grohe Trotz, der die Delegation be­gleitet, fügt sich ziemlich harmonisch dem Durch­schnittsaussehen der angestammten Bevölkerung ein. Die führenden Delegationsmitglieder selbst halten sich, wie auf eine gemeinsame Parole hin, in der Öffentlichkeit stark zurück und dieser be­tonten Zurückhaltung entspricht es denn auch, dah die deutsche Delegation die unergie­bigste 3nf orm at ionsquelle ist, die es hier gibt. Während die Franzosen schon Einzel­heiten über ein Saar-Memorandum erzählen, das von deutscher Seite vorgelegt worden sein soll,

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Erste Eindrücke aus dem Haag

Drahtbericht unseres s-Sonderberichterstatters.