Nr. 135 Erster Blatt
179. Jahrgang
Mittwoch, 12. Juni 1929
Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.
Beilagen
Die Illustrierte
Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
Bezugsprei r für 2 Wochen: 1 Reichsmark und 15 Reichspfennig für Trägerlohn, auch bei Richter« scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 51, 54 und 112.
Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Postscheckkonto:
Frankfurt am Main 11686.
GiehenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'fche Universitäts-Buch- und Ztemdruckerel R. Lange in Stehen. 8chriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer "bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 20°/n mehr.
Chefredakteur.
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Minderheiienduell Briand—Stresemann.
Adaischis Endbericht im Ratskomitee angenommen. - Gtresemanns Vertagungsantrag bleibt erfolglos. Donnerstag Minderheitendebatte im Völkerbundsrat.
Madrid, 11. Juni. (WB.) Die heutige vertrauliche Sitzung des Ratskomitees war beherrscht von den in freier Rede vorgetragenen, sehr flar und ruhig formulierten Ausführungen des Reichsaußenministers Dr. Stresemann, die auf allen Seiten mit größter Aufmerksamkeit angehört wurden.
Dr. Stresemann
behandelte das Minderheitenproblem sowohl unter dem Gesichtspunkt des Verfahrens als auch nach der prinzipiellen Seite. 3n der Verfahrensfrage seien gewisse Verbesserungen erzielt worden, während in manchen Punkten, vor allem in bezug auf den bestehenden Ausschluß der stammesverwandten Staaten aus dem Dreier-Komitee die deutschen Vorbehalte aufrechterhalten werden müßten. Die Einsetzung eines Minderheiten- ausschufses des Völkerbundes soll nach der deutschen Auffassung nicht zu Eingriffen in die staatliche Souveränität oder zur Ausübung von Tleber- wachungs- oder Kontrollbefugnissen dienen, sondern bezwecke nur das fortlaufende Studium der Lage und der Entwicklung der Minderheitenfrage. Die Einwände und Befürchtungen gegen die Einsetzung dieses Ausschusses seien da^r nicht gerechtfertigt. Was die prinzipielle Seite anlange, so bestehe über den Umfang derDerpflich- tungen des Völkerbundes keine älebereinstim- mung. Aus dem Londoner Bericht und den ihn beigegebenen Denkschriften der verschiedenen Länder seien die Meinungsverschiedenheiten klar ersichtlich. Als Ausweg komme in Betracht: 1. eine Vertagung der endgültigen Entscheidung, wodurch Zeit für eine gründlichere Prüfung des Berichtes gegeben wäre und auch dem Ulmstande Rechnung getragen würde, daß verschiedene im Rat nicht vertretene Staaten sich noch nicht dazu geäußert haben. Diese Staaten könnten vielleicht die Minderheitenfrage vor die Dölkerbundsver- sammlung bringen, wobei neue Anregungen zur Erleichterung oder Lösung des Problems auftauchen könnten. Als zweiter Ausweg bleibe die Einholung eines Gutachtens beim Ständigen Haager Gerichtshof über das Mandat des Völkerbundes in der Minderheitenfrage. Bei dem allgemeinen Ansehen, das die HaagerRechts- gutachten in der Welt genießen, könnte ein solches Gutachten die Erzielung eines einstimmigen Beschlusses im Rat erleichtern und so den peinlichen Eindruck der Uneinigkeit des Dölkerbunds- rates vermeiden. Zusammenfassend wiederholte Dr. Stresemann, daß Verbesserungen in verschiedenen Verfahrensfragen erzielt worden seien, daß er aber den Londoner Dreier-Bericht nicht annehmen könne, da er in wesentlichen Punkten mit dem in Widerspruch stehe, was er bei Aufwerfung der Minderheitenfrage im Auge gehabt habe. Angesichts der be- ste^nden Meinungsverschiedenheiten wäre eine Vertagung zweckmäßig, da sie die Uleber- brückung der Gegensätze vielleicht ermöglichen und anderseits die Anrufung des Haager Gerichtshofes erlauben würde.
Der französische Außenminister Briand vertrat die Auffassung, daß der vorliegende Bericht eine Verbesserung des gegenwärtigen Verfahrens in sich schließe. Die von Dr. Stresemann vorgeschlagene Vertagung wäre ebenso bedenklich wie eine Anrufung des Haager Gerichtshofes, durch die die ganze bisherige Tätigkeit des Völkerbundes in der Minderheitenfrage in ein falsches Licht geraten müsse. Es sei sehr wohl möglich, daß in der Dölkerbundsversamm- lung eine neueDebatteinder Minderheitenfrage entstehe, aber zuvor mühte i m R a t e i n e Einigung zustande kommen. Könne diese nicht erzielt werden, so würde das einfach die Rückkehr zum Status quo bedeuten.
Außenminister Dr. Stresemann
unterstrich nochmals seine gegensätzliche Auffassung in der prinzipiellen Frage und fügte hinzu, er sei so sehr wie jedes andere Ratsmitglied davon überzeugt, daß man zu einem einstimmigen Beschluß kommen sollte. Wollte man aber dem Rat den Dreier-Bericht mit sämtlichen Denkschriften und den Sitzungsprotokollen des^Rats- komitees zustellen, so würde dadurch das Fortbestehen der Meinungsverschiedenheiten offenkundig. Eine Vertagung dagegen könnte die Möglichkeit weiterer Annäherung schaffen, wie auch die Anrufung des Haager Gerichtshofes keineswegs das Prestige des Völkerbundsrats verringern, sondern zweifellos die Erzielung der Einstimmigkeit erleichtern würde.
Annahme des Endberichts.
Rach längerer Debatte hat dann das Ratskomitee gegen Abend seine Arbeiten durch Annahme eines von Adatschi unterbreiteten Endberichts an den Völkerbundsrat und eines Cntschließungsentwurfes abgeschlossen. Bericht und Entschließung werden am nächsten Donnerstag in öffentlicher Sitzung vom Völkerbundsrat erörtert werden. Der Endbsricht wird noch vertraulich behandelt. Es kann aber bereits gesagt werden, daß er nur Verfahrensfragen betrifft und die prinzipielle Seiten des Minderheiten-
prvblems unberührt läßt. Auf Grund der heutigen Aussprache im Ratskomitee besteht Cin- vevständnis darüber, daß jedes Ratsmitglied in der öffentlichen Ratssitzung zu diesem Bericht Erläuterungen geben und Erklärungen oder Vorbehalte anbringen kann. Dementsprechend wird auch Dr. Stresemann in einer grundsätzlichen Erllärung den deutschen Standpunkt nochmals zur Geltung bringen.
Die Taktik
der deutschen Delegation.
Die, amtliche Beurteilung der Lage.
Die Annahme des Minderheitenberichtes im Ratskomitee läßt, wie von deutscher offizieller Seite verlautet, noch keine Schlüsse auf den Ausgang der gesamten Debatte im Volkerbunds- rat zu, obwohl aller Voraussicht nach auch dort die Annahme erfolgen wird. Allerdings ist es nicht ausgeschlossen, daß von anderer Seite die Aufrechterhaltung des prinzipiellen Teiles des Londoner Dreier-Berichtes (Ablehnung der Errichtung einer Studienkommission des Völkerbundes und Ablehnung der Ausdehnung der Garantie des Völkerbundes) gefordert wird. Das würde natürlich die deutsche Haltung entscheidend beeinflussen und müßte zu einer entsprechenden Gegenerklärung des deutschen Ratsmitgliedes führen, so daß die heute erzielte Verständigung wieder gefährdet sein könnte. Maßgebend für die Haltung der deutschen Delegation war, daß die heute vormittag vom Reichs- auhenminister befürwortete Vertagung sich nicht mehr erreichen ließ. Auch änderte sich die Lage dadurch, daß der Vertreter Kanadas, der sich immer sehr warm für die Minder
heiten einsetzt, sich mit der wenn auch nur teilweisen Berücksichtigung seiner Derbesserungsvor- schläge einverstanden erklärte und an die deutsche Delegation den dringenden Appell richtete, die erheblichen Verbesserungen durch eine völlig ablehnende Haltung nicht aufs Spiel zu sehen. Auch ist mit dem neuen Bericht kein Definitivum geschaffen. Der deutsche Standpunkt über den grundsätzlichen Teil des Minderheitenproblems bleibt aufrechterhalten und damit auch das Recht, die grundsätzliche Frage im geeigneten Augenblick wieder aufzugreifen, wobei die große Wahrscheinlichkeit zu berücksichtigen ist, daß sich die nächste Völkerbundsversammlung ebenfalls mit dem Minderheitenproblem zu befassen hat.
Ein unbefriedigendes Ergebnis.
Madrid, 12.Juni. (TU.) Bei nüchterner Beurteilung muß man sagen, daß das Ergebnis wenig befriedigt, es entspricht keineswegs den von der deutschen Abordnung gestellten Zielen. Die Vertagung ist nicht erreicht worden, eine Berücksichtigung der grundsätzlichen deutschen Forderungen über die Dauergarantie des Minderheitenschutzes und dem ständigen Minderheitenausschuß ist nicht erfolgt. Der gegenwärtige ungenügende Zustand des Minderheitenschutzes bleibt im wesentlichen mit geringen Aenderungen unverändert. Die Gegenseite erklärt, daß damit die Minderheitenfrage endgültig erledigt sei. 9n dem Bericht an den Dölkerbundsrat wird ausdrücklich festgestellt, daß die Protokolle der Sitzungen sowie der Londoner Minderheitenbericht sämtlichen Mitgliedsstaaten des Völkerbundes zugesandt werden sollen, so daß damit eine allgemeine Wiederaufnahme der Minderheitenfragen auf der Septemberversammlung möglich erscheint.
Stresemann und Briand
Zher die Mparationskonserenz.
Eine erste Aussprache. — Der fehlende Dritte.
Die Reparationsbank.
Madrid, 11.3uni. (WTB.) Die angekündigte Besprechung zwischen Reichsaußenminisler Dr. Stresemann und dem französischen Außen- Minister B r l a n d hat heute von 17 bis 18 Uhr am Sih der französischen Delegation stattgefunden. Die beiden Staatsmänner begaben sich darauf im gleichen Kraftwagen zur Sitzung des Ralskomitees. Heber die Unterredung berichtet der Havas-Ber- treter in Madrid: Man neigt zu der Annahme, daß Stresemann diese Begegnung benutzt hat, um sich über gewisse Probleme, die Deutschland und Frankreich besonders interessieren, auszulassen. Briand wird Dr. Stresemann aufmerksam zugehörl, aber nicht verfehlt haben, daran zu erinnern, daß der Genfer Beschluß vom 15. September v. 3.» auf Grund dessen der Sachoerständigen- a u s s ch u ß für eine endgültige Regelung der Reparationen einberufen worden war, das tiferf sämtlicher an der Regelung dieses Problems direkt interessierter Mächte gewesen ist; die französische Regierung gedenke keineswegs, sich den Verpflichtungen zu entziehen, die sie durch die Annahme der obengenannten Entschließung übernommen hat. Sie sei also durchaus geneigt zu vollster Zusammenarbeit mit sämtlichen Signataren. Die Abwesenheit dieser Signatare stehe nun dem entgegen, daß irgendeine Verhandlung während der Völkerbundskagung eingeleiiet wird. Deshalb konnte die Unterredung zwischen den beiden Außenministern auch nur einen informatorischen Charakter tragen. Heber den begrenzten Gegenstand ihrer Besprechung im Einvernehmen haben beide Staatsmänner beschlossen, in Zusammenarbeit mit den Interessierten Mächten zu gegebener Zeit die praktischen Folgerungen aus diesen Ergebnissen zu ziehen.
Wie der „v o r w ä r t s“ ergänzend aus Madrid meldet, hat Briand beim Empfang der französischen Pressevertreter die Unterredung als eine Selbstverständlichkeit hingestellt, zumal von dem mit Hermann Müller im September 1928 vereinbarten Aktionsprogramm eine w i ch- t i g e Etappe durch die Unterzeichnung des Sach- verständigenberichls bereits erzielt worden sei. Andererseits betonte Briand die Schwierigkeiten, regelrechte Verhandlungen über dieses Programm in Abwesenheit eines der Kontrahenten, nämlich der englischen Regierung, zu führen. Aber Stresemann habe keine Verhandlungen eingeleitel und weder die noch ungelöste Frage der Feststellungs- und Vergleichskommission noch die Saarfrage angeschnitten.
Günstiges Urteil
der amerikanischen Finanzwelt.
R e u y o r k, 11. 2uni. (WD.) Der gestern von Paris zurückgekehrte Bankier Morgan erklärt, daß die Reparationsbank ein bedeutsames Werkzeug zur Sicherung des Weltfriedens darstelle und daß chre Schaffung das einzige Mittel sei, das die Sachverständigenkonferenz entdecken konnte, um die aus dem Weltkrieg entstandenen internationalen Probleme einer Lösung entgegenzuführen. 3n Reuyorker Dankkreisen wird allgemein die Bedeutung der Reparationsbank hervorgehoben. Die Finanzwelt ist, wie es den Anschein hat, von dem Erfolg der internationalen Bank überzeugt, doch wird vielfach Bedauern darüber geäußert, daß das System der amerikanischen Bundesbanken nicht unmittelbar daran beteiligt sei. Man gibt sich jedoch der Hoffnung hin, daß schließlich doch eine derartige Beteiligung erfolgen werde, da die Dundes- Reservebanken es ja nicht vermeiden formten, zur Reparationsbank in Beziehungen zu treten. Man erwartet hier eine starke Rachfrage nach Aktien der Reparationsbank, obwohl man nicht annimmt, daß die Bank sich sofort als ein gewinnbringendes Unternehmen erweisen werde.
DieMsHeKassenlagedesReichs
Eine Uebcrsicht für 1928.
Berlin, 11. Juni. (DDZ.) Der Reichsfinanzminister hat dem Reichstag eine Uebersicht über die Gestaltung der Reichseinnahmen und -ausgaben in dem vergangenen Jahre zugehen lassen. Für 1928 wird festgestellt, daß der ordentliche Haushalt mit einem Fehlbetrag von 154,4 Millionen abschließt. Die Einnahmen betrugen 10 277,6 Millionen Reichsmark, die Ausgaben 10 231,7 Millionen Reichsmark, so daß ein Einnahmeübsrschuß von 45,9 Millionen Reichsmark vorhanden war. Da aber zur Deckung von Resten noch 200,3 Millionen benötigt werden, ergibt sich der oben genannte Fehlbetrag. Gegenüber dem Haushaltssoll sind insgesamt 337,6 Millionen mehr ausgegeben worden, wovon 108,3 Millionen auf Steueranteile der Länder entfallen. Mehreinnahmen waren 183,2 Millionen zu verzeichnen, wovon 162,4 Millionen auf Steuern usw. entfallen. An Mehrausgaben über das Haushaltsoll hinaus find folgende Posten bemerkenswert: Für Unwetterschäden und dasPan- zerkreuzeroolksbe gehren 5,3 Millionen, beim Reichsarbeitsministerium rund 50 Millionen, für die Saisonarbeiterunter slützung und für die Ruhrausgesperrten, an Kriegsbeschädigtenrenten und für Heilbehandlung im Rah
men der Militärversorgung etwa 75 Millionen, für ungedeckte Besatzungskosten 52 Millionen, Zuzahlungen für Reparationskohlenlieferungen rund 11 Millionen. Der außerordentliche Haushalt wies am Ende des Rechnungsjahres 1928 eine Gesamtverschuldung von 904,5 Millionen auf.
Die Arbeitslosenversicherung.
Noch keine Einigung
über das Reformprogramm.
Berlin, 12. Juni. (PDZ.) Die Besprechungen des Reichsarbeitsministers mit den Vertretern der Regierungsparteien in der Frage der Arbeitslosenversicherung wurden wieder ausgenommen. Die Besprechungen führten bisher zu keiner Einigung. Insbesondere ist die Frage einer Beitragserhöhung noch strittig. Die Deutsche Volkspartei steht einer solchen Erhöhung nach wie vor vollkommen ablehnend gegenüber. Sie ist der Auffassung, daß eine durchgreifende Reform der Versicherung eine Beitragserhöhung überflüssig machen würde. Demgegenüber sind die Vertreter der übrigen Regierungsparteien, Sozialdemokraten, Zentrum, Demokraten und Bayerische Volkspartei zu der Ansicht gelangt, daß man sich auf die Dauer einer Beitragserhöhung nicht werde verschließen können. Diese Parteien würden bereit sein, einer Beitragserhöhung, wenn auch nicht um ein Prozent, so doch um ein halb Prozent, zuzustimmen. Daneben ist man bestrebt, zur Beseitigung von Mißständen und Mißbräuchen eine bestimmtere Formulierung der Begriffe Arbeitnehmer und Arbeitsloser in das Gesetz hineinzubringen. Weiter sollen künftig die Versiche- rungsleistungen a b g e stuft werden nach der Dauer der unterbrochenen Arbeitstätigkeit. Bis zum Herbst soll dann die Regierung ein umfassendes Reformprogramm für die Arbeitslosenversicherung vorlegen. Die Deutsche Dolkspartei hält demgegenüber bisher daran fest, daß insbesondere die Saisonarbeiterfürsorge sofort einer Regelung bedarf. Die Besprechungen werden am Mittwoch fortgesetzt.
Die Finanznöte der Reichsbahn.
Die Konkurrenz des Kraftwagengnter- Verkehrs.
Berlin, 11. Juni. (Priv.-Tel.) Im Zusammenhang mit dem Antrag der Reichsbahn auf Tariferhöhung zum Zwecke des Ausgleiches der 55 Millionen Mehranforderungen durch die Lohnerhöhungen, ist von verschiedener Seite vorgeschlagen worden, die Reichsbahn solle sich mit dem Güterverkehr der Kraftwagen- Gesellschaften so einigen, daß aus der bestehenden Konkurrenz eine gewinnreiche Zusammenarbeit zustande kommt. Optimistische Stimmen glauben sogar, daß durch ein solches Abkommen ein großer Teil der jetzt benötigten Mehrausgaben gedeckt werden tonnte.
Wie wir von unterrichteter Seite hören, dürften aber diese Hoffnungen zur Zeit unerfüllbar sein. Die Reichsbahn schätzt heute den jährlichen Einnahmeausfall durch die Konkurrenz des Kraftwagenverkehrs auf 250 QKil* lionen und rechnet sogar damit, daß dieser Posten in den kommenden Jahren noch auf 300 b i s 350 Millionen an st eigen könnte. Unter diesen Umständen muß sich das ganze Interesse der Bahn zurzeit darauf richten, wenigstens ihren Besitzstand am Verkehr einigermaßen zu h a 11 c n, was um so schwieriger ist, da die Dahn die Massengüter, wie Eisen und Kohle, die rund 40 Prozent am Gesamtgüterverkehr ausmachen, nahezu zu Selbstkostenpreisen im Interesse der Volkswirtschaft fahren muß, während die Konkurrenz des Kraftwagens sich gerade bei den hochwertigen Gütern, die für die Eisenbahn am wichtigsten sind, am stärksten auswirkt.
Mit der R e i ch s p o st sind bereits seit längerer Zeit Verhandlungen im Gange, um Doppelverkehr zu vermeiden und die gegenseitige Konkurrenz so weit wie möglich auszuschalten. Diese Verhandlungen, die noch nicht abgeschlossen sind, scheinen sich günstig zu entwickeln.
Wesentlich schwieriger aber liegt die Konkurrenzfrage mit dem freien Kraftwagenverkehr. Hier hat sich die Reichsbahn zwar durch die Kündigung des Abkommens im vergangenen Jahre mit der Kraftverkehr Deutschland G. m. b. H., die rund 35 Gesellschaften örtlicher Ratur umfaßt, freie Hand erworben. Es ist u. a. der Gedanke aufgetaucht, ob die Reichsbahn unter Beibehaltung ihrer Mitarbeit an verschiedenen schon bestehenden Kraftverkehrsgesellschaften, wie in Sachsen usw., nicht einen eigenen Autola st Wagenverkehr ein- 'richten soll. Diesem Plan stehen aber große Hemmungen entgegen, da die Reichsbahn nach den Bestimmungen in diesem Falle konzessionspflichtig ist — was die Reichspost nicht ist —. so daß erst eine Aenderung der gesetzlichen Bestimmung erzielt werden müßte.


