spräche von der Versammlung nicht beliebt. Vach einem kurzen Schlußwort des Versammlungsleiters klang der Abend mit dem Gesang „Deutschland, Deutschland über alles" aus.
Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde.
In der letzten vorweihnachtlichen Veranstaltung berichtete Dr. Rathjens (Hamburg) sehr anschaulich und lebendig über seine Reise nach dem Königreich Iemen in Südarabien, die er im vorigen Jahre gemeinsam mit Dr. v. Widmann und der Arabistin Frl. v. A p i tz unternommen hat. Am Ufer des Roten Meeres zieht sich in rund 50 Kilometer Breite die von äolischen Ablagerungen bedeckte, glühendheiße Ebene Tihamma hin. An der Küste ist sie Wollwüste oder Wüstensteppe, gegen den hinter ihr aussteigenden, fast 4000 Meter hohen Abfall des südarabischen Hochlandes wird sie feuchter und bietet dem Ackerbau Raum. Der dem Abfall nahe Teil des Hochlandes besteht aus einer Reihe aufeinanderfolgender geologischer Horste und Gräben, die teils dem Einbruch des Roten Meeres, teils dem von Aden parallel laufen. Die so erzeugten steilen Hänge entblößen den Gesteinsausbau des Hochlandes: Auf einer Grundlage von Granit und Gneis liegen mehr oder weniger horizontal jurassische Kalksteine und gelb, violett und orange gefärbte kretazische Sandsteine, die ihrerseits wieder in 1000 und mehr Meter Mächtigkeit von Basalten, Tuffen und Trachyten bedeckt sind, während schließlich die Vertiefungen des Geländes bis zu 50 und 70 Meter Dicke nachdiluviale äolische Ablagerungen tragen. Die niederschlagsreichen Gebirgshänge sind von der dicht siedelnden Bevölkerung in sorgfältig angelegte Terrassen aufgelöst und bringen überaus reiche Ernten (Getreide, Wein, Gemüse jeder Art, Südfrüchte, Indigo, ab 1700 Meter aufwärts Kaffee). Die älnterschicht der etwa 6 Millionen zählenden Bevölkerung Jemens, die leidenschaftlich die frischen Blätter des Katstrauches zur Äervenanregung kaut, ist dunkel und hat hamitischen Einschlag. In der Tihamma macht sich außerdem ein südasiatischer Einschlag bemerkbar. Den semitischen Typ vertreten nicht nur die 15 000 jemenitischen Juden, von denen allein 8000 in der Hauptstadt ©ana'a leben, sondern auch die vornehme Oberschicht der Eingeborenen. Die Jemeniten wohnen in kastenartigen, vielstöckigen, zur Verteidigung gut geeigneten Kastenhäusern, die mit Vorliebe auf schwer zugänglichen Vorsprüngen und Gipfeln angelegt werden. Auch das Bild der 50 000 Einwohner zählenden Hauptstadt wird von solchen Hochhäusern beherrscht, die jedoch aus kunstvoll in Mustern, vorragenden braunroten Ziegelsteinen mit weißer Gipsstuckverzierung errichtet sind. Die von Lehmmauern umwehrte Stadt besteht aus einer eng gebauten Altstadt mit prachtvollen Moscheen und Minarets, sowie der weitläufig gebauten Gartenstadt. Zwischen beiden liegt der Palast des Königs. Dr. L.
Kirchenmusikalische Advenifeier.
Als die MarkuOgemeinde vor einigen Jahren als erste hier eine k.rch:nmusitalische Fe'.e.stunde veranstaltete, betrachtete s.e das als einen Versuch, ob solche Veranstaltung auch den nötigen Besuch fände, der zur Wiederholung berechtige und ermutige. Heber das Bedürsnis uni) die willige Ausnahme di ser Abendfeiern ist wohl jetzt kein Zweifel mehr. Das sah und spürte man auch wieder in der kirchenmusikalischen Adventfeier, die am borg:n Son tag in der Stadtkirche von der Mar.usgemeinde veranstaltet wurde und von allen Gemeinden gut besucht war. Ein gutes Programm, von unserem Stadikirchorganisteu Lehrer Simon int seinem musikalischen und kirch ichen Verständnis zufam- mengestcllt, bot Adv:nt5hofsnung und Advents- bereitschast. Fräul in Käthe Gärtner, Giehen- Klcin-Linden, w lche die Sololiedrr — meist Bach und Reger — sang, zeigte sich als eine reich-
Düs Erbe des Herrn von Anfieiien. Vornan von J. Schneider-Foerstl.
Hrheber-Rechtsschuh durch
Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
23 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Es war erst zwölf Hhr mittags, aber sie war zu Tod ermüdet. Vielleicht machte es auch das Alleinsein. Bernd befand sich mit Bekannten auf einer großen Autotour, es konnte Abend werden, bis er zurückkam. Der General hatte die Einladung des Amerikaners Selthon angenommen, einen Tag auf dessen Privatjacht zu verbringen und war nicht vor Einbruch der Rächt zu erwarten.
Sie lieh sich auf ihrem Zimmer servieren und nahm dann ein Schlafpulver. Es war das einzige, die Länge des Tages erträglich zu machen. Erst gegen sechs Hhr erwachte sie, und fühlte sich etwas gestärkt. Sie empfand sogar Lust, einen kleinen Bummel zu machen und sich das Treiben aus der Ferne anzusehen.
Sie bog eben in die Strandpromenade ein, als sich ihre Augen in ungläubigem Staunen weiteten. Keine zehn Schritte vor ihr ging Gertraude Holmseid und an ihrer Seite Oertzen. Er trug einen dunklen Anzug und hielt den Rücken etwas nach vorne geneigt, während die Frau auf ihn einsprach.
Zufällig wandte diese das Gesicht nach rückwärts und richtete eine Frage an den Grafen. Run sah auch er zurück, lüftete den Hut und verhielt für einen Moment den Schritt, um dann plötzlich ein so rasches Tempo anzuschlagen, daß beide rasch außer Sichtweite waren.
Wie tölpelhaft! Das lag doch nicht in Oertzens Charakter, daß er feige auskniff. Vielleicht tat er es nur deshalb, um ein Zusammentreffen zwischen ihr und seiner Gattin zu verhindern.
Der Spaziergang war ihr gründlich verleidet. Sie machte kehrt und ging nach dem Hotel zurück.
Spät nach zehn Hhr kam Bernd und brachte Lachen und sprühende Laune mit. Der Tag wäre herrlich gewesen, die Fahrt unvergleichlich schön. „Wie schade, daß du nicht mit dabei sein konntest, Mama," bedauerte er, während sie mit Freude konstatierte, wie prächtig er sich in den zehn Tagen erholt hatte.
Sie schob ihm einen Teller Keks zu und nickte ermunternd: „Ich habe sie extra für dich heraufholen lassen, mein Bub. Oder willst du noch nachserviert haben?"
Er lehnte mit allen Zeichen des Schreckens ab: „Ich bin satt. Was manche Leute essen können, geht an das Unglaubliche. Es war die reinste
begabte Altistin, deren prachtvolles St'-mmate- rial, überraschend nach Hiniang und Fülle, durch zähes, vorzüglich geleitetes Studium zu einer wirklichen Reife geführt worden ist. Dabei berührte es überaus angenehm, daß der Vortrag frei war von allem Wirkenwol.en und Effekt- Haschen: die seelenvolle, selbstlos dienende Hingabe an Dichtung und Komposition läßt die Sängerin als eine verheißungsvolle Interpretin gerade der Dachschen Lieder erscheinen. Wie der Gesang, so war auch das Violinspiel eine große Freude. Mufiklhrcr Franz Bauer jun. ist bei unseren kirchmmusikal.schen Feiern längst kein Unbekannter m hr, und wir sind über eugt. daß er gern dabei sein feines Können in den Dienst der Gemeinde stellt. Sein Spiel ist kein sentimentales Geigen, sondern natürlich-edle Tongebung von weihevoll.r, die Herzen packender und erhebender Wirkung. Auch hier kein Glänzenwo^len als Solist, sondern ernsthafte Bereitwilligkeit, zusammen mit der begleitenden Orgel das Werk des Meisters lebendig werden zu lassen. Die Orgel spielte Lehrer Simon, in dessen Händen auch die ganze, mühevolle Vorbereitung des Abends lag. Sowohl in den selbständigen Choralvorspielen von Reger, wie in der B'gleitung der Singstimme und der Violine verstand er es meisterhaft, die reiche Registrierung der Orzel und ihre Klangfülle so wirken zu lassen, daß die dynamischen äln.terschi de deutsch chirakterisiert wurden und die besondere Schöeh.it der einzelnen Kompositionen ausgezeichnet hervortrat. Alles in allem: eine rechte Feierstunde, die wohl das Herz für Adventssreude aufschloß und für deren Geschenk die andäch'.ige große Gemeinde allen Mitwirk'nden sich in herzlicher Dankbark.it verbunden weiß.
•• Man achte auf Abmeldung von Kraftfahrzeugen. In den von Steuer- shndikus Hermann Will, Gießen, herausgege- benen „Aktuellen Steuersragen" lesen wir folgenden wichtigen Hinweis: Beim Hebergang eines Krafiwagens in andere Hände hak der Bo besiyer der zuständigen Verwaltungsbehörde umgehend unter Benennung von Rame und Anschrift des neuen Eigentümers Meldung zu machen. Dem Käufer kann man neben der Zulassungsdefcheini- gung auch die Steuerkarte aushändigen, da diese für die Weilerversteuerung für die ganze Lauszeit angerechnet wird. Wird die Steuerkarte nicht übergeben, so muh das Fahrzeug auch bei dem zuständigen Finanzamt abgemeldet werden. Damit kann ein Antrag auf Erstattung oder Erlaß der gezahlten oder noch zu zahlenden Steuern gestellt werden, da nur auf Antrag Erstattung stattfindet. Bei Außerbetriebsetzung für kürzere oder längere Zeit ist der Verwaltungsbehörde! Meldung zu machen. Die Zulassungsbescheinigung ist einzureichen, ebenso das Kennzeichen, um den Dienst,tempel zu entfernen. Voraussetzung sür die Befreiung von weiterer Steuerzahlung ist die Abmeldung bei der Zulassungsbrhörde, erst danach kann Antrag an das Finanzamt auf Rück- vergeltung oder Befreiung von der Steuer gestellt werden. Der Käufer eines Kraftwagens aus Privathand muh das Fahrzeug wie ein neues anmelden. Er hat die bisherige Zulassung einzureichen und die Zulassung auf seinen Ramen zu beantragen. Etenso ist die ihm übergebene Steuerkarte einzureichen. Eine neue Abnahme muh erfolgen.
** Gießener Eisverein. In der Versammlung, die im Beisein zweier Herren des Deutschen Eislaufverbandes stattfand, ist der Gießener Eisverein Mitglied dieses Verbandes geworden. Es waren eine beträchtliche Anzahl Damen und Herren anwesend (wie ein altes Vorstandsmitglied äußerte: die seit Iahren bestbesuchte Versammlung), die den Wunsch aussprachen, in Zukunft mehr das rein Sportliche auf der Eisbahn zu pflegen. Der Kunstlauf wird in verstärktem Maße betrieben werden, und es ist in Aussicht genommen, an einigen Tagen
Mastkur heute. — Von Vater ist wohl nichts eingetroffen?“
„Rein, mein Iunge. Aber ich habe ihm einen Brief geschrieben."
„Vergiß nicht, die Photos beizulegen, Mama, und ihn zu bitten, daß er mich zu Schulbeginn holt."
„Ich habe alles besorgt. Bist du sehr müde?"
Er streckte die Arme und unterdrückte ein Gähnen. „Die Lust hier macht mich zuweilen völlig schlapp. Erlaubst du, daß ich zu Bett gehe? Ich bleibe aber auch gerne wach, wenn ich dir Gesellschaft leisten soll."
Sie wehrte freundlich und lieh sich auf Mund und Wangen küssen. Gleich darauf hörte sie ihn drüben in seinem Schlafzimmer eines der Fenster schließen. Run war es eigentlich Zeit, sich ebenfalls zurückzuziehen. Der Vater lieh über Gebühr auf sich warten.
Erst eine halbe Stunde später horte sie seinen Schritt nebenan. Ein Spalt in der hohen Flügeltüre lieh einen schmalen Lichtstreifen über die Decke des Zimmers Hinspielen. Wie ein leuchtender Pfeil bohrte er sich in die gegenüberliegende Ecke. Run knarrte eine Schranktüre. Ein Gegenstand fiel Sie lächelte im Halbschlaf. Er muhte sehr müde fein, da er sonst auf peinlichste Stille hielt
Als sie nach unruhigem Schlaf gegen zwei Hhr morgens erwachte, rann noch immer der Helle Schein als dünnflüssiger Goldstreifen über das Weihe des Plafonds. Hatte er vergessen, das Licht zu löschen? Oder war er am Ende krank?
Sie richtete sich auf und horchte hinüber. Als es ganz stille blieb, warf sie ihren Schlafrock über und drückte geräuschlos die Klinke herab. Sie fühlte, wie ihr Herzschlag stockte. In dem großen Klubsessel, an dem weitoffenen Fenster faß Lötzen und richtete seine dunkelgeröteten Augen auf sie.
Mit ein paar Schritten war sie bei ihm. „Bist du krank, Papa?"
Er hob die Hand und machte eine müde Bewegung. „Der heutige Tag war etwas aufregend. Viel Gäste auf der Jacht — immer in Anspruch genommen. Ich bin nicht mehr dreißig, Drun- hilde."
Sie lauschte mit doppeltem Gehör. Das war doch sonst nicht seine Art, die Sähe so stoßweise abgehackt hervorzubringen. „Soll ich dir irgendein Pulver holen, Papa, ich habe welche drüben liegen. Wenn du ein paar Stunden geschlafen hast, wird alles wieder gut sein."
Er wandte das Gesicht von ihr ab und lehnte den Kopf zurück. „Hast du an deinen Wann ge- schrieben?"
„Ja! Ich habe mich entschlossen, den Brief mit der Flugpost Weggehen zu lassen. So geht es rascher. In spätestens zwei Tagen kann er ihn 1 haben."
einen Kunstlauf-Lehrer zu verpflichten. Die Eishockey-Mannschaft des Tv. 184o ist völlig zu dem Verein übergetreten, um im Eisverein das Spiel auf eine größere Grundlage stellen zu können. Da für dieses Spiel eine gründliche Vorbereitung in der Halle nötig ist, wird in Zukunft an zwei Tagen eine Hebungsstunde abgehalten. Großen Anklang fand das Eisschießen. Einige gebürtige Bayern, deren Rationalsport das Eisschießen ist, haben sich bereit erklärt, dieses für jung und alt, Damen und Herren gleichgeeignete Spiel einzu- führen. Es wäre für die Gießener Keglervereine eine dankbare Aufgabe, sich hierbei zu beteiligen. Hm nicht in allen diesen Sportarten auf sich selbst angewiesen zu sein, sondern um Anregung zu empfangen und an Wettkämpfen teilnehmen zu können, hat die Versammlung beschlossen, in den D. E. V. einzutreten. Jetzt fehlt nur noch das Cis, damit alle diese Pläne nicht ins Wasser fallen.
•* Zwecksparkasse der Selbsthilfe der Arbeit. Die Selbsthilfe der Arbeit hatte auf Freitagabend zu einem Vortrag im Cafö Leib eingeladen, zu dem sich eine größere Anzahl Interessenten eingefunden hatte. Apotheker Schäfer (Gießen) begrüßte die Erschienenen. Darauf sprach Volkswirt Otto Lautenbach (Frankfurt a. M.) in etwa eineinhalbstündigem Vortrag über das Thema: „Zu Eigenheim und Eigentum durch Selbsthilfe der Arbeit". Der Redner erklärte u. a.: Ohne Kapitalbildung sei an eine Gesundung der Wirtschaft nicht zu denken, und darum seien die Sparbestrebungen freudig zu begrüßen und zu fördern. In Amerika sei schon vor langer Zeit der Gedanke des sog. Jndex- dollars in die Praxis umgeseht worden, wonach der eingezahlte Sparbetrag nach dcm Stande des Index zurückge'.ahlt werde. Seit 1927 werde diese Idee auch in Deutschland verbreitet, um der großen Wohnungsnot abzuhelfen. Zur Zeit beständen 70 Kaufkraftsparkassen, von denen die Zahl der Mitglieder im Bezirk Gießen etwa 503 betrage. Die eingezahlten Beträge würden nicht nach Reichsmark, sondern nach Festmark gewertet. Die Festmarkanlage sei stets gleichbleibend auf Grund der Jndexbasis. Bei der Bausparkasse lauteten alle Verträge auf den jeweiligen Index. Die Sparer seien nach jeder Seite gesichert, einmal durch Festmark, zum andern durch Anlage der Gelder in ersten Hypotheken. Besonderes Erfordernis sei die absolute Gegenseitigkeit. Die Bank der Arbeit in Frankfurt a. M. sehe folgende Sähe vor: 4 v. H. Vergütung, 5 v. H. Belastung und 2,5 v. H. Verwaltungskosten für die Dauer des ganzen Vertrages. Die Möglichkeit zur Erlangung eines Baukapitals fei auf Grund eines Tarifes festgelegt, der neun Klassen, die Sähe für monatliche Sparzahlung vom Beginn der Vertragsdauer bis zum Bezug des Hauses, die monatlichen Abzahlungen vom Bezug des Hauses bis Beendigung der Dertragsdauer, die Vertragsdauer selbst und die Wartefrist vorsehe. Finanziell sei es für jedes Mitglied gleich, wann es zum Bauen komme. Die besonderen Bedingungen würden nach den monatlichen Verträgen auf Grund der besonders errechneten Punktzahl festgelegt. Die Wartefrist sei in der Praxis gegenüber der vertraglich festgelegten Zeit bedeutend herabgemindert. Alle Verträge lauteten auf Festmark. Die Grundleihkasse löse Hypotheken ab. Alle diese Zweck,pareinrichtungen, wie Bausparkasse auf Jndexgrundlage, Grundleihkasse und Erblandkasse, seien ein festes organisches Gefüge, das den neuen praktischen Weg zeige, um zu einem Eigenheim zu kommen. — In der folgenden Aussprache wurden noch Fragen vom Redner beantwortet.
” Die Rationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Ortsgruppe Gießen, hielt am Freitag im „Postkeller" eine cut besuchte öffentliche Versammlung ab. Der Redner Geh - s e r - F e 11 sprach über das Thema: „Das Volk erwacht". Er kritisierte u. a. das parlamentarische System, wies auf die außerordentliche Rot un
seres Volkes hin und betonte, daß in der heutigen Zeit die Besserung der Lage eines Berufsstandes nur auf Kosten des anderen Standes möglich fei. Er erläuterte sodann den Gewinn und Verlust der politischen Parteien seit der Reichstagswahk im Mai 1928, bemängelte die Koalition des Zentrums mit Der Sozialdemokratie und vertrat Die Auffassung, daß die Verhältnisse in der Vorkriegszeit das Proletariat dem Marxismus überantwortet hätten. Der Redner kam bann auf die Bestrebungen hinsichtlich eines dauernden Friedens zu sprechen und wies in diesem Zusammenhang auf das Raturgesetz der Hngleichheit hin, das einen dauernden Frieden verhindere. Dir Verschiedenartigkeit der Meinungen führe zu Streitigkeiten zwischen Menschen und zwischen Völkern. Auch die Ausdehnungsnotwendigkeit vieler Völker führe oftmals zum Krieg. Der Redner sprach sodann von den Hrsachen des Weltkrieges und von dessen Ausgang und betonte, daß Deutschland als ehemaliger Agrarstaat nur auf dem Wege des Erwerbs von Grund und Boden wieder hochkommen könne. Die vor dem Kriege bemerkte Abwanderung der Landbevölkerung in die Stadt zur Industrie sei ein Trugschluß gewesen. Heute habe das Ausland das deutsche Volk in der Hand. Dec Redner sprach dann von der Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von der Hochfinanz und wies auf Den Einfluß des Auslandes in Deutschland in Industrie, Grundbesitz usw. hin. Er erwähnte Die Austrittsbewegung in Der Deutschnationalen Volkspartei unD kam zum Schluß noch auf Den DolksentscheiD zu sprechen. In Der anschließenden Aussprache äußerte sich ein Redner in zustimmendem Sinne, während ein zweiter Redner zu den Ausführungen des Referenten übet Die Austrittsbewegung in Der Deutschnationalen Volkspartei Stellung nahm unD Die Jugend zur Mitarbeit im vaterländischen Sinne ausforderte. 2n seinem Schlußwort beschäftigte sich der Referent noch in längeren Ausführungen mit Dem Boung-Plan unD feiner Auswirkung. Er besprach weiter Die Frage: „Welche Folgen treten bei Der Ablehnung Des Voung-Planes ein?“ Bezüglich Der zukünftigen außenpolitischen Verhältnisse vertritt Der Redner Die Auffassung, Daß England, das seine Vormachtstellung in finanzieller und wirtschaftlicher Hinsicht eingebüßt habe, gezwungen fei, sich Deutschland zu nähern, während Frankreichs Soldaten Amerika beschützen würden.
** Der Gewerkfchastsbund der Angestellten (GDA), Ortsgruppe Gießen, veranstaltete am Samstagabend im Casö Leib eine gut besuchte Weihnachtsfeier. Das reichhaltige Programm enthielt vor allem eine Reihe guter musikalischer Darbietungen der Kapelle ehemal. Militärmusiker, die reichen Beifall fanden. Ein von Frl. L. Diehl vorgetragener Prolog würdigte die Aufgäben des Bundes in treffender Weise. Der Vorsitzende Der Ortsgruppe, L. Zech e r. wies nach kurzer Begrüßung auf Die wirtschaftliche Rot und Die beDauernstocrte Lage der zahlreichen Arbeitslosen unD ihrer Familienangehörigen hin unD forDerte zu tatkräftiger Mitarbeit im Sinne Des Eewerkschaftsbundes Der Angestellten auf. Seine weiteren Ausführungen bezogen sich auf Den Charakter des Weihnachtsfestes und (langen in Dem gemeinsamen Lied „Stille Rächt" aus. Der Gesangverein „Heiterkeit" (Leitung: Musik.ehrer Schätller) trug durch eine Reihe gesanglicher Darbietungen wesentlich zur Verschönerung des Abends bei. Auch ein nettes Theaterstück, ein wirkungsvolles Duett, sowie ein schöner Reigen Der Jugendgruppe verfehlten ihre Wirkung nicht. Dem Geschäftsleiter F. Mack wurde in Anerkennung seiner Verdienste um Die Dundessache eine besondere Ehrung zuteil, Die von Dem guten Einvernehmen zwischen Vorstand und Geschästsleitung Zeugnis ab» legte. Den Schluß der Veranstaltung bildete ein Ball.
„Ich — weißt Du, HilDe — ich bin zu Der Heberzeugung gekommen, daß es vielleicht Doch besser wäre, wenn du nach Hause fährst und die Sache persönlich in Ordnung bringst. Briefe sind oft so nichtssagend und erfüllen so feiten ihren Zweck."
„Der meine macht eine Ausnahme," sagte sie lachend. „Oder hast du spezielle Gründe, Die es dir nötig erscheinen lassen, daß ich zurückkehre?" Sie sah Den forschenDen Blick, mit Dem er sie streifte. Ein Frösteln lief ihr plötzlich über Den Rücken und machte sie zufammenschauem. „Ist irgend etwas vvrgefallen, Papa?" Sie muhte Die Hände ineinanderkrampfen, um ihre Ruhe zu bewahren.
Er vermied es, sie anzusehen. „Hast Du irgendwelche Rachricht von Hans Peter bekommen, seit du hier bist?"
„Keine!"
„Auch Bernd nicht?"
„Soviel ich weiß, nein! Er hätte mir - sicher davon gesagt." Ihre Zähne schlugen aufeinander. Sie mußte näher an den Tisch treten, um eine Stühe zu finden.
Der General rückte in seinem Stuhle, der ihm so unerträglich enge wurde. „Brunhilde — ich — du weißt, als Soldat ist es mir nicht gegeben, Hinwege zu machen. Immer gerade los, wo der. Feind steht, heißt meine Parole. Ich hoffe, day du wenigstens darin etwas von mir geerbt hast, Tatsachen, die sich nicht mehr ändern lassen, gefaßt ins Auge zu sehen."
„Papa!"
„So geht das nicht, Kind!" Er war aufgestanden und hatte die Schwankende mit behutsamen Armen in seinen Stuhl gedrückt. „Wenn du Dich so schwach zeigst, machst Du es mir unmöglich, meine Mission zu Ende zu führen. — Dann —“
„Papa, warum quälst Du mich so unsagbar?"
„KinD — ich wollte, es hätten meine siebzig Iahre Daran glauben müssen unD nicht seine ReununDDreißig."
Ihre Knie zitterten und Die großen, blauen Augen starrten glanzlos in Die seinen. „Hans Peter?"
„3a! — HilDe, ich kann Dir nicht einmal mit Der Wahrheit Dienen. Kann nur sagen, was anDere wissen unD mir berichtet haben: Er soll aus Der Jagd verunglückt fein.“
Ihr ganzer Körpxr befanD sich in einem Derartigen Aufruhr, daß es ihr nicht einmal möglich war, Die Hand zu heben. Lötzen verstand nicht, was ihr Mund lallte, er ahnte es nur.
„Die Ansichten sind geteilt,“ erklärte er. „Einige sprechen von Selbstmord, während die anderen behaupten, er wäre im Duell gefallen. Die letztere Ansicht dürfte wohl der Wahrheit am nächsten kommen."
„Papa!"
Lötzen sprang herzu und hielt ihren seitwärts gleitenden Kopf gegen seine Brust gedrückt. ,€tar( sein, mein Armes I Ganz stark fein jetzt! — Denke an Bernd!"
„Bernd!" Der schlanke Frauenkörper wurde von Krämpfen geschüttelt. Der General eilte nach seinem Bett und hüllte sie in die seidene Decke. „Soll Der Junge beide Eltern verlieren, ÄinD?‘
„Bernd!" Die verzweifelte Frau schrie es heiser in das Schweigen des Raumes.
„Du darfst ihn jetzt nicht rufen,“ mahnte er. „Jetzt nicht! Laß ihm Die Paar Stunden noch, wo ihm das Entsetzliche verheimlicht werden kann. Es muß ertragen werden, Brunhilde."
Sie hatte plötzlich Die Decke von sich geworfen und brach vor seinen Füßen zusammen. „Es kann ja nicht sein, Vater! — Es kann ja nicht fein! Verwundet vielleicht! — Aber nicht tot! — Rein, nicht tot! Auf Den Knien will ich «zu ihm hinkriechen und bitten, daß er verzeiht."
„HilDe! — Du machst es mir unmöglich, dir auch noch das Letzte zu sagen."
„Es gibt ja nichts mehr sonst! — Was soll es denn noch geben?" Ihre Stimme war am Erlöschen.
-v—«fiöhyi bnb sie mit starkem Arm empor und trug '"nach seinem Bett: „Wenn Du ganz c-uUa-^.^^^W -du.es wissen. Mußt es wissen. Brunhilde!"
Die Finger in Das Tuch seines Rockes gekrallt, starrte sie ihn an. Lötzen fühlte Schweiß auf der Stirne perlen. Aber man Durfte ihr Die entsetzliche Wahrheit nicht tropfenweise bei- bringen. Er sah neben ihr auf Dem DeltranD und hielt ihren Körper fest gegen sich gepreßt. „Iw brauche Dir Oertzens Rainen nicht zu nennen. Er ließ es nicht einmal bei einer Kugel bewenden — er soll den Toten auch noch beifeite- geschafft haben. Die Polizei fahndet bereits nach ihm."
Lötzen vermochte kein Glied mehr zu rühren. Er hielt eine Ohnmächtige in den Armen um) hob die eifigtalten Finger der Tochter, um sie nick Dem Hauch seines Mundes zu wärmen. Rach Minuten erwachte sie und lächelte ihn an. „Ich habe so furchtbar geträumt, Papa." — In jagsm Erstarren erkannte sie, daß es nicht ihr, sondern fein Zimmer war, in Dem sie sich befand und wurde in die Wirklichkeit zurückgerissen.
„Hast du Beweise?" Die Zunge klebte ihr am Gaumen.
.Kind, ich würde dir gern von allem sprechen, wenn Du gefaßter wärest."
Sie strich sich das Haar zurück unD sah ihn an. „Jetzt!"
(Fortsetzung folgt.)


