Ausgabe 
11.3.1929
 
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provinzialausschuß Oberhesien.

Der Provinzialausschuß der Pro­vinz Oberhessen beschäftigte sich in seiner Sitzung am Samstag mit der Klage der W i l - Helm Seipp Wwe. in Albach gegen den Polizeibefehl des Kreisdirektors des Kreises Gießen vom 5. Februar 1929 wegen Entwässerung der Hofreite der Klägerin. Der Kreisdireltor des Kreises Gießen erließ unterm 5. Februar 1929 Polizeibefehl gegen die Klägerin und verlangte hierin, daß binnen 6 Wochen 1. das quer über ihr Grundstück ziehende offene Gräbchen zu vertiefen und von der Stelle an, wo es auf das Grundstück der Karl Balser Ehe­frau austritt, entlang der beiden Grundstücke bis zu der der Karl Horn Ehefrau gehörigen Wiesenparzelle neu anzulegen ist: 2. zur Samm­lung des Grundwassers unmittelbar hinter der Scheune der Klägerin auf dem Grundstück des Jakob Schmidt entlang der Rückwand der Scheune einen Droinstrang auszuführen und von diesem aus zur Abführung des sich sammelnden Wassers einen weiteren Drainstrang unter der Scheunen­tenne hindurch und durch den Hof in die be­stehende Leitung unter der Ortsstroße einzu­führen ist. Gegen diesen Polizeibcfchl legte Frau Seipp form- und fristgerecht Klage bei dem Pro­vinzialausschuß ein. In der Begründung machte die Klägerin geltend, daß das aus ihrer Hofreite ausfliehende Wasser aus dem Feld herkomme und nicht als Regenwasser oder Abwässer der Hofreite zu betrachten sei. Dieses aus dem Feld kommende Wasser habe in früheren Jahren feinen Weg größtenteils den nach dem Dorf hinziehen­den Fußpfad entlang genommen. Fußpfad und Wasserrinne seien im Laufe des Jahres derartig erhöht worden, daß sie das Wasser nicht mehr ausnahmen. Seit dem Jahre 1877, in welchem die Scheune erbaut wurde, habe eine Verände­rung, die auf den Abfluß des Wassers irgend­welche Einwirkungen haben könnte, nicht statt- gesunden. Die Gemeinde habe dagegen eine Ver­änderung vorgenommen, indem sie den Fußpfad erhöhte. Die Klägerin beantragte, die Gemeinde zu verurteilen, für den ordnungsmäßigen Abfluß des aus dem Feld kommenden Wassers Sorge zu tragen, und behielt sich einen evtl, hieraus entstehenden Schadensanspruch vor. Der Vertreter der Gemeinde erklärte, daß der betreffende Fuß­pfad zürn Schuhe der Hofreiten erhöht worden sei und daß, wenn das Gräbchen offen gelassen würde, sich der Abfluß des Wassers ohne wei­teres bewerkstelligen würde. Der Provi.z.alaus- schuh stellte auf Grund der Aussagen des Ver­treters des Kulturbauamts und Hochbauamts fest, daß im vorliegenden Falle der maßgebende Artikel des BachgeseheS und der Allgemeinen Bauordnung ineinander übergreifen. Aachdem der Versuch, eine Einigung zwischen der Ge­meinde und der Klägerin herbeizu.ühren, schei­terte, beschloß der Provinzialausschuß, um ein klares Bild über den jetzigen Zustand zu erhalten, die Sache zu vertagen und eine Lokalbesichtigung an Ort und Stelle demnächst vorzunehmen.

Als weiterer Punkt der Tagesordnung wurde verhandelt die Klage des Bezirksfürsorge­verbandes der Stadt Gießen gegen den Bezirksfürsorgeverband des Krei­ses Büdingen auf Ersah von Fürsorgeauf­wendungen für Karoline Weber aus Ahbach. Der Provinzialausschuß beschloß, nachdem die Vertreter der beteiligten Fürsorgeverbände an­gehört wurden, die Sache zu vertagen und zu­nächst noch den Landesfürsorgeverband beizu­laden.

Weiter stand zur Verhandlung die Klage des August Adolph in Gedern gegen das Kreisamt Schotten wegen Versagung eines Wandergewerbescheins. Adolph stellte im De- zeinber 1928 bei dem Kreisamt Schotten Antrag auf Ausstellung eines Wandergewerbescheins zum Händel mit Korbwaren. Das Kreisamt Schot­ten lehnte den Antrag ab, da der Genannte das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet und auch in Gedern keinen festen Wohnsih habe. Gegen diesen Bescheid legte Adolph form- und fristgerecht Klage bei dem Provinzialausschuß der Provinz Oberhessen ein mit der Begründung, daß er ein­ziger Ernährer seiner Familie fei und zur Be­streitung seines Lebensunterhaltes den Wander­gewerbeschein benötigte. Vach Anhörung des Vertreters der Gemeinde Gedern und des Kreis- amtS Schotten gab der Provinzialausschuß der Klage statt und erteilte den nachgesuchten Wan­dergewerbeschein. Die Kosten des Verfahrens wurden dem Kläger zur Last gesetzt und der Wert des Streitgegenstandes auf 50 Mark fest­gesetzt.

Die Tagesordnungspunkte: Klage der D i e h e - ner Studentenhilfe gegen die Stadt Gießen wegen Straßenkosten-Beitragsleistung und Berufung des H. F. Diel in Ober-- W ö l l st a d t gegen das Urteil des Kreis- ausfchusses Friedberg wegen der Was­serleitung in Ober-Wöllstadt (amen nicht zur Verhandlung: die erste Sache wurde vertagt, in der zweiten Sache die Berufung zurückgenommen.

Bekannte und unbekannte Postgebühren.

Mancher wird entschlummern, ohne je erfahren zu haben, mag ein Blitzgespräch von Berlin nach San Franzisko kostet: andere kleben auf eine Post, karte in der Stadt 20, auf einen Eilbrief über Land 15 Pfennig, und gehen auch nicht daran zugrunde. Und wenn jemand das für übertrieben halten sollte, dann möge er sich auf die Post bemühen, und man wird ihm erzählen, daß wohl jeder deutsche Brief­träger täglich mindestens fünf falsch frankierte Sen­dungen bestellt und daß jährlich 5)unberltaufenbc an Nachporto eingezogen werden, ebenso wie Tag für Tag eine halbe Million ungenügend adressierter Briese und Karten durch die Gegend schwirren.

Wenn schon jedem Bürger geraten werden kann, sich im eigensten Interesse die wichtigsten Post- geoühren einzuprägen, so soll dennoch nicht ner- schwiegen werden, daß es Gebühren gibt, deren Auf­stellung man in ihrer Gesamtbeit In einem Heftchen für 10 Pfennig kaufen kann, die aber doch die we­nigsten auswendig herzusagen brauchen, weil man sie selten benötigt. Sic; Möglichkeiten für den ge­wöhnlichen Sterblichen, die Post auf billige Weise zu beschäftigen, sind nämlich außerordentlich groß, und man glaubt es kaum, für welch geringe Be­träge dieses Institut alle möglichen Dinge rund um die Erde sendet.

Blindenschrift kostet im Inland bis 5 Kg., im Ausland bis zu 1 Kg. nur 3 Pf., was vielleicht noch bekannt sein dürste, ebenso wie die Gebühren für Kreditbriefe, die auf mindestens 1000 Mark ausgestellt sein müssen und für je 100 Mk. 10 Pf. kosten. Dann aber gehr <t= rasch ins Land der unbekannten Dinge. Wer weiß schon viel vom

zur

Das Vadium wird billiger!

Ein Gramm kostet aber immer noch 250000 Mark

Don Dr. Ignaz Sauer.

Jahre vorher in Schweden und England _ billigeren Erzeugung unternommen worden sind. Die Kongolager, deren Ausbeute von 20 Gramm im Jahre 1925 sich nun vervierfacht, haben es ermöglicht, den inzwischen übermäßig in die Höhe getriebenen Preis zu senken. Die Summen, die von den wissenschaftlichen Instituten für ein paar Milligramm Radium gezahlt werden müssen, entsprechen nämlich nicht den Herstel­lungskosten, sondern sind Liebhaberpreise. Zwar braucht man zur Erzeugung eines einzigen Gram­mes etwa 6000 bis 10 000 Kilogramm Pech-

Dold, Platin und Diamanten sind gewiß kost­bare Stoffe, die die Begehrlichkeit der Menschen reizen können. Aber man muh schon große Men­gen dieser edlen Metalle und wertvollen Steine anbieten, um nur ein einziges Gramm jenes seltenen Stoffes zu erstehen, der in den letzten Jahren gewaltig tm Preis gesunken ist, ohne bis­her auch nur für alle größeren wissenschaftlichen Institute erschwinglich zu sein: des Radiums. Roch vor acht Jahren bezahlte man für ein Gramm Radium eineinviertel Million Mark: heute kann man schon für den fünften Teil dieser Summe, für lumpige 250 000 Mark, diese Menge des strahlenden Schwermetalls kaufen. Mit großer Sorge betrachten die Radiumproduzenten der Ver­einigten Staaten und der Tschechoslowakei von Australien gar nicht zu reden diese Entwicke­lung, die es ihnen bald unmöglich machen wird, den Wettbewerb mit dem belgischen Kongogebiet durchzuhalten. Australien ist schon vor einiger Zeit aus dem Weltmarkt für Radium ausge­schieden, weil es nicht genug arbeiten konnte. Die Union Miniere du Haut Katanga erdrückt mit ihrer .Massenerzeugung" die kleinen Hersteller, die sich bisher damit begnügten, in jedem Jahr einige Gramm an die wissenschaftlichen Institute abzugeben. In der Tschechoslowakei wurden bis jetzt jährlich 2 bis 3 Gramm Radium produziert, und die Vereinigten Staaten steuerten die ge­waltige Menge von 12 bis 15 Gramm bei. Aus den Katanga-Minen sollen nun von jetzt ab in jedem Jahr 80 Gramm Radium geliefert werden, also in mehr als sechs Jahren erst ein einziges Pfund. Aber für ein Pfund dieses Stoffes wird man bei dem augenblicklichen Preis 125 Millionen Mark erhaltenI

Wir find nicht gewohnt, bei anderen Waren mit so geringen Mengen zu rechnen, und es ist schon möglich, daß man an dem technischen Fort­schritt unserer Zeit einen Augenblick irre wird, wenn man sich die schwierige Erzeugung und den hohen Preis dieser geringfügigen Quantitäten vergegenwärtigt. Dennoch bietet gerade die Ra­diumproduktion ein wertvolles Beispiel für die großen technischen Fortschritte in den letzten bei­den Jahrzehnten. Vor neunzehn Jahren, Ende Dezember 1909, wurde die Welt durch die Vach- richt in Erstaunen gesetzt, daß in den Labora­torien des böhmischen Ortes Ioachimstal nun endlich das zweite Gramm Radium herge­stellt worden sei, für dessen Verkauf eine amt­liche Stelle des österreichischen Staates einge­richtet wurde. Damals bewertete man das Gramm mit 380 000 österreichischen Kronen, also nicht sehr viel höher als jetzt, während es inzwischen wesent­lich teuerer gewesen ist. Die österreichische staat­liche Verkaufsstelle begann ihre Arbeiten damit, eine Verpackung zu ersinnen, in der Bruchteile dieses Radiumgrammes versandt werden konnten, ohne bei dem Transport Menschen und Güter zu beschädigen. Da das Radium schon im Jahre 1898 von dem Ehepaar Curie entdeckt wurde, aber erst ein Jahrzehnt später zwei Gramm dieses Metalls vorhanden waren, ergibt sich von selbst die Frage, wie diese Entdeckung überhaupt be­wiesen werden konnte, ohne daß eine entsprechende Quantität des geheimnisvollen Metalls vorge­zeigt wurde. Run denke man sich eine Substanz, die eine so unfaßbar mächtige Energie in sich hat, daß noch das Vorhandensein des fünfzig­millionsten Teils eines Milligramms bequem nachweisbar ist: das ist das Radium. Die Ent­decker fanden es aus vielen Tonnen Pechblende heraus und waren glücklich, der Münchener Ver­sammlung deutscher Vaturforfcher und Aerzte im Jahre 1899 in einer Schachtel, deren Wände aus 12 Millimeter dickem Blei bestanden, diese mystische Substanz zu zeigen, die durch die Blei- umhüllung hindurch Strahlen entsandte und in einer gewissen Entfernung einen präparierten Schirm ausleuchten lieh. In den vergangenen 30 Jahren hat die Wissenschaft also ungeheuere Fortschritte gemacht, wenn es nun gelingt, ins­gesamt fast 100 Gramm Radium jährlich zu ge­winnen!

Der R a d i u m p r e i s hat in dieser Zeit außerordentlich geschwankt. Anfang 1915 zahlte man etwa 675 000 Mark für das Gramm: aber damals versprachen die Amerikaner, den Preis bald auf 150 000 Mark senken zu können, well neue radiumhaltige Gesteinslager entdeckt worden waren. Daraus ist nichts geworden, ebensowenig wie aus anderen Versuchen, die schon fünf

blende, deren wichtigster Bestandteil daS Uran­erz ist, und aus der das Radium auf sehr kompliziertem Weg gewonnen wird: zwar dauert dieser Arbeitsvorgang acht bis neun Monate aber das alles reicht noch nicht aus, den über­steigerten Preis zu erklären. Das strahlende Metall wird vor allen Dingen von Kranken­häusern und Kliniken gebraucht, die sich freuen, wenn sie fünfzig Milligramm besitzen, und die schwedischen Institute sind besonders stolz, daß sie kürzlich für Heilzwecke sechs Gramm erworben haben, die den Krebskranken und anderen Leiden- den zugute kommen sollen. Die Radiumprvdu- zenten ziehen also aus der Seltenheit Ruhen und lassen sich den Monopolbesitz der Pech­blendenlager teuer bezahlen.

Während die Radiumgewinnung für die Unter­nehmer ein lohnendes Geschäft ist, geht es den Arbeitern sehr schlecht, die dazu verurteilt sind, in diesen Tetrieben tätig zu sein. Im Jahre 1998 hat die Stadtgemeinde Oberwiesenthal im Erz­gebirge das Mutungsrecht für Radium in dem sog. Reuendvrser Grund erworben, und die Bür­ger dieses Ortes hofften damals auf eine glück­liche Zukunft, wenn Radiumsalze in größerer Menge gewonnen werden würden. Sie können froh sein, daß das Geschäft sich zerschlagen hat. Dor einem halben Jahr erfuhr man schreckliche Dinge aus Radiumbergwerken, in denen die Bergleute durch die geringfügige aber dauernde Ausstrahlung des Gesteins im Laufe der Jahre gesundhe tiich schwer geschädigt worden sind. Man hat versucht, durch Bleiplatten die gefährliche Wirkung des Radiumerzes herabzusetzen, wie man ja auch bestrebt ist, den mit Radium ständig arbeitenden Aerzten durch ähnliche Schutzmaß­nahmen das Leben zu verlängern und ihnen, wenn selbst keine unmittelbare Gefahr für das Leben besteht, die Gesundheit der von den Strah­len besonders angegriffenen Keimzellen zu er­halten. Im tschechoslowakischen Parlament haben seinerzeit verschiedene Parteien eine Interpella­tion vorbereitet, die eine Verkürzung der Dienst­zeit in Radiumbergwerken fordert, und m der verlangt wird, nach spätestens Hehn Jahren di- Bergleute zu pensionieren, da eine Weiterarbeit den sicheren Tod bedeutet. Diele Bergarbeiter haben eS mit ihrer Gesundheit bezahlen müssen, daß es der Wissenschaft ermöglicht wurde, Kranke durch Radium zu heilen.

Eine Umwälzung auf dem Gebiete der Radium­therapie steht vielleicht durch eine Erfindung bevor, die der Physiker W. D. Coolidge vor drei Jahren in Amerika gemacht hat. Er knüpfte an ein Experiment deS Heidelberger Physikers Lenard an, der seinerzeit folgendes zeigte: Wenn man in einer Kathodenröhre (wie sie auch zur Erzeugung von Röntgenstrahlen dient) gerade gegenüber der Kathode ein kleines Loch in der Glaswand der Röhre anbringt und es mit einem Aluminiumblech bedeckt, so besitzen die Kathoden- strahlen die Kraft, dieses Blech zu durchdringen. Auf diesem Fundament arbeitete Coolidge weiter. Er erfand eine neue Röhre, die ganz ähnliche Strahlen wie das Radium aussendet. Die Er­findung ist inzwischen weiter vervollkommnet wor­den: leitet man nun durch die Kathodenröhre einen Strom von 900 000 Dolt, so werden in der Sekunde 180 Millionen Elektronen ausgesandt, deren Geschwindigkeit annähernd so groß ist wie die des Lichtes, die also fast die in der Ratur größte beobachtete Geschwindigkeit besitzen. Da die Experimente gezeigt haben, daß diese künst­lichen Radium st rahlen auch auf den tieri­schen Organismus ähnlich zerstörend oder, bei anderer Anwendung, heillrästig wie die echten wirken, wird es vielleicht bald möglich fein, die gesamte Radiumproduktion für die chemischen Forschungsanstalten zu verwenden, während man sich in der Medizin unter Umständen mit* den künstlichen Strahlen begnügen kann.

kosten. Dann aber geht es rasch inS Land der unbekannten Dinge. Wer weiß schon viel vom Luftpostverkehr? Reben der gewöhnlichen Ge­bühr werden erhoben für Karten und Briefe (bis 20 Gr.) 10 Pf., für Pakete bis zu 1 Kg. 1 Mark. Das gilt fürs Inland, Oesterreich, Litauen, Me­mel, Danzig und Saargebiet: im Ausland heißen die Satze 20 Pf. bzw. 2,40 Mark, bis auf die Luftlinien nach Moskau, Mongolei, Persien, wo jede 20 Gr. 40 Pf. und Amerika, wo sie sogar 90 Pf. kosten. Telegramme? Kennen wir. Schön: aber was kosten Seetelegramme? DaS sind solche, bei deren Beförderung ein Unterseekabel benutzt wird. Kabelt man von Land an Land (Berlin- London), so wird eine Küstengebühr von 30 Pf. erhoben, kabelt man von Land auf ein Schiff oder umgekehrt, so ist der Preiszuschlag zur gewöhn­lichen Gebühr genau so hoch, nur heißt er jetzt Bordgebühr. Pro Wort versteht sich! Früher war es teurer, ebenso wie das Blitzgespräch, das bei seiner Einführung das Dreißigfache, heute nur mehr das Zehnfache der gewöhnlichen Gebühr kostet.

Wenn eben von .unbekannten" Postgebühren gesprochen wurde, so stimmt daS insofern nicht, als sie ja z imindest der Post, aber auch allen denen bekannt fein dürften, die sich ein Gebühren­heft erstehen. Zu den wenig bekannten Dingen ge­hören aber sicher auch die 10 Pf., die man für das Vorzeigen von Rachnahmesendungen entrichten muß. Wer wüßte, daß man für 5 Pf. daS Vergnügen haben tami, gewöhnliche Briefe durch Cinwerfen in Straßenbahnbriefkästen beför­dern zu lassen? Wer sich einen eigenen Haus­briefkasten zulegt, hat dafür 15 Mark im Monat zu bezahlen. Der Glückliche, dem es gelingt, außerhalb der SHallerstunden Einschreiben oder Pakete aufzuliefern, darf dafür zwei Groschen entrichten. Sollte jemand auf der Post ein Paket liegen lassen, kostet das täglich 10 Pf. Etwas für Vergeßliche, die sich daher besser gleich ein Schließfach für 75 Pf. tm Monat einrichten soll­

ten. Man schreibe lieber keinen Brief, als einen mit falscher oder unvollständiger Adresse, beim die Unbestellbarkeitsmeldung kostet den Absender 20 Pf. Aber daß die Post für eine halbe Mar? im Monat verschlossene Taschen befördert, dürste vielen unbekannt sein. Die wenigen noch in Be­wegung befindlichen Pferdeposten befördern neben Gepäck (10 Kilogramm für 25 Pf.) auch Hunde, und zwar kostet jedes Tier eine halbe Mark für die ganze Strecke, was man bei den Men­schen leider noch nicht eingeführt hat.

Boykott der frankfurter Markthalle. Neuer Gtraßenbahntarif.

Frankfurt a. M., 9. März. Dieser Tage wurde den Standinhabern in der G r o ß m a r 11- halle eine neue Gebührenerhöhung mitgeteilt. Daraufhin haben sich die Importeure, Groß- und Kleinhändler zu einer Interessen­gemeinschaft zusamn engeschlossen, die nach mehreren erfolglosen Versuchen, den Magistrat von der Unmöglichkeit der neuen Erhöhung zu überzeugen, jetzt sämtliche Stände zum 1. April gekündigt hat. Man hat bereits ein geeignetes Gelände für den Markt in Aus­sicht genommen, so daß die Belieferung der Ver­braucher ohne Storung weitergehen kann.

In einer heute morgen stattgefundenen Presse- besprechung wurde mitgeteilt, daß der Magistrat der Stadtverordnetenversammlung in den näch­sten Tagen eine Vorlage zugehen lassen wird, in der einschneidende Veränderungen in dem bisherigen Straßenbahntarif vor­gesehen sind. So soll der 15-Pf.-Tarif als seit­herige Mindestgebühr durch einen 20-Pf.- Tarif als unterste Tarifgrenze ersetzt werden. Auch der 15-Pf.-Tarif in den Vormit­tagsstunden von 9 bis 12 Uhr fällt in Zukunft fort Ein Einheitstarif ist nicht vorgesehen. Die Wochenkarten, die bisher für sämtliche Be­

rufe criägegeben wurden, sollen künftig nur auf Handarbeiter beschränkt werden, da daS Deichsfinanzministerium nur in diesem Falle Steuerfreiheit gewährt. Durch diesen neuen Taris hofft die Stadt 150000 Mk. zu gewinnen.

Ein Studenienhauek in Frankfurt.

WSN. Frankfurt a. M., 9. März. Wie der Prorektor der Frankfurter Universität, Profesior Dreoermann, mitteilt, ist der Bau eines Studentenhauses in Frankfurt geplant Die Stadt hat sich bereit erklärt, den bestgeeigneten Bauplatz, unmittelbar gegenüber der Universität, zur Verfügung zu stellen. Das Frankfurter Stu- dentenhaus soll mit zahlreichen Wohnräumen für Studentinnen und Studenten verbunden werden, in denen der Austauschstudent aus andern Ländern mit besonders ausgewählten deutschen Kommilito- nen zusammen wohnt und die beste Jugend aller Länder einander kennen und achten lernt. Es ist zu hoffen, daß die Reichs- und Staatsbehörden die er­betene Hälfte der notwendigen Mittel zusagen, den übrigen Teil hofft die Stuoenlenhilfe durch Spen­den aufhsingen zu können.

Oberheffen.

Landkreis Gießen.

* Klein-Linden, 10. März. Die Ge­folgschaft Klein-Linden der Bruder­schaft Gießen des Jungdeutschen Or­dens hatte am Freitagabend ihre Mitglieder und Freunde zu einem geselligen Abend in der Wirtschaft »Zur Burg" eingeladen. Rach De- grützungsworten des Vorsitzenden der hiesigen Gefolgschaft. Beigeordneten Germer, hielt Stu­dienrat Dr. Gebhard (Gießen) einen Vortrag über die Organisation des Jungdeutschen Ordens. In beredten Worten schilderte der Redner Zweck und Ziele, ferner Stellung des Jungdeutschen Ordens zur außen- und innerpolitisc^n Lage. Seine Ausführungen wurden dankbar aufgenom­men. Anschließend hielt Friedrich Holler einen Vortrag über die Schönheiten des Städt­chens Rothenburg ob der Tauber. Prachtvolle Lichtbllder ergänzten die Ausführungen deS Red­ners. Beigeordneter Germer sprach beiden Rednern unter dem Beifall der Versammlung Dank aus.

s. Reiskirchen. 10. März. Dor einigen Tagen starb der älteste Einwohner unseres Dorfes, Ludwig Damm, nach kur­zem Krankenlager im 91. Lebensjahre. Er war bis in sein hohes Alter ein Urbilb körper­licher Rüstigkeit und geistiger Gewecktheit. Drei­ßig Jahre lang bekleidete er das Amt eines Kirchenvorstehers und war auf den Kirchen­vorstehertagungen, sowie bei sonstigen kirchlichen Veranstaltungen eine gewohnte Erscheinung. Sein Vater erreichte dasselbe hohe Alter.

df. Langsdorf. 10. März. Am Freitctz abend sprach in der Schule der Direktor des Landwirtschaftsamtes Lich, Landwirtschaftsyat D r. Lehr, vor einer zahlreich erschienenen Hörerschar, obwohl damit der vierte Vortrag in einer Woche stattfand. Eigentlich war ein Lich- bildvortrag vorgesehen, der aber wegen Deffekts am Apparat nicht stattfinden konnte. Daher sprach der Redner über allgemeine Fragen und Fehler in der Tierzucht. Als die für unsere Ge­gend beste Rasse empfiehlt der RedncK: das mittelschwere Simmentaler Rind. An dep Vor­trag schloß sich eine Diskussion, aus der her­vorging, daß über Zuchtfragen noch mancherlei Unflat!)eit herrscht, und die zeigte, wie wichtig Aufklärungen von feiten der Landwtrtschafts- ämtec sind.

df. M u s ch e n h e i m , 10. März. Dhs bei der letzten Vorstandssihung des W est t e 11 a l - Sängerbundes für den 12. Mcck festgesetzte We rtungssingen findet nach Zusage des Wertungsrichters Reallehrers Bl-ß, Gießen, an diesem Tage in Langsdorf statt. Die Mehrheit der Dundesvereine hat sich mittler» weile für den Beitritt zum Hessischen Sängerbund entschieden, so daß damit zu rechnen ist, daß der Bund Mitglied wird.

s. Utphe, 10. März. Ein Schmerzenskind ist zur Zeit unsere Wasserleitung. Gewisse Bestandteile des Strahenuntergründs wirken che­misch auf das Metall der Anschlutzrohre ein und fressen diese stellenweise förmlich durch. Durch die hinzukoinmenbe Druckwirkung deS Froste- brechen die beschädigten Rohre noch schneller, so daß fast jeden zweiten Tag Repara­turen notwendig werden, während deren die gesamte Leitung abcgestellt werden muß. Don abendS 8 Tlhr bis morgen- 7 Uhr ist der Wasserverluste wegen die Leitung regelmäßig bis auf weiteres gesperrt.

. Kreis Friedberg.

hr. W e ck e s h e i m , 9. März. Gestern abend verunglückte auf der Braunkohlen­grube der Bergmann Weller von hier. Sr war an einem Abbau beschäftigt, an dem ein Stempel brach und dann einige schwere Kohlen­stücke aus einer Höhe von etwa 3 Metern auf den bedauernswerten Mann herabstürzten. Der Derunglückte erlitt dadurch schwere Quetschungen und Derstauchungen an den Beinen, sowie Ver­letzungen am Rückgrat und an den Armen. Zum Glück für ihn stürzten weitere Kohlenmassen nicht mehr nach. Der llnglückfall ereignete sich kurz vor Beendigung der Schicht.

Kreis Alsfeld.

Os* Alsfeld. 10. März. Am Freitag hielt älniversitätsprofessorRoloff-Gie- 6 en auf Einladung der hiesigen Dürerge- feilsch ast im dichtbesehten _ Physilsaale der Oberrealschule einen Vortrag über »Die all­gemeinen älrsachen des Weltkrie­ges" und über .Die KriegSschuidlüge". Der Redner ging davon aus, daß es eine patrio­tische Pflicht aller Deutschen sei, sich mit diesem Problem zu befassen, da das ganze Versailler Diktat auf der sogenannten Kriegsschuldlüge auf­gebaut sei. Das Versailler Diktat von der allei­nigen Kriegsschuld Deutschlands fei eine Bös­willigkeit, eine unglaubliche Frivolität, wie sie in der Weltgesc^chte noch nicht vorgekommen sei. Die Dersalller Darstellung entbehre jeder Obiek- tivität, eine Verteidigung Deutschlands fei da­mals überhaupt nicht zugelasfen worden. Der Vortragende wies nach, daß auf Grund gewissen­hafter Forschung auf Grund der amtlichen Quel­len und Dokumente in den kritischen Julitagen 1914 Rußland auf jeden Fall zu einem Offen­sivkrieg entschlossen gewesen und daß auch Frank­reich für jene Krisis mit verant vorilich zu machen sei. Ebenso sei es heute geschichtlich fest- gestellt, daß auch England trotz aller gegenteili­ger Versicherungen von Lord Grey Rußland in seinen Angriffsabsichten in jenen kritischen