Ausgabe 
11.3.1929
 
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Nr. 59 Zweiter Blaff

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, U. März (929

Fünfzig Jahre Bulgarien.

Bulgarien ist in diesen Sagen fünfzig Jahre alt geworden, bei der bedrängten Lage, in der sich Doll und Staat befinden, kein Grund zu großen Feiern, aber doch ein Anlaß zu einem Rückblick auf den zurückgelegten Weg; und man darf sagen, ein Anlaß trotz allem zum Stolz auf das, was erreicht wurde. Das darf den Bul­garen gerade aus Deutschland in Erinnerung an eine lange Waffenbrüderschaft bescheinigt werden.

Leicht ist es dem Volke nicht geworden, den Traum seiner Selbständigkeit aus der geschicht­lichen Dergessenheit wieder zu erwecken. Die Bulgaren waren von den Türken Unterworfen und wurden von ihnen mit eisernem Druck nieder­gehalten. Sie verdanken ihre staatliche Auf­erstehung eigentlich nur dem Wunsche Ruß­lands, die Türkei niederzuzwingen und $ie freie Durchfahrt durch die Dardanellen zu erreichen. Zu diesem Zweck waren die Bulgaren ein wich­tiger Stein auf dem politischen und kriegerischen Schachbrett. DerZar-Befreier" Alexander II. hat nicht gezögert, die Chancen zu nutzen, die sich ihm hier boten, und im Frieden von San Stefano im März 1 8 7 9 wurde das neue Bulgarien gegründet. Allerdings in der gönn, wie Rußland sich das ursprüng­lich gedacht hatte, ließ sich der Plan nicht aus- ,führen. Die Großmächte mischten sich ein, der 'Berliner Kongreß trat zusammen, leider ließ sich auch Bismarck dazu verleiten, englische Politik gegen Rußland mitzumachen; weshalb er selbst später einmal gesagt hat, auf dem Berliner Kongreß hätte er Politik gemacht wie ein Stadtverordneter. Rußland war nicht stark genug, um einen Krieg gegen die Großmächte aushalten zu können. Es mußte sich deshalb fügen und einen Teil seiner Eroberungen auf dem Berliner Kongreß wieder preisgeben.

Das kleine Bulgarien, das aus diesen Ver­handlungen schließlich herauskam, war nur ein Fürstentum unter türkischer Oberhoheit, von vorn­herein lebensunfähig und darauf angewiesen, lebenswichtige Teile des ihm ethnographisch zu­stehenden umliegenden Gebiets anzustreben. Sein erster Fürst war der Battenberger Alexan­der , der siegreich Krieg gegen die Serben führte, aber trotzdem später den Russen geopfert werden muhte, sein Rachfolger, der Koburger Fer­dinand. der als kluger Diplomat sich ein ganzes Menschenalter lang zwischen allen Dalkan- intrtgen hindurchwand, der nur den einen Fehler machte, daß er sich schließlich mit den Serben und Griechen gegen die Türkei verbündete, u m Mazedoniens willen, das er nachher doch nicht bekam. Und der dann ein Opfer des Welt- ktieges wurde, weil sein Land ihn und seine nächsten Ratgeber für den Verlust des Krieges verantwortlich machten. Zu Unrecht; aber das wird man später erst erkennen, wenn Bulgarien die harte Schule, die ihm der zehnjährige Krieg und die Rachkriegszeit bedeuten muhte, über­wunden hat. Die Preußen des Balkans hat man die Bulgaren genannt. Sie haben den Beweis zähen, unbeirrbaren Willens erbracht, und wenn die Geschichte einen Sinn hat, werden sie sicher auch noch das Ziel eines Groh-Bulgariens er­reichen, dos die Heimat aller Bulgaren sein soll.

Vorzeitige Berufsunfähigkeit.

Uebcr die besondere Rotlage der älteren An­gestellten, die im Kampf um die Existenz durch ein Heer von jüngeren Arbeitskräften vom über­vollen Arbeitsmarkt verdrängt werden, ist schon viel geredet und geschrieben worden. Wobei es in keinem Falle gelungen ist, eine durchgreifende Hilfe zu schaffen; es wird an den Symptomen kuriert, aber kaum nach der Ursache geforscht. Da aber ein verstärkter Schuh dieser wirtschaft­lich besonders schwachen Kreise, die durch Infla­tion ihrer Eigenersparnisse beraubt sind, be­sonders nötig wurde, ist man auf allerlei Aus- kunftSmittel verfallen, die nicht immer glücklich gewählt waren. Es läßt sich nichts dagegen sagen, wenn auch die Reichsversicherung

psychoanalytischer Film.

Lichtspielhaus Bahnhofstraße.

D a s A u g e d e r W e 11", Bühne für Kunst und Leben im Film, hier bereits bekannt durch die Vor- fiihrung des Querschi,itt-Films der Henny Por­ten, gab mit zwei Sondervorstellungen eine zweite Gastrolle im Lichtspielhaus Bahnhof- straße.

Man sah einen psychoanalytischen FilmG e - h e i m n i f s e einer Seele". Sechs Akte mit Be­gleitvortrag von Frau Lona Grundig (Berlin). Es war ganz außerordentlich interessant: die bild­hafte Darstellung eines psychischen Krankheitsbildes und die Analyse und Heilung des Falles nach der bekannt und nahezu populär gewordenen Methode der von Sigmund Freud begründeten Wiener psychoanalytischen Schule. Gewissermaßen die sechs­aktige Doppelillustration von Freuds überaus be­merkenswerten und seinerzeit Aufsehen erregenden Untersuchungen über dieTraumdeutung" und die Psychopathologie des Alltagslebens".

Es würde gerade in diesem Falle zu weit fügten, wollte man versuchen, den Inhalt des Films auch nur andeutungsweise wiederzugeben. Wir sind uns auch durchaus darüber klar, was an Freuds Syste- matit und Lehre anfechtbar ist und den neueren wissenschaftlichen Methoden nicht mehr standhält.

Wesentlich erscheint vielmehr, daß der Film hier einmal ein ganz neues Feld erschlossen und einen in erstaunlichem Umfang gelungenen Versuch unter­nommen hat, Dinge darzustellen, die in keiner künst­lerischen Form annähernd so glücklich, einleuchtend unb überzeugend gestaltet werden können, wie ge­rade mit den Mitteln des Films.

Wohl sind die Mängel dieses Versuches nicht zu übersehen: zunächst relativ viel Text zwischen den Bildern; außerdem ist wenigstens für ein nicht geschultes ober psychoanalytisch vorgebildetes Publi­kum ein erläuternder Vortrag noch nicht ganz zu entbehren.

Aber man wird reichlich entschädigt durch das ausgezeichnet redigierte Manuskript unb eine mit verblüffendem Geschick arbeitende Regie. (Wir den­ken z. B an die Wiedergabe der Traumbilder im zweiten 2Itt, die schlechthin vollendet erschienen.)

Hinzu kommt eine Besetzung mit sehr hochstehen­den, verständnisvollen Schauspielern. An ihrer Spitze und in ihrer Mitte: Werner Krauß, der ein prachtvoll lebendiges, bis in kleinste Einzelheiten

für Angestellte zur Abstellung der Rotlage grundsätzlich herangezogen wird, solange der Träger der Erwerbslosenversicherung, bedingt durch die kurze Zeit seines Bestehens und durch die übergroßen Anforderungen aus einer Zeit allgemeiner Arbeitslosigkeit, noch nicht in der Lage ist, von sich aus weitgehende Bedürf­nisse zu befriedigen. Und deshalb ist es zu be­grüßen. wenn die Angestelltenversicherung auf Wunsch des Reichstages fortan die Wartezeit für Berufs unfähige von zehn auf fünf Jahre herabgesetzt hat, ehe sie in den Genuß der Rente kommeir.

Weit schwerere Bedenken erheben sich aller­dings gegen den Beschluß, die über sechzig Jahre alten Angestellten, die seit mindestens einem Jahre ununterbrochen arbeitslos waren, als berufsunfähig zu erklären, um ihnen das Ruhegehalt zu gewähren. Die Gründe, die gegen eine derartige Auslegung der Berufs­unfähigkeit sprechen, sind kaum handgreiflicher Ratur, sie liegen eher auf der psychologi­schen Seite. Fortan wird es ihnen nur noch schwerer als bisher schon fallen, den Be­weis zu führen, daß sie in ihrem Arbeitsgebiete immer noch ihren Mann stellen können. Sie sind abgestempelt als berussunfähig, und da wird wohl aller guter Wille nicht viel helfen, die Be­lastung durch dieses Odium hinwegzunehmen.

Sicher hätte sich eine wirkungsvolle Hilfe ohne Benachteiligung durch irgendwelche Auslegungs­künste erzielen lassen, toeim für diese Gruppe der älteren Angestellten Sonderzahlungen aus der Erwerbslosenversicherung gemacht würden, die in ihrer Höhe imgefähr dem Ruhegehalt gleichkommen. Damit wäre den schon ohnehin schwer Betroffenen wenigstens nie die Möglich­keit geraubt worden, sich doch noch eine Wir- lungsstätte zu schaffen, die mehr Befriedigung gibt und auch immer materiell einträglicher ist, als eine Rente.

Die jetzige Regelung ist auf fünf Jahre beschlossen, sie wird dann wohl wieder in Fort­fall kommen. Denn um diesen Zeitpunkt herum wird der Vormarsch der jungen Arbeitskräfte zum Markt geringer werden, der Geburten» nuSsall der Rachkriegsjahre beginnt sich auszpwirken. Damit entfällt sicher ein Teil der Sorge um die älteren Angestellten, auf die bann nicht mehr so rasch verzichtet werden kann wie heute, wo die Armee der Arbeitsfähigen um rund 27 Prozent größer ist als 1913. Bei den Reformarbeiten an der Reichsversicherung für Angestellte, die in Kürze beginnen sollen, wird es sich empfehlen, den Begriff der Berufsunfähigkeit so festzulegen, daß eine Auslegung in einer für die Arbeitnehmer ungünstigen Weise unmöglich bleibt.

Oer Rat der Vierhundert.

Don unserem römischen ^-Korrespondenten.

Rom, März 1929.

Sechs Herrscher thronen jetzt in den Mauern Roms, die schon so viele Gewalten kommen und gehen sahen:

der König im Quirinal,

der Papst im Vatikan,

der Duce im Palazzo Chigi,

der Grohrat im Palazzo Venezia, der Senat im Palazzo Madarna, der Rat der Vierhundert im Montecitorio. Wir haben eine Monarchie, eine Hierarchie, eine Autokratie, eine Tirnokratie, eine Oligarchie und eine Demokratie. Das sieht etwas verwirrend aus, so, als ob leicht Verwechslungen, um nicht zu sagen Kompetenzkonslikte Vorkommen konnten, ist aber in Wirklichleit noch einfacher als bei dem ähnlichen Aufbau großer Kongresse oder Ausstel­lungen, die auch ein Patronat, einen Chrenvorsitz und einen Arbeitsausschuß haben. Denn wie sagte doch der Diktator einmal zu einem Mitbe­werber um das Staatszeptcr? Für zwei ist auf diesem Stuhle fein Platz, r cgi e r e n kann nur einer I Dieser eine ist Mussolini. Dem König die Würde, dem Papst die Kirche, dem Duce die Macht.

Durch den endgültigen Verzicht des Heiligen Stuhles auf das Patrimonium Petri, auf jede weltliche Macht, durch die Einkapselung des Va­tikans ist nun endlich Rom von jedem anderen Anspruch befreit, Horcht und Herz des rein ita­lienischen Staates geworden. Jetzt gibt es nicht mehr zwei Rom, eines diesseits und eines jenseits des Tibers, sondern nur noch eine einzige Metropole. Durch die endgültige Abschaffung des parlamentarischen Systems und seine Ersetzung durch eine ernannte Ständekam­mer ist der rein faszistische Charakter der Staats­verwaltung verhürgt. Mussolini hat jetzt nicht einmal mehr die stille Feindschaft des Klerus im Rücken. Skizzieren wir zum besseren Ver­ständnis kurz den Werdegang dieser ungemein in­teressanten und lehrreichen staatspolitischen Ent­wicklung.

Rach der Einnahme Roms durch die Schwarz­hemden fand derRebell- einen liberalen Staat vor, der zwar morsch war bis ins Mark, nach außen hin aber die übliche Fassade des modernen Staates noch unversehrt zeigte. Mus­solini riß sie nun nicht etwa samt den Grund­pfeilern des Parlaments und des Mehrheits­systems ein, sondern benützte im Gegenteil das demokratische System, um feine persönliche Macht

a,uf gesetzmäßigem Wege zu erweitern. Er forderte von der Kammer, in der die Faszisten nur ein winziges Häuslein bildeten, ein Ver­trauensvotum und erhielt es auch. Als er einen Schritt weiter ging und um die Ver­leihung diktatorischer Vollmachten ersuchte, sagte die demokratische Mehrheit wie­derum ja. Damit hatte sie Harakiri begangen. Mussolini schrieb jetzt ein neues Wahl- verfahren aus, das den Faszisten von vorn­herein die Zweidrittelmehrheit sicherte, und mit dieser Mehrheit entzogen sie kraft Abstimmung der Minderheit die Abgeordnetenmandate.

Diese Camera purgata, ein Rumpfparlament, in der man nur noch den Ahnherrn des Libera­lismus, den steinalten Giolitti auä Pietät herum- geistern lieh wie das feudale Schloßgespenst, bewährte sich als Abstempelungsbureau für die mussolinischen Dekrete so trefflich, daß man die allgemeine Abschaffung des Wahlverfahrens in Staat und Gemeinden beschloß. Anstelle des Ge­meinderats trat der von Rom ernannte Podesta und anstelle der Abgeordnetenkammer die Stände­vertretung, der Rat der Vierhundert. Heber ihn wurde als Areopag der Grohrat gesetzt, der Hof der Mächtigen, der, wie in der Solonischen Verfassung, die Oberaufsicht über je­den Bürger führt, über Verfassungsänderungen entscheidet und die eigentliche Regierungsgewalt verkörpert. Selbstverständlich hat aber nur der Vorsitzende etwas zu sagen, Mussolini.

Den Senat lieh und läht Mussolini zunächst als Reserve bestehen, nimmt ihm aber systematisch feine bisherige Gestalt, die an ein Versorgungs­heim für vornehme, ausgediente Staatsbeamte erinnerte. Hatte dieses Oberhaus im alten Staat als Filter, der kein Gesetz durchzulassen brauchte, eine nicht geringe Bedeutung, die der Duce bis in unsere Tage hinein oft recht unliebsam zu spu­ren bekam, da aus diesem Oppofitionswinkel die letzte Zugluft herströmte, so muh er sich nun eine Verjüngung, das helht eine faszistische Durch- fäuerung gefallen lassen, die ohne Zweifel mit der Zeit zu ebenso reinlichen Verhältnissen wie in der Ständekammer führen wird, wo niemand sitzt, der nicht die Tessera fascista in der Tasche und ein schwarzes Hemd am Leibe hätte.

Cs ist leicht, an diesem Rat der vierhundert geliebten, auf Herz und Rieren geprüften Ver­treter der einzigen Partei des Landes, der Staatspartei, deren Bezeichnung P. R. F., das heiht Partita Nazionale Fascista, faszistische Ra­tionalpartei, also einen Anachronismus darstellt,

durchempfundenes Seelengemälde entwickelt. Außer­dem: Ruth Weyher, Pawel Pawlow, Jack Trevor und Ilka Grüning.

Es war eine überaus anregende Sache, xumal was vielen Besuchern vielleicht überraschens vorkam die sechs Akte dieses wissenschaftlichen Experi­ments so spannend wirkten wie ein Spielfilm mit kriminellem Einschlag.-y

Lleberraschungen.

Von Sigismund von Nadecki.

Ich ging einmal in Finnland an einem April­morgen spazieren, wurde von der starken Früh- lingsluft müde unb legte mich unter einer Bi icke schlafen.

Man träumt unter einer Dirke anders als unter einer Tanne, und wieder anders unter einer Linde, es ist der Duft oder vielleicht der Geist des Baumes, der in den Schläfer einströmt. Jedenfalls träumte ich. daß ich von einer lauten Kuckucksuhr geweckt würde, und schlug die Augen auf.

Da konnte ich nun sehen, welch ein vorzüglich kombinierender Lügner der Traum ist. Kaum hatte erKuckuck" gehört, so hatte er auch schon geschwind eine Kuckucksuhr als Ursache geliefert aber es war gar keine Uhr, es war ein richtiggehender Kuckuck, der über mir auf dem Ast saß und losprophezeite!

Reugierig guckte ich sofort auf seine Augen: ob er sie wirklich beim Rufen zudrücke, wie es sein Bruder in Apoll, der Haushahn, tut. Denn der Haushahn drückt beim Kikeriki die Augen zu, und wenn man fragt, warum? so sage ich: weil er es schon auswendig kann.

Allein der Kuckuck hielt feine Augen offen, bemerkte mich und flog davon...

Als ich dann aufftanö und mich einem rau­schenden Dirkenwäldchen näherte, erlebte ich die zweite Ueberraschung.

Run muh man sagen, daß die Dirke dort oben ein yanz anderer Daum ist als hier. Dort oben ist sie die Jungfrau unter den Daumen, in der weihen Bastseide ihres Drautlleides. Kerzen­gerade trägt sie die sonnenentzündete, grüne Blatterglut.

ilnb letzt sah ich zu meinem Erstaunen, daß sie alle an ihren Stämmen rosa Eiszapfen trugen

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vor dem blauen Himmel. Rosa Eiszapfen! Ich brach einen ab und schmeckte: es war gefrorener Birkensaft. Zugleich aber sah man eine große, schwarze Einschußöffnung frei werden.

Von einem pseifenschnihenden Hüterjungen wurde ich dann belehrt: in der vorigen Rächt hatte es hier ein Gefecht zwischen den Weihen und Roten gegeben, und die hatten im Mondlicht mit ihren Colt-Revolvern durch die neutralen Dirken hindurchgefeuert. Dann war der Rächt- frost hinzugekommen. Weih und Rot bad er­gab in bet Mitte Rosa: rosa Birkenblut.

Eine andere Ueberraschung erfuhr ich einmal in Sardinien.

Schläfrigen Trottes rollte uns der Landauer durch ein Tal. Es hießFlumini", und mit Recht so: denn in der heißen Sabbathstille der Apselsinenwälder hörte man nichts als die zwan­zig Silberbäche, die es traumhaft durchflossen und sozusagen aus dem Schlaf sprachen. Die Apfel­sinen waren noch warnt und so süß,- wie ich sie sonst nie geschmeckt habe. Rechts und links an den Derghängen hielten die Korkeichen ihr dü­steres Mondlaub gegen die Sonne, hier unten aber gab es nichts als ein versonnenes, saum­seliges Reifen.

Und wie der Weg jetzt in Serpentinen zum Bergsattel stieg, sah man bei jeder Biegung im­mer wiederFlumini" zum Entzücken daliegen. So hatte ich es gar nicht bemerkt, daß mein Landauer den Sattel bereits zu überwinden be­gann. Doch jetzt, als die Pferde verschnauften, wandte ich den Blick fast unabsichtlich auf die andere Seite. Und sah, eben noch in das Flumini versunken, plötzlich eine riesige Aussicht vor mir:

.Tief unten stießen sieben gelbe Vorgebirge, eines nach dem anderen, gegen ein Meer vor, gegen eine blaublltzende Unendlichkeit, die weih an ihnen Hochsprihte unb den Dampfer da drau­ßen tanzen ließ wie nach Roten! Eine neue, starke Lust zog über den Sattel hin. Flumini, addio. Rach drei Peitschenknallen war es ver­schwunden, als ob es nie gewesen wäre.

Ganz andres war die Ueberraschung, bte ich einst in Apulien erlebte.

Es gibt dort so ein kleines Städtchen, namens San Benevento. Hoch oben steht es steinern auf dem kahlen Stein unb glüht unb friert, je nach-

herumzumäkeln, wenn man die üblichen modernen Begriffe auf sie antoenbet. Aber einen unpassen- deren Maßstab kann man nach faszlstischer Aus- - faffung gar nicht nehmen, denn die Camera cor- porativa will ja gar kein Parlament im herkömm­lichen Sinne, sondern eine Kammer der Korpo­rationen, eine gewerkschaftliche, eine berufö- ständische Vertretung sein Sie will noch weit eher einer Handelskammer, als einer politi­schen Schwahbude gleichen.

Grundsätzlich auögeschaltet im faszlstischen Staat sind die Parteimanöver der Berufspolitiker, Er­scheinungen, die zu der Karikatur des Parlamen­tarismus geführt haben, von dem kürzlich Strese- mann sprach, weil die Parteien und die Man- datsprofessionisten von der Politik lebten, indem sie sie beherrschten. Richt mehr persönliche Sessel­politik soll betrieben, sondern die produktiven, materiellen und geistigen Kräfte der Ration ver­schmolzen werden. Arbeit statt Polemik, G c ° meinwohl statt Klüngelwirtschaft. Auslese statt Masse. Alles für den Staat, nichts gegen den Staat.

Rach diesen idealen Grundsätzen wurden die Vierhundert ausgewählt. Zwar hatten die 13 Wirtschaftsverbände der Arbeitgeber und Ar­beitnehmer ein ziemlich paritätisches Vorschlags- recht, bad heißt, sie konnten tausend Kandidaten ober Vertrauensmänner der Regierung empfeh­len, aber bet faszistische Grohrat wählte daraus nur so viele Ramen, als er zur Ergänzung seiner durch Ernennung schon zustande gekom­menen Liste noch brauchte. Diese siebenmal ge­siebte Liste, die mit dem Liktorenbündel ge­schmückt ist, legt er nun am 24. März, dem zehn­jährigen Gründungstag der Fasci di Combatti- mento, dem Volke mit der Frage vor, ob sie ihm genehm sei. Eure Rede sei Ja oder Rein, Annahme oder Verwerfung, über Vierhundert als Block muh abgestimmt werden, nicht über einzelne. Das aus rund zehn Millionen Män­nern bestehende Wählervoll, wird ohne jeden Zweifel mit einem lauten Ja antworten. Stimm­berechtigt sind nur männliche Arbeiter. Richts- tuer müssen dagegen der Urne fernbleiben.

Dem Betrachter der Liste fällt sofort auf, daß die Ständekammerzur Sicherung der Kon­tinuität des Regimes" fast das getarnte alte Rumpfparlament ausgenommen, nur wenige Ka­meraden ausgeschieden hat, die sicherlich anders­wo in der faszistischen Verwaltung untergebracht werden. Sin halbes Hundert wurde zu Senatoren ernannt, über dreißig zu Präfekten oder Kon- fuln. An neuen Ramen findet man daher nur gegen zweihundert. An der Spitze aller Gruppen steht mit 73 Vertretern, darunter 27 der Feld­arbeiter, die als Fundament des Staates aner­kannte und bevorzugte Landwirtschaft. Darauf folgt die Industrie mit 31 Fabri­kanten und 26 Arbeitern, der Handel mit 16 Arbeitgebern und 10 Arbeitnehmern, der Ver­kehr mit insgesamt 43 Männern, die See­leute inbegriffen. Die Dankwelt stellt 16, das Gewerbe, einschließlich der Künstler und Journalisten. 82. die Beamtenschaft acht Mann. Don den 30 vorgeschlagenen Universitäts­professoren wurde, ein besonders hoher Prozent­satz, die Hälfte ausgenommen (von den Feld­arbeitern beispielsweise nur ein Viertel). Die Schulen haben es auf 9, die Akademien und schönen Künste auf je 2 Abgeordnete ge­bracht. das katholisch-faszistlsche Zentrum auf 4, eine Reihe von Instituten und Verbänden nur auf einen Mann. Unter letzteren befindet sich aber zum Beispiel der Touringllub, ein Beweis, daß Mussolini niemand vergessen hat; am wenigsten die Besten des Dolles, die Krieger. 45 Kame­raden schickt der Frontkämpferbund, 14 der Jnva- lidenverband.

Da die Kammer nicht weniger als 40 fafzistifche Sekretäre aufweist, ein Dekret aber das Doppel­amt unterlagt, so wird eS wohl bald die ersten Verschiebungen gchen. Am Geburtstage Roms, am 21. April, tritt das Parlament der Schwarz­hemden zu feiner ersten seierlichen Sitzung zu­sammen und damit soglerch an eine historische Ausgabe heran: an die Ratifizierung der Lateranverträge, die der erste der Vier­hundert unterschrieb.

dem, denn wie die Bibel sagt:Cs kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen fein.

Dort zogen wir in der Mittagshihe durch den Schatten der engen Gaffen und freuten uns. denn wir hatten soeben Spaghetti essen gelernt. Es ist weiter nichts daran: man quirlt die Gabel auf dem Löffel und spult die Rudeln da­durch sauber auf. Immerhin war es für uns so neu wie ganz Italien, und darum hatten wir in der eifrigen Diskussion gar nicht bemerkt, daß wir aus der Stadt wieder in die freie Sonne hinausgeschritten waren.

Zufällig wendeten wir uns um. Da stand dicht vor uns ein riesiger Marmortriumph- begen, neu wie von gestern, und auf ihm lasen wir geblendet die Worte:Div. Trajan. Senatus Populusque Romanus Das stand da, ganz allein aus dem kahlen Felsen, unerträglich weiß. Kein Gras, kein Baum milderte das ungeheure Pathos dieses Steines, und dieser Sonne, die auf ihn strahlte wie lange schon!Senatus Populusque Romanus Senat und Voll von Rom... da stand es, jeder Buchstabe warf einen schlanken Schatten.

Betäubt trotteten wir wieder in die dunklen Gassen zu unseren Makkaroni zurück.

Die leiseste Ueberraschung erfuhr ich aber in die­sem Sommer, an einem Nachmittag mit stiller gol­dener Luft. Ich schlug mich durch das Ufergebüsch eines wilden Flüßchens und machte Jagd auf Hasel­nüsse. In meinem Eifer mar ich seinen blitzenden Stromwirbeln bis in unbekannte Gegenden nach« gelaufen. Auf einmal machte es ein Knie, und aus dem Nasen dieser^ Halbinsel sah man jetzt zwe> große, vollästige Bäume stehen, ganz nah nebenein­ander. Weiß Gott, wie sie in diese Einsamkeit hin- eingeraten waren, denn es roaeen Apfelbäume. Der eine stand voll von blutroten Aepfeln, der andere aber voll von schneeweißen! Der Fluß schwatzte um sie herum, die Sonne glänzte auf ihrem Laube, ab und zu klopfte ein Apfel zu Boden sie aber starr­ten sich unbeweglich an, als ob hier gleich ein hun dertjähriger Krieg der weißen unb der roten Aepfel ausbrechen sollte! Es war, als ob die Natur ein­mal zeigen wollte, was sie alles konnte. Es war einem plötzlich der Kampf der Nationen tlar ge worden. Es war ein stiller goldener Nachmittag. Es war eine Ueberraschung.