nehme Folgen entstehen". Die Anfrage endete mit dem Rufe nach einer geeigneten Vorlage. Die Begründung der hessischen Regierung zum Gesetzentwurf sagt hierzu, daß in „einschneidender Weise die Verantwortlichkeit der Hebammen in Ausübung ihres Berufes umgestaltet ist." Wenn alfo die Verantwortlichkeit umgestaltet worden ist, darf da nicht auch in wirtschaftlicher Beziehung „umgestaltet" werden?
Eine völlige Verkennung der Rechtslage bedeutet es, wenn Bürgermeister Dr. Völsing „hinsichtlich der sozialen Verhältnisse der Gemeindehebammen" erwähnt, daß diese „erheblich verbessert" werden sollen. Ich begnüge mich hier mit der kurzen Feststellung, die die hessische Regierung zum Gesetzentwurf gibt: „Leider hat die soziale Gesetzgebung des Reiches die Hebammen unberücksichtigt gelassen." Wenn aber trotzdem einzelne Gemeinden in Hessen bisher ihrer Hebamme den Eintritt in die hessische Versicherungsanstalt für gemeindliche Beamte möglich machten, so erkennen wir diese weitausschauende sozialpolitische Tat dieser Gemeinden an dieser Stelle gerne an, wie festgestellt zu werden verdient, daß diese Gemeinden unter diesen „finanziellen Verpflichtungen" bisher nicht zu leiden hatten, trägt doch die betr. Hebamme auch ihrerseits anteilig zu den Kosten bei. Was um so höher veranschlagt werden must, ist, dast die Mehrzahl dieser Gemeinden besonders starke Steuerzahler nicht aufzuweisen haben, wobei erwähnt werden muh, daß die hessischen Städte, gleich welcher Art, ihren Hebammen diese Möglichkeit bisher noch nicht gegeben haben.
Für Bürgermeister Dr. Völsing bedeutet die Forderung der Hebammen nach „Gewährung eines jährlichen Mindesteinkommens" ein besonderes „Bestreben". Ja, darf denn die Hebamme für ihre Vorschriften: „all die Arbeiten zu unterlassen, die Mutter und Kind schädigen", nicht einen entsprechenden Ausgleich fordern? Das im Entwurf oorgeschlagene Mindesteinkommen ist so gering bemessen, daß wir uns wundern, wie diese Beträge überhaupt Anstoß erregen konnten. Bringt doch die Wochenhilfegesetz, gebung und die Fürsorgepflichtverordnung in den meisten Fällen schon das vorgesehene Mindesteinkommen auf: vielleicht nur in ganz vereinzelten Fällen dürften hiernach Zuschüsse der Gemeinden zu leisten sein. Kein Steuerzahler, ob Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, wird behaupten wollen, daß ein garantiertes Einkommen von monatlich 50 bis 100 RM. für eine Gemeinde „finanzielle Belastungen" darstellt, von welchen nicht einmas feststeht, ob hier überhaupt Zuschläge zu leisten sind. Zur Erreichung des Mindesteinkommens genügen in Ortsklasse Ä 32 Geburten, Ortsklasse B 26 Geburten, Ortsklasse C 21 Geburten und Ortsklasse D 16 Geburten. Eine Nachfrage bei der ortsansässigen Hebamme wird die Befürchtungen über diese „Tragweite und Auswirkung" hinfällig machen.
Wen wir uns wundern, so darüber, daß im sozialen Zeitalter und bei einem so schlechten Währungsverhältnis ein Gesetzentwurf Zustandekommen konnte, der für die hessischen Hebammen die Summe von 50 bis 100 Mark für ausreichend hält, dies um so mehr, als die Begründung der hessischen Negierung selbst zugibt, daß als hauptsächlichste Schäden „die zu geringen Einnahmen aus dem Beruf, die im Mißverhältnis zu seiner Verantwortlichkeit stehen" sind. Berufsfreudigkeit wird weder durch den Entwurf, noch durch die Kritik Dr. Völsings gefordert. Die Bedeutung des verantwortungsvollen Be- rufs der Hebamme erkennen Mütter und Ehemann erst dann, wenn die Stunde der Gefahr an ihre Tür klopft.
Die hessische Hebammenschaft hat zu der Volksvertretung des Landtags das Vertrauen, daß ihre berechtigten Forderungen, unterstützt von Regierung und Sachverständigen, im Interesse von Mutter und Kind, der Gesundung unseres Volkes anerkannt und zum Gesetz erhoben werden: ein verständnisvoller Steuerzahler wird hierfür die an sich ganz unbedeutende Belastung als durchaus berechtigt hinneh
men, denn es ist gewiß kein allzu schöner Strauß, den die hessische Negierung präsentiert, wenn sie in der Begründung zum Gesetzentwurf sagt: „Die Gemeinden weigern sich fast ausnahmslos, den alten, invaliden Hebammen eine ausreichende Versorgung zu gewähren."
Die Reichsverfassung stellt an die Spitze, daß das Reich „Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern und zu festigen" bestrebt sei. Eine bittere Enttäuschung, nicht nur für die Hebammen, wäre es, wenn den Hebammen diese Gerechtigkeit vorenthalten würde.
Zungßauernlehrgang in der HeimvoWochschule Hohensolms
Wieder ruft die Volkshochschule Hohensolms auf zum Besuch eines Lehrganges für junge Männer vom Lande im Alter von 18 bis 25 Jahren für die Zeit vom 18. November 1929 bis 28. Januar 1930. Wer im Vorjahre an olchem Lehrgang teilnehmen konnte, denkt heute gern und dankbar an die Zeit gemeinsamen Schaf- ftns und gemeinschaftlichen Lebens zurück. Damals bedauerte jeder, daß die Zeit von einem Monat zu kurz war. Darum ist die Dauer des diesjährigen Lehrganges auf reichlich zwei Monate festgesetzt worden, um so auch ein eingehenderes Arbeiten zu ermöglichen. Es sollen die vielen Fragen, die jeden jungen Menschen in unserer Zeit bewegen, nicht nur angeschnitten, sondern gemeinsam durchdacht und im Kreise von Lehrern und Schülern offen und aründ- lidi durchgesprochen werden. Es soll möglichst viel gelernt werden für die unmittelbaren Forderungen des landwirtschaftlichen Berufslebens. Es soll aber auch gute Gelegenheit gegeben sein zur Klärung und Förderung des persönlichen Lebens. Dementsprechend umfaßt auch der Arbeitsplan sowohl den berufskundlichen Unterricht, als auch die Besä)äfti- gung mit weltanschaulichen und lebenskundlichen Fragen. In Kürze sei hier einiges aus dem Arbeitsplan angedeutet.
Die landwirtschaftliche Berufskunde unterrichtet über die gegenwärtige Lage der Landwirtschaft lind geht insbesondere der Frage nach, wie der bäuerliche Betrieb in der Gegenwart so rentabel wie möglich eingerichtet werden kann. Es ist klar, daß von dieser Hauptfrage ausgeljend alle wichtigen Fragen der Landwirtschaft erörtert werden müssen. In die Wirtschaftsgeschichte des Bauernstandes, in die Entstehung und Entwicklung der Volkswirtschaft und in das Verständnis wirtsajafts- politischer Gegenwartsfragen führt die Volkswirtschaftslehre ein. Bis zu ganz praktischen Dingen hin, wie „Buchführung im landrvirtschaft- lichen Betrieb", soll hier alles Wesentliche Erwähnung finden. Mit der Volkswirtschaftslehre nahe verwandt ist die Staatsbürgerkunde, die dazu helfen will, für die politischen Fragen unserer Zeit einen Blick und ein rechtes Urteil zu bekommen.
Gerade für den Jungbauern unserer Tage tut aber auch ein anderes Wissen noch not. Er muß mit dem Werden und Wesen seines eigenen Volkstums vertraut fein. Darum stehen in der Volkskunde deutsche Geschichte, deutsche Sprache, Dichtung und Kunst im Mittelpunkt der Arbeit. Insbesondere auch Sitten und Sagen des Dorf- und Heimatlebens, Volkslied und Mundartdichtung können uns vom Wesen deutschen Volkstums einen lebendigen Eindruck vermitteln.
Zur ganz persönlichen Besinnung und zur Vertiefung des eigenen inneren Lebens sucht endlich der leben stündliche Unterricht zu führen. Die religiös-sittlichen Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Verhältnis von Schicksal und Schuld, nach unserer Stellung zu Bibel und Kirche, zu Per- sönlichkeits- und Gemeinschaftsleben, zu Ehe und Familie sollen do zu einer verantwortungsbewußten Besprechung kommen. Daß es kein wirkliches Fertigwerden mit dem Leben, auch mit dem bäuerlichen Leben, gibt ohne Klarheit und Tiefe in diesen entscheidenden Lebensfragen, wird heute mehr und mehr erkannt.
So sucht der Lehrgang an der Heimvolkshochschule kurz gesagt in jeder Weise tüchtiger zu machen für das Leben, das in der Gegenwart mehr denn je alle Kräfte beansprucht.
Wenige Worte seien auch noch über das Zusammenleben im V o l k s h o ch s ch u l h e i m gefagt. Es ist selbstverständlich, daß viel frohe Geselligkeit da weiten Raum findet. Gesang und Geselligkeitsspiele, sowie Lese- und Lichtbildabende sorgen für gute Unterhaltung. Die Teilnehmer am Lehrgang leben mit den Lehrern und mit der übrigen Hausgemeinde wie eine große Familie im Heim. Einige Wanderungen werden in die Umgegend führen und mit lehrreichen und interessanten Besichtigungen verbunden sein.
Leiter der Schule ist Pfarrer F. W. Petri, Hohensolms. Als Lehrer arbeiten an diesem Lehrgang mit Seminaroberlehrer i. R. Schreiner, Dr. Paul Kammer und Hermann Graefe, außerdem einige Gastlehrer.
Anmeldungen und Anfragen richte man baldmöglichst an die Heimvolkshochschule Hohensolms (Kr. Wetzlar). Im übrigen beachte man die heutige Anzeige. H. G.
Oberhessen.
Zur Linderung
der landwirtschaftlichen Notlage.
WHP. D a r m st a d t, 9. Okt. Vor einigen Tagen fand bekanntlich eine Unterredung von Führern oes Hessischen Landbundes mit der Negierung statt, um Maßnahmen zur Linderung der Not der hessischen Landwirtschaft zu suchen. Der Landbund hat jetzt beim Landtag zwei Anträge mit längerer Begründung eingereicht, in denen von der Regierung verlangt wird: Die Einziehung der Landes st euern bei landwirtschaftlichen Steuerpflichtigen bis zum Eintritt besserer Preis- und Absatzverhältnisse im Wege der Stundung von Amts wegen einzustellen und die Grund- steuer niederzuschlagen.
Vieh- und Krämermarki in Lauterbach.
Bullen-Auktion.
Eigene Drahtmeldung des „Gießener Anzeigers".
& Lauterbach, 10. Okt. Der gestern hier ab» gehaltene Vieh- und Krämermarkt, ver- Kunden mit einer vom Landwirtschaftskammerausschuß für Oberhefsen veranstalteten Bullenauk - Hon, hatte — was den Krämermarkt anbetrifft — sehr unter der schlechten Witterung zu leiden. So konnten die auf dem Marktplatz eingetroffenen Händler ihre Verkaufsbuden infolge des herrschenden Sturmes nur mit Mühe und Not aufbauen. Der sehr bald einsetzende Regen machte dann jedes Geschäft zunichte, und die meisten Händler dürften kaum auf ihre Unkosten gekommen fein. Auf dem Schweinemarkt war der Handel nur schleppend. Von den etwa 65 aufgetriebenen Ferkeln blieb geringer Ueberstand. Die Preise bewegten sich, je nach Qualität, zwischen 32 und 42 Mark je Stück. Dagegen heriichte auf dem Viehmarktplatz schon in den frühen Morgenstunden lebhafter Verkehr. Von etwa 60 vom Lanowirtfchaftskammerausschuß zur Versteigerung gemeldeten Bullen waren 42 nufgetrieben worden. Sämtliche Bullen waren von hervorragender Qualität, die erzielten Preise waren dieser hervorragenden Qualität angepaßt. Den größten Erfolg hat der Angersbacher Züchter Niko- laus Keller mit 1310 Mark erreicht. Den zweithöchsten Verkaufspreis für einen Bullen (1210 Mk.) erzielte der bereits aus früheren Auktionen bekannte Züchter Otto Völsing aus Billertshausen bei Alsfeld. Ein Dulle der Gutsoerwaltung Sickendorf wurde mit 1190 Mark, einer von Konrad Schäfer aus Bermutshain mit 1060 Mk. bezahlt. Der Züchter Georg Schäfer aus Angersbach erhielte für einen Leistungsbullen 1000 Mark. Die übrigen Preise schwankten zwischen 540 und 950 Mark. Von den aufgetriebenen 42 Bullen wurden
30 xu Zuchtzwecken verkauft. Die Mehrzahl der oefr kauften Tiere stellte die Gemeinde Angersbach, die durch ihre hervorragenden züchterischen Leistungen für hessisches Fleckvieh bekannt ist.
Landkreis Gießen.
£ Wieseck, 9. Okt. Der (Sem einberat befaßte sich in feiner gestrigen Sitzung wiederholt mit der Errichtung eines Reihen Wohnhauses für 12 Wohnungen. Ilm für diese Wohnungen den verbilligten Bauzuschuh zu erhalten, hatte sich der Bürgermeister mit den amtlichen Stellen in Darmstadt in Verbindung gesetzt, von wo aus aber der Bescheid erging, daß für 1929 keine Möglichkeit zur Beschaffung von BauHuschüssen mehr bestehe, und für 1930 cene feste Zusage noch nicht gemacht werden könne. Da inzwischen die Zeit zu weit vorgeschritten ist und die Erstellung des Rohbaues, der mit 38 000 Mark veranschlagt wurde, nicht mehr möglich ist, soll teese Angelegenheit bis zum nächsten Frühjahr zurückgestellt werden. Der Gemeinderat hofft, brs dahin Bescheid über die Zuteilung von Dau- zuschuß für 1930 zu haben. — Eine längere Aussprache erforderte die Frage der Behebung der Wasser not. Hm diesem Hebel abzuhelfen, beschloß der Gemeinderat, den Hochbehälter zu vergrößern, und zugleich die Anschaffung von Wassermessern. Hier liegen bereits von verschiedenen Firmen Angebote vor, die sich auf gleicher Preislage bewegen. Das Stuck soll sich einschließlich Montagekosten auf 42 Mk. stellen, bei einem Bezug von etwa 750 Stück. Bürgermeister Schomber. der mit Gemeinderat Denner die Luxsche Fabrik in Ludwigshafen besichtigt hatte und denen dort die Wassermesserherstellung vorgeführt wurde, empfahl die Anschaffung der Luxschen Wasfermesser. Gemeinderat Schmitt will aber auch Erkundigungen über andere Fabrikate eingezogen haben, und so wurde beschlossen, eine Kommission einzusetzen, die sich mit der Angelegenheit befaßt. 3n diese Kommission wurden die Gemeinderäte Scherer und Schmitt gewählt. — Die Kanalisation der M ö s e r st r a h e und der Gießener Straße soll nun endlich durchgeführt werden. Hierbei wurde gleichzeitig angeregt, mit der GaS- gefeilsch as t zu verhandeln, damit die Haus- anschlüsse in diesen Straßen fertiggestellt werden, auch sollen die galvanisierten Rohre der Wasserleitung in der Gießener Straße durch Gußrohre erseht werden. Angeregt wurde, zur Instandsetzung der Möserstrahe die Provinzialbehörde mit heranzuziehen, da diese Straße durch die Umleitung des Verkehrs ganz besonders gelitten hat. Die Instandsetzung des Eichen- röder Wegs mit Anschluß Graben- und Ludwigstrahe, wurde grundsätzlich beschlossen, auch soll hier ein erhöhter Bürgersteig angebracht werden. Voranschläge zur Kanalisierungi und Straßeninstandsetzung sollen baldigst dem Gemeinderat vorgelegt werden, damit durch diese Arbeiten die Erwerbslosen Beschäftigung finden. Bürgermeister S ch o m b e r bemängelte ganz besonders die Wiederinstandsetzung der Straßen nach Reparaturen. — Die Erbauung ter Was - f er lei tun g zum Anwesen Abel wurde beschlossen. DaS Kulturbauamt schläft zugleich vor, die Kanalisation in der neuen Straße durchzu- führen: es sollen Voranschläge vorgelegt werden. — Dem Gesuch des Paul Drescher um Kon- zefsionserteilung wurde entsprochen. Ferner lagen Gesuche vor vom Obst- und Gartenbauverein für einen Zuschuß zur Lokal- schau, sowie deS GeflügelzuchtvereinS zu feiner Ausstellung. Zedern Verein tourten 30 Mark bewilligt. — Ein weniger erfreulicher Punkt war die Zuteilung von zwei freiwertenden Gemeindewohnungen, auch wurde die Beschlagnahme einer weiteren Wohnung nicht als glückliche Lösung bezeichnet und ter Bürgermeister ersucht, mit dem Eigentümer zu verhandeln. Eine Anfrage über die Straßenbeleuchtung wurde dahin beantwortet, daß
Liebe in Ketten.
Vornan von Hans Mitteweider.
Copyright by Martin F uchtwanger, Halle (Saale). 8 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sie fühlte sich nicht mehr wohl, und alle Tage, wenn sie ihren Dienst antrat, war ihr recht bange zumute, als sollte sie noch etwas Schlimmes erleben.
Als sie am neunten Tage hinunterkam, sah sie in dem Lokal einen fremden Herrn sitzen und eilte zu ihm, um ihn nach seinen Wünschen zu fragen. Aber er hielt ihr nur in der hohlen Hand etwas entgegen, was wie ein Geldstück aussah, merkwürdigerweise jedoch an einer Kette hing, und sagte bann:
„Kriminalpolizei! Ich möchte Fräulein Fernau sprechen."
Käthe hatte noch nie mit ter Polizei zu tun gehabt, außer damals in London, aber sie hatte sogleich ein unbehagliches Gefühl, und kaum konnte sie erwidern, daß sie die Gesuchte sei.
„2ch komme wegen des Koffers, ter Ihnen gestohlen worden ist, Fräulein Fernau", sagte darauf der Beamte. „Sie müssen sich heute um eins auf ter Wache etnfinten.“
Er nannte noch die Straße, dieselbe, in ter Käthe wohnte, grüßte und ging.
Mit tiefgeröteten QBangen stand Käthe da. Sie zitterte leicht. Sie hatte zwar gehört, daß es wegen des Koffers war, aber unwillkürlich muhte sie an das andere denken, was so schwer auf ihr lastete und was sie nie vergessen konnte, an ihren Mann, an ihre Ehe!
-Denn Berndt Klausen doch noch lebte und nach ihr forschen ließ?
Sie wandte sich um und sah in die schadenfrohen Gesichter ihrer Kolleginnen, die mittlerweile eingetreten waren.
„Sie haben ja recht angenehme Bekanntschaften, '(■jräulein!“ sagte eine höhnisch, und die andern kicherten.
„Stille Wasser sind immer tief!" bemerkte noch eine.
Da fuhr Derth dazwischen.
„Gänse seid ihr!" rief sie wütend. „Käthe hat ter Polizei gemeldet, daß ihr der Koffer gestohlen worden ist. Da ist es doch Har, daß die Polizei zu ihr kommen muß! Kehrt vor eurer Tür, anstatt euch um sie zu kümmern!"
Sie selber streichelte Käthes brennende Wangen und fragte, waS ter Kriminelle gewollt habe und dann redete sie ihr gut zu, aber Käthe konnte eine geheime Furcht nicht loswerden, ähr war, als sei noch lange nicht das Schlimmste vorüber, sondern stände ihr noch bevor.
Gegen zwölf Hhr — es waren nur zwei Gäste da, die in anderen Revieren sahen — wurde die Drehtür wieder in Bewegung gesetzt.
Eine junge Dame trat ein, eine wirkliche Dame, und hinter ipr ein Herr.
Käthe sah ihn und taumelte. Mit beiden Händen tastete sie hinter sich, um an einer ter Säulen Halt zu finden. Mit toeitgeöffneten Augen, mit leichenblassem Gesicht und vollkommen verstört stand sie da.
Er war es — ter Herr, ter ihr so freundlich geholfen, der sie bis zum Zuge gebracht und dessen leuchtende Augen sie nie vergessen hatte!
Hub er war nicht minder bestürzt als sie. Auch er hatte sie auf den ersten Blick erkannt.
Sie sah es, sah, wie die Dame sich verwundert nach ihm umschaute, dann auf sie sah. Es war ein Blick voll tiefster Verachtung.
Da aber zischte auch schon hinter ihr eine Stimme, die der Madame:
„Run, worauf warten Sie? Vorwärts! Bedienen!"
„Ich — kann nicht!" stöhnte Käthe flüsternd.
„Sie können nicht? Mir soll's recht sein! Dann scheren Sie sich aber gefälligst sofort hinaus und lassen sich nicht wieder hier sehen! Dalli!"
Käthe sah in die wutsprühenden Augen der Frau. Roch einen letzten Blick warf sie auf den Herrn, ter mittlerweile mit ter Dame an einem Tische Platz genommen hatte, noch immer sichtlich verwirrt, und auf den seine Begleiterin eifrig einsprach. Dann wandte sie sich um und wankte aus dem Lokal. Drauhen holte Derth sie ein.
„Mädel, was war denn nur?" fragte sie. „Kanntest du den Herrn?"
Sie umschlang die Zitternde und schaute ihr prüfend in die Augen.
Käthe aber nickte nur. Reden konnte sie nicht, sie hätte laut aufheulen müssen. Kopfschüttelnd lieh Berty sie gehen, nachdem sie ihr noch zu- gerufen hatte:
„3<f> komme heute zu dir! Sorg' dich nicht! Ich verschaffe dir einen anderen Platz!"
Da gewann Käthe ihre Kraft zurück. Hnb wie gejagt lief sie die vielen Treppen hinauf in ihr Stübchen, riß sich dort die Schürze und das Häubchen ab, streifte die Weiße Bluse von dem Leibe und zog das einzige Kleid an, das sie besah.
Dann schaute sie sich um, nahm ihr Handtäschchen und stürmte hinaus. Die Bluse mochte Berty behalten und ebenso das andere.
Rie wieder Kellnerin! Rie wieder! schwor sich Käche.
Aber als sie auf der Straße stand, kam ihr die Erkenntnis, daß sie nun wieder ohne Arbeit und Verdienst war, daß sie wieder würde her- umlaufen müssen und wieder abgewiesen werden würde.
Tränen standen in ihren Augen. Sie sah nicht, wie die Menschen sie neugierig ansahen, öfter auch mitleidig. Sie ließ sich von ihnen treiben,
und erst als sie auf einen freien Platz an eine Säulenuhr kam und erkannte, daß es nahe an 1 Hhr war, erwachte sie.
Zur Polizei! Sie sollte ja um 1 Hhr dort sein!
Rasch bestieg sie eine Elektrische und kam gerade noch an, als es eben j Hhr schlug.
Die sand den Mut, die Wachtstube zu betreten. Hnb da der Beamte von damals wieder anwesend war und sie freundlich grüßte, fürchtete sie sich nicht mehr, sondern trat zu ihm und sagte, bah sie hierher bestellt sei.
„Jawohl, Fräulein, jawohl," erwiderte er freundlich. „Wir haben Sie bestellt, denn — nun erschrecken Sie mal nicht! — wir haben die Frau!"
Käthe hörte die Worte, aber sie kamen ihr nicht zu Bewußtsein. Sie schaute den Beamten an, als hätte sie ihn noch nie gesehen.
„3a, da gucken Sie!" sagte er trotzdem gemütlich- „Es heißt immer, wir könnten nichts! Prost Mahlzeit! Hnd Glück haben Sie auch gehabt, denn das ganze Geld ist noch da. — Ra, was sagen Sie nun?"
Käthe sagte nichts. Sie sank auf einen Stuhl, bet neben ihr stand und faltete die Hände.
Das Geld war wieder da!
„Gott sei Dank!" murmelte sie.
„Richt wahr?" fragte der Wachtmeister ..Es gefällt mir ganz gut, daß Sie das gesagt haben. Wenn die Leute es doch öfter täten! Aber nun wollen wir mal die Frau kommen lassen. Auch den Koffer! Den hat sie ja ausgeschnitten, aber das ist vielleicht nicht so schlimm. Sie haben doch den Schlüssel noch und ihn wohl bei sich?"
Käthe nickte und suchte in ihrer Tassche, während der Beamte einem Kollegen einen Befehl gab.
Aach kurzer Zeit kam er wieder und führte eine Frau mit sich. Gr selbst trug einen Koffer, ter mit Bindfaden umschnürt war.
Käthe schrie auf, als sie die Diebin sah. Ja, das war sie! Rur war bas faltige Gesicht jetzt nicht mehr so scheinheilig bietet. Angst, aber auch heimliche Wut prägten sich darauf aus.
„Sie erkennen also die Frau wieder, Fräulein!" sagte ter Wachtmeister. „Hnb bas ist Ihr Koffer? Können Sie uns sagen, was drin gewesen ist?"
Käthe zählte einiges auf. Hnb da der Polizist inzwischen den Bindfaden gelost hatte, so konnte ohne weiteres festgestellt werden, daß die Angaben stimmten.
„Hnb das Geld, Fräulein?"
„ES waren lauter Hundertmarkscheine und vier zu zwanzig Mark, weil ich einen hatte wechseln lallen. Sie lagen in einem Hmschlag, auf dem vier große Siegel waren." sagte Käthe.
„Stimmt!" bestätigte ter Wachtmeister. „Hnb was stand auf den Siegeln?"
Käthe wußte es zwar nicht, aber sie nahm an, daß es das Siegel des Bürgermeisters gewesen sein müßte: und auch das traf au.
„Ra also!" meinte nunmehr ter Wachtmeister. „Das Gelb ist noch alles da. Die Müllern hat sich offenbar gefürchtet, etwas wechseln zu taffen, weil das verdächtig gewesen wäre, und was die Sachen angeht, da müssen Sie eben sehen, was fehlt - -
Ach, war Käthe froh, ails sie ihr Eigentum wieder hatte! Mit zitternden Händen packte sie in den Koffer, was herausgenommen Worten war: und freundlich schmunzelnd sahen die Beamten ihr zu. Auch das Geld zählte sie, imb plötzlich dachte sie daran, dah sie sich doch erkenntlich zeigen muhte. Sie zögerte, dann legte sie einen Zwanzigmarkschein auf das Pult.
Der Wachtmeister sah sie groß an.
„Was soll denn das?" fragte er.
„Für Ihre Mühe!" stammelte Käthe verwirrt.
„Ree, Fräulein, Sie meinen es gut, und Dankbarkeit ist eine Tugend, aber wir Polizisten werden vorn Staat bezahlt. Wir nehmen keine Geschenke. Stecken Sie den Schein nur zu den übrigen, und künftig lassen Sie sich nicht wieder durch solches Gesindel täuschen, nicht wahr?"
Käthe versprach es. Sie mußte bann ein Protokoll unterschreiben und eine Quittung über den Empfang ihres Eigentums, bedankte sich nochmals imb ging.
Aber als sie auf die Straße kam, merkte sie sofort, daß die Leute auf den umschnürten Koffer und auf sie blickten. Da sie wußte, dah ein Warenhaus in ter Rähe war, ging sie hin und erstand einen neuen Koffer, und außerdem noch ein Kostüm und Schuhe.
Froh fuhr sie nach Hause, von Frau Krause empfangen, die, als sie den Koffer sah, in die Hände llatschte und rief:
„Sie haben ihn wieder. Fräulein? Ra, das nenne ich aber Glück! Hnb das Geld?"
„Es war noch drin!" antwortete Käthe, und mußte alles erzählen. Frau Krause wollte zur Feier dieses Festes gleich einen Kaffee kochen. Käthe gab ihr ein Dreimarkstück, bah auch Kuchen besorgt wurde. Bald sah sie mit ihrer Wirtin in der Küche und trank und ah, und erzählte und lieh sich erzählen.
Sie mußte die neuen Schuhe und das Kostüm anziehen, und Frau Krause bewunderte sie nach Gebühr.
„Jetzt sehen Sie aus wie eine Dame!" sagt« sie immer wieder. „Was wollen Sie nun anfangen? Ich würde mir ein Schokoladengeschäft laufen. Da wird viel Geld verdient ..
Käthe versprach, darüber nachzudenken. Erst wollte sie mal an die frische Luft, die sie solange entbehrt hatte. In ihrer Freude nahm sie ein Auto und lieh sich von dem Chauffeur nach einem Gartenrestaurant vor der Stadt fahren.
(Fortsetzung folgt.)


