Ausgabe 
10.10.1929
 
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Der VeriM*

Donnerstag, 10. Oktober 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 258 Zweites Blatt

Freiheit für Indien?

Von unserem k-Derichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! London, Anfang Oktober.

Die Nachricht, daß die Labour-Regierung die Absicht habe, eine A c n d c r u n g der bisheri­gen Stellung Indiens im britischen Weltreich ein» treten zu lassen, kommt nicht überraschend. Wenn man auch nicht damit rechnet, daß Indien schon in diesem Jahr d i c Rechte eines Daminiums bekommt, so glaubt man doch an einige wichtige Neuerungen noch in diesem Jahre, so daß die Ge­währung eines Dominienstatus in absehbarer Zeit die logische Folge des neuen Kurses im Foveign Office ist, der bekannllich nur darauf ausgeht, d i c Aufrechterhaltung der alten bewähr­ten englischen Weltpolitik mit neuen Methoden zu sichern. Dazu gehört, daß das Mut­terland den Völkern des Weltreiches das Gefühl gibt, daß sie nunmehr gleichberechtigte Teile innerhalb des Empire sind, die das Veranügen ha­ben, Vertreter in den Genfer Bund zu schicken, ak­kreditierte Diplomaten London? in ihren Haupt» städten zu sehen und auch sonst eben jene Vorzüge scheinbar autonomer Staatswesen zu genießen.

Geht man den Ursachen nach, die diesen metho­dischen Wechsel in der englischen Politik bedingen, so muß die Tatsache des englisch-russischen Verhältnisses berücksichtigt werden. Die in diesen Tagen einigermaßen erfolgreich abgeschlossenen Vor» besprechungen zwischen dem Außenminister Hen- d e r f o n und dem Spezialgesandten Moskaus, dem russischen Botschafter Dowgalewski in Paris, müssen ebenfalls mit angezogen werden. Handelt es sich doch darum, daß in dem latenten Waffen­gange zwischen London und Moskau'um die Macht in Asien beiden Seiten anscheinend ein Waffen- stillstand nicht unerwünscht ist, da beide Teile noch keinesfalls zu einer großen Entscheidung mili­tärisch wie wirtschaftlich gerüstet sind. Eins steht fest: wenn heute irgendwo in der östlichen Welt Flammen aufschlagen und wie in China andert­halb Jahrzehnte dahinschwelen, so sind das eben Vorpostengefechte der um Macht und Einfluß rin­genden Hauptgegner England und Rußland.

Nach wie vor setzt Moskau in diesem Kampf große Hoffnungen auf die indische Freiheitsbewegung. Un­terstützt wird seine Politik durch den Beschluß des letzten N a t i o n a l k o n g re s se s , auf dem die indischen Parteien mit großer Mehrheit den Vorschlag Gandhis gebilligt haben, der von England die Rechte und die Verfassung eines Do- miniums verlangt. Wird dieser Forderung bis Ende 1929 nicht nachgekommen, so droht der National­kongreß mit dem Unabhängigkeitskampf ganz In­diens. Obstruktion gegen die englischen Perwaltungs- behörden und die Verweigerung der Steuerzahlung sind als Kampfmittel vorgesehen.

Wechselreich ist die Geschichte dieser indischen Frei­heitsbewegung. Sie entstand nach dem blutigen Auf­stand von 1857, nahm 1884 konstitutionelle Gestalt an, und es erwuchs auf dieser Basis mit dem Zweck eines ernstgemeinten Ausgleichs der englisch-indi­schen Interessen der indische Nationalkongreß. Das Jahr 1914 brachte auch für die indische Freiheits­bewegung den Wendepunkt: Gandhi kehrte aus Afrika in feine Heimat zurück, versuchte sechs Jahre lang mit den bisherigen Methoden zu arbeiten, doch seine Bemühungen waren vergeblich, so daß er 1920 die Noncooperationsbewegung ins Leben rief. Diese Tat brachte ihn für einige Zeit ins Gefängnis. Neue Parteien mit neuen Führern und abgeänderten Parolen entstanden. Es würde zu weit führen, sie alle zu nennen. Besondere Be­deutung haben der inzwischen verstorbene Das, Mo- tilal Nehm, der auf dem letzten Kongreß als Prä­

sident fungierte und Dr. Ansaris gewonnen. Unter der Jugend sind Kräfte wirksam, die das von der älteren Generation gebilligte Kompromiß, die Do- minialverfassung zu fördern, ablehnen. Der Sohn Motilal Nehms, Jawahar Lai Nehru, hat eine U n - abhängigkeitsliga ins Leben gerufen, de­ren Ziel d i e Loslösung Indiens von dem englischen Weltreiche ist.

Zweifellos sind in allen Lagern der englischen Partei sehr beachtliche Kräfte am Werk, die ernst­haft einen Ausgleich mit Indien suchen, so weit das im Rahmen der von London aus bestimmten Politik möglich ist. Doch die Vertreter dieser Rich­tung stehen einer Aufgabe gegenüber, die bedeutend schwieriger ist als die, die man sich in den 80er Jahren stellte. Dazwischen liegt einmal der Welt­krieg, an dem indische Soldaten teilgenommen ha­ben, dazwischen liegt weiter die Zeit des Erwachens des jungen Nationalismus überall in der Welt, und England muß es erleben, daß die Methoden, mit denen die Mittelmächte 1918 niedergezwungen wur­den, die Parolen der Demokratie und der Selbst­verwaltung, sich nun überall gegen das Mutterland auswirken. Weiter hat sich die Taktik der indischen Führer geändert. Der Beschluß des letzten Natio­nalkongresses beweist, daß die Führer gewillt sind, alle bisherigen Gegensätze politischer und religiöser Art auszugleichen und man bemüht sich energisch, das Volk vor unbesonnenen Taten zurückzuhalten.

Ein Hilfsmittel in dem Kampfe ist die Offen­sive in der Wirtschaftspolitik. Die Pa­role, alle englischen Einfuhrwaren abzulehnen, hat bereits Erfolge gezeitigt. Das Ziel ist die Schaf­fung einer eigenen indischen Indu­strie. In diese Linie gehört auch die Bildung von eigenem Kapital. Die Parsen, die Ex­ponenten des Großhandels, der Börse und der Presse, die in Indien schon seit Jahrzehnten großen Einfluß ausüben, neigen heute mehr denn je dazu, die in­

dische Nationalbewegung zu unterstützen, ganz im Gegensatz zur Vergangenheit, wo allenthalben die Meinung verbreitet war, daß die Querverbindung mit Moskau lediglich den Zweck habe, den wirt­schaftspolitischen, den sozialen Umsturz zu erzielen.

So steht die indische Freiheitsbewegung diszipli­niert, zielbewußt und mit den besten Chancen in der Hand, Gewehr bei Fuß und wartet ab. Die Vertreter des offiziellen Englands, die Beamten, die Armee und nicht zu vergessen die indischen Fürsten, die von London mit Privilegien und Subventionen bei der Stange gehalten werden, leh­nen selbstverständlich die Freiheitsbewegung ab. Die besonnene Taktik der Volksführer gibt keine Ge­legenheit, die Mittel des staatlichen Machtapparates einzusetzen. Es bleibt den Vertretern des Staates tatsächlich nichts weiter übrig, als ebenfalls abzü­rn a r t e n und als stolze und stumme Zuschauer ein Spiel mitanzusehen, das die Grundlagen der briti­schen Position systematisch untergräbt. Als im vori­gen Jahre d i e Simons-Kommission aus London eintraf, mit der Aufgabe, die notwendigen Unterlagen für eine Verfassungsreoision im eng­lischen Sinne zu schaffen, da wurde der unbändige Freiheitswille des indischen Volkes sichtbar. Haß und Leidenschaft waren die Ausdrucksformen dieses Wll- lens. Jetzt hat auch England begriffen, daß die politischen Ideen und Methoden, mit denen das Weltreich zusammengehalten wurde, bedenklich an Kraft verloren. Aber selbst für den Fall, daß das Dominienstatut für Indien in kurzen Etappen Tat­sache wird, erscheint es als Rätsel, wie England die neuen Probleme meistern will. Indien wird das erste, für dieses Jahr angekündigte Nachgeben Eng- lands als Schwäche auslegen und es wird damit der Erfüllung der eigenen Wünsche neue Schwierig­keiten bereiten. Aber schließlich hat die englische Politik noch stets die besseren Nerven bewiesen.

Der Lnlwms des neuen Hess. Hebanmengesetzes.

Von ORofa Kern, 1. Vorsitzende des hessischen Hebammen-Verbandes.

Unter obiger Überschrift hat Herr 'Bürger- meister Dr. Dölsing im(Siebener Anzeiger" Ar. 208 vom 5. September Ausführungen gemacht, die wohl darauf abgestellt waren, die Oesfentlich- keit gegen t>en Gesetzentwurf zu gewinnen. Leider habe ich erst jetzt von diesen Ausführungen Kenntnis erhalten. Es sei mir deshalb gestattet, dazu Stellung zu nehmen.

Zunächst läßt die Ueberschrist vermuten, es bestehe bereits in Hessen ein Hebammengesetz, da Dr. Dölsing vomEntwurf des neuen" spricht, dem ist nicht so; in Hessen wird das Hebammen­wesen auf Grund einer Medizinal-Ordnuna vom Jahre 1861 durchgeführt, die nach oberster Recht- sprechung durch das in den 70er Jahren den hessischen Gemeinden verliehene Selbstverwal­tungsrecht überholt sei. Wohl wird diese Medi- zinal-Ordnung angewandt soweit es sich um die Pflichten der Hebammen handelt, während die dort nur äußerst gering und dehnbar zuerkannten Rechte praktisch wertlos sind. Die Entscheidungen vor den Kreis- und Provinzial-Ausfchüssen, ja selbst dem Verwaltungsgerichtshof sprechen hier eine deutliche Sprache. Außer dem § 30 Abs. 3 der RGO., der bestimmt, daß Hebammen zur Au- übung ihres Berufes ein von der Landesbehörde auszustellendes Prüfungszeugnis bedürfen, be­steht luxb die Äenstanweisung für Hebammen, die aber nur als eine hessische Derwaltungsan- ordnung zu betrachten ist, dagegen besteht kein hessisches Lehrbuch, die hessischen Hebammen wer­den auf das preußische Lehrbuch eidlich ver­pflichtet.

Bürgermeister Dr. V ö l s i n g stellt an die Spitze seiner Ausführungen die Behauptung, daß durch die vorgesehene Regelung des Hebammen­wesens den Gemeinden neue finanzielle Verpflich­tungen auserlegt werden sollen, deren Tragweite und Auswirkung zunächst noch nicht abzusehen sind. Dr. Völsing steht mir zu hoch, aber gerade deshalb kann ich mir nicht denken, daß diese Be­denken ernstlich gemeint sein sollen.

Bürgermeister Dr. Dölsing beschäftigt sich mit der bureaukratischen Gliederung:freie und Gemeinde-Hebammen", die nach seiner Meinung nicht in genügend scharf abgegrenzter Form" unterschieden sind. Wir im hessischen Hebarnmen- Derband und Sachverständigenkreisen stehen auf dem Standpunkt und stützen uns auf die Dienst­anweisung: eS gibt begrifflich nur Hebammen. Denn alle Hebammen, gleich welcher Art, haben, ohne Unterschied des Standes und Berufes, unge­säumt jedem Rufe ohne Aufschub Folg- zu leisten, ob Tag oder Rächt und wann eS auch immer sei. Richtbefolgung zieht Strafe nach sich. Die Dienstanweisung führt an verschiedenen Stellen entsprechende Paragraphen des StGB, auf, nach denen die strafrechtliche Verfolgung einsetzen kann. Hierzu gesellt sich, daß der jeweilige Kreisarzt Vorgesetzter ist, dem die HebammeGehor­sam und Achtung schuldig" ist, weiter unterstehen sie der Disziplinargewalt eventuell sogar der Regierung, haben an vorgeschriebenen Fortbil­dungskursen teilzunehmen, dürfen nur beschränkt ihren Wirkungskreis verlassen und vieles andere mehr. Ein so eingeengter Beruf kann wirklich nicht

Wie entsteht ein Roman?

Von Hermann Ungar.

Es ist eine Frage, die jeder Schriftsteller immer wieder hört: Haben Sie das, was Sie in diesem Roman, in jener Rovelle erzählt haben, wirllich erlebt? Und es sind nicht immer die naivsten Menschen, die diese Frage an den Autor eines Buches richten und bisweilen hinzufügen: das kann nicht erfunden fein, das müssen Sie erlebt haben!

Niemand von uns Schriftstellern ist über diese Frage überrascht und jeder hat gewiß eine geistvolle Antwort vorbereitet, eine Antwort, die die Fragegesellschaftlich" erledigt. Der eine wird scherzhaft ausweichen, der andere ernst­haft eine sachliche, aber allgemeine Antwort geben, doch nur selten wird ein Schriftsteller so antworten, wie er eigentlich antworten sollte: ja, ich habe es erlebt denn er wird fürchten, daß man diese Antwort falsch verstehen, daß man ihn mit dieser oder jener Person seiner Werke identifizieren, ihm diese oder jene Lei­denschaften, Steigungen oder Abneigungen zu- schreiben könnte, von denen er sich frei fühlt. Er könnte diese Antwort nur gben, wenn er Er­klärungen hinzufügt, zu denen im allgemeinen keine Gelegenheit ist.

Cs ist wirklich so, daß ein gutes Buch nie­mals das Kind einer völlig freischweifenden Phantasie fein kann, daß ein gutes Buch immer aus einem Erlebnis gewachsen fein muß, aus einemwirklichen" Erlebnis oder aus einem Erlebnis im Geiste, das nicht minder stark zu sein braucht als ein Erlebnis in der Welt der realen Dinge.

Es ist schwer, im Werk des Dichters von außen her das für das einzelne Buch grund­legende Erlebnis, das wir das Keimerlebnis nennen könnten, zu erkennen. Im Laufe deS Schöpfungsaktes hat sich dieses Ertebnis umge­wandelt und umgestaltet, und oft steht es viel­leicht, obwohl es der Angelpunkt des Werkes ist, unerkannt an einer verborgenen Stelle. Rur der Autor selbst könnte, und vielleicht auch er nicht ohne weiteres, sondern erst nach Prüfung, Schritt für Schritt zurückgehend bis zu dem Punkt, an dem das Werk zum erstenmal noch ungeformt in ihm war, Auskunft geben und uns diesen Punkt zeigen, den wir suchen. Immer­hin ist es möglich, gewisse allgemeine Grund- crlebnisse eines Autors nachzuweisen, die hinter seinem Werk stehen. Ich möchte zum Beispiel glauben, daß das Grunderlebnis, die Keimzelle seines Schaffens, bei Henri 03 et) le, der sich nach dem kleinen Städtchen Stendal bei Magde­burg Stendhal nannte, daß das Grunderlebnis dieses großen Sängers der Liebe, von dem einet der schönsten Liebesromane der Weltliteratur stammt,Le Rouge et le Noir, seine eigene Häßlichkeit aewesen ist. Es ist bekannt von

Stendhal, daß er kein Glück bei Frauen hatte, in den Salons lächerlich wirkte, und daß diese Mißerfolge den großen Dichter fast mehr schmerzten, als die Erfolge seiner Bücher ihm Freude bereiteten. Doch aus diesem Gefühl ist kein menschenfeindliches Werk entstanden, sondern es war der Boden, aus dem der große Roman der ersehnten Liebe wuchs. Dostojewski, das dämonische russische Genie, der Dichter der un­sterblichen RomaneRaskolnikow",Dämonen", Die Brüder Karamasow", wiederholte in immer neuen Variationen die Frage nach Schuld, Sühne und Erlösung. Und wenn auch die Witwe deS Dichters in ihren Erinnerungen, bestrebt, dieses unbändige Genie eines biederen Hausvaters und kleinbürgerlichen Gatten darzustellen, es katego­risch ableugnet, in irgendeiner Form mag doch wahr sein, was berichtet wird, daß ein schreck­liches eigenes Erlebnis, vielleicht sogar ein in Wahnsinn oder Verzweiflung verübtes Delikt, den Dichter bis an sein Ende verfolgte und in seinen Werken um Sühne und Erlösung ringen lieh.

Gewiß, daß das Erlebnis des Dichters kein Zufall ist! Es hat große Dichter gegeben, die häßlicher waren als Stendhal und denen ihre Häßlichkeit nicht zum dichter scheu Erlebnis wur.e. Rur das, worauf er innerlich vorbereitet, ab- gestimmt ist, erlebt der Dichter wirklich, das andere bringt nicht in sein Innerstes, indes ge­rade dieses andere dem nächsten zu entscheidendem Erlebnis werden kann.

Ich habe gesagt, daß es unmöglich ist, von außen her zu dem im Einzelfall zugrunde liegen­den Erlebnis vorzudringen, das für ein Werk ent­scheidend war. Rur der Autor selbst kann da Füh­rer sein. Ich will nun versuchen, mit der ganzen Aufrichtigkeit, die mir zur Verfügung steht, an einem eigenen Werk den Faden zu verfolgen und das Erlebnis bloßzulegen. Ich muß beginnen, von mir selbst zu reden, wenn ich an einem Beispiel den Weg vom ursprünglichen Erlebnis bis zum Inhalt, der Handlung des fertigen Werkes, klarmachen teilt? Ich nehme als Bei­spiel mein letztes Buch, den RomanDie Klasse". Die Hauptperson des Buches ist ein Lehrer. Ich bin nie Lehrer gewesen und kann doch sagen, daß ich das Schicksal dieses Lehrers erlebt habe, und wenn mich jemand fragt: Woher wissen Sie das alles von diesem Ihren Lehrer?, so kann ich ruhig sagen, daß ich es im Grunde nicht erdacht habe, daß das Erdachte daran nur äußerlich ist und den Kerir des Werkes nicht trifft.

Obwohl ich ein Mensch unserer Zeit bin, er­zogen, alles durch die Drille der Dernunft zu sehen und nur das zu glauben, was einleuchtet oder durch Erfahrung bewiesen ist, bin ich nicht frei von Resten eines alten besonders im Land­volk noch wachenAberglaubens" ich komme vom Lande eines Aberglaubens, der sich nur in kleinen Dingen des Lebens, in kleinen Ange- j wohnheiten äußert und mir selbst kaum je bc- I

wußt wurde. Ich erwähne das, weil jemand, in dem nicht ein Rest des Glaubens an mythische und mystische Zusammenhänge im Leben trotz Bildung und Erziehung als Erbteil aus der Dergangenheit lebendig geblieben ist, in den Erlebnissen, die auf mich so tief gewirkt haben, nichts gesehen hätte als Realitäten, Zufälle, mit denen man sich abfinden muh und die zuer­leben müßig ist. Ich möchte sagen, daß mein Roman «Die Klasse bei der Geburt meines Sohnes beginnt. Dor vier Jahren lag eines Tages ein kleines, runzeliges, neues Geschöpf vor mir, ich sah es an und meine Datersreude wandelte sich in jähes Erschrecken, denn plötzlich toar mir, als sähe ich ein ganz altes ©reifen- gesicht, das mich ernsthaft anblickte. Schon auch wandelte sich das Gesicht und schon war das schreckliche Bild geschwunden. Es hatte nur einen Augenblick gedauert. Aber ich trug es in mir und vergaß es nicht und mir war, als ha.be dieses Gesicht mir gesagt: ich bin dein Sohn und damit der Sohn deines Daters, Großvaters, Urgroßvaters in unendlicher Reihe. Sie alle hast du in mich vererbt. Weiht du, was du mir damit aus den Weg gegeben hast, Datei?

Ich hatte den Tag der Geburt meines Sohnes nicht vergessen, vielleicht war die Erinnerung daran blasser geworden, zurückgetreten, als ein neues Erlebnis den Anstoß gab, das alte wieder aufzuwecken, und, zusammen mit diesem, mich zu brennen begann, sich mit dem alten Erlebnis verband, selbständig wurde, lebte und ein Roman wurde.

Das zweite Erlebnis: ich sollte um 10 Uhr abends am Bahnhof sein, um jemanden abzu­holen. Ich hatte die Absicht, um halb zehn ein Auto zu nehmen und zum Anhalter Bahnhof zu fahren, bei langsamer Fahrt von meiner Woh­nung eine Strecke von zwanzig Minuten. Um halb neun kam ein Besucher. Ich sprach mit ihm; als ich das erstemal auf die Uhr sah, war es neun ein viertel Uhr, wir sprachen weiter, als ich wieder auf die Uhr blickte, zeigte sie neun ein halb. Ich eilte auf die Straße und nahm ein Auto. Es war drei 2Hinuten später, als ich mir vorgesetzt hatte, aber immerhin Zeit genug, recht­zeitig am Bahnhof zu fein. Als toir_ am Kur­fürst endamm ein teer fahrendes Auto überholten, sprang ein Mann, der unvorsichtigerweise vor dem überholten Auto die Straße rasch über­schreiten wollte, gegen den Wagen, in dem ich saß. Der Mann stürzte aufschreiend zu Boden. Wir luden ihn er war blutüberströmt ins Auto und brachten den Bewußtlosen zur Ret­tungsstelle. Die Derwundungen erwiesen sich später als harmlos. Im ersten Augenblick er­schienen sie auch dem Heilgehilken der Rettungs­stelle schwer.

Rach einstimmiger Aussage aller Zeugen war der Mann an dem Unfall selbst schuld. Allein mir schien, daß ich nicht frei von einer gewissen mystischen" Derantwortung sei, wenn auch ich

als einfreier bezeichnet werden; hinzu tritt daß dieserfreie Berus" nicht einmal seine Ware hier in Gestalt seiner Arbeitskraft und In­telligenz - nachfreiem Ermessen in Rechnung stellen kann. Die Hebamme ist an vorgeschriebene Gebührensätze bei deren Festsetzung sie nur beratend mitwirken kann gebunden. Der bis­herige gesetzlose Zustand zeitigte Fälle, wo für geleistete Geburtshilfe, selbst über den Klage weg. die gering bemessene Gebühr nicht zu erlangen war. Es sind nicht Einzelfälle, wenn gleich durch die Wochenhilfegesetzgebung seit 1. Oktober 1926 eine Aenderung eingetreten ist. Aber diese Rege­lung der Auszahlung der Geburtshilfe über die Krankenkassen bedeutet ebenfalls noch kein All- mittel, da die versicherungsrechtlichen Bestimmun­gen hier sehr beachtlich in die Wagschale fallen. Aber ungeachtet altes dessen muß die Hebamme, ob sie bezahlt wird oder nicht, ob die Bezahlung früher oder später erfolgt, dem an die ergangenen Rufe Folge leisten. Daß ein solcher Zustand im zwanzigsten Jahrhundert nach gesetzlicher Rege­lung drängt, wird auch Bürgermeister Dr. Döl­sing anerkennen müssen, und zwar auf dem Boden der Gleichberechtigung. Die Hebammen spielen hier die Rolle der Minderheiten.

Die Regelung ist auch um deswillen notwendig, als in Art. 119 Abs. 3 der Reichsverfassung aus­drücklich bestimmt wird:Die Mutterschaft bat Anspruch auf den Schuh und die Fürsorge des Staats." Wie denkt sich aber Bürgermeister Dr. Dölsing diesen Schutz durchfreie Hebammen in einer Gemeinde? Einefreie Hebamme kann zu jeder Zeit überall der Geburtshilfe nachgehen, auch über den Riederlassungsort hinaus; könnte sie das nicht, so wäre sie ja begrifflich nicht freie Hebamme. In einer solchen Gemeinde mit freien" Hebammen ist also der verfassungsrecht­liche Mutterschutz nicht gewährleistet.

Weiter wendet sich Dr. Dölsing gegen den sogenannten Hebammenzwang" und lobt das System früherer Jahre, indem er vonDer- tra u^nssache" spricht. Ja Herr Dr. Völsing, wenn Sie schon nicht Anhänger eines Zwanges sind, dann bitte treten Sie auch dafür ein, daß diese Regelung nicht einseitig durchgeführt wird. Die heutige Hebammenschaft vertritt die Rechtsauf- faffung: Gleiche Pflichten, gleiche Rechte. Rach bis jetzt herrschendem Recht hat die Hebamme fein Recht, sich ihre Kundschaft auszuwählen, während anderseits ihre Aus- und Fortbildung derart scharf überwacht und durchgeführt wird, daß dieVertrauensfache" völlig gesichert ist. Es ist deshalb auch nicht richtig, einen Vergleich zu ziehen,wie es jedem Kranken in der freien Wahl seines Arztes gewährleistet ist". Diese freie Arzt­wahl besteht heute bekanntlich auch nur noch bescknmnkt, und andernteils ist die Geburtshilfe keine Krankheitserscheinung.

Bürgermeister Dr. Dölsing hat weiter Wünsche zu der Riederlassungsgene^nigung, die darauf hinauslaufen, daß jede Gemeinde das System wählen kann, das ihr beliebt. Zu diesem Zweck bedürfen wir nich4 des Gesetzes. Der bisher bestandene unhaltbare Zustand war gerade die Veranlassung, einer Aenderung das Wort zu reden, und jedem Rechtsempfinden zuwidergehan­delt wird, wenn weiter der verfassungsrechtliche Mutterschutz auf dem Rücken einer armen Heb­amme durchgeführt werden soll. Die Abg. Mau­rer und Reuter haben schon im Jahre 1928 eine diesbezügliche Anfrage an die Regierung ge­richtet, und stützten sich Kerbei aufdie schlechte wirtschaftliche Lage der Hebammen, die sich in erster Linie bei den Müttern aus den großen Volksschichten der Arbeiter, Kleinbauern und Kleinhandwerker unangenehm bemerkbar machen; dadurch können für die Volksgesundheit unange»

unschuldig" war, zumal ich ja nur als un­beteiligter Passagier im Innern des Autos ge­sessen hatte. Wenn ich so gehandelt hätte, wie ich es mir vorgenommen hatte, das heißt, wenn ich drei Minuten früher mein Haus verlassen hätte, dann hätte doch dieser Mann nicht auch drei Minuten früher die Straße überqueren wol­len? Ich konnte doch annehmen, daß dann dieser Mann nicht nur nicht von mir, sondern über­haupt nicht überfahren worden wäre. Weil mein Freund mich besuchte, hatte ich das Haus nicht rechtzeitig verlafsen. Hinzu kam, daß der, den ich erwarten sollte, an diesem Tag nicht eintraf. Ein Telegrannn, das er mir gesandt hatte, fand ich erst bei meiner Rückkehr nach Hause vor. Wenn ich das Telegramm rechtzeitig erhalten hätte, wäre ich nicht an die Bahn gefahren, und dem Verletzten, der jetzt schon gestorben sein konnte, wäre nichts zugestoßen. Also hing auch das Telegramm, der .Frcund, der ankommen sollte, also hingen wir alle mit dem Schicksal des Un- glücklichen zusammen, eine Kette, ein Glied griff ins andere, wenn der Freund nicht gekommen wäre, mich zu besuchen, wenn ich rechtzeitig weg- gefahren wäre, wie ich mir vorgesetzt hatte, wenn der andere Freund, der ankommen sollte, fein Telegramm eine Stunde früher aufgegeben hätte, der unvorsichtige Passant, den ich für sterbend halten mußte, läge nicht im Kranken­haus.

Man findet mein zweites Erlebnis überhaupt nicht in meinem Roman, das erste erkennt man vielleicht in einer Passage, die dem Leser, der die Entstehungsgeschichte nicht vom Autor kennt, nicht unbedingt wesentlich erscheinen muß. Und doch sind diese Erlebnisse der Ursprung des Romans. Ich begriff, daß ich die Frage nach der menschlichen Verantwortung zu stellen hatte, daß meine Erlebnisse ihre Gestaltung verlangten. Ich habe einen Lehrer zum Helden des Romans gemacht, denn ich fühlte instinktiv, daß der Held des Tuches ein Mensch fein mußte, dessen Beruf an sich Verantwortung auf den Träger bürdet, Verantwortung, wie sie neben dem Lehrer viel­leicht bloß Feldherren, Staatenlenker, Richter tragen. Der Lehrer verantwortet vor einet hö­heren Instanz, die die Gläubigen Gott, die Un­gläubigen das Gewissen nennen, seinen Einfluß auf seine Schüler, in meinem speziellen Fall ver­antwortet er daneben das Schicksal von Frau und Kind. Wenn ich dichterische Phantasie habe, so begann sie erst hier lebendig zu werden, als ich aus den ungeformten Vorstellungen von den Zusammenhängen der menschlichen Schicksale, von der Derantwortung für das, was man tut oder unterläßt vor einem höheren Forum, Gestalten erfand, Gestalten von tragischer Art und luftige Personen, Männer. Frauen und Knaben, und als diese ein eigenes Leben zu führen begannen und meinen Romandichteten" auf dem Hinter­grund meiner Erlebnisse, von denen ich hier zwei in ihrerwirklichen" Form mitgeteilt habe.