Ausgabe 
10.10.1929
 
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o wie er beeinflußt worden. Gr habe ein ärzt­liches Attest gehabt, wonach er 14 Sage nicht habe arbeiten können. Er habe für diese Zeit Krankengeld bezogen, aber dennoch Dien st getan. Die Aeußerungen des Zeugen riesen große Bewegung im Derhandlungssaal hervor.

Der Musiker G u t t l e r erklärt, einen Fuh- tritt erhalten zu haben und angrspuckt worden zu sein. Der Musiker Miller will im Tunnel einen Schlag in den Rücken erhalten haben. Den Täter erkennt er unter den Angeklagten nicht. Der Zeuge Wende wird nochmals vorgerufen und sagt aus, daß der Zeuge Miller zehn Tage krank gemeldet gewesen sei, aber bereits wieder am fünften Tage Dien st getan habe. Musiker Langer bekundet, nicht verletzt worden zu sein. Auf Borhaltung, daß diese Aussage im Widerspruch zu seiner ersten protokollierten Aussage stehe, erllärt der Zeuge, daß er ebenfalls von Orchesterinspektor Kwiatkowski zu seiner ersten Aussage veranlaßt worden sei, das Instrument sei zerschlagen und er selbst verletzt worden. Auf Befragen der Verteidigung sagt er weiter aus, daß er ein Krankenattest erhalten, Krankengeld bezogen und trotzdem gearbeitet habe. Rechtsanwalt Simon er­klärte hierauf, dies sei der von ihm angekün­digte zweite beeinflußte Zeuge. Auf die Vor­haltung. daß dem Zeugen durch seine Dekunduirg keine Vorteile, sondern nur Schwierigkeiten in Polnisch-Oberschlesien entstehen würden, erklärte Dr. Simon, er nehme an, daß die Zeugen nach diesem Vorfall nicht wieder nach Kattowih zu­rückkehren könnten.

Nie Viehzölle.

Aus dem Handelspolitischen Ausschutz des Reichstags.

Berlin. 9. Oft. (DDZ.) Im handelspoli­tischen Ausschuß wurde von kommunistischen und sozialdemokratischen Ausschußmitgliedern Pro- t e st dagegen erhoben, daß der Ausschuß gestern verhandelt habe, trotzdem D e m o t r a t en, Sozialdemokraten und Kommuni st en nicht anwesend gewesen seien. Der Vor­sitzende Abg. Lejeune-Iung (Dn.) erklärte hierzu, die Vertreter von drei Regierungs­parteien (Zentrum. Bayerische und Deutsche Volkspartei) hätten ihm erklärt, daß sie an der Einberufung des Ausschusses f e st h a l t e n. An der Beschlußfähigkeit des Ausschusses könne mit­hin kein Zweifel bestehen, da die Mehrheit des Ausschusses anwesend war.

Hierauf geb Aeichsernährungsmini- ste r Dietrich folgende Erklärung ab: Die Zoll- tarifnovclle von 1925 und die in ihrer Anlage ousgeführten Zollsätze treten mit dem 31. Dezbr. d. I. außer Kraft, wenn nicht bis dahin eine anderweitige Regelung erfolgt. Die Reichsregierung hat die Vorarbeiten für die Reu­regelung in Angriff genommen und wird den gesetzgebenden Körperschaften alsbald eine ent­sprechende Vorlage unterbreiten. Die Reichs­regierung hält es daher nicht für zweckmäßig, im jetzigen Augenblick zu einzelnen in der Ge­samtvorlage zu regelnden Materien Stellung zu nehmen. Sie bittet deshalb den handelspoliti­schen Ausschuß, von einer Behandlung der Po­sitionen, die in der Zolltarifnovelle von 1925 geregelt sind, insbesondere des Zolles für Futter­gerste, A b st a n d zu nehmen.

Deutsche Volkspartei, Zentrum und Deutscher Bauernbund vertraten die Auffassung, daß die Lage der Landwirtschaft keine Verzöge­rung bei derDerabschiedung höherer Zölle vertrage. Dagegen machten die Demo­kraten geltend, man müsse die angekündigte Re­gierungsvorlage abwarten. Der Ausschuß stimmte jedoch über einen Zollerhöhungsantrag der Scu.^nationalen und des Zentrums ab, der auch mit den Stimmen der Rechtsparteien An­nahme fand. Daiurch tritt bei Rindvieh zu Schlachtzwecken eine Erhöhung des Zolles von mindestens 13 auf mindestens 24,50 Mk. pro Doppelzentner Lebendgewicht ein, bei Schafen zu Schlachtzwecken eine solche von mindestens 13 auf 22.50 Mk.. während bei Rindfleisch und S ch a f f l e i s ch. frisch oder gefroren, der Zollsatz mindestens 45 Mk. pro Doppelzentner be­tragen soll.

Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, hat sich der Rcichsernährungsminister mit diesen

Kanzler D10 schlägt Marschall K 4."

Inwendige Schachresormen.

Von Jose R. Capabkanca.

Ein Meister des Schachspiels äußert sich hier über eines der aktuellsten Probleme seiner Kunst.

Schon unmittelbar nach meinem Turnier mit Dr. Lasker in Havanna, sprach ich meine Vor­schläge für eine Aenderung der Regeln des Schachspiels zum erstenmal aus. Die Gründe für eine Revision liegen auf der Hand. Seit langem schon empfindet man mehr und mehr, daß das heu­tige Schachspiel eigentlich etwas eintönig ist, daß cs der Vorstellungskraft, der schöpferischen Phan­tasie des einzelnen Spielers zu wenig Raum läßt.

DieFußtruppe" des Schachspiels, die große Menge aller Schachliebhaber ist zu solchen Vorwür­fen kaum berechtigt und geneigt, wohl aber die Schachmeister, die cigentlid^cn Beherrscher des kö­niglichen Spiels. Die Mentalität der großen Schach­spieler kann und soll hier nicht erörtert werden; da die Schachmeister allen möglichen Berufen ange­hören Philosophen, Mathematiker, Rechts­anwälte finden sich hauptsächlich darunter, würde zu einer solchen Erörterung ein gut Teil wissen­schaftlicher Forschungsarbeit gehören. Ein tadel­loses Gedächtnis und die Fähigkeit, unendliche Men­gen von Spielen und Variationen im Kops zu be­halten, sind stets äußerst wertvolle Eigenschaften für den ehrgeizigen Schachspieler gewesen. Be­herrscht er aber bann das Spiel, so hat es für ihn viel von seiner Farbigkeit verloren. Beim Simul­tanspiel merke ich immer wieder, wie mir auf zahlreichen Brettern dieselbe Situation entgegentritt. Die von mir vorgeschlagenen Aenderungen sollen dem Spiel des Schachmeisters durch die Einfüh­rung neuer Kräfte die matbematische Sicher­heit nehmen und gleichzeitig meyr Opserkornbina- tionen ermöglichen.

Im allgemeinen stehen die führenden Schachspieler jedem Wechsel nicht sehr wohlwollend gegenüber, denn eine Aenderung des Schachspiels bedroht ihre unter den alten Verhältnissen errungene Stellung.

Zollsätzen einverstanden erklärt. Ein aus­drücklicher Beschluß über die Erhöhung der Zölle für Schweine und Schweinefleisch wurde nicht gefaßt, dagegen ein Antrag angenommen, der die Reichsregierung ersucht, in schwebenden Handels­vertragsverhandlungen ohne vorherige Zu­stimmung des Ausschusses keine Bin­

dung der Zölle für lebende Schweine und Schweinefleisch zu vereinbaren. Dar­auf fand ein sozialdemokratischer Antrag An­nahme, nunmehr die weiteren Verhandlungen zu vertagen, bis der Reichstag zusammentritt bzw. dem Ausschuß eine Regierungsvorlage zu- gegangen ist.

Em moderner

In der Affäre desGoldmachers" Franz Tausend, der im .Frühjahr unter d e m V e r° dacht schwerer Betrügereien au; seinem Schloß Eppau in Tirol verhaftet worden ist, ist jetzt eine sensationelle Wendung eingetreten. Der Münchener Untersuchungsrichter hat Tau­send, der während seiner Hast dabei beharrte, seine Goldmacheinunst beruhe a u f wissen­schaftlich einwandfreien Methoden, jetzt Gelegenheit gegeben, die praktische Durch­führbarkeit seiner Golderzcugungstheorie unter amtlicher und sachverständiger Kontrolle zu beweisen. Der Verteidiger Tau­sends. der Münchener Rechtsanwalt Dr. Graf v. Pestalozza, teilt dazu u. a. mit:Am 3. Ok­tober 1929 hat Franz Tausend im Haupt- münzamt in München unter Kontrolle des Münzdirektors, eines zweiten Münzbeamten, zweier besonders ausgebildeter und erfahrener Polizeibeamten und in Anwesenheit des Unter­suchungsrichters und des Staatsanwalts nach vor­heriger eingehender körperlicher Untersuchung und genauer Durchsuchung seiner Kleidungsstücke sein Verfahren zur Herstellung von Gold vorgeführt. Es gelang ihm, echtes und reines Gold in einer Menge herzustellen, die nach dem eidlich abgegebenen Gutachten des Münzdirektors in dem als Ausgangsmaterial verwendeten Blei und den sonstigen Zutaten unmöglich schon vorher enthalten sein konnte. Tausend hat den Beweis erbracht, daß er tats ächlich in der Lage ist, Gold her-

Goldmacher.

zustellen. Gegen die Aufrechterhaltung des Haft­befehls ist jetzt von der Verteidigung Beschwerde beim obersten Landesgericht,tn München eingelegt worden."

Von zuständiger Stelle wird hierzu mitgeteilt: Die Anklage gegen Tausend umfaßt mehrere Fälle des Betrugs. Bei eini­gen schweren Fällen ist die Frage, ob Tausend wirklich entdeckt hat, Gold auf synthetischem Wege herzu stellen, ohne besondere Bedeutung. Bei den übrigen Fällen aber stützt sich die Anklage darauf, daß er den Geldgebern über diese Entdeckung unrichtige Ana ab en gemalt hat. Im Laufe der Voruntersuchung wurde ihm Gelegenheit gegeben, die Richtigkeit seiner Entdeckungen zu erproben. Die Versuche fanden im hiesigen Hauptmünzamt unter schärfster Auf­sicht und Kontrolle statt. Am Schluß der Versuche übergab Tausend einen Edelmetallkern im Gewicht von nicht ganz ein Zehntel Gramm, der zweifellos aus reinem Gold besteht. Der Kem ist aus einer Dleiprobe im Ge­wicht von 1,67 Gramm ausgeschmolzen. Die Sach­verständigen bezeichnen das Ergebnis als über­raschend günstig und den bisherigen Er­fahrungen der Wissenschaft widersprechend. Der Direktor des Hauptmünzamtes konnte allerdings seine Bedenken nicht unterdrücken, ob nicht trotz schärfster Aufsicht Gold in die Probe einge­schmuggelt wurde. Zur Entscheidung über die Haftsortdauer liegen die Akten zur ZÄt dem Obersten Landesgericht vor.

Der SklareWndal auf dem Höhepunkt.

Richt, als ob es früher keine Skandale gegeben hätte. Vielleicht ein bißchen mehr vertuscht wor­den, vielleicht hat die Autorität einer monar­chischen Regierung die Erledigung peinlicher Affären ein bißchen mehr nach ihrem Willen, nach derStaatsraison", gestalten können, als heute unter den Argusaugen übelwollender po­litischer Gegner, aber Skandale hat es immer gegeben. Man entsinnt sich an den Tippels- kirch-Skanda^ in bezug auf Koloniallieferungen und an manchen anderen, in dem große 71 amen kompromittiert waren. Deshalb ist es notwen­dig, bei der Beurteilung der jüngsten Affären, des noch nicht in feinem ganzen Umfang zu übersehenden Falles Sklarek, und bei all den häßlichen finanziellen Krachs im Versicherungs­wesen und in der Finanz in« und außerhalb der deutschen LandeSgrenzen einen vernünftigen Maßstab zu finden, bevor man derartige Vor­gänge als Zeiterscheinungen brandmarkt.

Sie sind außerordentlich unerfreu­lich. Und es ist sicher ein Skandal, wenn Mo­nopole zum Rachteil ganzer Bevöllerungsllas'sen vergeben, wenn mit raffinierten Mitteln die Per­sönlichkeiten, die eine Aussicht auszuüben hätten, irgendwie direkt oder indirekt von den Monopol- inhabem begünstigt oder interessiert werden; es ist weiterhin ein Skandal, wenn die Gelder ver­trauensseliger Genossenschaften und Genossen­schaftsmitglieder in leichtfertiger und töridyter Weife vergeudet und in allerhand Geschäfte po­litischen Charakters gesteckt werden, oder wenn bei Kreditvergebungen persönliche und gesell­schaftliche Rücksichten entscheidend sind. Es ist weiter ein Skandal, wenn altangesehene Ver­sicherungsgesellschaften, die eine volkswirtschaft­liche Aufgabe zu erfüllen haben, die ihnen anver­trauten Celder durch jugendliche Direktoren, gelb» und geschäftslüsterne Günstlinge verschleudern las­sen. Das alles sind Siandale; sie sind Auswüchse einer Geistesverfa'sung, in der das Verantwor- tungsbewutztie.n hinter dem Streben nach Erfolg zurückgetreten ist. Es sind die Folgen einer Um» wälzungsveriode. in der alte bewährte Kräfte z. T. fehlen, im Kriege gefallen, vom Kriege er-

Das halte ich aber gerade für notwendig es sol­len ja neue unberechenbare oder jedenfalls noch un- berechnete Kräfte auftreten und größere Ansprüche an die Vorstellungstraft und die geistige Beweg­lichkeit der Schachmeister stellen, mehr selbständiges Handeln und weniger Gedächtnis erfordern, kurz, dem Schach einen lebhafteren Anstrich geben und mehr Kombinationen, schnellere Ergebnisse ermög­lichen.

Alle etwaigen Aenderungen müssen nach zwei Ge­sichtspunkten geprüft werden: erstens dürfen sie die Grundregeln des Spieles nicht antasten und zweitens müssen sie einen gewissen Ewigkeits - w e rt besitzen. Die bereits vorliegenden Äenderun- gcn lassen zum größten Teil das jetzige Feld un- verührt, während sie die Spielregeln ändern oder erweitern wollen. Die meisten Schachverbesserer erstreben eine Aenderung der Rochade- Regeln, den Austausch der Stellungen von Läu­fer und Springer, eine Abschaffung der Rochade wie tn den früheren Spielregeln; König und Dame sol­len gestärkt werden, indem der Gangbereich des Königs auf zwei Felder statt des bisherigen einen Feldes erweitert wird, während die Dame noch die Gangfähigkeit des Springers erhält.

Wir wollen diese Vorschläge einmal einzeln prü­fen. Eine Aenderung der Rochade würde wahrschein­lich Weiß durch Tempogewinn einen entscheiden­den Vorsprung geben. Die in Arabien übliche Ro­chade z. B. gestattet es, den König in die Ecke zu stellen und mit dem Turm auf der Mittellinie so­fort einen Zug auszuführen. Wenn die Dame noch die Gangart des Springers neben der des Läufers und des Turms in sich vereinigt, so vergrößert das nach meiner Meinung die Remis-Möglichkeiten ganz bedeutend. Ich l)abe vielfach Partien mit dieser Re­gel gespielt; die meisten wurden remis. Das aus der Schachgeschichte bekannte Verbot der Rochade wird das Spiel fraglos interessant, aber auch recht langsam gestalten, da der Turm erst sehr spät ver­wendet werden kann; die Abschaffung der Rochade mag für kurze Zeit einige Vorteile haben, auf die Dauer wird sie sich aber nicht als Verbesserung, son­dern als Verschlechterung des Schachs erweisen. Die einzig diskutable Aenderung ohne Vergrößerung des Feldes oder Wertverschiebunb der Figuren scheint mir gegenwärtig die vorgeschlagene neue Gangart des Königs zu fein: der König soll

schöpft, oder dar neuen Zeit nicht gewachsen, in der Persönlichkeiten, deren Schule der Wirr­warr und die Gesetzlosigkeit der Inflattonsperiode gewesen ist, an verantwortliche Stellen gelangen, deren Machtvollkommenheiten über ihre charakter­liche und bildungsmäßige Vorkenntnis und Eig­nung hinausgehen.

Aber es ist vielleicht nicht ganz richtig, nur Profitgier und mangelnde Moral für diese Vor­gänge verantwortlich zu machen. Die fehlende Sicherheit, das fehlende Kapital, die fehlende stetig' Gewinnchance, die unter anderen Ver­hältnissen, bei niedrigeren Zinsfüßen, bei leich­teren Konkurrenzbedingungen, fast jedem wirt­schaftlichen Unternehmen in der Vergangenheit geboten war, treibt vielfach die spekulativen Unternehmungen. Und von einem spekulativen Engagement mit fremden, anvertrauten Geldern, bis zu zweifelhaften Geschäften, um daraus ent­standene Verluste wieder zu decken, ist oft nur ein Schritt. Daß dieser Schritt in den letzten Iah- ren häufiger getan worden ist als etwa in frü­heren, konsolidierten Zeiten, ist eine Folge des Fehlens jener alten Schule deutscher Kaufleute, die in Zucht und Ordnung und nach ehrbaren Grundsätzen sich minbeften£ so stark als Hüter einer wertvollen Tradition wie als Rivalen im Kampf ums Dasein gefühlt haben. Hnb wo sie noch vorhanden sind, haben ihnen die unver­schuldeten Verluste des Krieges und der In- flatton vielfach das Steuer entrissen, die Selbst­sicherheit geraubt, von der aus ihr Einfluß auf die Schüler und Rachfolger wirksam wurde, die früher die Meister ablösten.

Es soll hier nicht versucht werden, verwerf­lichen und verbrecherischen Einzelmaßnahmen einen beschönigenden Mantel umzuhängen. Im Gegenteil: nur wenn die ganze Schärfe des Gesetzes jeden Schuldigen trifft, kann eine Aus­merzung dieser Art von Geschäftemachern er­zwungen werden. Aber wir dürfen es auch nicht verabsäumen, das Matz der Mitschuld zu er­kennen. das Zeitumstände, fehlende Aussicht und äutzerste Einschränkung der reellen Geschäfts- Möglichkeiten tragen.

danach nach allen Seiten zwei , Schritte gehen und schlagen können. Obgleich einer dauernden Ein­führung dieser Regel keine theoretischen Schwierig­keiten entgegenstehen, würde sich doch bald derselbe Mangel wie bei allen anderen Vorschlägen Heraus­stellen die Zahl der möglichen Opferkombinatto­nen wird dadurch verringert. Eine Auslosung der zu wählenden Eröffnung wie im Damenspiel würde für kurze Zeit große Reize bieten, sie hätte aber den Nachteil, dem Gedächtniskünstler noch größeren Vorschub zu leisten, da mir ein tadellos funktionie­rendes Gedächtnis die Unzahl von möglichen Spie­len und Variationen behalten kann; ferner wären wir in ein paar Jahren noch schlimmer daran als jetzt, weil dann von den Schachmeistern die letzten Geheimnisse des Schachspiels entschleiett sein wer­den.

Nach sorgfältiger Erwägung aller Gründe wage ich es, mit folgendem Vorschlag einer Vergröße­rung des Schachfeldes an die Öffentlichkeit zu treten; nur auf ähnliche Weife kann meiner Mei­nung nach das Schach wieder eine gewisse Unbe­rechenbarkeit gewinnen, den Spieler zur intensiven Geistestätigkeit anspornen und der schöpferischen Vorstellungskraft des einzelnen einen größeren Spielraum lassen.

Meine Anregungen sehen die Einführungen eini­ger neuer Figuren vor: den Kanzler mit der kombinierten Gangart des Läufers und des Sprin­gers, sowie den Marschall mit der kombinierten Gangart des Turms und des Springers; der Kanz­ler kann also beliebig als Läufer oder als Sprin­ger, der Marschall als Turm oder als Springer verwendet werden. Der Marschall wird sich wahr­scheinlich im Endspiel als stärkere Figur erweisen. Natürlich würde die Einführung der neuen Offi­ziere ein 100-Felder-Brett und zwei neue Bauern auf jeder Seite bedingen, aber sie könnte sich ohne jede Aenderung der Spielregeln vollziehen.

Diese Anregung ist den anderen Vorschlägen ins­besondere insoweii überlegen, als sie mehr Opfer zuläßt und so neue Variationen mit unermeßlichen Möglichkeiten in das Schach bringt Schließlich wird das Spiel für die Schachmeister durch diese Reform wieder mit dem Reiz des Unbekannten ausgestattet, und damit wird das Schach auch für die besten Spie­ler wieder zu dem, was es für Schachliebhaber im­mer gewesen ist: ein geistvoller Zeitvertreib, bei

Auch Boß wird beschuldigt.

Kehrt der Oberbürgermeister aus Amerika zurück?

Berlin, 9. Oft. (WTD.) Auf Grund der Erklärungen des verhafteten Buchhalters Leh­mann wird jetzt auch der Rame der Frau Oberbürgermeister Bötz als Kundin der Sklareks genannt. Don unterrichteter Seite erfahren wir, daß Bürgermeister Scholz beabsichtigt, über diese in einem Berliner Mit­tagsblatt erhobenen Beschuldigungen den zur Zeit in San Franzisko weilenden Oberbürger­meister sofort telegraphisch zu unter­richten und ihn um eine Rückäutzerung zu bitten. Gleichzeitig wird Bürgermeister Scholz den Oberbürgermeister wegen der Unter­redung mit der United Preß, in der der Oberbürgermeister behauptet haben soll, es handele sich beim Fall Sklarek nur um einen Erpressungsversuch zur Diskreditierung der Stadtregierung, befragen. Rach Erkundi­gungen derB. Z. a. M." beim Magistrat sind an Oberbürgermeister Dr. Bötz in Amerika im ganzen drei Kabel telegramme gesandt worden. Das erste war eine kurze Meldung über den Fall Sklarek, das zweite betraf die ungünstige K a s s e n l a g e , die zu den be­kannten Einschränkungsbeschlüssen geführt hat. Schließlich ist gestern abend ein drittes Tele­gramm abgegangen, das ganz ausführlich die neueste Entwicklung im Falle Sklarek darlegt. Eine Mitteilung darüber, ob diese Depesche dem Oberbürgermeister nahelegt, seine Amerikareise adzubrechen und nach Berlin zurückzukehren, hat das Blatt nicht erhalten können, glaubt aber vermuten zu dürfen, daß dies der Fall ist.

Der Vorsitzende der Berliner Organisation der Sozialdemokratischen Partei, der Reichstaasabgeord- nete Franz Künstler, erklärte dem Blatt, daß der Berliner Bezirksvorstand gegen sämtliche Mitglieder der SPD., die als belastet hinge- stellt werden, eine strenge Untersuchung e i n (e 11 e n und rücksichtslos alle diejenigen aus der Partei entfernen wird, die sich auch nur das Geringste haben zuschulden kommen lassen. Die kommunistische Stadtverordneten­fraktion hat einen Dringlichkeitsantrag einge­bracht, durch den der Magistrat ersucht wird, den Oberbürgermeister Böß und die mit ihm reisenden Stadträte sofort telegraphisch zurückzu- rufen, damit er zur Verantwortung gezogen wer- den könne für die gegen ihn erhobenen Beschuldi­gungen.

Ein neuer Mttionenstandal.

DasTempo" enthüllt.

Berlin, 10. Oft. (Dolfs.) DasI e m p o (UU- ftein-Bedag) berichtet von einem eigenartigen Ge­schäft, das die Berliner Verkehrs-A. G. mit einer Firma betreibt, und das in feinen finan­ziellen Umfängenvielleicht nicht weit hinter der Sflaref-Uffäre zurückbleibt". Die bevorzugte Jirma heißt nach demTempo" J. Butt & Co. und hat ihre Bureaus in Lichtenberg, Rittergutftraße. Sie hat das Monopol für die Lieferung von Material für Straßenbahnbauten, Kies. Schotter afro.; aber auch für b 1 e Durchfüh­rung der Bauten. Tatsache ist, daß alle ande­ren Firmen bei Lieferangeboten an die verkehrs- A.-G. immer dieselbe Antwort bekommen:TB i r arbeiten nur mit Butt&Co. DavTempo' schreibt weiter: Was den Skandal in feiner vollen Große beleuchtet, ist die Tatsache, daß die Firma nicht nur das Ausschließlichkeitsrecht hatte, sondern das direkt ihr zuliebe und um ihr Millionenverdienste zuzuschanzen, ü b e r s l ü s - s i g c Straßenbahnarbeiten, Umbauten und Gleisanlagen vorgenommen wurden. So hat die Firma dieses Jahr die Verlegung der nach Steg- lifj führenden Straßenbahnlinie von Bahnhof Hauptstraße bis Schloß Steglitz in die Mitte der Straße durchgeführt. Run weiß man aber, daß unter dieser Linie die Untergcundbahnstrecke SpittelmarktKleistparkSteglitz führen soll. Es wird sich nun der Fall ereignen und es ist nur einer von den vielen, daß man nach einiger Zeit die Straßenbahnlinie wieder aufreißt, um die Untergrundbahnlinie bauen zu können. Die

dem man stets etwas lernen kann und bei dem nicht nur das Gedächtnis, sondern vor allem Um­sicht, Vorstellungskraft und geistige Behendigkeit ent» scheiden.

Die falsche Mark.

Von Hans Riebau.

Zwanzig Zigaretten ä 5", schnarrte ein junger Mann und warf eine Mark auf den Tisch.

Ditte sehr", sagte Dogusch, Packte die Ziga­retten ein.

Der junge Mann ging. Bogusch nahm das Markstück, warf es in die Kasse.Klirr!" machte es. Bogusch zog die Augenbrauen hoch, nahm das Markstück wieder heraus, drehte es um, schlug mit der Faust auf den Tisch: die Mark war falsch.

Zehn leichte Zigarren!" forderte ein besserer Herr und legte zwei Mark auf den Tisch. Bo- gu'ch musterte den besseren Herrn. Er war weder ein Stammkunde, noch hatte er einen geizigen Zug um den Mund.Ich habe hier," fing Bogusch an zu reden,noch eine Prima, Prima Sandblatt, Sonderangebot ..."

Und nach zwei Minuten hatte er eine Kiste Prima, Prima Sandblatt verkauft. Der bessere Herr nahm das Zweimarkstück, legte einen Fünfzigmarkschein auf den Tisch.

Der bessere Herr ging.

Gottseidank," dachte Bogusch,die falsche Mark bin ich los."

Grund- und Gebäudesteuer," sagte der Kassen- bote,macht zusammen fünfzig Mark."

In Ordnung," nickt Bogusch, nahm die Quit­tung und zahlte 50 Mark auf den Tisch.

Der Kassierer nahm den Schein, hielt ihn gegen das Licht.Richt ganz in Ordnung," sagte er,der Schein ist falsch!'^

Hochschulnacknchien.

Der Ministerialrat im Bundeskanzleramt in Wien, Dr. Friedrich Hertz, hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der Soziolo­gie an der Universität Halle angenommen.