Ausgabe 
10.6.1929
 
Einzelbild herunterladen

abgetrennte Saar- und Pfalzgebiet und gegen die Saarlüge", nachdem eine politische Arbeitstagung vorausgegangen war.

Die Kundgebung in der Stadthalle stand ganz unter dem Eindruck der Rede, die Professor Dr. Schreiber (Münster) M. d. R., dem Saarproblem widmete. Er wies auf den bevorstehenden zehnten Jahrestag der Unterzeichnung des Versailler Ver­trages hin und sagte in diesem Zusammenhang: Unter den offenen, noch immer blutenden Wunden im deutschen Westen ist das Los des Saargebiets wohl mit am s ch m e r z l i ch st e n. Der Redner erinnerte dann daran, daß sich die Saarländer 1919 und stets wiederum mit Recht auf ihre Familienzugehörigkeit zum Deutschtum berufen hätten, ohne beim Völkerbund Recht und Gehör zu finden. Das Saargebiet sei und bleibe ein rein deutschesGebiet nach Siedlung und Geschichte. Die Politik der Schöpfung eines künstlich konstru­ierten Saarstaates lag von vornherein nicht in der Linie jener Völkerverständigung und jenes Frie­densgedankens, auf den Wilson und die Entente sich immer wieder beriefen. Wir empfinden hier die Dissonanz zwischen der politischen Theorie der Selbst­bestimmung und der rauhen Praxis harten Diktats als äußerst bitter. Unser Blick wendet sich hoffnungs­voll zur Saar. Wir ergreifen die Bruderhand des Saargebiets und halten sie fest. 1935 soll nach Ab­lauf der festgesetzten 15jährigen Frist die letzte der im Versailler Vertrag vorgesehenen Möglichkeiten bei der Saarabstimmung Wirklichkeit werden: die Vereinigung mit Deutschland. Wir war­ten auf diese Vereinigung mit hochgemutem Sinn, mit tiefinnerlichem Verstehen.

Die Versammlung nahm eine Entschließung an, in der es heißt: Das Volk an der Saar fühlt sich in unlöslicher Schicksalsgemein­schaft verbunden mit dem deutschen Rhein. Ein Entgegenkommen gegenüber Ver­suchen, den unnntüriidjen Keil zwischen Rhein und Saar bestehen zu -lassen oder weiter zu treiben, würde im Saargebiet als nationaler Verrat emp­funden werden. Darum macht ein Ende mit dem Saarexperiment des Versailler Ver­trages, das sich in neun Jahren als völlig ver­fehlt erwiesen hat, durch die ungeschmälerte Rückgabe des Saargebietes an Deutschland.

Der Verfaffungstag in Hessen.

D a r m st a d t, 7. Juni. Staatspräsident Ade­lung hat dem Landtag den Entwurf eines Ge­setzes über den Verfassungstag zugeleitet. In diesem Entwurf wird verlangt: Der Derfassungs- tag am 11. August ist staatlich anerkann­ter Feiertag und Fe st tag im Sinne der Reichsverfassung. Am Derfassungs- tage sind alle öffentlichen Gebäude in den Reichsfarben zu beflaggen. In allen Schulen sind für Lehrer und Schüler der Bedeutung des Tages entsprechend Feiern zu veranstalten. Fällt der Berfassungstag in die Schulferien, so findet diese Gedenkfeier frühestens acht Tage vor Schluß, oder spätestens 14 Tage nach Wiederbeginn des Unterrichts statt.

In dieser Vorlage kommt die Regierung einem bereits im Jahre 1922 angenommenen Antrag entgegen, der eine reichsgesetzliche Rege­lung dieser Feier verlangt. Da aber wahrschein­lich bei der Geschäftslage des Reichstages mit einer rechtzeitigen Verabschiedung dieses Gesetzes vor dem 11. August nicht mehr zu rechnen ist, ist das hessische Ministerium hier selbständig vorgcgangen, damit die zehnjährige Wiederkehr der Verfassungsgebung in diesem Jahre durch die Feiertagserklärung dieses Tages ihre be­sondere Weihe erhalte.

Aus dem Finanzausschuß

Darmstadt, 7. Juni. Der Finanzausschuß des Hessischen Landtags behandelte die Regie­rungsvorlage über die Erhaltung und Sicherung von Baudenkmälern. In der ersten Vorlage werden für verschiedene Denk­mäler 35 COO Mk. verlangt. Die Vorlage wurde mit 7:6 Stimmen angenommen. Die geplante Herstellung von Badeeinrichtungen für die Beamten der Bergwerksdirektion in Wöl­fersheim gaben Anlaß zu einer ausgedehn­ten Debatte. Da sich die Parteien nicht einig werden konnten und weitere Unterlagen wünsch­ten, wurde der Punkt bis zur nächsten Woche zurückgestellt. Auch die Regierungsvorlage, 100000 Mk. für die Rationalisierung des Handwerks in Form von Darlehen durch die Handwerkskammer bereitzustellen, wurde von verschiedenen Seiten stark angegriffen. Mi­nister Korell und Abg. Haury (Dt. Vp.) setzten sich für die Vorlage ein, während sich die Ver­treter des Bauernbundes und der Sozialdemo­kraten nicht für die Vorlage erwärmen wollten. Die Vorlage wurde zurückgestellt, um den Frak­tionen nochmals Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Ein Zentrumsantrag, betreffend Ablösung der Gold - Diskontbankhypotheken wird für erledigt erklärt. Die Regierung teilt dazu mit, daß es in den Verhandlungen der Landes- und Reichsregierung nicht gelungen sei, die Rückzah­lungstermine weiter hinauszuschieben. Die Hessische Landesbank- und Girozentrale hätte jedoch Mittel bereitgestellt, um die Hypotheken abzulösen. Aller­dings müßten die betreffenden Landwirte die er­höhten Zinssätze bezahlen; der Landesregierung stünden auch keine Mittel zur Verfügung, den Vor­zugszinssatz der Golddiskontbank-Hypotheken zu er­möglichen.

Oie Aoiariaisgebühren in Hessen.

D a r m st a d t, 9. Juni. (WTB.) In einem volks- parteilichen Antrag auf Herabsetzung der Notariats- gebühren heißt es u.a.: Bei der Beurkundung von Anmeldungen zum Handelsregister wurde seither von Notaren und Gerichten nicht das Gesamt- vermögen der die Anmeldung bewirkenden Fir­men zugrundegelegt, da man sonst zu unmög­lichen Ergebnissen gekommen wäre. Seitdem jedoch das Oberlandesgericht Darmstadt in seinem Beschluß vom 12. April 1929 der, soweit be­kannt, in Widerspruch mit einer früheren Entschei­dung steht festgelegt hat, daß die Gebührende- rechnung nach dem Gesamtwert des Gegenstandes zu geschehen hat, sind die Notare gezwungen, von der seitherigen Uebung abzusehen. Di« Folge ist eine völlig ungerechtfer- tigte Belastung der Wirtschaft. Es soll vorgekommen sein, daß eine Firma für die Anmel- duna eines Prokuristen 4000 Mark, eine andere für die Anmelduno von vier Prokuristen 45 000 Mark Kosten zahlen sollte, während im letzteren Falle eine Anmeldung in Preußen für weniger als 100 Mark beurkundet worden wäre. Hessen kann daher die jetzigen Sätze nichtaufrechterhalten, wenn es sich nicht der Gefahr aussetzen will, daß die In- buftrie abwandert oder ihren Sitz jenseits der Grenze, verlegt.

Oer Geveringkurs und die Parteien

Fnnerpolitifche Debatte im Reichstag.

Berlin, 7.Juni. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Haushalts des Reichs­innenministeriums.

Abg. Freiherr v. Sardorff (D. vp.)

geht zunächst auf die Bestrebungen auf Aenderung des bestehenden Wahlrechtes ein. Ein dringendes Be­dürfnis zu einer solchen Wahlreform könne nicht anerkannt werden trotz mancher Mängel des Pro­portionalwahlrechtes. Die Vielheit der Parteien wird auf keinem gesetzlichen Wege zu beseitigen sein. Wirk­lich befriedigens funktioniert das parlamentarische System nur in England, weil dort die Opposition immer damit rechnen muß, morgen die Verantwor­tung für die Regierung zu übernehmen. Die Re­gierungsbildung vollzieht sich jetzt bei uns gar nicht nach der Verfassung! Nicht das Staatsinteresse ist dabei maßgebend, sondern das Parteiinteresse. Der Reichskanzler beruft nicht die Minister, sondern die Parteien bestimmen sie. Wir brauchen eine ge­wisse Trennung zwischen Negierung und Parteien. In der Frage der Reichsreform ist eine Lösung nur zu erreichen, wenn der Reichspräsident zugleich preu­ßischer Staatspräsident wird. Preußen hat nur noch die Aufgabe, im Reiche aufzugehen. Bei den Mai­unruhen sind leider auch unschuldige Opfer gefallen, die wir bedauern. Die Führer haben sich wie immer in Sicherheit gebracht. Ich habe keine Führer mit zerschlagenen Köpfen gesehen, das wurde den Geführten überlassen.

Abg. Sollmann (S03.)

begrüßt die Senkung der Ausgaben für die Technische Rothilfe. Diese Einrichtung müsse obgebaut werden. Wichtiger wäre eine Rcichsnothilfe gegen die immer zahlreicher wer­denden Aussperrungen der Unternehmer. Sobald die Finanzlage sich gebessert habe, mühten die Mittel für kulturelle Aufgaben erhöht werden. Das Bildungswesen in Deutschland trage leider immer noch Klassencharakter, da nur 1,2 Prozent der Studenten Arbeiterkinder seien. Wir wollen keineswegs die politische Ge- wissensfreihei t der Beamten antasten, aber die Republik kann nicht Beamte in ihrem Dienst lassen, die sich in einer Organisation be­tätigen, die nur vom Kampf gegen diese Repu- blir lebt. Wir müssen warnen vor den Bestre­bungen, direkt oder indirekt uns mit der Zen­sur zu beglücken. Mit dem Schund- und Schmutz­gesetz haben wir keine guten Erfahrungen ge­macht. Wenn George Groß Christus mit Gas­maske und Stahlhelm zeichnete, so empfinde ich als Dissident das nicht als eine Karikatur auf das Christentum, sondern auf die Pastoren, die den Krieg gepredigt und verherrlicht hoben, auf Stahlhelm-Pastoren und Stahlhelm-Pfaffen, die selber eine Karikatur auf das Christentum dar­stellen. Die innerdeutschen Gesandt­schaften einzelner Länder müssen endlich ver­schwinden. Wir erwarten, daß der Reichsinnen­minister eine republikanische Offen­sive eröffnet bei der Zehnjahresfcier der Ver­fassung.

Abg. Berndt (Dntl.)

wendet sich gegen die Derfassungsfeier, die eine rein republikanische Demonstra­tio n s f e i e r sei. Dr. Wirth habe bereits das Versagen des Parlamentarismus schonungslos festgestellt. Wir fordern Stärkung der Macht st ellung des Reichspräsiden­ten. Die Arbeiten des Länderausschusses gehen an dem Kernpunkt des Giebels, dem Absolutis­mus des Parteiregiments, vorbei. Für die Wach- rufung des nationalen Gewissens haben die heute herrschenden Kreise kein Verständnis. Sie sind von ihrer Republikonisierungswut so besessen, daß sie gegen alle Tlnwürdigkeiten, Denunzia­tionen und vaterlandsverräterischen Treibereien bewußt blind sind. Am 28. Juni wollen die Pazifisten eine Aktion für die Anerken­nung der deutschen Kriegsschuld ins Werk sehen. (Hört! hört! rechts.) Soll auch diese Schmach dem deutschen Volke nicht erspart bleiben? Die Deamtenpolitik des Mi­nisters nennt der Redner verfassungs­widrig. Der Stahlhelm erstrebe nur eine Ver­fassungsänderung, wie die meisten anderen Par­teien. Wenn das Streben nach einer anderen Staatsform strafwürdig sei, dürfte auch kein Beamter Mitglied der Sozialdemokratischen Par­tei sein. Die Verlängerung des Republikschutz- gesehcs werden wir mit allen Mitteln bekämpfen.

Abg. Dr. Schreiber (Ienlr.)

errlärt, noch immer gebe es in Deutschland viele Leute, die das Spiel mit dem Bürgerkrieg kurz­sichtig und freventlich betreiben. Daneben gebe es in Deutschland auch einen stillen Bürgerkrieg, eine planmäßige Erschütterung der Staatsautorität. Die Haßbotschaft des Stahlhelms sei eines der traurigsten Dokumente der deutschen Rachkriegszeit. Es ist Pflicht jeder selbstbewußten Regierung, einer schleichenden Brunnenvergiftung entgegenzutreten. Allen Dik­taturgelüsten muß mit aller Schärfe entgegen­getreten werden. Statt einer Diktatur brauchen wir die geistige Mobilisierung aller Volksgenossen zur Pflichterfüllung. Die Richtverabschiedung des Reichsschulgesehes bezeichne im Grunde genommen eine Schwäche, ein Defizit, das dem Reiche selbst anhafte. Dringend bedürfe es einer Reform des Derechtigungswesens. Der Rundfunk dürfe keiner politischen Partei dienen.

Abg. Dr. Bredl (W.P.)

erklärt, die Rotwendigkeit einer Aenderung der Weimarer Verfassung werde in weiten Kreisen betont. Die Reformprogramme von Hugenberg und vom Stahlhelm laufen darauf hinaus, daß die Minister nicht mehr vom Vertrauen des Par­lamentes abhängig sein sollen und daß in die Hand des Reichspräsidenten die größte Machtfülle gelegt werden soll. Was würde Herr Huggenberg wohl sagen, wenn diese ungeheure Machtfülle in der Hand eines Reichs­präsidenten Severing läge? Die Berufung auf das Beispiel der Vereinigten Staaten ist verfehlt. Dort sind beide maßgebenden Parteien m ihren großen politischen Gesichtspunkten kaum unterschieden, und Sozialisten gibt es dort überhaupt nicht. Das ganze ilnglud unseres Systems liegt darin, daß nur immer bewil- 1101 und nicht gefragt wird, wo es her- ko m m t Wir brauchen endlich eine feste Re­gierung. Wir stellen uns auf den Boden der ge­gebenen Verfassung. Es ist noch vieles zu ver­bessern, aber eL tommt weniger an auf eine

Aenderung der geschriebenen Bestimmungen als der parlamentarischen Praxis.

Abg. 6ül; (Dem.)

erklärt das Einverständnis seiner Partei mit der vom Minister eingehaltenen gesamtpolitischen Li­nie. Er erwarte, daß der Minister auch seine Aufgabe in einer starken Festigung des republika­nischen Staates sehe. Von diesem Gesichtspunkt aus sei ein entschiedenes Vorgehen gegen rechts und links zu begrüßen, wenn gegen die Staats­ordnung angekämpft werde. In der Frage des Einheitsstaates müsse endlich auch vom Reiche aus eine starke Initiative entwickelt wer­den. Zur Vorbereitung der Reichsreform gehöre auch die Reform des Wahlrechtes. Liste und Großwahlkreis führten zur Entpersönlichung der Wahl.

Reichsinnenminister Severing:

Der Aufforderung, Hüter der Reichsverfossung zu sein, komme ich gern nach. Gerade darum muß ich aber festhalten an dem in Artikel 109 festgelegten Grundrecht:Alle Deutschen sind vor dem Gesetz gleich." Ebenso müssen natürlich alle Länder vor dem Gesetz gleich sein. Wenn in Bayern Titel und Orden verliehen werden, obwohl das in der Reichsverfossung verboten ist, so hatten die Länder Preußen und Sachsen durchaus recht mit der Anregung, der Reichsinnenminister möge eine für alle Länder geltende Regelung dieser Frage herbeiführen. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß wir nicht private Organisationen als Schützer der Staatssicherheit gebrauchen kön­nen. Wenn aber Parlamente und Gerichte den Stahlhelm und andere rechtsgerichtete Organi­sationen duldeten und schützten, dann konnte man die Bildung ähnlicher Organisationen von links nicht verhindern. Wir arbeiten an der beschleu­nigten Vorlegung des Beamtenvertretungsge- sehes und der Reichsdienststrafordnung. Das Allgemeine Beamtenrecht soll im nächste,i Frühjahr folgen. Das Gesetz für das Reichsverwaltungsgericht soll noch in diesem Monat dem Reichstag zugehen, das Reichsbühnengeseh im nächsten Herbst. Das Ge­setz zur Abänderung des Wahlrechtes wird den Reichstag beschäftigen, wenn in diesem Frühherbst die dringendsten Aufgaben der Ge­setzgebung erledigt sind. Da die Verfassung nicht geändert werden soll, wird es sich im wesent­lichen um eine andere Wahlkreiseinteilung und um eine Aenderung der Spihenliste handeln. Die Einmänner-Wahlkreise haben auch nicht die Wahl solcher Parlamentarier verhindert, wie sie Lud­wig Thoma in seinemJosef Filser" geschildert hat. Es wird vor allem darauf ankommen, die Vertretung kleiner Splitterparteien einzuschrän­ken. Die Jeremiaden von derKrise des Par­lamentarismus" gehen daran vorbei, daß es sich eigentlich um eine Krise des deutschen Volkes handelt. Die Regierungskrisen sind doch immer im letzten Grunde durch die Repa- r a t i 0 ns lasten verschuldet worden, für deren Druek die einzelnen Parteien nicht mehr die Ver­antwortung tragen zu können glaubten. Wenn wir erst von diesen Lasten befreit sind, dann wird die Stabilisierung und Stetigkeit der Re­gierung schnelle Fortschritte machen, dann wird man nicht mehr von einer Krise des Parlamen­tarismus reden. Wenn die Regierung nicht mehr vom Vertrauen des Parlaments abhängig wäre, so wäre sie deshalb keineswegs stabiler. Reichs­wehr und Schutzpolizei sind deswegen so starke Stutzen der Staatsautorität, weil sie sich auf die Mehrheit des Volkes stützen können. Was die Reichsreform betrifft, so halte ich es für ver­früht, Volksentscheide oder Reichstagsbeschlüsse herbeizuführen gegenüber leistungsfähigen Län­dern, die ihre Selbständigkeit aufrechterhalten können.

wir wollen d'-e Reichseinheit nicht mit Reichs­verdrossenheit erkaufen. Die Reichsreform kann aber nicht mehr von der politischen Tagesord­nung verschwinden. Auf die Dauer können wir uns nicht mehr den Luxus erlauben, so viele Behörden des Reiches und der Länder neben­einander zu haben.

Das Reichsministerium wird in diesem Jahre noch Wert darauf legen, in einem Gesetzentwurf zu zei­gen, welcher Weg zum Einheitsstaat führt und wie der Einheitsstaat aussehen soll. In Artikel 137 der Reichsverfassung heißt es, daß die Beamten Diener der Gesamtheit und nicht einer Partei sind. Von den Beamten muß verlangt wer­den, daß sie mit freudigem Herzen den Staat be­jahen, nicht nur im Dienst, sondern auch außerhalb des Dienstes. Der Abschluß der Unterredung der Stahlhelm führer mit dem Reichspräsidenten ist keineswegs ein Freibrief für den Stahlhelm und für die ihm angehörenden Beamten. Wenn Sie entgegen den dem Reichspräsidenten gemachten Versprechun­gen, Beschimpfungen gegen den deutschen Staat und die Staatsform richten, wie wir sie in den letzten Monaten erlebt haben, so werden die republikani- chen Behörden zu vrüfen haben, ob die Bestimmun­gen des Gesetzes über die Beamtenpflicht gegenüber der Republik beachtet sind. Zum zehnjährigen Verfassungstag ist von mir eine republika- Nische Offensive verlangt worden. Dazu brauchte man nur eine Sammlung dessen aufzuzeigen, was die Republik in den zehn Jahren auf dem Gebiete der ozialen Fürsorge, des Wohnungsbaus und der Ge- undheitspflege geleistet hat. Die Tätigkeit der Re­publik in den letzten zehn Jahren auf diesen Gebie­ten stellt alles das in den Schatten, was in mehre­ren Dezennien von der Monarchie geleistet worden ist. (Beifall links, Lachen rechts.) In der Republik ind die nationalen Kräfte geweckt wor- >en. (Abg. Graf Westarp:Sie find ja internatio­nal!) Ja international, ich rechne alle diejenigen Menschen, die sich nur auf die Betätigung des na­tionalen Sinnes beschränken, zu den seelisch Min­derbemittelten. (Beifall links.) Ich nehme für mich in Anspruch, ein so guter Deutscher zu sein, wie irgend­einer auf der rechten Seite. Ich leg« auch Gewicht daraus, im Anfang des 20. Jahrhunderts zu denen zu gehören, die auf ihr Weltbürgertum stolz find. (Beifall links.) Denken Sie an die internationalen Beziehungen, die ja auch von den deutschnationalen Abgeordneten Hoetzsch und v. Lindeiner-Wildau ge­pflegt werden. Wi» können uns nicht international abschließen. Es kommt darauf an, daß wir inner­halb der internationalen Gemeinschaft unsere na­tionale Würde nicht verlieren.

Ich habe mir besondere Pflege der Rok- gememschasl für die deutsche Wissenschaft ange­

legen sein lassen. Deutschland kann nur weiter- 1 kommen, wenn es seine Wirtschaft befähigt, durch Qualitätsarbeit den Wettbewerb auf dem Welt­markt mitzumachen, und dazu muh die Wirt­schaft durch die Forschungen der Wissenschaft ' befruchtet werden. Die dafür ausgewendeten Summen sind die bestekapitalsanlage.

Ich bin durch die Schnitte des Finanzministe­riums und des Reichsrats hindurchgegangen mit den 8 Millionen, die ich für die Rotgemeinschaft verlangt habe. Ich hoffe, daß wir in den nächsten Jahren nachholen können, was in diesem Jahre versäumt werden muh. Ich meine, daß wir die Rotgemeinschaft der Wissenschaft als Basis einer Reichskulturpolitik ansehen müssen. Der Minister wendet sich dann zu der kommunistischen Inter­pellation über die M a i u n r u h e n. Die Kom­munisten^ seien groß in der Erfindung neuer Schlagwörter. Das neueste seiEozialfafzismus". Das Demonftrationsverbot sei nicht mit unwahren Behauptungen begründet worden, sondern mit den gerichtlich festgestellten Bluttaten der Kommu­nisten und den Ankündigungen der K. P. D., die sich gegen die Staatsautorität wenden. (Während dieser Ausführungen werden von den Kommu­nisten dauernd lärmende Zwischenrufe gemacht. Präsident Löbe erteilt Ordnungsrufe und droht mit der Ausweisung.) Die Kommu­nisten glaubten jetzt wohl nicht mehr daran, daß sie am 1. August die bolschewistische Revolution durchführen könnten. (Zuruf von den Kommu­nisten:Das haben wir gar nicht geglaubt." Lautes Gelächter der Sozialdemokraten.) Die für die Ordnung und Sicherheit verantwortlichen Be­hörden würden diesen Putschabsichten zu begegnen wissen. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemo­kraten, Pfui-Rufe bei den Kommunisten.)

Aus aller Wett.

Amerika-Flug schwedischer Flieger.

In Stockholm startete Sonntagfrüh 6 Uhr daS WasserflugzeugS v e r i g e" von dem Stockhol­mer Flughafen Lindarängen, zu dem Transozean­fluge StockholmReuhork. An Bord des Flug­zeuges befanden sich der Pilot Kapitän Ahren­berg, der Beobachter Leutnant Floden und der Bordfunker Ljundlund. Aus der ersten Etappe bis Bergen flogen auch der Finanzier des Flu­ges, der Stockholmer Bankier Serven und ein Radioreferent mit. Bor dem Start erklärte Kapi­tän Ahrenberg, man rechne damit, am Dienstag um 11 Tlhr amerikanischer Zeit in Reuyork zu sein. Das Flugzeug führte eine volle Ladung von Frachtgütern und Post mit sich. Der Zweck des Fluges ist, die Möglichkeit eines regel­mäßigen Luftverkehrs EuropaAmerika zu beweisen.

Die Junkers-MaschineSverige" landete mit­tags glatt in Bergen und startete gegen 15 Uhr zum Flug nach Island. Da das Flug­zeug verhältnismäßig schwer beladen war und Windstille eintrat, dauerte es einige Zeit, ehe der Start unter den Jubelrufen der viele tausend Zuschauer gelang. Seit 10 Ufjr gestern abend hat man von dem schwedischen Atlantikflugzeug Sverige", das an der Südküste Islands net­to n b e n mußte, nichts mehr gehört. Die Küsten­verhältnisse an der Landungsstelle sind derart ungünstig, daß Grund zurBeunruhigung vorliegt. Man weiß noch nicht, ob es dem Führer derSverige", Ahrenberg, gelungen ist, in der Mündung des Skaptaroflusses zu landen oder ob er außerhalb der Küste niedergehen mußte. In diesem Falle wäre das Flugzeug durch den starken westlichen Wind gefährdet. Die Expedi- tinsschiffeOdin" undThor" werden im Laufe des vormittags die Landungsstelle erreichen. Sollte das Flugzeug wieder aufsteigen können, so wird es frühestens Montagabend in Reykjavik eintreffen können.

Oie Wetterlage.

- ' c ,, iVn#-------BJretHr.s.-

v. .Sonntao, V ^,9.Juni 1929,8nmqs

fteparl

SO

Hockit

10,

Aberdeen-

.

6er Hn

T3?

Owolkenlos. 0 neuer. Q nalb bedeckt, ® wolkig. oedeckt »Ktgln, * Schnee a (kaupeln. s Mebel K Qewitter.(g)windstilie.O-. sehr <eienter Ost £ massier Südsüdwest 0 Stürmischer Kordwest Oie Pfeile fliegen mit dem Winde. Die oeiden Stationen stenenden Zah­len geben die Temperatur an Die Limen verbinden Orte mit gleichen^ ul neeresmveau umoertcnnelen Luftdruck

Wettervoraussage.

Hoher Druck von Westen her breitet sich nach dem Kontinent aus und erstreckt sich bereits über Deutschland. Infolgedessen gewinnen die im Ror- den vorüberziehenden Fallgebiete zunächst keinen Einfluß auf die Wetterlage. Im Bereich hohen Druckes ist mit vielfach heiterem und trockenem Wetter zu rechnen. Dabei macht sich der Einfluß der Sonneneinstrahlung stärker geltend, so daß die Temperaturen weiter ansteigen.

Wettervoraussage für Dienstag:

Meist heiteres Wetter, warm und trocken.

Wettervoraussage für Mittwoch:

Wenig Aenderung der Wetterlage.

Lufttemperaturen am 9. Juni: mittags 22,3 Grad Celsius, abends 12,6 Grad; am 10. Juni: morgens 13,5 Grad. Maximum 22,7 Grad, Minimum 9,8 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 9. Juni: abends 22,8 Grad; am 10. Juni: morgens 15,2 Grad Celsius, r-r Sonnenscheindauer P StundeH