Ausgabe 
10.6.1929
 
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Nr. 153 Erstes Blatt

179. Jahrgang

Montag, 10. Juni (929

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Gießen.

Oie Reichsbahn beantragt Tariferhöhung.

Berlin, 8. 3uni. (WTB.) Die Deutsche Relchs- bahngesellschast teilt mit: Der vcrwaltungs- rat der Deutschen Reichsbahngesellschaft hatte in seiner letzten Sitzung beschlossen, im Falte der Verbindlichkeitserklärung des Schieds­spruchs im Eisenbahnlohnstreit eine Tarifer­höhung bei der Reichsbahn zu beantragen, die der Reichsbahngesellschaft für die seit Inkrafttreten des Schiedsspruches neu erwachsenden Personalaus­gaben von ungefähr 55 Millionen Mark jährlich die finanzielle Deckung geben soll. Der verwaltungs- rat sah sich zu diesem Entschluß gezwungen, da die Verhandlungen über eine anderweitige Deckung der Mehrausgaben keine Aussicht auf Erfolg böten. Line weitere Drosselung der Sachausgaben, die heute schon unterhalb der normalen Anforderungen liegen, kann im Inter­esse der Aufrechterhaltung der Betriebssicherheit nicht mehr verantwortet werden. Der Ge­neraldirektor wird daher namens der Deutschen Reichsbahngesellschaft bei der Reichsregierung den Antrag auf Tariferhöhung stellen.

König Fuad von Aegypten besucht Deutschland.

Singen am Hohentwiel, 9. 3uni. (WTB.) ,11m 16.55 Uhr traf König Fuad von Aegypten mit einem Sonderzug aus der Schweiz auf deutschem Gebiet im Bahnhof Sin­gen ein. Zu seinem Empfang hatten sich im Auf­trage des Reichspräsidenten Reichsminister a. D. Dr. Rosen, der deutsche Gesandte in Kairo v. Stohrer, ferner Gesandtschastsrat Dr. Klee, Generalmajor v. 'S o d und Oberstleut­nant v. Tiedemann eingefunden. Beim Der- lassen des Zuges auf dem mit deutschen und ägyptischen Farben geschmückten Bahnhof richtete Reichsminister a. D. Dr. Rosen eine Begrüßungs­ansprache an den König, in der er die Grüße des Reichspräsidenten und der Reichsregierung übermittelte und an die ruhmreiche Geschichte Aegyptens erinnerte, die bis zum Morgenrot menschlicher Kultur zurück- reiche. König Fuad dankte für die herzliche Be­grüßung und brachte zum Ausdruck, daß er sich besonders auf den Besuch in Deutschland freue. Don dem Besuch erwarte er eine besondere Aus­wirkung auf die Förderung der deutsch-ägypti­schen Beziehungen. Ilm 17.25 Uhr verließ der Sonderzug den Bahnhof Singen, um über StuttgartnachBerlin wciterzufahren. In der Begleitung des ägyptischen Königs befinden sich der ägyptische Außenminister und der ägyp­tische Gesandte in Berlin sowie Hofpersonal in Stärke von etwa 20 Köpfen.

Fährt Alacdonald nach Amerika?

Abriistungsbcsprechungcn mit Hoover.

London, 10. Juni. (MTB. Funkspruch.) Der diplomatische Korrespondent des Blattes der Ar­beiterparteiDaily Herald" schreibt: Ich habe guten Grund zu der Annahme, daß der Pre­mierminister nach einer Beratung mit dem Außensekrctär Henderson einen wichtigen Ent­schluß bezüglich der englisch-amerika­nischen Beziehungen gefaßt hat. Mac- donald will, falls die Umstände es gestatten, Ge­legenheit zu einer persönlichen Be­sprechung mit Präsident Hoover neh­men. Wahrscheinlich würde, falls Maedonald nach Amerika fährt, der kanadische Premiermini­ster Mackenzie King eingeladen werden, an den Beratungen teilzunehmen. Man darf anneh­men, daß Macdonalds Ansicht von der Rot- Wendigkeit einer direkten persönlichen Fühlung­nahme vom Präsident Hoover und seinen Rat­gebern geteilt wird und daß sie mit Vergnügen alles mögliche zur Erleichterung der Zusammen- kunst tun würden. In der heutigen Kabinetts- sihung wird die Angelegenheit wahrscheinlich er­örtert werden. DerDaily Herald" veröffentlicht ein Interview mit Henderson, dem neuen Staatssekretär des Auswärtigen, der u. a. er­klärte: Es werde alles geschehen, um die Bande zwischen England und den Vereinigten Staaten zu stärken. Es werde das äußerste getan wer­den, um dem Kellogpakt volle Wirksamkeit zu geben. Die Regierung werde jede mögliche Ge­legenheit zu persönlichem Kontakt und unmittelbarer Beratung mit Vertretern der ame­rikanischen Regierung benutzen.

Der Giinnes-Prozeß.

Berlin, 7.Juni. (WTB.) Im Stinnes-Prozeß erklärte der Angeklagte v. W a l d o w, er sei am 31. Dezember 1927 aus dem Stinneskonzern ausge­treten. Der Anlaß dazu fei das französische Anleihe gcschäft gewesen, durch das er seelisch schwer erschüttert worden sei. Nothmann habe ihm erklärt, in Paris wäre ein gutes Geschäft mit der Anleiheablösung zu machen, da der in französischen Händen befindliche Besitz aus Anlaß der damals im Gange befindlichen französisch-deutschen Annähe- rungsverhandlungen unter einer Sonderbestimmung stehe. Nothmann habe, wie immer, sehr klang­volle Namen aus dem deutschen Wirtschafts­leben genannt, die das gleiche Geschäft au - gemacht haben. Er wolle diese Namen nicht nennen, um nicht die Aufmerksamkeit von seiner

ReWaußenmWer Dr. Stresemann in Madrid.

Die Liquidation des Krieges.

Reichsbankpräsideni Or. Schacht über die notwendigen Folgen der Loung Konferenz.

Vor deutsch-französischen Vesprechungen.

Oie Rheinlandräumung und vorzeitige Regelung der Saarsrage.

daß sie in der heutigen Sihung die Erörterung der Hauptfragen des Minderheitenschutzes für die nächste Sitzung am Dienstag gefordert habe und daß damit die Grundfragen noch völlig offen und ungeklärt seien. j l_j

die Interessen unserer beiden Völker miteinander eng verflechten und so den Drang nach gegenseitiger Verständigung, der die besten Männer und Frauen der beiden Völker beseelt, ein solides Fundament geben.

Die Regierungen und der Voung-Plan.

Die Auffassung in London.

L o n d o n , 8. Juni. (WTB.) Wie Reuter erfährt, herrscht in maßgebenden Kreisen Londons Genug­tuung über den erfolgreichen Abschluß der Sachver­ständigenverhandlungen in Paris. Es wird jedoch darauf hingewiesen, daß der Befund des Sachver­ständigenausschusses für die Regierungen nicht bindend ist, sondern lediglich den Charakter von Vorschlägen trägt. Man erwartet daher, daß in absehbarer Zeit eine wei­tere Konferenz stattfinden wird, und zwar möglicherweise in L o n d o n , wie auch seinerzeit bei der Unterzeichnung des Dawesplanes diese Konfe­renz würde sich mit der Frage der Zustimmung der Regierungen zu dem Bericht der Sachverständigen zu befassen haben und wohl auch die Gelegenheit wahrnehmen, andere Fragen von Bedeutung wie die Frage der Räumung der Rheinlands zu besprechen.

Madrid, 9. Juni. (WB.) Reichsminister Stresemann und Gemahlin sind am Sams­tagabend in Madrid eingetroffen. Primo de Rivera empfing den deutschen Außenminister auf dem Bahnsteig, wo sich zwischen den beiden Staatsmännern sofort ein sehr freundschastliches Gespräch entwickelte. Ferner waren der spa­nische Ratsdelegierte Quinones de Leon, und andere leitende Beamte sowie die vollzäh­lige deutsche Delegation und eine sehr starke Ver­tretung der deutschen Kolonie am Bahnhof er* chienen. Rach gegenseitigen Vorstellungen und Begrüßungen begab sich Stresemann sofort zum Hotel Palace, dem Sitz der deutschen Delegation. Vor dem Bahnhof hatte sich eine große Menge Schaulustiger angesammelt, die den herzlichen Charakter der Begrüßung zwischen den beiden Staatsmännern spontan durch lang anhaltenden Beifall zu wiederholten Malen unter Hoch­rufen bekräftigte.

Der heutige Sonntag verlief ohne politische Ereignisse. Stresemann, der erst am späten Rach- mittag das Hotel zu einer Spazierfahrt verließ, verbrachte den Tag mit der Orientierung über den Stand der Aussprache des Ratskomitees für die Minderheitenfrage und der Geschäfte der be­vorstehenden Ratstagung. Die 55. Rats­tagung wird Montagvormittag wie üblich mit einer vertraulichen Sitzung eröffnet werden. Die neue Tagung steht unter dem Vorsitz des japa­nischen Ratsmitgliedes A d a t c i, der nach dem Ablauf der dreimonatigen Amtsperiode des letz­ten Präsidenten Scialoja das Präsidium des Völkerbundsrates übernimmt.

Auf der Tagesordnung der öffentlichen Sitzung tehen an Fragen von politischer Bedeutung die beiden Optantenangelegenheiten Un­garns mit Rumänien und Südslawien, die jedoch, wie verlautet, angesichts der noch imgange be- indlichen Delegierten-Verhandlungen zwischen den einzelnen Parteien ohne weitere Aussprache auf September vertagt werden dürften, llnter den ausländischen Persönlichkeiten, die anläßlich der Ratstagung in Madrid weilen, wird beson­ders der italienische Unterstaatssekretär Grandi beachtet, der seit Samstagabend hier anwesend ist und mindestens bis Donnerstag zu bleiben beab­sichtigt. Der ungarische Ministerpräsident Graf B e t h l e n, der bereits seit einigen Tagen hier weilt, verläßt am Montag wieder Madrid.

Die Minderheitendebatte.

Deutschlands Forderungen dringen nicht durch.

Madrid, 8. Juni. (TU.) Der Samstag hat in den Verhandlungen des Ratskomitees für die Minderheitenfrage eine neue außerordentlich ernste Wendung gebracht. Das Ratskomitee hat in geheimer Sihung die praktischen Empfeh­lungen des Londoner Minderheitenberichts an­genommen. Das Ziel der deutschen Abord­nung, eine Vertagung der Aussprache auf den September zu erreichen, muß zunächst als ge­scheitert angesehen werden. Am Dienstag tritt die Datskommission noch einmal zu einer letzten Sitzung zusammen, auf der endgültig das weitere Schicksal des Minderheitenschutzes entschieden wird. Heber die Bedeutung der heutigen Beschlüsse gehen die Meinungen weit auseinander. Die Abordnungen von Frankreich, Polen und der Kleinen Entente erklären, daß die Minderheitenfrage am Dienstag endgültig zum Abschluß gebracht werde. Das Rats­

komitee habe die deutschen Anträge a b g e l e h n t und sich auf die heute erfolgte Annahme mit einigen geringfügigen Abänderungen des De- schwerdeverfahrens beschränkt. Demgegenüber wird aus Kreisen der deutschen Abordnung erklärt,

Paris, 9.3unL (ID23.) Dr. Schacht hat der Agence economique et financifcre in Paris folgende Erklärungen gegeben:

Die Poung-Konferen; bedeutet die finanzielle Beilegung des Krieges. Ohne diese wäre auch die politische und moralische nicht möglich. Aber die Durchführung der finanziellen Beilegung wird auch nur möglich fein, wenn der Krieg nicht nur politisch, sondern auch moralisch liquidiert wird. Wir müssen alle entschlossen sein, unsere Augen nicht in die Vergangenheit, son­dern in die Zukunft zu richten. Die Zusam­menarbeit Deutschlands und Frank­reichs ist bei diesem Ausbau der Zukunft ein we­sentliches Element. Die verschiedenartigen Fähig­keiten der beiden Rationen prädestiniert sie geradezu zu einer Zusammenarbeit, die bisher durch den ge­schichtlichen Ablauf der Dinge nur zu oft behindert worden ist. Der Strom der geistigen und zivilisa­torischen Beziehungen, der zwischen den beiden Völ­kern hinüber und herüber geflossen ist, war oft un­terbrochen, wurde aber immer wieder ausgenom­men. Unsere Aufgabe muß es jetzt sein, diesen Strom zu einem ununterbrochenen zu machen dadurch, daß wir ihn auch wirtschaft­lich fundieren. Wir müssen auf finanziellem, auf industriellem und auf kommerziellem Gebiete

Paris, 10. 3uni. (WTB. Funkspruch.) Der Auhenpolitiker desWatin", der sich in Madrid be­findet, erklärt zur Behandlung der Minderheiten, die neuen Staaten wollten bei sich zu Haufe frei schalten können. Was man auch in Deutschland darüber denken möge, sie würden über die in den Verträgen festgelegten Garantien für die Minder­heiten nicht hinausgehen. Es stehe bereits fest, daß der Völkerbund ihre Auffassung im allgemeinen bil­ligen werde. Man könne daher mit der ungefähren Beibehaltung des Status quo rechnen.

Ueber diedeutfch-franzöfischenllnter- handlungen gelegentlich der Tagung des völ- kerbundsrales erklärte derWatin", fie könnten na­türlich nur den Charakter vorbereiten­der Besprechungen haben und keine greif­baren Entscheidungen herbeiführen, da ja die eng­lische Regierung nicht vertreten sei und die finanziellen Regelungen noch nicht soweit gereift seien, um politische Schlußfolgerungen nach sich zu ziehen. Die Räumung selbst sei eine Angelegenheit, die nicht nur von den Außenministern, sondern von den Regierungen ernstlich geprüft werden müsse. Die politische Konferenz, auf der die Gesamt­

heit der schwebenden Fragen zu regeln wäre, könne Milte 3uli stattfinden. Die deutsche Regierung scheine den Wunsch zu haben, zu dieser Konferenz eine Einladung nach Deutschland ergehen zu lassen. Die Stadt Baden-Baden sei bereits genannt worden. Zweifellos würden Briand und Strese­mann am Montag bei ihrer ersten Unterhaltung diese Frage erörtern. DerWatin" glaubt zu wissen, daß Stresemann sich erkundigen werde, ob man nicht bereits jetzt eine vorzeitige Regelung des Regimes des Saargebietes ins Auge fas­sen könne. Falls der Völkerbund einer derartigen Regelung zuslimme, würde man auf die poli­tische volksab st immun g verzichten können. Aber juristisch gehöre diese Frage in den Bereich des Völkerbundes.

Eine Gaarknndgebnng.

Zurück zum Reich!

Münster i.W., 9. Juni. (WB.) Die neunte Tagung des Bundes der Saarvereine, unter dem Protektorat des Reichskanzlers a. D. Dr. Marx, brachte in der Stadthalle eine machtvolle, von dem Bund veranstalteteDeutsche Kundgebung für das

Person abzulenken, aber es seien Persönlichkeiten, die jeder Deutsche kenne. Die Nennung dieser Na­men habe einen großen Einfluß auf ihn ausgeübt und ihn zu dem Geschäft ermuntert. Er habe, nachdem Nothmann ihm die Sache vorge- tragen habe, Hugo Stinnes davon unter­richtet. Hugo Stinnes interessierte sich dafür, er­kannte aber ebenso wie er, der Angeklagte o. Wal- dow, und selbst Nothmann den eigentlichen Sinn des Geschäftes noch nicht. Nothmann habe dann Stinnes das Geschäft nochmals vorgetragen, aber auch dann habe Stinnes das Geschäft noch nicht ganz verstanden. Es klinge zwar etwas komisch, daß alle drei das Geschäft nicht ganz verstanden hätten, aber es fei tatsächlich so ge­wesen und er habe Beweise dafür. Wenn sie damals gleich das Geschäft in feinem ganzen Zusammenhang erkannt hätten, wäre es wahrscheinlich von ihnen nicht gemacht worden.

Oer Nogens-Prozeß.

Reustrelih, 7. Juni. (WB.) 3m Rogens- Prozeh gab der Psychiater Professor Aschaf­fenburg aus Köln ein Sachverständigengut­achten über die Angeklagten Fritz und August Rogens und Frau Kähler ab. Er erklärte, der moralische Tiefstand der drei Angeklag­ten sei bemerkenswert. Rachhßltigkeit und tiefe Reue war nicht festzustellen. Den Angeklagten Fritz Rogens könne er nicht den Schuh des § 3 des 3ugendgesetzes zubilligen, er habe nach seiner Ansicht die Einsicht der Strafwürdig­keit der Handlung gehabt. Dem Angeklagten August Rogens komme die geringste Glaub­

würdigkeit zu. Professor Aschaffenburg erklärte mit Rachdruck:Sicher ist, daß alle drei An­geklagten, Fritz und August Rogens und Frau Kähler, mehr wissen, als sie dem Gericht gesagt haben." Die volle lleberlegungsfähigkeit könne man bei den Angeklagten nicht mit Sicher­heit annehmen.

3m weiteren Verlauf der Zeugenaussagen spielt ein Brief eine große Rolle, den Frau Käh­ler an ihren im Gefängnis sitzenden Sohn A u g u st geschickt haben soll. 3n diesem Brief soll sie ihm mitgeteilt haben, daß er keine Wäsche von chr bekomme und daß er nicht nach Palingen kommen solle. Dem Zeugen Arbeiter Halle hat August im Gefängnis von diesem Brief erzähll und ihm erklärt, er ginge doch nach Palingen, und wenn er seine Mutter i ns Zucht­haus bringen müsse. Rechtsanwalt Dr. Brandt:W e s ro e g e n wollten Sie denn Ihre Slutter ins Zuchthaus bringen?" August Nogens antwortet zunächst, daß er diese Aeußerung nicht ge­tan habe. Schließlich erklärt er erregt:Das sind meine Angelegenheiten!" Rechtsanwalt Dr. Brandt: Aus dieser Aeußerung des August Nogens geht hervor, daß er uns etwas verschweigt, und wir hoben daher daraus unsere Schlüsse zu ziehen." Frau Kähler erklärt, daß sie sich ihrerseits nicht ent­sinnen könne, den in Frage stehenden Brief an Au­gust Nogens geschrieben zu haben. Strafanstalts­hauptwachtmeister Redlich, der nach der Ver­urteilung Jakubowskis mehrfach mit diesem Gespräche geführt hatte und auf Grund dieser Un­terredungen zu der Meinung gelangt ist, daß Jaku­bowski unschuldig sei, erklärte, als zum dritten Male die Begnadigung abgelehnt worden fei, habe er, der Zeuge, zu Jakubowski gesagt:Wenn Sie in Deutsch­

land Kinder in die Welt setzen und nachher umbrin­gen, dann verdienen Sie nichts anderes als die Todesstrafe. Wenn Sie es aber nicht find, dann soll Ihnen Recht werden. Wenn Sie wissen, wer der Täter ist, dann geben Sie ihn doch an." Jaku­bowski erklärte: ,Hch nicht gemacht, ich unschuldig, ich auch nicht weggehen." Der Zeuge erklärte weiter, daß Jakubowski Hannes als Täter verdächtigt habe, daß er aber Kreuzfeldt und Blöcker die Tat nicht zutrauen könne. Der Zeuge führte weiter aus, daß er sich zunächst schlecht mit Jakubowski habe verständigen können. Er habe dann Jakubowski die Urteilsbegründung teilweise klar gemacht. Auf die Frage, warum er Kreuzfeldt belastende Aussagen verschwiegen habe, habe Jakubowski erklärt, daß er glaube, das Gericht wolle doch nicht wissen, daß er Täter sei.

Auch drei Strafanstaltsbeamte bekundeten, die Verständigung mit Jakubowski sei recht schwie­rig gewesen; es hätte, um ihm ein einziges Wort des Urteils klarzumachen, manchmal zehn Minuten gedauert. Der Verteidiger Jakubowskis, Rechtsan­walt Koch, habe sich meistens nur durch Ver­mittlung mit Jakubowski unterhalten tonnen. Der Zeuge Willi Adler hat als Untersuchungsge» fangener längere Zeit die Zelle Jakubowskis geteilt Wie er behauptet, hat Jakubowski ihm erzählt, der Untersuchungsrichter sei ihm immer bei seinen Aus­sagen ins Wort gefallen und habe ihm oft direkt den Mund verboten. Er habe nicht alles sagen können, was er wußte, vor allem von Kreuzfeldt, weil der Untersuchungsrichter sagte, für den Mord komme einzig Jakubowski als Täter in Betracht und er, der Untersuchungsrichter, werde es schon so einrichten, daß man ihn um einen Kopf kürzer mache.