Kommunistische Llmzüge.
Straßen - Umzüge der Gießener Kommunisten fanden gestern vormittag in unserer Stadt und am Nachmittag in einigen Orten der Umgegend statt. Die Umzüge, die nur eine geringe Beteiligung aufzuweisen hatten, Verliesen in voller Ordnung, so daß die Sicherheitsbehörden keinerlei Grund zum Einschreiten hatten. Soweit der Bericht, für den uns Informationen bei der Polizei als Unterlage dienten. Dagegen werden von Besuchern der Bormittagsgottesdienste in der Stadtkirche lebhafte Klagen über Störungen des Gottesdienstes geführt. In einer Zuschrift mehrerer Kirchenbesucher an uns heißt es darüber u. a.:
Der Dormittagsgottesdienst in der Stadtkirche wurde zunächst durch Blechmusik und Paukenlärm und kurz darauf durch den Gesang eines Liedes derart gestört, daß die Predigt des Geistlichen minutenlang unverständlich blieb. Wir glauben uns eins mit allen übrigen Kirchenbesuchern, wenn wir ein derartiges Borgehen aufs schärfste verurteilen und von der Gießener Polizei auf das energischste verlangen, daß sie eine Wiederholung solcher Vorfälle mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln verhindert. Auch möchten wir in diesem Zusammenhang nachdrücklichst betonen, daß der christliche Teil der Giehener Bürgerschaft nicht gesonnen ist, sich das ihm verfassungs- gemäh Anstehende Recht der freien Religions- Übung durch solche Demonstrationen irgendwie schmälern zu lassen. Die Frage, inwieweit die Gießener Polizei die oben geschilderten Vorgänge am gestrigen Himmelfahrttage hätte verhindern können, soll vorderhand unerörtert bleiben. Immerhin stellen wir uns unter öffentlicher Ordnung und Sicherheit, über deren Aufrechterhaltung bekanntlich die Polizei in erster Linie zu wachen hat, etwas anderes vor: aber das mag Auffassungssache sein! Festgestellt soll vorläufig nur werden, daß wir beim Verlassen der Stadtkirche einen Polizeibeamten in unmittelbarer Nähe postiert sahen und uns auf dem Polizeiamt die Auskunft erteilt wurde, daß die Demonstranten sich ausdrücklich verpflichtet hätten, in der Rähe von Kirchen während des Gottesdienstes ihre Musik auszusetzen. Hierbei erlauben wir uns allerdings xu bezweifeln, ob während der Zeit des Gottesdienstes überhaupt die Erlaubnis zu Umzügen mit Musik, Paukenlärm und Hetzreden hätte erteilt werden dürfen! — Und nun hat die P olizei das Wort!
Oie Mittelklasse.
Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht C a l i b a n im Berliner „T a g" vom 4. Mai folgendes Gedicht, das in Gießen besonderes Interesse finden wird:
Du wirst im Gießener .)auptbahnhofsreoier Zwei Türen am W. C. ahn' Nasgerümpf seh'n: „Für die Benutzung mit Zeitungspapier Zehn Pfennig". — „Weißpapier dagegen fünfzehn." Wenn auch die Bahn für ihrer Gäste Kreis Die Polsterklasse im W. C. vermeidet
Und sich auf Holz beschränkt, so wird der Preis Trotzdem gestaffelt. Das Papier entscheidet.
Zeitungspapier und Weißpapier — sollt' da Nicht noch Mittelklasse Nutzen bringen?
Man hört Appelle jetzt von fern und nah. Den jungen Dichtern hilfreich beizuspringen.
Leicht könnt' die Bahn an der Passanten Lauf Verdienen und die Dichter vorwärts schieben. Warum kaust sie nicht Manuskripte auf, Die ja auf einer Seite nur beschrieben?
Taten für Samstag, 11. Mai.
1686: der Physiker Otto von Guericke in Hamburg gestorben (geboren 1602); — 1778: der englische Staatsmann Wilhelm Pitt der Aeltere in Hayes gestorben (geboren 1703); — 1820: der schottische Forschungsreisende Sir Alexander Mackenzie in Mulnair gestorben (geboren 1755); — 1916: der Komponist Max Reger in Leipzig gestorben (geboren 1873).
Bormotizert.
— Tageskalender für Freitag. Haaß. Berkow-Festspiele: Gastspiel im Stadttheater, 8 Uhr. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Zarewitsch". — Astoria-Lichtspiele: „Aus der Reeperbahn nachts um Uhr".
— Stadttheater Gießen. Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die heutige Nachmittagsvorstellung „Die zertanzten Schuhe beginnt um 16 Uhr, die Abendvorstellung „Paradeisspiel" und „Totentanz" um 20 Uhr.
— KeinSalzer-Abend. Aus dem Stadt- theaterbureau wird uns geschrieben: Professor Marcell Salzer ist wiederum so schwer erkrankt, daß der Vortragsabend am 12. Mai ausf allen muß.
— Volkshochschule. Der Kurs „Neuzeitliche Ernährung" beginnt heute abend in der Universität, „Zeichnen" dagegen in der Oberrealschule. Der Kurs „Mozart" muß um acht Tage verschoben werden, der erste Abend findet am Freitag, 17. Mai, statt. Näheres siehe Anzeige in der Mittwochaus- gäbe. — Der Verein Volkshochschule e. V. lädt ferner zur diesjährigen ordentlichen Mitgliederversammlung ein. Es sei nochmals darauf hingewiesen, daß die Versammlung wegen des am Abend stattfin- denden Strauß-Konzertes nicht um 20 Uhr beginnt, sondern schon auf 17 Uhr angesetzt ist. (Siehe heutige Anzeige.)
— Deutsche F r a u e n k u l t u r, Ortsgruppe Gießen. Morgen Samstag, nachmittags 3.30 Uhr, im Cafö Leib Gymnastikvorführungen. Näheres ist aus der heutigen Anzeige ersichtlich.
— Gesangverein „Concordia" Gießen. Morgen, Samstag, 11. Mai, im Saale des Cafe Leib 65. Stiftungsfest. Näheres in der heutigen Anzeige.
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** Unfreundliches Himmelfahrts- Wetter war uns am gestrigen Tage äschert. Die schöne und ganz frühlingsmäßige Witterung der letzten Tage hatte einem kühlen und regendrohenden, am Abend auch regnerischen Wetter Platz gemacht. Trotzdem war der Ausflüglerverkehr in die nähere und weitere Umgebung recht rege. Ob allerdings alle Erwartungen der Ausflugsgastwirte in Erfüllung gegangen sind, bezweifeln wir.
** Dienstjubiläum. Arn gestrigen Tage, 9. Mai, war der Werkmeister Wilh. Werner, Schillerstraße 18 wohnhaft, 50 Iahre bei der Firma Zigarrenfabrik I. Barn aß beschäftigt. Dem Iubilar, der sich der größten Wertschätzung der Geschäftsleitung und seiner Mitarbeiter erfreut, wurden aus diesem Anlaß Ehrungen seitens der Firmeninhaber, dec Angestellten und der Arbeiterschaft bereitet. Ferner tonnten ihm von der Geschäftsleitung Glückwunschschreiben des Reichspräsidenten v. Hindenburg und der Gießener Stadtverwaltung überreicht werden. Der Iubilar ist seit seiner Schulentlassung bis heute im Hause der Firma I. Darnaß ununterbrochen tätig: ein ehrenvolles Zeugnis für beide Teile.
Fliegernotlandung. Am Mittwochnachmittag gegen i'24 Uhr mußte ein Raab- Kahenstein-Flugzeug, das mit zwei weiteren Raab-Katzenstein-Flugmaschinen nach Kassel unterwegs war, dicht bei Lollar auf einer Wiese notlanden, da der Motor über dem Dadenburger Wäldchen Defekt erlitten hatte. Das Flugzeug stieß beim Riedergehen auf der Wiesenfläche so heftig auf, daß es sich überschlug und dabei erheblichen Schaden litt. Der Pilot blieb zum Glück unverletzt. Das Flugzeug muhte abmontiert und mit der Bahn nach Kassel gebracht werden. Die beiden anderen Flieger kreisten eine Zeitlang über der Unfallstelle und setzten ihren Flug fort, als sie bemerkt hatten, daß dem Führer des notgelandeten Flugzeuges nichts weiter passiert war.
e* Schwerer Sturz mit dem Motor- r a b. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich
gestern nachmittag gegen i/23 Uhr auf der Landstraße zwischen Großen-Linden und Klein-Linden. Dort wurde ein Motorrad, auf dem außer dem Führer noch eine junge Dame saß, von einem Automobil angefahren und zum Sturz gebracht. Dabei erlitt der Motorradler, namens Willy Deith aus Frankfurt a. M., schwere Kopfverletzungen, wahrscheinlich auch einen Schädelbruch, sowie einen Schlüsselbeinbruch, seine Begleiterin, Sophie Buh, ebenfalls aus Frankfurt a.M.. Quetschungen und Hautabschürfungen am ganzen Körper. Der Führer des Autos, der die Motorradler beim Ueberholen von hinten angerannt hatte, fuhr auf und davon, ohne sich um die Verletzten zu kümmern. Durch ein später vorüberfahrendes Auto wurden die Verunglückten zunächst nach Klein-Linden gebracht und dann nach erster ärztlicher Hilfeleistung von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in Gießen nach der Chirurgischen Klinik übcrgefufjrt
•* Ein rabiater Gast Hausbesucher. 3n der letzten Rocht gegen 12 Uhr wollte ein junger Mann von hier in einer Gastwirtschaft durchaus noch Bier haben, dessen Verabreichung ihm aber verweigert wurde, da er schon schwer betrunken war. Aus Zorn über diese Abweisung schlug er einige Fensterscheiben der Gastwirtschaft ein, wobei er sich am rechten Unterarm und an der Hand schwer verletzte. Wahrscheinlich sind dabei auch einige Sehnen durchschnitten worden, so daß die Hand womöglich steif bleiben wird. Der unbeherrschte Mensch mußte von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz der Chirurgischen Klinik zugeführt werden.
** Heimatvereinigung Schiffen- b e r g. Am Dienstag hielt die Heimatvereinigung Schiffenberg im Hotel Köhler ihre erste (konstituierende) Hauptversammlung ab. Sie beschäftigte sich in der Hauptsache mit der Durchberatung des vom geschäftsführenden Ausschuß vorgelegten Satzungsentwurfs. Dieser fand einstimmige Annahme, nachdem einige Sonderanregungen für die endgültige Fassung berücksichtigt worden waren. Die bei den früheren Sitzungen schon gewählten Ausschüsse sowie der geschäftsführende Vorstand gelten als für eine dreijährige Amtsführung beauftragt. Die Schiffenberg- Gedenkfeier ist, wie schon gemeldet, auf den 6. Iuli 1930 verschoben. Doch findet noch in diesem Iahre, am 17. Iuni (dem Stiftungstage des Klosters) eine Zusammenkunft auf dem Schiffenberg statt. Näheres darüber wird in den Gießener Zeitungen (»Gießener Anzeiger" und „Oberhess. Volkszeitung") noch bekanntgegeben. Als besonders günstiges Zeichen ist es zu begrüßen, daß auch bei dieser Versammlung — wie bei der Beratung am 19. April auf dem Schiffenberg — die Bürgermeister der meisten Landgemeinden rund um den Schiffenberg, von Wieseck bis Großcn-Linden, erschienen waren und bekundeten, welch reges Interesse auch die Landbevölkerung für unseren Schisfenberg hegt. Mit Genugtuung konnte ein erfreulicher Zuwachs von Mitgliedern gebucht werden.
.** ® c t r o I a - Ä o n 3 e r f. Einen genuß- reuHeii Konzertabend, bei dem man auf dem Podium weder Musiker noch Kapellmeister bemerkte, sondern nur eine Anzahl Apparate sah wurde einem außerordentlich starken Publikum — der weite Saal war buchstäblich bis zum letzten Platze beseht — am Dienstagabend in der Reuen Aula der Universität geboten. Es handelte sich um die Vorführung der Electrola-Platten auf den Electrola-Musik- und Sprechapparaten Die Gießener Vertretung der Electrola-Werke, die Mufikalienhandlung Ernst Challier hatte in Gemeinschaft mit den Electrola-Werken ein sehr gehaltvolles und abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, bei dem man Kornpo- fltlOn™bDn W°gner, Dizet, Puccini, Liszt, Mo- dart,V£?-b€1Lunb Lortzing, ferner Operettenmusik von Lehar, Kalman, sowie Tanzmusik von Strauß, Doelle und Herb-Brown, weiter eine Sprech- Darbietung aus Hauptmanns „Hanneles Him
melfahrt" hören konnte. Sämtliche Darbietungen dieser Electrola-Platten kamen in hervorragende» Weise zu Gehör: namentlich waren es auch die bedeutenden Kompositionen unserer großen Meister, die bis in die feinsten Nuancen auf den Apparaten wunderbar wiedergegeben wurden Der Eindruck, den dieses Konzert der Electrola- Platten, wie auch der Ausschnitt der Sprechdarbietung aus »Hanneles Himmelfahrt" bei dem Publikum hinterließ, war sehr stark, wofür der anhaltende lebhafte Beifall überzeugender Ausdruck war. Die Veranstalter dieses eigenartigen, wohlgelungenen Konzerts konnten einen vollen Erfolg für sich verbuchen.
" Zum Strauß-Konzert in Gießen, das morgen abend in der Volkshalle von dem Wiener Strauß Orchester unter der persönlichen Leitung von Iohann Strauß gegeben wird, schreibt man uns. „Ein einziger Strauhscher Walzer überragt, was Anmut. Feinheit, und wirklich musikalischen Schall betrifft, die meisten der oft mühselig eingeholten ausländischen Fobrikpro- dukte" — das schrieb Richard Wagner, der nie einen Walzer komponiert hat, über Iohann Strauß. Heute bewahrheitet sich seine Prophezeiung. Iohann Strauß II!. feiert heute mit feinem Wiener Tonkünstlerorchester Triumphe in der gesamten europäischen Welt. Wiederum schickt sich der bereits 64jährige an, nach seinen großen Erfolgen m England, Schottland, Irland, m deutschen Gauen den Dreivierteltakt gegen alle (Heger- und Iazzmusik zum Siege zu führen. Er bringt uns als vielleicht letzter Repräsentant österreichischer Musikkultur mit reinen Händen den wiegenden Rhythmus des unsterblichen Walzers, die reiche Harmonie echter Wiener Weisen. Tausende, die täglich Strauhsche Musik und Wiener Operette in Cafes, Radio und Theater hören, werden nun ihre Sehnsucht leibhaft vor sich sehen: den Dirigenten Iohann Strauß, feurig den Violinbogen als Taktstock benützend, feine Wiener Künstler zu einem Spiel begeisternd und beschwingend, das so vollkommen wohl nur selten gehört werden kann. Man beachte die heutige Anzeige.
*V Frauengruppe der Deutschen Volkspartei. Man berichtet unS: Am Rlon- tag sprach Syndikus Röhr in der Frauen- grüble der D. Dp. über die Reparationsfrage. Gr begann seine Ausführungen, indem er erzählte. wie feiner Truppe im Schützengraben im Herbst 1918 die erste Nachricht von dem bevorstehenden Friedensschluh bekanntgeworden sei durch die von den Franzosen herausgegebene und mit irreführenden Zusätzen versehene Friedensbotschaft Wilsons. Nachdem Herr Röhr das interessante Schriftstück verlesen, ging et dazu über, einige allgemeine Reparationsbegriffe zu erklären: Das Versailler Diktat zwang uns zur Abtretung von Gebieten, zur Ablieferung von Schiffen, Vorräten usw., außerdem wurde uns noch die Entschädigung der gesamten Zivilbe- volierung und die Wiedergutmachung aller Kriegsschäöen bei den VerbandSmächten zur Pflicht gemacht. Eine vorläufige Regelung der Reparationsfrage bildete der Dawespakt vom 1. September 1924. Herr Röhr sprach sodann über den Zahlungsplan des Dawespaktes, über Transfer, Mobilisierung und Privattsierung der Reparationsschuld. Er betonte zuletzt, daß es dringend notwendig fei, daß bald eine endgültige Lösung der Reparattonsfrage zustande komme, da die bestehende Ungewißheit unser toirtschasi- liches und politisches Leben hemme. In der Aussprache beantwortete der Redner noch einige aus öem Zuhörerkreis kommende Fragen über die Reparationssache.
**Pfingst-SonderzugderGießener Ha Pag. Wie unS baS Hapag-Reisebureau mit» teilt, verkehrt der Pfingst-Sonderzug zur Iung» frau bereits am 16. Mai. Der Meldeschluß für den Sonderzug nach Berlin zur Gasausstellung ist auf den 12. Mai gelegt. Näheres im heutigen Anzeigenteil.
Roman einer Nacht
Von pauf Nosenhayn.
24. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Vor Lindas Augen huschten alle diese Dinge vorüber wie ein irrer Spuk, den sie nicht begriff. 2ttleS raste ihr in jähen Wirbeln durch den Kops, zusammenhanglos, in einem wahnsinnigen Rhythmus: sie hatte das Gefühl, als ob flammende Kreise um sie tanzten, die sich ineinander verschlagen; sie hörte daS Zusammenrauschen vieler Stimmen, Worte ohne Sinn, beziehungslos, schlugen an ihr Ohr, grauer Nebel schien alles einzuhüllen — nein — wieder schlug der Tanz der flammenden Kreise durch alles hindurch, sie sah seine Augen, die mit einem rätselhaften Ausdruck auf sie gerichtet waren. Die Ereignisse dieser Nacht, dieser letzten halben Stunde jagten an ihrem Bewußtsein vorüber wie höhnende Bilder ... sie suhlte, wie jemand ihre verkrampften Finger auseinanderbog, und eine Stimme sagte tief und höhnisch:
„Nun also!"
Sie sah sich verwundert um, unfähig, den Ausruf zu verstehen; der Mann, der vor ihr stand, hatte den Zettel aus ihrer Hand gewunden; er hatte das zusammengeknüllte Papier entfaltet und bückte bald auf die Schriftzüge, bald auf sie. Sie warf einen Blick Darauf; deutlich sah sie das Li den Anfang ihrer Unterschrift, durch das Papier hindurchschlmmern. Der Lesende hielt den Zettel wie em wertvolles Dokument in der Hand' seine Leute blickten erwartungsvoll zu ihm hinüber: er übersetzte ihnen den russischen Text:
„Ich erkläre, daß ich, als Geliebte Fedor Soko- loffS —“
Linda starrte auf den Sprechenden, ihr Blick irrte über daS Papier, er glitt hinüber zu dem Manne dort drüben, der sie aus seinen tiefen dunklen Augen unverwandt betrachtete; „Fedor Sokoloff..." klang eS wie ein dumpfes Echo in ihr wider... „Fedor Sokoloff..." war das alles ein Traum... ein wilder angstvoller Traum. Der Mann Dort drüben, mit dein sie diese Nacht durchlebt hatte... den sie liebte... dem sie hörig war mit Seele und Körper... dieser Mann war Fedor Sokolosf.
Der Beamte las mit lauter Stimme weiter: »- • - als Geliebte Fedor SokolofsS, die Ziele dieses Klubs kenne und daß ich mich mit allen
• VteJn einsehen werde. Ich verpflichte Klub von jeder Maßnahme deS Polizei- prasekten gegen Fedor Sokoloff und Die (Seinen unverzüglich in Kenntnis zu sehen."
Sie haben vergessen, Ihren Namen zu Ende zu schreiben, lachte Der Beamte höhnisch. „Ditte!" Damit reichte er ihr Den Füllfederhalter.
Linda stand starren QlugeS vor Dem Papier
vor diesem entsetzlichen Dokument; sie sah auf den Beamten, der sie spöttisch betrachtete; sie griff mit einer verzweifelten Bewegung nach dem Papier, um eS zu zerreißen; aber Der Beamte war schneller als sie; schon hatte er es behutsam geborgen.
»Sie können Ihren Namen ruhig fortlassen," sagte er lächelnd: „ich werde einfach dem..." er unterbrach sich und wandte lauschend den Kopf; „da kommt er selbst."
Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, ein Beamter meldete:
„Der Herr Präfekt ist eingetroffen. Die Verhafteten einzeln zur Vernehmung hier herein!"
Damit schob er den Zunächststehenden inS -3im- mer hinein und schlug die Tür hinter ihm zu. Die Zurückbleibenden sahen nervös auf Die Tür Die noch in ihren Angeln zitterte. Ihre Augen tauchten flimmernd ineinander: dann blickten alle auf Linda.
Linda stand unbeweglich, die Hände ineinander verschlungen; DaS würgende Gefühl nahm mit jeöem Pulsschlage zu: sie vermochte nur kurz und stoßweise zu atmen, jeden Augenblick mochte diese Hand, diese unsichtbare Hand um ihren Hals, sich schließen: sie taumelte — die Knie versagten ihr den Dienst — dazwischen, wie ruckweise wurde eS plötzlich ganz klar und kühl in ihr, sie Iah Den Mann dort drüben, fein Gesicht, baS nur um eine Schattierung blasser geworden war seine dunklen schönen Augen: plötzlich kam von nebenan die Stimme ihres Gatten, sie hörte fast jedeS Wort, DaS er sagte.
Wie sollte cS tocrDen, wenn Die Tür sich öffnete ... ?
®S war ihr unmöglich, diesen Gedanken zu Ende zu denken. AIS ob der Führer der Beamten in ihrer Seele gelesen hätte: er zog das Schriftstück, das von ihr sprach, DaS Die Anfangsbuchstaben ihres Namenszuges trug, aus Der Tasche. Er flüsterte mit einem anderen; Dann pochte er an die Tür zum Nebenzimmer, ging hinein und erstattete eine Meldung; offenbar legte er dem Präfekten in diesem Augenblick DaS gefundene Schriftstück vor.
Das war das Ende — der Zusammenbruch — Der völlige Zusammenbruch.
'Dieder sah Fedor zu ihr hinüber; er wußte, toaS m diesem Moment geschehen war. Sie laS Mitleid, zärtliches und verstehendes Mitleid in feinen Augen.
ßben kam der Beamte zurück. Er blickte in der .y™- aun würde er sie hereinholen; in der na$flen Sekunde würde sie vor ihrem Manne flehen...
^in. Der Beamte schob den der Tür Zunächst- stehenden in das Verhörzimmer hinein; wieder schloß sich die Tür.
Eine Galgenfrist von wenigen Minuten... daS war alle-.
Eine Kleinigkeit hatte sich verändert: der Führer, Der ihr DaS Schriftstück abgenommen hatte, war drinnen im Verhörzimmer; über Den Beam- ten tn diesem Raum lag eine Stimmung, die ein wenig milder war. Sie sprachen halblaut mitein- ander, offensichtlich von gleichgültigen und harmlosen Dingen. Linda blickte auf; die Frau Dort Drüben, im sibirischen Schal, machte ihr ein Zeichen; Linda verstand nicht, was sie wollte: so kam jene langsam um den Tisch herum. Ein Beamter blickte auf, gleichmütig — mochten die Zwei Frauen miteinander plaudern — er wandte sich wieder den Kameraden zu.
Die junge Dame flüsterte etwas, toaS Linda mcht verstand. Vielleicht daß jene sie für eine Äuffin hielt — nein, daS schien eS nicht zu fein; Denn nun blickte sie hinüber zur Tür; fast schien eS, als ob diese fremde Frau ahnte, vor welcher Schicksalswende GinDa stand. Don Drinnen wurde eine Hand auf Den Turdrücker gelegt; blitzschnell riß die Fremde ihren Schal herunter und legte ihn Linda um die Schulter.
Eben kam der Beamte heraus: er sah zu den brnDen Frauen hinüber. Linda fühlte, wie ihr der Herzschlag auSsehte: der Suchende heftete seine Augen, offenbar ein wenig irritiert, auf die Gesichter Der beiden; Dann mochte ihn Der sibirische Schal DaS verläßlichere Kennzeichen dünken; er winkte der Fremden, Die er nun wohl für Linda hielt. Die Angerufene ging hinter Dem Beamten her. nicht ohne sich noch einmal umzuwenden: sie lächelte Linda freundlich zu, Dann verschwand sie mit Dem Beamten im Verhörzimmer.
Immer näher kam Der Augenblick . Die Täuschung mußte sich Herausstellen, bei Den ersten Worten DeS Verhörs mußte es offenbar tocrDen daß hier ein Betrug vorlag. Schon senkte sich der Drucker —-langsam, ganz langsam. Oder täuschten sie ihre Nerven, die zum Zerreißen gespannt waren?
Aber in diesem Augenblick kamen Schritte die Treppe herunter; die Tür ging auf; ein Polizei- offner trat ein. Linda wandte sich zusammen- fahrend zur Seite. Sie kannte Den Ankömmling, k^^Pr>ttärikapitän lundby; er war einige Male ihr Gast gewesen.
Lundby hatte sie wohl bereits gesehen. Er ging zu, legte Die Hand salutierend vte Muhe und sah ihr mit fragendem Lächeln tnS Gesicht.
Andersen...? Ist eS denn möglich, gnaDige 5rau? Ich sah Ihr Auto vor Der Tür stehen, ich erkannte es sofort; Ihr Chauffeur sagte ?lr> hier hineingegangen seien;" er sah
ssch lachend um; Die Beamten standen in Dienft- sicher Haltung, die Augen auf ihn geheftet; offenbar erwartete er eine Erklärung.
• biuAv stand vor dem Ankömmling, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Dort Die Tür. Die sich jebe Sekunde öffnen muhte, hinter der der An
kläger harrte, Der ihr eigener Mann war; hier, zur Rechten, Der Polizeioffizier, Der sie mit einem Lächeln betrachtete, in Dem sie Argwohn laS — von zwei Seiten bedrängte sie die Gefahr. Sie fuhr zusammen; Sokoloff war auf Den Offizier zugetreten.
»Sie glauben nicht, Kapitän, wie gelegen Sie uns kommen. Ich war mit der Frau Präfekt hierher gefahren, vom Ball beim Staatsrat Kreutz;" Der Offizier machte eine zustimmende Verbeugung, „man hatte unS etwas von einer furchtbaren Derbrecherspelunke erzählt — halten Sie es für möglich: Wir sind hier mitten in eine Ver- schwörungsszene hineingeraten — wollen Sie die Freundlichkeit haben und Ihren Beamten ein Paar aufklärende Worte sagen."
Der Kapitän legte salutierend die Hand an die Mütze und wandte sich mit grimmigem GesichtS- auSDtud den Polizisten zu.
„Hat denn keiner von euch die Frau Polizei- Präfekt erkannt?" herrschte er Die VerDutzten an. „Wir werden eine Stunde Anschauungsunterricht einlegen müssen!" Und indem er die Tür aufstieß, sagte er mit einer grimmigen Handbewegung gegen die Gemaßregelten. „Wollen Sie mir erlauben, Sie ans Auto zu geleiten?“
Fedor Sokoloff ging voran, die Kellertreppe hinauf; er machte Linda ein Zeichen, daS ihr mit einem Schlage, zu ihrem eigenen Erstaunen, ihre beherrschte Ruhe zurückgab, als Dritter folgte Der Offizier.
Draußen klang ein Kommando auf; eine Frage hallte durch das Dunkel, in daS sich schon das erste Grau des dämmernden TageS mischte; der Kapitän gab Antwort; Der Posten salutierte.
Der Chauffeur, Der Den Dreien mit einer stummen Frage entgegensah, riß Den Schlag auf; Kapitän Lundby stand ehrerbietig an der Tür, Die Sokoloff mit einem Ruck von innen zuzog.
Der Chauffeur legte DaS Ohr an DaS Hörstück des Sprechschlauches.
„Zur Villa Krenh!" sagte Sokoloff mit ruhiger Stimme.
Draußen stand Kapitän Lundby, um sich zu vergewissern, daß der Wagen der Frau Polizei- präsekt ungehindert Die Postenkette passierte.
»
Wahrend Der Wagen in Die dämmernde Rorre- bregaöe hineinglitt, sah Sokoloff verstohlen auf Linda. Sie blickte unbeweglich geradeaus, so als ob sie von Der Anwesenheit eines Zweiten keine Glotij nähme oder als ob zwischen ihm und ch< eine trennende Wand läge, die sie seine Nachbarschaft völlig hatte vergessen lassen. ®S mochte DaS fahle Grau DeS Zwielichtes fein, DaS ihre Züge hilflos und verstört erscheinen ließ. Gr faßte mit einer leisen und streichelnden Bewegung nach ihrer Hand; sie entzog sie ihm jäh. Fast erschrak er vor ihrem Erschrecken.
(Fortsetzung folgt.)


