Nr. 34 Erster Blatt
179. Jahrgang
Samstag. 9. Februar 192&
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Wehretal noch mehr zusammenstreichen, haben auch Bedenken gegen die Erhöhung der Konsum- steuern, ilnb die Bayerische Vollspartei endlich lehnt die Dieriteue-erhöyung entschieden ab. mied auch der Kürzung der Lleoerloeisungen an die Länder energischen Widerstand eirt Gegenstellen.
Dazu kommt noch die Sorge, ob die Bayrische Dolkspartei überhaupt bei der Stange b'.eibt. Man kann nicht gerade behaupten, daß es ihr leicht gemacht werde. Eben erst ist in München der Zorn gegen den preußischen ..Diktator" verraucht, im tiefsten Herzen trägt Herr Held noch schwer an dem Aerger ob der ..Entschuldigung", die Otto Braun aus den Worten des bayrischen Gesandten herausgehört haben will, da kommt schon ein neuer Hieb. Die Reichs- regierung will durch ein Verfahren vor dem Staatsgerichtshof festgestellt wissen, daß die Titelverleihungen. die Bayern seit einer Reihe von Jahren ausübt, mit der Reichsverfassung unvereinbar seien. Man darf wohl annehmen, daß Bayern sich in dieser Sache verfassungsrechtlich im Irrtum befindet. 'Aber es ist doch wohl die Frage erlaubt, warum man die von Baiern seinerzeit als Begründung für seine Ditelverleihungen gegebene Interpretation der Rcichsverfafsung in Berlin zur Kenntnis nahm, ohne damals schon Einspruch zu er- heben und die Streitfrage zu llärcn, statt nun schon Jahre hindurch der Münchener Praxis
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Chefredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lange Derantwonlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyrwt; für den übrigen Teil Ernst Blumschcin; für den Anzeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen
in dem eine.i oder anderen Punkt noch einer Ergänzung bedarf. Es heißt, daß man italienifcherfeits dem P a p st das Vorrecht einräumen will, a l s erster der Welt von dein geschichtlichen Ereignis Mitteilung zu machen. Ob dies in der Peterskirche bei der Krönungsfeier oder von der äußeren Loggia dec Peterskirche oder einfach durch den „Offer- valore Romano" erfolgen wird, sicht noch nicht fest.
Unter Umständen wird die Bekanntgabe näherer Einzelheiten auf dem großen diplomatischen Empfang erfolgen, den der päpstliche Thronassistent. Fürst Colonna, am 12. Februar geben wird, zu dem außer den verwandten des Papstes alle Mitglieder des Kardinalkollegiums, die Prälaten, die Mitglieder des päpstlichen Hofstaates, die beim hl. Stuhl beglaubigten Vertreter des Diplomatischen Korps, die Malthefer Ordensritter, das Patriarchat und die römische An-
(£r|d)etnt täglich,außer sonntags und Feiertag».
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Die Dduftrierte
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siokcatie eingeladen werden. Diese Veranstaltung hat um so größere vedentnng, als seit 1870 kein ähnlicher Empfang stattgesunden hat. Zur feierlichen Papstmesse am Krönungstage ist die Teilnahme des schwedischen Königs angesagt. Beim Empfang des Fürsten Colonna am Dienstagnachmittag soll zum erstenmal seil der Einnahme Roms die sogenannte „Weiße Gesellschaft" des (königlichen) O u i r i n a l s sich mit dem Kardinalskollegium und der sogenannten schwarzen (päpstlichen) Aristokratie treffen.
Die deutschen Katholiken Roms sind, wie die „Germania" meldet, freudig erregt, eine weltgeschichlliche Stunde mitzuerleben, deren Enk- scheidung nach ihrem hoffen und Flehen der gesamten Kirche, ihrem erhabenen Oberhaupts und dem apostolischen Stuhle zum Segen gereichen möge. Ohne Unterschied der Konfession zollen die
Der neue Kirchenstaat.
Was all den italienischen Regierungen seit dem September 1870, als di« italienische Regierung damals kurzerhand Rym besetzt«, bis zum heutigen Tage nicht gelang, ist nunmehr dem italienischen Ministerpräsidenten Mussolini geglückt. Ohne Zweifel muh sein Abkommen mit dem Vatikan alS ein großer Erfolg hin- gestellt werden. Und wenn man auch heute nur Bruchstücke dieses Abkommens erfährt, so scheint doch so viel sicher zu sein, daß der Vertrag für Rom nach beiden Richtungen hin Vorteil« gebracht hat. Auf jeden Fall wird es von nun ab wieder einen Kirchenstaat geben. AuS diesem Grunde dürfte es doch nicht ohne Interesse sein, sich noch einmal kurz die Geschichte dieses Staates zu vergegenwärtigen.
Jnnocenz III. war der erste der Päpste, der in den Jahren um 1200 herum die päpstliche Macht am stärksten ausbauen konnte. Der Kirchenstaat selbst reicht allerdings in weit frühere Zeiten zurück. Unter Leo III. bildete er zwar einen Teil des neuen abendländischen Kaiserreichs, in dem aber die ordentliche Gewalt durch den Papst ausgeübt wurde. Das Schicksal dieses Staates ist aber sehr wechselnd gewe;«?n. Erst Julius II. konnte sich durchsetzen und den Kirchenstaat in seiner Verfassung wfeder erneuern. In den folgenden Kämpfen wurde Rom im Jahre 1527 von den Kaiserlichen erobert und geplündert und schließlich wurden für den Kirchenstaat nur Ravenna und Romagna behauptet. 2m 18. Jahrhundert sank die Macht der Päpste immer mehr, bis sie schließlich in der französischen Revolution völllg vernichtet wurde. 1806 hob R a p o l e o n den Staat ganz auf und 1813 muhte dec damalige Papst auf seine Herrschaft verzichten.
Allerdings gelang es ihm schon einige Jahve später, im Jahr« 1815, noch einmal durch den Wiener Kongreß die Wiederherstellung des Kirchenstaates zu erreichen. 2m Jahre 1860 umfaßte er 41 187 Quadratkilometer mit einer De- völkerungszahl von 3 124 668. Er hatte seine eigene Verfassung, die zum letzten Male 1848 vom Papst Pius I X. gegeben war, ein eigenes Heer von 15 670 Mann und eine eigene Landesfahne in den Farben Gold und Silber. 2m Kriege Frankreichs und Sardiniens gegen Oesterreich blieb der Kirchenstaat neutral, die sardinischen Truppen drangen aber immer weiter vor, und, obwohl die Franzosen den päpstlichen Truppen zu Hilfe eilten und Garibaldi zurückschlagen konnten, war das Schicksal des Kirchenstaates besiegell. Aach dem Abzug der Franzosen im deutsch-französischen Krieg besetzte die italienische Regierung am 20. September 1870 Rom und eine Volksabstimmung sprach sich am 2. Oktober 1870 für die Vereinigung mit 2talien aus.
Der neue vatikanisch« Staat soll dem Vernehmen nach den Komplex des Vatikans mit St. Peter und den Vatikanischen Gärten sowie das ganze Gelände zwischen dem Vatllan und der Villa Doria Pamphili umfassen. Ob die Lateran-Basilika unter die Souveränität des Papstes fallen wird, weiß man noch nicht. Das deutsche Aationalkolleg Campo- s a n t o liegt jedenfalls im neuen Kirchenstaat. Auf jeden Fall dürfte der 12. Februar der Jahrestag der Patz.sllrönung, der der Gründungstag dcs neuen Kirchenstaates we.ten soll, nicht nur für die Katholiken, sondern auch für die gesamte Welt von unerhörter Tedeutung sein.
DiLZekannfgaöe desAblmmens
Festlicher Emvfanq beim Fürs en Colonna
Rom, 7. Febr. (TU.) Die italienische Presse und das halbamtliche Blatt des valikans »Dofecvalore Romano" enthält auch am Donnersiag keine Zeile über die grundsätzlich? Lesung der römischen Frage. A. genscheinlich wartet man noch bis zur Unterzeichnung des Vertrages, der vielleicht
Berlin, 8. Febr. (DDZ.) Die interfraktionelle Besprechung, die am Foellagnachmittag in der preußischen Koalitionssrage stattfand, erreichte um 4 älhr ihr Ende, ohne daß bisher ein Ergebnis erzielt wurde. Cs wurde der Volkspartei der Vorschlag gemacht, sie möge sich zunächst m i 1 einem Mini st ersitz begnügen. Abg. Stendel (D. Dp.) crllärte dazu, dieser Vorschlag sei nicht annehmbar und würde von seiner Fraktion nicht gebilligt werden. Abg. Dr. Heß (Zentr.) «klärte, das Zentrum habe ja wissen lassen, daß es zugunsten der Volkspartei a u f einen Mintstersitz verzichten würde. Abg. Stendel (D.Dp.) gab seinem Erstaunen über diese Erklärung Ausdruck. Um diese Frage habe es sich während der Verhandlungen in der Hauptsache gedreht. Von einem solchen, positiven Angebot des Zentrums sei ihm auch in den De- sprechungeia mit Herrn Scholz nichts bekannt geworden. Abg. Heilmann (Soz.) erklärte gleichfalls, daß seiner Fraktion hiervon nichts bekannt sei. Wenn das Zentrum auf einen Sih verzichte, so mache seine Fraktion auf diesen Sitz Anspruch.
Dom Zentrum wird erklärt, daß der Parteivorsitzende K a a s dem Minister Dr. ©trete- mann eine positive Mitteilung davon gemacht habe, daß das Zentrum zugunsten der Volkspartei auf einen Ministersitz in Preußen verzichten wolle. Die entstandene Komplikation zwischen den Koalition ^Verhandlungen im Reich und in Preußen wird von Zentrumsseite auf eine mangelnde Fühlungnahme der volksparteilichen Reichstags- und Lanötagsfrak- tion zurückgesührt. Da'; Zentrum habe, unter der Voraussetzung, im Reich seine Ansprüche durchzusetzen, sich in einer politisch eindeutigen Erklärung dahin ause- sprachen, es werde seine Landtagsfraktion zum Verzicht aus ein Portefeuille zugunsten der Deutschen Volkspartei veranlassen. Aachdem die Deutsche Volkspartei im Reichstag diesen Dor'chlag jedoch a b g e - lehnt habe, sei es nun Sach? der volkspartei- lichen Reichstagssrakiion, ih.e Freunde im Landtag zu bewegen, sich mit einem Ministersitz zu begnügen, da das Zentrum nicht gewillt sei, allein Opfer zu bringen.
Der sozialdemokratische Abgeordnete brachte zum Ausdruck, selbst wenn das inzwischen überholte Angebot des Zentrums, auf einen Ministersitz in Preußen zu verzichten, noch in Gültigke.t wäre, müßte die Sozialdemokratie als weitaus stärkste Regierungssraktion auf den freiwerdenden Sitz Anspruch erheben, well es unmöglich sei, die Volkspartei mit ihren 40 Landtagsabgeordneten ebenso stark
Ergebnislose Mliiionsvechandlnngen in Preußen Merkwürdige Regiefehler. - Ein unbekanntes Zenirumsangeboi. Oie Volkspartei nicht mit einem Ministersessel zufrieden.
an der Regierung zu beteiligen, wie die Sozialdemokratische Partei mit 137 Abgeordneten. Man könne auch nicht der Volkspartei, nachdem sie 3i/Z Jahre der Regierung ferngeblieben fei, sofort wieder eine so starke Beteiligung ermöglichen. Ministerpräsident D r. D r a u n erklärte dann, die Dolkspartei solle zunächst wieder Überhaupt in aktive Fühlung mit der stetigen Politik der preußischen Regierungskoalition kommen, und es würde überaus bedauerlich sein, toenn an reinen Prestigegründen die Herstellung der Großen Koalition in Preußen, die von den Regierungsparteien stark aewünscht werde, scheitern sollte. älebrigenS ließ die volkspartei- lich« Landtagsfraktion auS ihrer anschließenden Sitzung heraus dem Ministerpräsidenten mittel- len, daß sie an der Forderung zweier M i n i st e r s i tz e f e st h a l t e n müsse. Damit sind nun zunächst die Verhandlungen auf Erweiterung der preußischen Regierungskoalttion alS gescheitert zu bezeichnen.
Volkspartei und preußenloalilion
Keine verfehlte Prestigepoliiik.
Berlin, 9. Febr. (TU.) In einer Besprechung der Soalitionsverhandlmigen In Preußen am Freitag, bei denen die Deutsche Volkspartei an ihrem A n - fpruch auf zwei Mini si ersitze sestgehalten hat, fordert die „DAZ." mit Rachdruck, daß dir Deutsche Volkspartei in Preußen, wie die Dinge nun einmal lägen, den einen l h r angebotenen Ministerposten annehmen und sofort in die Regierung eintreten solle. Die Lage habe sich Infolge des Scheitern, der koalltlonvverhandlungen im Reiche entscheidend geändert, so daß es als eine ganz- 11 d) unangebrachte Prestigepoliiik erscheinen würde, wenn die Volkspartei heute noch auf ihrer früher berechtigten Forderung beharre. 3n der Annahme des einen Ministerpostenv liege die alleinige Möglichkeit, das durch das Scheitern der Großen Koalition im Reich zerschlagene Porzellan einigermaßen wieder zu leimen. Wenn In Preußen die Umbildung der Regierung, sei es auch zunächst um den Preis einer geringeren Beteiligung der Volkspartei, jetzt nicht gelinge, dann gebe es überhaupt keine Aussicht mehr, im jetzigen Reichstage zu einer Mehrheitsregierung zu gelangen. Diesen notwendigen Entschluß müsse die Volkspartei so schnell al» möglich fassen. Staat». politisch bleibe ohne schwerste Erschütterungen zu Zelt kein anderer Ausweg.
Die Aussöhnung zwischen Italien und dem Vatikan.
siohinLen W rllchafts- und Finanzfrazen außen- w.« inner olilisch«c Ra.ur d.e Sazialdemocha ie als der bei wei.em ü5crtc'<»ne Partner Herausstellen dürste. A er wer ist b:nn Schuld daran, daß in ter verbleite rden Rrzierunz 62s bürgerliche Element in so bedenklicher Weise zurückgedrängt worden ist? Doch wohl das Zentrum, dem die Möglichkeit offenstand, auch in diesem Kabinett, wie in allen vorangegangenen dec l:tz- ten zehn Jahre eine gewichtige Schlüsselstellung zu beziehen. Aber das Zentrum hat die 6ac;< des Bürgertums im Stich gelassen, vielleicht weil «s fürchte e. sein Konkordat in Preußen durch Konzessionen cm die Volkspar ei in Gefahr zu bringen. So ist die Laie heute derart, daß ein Minderheitskabinett versuchen muß, für seine Gesetzesvorlagen im Reichstag Mehrheiten zu finden, wo es auch immer sie bekommen mag. Das wird namentlich bei der Derairng des Reichshaushaltsvoranschlags außer- ordentlich schwierig sein. S.ehm doch haute schon alle verolicbenen Rrgierungs >art:im. die Sozial demolraten ein'efchlofsen. der Etatvorla ;e des Reichsfinanzministers Dr. H.lferd nz mit größter Reserve ge^enü.er. Vollspar ei und Drmokraten verlangen mit Recht aanz crheali-.rve Einsparungen als sie Hilferdings Voranschlag ausweist, und zeigen außerdem wenig Sympathie für die geplante Erhöhung der Vermögens- und Erb-- schaftsstcuem; die Sozialdemokraten tvvllen den
ruhig zuzusehen. Ist es nun bloß Mangel an Regie, unüberlegter Streich einer schlecht informierten Bureaukratie oder soll es ein besonders geschickter Coup des Herrn Severing sein, wenn diese uralte, abgestandene Geschichte just in dem Augenblick aus der Versenkung hervorgeholt wird, in dem von dem guten Verhältnis der Bayern zur Reichsregierung so gut wie alles abhängt? Auch ein gutmütigeres Tier, als es nun einmal der bayrische Löwe von Haus auS ist. würde bedenklich fauchen, wollte man ihi so empfindlich in den Schwanz petzen, wie es 6L sozialdemokratischen Größen in Berlin, die Herren Hilferding, Braun und Severing in trau- ‘em Verein zu tun belieben. Fast drängt sich te~ Eindruck auf, als wollte man di« Bayrische Volkspartei mit Gewalt aus der Regierung graulen. Im anderen Fall wäre dieser Streich eine Torheit, die wir Herrn Severing zu aller- letzt zugetraut hätten. Aber fährt man aur diesem Wege fort, die ohnehin schon riesengroßen Schwierigkeiten der Reichsregierung künstlich zu vermehren, dann ist heute schon voraus-- zusehen, wann sich der mühsam ächzende Karren des Rumpfkabinetts endgültig festgesahren hat. Dann bedarf cs allerdings r.id)t einmal besonderer Liebenswürdigkeiten des Zentrunts, Herrn Hermann Müller aus dem Sattel zu heben, um, selbst wieder die heute verschmähten Züael in' die Hand zu nehmen.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Crrrf tut Ccrlac: vrshl'sche LnivttM1r-v»ch- -n!> Steinörnderei R. £an?e In Sietzen. Schristleltun, unt> S-sHüflrlelle: S-nl-tratze 7.
Das Rumpffabinett.
RelchtwirtschastSminister Dr. E u r t i u s hat am Donnerstag in einer ausgezeichneten Rede vor den Berliner Vertretern der deutschen Provinzpresse seine Zuhörer beschworen, das ihrige zu tun, um der Verzerrung, Herunter- reißung und Verächtlichmachung alles dessen entgegenzutreten, was man drauß^r als Berlin kennzeichne, und hat sie gebeten, ihren Blättern nicht nur den Eindruck von Tüchtigkeit und Arbeitskraft zu vermitteln, die in Berlin am Werke seien, sondern auch von dem ehrlichen Ringen um die großen gemeinsamen vaterländischen Ziele, von dem tiefen Ernst, der alle die Organe durchdringe, die in der Zentrale für deS Reiches Wohlfahrt sorgen. Es scheint also doch Herrn Curtius und — dürfen wir hoffen? — auch dem einen oder anderen seiner Minister- und Parlamentskvllegen zu dämmern, daß daS. was man so gemeinhin „Provinz" Nennt, die breite Masse des Volles nämlich, sticht mehr allzuweit von dem Punkt entfernt ist, wo es bei aller bisher geübten Lammsgeduld doch einmal mit der Faust auf den Tisch schlägt und sagt, wir haben genug von bet Berliner Komödie! ^Roch nie ist dem Volke so klar vor Augen geführt worden, daß Koalitionen zwischen regierenden Parteien nur dazu da sind, mit den Interessen des Volkes, von dem allein die Staatsgewalt ausgehen soll, Schindluder zu treiben. Irgendwelche großen Dinge, wie Deckung des Fehlbetrags und kraftvolle Wahrnehmung der deutschen Rechte im Zweiten Dawesausschuh, werden auf das Firmenschild geschrieben. Drinnen in der Dunkelkammer aber geht, wie noch stets, der schamlose Kuhhandel um die einflußreichsten Posten an der Staatskrippe seinen altgewohnten Gang." So skizzieren die „Leipziger Reuesten Rachrichten", das führende, der Dollspartei nahestehende Provinzblatt Mitteldeutschlands, die gegenwärtige Lage an dem gleichen Tage, an dem ein Mitglied der Reichsregierung in kaum noch verhüllter Form die gleiche Provinzpresse um gut Wetter bittet, ilnb dazu liegt wahrlich aller Anlaß vor, denn was wir in den letzten Wochen an unverantwortlicher Krisen- macherei und lleinlichstem Parteigezänk erleben mußten, überstieg an Widerwärtigkeit alleö dir her Daaewesene. Wir brauchen uns nicht noch einmal durch all die Irrwege dieser Koa- litionSverhandlungen hindurchzuauälen. brauchen nicht in alle Schlupfwinkel intrigierender Partei- seelen hineinzuleuchten, um heute an der wenigstens vorläufigen Endstation dieses Leidensweges mit einiger Bitterkeit zu sehen, daß von Interessen des Volkes bei diesem Schacher um die Ministersitze beim besten Willen nicht mehr gesprochen werden kann.
Aus den Händen hatte man im vergangenen Bommer dem Zentrum drei Ministersitze angc- tragen. Das Zentrum dankte, es wollte nicht. Die Herren hofften, mit ihrer inneren Parteikrisis besser unb schneller ohne Regierungsverantwortung fertig au werden. Nun, wo es soweit war, stellten sie ihre Forderungen und nahmen, von der Unentbehrlichkeit ihrer Partei im tiefsten überzeugt, als selbstverständlich an, daß alles aufspringen würde, um Zcntrumsministern Platz zu machen. Als dies nun richt so schnell ging, wie man es sich gedacht hatte, als noch hin. und hergerückt wurde und gar noch die seinerzeit vertagte, damals allseitig anerkannte Forderung nach einer gleichzeitigen Kabinettsumbildung in Preußen erhoben wurde, kam die Drohung, den letzten Zentrumsmann, den „Horchposten" Gusrard aus dem Reichskabinett z u ° rückzuziehen. Die Drohung wurde wahr- gemacht, als ein letzter Kompromißvorschlag des Äeichskanzlers, der die Umbildung der beiden Re- gierungen im Reich und in Preußen „Zug um Zug" vors-ch, nicht im Sinne des Zentrums aüsfiel. Die. Große Koalition ist damit erledigt. Fast auf den Tag, seit dem es zehn lange Jahre hindurch an jeder Heichsregicrung teilgenommen hatte, vollzog das Zentrum seinen Austritt. „Freiheit!" jubelt die „Germania", aber cs sind doch recht gedämpfte Fanfarentöne, die im Berliner Zentrum organ diesem ersten Stoßseufzer der Erleickterung folgen. Die neue Parteileitung scheint innere Unsicherheit und Unklarheit über die nächsten Ziele hinter forschem Auftreten verbergen zu wollen. So ganz wohl fühlt man sich nicht in seiner Haut. Denn was wollte man eigentlich mit dieser Sezession, zu der bas Zentrum wchrlich niemand gedrängt hatte? hoffen die Herren Kaas und Stegerwald, sich auf diese Weise um die Verantwortung für den Etat uni) die Neuregelung der Reparationen herum- dn'icken zu können? Oder glauben sie, bei Gelegen- ipit dieser gewiß brenzeiigen Fragen dem Rumps lobinett Müller ein Bein stellen zu können, um sich dann in einer neuen Regierung die Ministersessel cuszusuchen, die ihnen die vorteilhaftesten dünken? Dem Trierer Prälaten sagt man ja schon lange wach, daß er den Ehrgeiz hege. Herrn Stresemanus Nachfolger in der Leitung der Außenpolitik zu wer- Dm. Oder wünscht man in der eben bezogenen Oapositioncstellung Aoitationsmaterial für einen in der gegenwärtigen Situation nicht sehr unwahr- 'ckstnlichen baldigen Wahlkampf zu sammeln? Wir missen es nicht.
..as erstt o'auchbarr: Schl-arfo^ ist schon go- vraat: der liberal-sozialistische Block! Grrne gestern wir, daß auch uns einiges -Un< behagen üter.'o.nmt bei d-esrr rcu:n Konst llation d'r hin.er dem Rum ^skabinett ftc )enb.n
P.-.r'eien. aber we nger, Ir'i( wir fürchten., daß nun auf Lulttrn oliftschem Dinge ge'e;chen s w r'-n die to.r nicht billigen f‘5n ixn, als aus n: bedrückenden Gefühl heraus, daß in diesem I Bunde sich gerate bei den zunächst zur Erörterung


