Liebe in Ketten.
Vornan von Hans Mitieweider.
Copyright by Martin F.uchtwanger, Halle (Saale).
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Hinnerk Hinrichfen fuhr sie. Sie kam in den Badeort, hielt es aber auch dort nicht aus, und ehe sie noch recht wußte, was sie tat, hatte sie eine Fahrkarte nach jener Stadt gelöst, in der der Unbekannte sich ihrer angenommen und sie bis zum Zuge gebracht hatte.
Die ganze Zeit über hatte sie seine leuchtenden Augen nicht vergessen können. Aber sie gestand sich selbst nicht ein, daß sie innig darauf hoffte, den Fremden wiederzufinden, daß sie nur seinetwegen nach dieser Stadt kam.
Sie wußte gar nicht, ob er ständig dort lebte. Vielleicht war er längst weitergefahren, irgendwohin, und sie würde ihm nie wieder im Leben begegnen.
Ein heimlicher Schmerz krampfte bei diesem Gedanken Käthes Herz zusammen: aber sie verbannte ihn bald wieder und hoffte weiter. Sie kam an ihr Ziel und fühlte sich verlassen unter den vielen, vielen fremden Menschen, die alle ein Heim hatten, alle ein Ziel, alle eine Beschäftigung.
Sie wußte nicht, wohin sie gehen sollte. Sie fürchtete sich, jemand zu fragen, und sie war herzlich froh, als eine Frau neben sie trat und sie ansprach.
„Sie sind fremd hier?" fragte sie. „Wenn ich Ihnen helfen kann?"
„Ach ja, ich möchte mir ein Zimmer suchen," stammelte Käthe, und schaute auf die Unbekannte, die ganz ehrlich und anständig aussah, etwa wie die Frau eines kleinen Handwerkers.
„Wenn's weiter nichts ist!" sagte sie jetzt. „Ich kenne die Stadt genau und will Ihnen schnell eine Unterkunft besorgen. Kommen Sie nur mit! Oder ja! Den Koffer schleppen wir natürlich jetzt nicht mit. Den lassen Sie einstweilen hier in der Gepäckaufbewahrungsstelle. Sie wissen nicht Bescheid? Dann will ich es besorgen."
Eie gingen beide an den Schalter, und die Frau gab den Koffer «dort auf: sie behielt auch den Schein, nach dem Käthe gar nicht fragte, und dann stiegen sie auf eine Elektrische und fuhren in die Stadt und fast wieder hinaus.
In einer Vorstadtstraße wies die Frau auf mehrere Pappschilder an den Türen.
„Schlafstelle frei!" stand darauf, und auf einem: „Rur für Mädchen!"
Da gingen sie hinein, stiegen vier Treppen hoch und wurden von einer Frau in einen Baum geführt, der nichts enthielt als ein schmales Bett, einen aus einer Kiste gezimmerten Waschtisch und einen Stuhl. An der einen Wand war noch ein
Brett angebracht mit einer Zuggaröine davor.
Vier Mark mit Kaffee sollte es kosten, und die Begleiterin Käthes redete dieses zu, einstweilen hierzubleiben. Wenn es ihr nicht gefiele, könnte sie sich ja immer noch etwas anderes suchen, wenn sie erst Arbeit gefunden hätte.
Käthe bezahlte die vier Mark von dem Geld, das sie beim Kauf der Fahrkarte zurückerhalten hatte. Dann sagte ihre Führerin:
„Run will ich schnell den Koffer hierher besorgen, daß Sie alles beisammen haben, Fräulein. Sie finden sich doch nicht zurecht, und es gibt ja auch zu viel schlechte Menschen in einer solchen großen Stadt. Schließlich würde man Ihnen den Koffer stehlen."
Sie war hinaus, ehe Käthe etwas sagen konnte.
Diese trat an das eine Fenster des Raumes und schaute hinaus.
Sie fühlte sich ganz enttäuscht, als sie nichts gewahrte wie Dächer, Dächer und wieder Dächer, ilnb tief unten war ein winziger Hof, in dem es wie in einen Schacht hinabging.
„Rein, hier kann ich nicht bleiben!" stöhnte das arme Mädchen auf. „Hier sterbe ich — hier fürchte ich mich!"
Sic nahm sich vor, die unbekannte Helferin sogleich nach ihrer Rückkehr zu bitten, sie lieber anderswohin zu bringen. Einstweilen setzte sie sich auf den wackligen Stuhl und starrte vor sich hin.
Sie fürchtete sich vor dem Leben, in das sie sich hinausgesehnt hatte.
Sie wartete und wartete. Immer sehnsüchtiger lauschte sie auf die Treppe hinaus, ob nicht bald die Schritte der Frau hörbar würden.
Riemand kam — niemand.
Es wurde dunkel. Die Frau war nicht gekommen, und Käthe wußte sich in ihrer Angst keinen anderen Rat, als daß sie an die Küchentür drüben klopfte und die Wirtin fragte.
Die Frau schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.
„So dumm sind Sie gewesen, Fräulein? rief sie außer sich. „Ja, wie konnten Sie denn der Frau den Schein lassen! Denken Sie denn, die kommt wieder? Wer weiß, wo die jetzt ist und sich freut, daß sie so einen Koffer erlangen konnte. Was hatten Sie denn in dem Koffer?"
„Alles! Auch mein Geld!" stöhnte Käthe auf. „Viel?"
„Fast zweitausend Mark."
„Ach, du liebe Güte! Das ist natürlich futsch! Ree aber, Fräulein! Wenn Sie mir bloß ein Wörtchen gesagt hätten. Aber freilich, wie konnten Sie sich das denken. Kommen Sie nur schnell! Wir müssen gleich auf die Polizeiwache. Vielleicht erwischt man das Frauenzimmer noch."
And ehe Käthe zur Besinnung kam, zog ihre Wirtin, die hastig die Wohnung abschloh, sie schon die vielen Stufen hinunter und lief unten
mit ihr durch die Gasse bis zu einem Haufe, über dessen Eingang eine rote Laterne brannte. „Polizeiwache" stand auf der mittelsten der Scheiben.
Die Beamten hörten an, was die Frau vorbrachte. Sie schauten auf Käthe und fragten sie aus. Sie schüttelten den Kopf und telephonierten nach der Hauptwache.
„Leider besteht wenig Aussicht, daß Sie wieder zu Ihrem Eigentum kommen, Fräulein." sagte endlich der Wachtmeister. „Es tut mir ja leid. Aber warum haben Sie sich nicht an die Bahnhofsmission gewandt? Run, weinen Sie nur nicht! Wir werden uns selbstverständlich alle Mühe geben."
Todmüde und ganz niedergeschlagen kam Käthe wieder heim und sank auf das harte Bett. Sie hörte die Wirtin draußen mit einem Manne reden, der dann hereinkam, und dem sie alles noch einmal erzählen mußte. Doch auch er konnte ihr nicht helfen. Er sagte sogar, daß sie überhaupt nicht erst auf die Polizei hätten zu gehen brauchen.
„Die wissen einen Dreck!" sagte er verächtlich.
Das war eine furchtbare Rächt für Käthe Fer- nau. Sie machte kein Auge zu, bis gegen Morgen, wo die Erschöpfung ihr endlich die Lider zudrückte: aber als sie erwachte, war sie wie zerschlagen, und pergebens suchte die Wirtin ihr Trost zuzusprechen.
Gegen Mittag kam ein Polizist und bestätigte, daß der Koffer von der Frau abgeholt worden war.
„Wir werden sie schon erwischen!" sagte er, und ging.
Aber man „erwischte" sie nicht.
Käthe war froh, daß sie wenigstens noch ein paar Mark hatte, und daß ihre Wirtin Erbarmen mit ihr fühlte. Die Frau zeigte ihr die öffentliche Lesehalle, wo sie in den Zeitungen nach einer Stelle suchen konnte: aber Käthe wußte doch nicht, was für eine, und so verstrich ein Tag nach dem anderen, ohne daß sie Arbeit fand.
Sie lief und lief und bat, man sollte sie annehmen: aber wenn sie gefragt wurde, was sie bisher gemacht hätte, und sie die Wahrheit bekennen mußte, dann wies man sie überall ab.
Verzweifelt saß sie endlich auf einer Bank am Flusse und starrte in das schnell vorbeifliehende Wasser.
Was sollte sie nun beginnen?
Hier war es ja tausendmal schlimmer noch als in London, wo sie wenigstens einen Menschen gehabt hatte, und bann, als er nicht wiederkam, Geld...
Doch jetzt...
Sie griff in die Tasche und holte die paar Münzen heraus, die noch darin waren.
Achtundvierzig Pfennige besah sie noch.
And wieder trat eine Frau zu ihr — nein, das war Wohl noch ein Mädchen, modisch ge
kleidet, mit einem koketten Hute auf dem rotei^ üppigen Haar.
Aber Käthe sah doch, daß die Augen einen guten Ausdruck hatten, und die Stimme klang weich, als die Anbekannte nun sagte:
„Schatz, mach' Kasse! Viel ist es nicht, wie ich sehe. Haben Sie keine Arbeit, armes Hascherl? Sie sehen so aus, als hätten die Hühner Ihnen nicht bloß die Butter vom Brot gefressen, sondern gleich das noch mit. Wo drückt ttenn der Schuh?"
Käthe konnte nicht antworten. Sie wollte auch nicht weinen, trotzdem es ihr siedend-heih in die Augen stieg: aber sie konnte schließlich nicht hindern, daß dle Tranen ihr nur so über die blassen Wangen liefen, und es tat ihr unbeschreiblich wohl, als die Fremde sich neben sie setzte, einen Arm um sie schlang und sie an sich zog.
„Weine dich nur aus, Kindchen!" sagte sie dabei ganz zärtlich. „Immer weine! Wer das kann, ist noch nicht ganz elend. Ich wollte, ich.."
Sie sprach nicht weiter: aber sie streichelte die Hände Käthes, und schließlich wischte sie ihr die Tränen ab, und das tat der Verlassenen so wohl, daß sie endlich alles erzählte — alles.
Still hörte die andere zu.
„Das ist freilich schlimm." sagte sie. „Man hätte Sie nicht allein hierherfahren lassen sollen. Aber wenn Sie niemanden haben, wie Sie sagen... Ra, schließlich geht die Welt wegen den paar Kröten noch lange nicht zugrunde. Munter, mein Häschen! Sie suchen Arbeit und finden keine, und ich sage Ihnen: da können Sie rroch froh sein: denn was Sie in einer Fabrik verdienen, das reicht weder hin noch her, und ich denke, es ist dort schlimmer, wenn man die ganze Woche schuftet und nachher doch nichts hat, als wenn man gleich von vornherein nichts macht. Aber natürlich, Geld verdienen müssen Sie, und da kann ich Ihnen vielleicht helfen, wenn Sie wollen."
„Ach, Fräulein!"
Käthe packte beide Hände der Anbekannten fö fest, als wollte sie sie nie wieder loslassen.
Da lachte diese.
„Sie werden in Ihrem Leben nicht gescheit werden!" sagte sie. „Fürchten Sie denn nicht, dah ich Sie auch wieder bemogeln könnte?"
„Sie? Rein, nein, Sie sind gut und meinen es gut mit mir! Das merke ich," versicherte Käthe, und dann setzte sie flehend hinzu:
„Ach, bitte, bitte, helfen Sie mir! Ich will ja alles tun, was man von mir verlangt..."
„Ra, da, versprechen Eie man nicht zuviel! Alles tun darf der Mensch auch nicht. Aber helfen kann ich Ihnen. Sagen Sie mal, haben Sie noch etwas anderes anzuziehen als das hier? Ach so, das hat man Ihnen ja gestohlen! Ra, da mutz eben Rat geschaffen werden. Wollen Sie mit mir gehen?' (Fortsetzung folgt.)
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