Nr. 57 Erster Blatt
|79. Jahrgang
§reltag, 8. März 1929
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Hessens Giaatssinanzen vor dem Landtag.
Finanzminister Kirnberger begründet den Etat. — Hessens Finanzen unter dem Druck der Besatzung. — Der Kostgänger des Reichs. - Die Gestaltung der Landessteuern - Das Sparprogramm. - Amtlicher Optimismus.
Darmstadt, 7. März. Präsident Delp eröffnet um 10.30 LIhr die Sitzung. Die Minister find vollzählig erschienen, und auch der Saal ist gut beseht. Auf eine Kleine Anfrage wegen der Feldbereinigung im Wieseneck erklärt Minister K o r e l l, daß die Kosten der Feldbereinigung nicht höher als im allgemeinen feien. Allerdings sei die Kostenfrage durch den geringen Versteigerungserlös der Massegrundstücke von 51 000 Mk. beeinflußt worden. Stundungsgesuche für die angeforderten Beträge seien nicht eingrgangen. Auf eine deutschnationale Anfrage erk.ärt der Finanzminister Kirnberger, das Gutachten des Aeichssparkom- missars über die hessische Staatsverwaltung ist noch nicht erschienen. Wohl aber ist vor kurzem beim Staatspräsidenten ein Schreiben des Aeichssparkommissars mit umfangreichem Prüfungsmaterial seiner Beamten eingelaufen, hinsichtlich de sen der Äeichsfparkommissar ausdrücklich um streng vertrauliche Behänd- l u n g ersucht, da er sich erst selbst ein Urteil bilden müsse.
Es folgte die Beratung des Finanzgesehes 1929. Dazu erklärte
Finanzminister Kirnberger:
Die Regierung schlägt vor, den Voranschlag von 1928 auf 19 2 9 zu erstrecken und dazu die inzwischen notwendig gewordenen Ergänzungen und Berichtigungen vorzulegen, weil uns die Unterlagen auf den wichtigsten Gebieten für einen neuen Voranschlag fehlten. Die Etatberatung für dieses Jahr ist dadurch in keiner Weise beschränkt, weil in den Ergänzungen und Berichtigungen zu dem vorjährigen Voranschlag ausreichende Unterlagen zur Beratung gegeben find. Auch ist es selbstverständlich, daß damit daS Budgetrecht des Landtages in keiner Weise berührt wird.
Die Ergänzungen bringen einen Mehrbedarf von rund 2,5 Mill. Mark, die auch bei schärfster Prüfung nicht zu vermeiden find. Es sind die erhöhten Beträge für Verzinsung der wachsenden Staatsschuld, die Verpflichtungen aus der vermögensrechtlichen Auseinandrsetzung mit dem vormals regierenden Groh- Herzog und zwangs äusige Ausgabenerhöhungen. Es war aber möglich, die Einnahmeseite um rur" 2,3 Mill. Mark zu verbessern, vor allem L .; r dj d i e steigenden Ueberwei- sungen an Reichs st euer n. Dann aber führen auch die Eingänge bei der Grunderwerbssteuer dem Uriundenstempel, dem Eichweien. der Fahrzeugprüsung und dem Vermessungswesen zu höheren Einnahmen. Auch die Forsterträge dürfen wieder etwas höher angeseht werden. Da also der Mehrbedarf durch Mehreinnahmen fast ausgeglichen wird, hat sich der Fehlbetrag im Voranschlag des Jahres 1928 von 11,4 Mill. Mark für 1929 nur auf 11,6 Mill. Mark erhöht. Dieser Fehlbetrag ist ohne Zweifel für unsere Verhältnisse sehr hoch. Er wird aber aller Voraussicht nach im Rechnungsergebnis wohl erheblich geringer sein. Dah die Rechnungsergebnisse günstiger als der Voranschlag ab» schlossen, hat sich in den letzten Zähren erfreulicherweise fast regelmäßig wiederholt. Die Fehlbeträge konnten übrigens in 1925 ganz, in 1926 zum großen Teil aus den Ueberschüssen früherer Jahre ausgeglichen werden. Auch für den Rech- nungsabschkuh von 1928 wird der Fehlbetrag des Voranschlags mit 11,4 Mill. Mark auf 53/4 Mill, he runtersink eiv und dies, obwohl die Rechnung den vollen Mehrbedarf für die Besoldungsordnung enthält, und obwohl auf dem Gebiete der Landesstcucrn wiederum mit erheblichen Ausfällen gerechnet werden muh, fo z. B. bei der Sondergebäudesteuer für die landwirtschaftlichen Gebäude allein mit etwa 500 000 Mark.
Soweit sich die Verhältnisse überblicken lasten, darf auch für 1929 angenommen werden, daß der Fehlbetrag des Rechnungsergebnisses mit einigen Millionen Mark hinter dem des Voranschlages zu- rückbleiben wird.
Das ist fein übertriebener Optimismus, wie mir non mancher Seife vorgeworfen wird, sondern das ist eine Darlegung der wirklichen verhält- niffe. Ich würde mich umgekehrf eines Anrechts schuldig machen, wenn ich die hessischen Finanzen schwärzer darstellte, als sie in Wirklichkeit sind. Ls Hal sich bereits so etwas wie eine öffentliche Meinung herausgebildet über die trostlose Lage der hessischen Flnanzwirtschaft. Ich halte es für meine Pflicht, gegen solche Behauptungen anzukämpfen. Sic sind nicht nur objektiv unrichtig, fonbern sie wirken lähmend auf unsere Wirtschaft und auf unsere Verwaltung.
Es ist auch ein Unrecht, wenn es immer so hinge- stellt wird, als ob an dem Zustande der hessischen Finanzen die Mißwirtschaft oder die mangelnde Initiative der Regierungen schuld fei. Die so reden, überfehen geflistenllich, daß in der Gestaltung unserer Finanzen viele Dinge z wa n g s l ä u f i g sind, daß angesichts der gesamten Lage, in der sich Reich Und Länder unter dem außenpolitischen Druck be- finden, Aederungen und Verbesserungen nur in be
scheidenem Maße und nur allmählich möglich sind.
Die hessischen Fehlbeträge sind eine Folge der Erschütterung unserer Finanzen durch den Krieg und die Nachkriegszeit. Ihre Ursachen liegen nicht in Hessen, sondern in dem gemeinsamen Schicksal des deutschen Volkes. Für Hessen ist durch die Besetzung diese Not noch besonders drückend geroor- den. Die Nöte können deshalb nur gemeinsam mit den Nöten des Reiches behoben werden.
Im Gegensatz zu früher, wo das Reich Kostgänger der Länoer war, sind die Länder jetzt Kostgänger des Reiches geworden. Bisher hat sich das Reich noch nicht entschließen können, den Ländern und den von ihnen abhängigen Selbstverwaltungskörpern ausreichend Steuerquellen zur eigenen Bewirtschaftung zu überlassen. Wir sind in unseren Einnahmen zum größten Teil auf die Ucberweisungssteuern vom Reich und auf die Realsteuern angewiesen. Deshalb ist die fünf - tige Gestaltung des Finanzausgleiches für uns von so großer Bedeutung. Bei der Schätzung unserer Anteile an der Reichseinkommen- und Körperschaftssteuer für 1929 ist der Vorschlag des Reiches, von dem Aufkommen der älebcrweisungssteucrn vorweg 120 Mill. Mark für sich einzubehalten und erst vom Rest die Länderanteile auszuschütten, berücksichtigt. Der Ausfall für die hessische Staatskasse würde dadurch 0,9 Mill. Mark betragen. Wir sind so zu einem Betrag von 32,1 Mill. Mark gekommen und haben also den Anteil um 3,6 Mill, höher veranschlagt als im Vorjahr 1928, wo er nur mit 28,5 Mill, eingesetzt war. Die Schätzung darf aber trotzdem als sehr vorsichtig gelten. Es wäre außerordentlich bedauerlich und würde sich auf die Finanzen der Länder und der Gemeinden denkbar ungünstig auswirken, wenn der in der Oesfentlichkeit laut gewordene Vorschlag verwirklicht werden würde, wonach statt der 130 Mill. Mark f o g a . 3 30 Mill Mark an dem Aufkommen der Rcichssteuern vorweg- Genommen werden sollen. Die Folge wäre, aß Länder und Gemeinden gezwungen wären, die ihnen verbliebenen Steuern (Grund- und Gewerbe st euer) zu erhöhen. Sollte aber — was gerüchtweise verlautet — sogar bedangt werden, daß die Realsteuern nicht weiter gesteigert werden dürfen, so wäre daS gleichbedeutend mit einer Zerrüttung der Länder- und Gemeindefinanzen. Mit Aufmerksamkeit verfolgen wir auch die von anderer Seite vertretene Forderung, die Umsatz st euer zu erhöhen, um damit das Defizit des Reichshaushaltes zu decken. Wir halten eine Llmsahsteuererhöhung für äußerst bedenklich.
Auf dem Gebiet der Landessteuern wird immer behauptet, dah der hessische Staat die ihm durch Reichsgeseh auferlegte Verpflichtung zur Senkung der Steuern nicht erfüllt habe. Demgegenüber betone ich, dah die Forterhebung der gleichen Steuersumme bei den hessischen Realsteuern trotz Anwachsen» der vcsteuerungs- grnndlagen rechtlich und wirtschaftlich durchaus gleichbedeutend ist mit einer Senkung des Steuertarif es.
Auch ist nicht zu bestreiten, daß in anderen Gebieten des Reiches die Grundsteuer erheblich drückender ist als bei uns. Ich hoffe, daß die Reichsgesetzgebung auch auf diesem Gebiete endlich zum Ziele kommt, andernfalls wird es eine wichtige Aufgabe fein, demnächst unser hessisches Grundsteuerrecht den geänderten Anschauungen unserer Zeit anzupassen. Bei der Gewerbesteuer aber ist nunmehr sogar der rechnerische Beweis für die Senkung des Steuertarifes geliefert insofern, als der Steuersatz beim Gewerbekapital um 10 Prozent herabgesetzt worden ist. Eine Senkuna der Sondergebäude st euer ist reichsgesetzlich nicht vorgeschrieben. Gleichwohl haben wir diese Steuer, die ja auch von der gesamten Bevölkerung als die drückendste empfunden wird, ganz beträchtlich herabgesetzt, so daß wir für das Jahr 1929 mit einer Wenigereinnahme von 3,5 Millionen zu rechnen haben. Diese Summe erhöht sich übrigens noch zugunsten des Steuerzahlers durch eine entsprechende Verminderung der Gemeindesteuern. Die Neuregelung wird wohl allen Kreisen der Bevölkerung, in besonderem Maße aber den Kleingewerbetreibenden, den kleinen Landwirten und den Arbeitern, zugute kommen. Trotz dieses erheblichen Ausfalles Haden wir wiederum 12 Millionen für den Wohnungsbau zur Verfügung gestellt.
Die wichtigste Maßnahme für die Finanzverwaltung unseres Landes ist die Einschränkung der Ausgaben. Es ist hier bereits viel geschehen. Bei der notwendigen Vereinfachung der Verwaltung werden vor allem die Vorschläge des Reichssparkommissars zu berücksichtigen sein. Aber man muß sich bewußt bleiben, dah die Verwaltung eines Landes ein gewachsener Organismus ist, in den man nicht nach Belieben eingreifen kann. Es ist ohne Zweifel richtig, dah sich die Ausgaben eines Landes nach seiner Leistungsfähigkeit zu richten haben. Wenn aber nun immer behauptet wird, dah gerade in Hessen die Finanzverhältnisse besonders ungünstig liegen, so erscheint es mir doch einmal von größter Wichtig
keit zu sein, bah nachgewiesen ist, dah die Steigerung des Zuschuhbedarfes in Hessen für Land und Gemeinden zusammen auf den Kops der Bevölkerung nicht größer ist als beim Durchschnitt aller deutschen Länder. Ebenso wichtig ist es, zu erfahren, daß die steuerliche Belastung in Hessen wiederum einschließlich der Gemeinden noch nicht einmal so stark gestiegen ist wie im Länderdurchschnitt und in den meisten übrigen Ländern.
Die Entwicklung der hessischen Finanzen berechtigt durchaus zu der Hoffnung, daß es in absehbarer Zeit gelingen wird, wieder den öffentlichen Haushalt zu balancieren, freilich nur, wenn auch das Reich feine Schuldigkeit tut. Wir dürfen erwarten, dah die offensichtlichen unö nachgewiesenen Schädigungen au« der Besetzung vom Reich berücksichtigt werden. Kommt das Reich diesen Verpflichtungen nach, woran ich nicht zweifeln mochte, so werden bei strenger Sparsamkeit und bei dem Wiedererstarken unserer Wirtschaft nach meiner festen lieber, zeugung die hessischen Finanzen ihrer Gesundung entgegengeführt werden tonnen.
Oie Etatdebatte.
Abg. Kaul (Soz.) erklärte die Zustimmung der Sozialdemokratischen Partei zu der Erstreckung des Etats 1928 auf das kommende Etatsjahr, wenn auch hierdurch kein Präzedenzfall geschaffen werden solle. Solange das Gutachten des ReichssparkommissarS nicht vorliege, sei eine große Debatte nicht am Platze. Eine Erhaltung der Eigenstaatlichkeit Hessens auf Kosten lebenswichtiger kultureller und sozialer Aufgaben werde nicht die Unterstützung der Sozialdemokraten finden. Wenn Sparmaßnahmen wie die Aufhebung von Kreisämtern, die Zusammenlegung von kleinen Amtsgerichten, die Uebertragung von Aufgaben der Kreisämter auf die Bürgermeistereien zur Erörterung gekommen seien, dann zeigten sich Widerstände gerade bei denen, die immer vom Svaren redeten. Der Redner skizzierte als
Sparmaßnahmen Rationalisierung im Schulwesen, Aenderung höherer Schulen in deutsche Oberschulen, eine grundlegende Reform der Landesuniversität usw. Die wachsende Rot der Arbeitslosen werden weitere Mittel des Staates notwendig machen.
Abg. Hoffmann (Ztr.) wünscht durch Stärkung des StaatsgedankenS die Uebertragung möglichst vieler Aufgaben vom Reich auf die Länder und Gemeinden, was keine Machtverringerung der Zentrale zu bedeuten brauche. Er legt die Stellung des Zentrums zum Einheitsstaat dar und kritisiert die Machtgelüste Preußens, die sich bei der Besetzung des Landesarbeitsamtes in Frank' furt a. M. und der Ernennung des Landesschlichters besonders kraß gezeigt hätten.
Abg. Leuchtgens bezeichnet den rosigen Optimismus des Finanzministers finanzpolitisch und gesamtpolitisch als falsch. Das Finanzminiministerium möge in Zukunft mit Schätzungen vorsichtiger und zurückhaltender sein. Durch die fortgesetzte Bettelei der Regierung und der Regierungsparteien in Berlin fei die hessische Finanzwirtschaft diskredittert worden. Rach seiner Ansicht werde das Defizit 1929 14 bis 15 Millionen erreichen. Die erhöhten Einnahmeansätze seien nach den letzten Feststellungen des Instituts für Konjunkurforschmrg, die schon leicht krisenhafte Erscheinungen anzeigten, unverständlich Zweckmäßiger wäre es gewesen, statt sich einem Spar- kommissar aus Berlin zu verschreiben, selbst für die Beseitigung des Defizits zu sorgen. Dem frifierten Spargutachten müsse mit Mißtrauen entgegengetreten werden. Der reine Finanzbedarf Hessens betrage für Land und Gemeinden 162,99 Mark auf den Kops der Bevölkerung. Hessen stehe hier hinter Baden (167,49) an zweiter ©.eile, während der Durchschnitt 144 betrage. Beim Zuschutzbedarf stehe es an fünfter Stelle. Eine Lösung der Finanzkalamität durch den Einheitsstaat zu erwarten, sei absurd. Es bleibe nur Selbsthilfe durch sparsamste Wirtschaftsführung.
Kompromiß in der Minderheitenfrage.
(Lin Oreierausschuß wird mit der Ausarbeitung eines zusammenfaffenden Berichts beauftragt.
Genf, 7. März. (WB.) Der Völkerbundsrat hat heute nachmittag debattelos die von dem Vericht- erstalter A d a t s ch i (Japan) zur Weiterbehandlung des Minderheltenpro.blems vorgeschlagene kam- promitzlösung angenommen, durch die ein vorläufiger Arbeitsausschuh, bestehend aus dem japanischen, englischen und spanischen Rals- mitgliede, eingesetzt wird. Dieser Arbeitsausschutz hat unter Berücksichtigung der verschiedenen bei der Aussprache über den deutschen und kanadischen Antrag geltend gemachten Gesichtspunkte das in Betracht kommende Material zu sammeln und kann auch Bemerkungen der Regierungen mit Minderheitenoerpflichtungen und jede» andern völkerbunds- staate» entgegennehmen. Diese Bemerkungen müßen bis zum 15. April eingereicht fein. Aus Grund dieses Materials wird das Berichterstatter-Komitee einen Bericht ausvrbeiten, den der Völkerbundsrat, der hierfür als Ralskomitee unter Hinzuziehung sämtlicher Ratsmitglieder Zusammentritt, einer ersten Prüfung und zwar vor der nächsten Ratstagung onterziehen wird.
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Wie hierzu von offiziöser deutscher Seite in Genf mitgeteilt wird, ist mit der heutigen Entschließung des Dölkerbundsrates die ursprüngliche, besonders von Polen geforderte Idee, die Angelegenheit bereits in dieser Tagung endgültig zum Abschluß zu bringen, fallengelassen worden. Der von Kanada und Deutschland erhobene energische Widerspruch hat auch dazu geführt, dah die Entscheidung über die weitere Behandlung des Problems nicht auf ein Derichterstatterkomitee übergeht, vielmehr wird der Rat in seiner Gesamtheit vor und während der nächsten offiziellen Tagung, die nunmehr aller Wahrscheinlichkeit nach in Madrid stattfinden wird, sich wieder mit der grundsätzlichen Seite des Minderheitenproblems befassen. Hierzu ist ein erweitertes Verfahren auf breiter Basis eröffnet worden, bei dem alle Dölkerbundsstaaten und nicht nur die Minderheitenstaaten, ihre Auffassung geltend machen tonnen. Bekanntlich haben verschiedene Staaten, auch ohne Minderheiten- ftaaien zu sein, ein großes Interesse für das Minderheitenproblem als einer Hauptaufgabe des Völkerbundes. Rach dem Gange der hiesigen Verhandlungen wie auch der Beratungen in der letzten Dölkerbundsversammlung darf angenommen werden, dah dem Berichterstatter- tomiiee auch von triefen Staaten Denkschriften zugehen werden.
Mit Dem heutigen Beschluß ist also eine Gewähr gegeben, daß der ganze Völkerbund an der
weiteren Behandlung des Minderheitenproblems Mitarbeiten wird, aber auch dafür, daß das Minderheitenproblem vor der nächsten offiziellen Ratstagung und unter überwiegender Beteiligung der Ratsmitglieder selbst einer gründlichen Prüfung unterzogen wird. Man glaubt, dah für die Tagung des Ratskomitees San Sebastian in Betracht kommt. Bei der offiziellen Tagung in Madrid würde dann der Rat über die endgültige Fassung de« Berichtes zu befinden haben. An beiden Tagungen wird Das kanadische Ratsmitglied D a n o u - rand persönlich teilnehmen, um seine Vorschläge zu verteidigen. Ob der Rat in der 3unitagung Die Angelegenheit in einem besonderen Bericht vor die nächste VölkerbundSversamm» lung bringen wird, steht noch nicht fest. Es ist aber anzunehmen, daß die Bundesversammlung an der grundsätzlichen W e i t e r e r ö r t e- tung des Minderheitenproblems, das bereits in ihrer letztjährigen Tagung einen breiten Raum einnahm, nicht Vorbeigehen wird.
Enttäuschung in Berlin.
Scharfe Kritik der Berliner Presse.
Berlin, 8. März. (WTD. Funkspruch.) Das in Genf zustande gekommene Minderheitenkompro- miß wird in den Berliner Blättern einer schar- f e n Kritik unterzogen. — In der demokratischen „Vossischen Zeitung" heißt es: Es ist die Pflicht desjenigen Teiles der deutschen öffentlichen Meinung, der durchaus nicht mit allem einfcerftanöen ist, was gelegentlich im Ramen von Minderheiten unternommen wird, gegen die seltsame Art der Behandlung einer von allen Seiten als wichtig anerkannten Frage zu demonstrieren. — Der „Vorwärts (Soz.) erklärt: Die auffallend schnelle Erledigung des deutsch-kanadischen Vorstoßes durch Annahme einer Kompromihreso-- lution binnen 18 Stunden mutet toie ein Ab - würgungsversuch an. Schuld an dem überstürzten Abbruch der öffentlichen Debatte sind vor allem Driand und Chamberlain. Wichtig ist — und darin ist der deutschen Delegation recht zu geben—, daß die Zukunft in keiner Weise durch Diese versuchte Abwürgung präjudiziert wird. — In der „Germania" (Zentr.) heißt es: In den deutschen Kreisen, die über den Verlauf der Verhandlungen hinter den Kulissen unterrichte! sind, wird erklärt, dah diese Lösung dasHöchst- matz des Erreichbaren darstellt. Man ha! sie Deutschland durch die verschiedenen in Punkt 3 und 4 geschaffenen Möglichkeiten schmackhaft zu machen versucht. Sie kann aber doch nicht über die unbefriedigende Zus ammen- s e tz u n g des Dreierkomitees Hinwegtäuschen. —


