Nr. 255 Erstes Blatt
179. Zahrgang
Montag, 7. ©Höbet 1929
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Stresemanns letzte Fahrt.
Lleberführung und Aufbahrung im Reichstag.
Berlin, 5. Oft. (WTB.) Obgleich die Stunde der Lieberführung der irdischen Hülle des da- hingeschiedenen Reichsauhenministers Dr. Strese- mann geheimgehalten worden war, hatten sich schon lange vor der angesehten Zeit viele Tausende von Menschen in der Friedrich-Ebert-Straße auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor sowie am Reichstag angesammelt. Die engere .Umgebung des Reichstages war durch starke Seile, die man von Baum zu Daum gespannt hatte, abgesperrt. Bor dem Gebäude des Ministeriums des Auswärtigen sind vier riesige schwarzberandete und mit Palmengrün überdeckte Pylonen errichtet worden. Unter den Linden wird das Blumenhaus von Herrmann Rothe von dichten Menschenmassen umlagert. Hier sind in den drei großen Schau- senstern ein großer Teil der Kränze und Schleifen ausgestellt, die Dr. Stresemanns Grab schmücken sollen. Der riesige Kranz des diplomatischen Korps füllt fast die ganze Breite eines Schaufensters. 3n den anderen Auslagen sieht man in bunter Reihenfolge die Kränze der rumänischen Regierung, der AEG., des Präsidenten des Reichsgerichts, der dankbaren Saarbevölkerung, deren Kranz die Inschrift trägt: „Dem mutigen Kämpfer für die Saar", der Vereinigung Deutscher Filmfabrikanten, der preußischen Regierung und der Automobilindustrie, deren Schleifen in goldenen Lettern die Widmung tragen: „Dem großen Staatsmann und Führer der Wirtschaft".
Bor der Ueberführung fand in der im Park des Außenministeriums gelegenen Villa, der langjährigen Amtswohnung Stresemanns, eine Trauerfeier im engsten Familienkreise statt. Gegen 20.15 Uhr setzte sich dann der Trauerzug in Bewegung. Voran ritt eine Abteilung Schutzpolizei; dann folgte der Leichenwagen mit der irdischen Hülle Dr. Stresemanns, und hinter dem Sarg schritten dix beiden Söhne des Verstorbenen, die Staatssekretäre von Schubert und Dr. W e i s m a n n , der Privatsekretär des Ministers, Konsul Bernhard, die beiden Schwäger Major Sorge und von Winterfeld, Dr. Pfeifer, der Bruder des früheren deutschen Gesandten in Wien, und Reichskunstwart R e d s l o b. Ferner begleiteten den Zug mehrere Attaches und Beamte des Auswärtigen Amtes, die die Ehrenwache am Sarge ihres Chefs halten werden. — Im Plenarsaal des Reichstages wurde der Sarg vor dem Präsidentenstuhl und dem in einen Katafalk umgewandelten Rednerpult aufgestellt. Der Sarg ist nur mit der Dienstflagge des Ministers bedeckt. Zu Füßen hat man Kränze der Familie niedergelegt. Zwei große Kerzen, die neben dem Sarg ausgestellt sind, werfen ihr düsteres Licht über den dunkeldrapierten Saal.
Vor dsr Trauerfeier.
Die Reichshauptstadt trauert.
Berlin, 6. DEL (TU.) Graues, etwas frostiges Herbstwetter liegt über der Reichshauptstadt. Schon seit den frühen Morgenstunden hat es den Anschein, als ob ganz Berlin sich in der Innenstadt versammele, um Ze*uge der letzten Fahrt des verstorbenen Reichsaußenministers zu sein. Aus allen Teilen der Riesenstadt strömen die Menschenmengen herbei. Bereits um neun Uhr bildete sich an der Strecke, die der Trauerzug passieren wird, das Spalier. Die Schutzpolizei hat eifrig zu tun, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Die ganze Wegstrecke werden Seile gespannt in Erwartung des riesigen Andrangs. Besonders der Weg vom Wilhelmsplatz bis zum Reichstag bietet ein feierliches Bild. Reben den amtlichen Gebäuden haben zahlreiche Prioachäuser, Geschäftshäuser, Banken und Hotels geflaggt. Born Hause der englischen Botschaft in der Wilhelmstraße weht der Union-Jack; von der französischen Botschaft am Pariser Platz die Trikolore. Zwischen den Säulenreihen des Brandenburger Tors hängen schwarze Standarten. Das Auswärtige Amt ist mit Trauergirlanden aus Alpenveilchen und Tannen- grün behangen. Zu beiden Seiten des Haupteinganges stehen schwarz verhängte Pylonen, ebenso sind die historischen Laternen schwarz verhängt. Die Fenster des Amtes sind mit schwarzem Flor drapiert. Bereits mehrere Stunden vor Bildung des Trauerzuges ist sowohl vor dem Gebäude des Auswärtigen Amtes, als dem des Reichspräsidenten fein Durchkommen mehr. Zahlreiche Photographen haben Aufstellung genommen. Berittene Polizei und die Dienstautos der Behörden beleben die sonst so feierliche Stille. Immer noch treffen neue Kraftwagen mit Kränzen vor dem Gebäude des Reichstages ein. Sie find kaum mehr unterzubringen.
3m plenarsihungssaale des Reichstags.
DieFülle der Kranzspenden aller Nationen.
Der Plenarsaal des Reichstages hat ein düster feierliches Gepräge. Auf den Plätzen des Präsidiums ist ein Katafalk errichtet, auf dem der Sarg bedeckt mit der Dien st flagge des Reichs- außenministers ruht. Zu beiden Seiten des Sarges sind zwei große Kandelaber mit brennenden Riesenkerzen ausgestellt. Hinter dem Katafalk ist die
Stirnseite des Saales mit einem großen schwarzen Baldachin bekleidet, der die ganze Höhe des Saales einnimmt und in der Mitte einen mit Trauerflor verhüllten schwarzen Reichsadler auf goldenem Grunde zeigt. Die Brüstungen des Saales find mit Trauerflor bekleidet, auf dem sich in dunklem Grün Girlanden von Eichenlaub abheben. Um den Katafalk herum ist eine fast unübersehbare Menge von Kranzspenden niedergelegt worden, unter denen besonders die Kränze der Familie, des Reichspräsidenten, des Diplomatischen Korps, der Reichsregierung, der Preußischen Regierung sowie der anderen Länderregierungen und der Freien Städte auffallen. Weiter bemerkt man kostbare Kranzspenden des Dölkerbundsrats und des Sekretariats des Völkerbundes, den der Generalsekretär Sir Eric Drum- mond persönlich überbracht hat. Der französische Ministerpräsident Briand hat einen Kranz übermittelt, der auf der Schleife die Worte „Seinem lieben Freunde" aufweist. Auch die Regierungen zahlreicher anderer Länder haben Kränze niederlegen lassen. Die leuchtenden Farben der Rosen, Chrysanthemen und Orchideen, die unzähligen bunten Schleifen in den Farben der Nationen der Welt schaffen einen seltsamen Kontrast zu dem Trauerflor, der die eichene Täfelung der Emporen verkleidet und das Licht der Lampen abdämpft. Dazwischen das dunkle Grün des Lorbeers, das das trauernde Schwarz der Dekorationen noch zu vertiefen scheint.
Oie Trauerversammlung.
Die Trauerfeier der Reichsregierung war für 11 Uhr angesetzt, aber wie sich draußen in der Umgebung des Gebäudes ungezählte Menschenmassen schon in der Frühe angesammelt hatten, um von dem großen Toten Abschied zu nehmen, so ist auch der Saal bereits lange vorher von den geladenen Trauergästen der Reichsregierung gefüllt. Auf der Regierungsestrade hatte das Reichs- ka binett Platz genommen; ferner die Staats
sekretäre. Der trauergeschmückte Stuhl Dr. Stresemanns blieb leer. Dahinter saß zwischen den Reichs- Ministern G r o e n e r und C u r t i u s der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Dr. v. S ch u b e r t. Auch die Chefs der Heeres- und der Marineleitung, General Heye und Admiral Raeder waren anwesend.
Die linke Seite der Estrade war mit den Vertretern der Länder des Reiches besetzt, darunter Ministerpräsident Dr. Braun mit dem preußischen Kabinett, der bayrische Ministerpräsident Held, der sächsische Ministerpräsident Dr. Bänger und der württembergische Staatspräsident Dr. Bolz; ferner nahmen die augenblicklich in Berlin weilenden Botschafter des Reiches an der Feier teil, und zwar sah man Dr. von Hoesch, Paris; Dr. von D i r ck s e n, Moskau, und Dr. von Prittwitz, Washington. Das Parkett des Saales war dicht gefüllt. Der Reichstag und der Preußische Landtag waren durch zahlreiche Abgeordnete vertreten. Der Reichs- t a g auch durch die Führer der Fraktionen von Breitscheid bis Graf Westarp.
In der Diplomatenloge war das Diplomatische Korps an seiner Spitze der französische Botschafter de Margerie zum Teil in großer Uniform, zum Teil im Frack vollzählig erschienen. Wenige Minuten vor 11 Uhr betrat Reichspräsident von Hindenburg mit Frau D r. Stresemann, ihren beiden Söhnen, Reichsinnenminister Severing, den Vizepräsidenten des Reichstages Dr. von Kardorff und Graef, Staatssekretär Meißner, Oberstleutnant von Hindenburg und Oberhofprediger Keßler (Dresden) seine Loge, während die Trauergäste sich von ihren Plätzen erhoben. Gleich darauf nahm die Feier ihren Anfang mit den Klängen der Ouvertüre zu Beethovens „Coriokan", die, den Anwesenden unsichtbar, das Berliner Philharmonische Orchester unter Leitung von Franz Veit zum Vortrag brachte.
Oie Trauerrede des Reichskanzlers.
Reichskanzler Hermann Müller nahm bann vvm Rednerpult aus das Wort zu feiner Trauerrede: An der Bahre des deutschen Außenministers stehen nicht nur trauernd seine Gattin und feine Söhne, denen sich unsere innige Teilnahme zuwendet, steht nicht nur die deutsche Reichsregierung, die ihren Außenminister, nicht nur der Deutsche Reichstag, der eines seiner hervorragendsten Mitglieder, nicht nur die Deutsche Vollspartei, die ihren Führer verloren hat, sondern im Geiste nimmt an dieser Abschiedsfeier das deutsche Volk teil, das einen seiner besten Söhne verloren hat, und die Welt d r a u ße n, die in ihm den großen Staatsmann verehrte, und den Menschen guten Willens. Wenige Stunden vor seinem Hinscheiden war er im Reichstag und dann noch im Hause vom Krankenbett aus bestrebt, ernste parlamentarische Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Er kannte keine Schonung; so sehr er seit langem der Schonung bedurfte. Vor allem hat er in nie rastender Pflichterfüllung und in Sorge um das große Werk seiner Außenpolitik seit Zähren alle gesundheitlichen Bedenken beiseite geschoben und den Mahnungen seiner Aerzte zum Trotz sich nicht abhalten lassen, das letzte Aufgebot seiner Kräfte einzusetzen.
Unter allen Kundgebungen des Beileids ist daher keine fo treffende wie die unseres verehrten Reichspräsidenten, in der es heißt, daß der verstorbene bis zum letzten Augenblick treu für sein Vaterland gearbeitet hat.
Seinem Lande und Volke galt sein Wirken. Für Deutschland und das deutsche Volk glühte sein Herz mit der ganzen Inbrunst, deren er fähig war. Als er mit seinem flaren politischen Sinn erkannt hatte, daß nach der Staatsumwälzung nur auf der Grundlage der Weimarer Verfassung praktische Arbeit für unser Volk geleistet werden konnte, hat er es als seine neue Lebensaufgabe betrachtet, entschlossen im neuen Staate positiv mitzuarbei- t e n. Das war für ihn ein Gebot bester Vaterlandsliebe.
Von dem gleich ihm viel zu früh verstorbenen Reichspräsidenten Ebert zur Führung berufen, hat Gustav Stresemann seit über sechs Jahren die Außenpolitik des Deutschen Reiches geleitet. Cs scheint uns heute wie ferne Vergangenheit, wenn wir an die Zeit zurückdenken, in der Dr. Stresemann entscheidend in die Geschicke unseres Landes eingriff. Es war die Zeit des Höhepunktes des Ruhrkampses mit seiner furchtbaren politischen Erschütterung Deutschlands, mit seiner schweren seelischen Belastung des deutschen Volkes, die Zeit der schwersten Leiden des besetzten Gebietes und der völligen Ohnmacht des unbesetzten Deutschlands, die Zeit der wirtschaftlichen Röte. Das Auseinanderfallen des Reiches schien möglich. Lind heut e, sechs Jahre nach diesen Ereignissen, ein Reich, angesehen im Rate der Völker, als Großmacht anerkannt, trotzdem ihm nicht die gleiche bewaffnete Macht wie anderen Völkern zu Gebote steht. Das deutsche Volk, das am Ende des Weltkrieges von einer Mauer des Hasses eingeschlossen war und von der Gemeinschaft der übrigen Kulturvölker ausgeschlossen werden sollte, ist heute gleichberechtigt im Kreise der Rationen.
Niemand von uns leugnet die großen Nöle unseres Volkes, niemand bestreitet, daß wir durch den verlorenen Krieg schwere Wunden davongetragen haben, die heute noch tief schmerzen. Aber nur ein Narr oder ein Böswilliger kann leugnen, daß Deutschland in diesen sechs Jahren ein gutes Stück vor w ä r tsgekom- men ist. An diesem Ausstieg hat Gustav
Stresemann einen entscheidenden Anteil.
Es ist die tiefe Tragik seines ßcbenS, daß er d ie endgültige Stunde der deutschen Frei heit a m R h e i n nicht mehr erleben konnte. Wenn aber wie einst bei der Räumung der Kölner Zone die Glocken der Kirchen ihre eherne Stimme erschallen lassen dann wird ihr Geläute auch seinem Gedächtnis gelten.
Zu der ungeheuerlichen Arleitslast, die er als Reichsaußenminister auf sich genommen hatte, und die für ihn als Vertreter eines besiegten Landes so viele Widrigkeiten mit sich brachte, trat noch die Arbeit hinzu, die auf innerpolitischem Gebiet ihm als Führer seiner Partei auf den Schultern lastete. Er trat ein für das Heranziehen aller wertvollen Kräfte zum neueiz Staat. Getreu seinem Grundsatz, „das Alte ehren, für die Gegenwart arbeiten, an die Zukunft glauben", ist es ihm so gelungen, viele, die zunächst grollend abseits standen, mit dem neuen Staat zu versöhnen und als Mitarbeiter in der Republik zu gewinnen.
Wenn heute eine Welle tiefer Trauer durch unser Volk geht, wenn selbst die Gegner ehrend die Degen an seiner Bahre senken, so gilt diese Trauer nicht allein dem großen Staatsmann und Führer, sie gilt auch dem Menschen Stresemann, den wir alle liebten. Aus engen Verhältnissen stammend, hat er sich aus eigener Kraft emporgearbeitet; was er wurde, verdankt er seinen Fähigkeiten und seiner unermüdlichen Arbeit. In den Ehrungen, die ihm zuteil wurden, der Verleihung des "Nobelpreises und des Ehrendoktors der altehrwürdigen Heidelberger Uni- versität, ist man der Bedeutung seiner Persönlichkeit gerecht geworden. Mit Recht heißt es in der Derleihungsurkunde, mit der die Heidelberger Ehrung ausgesprochen wurde, daß er hochverdient um die Festigung von Staat und Wirtschaft, durchdrungen von Deutschlands Recht auf Leben und Freiheit mutig und trotz aller Widerstände und Rückschläge als Bahnbrecher einer Politik der geistigen Annäherung und friedlichen Verständigung der Völker sich eingesetzt und weit über die Grenze:: des Vaterlandes hinaus Achtung und Ansehen errungen hat. So steht die Persönlichkeit Gustav Stresemanns vor uns. Wir nehmen Abschied von ihm in der Gewißheit, daß fein Gedächtnis in aller Zukunft fortleben wird. Er wird als einer der Baumeister an dem Wiederaufbau Deutschlands der Geschichte angehören. Sein Werk steht fest gegründet, und uns allen bleibt in Zukunft die Aufgabe, es in seinem Geiste fortzusehen. Don ihm nehmen wir Abschied in dem Bewußtsein, daß wir in ihm einen großen Staatsmann, einen Führer und einen trefflichen Menschen verloren haben."
Leise klang dann Beethovens Trauermarsch aus der „Eroica", wiederum vom Philharmonischen Orchester borgetragen, durch den Saal.
Vor dem Reichstage.
Die Abschiedswortc Dr. von Kardorffs.
Die Feier hatte damit ihr Ende gesunden. Frau Dr. Stresemann verließ mit - ihren Söhnen als erste die Ehrenloge, nach ihr der Reichspräsident und die Minister, während sich die Versammlung von den Plätzen erhebt. Langsam wurde die Fülle der Kränze auf die bereitstehenden Wagen geschafft. Dann wurde der Sarg von Beamten der Schutzpolizei aufgehoben und durch das Hauptportal des Reichstags zur großen Freitreppe gebracht.
Der Weg vom großen Sitzungssaal bis zur Frei» treppe am Platz der Republik war mit schwarzen Teppichen belegt. Zu beiden Seiten waren die schönsten aus der großen Fülle der Blumenspenden nebeneinandergereiht. Kurz nach 12 Uhr erschien der Trauerzug in der Wandelhalle. Der schöne Vergißmeinnicht-Kranz der Gattin des Verstorbenen und der letzte Gruß des Reichspräsidenten wurden voraufgetragen. Unmittelbar hinter dem Sarge schritt Oberhofprediger Keßler. Ihm folgte d i e Gattin des Dahingeschiedenen, geführt von D r. von Kardorff , und die nächsten Verwandten. Dann schloß sich das offizielle Trauergefolge an, an der Spitze Reichspräsident von Hindenburg, ihm zur Seite Reichskanzler Mül- I e r und Reichsinnenminister Severing. Als der Zug die Freitreppe erreichte, durchbrach gerade die Sonne das Gewölk. Ein Geschwader von Flugzeugen mit Trauerwimpel an den Flügeln umkreiste das Reichstagsgebäude und den Platz der Republik, der mit zehn Pylonen geschmückt und von einer gewaltigen Menschenmenge gefüllt war, die den Toten in ergriffenem Schweigen grüßte. Dor dem Gebäude wehten die Fahnen des Reiches auf Halbstock. Vor der großen Freitreppe wurde der Sarg auf den mit sechs schwarzverhüllten Pferden bespannten Wagen gehoben. Zu beiden Seiten hatten die Delegationen des Allgemeinen Deutschen Burschenbundes aus Berlin und aus dem Reich Aufstellung genommen.
Vizepräsident Or. von Kardorff führte bann u. a. aus: 2mRamen besDeu t- schen Reichstags und im Ramen meiner Parteifreunbe rufe ich dem Manne, der dort so früh vollendet in diesem Sarge liegt, auf feiner letzten Fahrt einenlehtenherzlichenAb- schiedsgruß zu. Was dieser Mann, der aus kleinen Verhältnissen stammte, erreicht hat, verdankt er nur sich selbst. An seiner Wiege ist ihm nicht gesungen worden, daß er dermaleinst ein Führer seines Volkes sein würde. Als Stresemann sein Amt antrat, war die Einheit des Reiches gefährdet. Als bas Amt seinen toten Händen entglitt, hinterließ er ein Deutschlanb, Hessen Ansehen in der Welt heute niemand mehr bestreiten kann. Das ist und bleibt sein Verdienst. Lind wenn am 30. 3uni nächsten Jahres die Freiheitsglocken lauten werden, wenn der Tag der Freiheit der Rheinlande gekommen sein wird, bann wirb ein bankbares Volk seiner gebenden. Das Ziel seiner Arbeit war bie Freiheit des Reiches. Kurz vor Erreichung bieses heiß ersehnten Zieles hat bas Schicksal ihn aus unserer Mitte abberufen.
Der Verstorbene ist geliebt und vergöttert worden von feinen Anhängern, wie selten ein Mann zuvor und er ist gehaßt und befehdet worden von seinen Gegnern, wie in einem ähnlichen Ausmaß selten ein Politiker und ein Staatsmann befehdet worden ist. Wir werden die Gegnerschaft, die er gefunden hat, begreifen müssen. Sie liegt begründet in der Lage Deutschlands, sie liegt begründet darin, daß die Spanne zwischen dem Wünschenswerten und dem Erreichten und dem Erreichbaren eben immer ungeheuer groß ist. Aber unbegreif- l i ch will mir der Haß erscheinen, mit dem dieser Mann verfolgt worden ist. Unbegreiflich will es mir erscheinen, daß man es gewagt hat, diesem treuesten Patrioten die politische, die nationale und die persönliche Ehre abzusprechen. Das hat diesem lebens- frohen und empfindlichen Menschen in tiefster Seele aufs schwer sie gekränkt. Es wird viele geben, die ihm Abbitte leisten müssen. Er war ein leidenschaftlicher Patriot, er liebte sein Volk und sein Vaterland über alles. In der Arbeit für sein Volk und sein Vaterland hat er sich verzehrt. Die Nachwelt wird ihm gerecht'werden. „Dein Volk, mein treuer Freund, wird dich nicht vergessen, es wird dir danken, daß du ihm in schweren Tagen ein Helfer und Führer zugleich gewesen bist!"
Oie letzte Fahrt.
Der Reichspräsident im Trauerzug.
Unmittelbar nach "der Rebe Kardorffs, die von ber ergriffenen Menge schweigenb angehört würbe, bildete sich der Trauerzug. Die Spitze bes Zuges stellte eine Hundertschaft der Schutzpolizei zu Pferde, auf die zwei Kapellen der Schutzpolizei zu Fuß folgten. Rach den sich hieran anschließenden Chargierten von drei studentischen Korporationen kam der Wagen mit dem Sarge des Reichsauhenministers. Reben dem Wagen schritten sechs Attaches, sowie bie Ministerialdirektoren bes Auswärtigen Amtes. Unmittelbar hinter dem Sarge schritt der Pfarrer mit den beiden Söhnen des Ministers, hinter ihnen der Reichspräsident von Hindenburg, zu feiner Linken Reichskanzler Müller und zu seiner Rechten Vizepräsident v. Kardorff. 3m Anschluß daran gingen im Trauerzuge die Mi-


