Ausgabe 
7.9.1929
 
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Oamomn der Zeit.

Vornan von Arthur Brausewetter.

24. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

3m Wohnzimmer des Kämmererhauses war noch Licht, und man bat mich, einzutreten.

Der vierschrötige Mann sah in Hemdsärmeln, eine kurze Pfeife rauchend, den mächtigen Schä­del in die starkbehaarte Hand gestützt, in einem Grohvaterstuhl unb las beim Schein einer kleinen Svirituslampe in einem Sonntagsblatt. Die Frau, die sich gegen ihn wie ein schmaler Strich aus­nahm, besserte mit flinker Nadel an einem vor ihr liegenden Haufen bunter Wäsche aus und er­hob sich nur, um auf einen Wink ihres Mannes eine Flasche mit Kornschnaps aus den Tisch zu stellen, aus der dieser für uns beide zwei an­sehnliche Gläser füllte. Dann sprachen wir über landwirtschaftliche Angelegenheiten.

ilngesucht und ungezwungen war unsere Unter­haltung ... So ganz anders als vorhin auf dem Schlosse. Hier war. wonach ich mich gesehnt hotte, und was ich do drüben nie finden würde: die Na­tur und Urwüchsigkeit des Landes.

Nach mir und meinen Angelegenheiten fragte keiner mit einem Worte. Nur, als ich mich end­lich erhob und der Alte mich mit einer Kerze die steile Treppe hinauf auf mein Zimmer geleitete, meinte er. sich mit einer gewissen Verlegenheit in den borstigen Haaren kraulend:Die sind ge­lernter Kaufmann, nich?"

Und als ich bejahte:Und haben schon 3fjt eijnes Geschäft jehabt. un 'n jroßes sojar? Hm . .. deshalb hat er auch Sie jewähll. Er hatte so viel Bewerbungen, 's waren auch manche hier ... tücht'je Leut' das muß man sagen. Aber er wollt' jrad Sie un keinen andren nich."

..Aber ich bin doch nicht als Kaufmann hier sondern als Landwirt."

Als Landwirt ... hm ... na ... wir werden ja sehn."

Er stellte das Licht auf den Tisch und wünschte mir gute Nacht. Ich hatte die flackernde Kerze gelöscht und mich an das offene Fenster gesetzt.

Lau und weich war die Nacht. Himmel und Erde schliefen, wie ein graues Gespenst lag der Nebel auf den unmittelbar an dos Gehöft sich anschließenden Aeckern und Feldern. Leichte Wolkenfehen glitten am Himmel dahin, bedeck­ten die abnehmend« Mondsichel, liehen sic wieder frei, drüben vom herrschaftlichen Parke her llang der melancholische Nuf eines Käuzchens.

Allerlei Gedanken geisterten mir durch den Kopf. Das Gespräch lebte auf, das ich da drüben im '"stilvoll eingerichteten Etzsaal mit der jungen Dame des Hauses gehabt. Dann wieder fragte ich mich, was wohl der alte Kämmerer mit seinen wunderlichen Andeutungen gemeint haben mochte. Schließlich fühlte ich, daß ich am Fenster ein- geschlasen war, kleidete mich schnell aus und versank in einen Berg von Betten.

3m Kämmererhause kennt man den Luxus gründunkelnder Laden nicht, auch nicht den dichter Vorhänge. Mit prallen Händen griff in aller Herrgottsfrühe die Morgensonne durch die Fen- sterschsiben über mein Bett dahin und weckte

mich. Unten vom Hose her vernahm ich die dröh­nende. aber ruhige Stimme des Kämmerers, der in unverfälschtem Osivreußisch den Leuten seine Anweisungen gab. Bold darauf hörte ich das Ge­polter eines Wogens, der. mit vier kräftigen Pferden bespannt, über das holperige Pflaster der Dorfstroße dohinratterte.

Nun pochte auch bereits das dralle Mädchen von Kämmerers an die Tür und brachte mir dos prachtvoll ländliche Frühstück, eine kräftige Nog- genmehlsuvpe, Brot. Butter und Wurst. Ich beeilte mich und traf den Kämmerer gerade noch, als er im Begriff war, den Hof . zu ver­lassen.

Er führte mich zuerst in die Stäille und Scheu­nen, zeigte mir die Nemisen und Maschinen, dann begleitete ich ihn auf den Acker, mit dessen Bestellung er heute fertig zu werden hofft.

ilcberail hatte ich Gelegenheit, die Sicherheit, mit der er seine Anordnungen trifft, und das Ge­schick zugleich zu bewundern, mit denen er den Leuten begegnet. Er scheint eine Selbständigkeit zu besitzen, wie ich sie sonst bei einem Hofkam- mercr nicht gefunden habe. Dabei ist ein Inspek­tor in Tannenwalde. Aber der Kämmerer ist ihm überlegen und tut ihn mit höflicher Nebensäch­lichkeit ab.

Schon auf diesem ersten Gange muhte ich mich unwillkürlich fragen, wozu. ich wohl hierher­gerufen wäre und welch «ine Stellung ich neben diesem, die ganze Lage meisternden Manne ein* nehmen würde.

linö dann war es noch etwas anderes, was mir zu denken gab: ich hatte mir Tannenwald« als ein auf höchster Kulturstufe stehendes Gut vorgestellt und fand mich schon bei dieser ersten Besichtigung enttäuscht. Wohl herrschte auf dem Hofe und in den Ställen eine gute Ordnung, aber die Pferde im Kutschstall waren überfüt­tert und dadurch aus der ursprünglichen Form und Nasse geraten, die Ackerpferde waren, im Gegensatz dazu, abgetrieben und mit Ausnahme von einem Gesvonn durchweg schlecht gehalten. 3m Kuhsta.'l fehlte es an der nötigen Bewe­gungsfreiheit für dos Vieh: unübersichtlich und jenes Behagens bar, das für einen guten Kuh- sto l die Hauptsache ist, standen die Tiere eins neben das andere gepfercht, rieben sich anein­ander und hatten, wenn sie sich niederlegten, auf der mäßigen Spreu nicht die für ihr Gedeihen notwendige Gelegenheit zum Ausruhen.

Geradeso verhält es sich mit der Außenwirt­schaft.^ Wohl wurde auf den Feldern mit Fleiß und Eifer gearbeitet, wohl waren alle neuzeit­lichen landwirtschaftlichen Maschinen vorhanden, aber der ganz« Betrieb hatte etwas Schablonen­haftes, Handwerksmäßiges und bewegte sich le­diglich in den hergebrachten Bahnen, die mit ängstlicher Sorgsamkeit eingehalten wurden. Der schöpferische Geist, der Blick ins Groß« und Weite, wie man ihn auf Oertzens kleinern Gute auf jedem Acker, jeder Scholle spürte, fehlte hier.

Wir halten einen großen Teil des Gutes durchschritten und waren hart an die Grenze gelangt, an der Tannenwälder Gespanne mit Eggen beschäftigt waren, als ich auf der hart an den Feldern vorbeiführenden Landstraße einen Selbstfahrer in scharfem Trab daherkommen sah.

Der Herr," sagte der Kämmerer und blieb stehen, indes der Wagen dicht an uns heran­fuhr.

Guten Morgen, Kämmerer."

..Guten Morgen. Herr Hauptmann." gab der Kämmerer zurück, indem er die Müye lüftete.

Ah ... das ist unser neue Herr Direktor." be­grüßte mich der Besitzer von Tannenwalde und reichte mir die in einem stark ausgebleichten Lederhandschuh steckende Hand vorn Wagen her­ab.Nun, hat der Kämmerer Sie schon «in we­nig eingeführt und sind Sie zufrieden . .. wie?"

Er wartete keine Antwort von mir ab. son­dern wandte sich wieder zu dem Alten, mit dem er allerlei wirtschaftliche Angelegenheiten be­sprach. Ich stand, da man mich nicht weiter in die Unterredung zog und das unruhige Pferd den Wagen bereits mehrere Schritte vorwärts­gezogen hatte, ein wenig abseits, konnte die ein­zelnen Worte der ziemlich leis« geführten Unter­haltung also nicht vernehmen. Wohl aber fiel mir die schnelle, karge Axt auf. mit der Herr Hollwede feine Anweisungen gab und sie meh­rere Male mit einer energischen Handbewegung unterstrich. Nach einer Weile grüßte er flüchtig, zog die Leine an und.hob die Peitsche. Aber bevor sich der Wagen in'Tewegung setzte, wandte er sich noch einmal zu mir hinüber:Ich möchte Sie bitten, heute mittag um elf Uhr in mein Arbeitszimmer zu kommen. Da können wir alles Nähere besprechen. Guten Morgen."r--

Punkt elf Uhr ließ ich mich bei Herrn Holl­wede melden.

An einem Schreibtische, der dem weitgeöffneten hohen Bogenfenster gegenüberftanb und einen ungehinderten Blick auf den im ersten Früh­lingsgrün knospenden Garten freigab, saß Herr Hollwede, einem jungen Mädchen ein Steno­gramm diktierend und inzwischen einem älteren starkbeleibten Herrn, anscheinend seinem Sekre­tär. Weisungen gebend.

Einen Augenblick noch bitte ich, sich zu ge­dulden." rief er zu mir hinüber. ..Unter den vor­geschlagenen Bedingungen," diktierte er fast gleichzeitig weiter,wäre ich bereit, die zwölf Waggons Mais abzunehmen. Wir könnten die Hälfte bar bezahlen, nicht wahr, Nellstab? Die andere Hälfte würden wir auf Kredit nehmen."

Der Sekretär verneigt« sich unterwürfig.Ge­wiß, Herr Hauptmann."

Die eine Hälfte gegen bar, die andere auf Kredit," diktierte Herr Hollwede.WaS läge sonst noch vor?"

Herr Hauptmann wollten noch Ihre Bestim­mungen wegen des Kunstdüngers und Kalis treffen.

Wie steht es mit unserem Bedarf?"

Er ist gedeckt."

Das sagen Sie immer. Aber Die vergessen, daß es heute die Hcucptsache ist, Vorräte hin­zulegen, soviel als man irgend bekommen kann."

Wieder neigte sich der blinkende Schädel.

Der Fernrufer läutete.

Den Herrn Hauptmann selber? Ich weih nicht

Wer ist denn daran?"

Die Ostdeutsche Dank für Handel und Ge­werbe."

Geben Sie!"

Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Herr Hollwede, jede Muskel seines Gesichtes straffte sich. Dann gab er seine Aufträge, schnell, kurz I und bestimmt. I

Das jungS Mädchen hatte inzwischen den efccÄ diktierten Brief auf der Maschine geschrieben und brachte ihn zur Unterschrift.

Er winkte ab.Der Dollar wird immer fester.'* wandte er sich an den Sekretär, indem er den Hörer fortlegte.Die Geldentwertung schreitet rapide vor. Wir dürfen nur die notwendigsten Barbestände für Auszahlung der Löhne und den Tagesbedarf behalten. Alles andere muß um- gesetzt werden, und zwar sofort. Ich habe der Bank die nötigen Anweisungen gegeben. Sie wer­den sich nachher Notizen machen, und Sie, Fräu­lein Tie ander, werden alles schriftlich bestätigen.'*

Diktat, Fräulein Neander. An Solmsen & Co.: Sie sollen außer Kunstdünger und Kali Phos- phorsäuve und Stickstoff übersenden und sofort drahten, wieviel sie abgeben können. Wir nehmen jedes Quantum haben Sie?"

Jawohl, Herr Hauptmann."

Nun an Kveissig und Söhn«: f5ic möchten Kohlen senden und ebenfalls drahten, wieviel Waggons sie liefern können.

Der Sekretär hüstelte und führte die mageren Finger an die Lippen. Sine wachsende Derlegen- heit lag auf seinem zerknitterten Gesicht.

Es ist unmöglich, Herr Hauptmann, allen diesen Aufträgen auch nur annähernd gerecht zu werden," brachte er nach langem inneren Kampfe hervor,wir müssen unfern Noggen verkaufen. Vielleicht auch den Weizen."

Alle Getreidedorräte bleiben unberührt. Wir verkaufen auch nicht einen Zentner. Es wäre noch schöner, wo wir die günstigste Konjunktur mit aller Nuhe abwarten können."

Ja. aber wovon?"

Auf Kredit, mein Lieber"

Solmsen & Co. machten bereits das letztemal Schwierigkeiten".

Nun, dann tut «s Delzig oder ein anderer. Ich meine, mein Gut und meine Wälder bieten Hintergrund genug. Auf die kann ich jederzeit soviel Kredit aufnehmen, wie ich will. Können Sie denn immer noch nicht begreifen, was ich Ihnen so oft klarzumachen versucht: daß Schul­denmachen heute das Billigste ist? Hnb nun machen Sie Schluß! Ich habe mit dem Herrn dort noch allein zu verhandeln. Hebtigend. ich vergaß vorzustellen: Herr Körber Fräulein Neander, meine bewährte Stenotypistin. Herr Nellstab, mein persönlicher Sekretär, ein ängst­licher und vorsorglicher, wie Sie wohl gemerkt haben, aber um so gewissenhafterer und zuver­lässigerer Herr. Sie werden nod> viel miteinander zu tun haben, denn Herr Körber erhält Voll­macht und vertritt mich in allen einschlägigen Fällen."

Der Sekretär machte mir eine tiefe Verbeugung, das kleine Fräulein, das ein wenig schief ge­wachsen war, aber ein verständiges Gesicht und kluge, mißtrauisch« Augen hatte, grüßte mit einer leichten, ein wenig schnippischen Kopfbe- weguny. Dann packten sie ihre Sachen zusam­men und empfahlen sich.

Herr Hollwede erhob sich von seinem Schreib­sessel. Jetzt erst sah ich, von wie auffallender Gröhe seine sehnige, leicht bornübergeneigte Er­scheinung war, welch ein Wille und Intelligenz in dem scharf gemeißelten Gesicht sich aus­prägten.

(Fortsetzung folgt.)

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