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7.8.1929
 
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General-Anzeiger für Oberhessen

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Ur |83 Erstes Blatt 179. Jahrgang Mittwoch, 7. August 1929

GietzenerAnzeiger

Die Eröffnung der Haager Konferenz.

gesichert ist. .

Gleichberechtigung, das bedeutet die Ableh­nung jeder Dauerkontrolle; volle Sou­veränität, das ist dieRäumungdesRhein- landes und die Sicherheit, daß in kürzerer Frist auch das Saargebiet unbeschränkt wie­der zu uns gehört. Die Konferenz hat das Glau­bensbekenntnis des deutschen Außenministers schweigend zur Kenntnis genommen, Herr Q3n- and vermutlich ein wenig verärgert, denn durch die Bemerkung, dah ein Führer nicht warten dürfe, bis 99 Prozent seines Volkes hinter ihm stehen, hat er sich selbst getroffen gefühlt. Aber auch die Engländer haben geschwiegen, außer Herrn Henderson hat niemand den Mut zu einer Beifallsäußerung gesunden.

Die Eröffnungssitzung.

Glänzende Vorbereitung durch die Haager Behörden.

Haag, 6. Aug. (TU.) 3m Sitzungssaals der niederländischen Ersten Kammer begann heute vormittag um 11.15 Uhr mit einer formellen Eröffnungssitzung dieHaager Konferenz 1929. Bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Sitzung hatten sich die meisten der beteiligten Staatsmänner in dem nicht allzu geräumigen klassischen Renaissancesaal eingefunden, der in der Regel den Sitzungen des holländischen Senates dient. Der stimmungsvoll in dunkelgrün gehal­tene Saal mit brauner und goldener Holzverbrä­mung hatte für diese Sitzung eine bedeutende Aenderung erfahren. Ein großer Teil der Se- natssihe war entfernt worden und an ihre Stelle ein riesiger ovaler Tisch, an dem die Delegierten Platz nehmen sollen, aufgestellt. Schon lange vor Beginn der Sitzung herrschte auch hier lebhaftes Treiben. Die Delegierten standen teils hinter ihren Sitzen, teils in Gruppen lebhaft plaudernd herum. An dem ovalen Konferenztisch, hinter dem das lebensgroße Bild König Wil­helms II. von Holland hängt, stehen die Dele­gierten in Gruppen herum. Die im Saal ge­troffenen Anordnungen schließen irgendwelche Ranggliederung der einzelnen Delegierten von vornherein ein. Zu beiden Seiten des Tisches sind, in Stufen aufgebaut, Plätze für die übrigen Delegierten. Die deutsche Abordnung nimmt in der Mitte der einen Längsseite des ovalen Tisches vier Plätze nebeneinander ein, die von Rcichsauhenminister Dr. Stresemann, Dr. Hilferding, Dr. Curtius und Dr. Wirth be­seht sind. Briand und Loucheur nehmen an der einen Schmalseite des Tisches Platz, die Presse auf den beiden schmalen Tribünen, von denen die eine sonst als Diplomatenloge benutzt wird. Die technischen Vorbereitungen, die inner­halb weniger Tage für die Konferenz improvisiert werden muhten, sind dank dem großen 3nteresse der holländischen Behörden, der Presse und Be­völkerung mit einem erstaunlich vollkommenen Maß von Umsicht getroffen worden. Ungefähr 10 Minuten nach 11 Uhr gibt der niederländische Außenminister, nachdem alle Delegierten Platz genommen haben, mit drei kurzen Hammerschlä­gen das Zeichen zur Ruhe und lautlose Stille tritt ein. Das Magnesiumlicht blitzt auf, Photo­graphen knipsen und Filmoperateure kurbeln.

Reichsaußenminiffer Dr. Stresemann sagte, er wünsche der niederländischen Regierung ein besonderes Wort des Dankes zu übermitteln für die Anstrengungen, die sie zur Erleichterung der Aufgabe der Weltpresse gemacht habe. »Denn unsere Arbeit," so hob der Minister hervor, kann nur Erfolg haben, wenn sie ein großes Echo bei den Völkern findet." Der Haag habe als Ort, an dem zuerst der Gedanke einer neuen internationalen Rechtsordnung seine Wiege und seinen Sih gefunden habe, eine große symbolische Bedeutung für die Förderung des Friedens ge­habt. Heute gelte es zunächst einer Fort­setzung der Beratungen vom 3ahre 1 9 2 4, denen einige der hier am Tisch Versam­melten bereits beigewohnt hätten. Damals sei es der erste Versuch einer wirtschaft­lichen Lösung gewesen, deren Fortführung in verschiedenen Etappen von' den Sachverständigen der verschiedenen Rationen in aufopferungsvol­ler Tätigkeit getätigt worden sei, zuletzt noch durch den Sachverständigenausschuh in Paris.

Aber, so betonte Dr. Stresemann,in den wirtschaftlich finanziellen Ergebnissen kann nicht allein das Resultat liegen; sie müssen poli­tische Resultate nach sich ziehen. Für alle Völker gilt es, die Leistungen, die vollbracht werden sollen, auch selbst wirtschaftlich zu er­möglichen. 3ch sehe eine künftige Weltwirtschafts­konferenz voraus, in der vom Kleinhandel zu einer Rationalisierung der Welt­wirtschaft übergegangen wird. Mit einem gewissen Lächeln sehen wir heute auf den Zu­stand Deutschlands zurück, in dem sich Klein­staaten untereinander durch eigene Zollgrenzen und eigenes Geldwesen voneinander absperrten. Ich hoffe, daß wir dereinst mit dem gleichen Lächeln uns des Zustandes Europas erinnern können, der demjenigen des vergangenen Deutsch­lands entspricht, und ich erhoffe von den Resul- taten unserer Beratungen eine Besserung dieses Zustandes."

Als einen zweiten wichtigen Punkt betonte der Reichsaußenminister die Notwendigkeit, die Arbeit in Freudigkeit zu vollbringen. Freudigkeit der Be­ziehungen zueinander sei eines der Imponderabi­lien des Erfolges und sei von den größten deut­schen Staatsmännern als ein solches erkannt wor­den. Die wirtschaftlich« Leistung hänge von der geistigen Einstellung in ihrer politischen Wirkung ab. Das Ergebnis müsse deshalb eine freudig anerkannte Gleichberechtigung in Ausübung der S o u v e r ä n i t ä t s r e ch t e , eine Zusammenarbeit der ehemals im Kriege mit­einander gewesenen Völker sein. Stresemann fuhr fort:. Wenn in den letzten Jahren der Puls des Verständigungswillens Schwächen zu beklagen habe und Enttäuschungen der Völker be­obachtet werden müßten, so hoffe er auf einen neuen Impuls, auf eine Beschleunigung als Folge dieser Konferenzarbeit.Ich verhehle mir nicht

Hierauf begrüßte der holländische Auhenmini- ster Ikh. Beelaerts van Blök land die ausländischen Staatsmänner und sprach ihnen im Ramen der holländischen Regierung die besten Wünsche für das Gelingen ihrer Beratungen aus. An der Regelung der internationalen Fra­gen hätten die Niederlande nicht mitzuwirken. Aber wenn ihnen auch der bescheidenere Teil der Aufgabe zufalle, so hofften sie, durch den Geist der Unparteilichkeit und der Versöhnung durch die Frie den s a tmosphä re im Haag zum Gelingen beizutragen. Sie hätten Vertrauen in die Arbeiten zur endgültigen Be­friedung Europas und begleiteten sie mit den heißesten Wünschen. ,,Dabei bin ich, so schloß der Minister,nicht nur der Sprecher des bol­ländischen Volkes, sondern drücke gleichzeitig die Hoffnung aller Völker aus, deren Ge­wissen in wachsendem Maße die wechselseitige Abhängigkeit und die Solidarität der Völker empfindet."

Ministerpräsident Briand

Stresemanns Vorstoß.

Reichsaußenminister Dr. Stresemann hat den konventionellen Verlauf der Eröffnungssitzung in der internationalen Konferenz durchbrochen. Er hat sich nicht damit begnügt, einige liebens­würdige Worte an die Adresse der Gastgeber und der Konferenz zu richten, sondern offenbar im vollen Bewußtsein den. Rahmen der Satzung gesprengt, indem er das politische Pro­gramm auf den Tisch des Hauses niederlegte, das Deutschland in der Konferenz vertreten une durchsetzen will. Wir wissen noch zu wenig über die vertraulichen Vorverhandlungen, wir können nur vermuten, dah sich hier nur sehr geringe Neigung gezeigt hat, den deutschen Wünschen entgegenzukommen und dah deshalb eine Flucht in die Oeffentlichkeit vielleicht von vornherein notwendig gewesen ist, um zu verhindern, dah die eigentliche Aufgabe, die im Haag erfüllt werden soll, durch allerlei Rankenwerk überwuchert wird. .

Der Haag als Symbol des Friedens ist ein schöner Gedanke, der sich indessen nur verwirk­lichen läßt, wenn nicht lediglich wirtschaftliche und finanzielle Ziele verfolgt, sondern das poli­tische Grundproblem einer Besserung der internationalen Beziehungen gefördert wird. Mit starkem Pathos hat Dr. Stresemann von der Weltwirtschaftskonferenz gesprochen, die er einberufen sehen möchte, um die Wirtschaft auf eine neue Basis zu stellen und dem inter­nationalen Handel größere Beweglichkeit zu geben. Aber und er hat wohl nur gesprochen, um das sagen zu können die Voraussetzung dafür ist die Freudigkeit gemeinsamen Schaffens auf dem Boden der Gleich­berechtigung und der vollen Souve­ränität. Das ist eine Formulierung, die für die empfindlichen Ohren der Diplomaten berechnet ist, die aber gerade deshalb natürlich sofort in ihrer vollen Bedeutung verstanden wurde: die Ankündigung, daß Deutschland die wirtschaft­lichen und finanziellen Verpflichtungen dieser Konferenz nur auf sich nehmen will, wenn seine Gleichberechtigung und seine volle Souveränität

antwortete, dah ihm das Alter das zweifellose Privileg verschaffe, im Namen seiner Kol­legen zu sprechen. 3n diesem Falle sei es ihm freilich eine Ehre und ein Vergnügen. Er dankte zunächst in aller Namen für die Gastfreundschaft in Holland und bat, der Königin der Nie­derlande die ergebensten Grüße der Konfe­renz zu übermitteln.Wir kommen," so führte er aus,zur Erfüllung einer ziemlich schwierigen Aufgabe hierher; aber alle sind voll guten Wil­lens und überzeugt, daß unsere Arbeiten, wenn sie von Erfolg gekrönt sind, nicht nur der Sache der eigenen Länder, sondern der ganzen Mensch­heit Bienen. Der Haag stellt ein Friedenssymbol dar. Hier sind die größten Anstrengungen ge- macht worden und werden noch gemacht, um der Menschheit die Rückkehr zur Gewalt unmöglich zu machen und die Anwendung der Mittel des Friedens sicherzustellen." Briand sagte weiter, er sei überzeugt dah durch die Einberufung der Kon- "ferenz ein weiterer "Schritt zum Frßkden getan worden sei, und er wünsche lebhaft, dah ein Er­gebnis erzielt werden möge, das alle Völker befriedigen sollte. Denn alle Völler seien an die­sem Ziel interessiert. Keine Nation könne die wechselseitige Abhängigkeit verken­nen, von der der holländische Außenminister ge­sprochen habe; alle hätten die Erfahrung ge- macht, dah der Krieg kein gutes Ge­schäft sei und auch für den Sieger schreckliche Nachtei'le im Gefolge habe.

die Schwierigkeiten", so schloß Dr. Stresemann, aber als Führer darf man nicht abwarten, bis man die Zustimmung von 99 Prozent der Bevölke­rung hinter sich hat, sondern man muß führend vorangehen. Der Ort der Haager Konferenz ist ein guter Boden dafür, und ich danke der Re­gierung der Niederlande für die Unterstützung, die sie uns hier zuteil werden läßt." Nach einer kur­zen Schlußansprache des englischen Schatzkan^lers Snowden, wurde die Sitzung vom holländischen Außenminister geschlossen.

Oie erste Arbeitstagung.

Der britische Schatzkanzler präzisiert Englands Forderungen.

Haag, 6. Aug. (WTB.) Den Vorsitz der heutigen Nachmittagssihung führte der belgische Ministerpräsident Iaspar, der das Arbeits- Programm aufstellte. Es wurde beschlossen, dah das Präsidium zunächst von den einladen­den Mächten in alphabetischer Reihen­folge gestellt werden soll und dah Sir Maurice Hankey als Generalsekretär bestellt wird, und dah Communiques ausgegeben wer­den, die der Generalsekretär unter Anleitung des

Präsidenten abfaßt. Vor Erörterung deS vier­ten Punktes, der die Einsetzung der vorgesehenen zwei Kommissionen gebracht hätte, bean­tragte

der britische Schahkanzler Snowden

den Eintritt in eine Generaldiskussion des Voung-Planes. 3n einstündiger Rede sprach er zunächst den Sachverständigen seinen Dank für die von ihnen geleistete schwierige Arbeit aus und erklärte, die englische Regierung sei sowohl mit der Gesamthöhe wie mit den Jahresraten für die deutschen Leistungen einverstanden, wo­bei man mit Recht von der deutschen Leistungs­fähigkeit und nicht von dem Bedarf der Gläubi­gerstaaten ausgegangen sei. Er sei der Meinung, dah der Plan nicht die deutsche Leistungsfähig- keit übersteige. Der zweite Punkt sei die Ab- schaffungder KontrolleunddieWie- derherstellung der vollen ökonomi­schen Souveränität Deutschlands. Diese werde besonders von England begrüht. Dann wandte sich Snowden gegen den Ver­teilungsschlüssel für die deutschen Zah­lungen. Er wies auf das Vorhandensein eines Lieberschusses von etwa 380 MillionenMk. I aus den Mehrleistungen Deutschlands nach dem

Der HMsch-äMpiische Vertragsentwurf.

London, 6. Aug. (WB.) Das Foreign Office veröffentlicht Vorschläge für einen englisch ägypti- chen Vertrag, der 25 Jahre Geltungsdauer haben oll und aus 16 kurzen Paragraphen besteht. Der Entwurf bestimmt, dah die militärische Be­setzung Aegyptens durch Grohbrilan- nien aufhört, dah aber die zum Schuh des Suez-Kanals notwendigen britischen Streitkräfte in einer besonderen Zone bleiben werden. 3n London und Kairo werden Bot­schafter ernannt werden. Zwischen England und Aegypten wird ein Bündnis geschlossen werden, das tätige Anterstützung im Kriegsfälle vorsieht. Die Verantwortung für Leben und Eigen­tum der Ausländer in Aegypten übernimmt die ägyptische Regierung. Die Gerichtsbarkeit der Konsulargerichte wird Gemischten Gerichts­höfen übertragen. Die Ausländer werden der ägyptischen Gerichtsbarkeit unterstellt. England verpflichtet sich, Aegyptens Gesuch um Zulas­sung zum Völkerbund zu unterstützen. Je­der Vertragspartner verpflichtet stch, in anderen Ländern nicht eine Haltung einzunehmen, die mit ihrem Bündnis nicht in Einklang zu bringen ist. 3m Falle eines Krieges wird Aegypten dem bri­tischen Reich alle Erleichterungen gewähren, ein- schliehlich der Benutzung der Häsen. Luftschifshallen und Verkehrswege. 3m Falle, dah die ägyptische Armee ausländische 3n ff rufteure benö­tigt, werden dies englische 3nf(rutfeure sein. Die in der ägyptischen Regierung angeffeüfen ausländischen Beamten sollen in der Re­gel Engländer sein. Der Status im Sudan beruht weiterhin auf den Vereinbarungen von 1899, doch bleibt die Freiheit Vorbehalten, diese Vereinbarungen abzuändern.

Aus dem Schriftwechsel zwischen Staatssekretär Henderson und dem ägyptischen Ministerpräsi­denten Mahmud Pascha ergibt sich, dah die ägyptischen Streitkräfte nach briti­schem Muster ausgebildet und aus- g e r ü ff e t werden. Aegypten beabsichtigt, vorläufig die britischen Finanz- und 3ustizberater zu behalten. Britische Offiziere sollen das Kommando über die Stadtpolizei wenigstens fünf 3ahre lang innehaben. Henderson wünscht, dah diese Vereinbarungen zu­nächst von dem neugewählten ägypti­schen Parlament angenommen werden. Später sollen sie dann dem b r i t i s ch e n Parlament vorgelegt und nach der Annahme dem vertrage ein- gefügt werden.

König Fuad bricht seine Europareise ab.

London, 6. August. (Reuter.) König Fuad fährt ndf) einwöchigem Aufenthalt in Paris direkt nach Aegypten zurück, da er der Ansicht ist, daß seine Gegenwart dort ange­sichts der letzten Entwicklungen in den englisch­ägyptischen Beziehungen wesentlich ist. Die Ab­kürzung des Aufendhalts König Fuads in Eng­land hat in ganz Aegypten großes Aufsehen erregt. DieWasda" veröffentlicht einen leiden­schaftlichen Appell an die ägyptische Nation, in dem es heißt:Aegypten wünscht Gelegenheit zu haben, die Vorschläge für den englisch-ägyp- tifdKm Vertrag offen zu prüfen in einer Weise, die mit dem Ernst der Lage vereinbar ist. Aegypten will einen einstimmigen Beschluß ohne Hast oder Zögern er­reichen." Der Appell schließt mit den Worten: In dieser kritischen Stunde muß euer Motto sein: Aegypten über alles!"

Ser Streit um die mandschurische Bahn.

Krieg ohne Kampf.

Die internationale Aufregung über die chine­sisch-russischen Differenzen hat sich sehr rasch als unnötig herausgestellt. Die beiden Parteien sind zwar sehr forsch aufgetreten und haben sich gegenseitig zu bluffen versucht, waren aber wohl schon vorher der Meinung, daß die gegenseitige Bedrohung über den Abbruch der diplo- matischenBeziehungennicht hinaus- gehen konnte. Sollten hitzige Gemüter ernst­lich an einen Krieg geglaubt haben, dann müssen sie inzwischen zu der Lieberzeugung gekommen sein, dah dabei für sie keine Seide zu spinnen ist. Die chinesischen Armeen, die in modernem Sinne nur einen sehr geringen Kampfwert haben, könnten bestenfalls Anfangserfolge er­ringen und die Russen zurückdrängen. Die Russen aber sind doch erheblich besser ausgerüstet, bloß daß sie eben nur einen einzigen Schienenstrang von ihrem Zentrum aus zur Verfügung haben, und das ist. wie sie bereits vor einigen Jahr­zehnten erkennen muhten, zuwenig, um auf solche Entfernungen Nachschub und Verpflegung sicherzustellen. Auch Moskau hat sich deshalb mit einigen kriegerischen Noten und Volks­demonstrationen begnügt, die glänzend organi­siert waren, die aber kaum Stimmungswert haben.

Nachdem sich also die Gegner davon überzeugt haben, dah der andere Teil sich nicht ins Bocks­horn jagen läht, sind sie friedlichen Lieberlegun- gen schon sehr viel zugänglicher geworden. Der Vorstoß der Amerikaner mit einer Vermittlungs­aktion war allerdings vorellig. Dadurch ist der Streit eigentlich nur aufgebauscht worden. Sehr viel zweckmäßiger war es, die Erregung erst ein­

mal abflauen zu lassen, damit inzwischen der Versuch eines unmittelbaren Ausgleichs gemacht werden konnte. Der hat inzwischen eingesetzt, hat aber nicht zum Ziel geführt, obwohl die ersten Ansätze eines guten Willens auf beiden Seiten sich gezeigt Haden. Die Chinesen haben zu er­kennen gegeben, dah sie zuweit gegangen sind in der Art, wie sie die mandschurische Dahn in Besitz nahmen und die Russen abtransportierten. Sie haben aber sachlich natürlich doch Recht, dah sie nicht zusehen können, wie von Moskau aus ihre mühsam geschaffene neue Ordnung dauernd unter­wühlt wird. Nach der Richtung werden sie also Sicherheiten verlangen, die sie auch auf dem Pa­pier bekommen, die ihnen indessen praktisch kaum viel helfen dürften. Es handelt sich daher nur noch darum, die erlösende Formel zu finden, der beide Teile zustimmen können, ohne an ihrem Prestige etwas zu verlieren. Dann wird man die Akten über den ganzen Konflikt schließen können, vielleicht sogar unter Verherr­lichung der segensreichen Wirrungen des Kellogg- Paktes. Wenn nicht eine Gefahr, die natür­lich immer noch besteht an irgendeiner Stelle die Gewehre doch losgehen, und die Grenztruppen sich ineinander verbeißen.

Rußland dementiert: Die Telegraphen« agentur der Sowjetunion ist ermächtigt, die aus chinesischen Quellen verbreiteten Meldungen Übei angebliche Vorverhandlungen an Bei sowjetistisch-chinesischen Grenze entschieden _ zu dementieren, ebenso die Meldungen Übei eine in den nächsten Tagen bevorstehende Kon­ferenz, für die angeblich beiderseits bereits Vertreter ernannt seien.