Dämonen der Zeit.
ZRoman von Arthur Brausewetter.
23. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Seit drei Monaten bin ich bei Willfried von Oerhen.
Der Frühling naht. And wo fühlte man seinen Atem und seine Kraft wie auf dem Lande? Dies Leben mit der Natur, dies wieder Jung- und Starkwerden im steten Ringen mit chr, dies Wirken und Schaffen an ihrem Dusen löst jeden Tag aufs neue ein Hochgefühl in mir aus, wie ich es lange nicht gekannt habe. Och glaube, ich habe noch nie mit solcher Lust und Hingabe gearbeitet, bin nie so gesund müde vom Tagewerk gewesen wie hier. Mit der Sonne aufstehen und mit ihr schlafen gehen, das ist die einzige Lebensweise, von der der überkultivierte Städter keine Ahnung hat.
Aber freilich, man muh mit einem Manne wie Oerhen zusammen sein und auf einem Gute wie dem seinen arbeiten!
Es ist weit größer als ich es mir gedacht habe. Er hat immer von seiner kleinen Klitsche gesprochen und besitzt in Wahrheit ein ansehnliches Bauerngut, das ganz für sich am Ende des weitgestreckten Dorfes liegt.
Er hat einen guten Pferde- und Viehbestand, verfügt über die neuesten Einrichtungen an landwirtschaftlichen Maschinen und hat seine Gebäude und Scheunen in bester Ordnung.
Wir sind sehr fleißig. Besonders jetzt in der Destellzeit. Dies Zeugnis darf ich auch mir geben. Ich arbeite wie ein Knecht. Pflüge selber, bin beim Eggen tätig, steure die Drillmaschinen, reite das Sattelpferd, wenn die Düngerstreumaschine in Arbeit tritt.
Des Abends sitzen wir dann bei einem Glase Grog zusammen und plaudern, bis uns die Augen zufallen. Dabei habe ich manchen Einblick in Oerhens Seele getan und ihn mit jedem Male mehr lieben gelernt. Er ist der rechte Sonnenmensch, von einer Klarheit und Reinheit des ganzen Wesens, wie ich sie selten bei einem Manne gefunden habe. Ommer mehr lerne ich verstehen, daß er nichts anderes als Landmann sein könnte.
Ob es bei mir auch der Fall ist? Manchmal möchte ich es glauben oder wenigstens wünschen. Dann regt sich wieder das Blut in mir, dies unablässige Vorwärtsdrängen, das mich bisher in keiner Lage des Lebens und in keinem Menschen Rast und Befriedigung hat finden lassen.
0m übrigen sind meine Tage hier bald gezählt. Och kann ja nicht immer bei Oerhen bleiben.
Meine Bemühungen um eine Anstellung scheinen Erfolg zu haben. Och erhielt eine Anfrage von einem Herrn Hollwede... Ob ich einen
Vertrauensposten auf seinem großen Gute im Samländischen annehmen wollte? Der Betrieb ist sehr stark und weit ausgedehnt, und der über sein Vermögen in Anspruch genommene Herr suchte einen Vertreter. Eine persönliche Vorstellung wäre nicht nötig, da die Erkundigungen, die man eingezogen, genügende Gewähr gäben.
Oerhen sieht mich ungern scheiden.
Gestern abend bin ich in Tannenwalde angelangt. Es war eine etwas umständliche, aber schöne Fahrt.
0n Thierenberg erwartete mich ein mit zwei flotten jungen Falben bespannter Oagdwagen. Die Sonne neigte sich dem Untergang und schüttete ein Füllhorn rotglühender Rosen auf das Satteldach und die mit kleinen Türmen versehenen Giebel der baufälligen Kirche. Weiter ging es landeinwärts, vorbei an frohkeimenden Feldern, über die die weiche Hand des Frühlingsabends liebkosend dahinstrich, an behaglich sich kuschelnden Häusern und wohlig sich breitenden Gehöften.
Oe weiter wir kamen, um so mehr spürte man den frischen Atem des Meeres, den würzigen Duft der Wälder, jenes nicht auszusprechende, nur zu fühlende Etwas, das dem Samlande inmitten Ostpreußens den ganz eigenen Charakter und die gang eigene Romantik verleiht.
Am Horizonte dämmerte ein starkgezogener, wenn auch noch nebelhafter Strich auf.. . der Warnicker Forst. Dann wies der Kutscher mit der Peitsche auf einen an der Wegbiegung zwischen hohen Bäumen und weichen Flächen plötzlich emportauchenden Gebäudeblock: „Tannenwalde".
Ein in diese abendfeiernde Ländlichkeit etwas massig und schwer hineingestelltes Herrenhaus lag vor uns, das nach seiner ganzen Anlage und Ausführung wohl einem Schlosse gleichen sollte, den Anstrich des Kasernenmähigen aber nicht zu verleugnen vermochte.
Zu meiner Verwunderung fuhr der Kutscher nicht durch den zur Rampe hinaufführenden Torbogen, sondern ließ ihn links liegen.
»Der Herr wohnt im Kämmererhause," sagte er und hielt kurz darauf vor einem einfachen, von dem Schloß eine geringe Wegstrecke entfernten Gebäude.
Ein Mann von echt ostpreuhischem Platt, breitschultrig und hünenhaft, mit großem, dickem, von grauem, borstigem Haar bedeckten Schädel und sonnengebräuntem, energischem Gesicht stand vor der Tür, half mir beim Aussteigen, reichte mir die Pranken artige Rechte mit einem Drucke, der mich fast zermalmte, lud dann mit Hilfe des vom Herrenhause herbeigeeilten Dieners meine Koffer vom Wagen und führte mich in ein großes, einfach aber freundlich ausgestattetes dreifenstriges Zimmer im oberen Stock.
Run kam auch die Frau Kämmerer, eine im Gegensatz zu chrem Manne sehr schmächtige Erscheinung mit weihgescheiteltem Haar und einem Gesicht darunter, in dem schlichte Güte lag, fragte nach meinen Wünschen und suchte es mir in ihrem Hause von vornherein so angenehm zu machen, wie es irgend in ihren Kräften lag, so daß meine anfängliche Mißstimmung, daß man mich anstatt im Herrenhause, in dem doch wahrhaftig Platz genug vorhanden war, hier untergebracht hatte, bald verflogen war.
„Och bin beauftragt, den Herrn Direktor nach drüben zum Tee zu geleiten,“ sagte der Diener, der meine Sachen auf das Zimmer gebracht hatte.
Mir fiel der Titel „Herr Direktor" auf, den er mir beilegte und der mir mehr für ein geschäftliches Unternehmen als für eine ländliche Wirtschaft zu passen schien.
Eine hellerleuchtete, mit kostbaren Persern und einer stattlichen Anzahl von Geweihen geschmückte Vorhalle empfing mich, die einen mit Oberlicht versehenen Rundbau darstellte und auf die, nach den vielen weißlackierten Flügeltüren zu schließen, die ganze Flucht der Zimmer mündete.
Von einem dieser-Zimmer her vernahm ich die Töne eines Flügels, zu dem eine weibliche Stimme ein Lied fang, das in der tiefen Stille dieser fast tempelartigen Rundhalle eigentümlich widerhallte.
Der Diener öffnete eine der weißlackierten Flügeltüren und ließ mich allein.
Och befand mich inmitten eines auffallend hohen Empfangssaales, der mit gediegener Pracht aus- gestattet war. Wohin das Auge auch blickte, nie sah ich etwas Blendendes oder Herausforderndes, alles zeugte von vornehmen Geschmack: die Teppiche, die, fast noch kostbarer als auf der Diele, den Boden deckten, die im antiken Stil gehaltenen damastbezogenen Möbel, vor allem aber die Gemälde, die in geschickter Anordnung an den Wänden hingen, und die Skulpturen, die in Bronze oder Alabaster auf schwarzen Säulen standen.
Och hatte mich eben in eine Kopie der Sixtinischen Madonna vertieft, als der schwere Dro- katvorhang, der den Saal von einem neben ihm liegenden Gemach abschloß, sich fast unhörbar auseinandertat.
War die Madonna, die ich eben mit Entzücken betrachtet, aus ihrem goldenen Rahmen herabgestiegen? Trat sie, Fleisch und Blut geworden, mit ihrem schwebenden Gang an mich heran?
Dieselbe leicht und anmutig gebaute Gestalt, zart an Wuchs, aber doch in den Gliedern von wundervoller Ausgeglichenheit, dasselbe von reichem dunklen Haar umflossene Antlitz, dieselben inwärtsgerichteten dunklen Augen, die ahnungsschwer in eine fremde Welt blickten.
Mit weicher, klangvoller Stimme begrüßte sie mich freundlich, aber doch in der ganzen Art
der Herrin, die weiß, daß sie einen Untergebenen vor sich hat und sich ihrer überragenden Stellung bei aller Liebenswürdigkeit der Form bewußt bleibt.
„Och muß Sie allein empfangen," sagte sie, indes wir uns in den Eßsaal begaben, „meine Eltern sind heute zu einem Feste in die Nachbarschaft geladen und werden wohl erst spät nach Hause kommen."
Wir hatten uns an den großen Tisch gesetzt, auf dem sich die zwei Gedecke recht vereinsamt ausnahmen. Ein ältliches Mädchen reichte die Speisen, die Wanduhr tickte langsam und schwer, ein wenig asthmatisch, und von draußen her klang der Ruf eines Nachtvogels.
„Wir führen hier ein sehr weltentserntes Leben,- nahm sie die Unterhaltung auf, die eine längere Zeit geschwiegen hatte. „Eine Einladung wie die heutige ist eine Seltenheit und sicher kein Vergnügen. Die Herren sprechen von Dollar und Roggenpreis, die Damen von Geflügel und Dienstboten. Kommt es hoch, so tanzt man zu einem Grarnola. Die Eltern haben auch wenig Zeit, Verkehr zu pflegen. Der Vater macht viele Reisen, natürlich nur geschäftliche. Die Mutter lebt in ihrem Treibhaus und dem Garten — zu etwas anderem kommt man hier nicht, weder im Winter noch im Sommer."
Mir war, als hörte ich aus ihren Worten etwas wie Unwillen, ja wie leise Bitterkeit heraus, als dunkelte eine stille Traurigkeit aus der Tiefe ihrer Augen.
„Und Sie?" fragte ich, um auch etwas zu sagen.
„Och? Nun, ich habe die vorgeschriebene Dahn mit Ehren durchlaufen: Zuerst die Erzieherin, dann die Pension in Dresden, die Einsegnung, natürlich ganz allein, in feierlich geschmückter Gutskirche unter dem Zulauf des ganzen Dorfes, die Besuche in der Nachbarschaft mit Papa und Mama, die ersten Bälle, die grenzenlose Winter- einsamkeit des Landes. Och wüßte nicht zu sagen, was das beste von allem gewesen, ich glaube — das Alleinsein."
Och sah sie voller Erstaunen an. Sie konnte höchstens zwanzig Oahre zählen, war von bezwingender Schönheit und hatte alles, was Menschenherz begehren kann. Wie kam sie zu einer solchen Lebensauffassung?
Sie schien das Gefühl zu haben, mir, dem Fremden und Angestellten ihres Vaters, bereits zuviel gesagt zu haben, denn sowie der Nachtisch gereicht war, erhob sie sich: „Sie werden müde sein und der Ruhe bedürfen. Wir hätten Sie gern im Schlosse einquartiert. Aber der Vater läßt außer vorübergehendem Besuch keinen Fremden hier wohnen.
Sie verabschiedete sich, ohne mir die Hand zu reichen.
(Fortsetzung folgt.)
Muss aus OßstzsK.
so etwas Verrücktes!
Wie oft haben Sie das schon gesagt, wenn Sie wieder eine neue Modetorheit sahen. Diese Mode im engeren Sinne ist zu einer förmlichen Geißel geworden. Sie zwingt zu Ausgaben, die man sonst nicht leicht machen würde, zwingt zu Unbequemlichkeiten, die man unter anderen Umständen nicht auf sich nehmen würde, zwingt zu Torheiten, gegen die man sich sonst energisch zur Wehr setzen würde.
Aber, wenn dieses tolle Tempo auch sicher nicht notwendig, vielleicht sogar krankhaft ist — ein Wandel ist in allen Dingen feststellbar. Und das ist gut so, denn Stillstand ist gleich Rückgang.
Auch die Möbel unterliegen diesem Wandel. Es vollzieht sich hier eine gleichlaufende Entwicklung mit der unserer neuen Dau- formen. Von streng sachlichen, d. h. zweckmäßigen Gesichtspunkten ausgehend, wird konstruiert und gebaut. Ueberflüssiges bleibt weg, die Größe richtet sich nach dem Bedarf, als schön gilt die klare Zweckform. ,
Was bei einer solchen Grundeinstellung herauskommt, wie die auf solcher Basis gewordenen Gebilde wirken, müssen Sie sich im Lichtbild und in natura ansehen. Einer der bekanntesten Architekten und erfolgreichsten Mitarbeiter von Stadtrat May in Frankfurt a. M, Herr Prof. Schuster, Wien, Lehrer an der Kunstgewerbeschule Frankfurt, behandelt alle diese Fragen in einem öffentlichen Vortrag „Die neue Wohnung".
Wir laden Sie hierzu ergebenft ein. Kommen Sie am Samstag, 7. September, nachmittags 15 Uhr, in den großen Saal des Caf6 Leib, Gießen. 7331A
Einladung zum evangelische» Msions- u.VMesi in Sber-Jessingen VormittagSgotteSdienst um 10 Uhr
Prediger: Herr Oberkirchenrat Wagner.
Herr Missionar petermann aus Leipzig früher in Indien.
Nachmittags lA2 Uhr: Fest im Kreien
verbunden mit der Geburtstagsfeier der 70jährigen
der Umgegend. imu
Ansprachen: Außer den Obengenannten der Volksschrift-
stekler Heinrich Naumann aus Nanzhausen u. a. Alle Evangelischen sind herzlich eingeladen! Geschäftsübernahme Der verehrlichen Einwohnerschaft von Gießen und Umgegend teile ich mit, daß ich die von Gastwirt H. Schäfer, Gießen,
Dammstraße 39, Ecke Steinstraße
betriebene
Gastwirtschaft ab 7. September 1929 übernommen habe. Ich werde bemüht sein, meine Gäste aufs beste zu bedienen und bitte um geneigten Zuspruch.
Heinr. Grünewald
NB. Zum Ausschank gelangen die beliebten Gießener Brauhausbiere (Pils). )o659
Auf zur Kirmes nach Bieber am Sonntag, 6., und Montag, 9. Sept.
Es laden freundlichst ein: osae
Gastwirt Scherer Gastwirt Schlierbach
Drucksachen aller Art XÄTm'Ä
He vrühlfche llnlverMts-vnnserei, L. Lange, Sietzen, Schulftr. 7.
Sonntag, den 8. September, nachm. 3 Uhr im Saale der „Liebigshöhe^
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Redner: Pfarrer Lic. Heep aus Wetzlar
Gemeinsame Gesänge, Musikvorträge der Gießener Posaunenbläser, Vorführung von Volkstänzen durch den Mädchenbund der Lukasgemeinde
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(Konzertsängerin) w
Lehrerin für Sologesang an Dr. Hochs Konservatorium Frankfurt a. M. erteilt einmal wöchentlich
Gesangsunterricht in Gießen
Interessenten werden gebeten, sich an die Privatadresse Friedrichstraße 30, Frankfurt a. M., wenden zu wollen.
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Unsere diesjährigen Winterkurse beginnen Mitte September und Anfang Oktober. — Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Gelehrt werden sämtliche modernen Tänze in dem vom Deutschen Tanzlehrerkongreß in Bad Kissingen festgelegten vornehmen Tanzstil. Privatunterricht zu jeder Tageszeit. Gefl.Anmeldung w. jederzeit entgegengenommen
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