Ausgabe 
6.5.1929
 
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Nr. 105 Erstes Blatt

179. Jahrgang

Montag. 6. Mai 1929

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Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Gpionen-Riecherei.

Zu der Mentalität des Militarismus, wie sie sich gerade jetzt wieder bei der sogenannten Abrüstungsarbeit in Gens an den Ausführun­gen französischer und anderer Delegierter hoch­gerüsteter Staaten kundgibt, gehört unweiger­lich auch das moralisch ansechtbarste Gegen­stück, derSpionage-Komplex". Er treibt seit einiger Feit wieder die sonderbarsten Blüten. Da ist z. B. kürzlich in Paris eine Haus­angestellte verhaftet worden, die an­geblich das Formular einer geheimen militä­rischen Nachweisung, einen Fragebogen über die militärische Ausbildung im Befih gehabt habe. Das Mädchen trug einen deutsch klingenden Namen und war, wie von der Pariser Boule­vard-Presse mit geheimnisvoller Betonung unterstrichen wurde, aus der deutschen Schweiz nach Paris gekommen. Man mußte diese ver­dächtige Person gleich am folgenden Tag wie­der laufen lassen, weil sie gar kein Schriftstück besah oder weil es doch mit mili­tärischen Dingen nichts zu tun hatte. Dosür hat man wenige Tage später entdeckt, dah e i n junger Mechaniker in Straßburg den Bersuch gemacht habe, sich bei einem Waffen- händlcr in Hagenau das Modell eines neuen französischen Maschinengewehrs zu be­schossen, und man hat dann einen Deutschen, der im Besitz eines Grenzübergangsschcines war, als seinen Komplizen verhaftet. Llnseres Wissens werden auch im französischen Staats­gebiet Maschinengewehre, besonders solche, die noch nicht einmal im Gebrauch sind, nicht von Wasfcnhändlern in Provinzstädten gehandelt. Es sieht also nicht sehr wahrscheinlich aus. daß dieser 23jährige Straßburger gerade auf diesem Wege ein militärisches Geheimnis habe in Er­fahrung bringen wollen oder können. And dah er mit einem deutschen Grenzbewohner, der aus irgendwelchen beruflichen oder persönlichen Gründen regelmäßig über die Grenze kommt, dessen Zivilberuf aber der eines friedlichen Gastwirts ist, in persönlicher Verbindung ge­standen hat. zeugt auch noch nicht von einer deutschen Militärspionage, die bei diesen Ver­öffentlichungen offenbar unterstellt werden soll.

Gleichzeitig tritt in Belgien eine besondere Kommission zusammen, um das Problem der Spionage in Friedenszeiten strafrecht­lich zu untersuchen. Cs ist offensichtlich, dah der Atrechter Zwischenfall mit der Veröf­fentlichung der gefälschten Militärdokumente den Anlaß hierzu bietet; aber Brüsseler Zeitungen benutzen die Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, daß vor dem Kriege in zahlreichen belgischen In­dustrie- und Handelsbetrieben deutsche Vo­lontäre und Angestellte beschäftigt wa­ren, die man im Kriege man denke! in d eut sche r Uniform w i e d e r g e s e h e n habe. Nun, bei der engen Verbindung der deut­schen und der belgischen Wirtschast, deren größte Betriebe deutschen Konzernen angehörten, ist die Beschäftigung deutscher Angestellter im Frieden ebenso natürlich gewesen, wie die Tatsache, daß diese gleichen jungen Leute in einem Wehrpflicht- Heere nachher ihrer militärischen Dienstpflicht ge­nügten. Einen Zusammenhang daraus zu konstruieren, wonach etwa diese kaufmännischen Angestellten im Frieden Spionage getrieben hät­ten, ist absolut unzulässig und zeugt für die Verbohrtheit, die als Folge einer an sich ge­rade in Belgien begreiflichen Kriegspsychose noch immer besteht.

Wenn ober heute die militärisch gerüsteten Na­tionen untereinander und vor allem gegenüber dem entwaffneten deutschen Volke neuerdings überall Spionage wittern, so ist das offensicht­lich nichts anderes als die bewußte oder un­bewußte Uebertragung eigener Ver­hältnisse auf die Umwelt, auch aas die, die gar kein Interesse und keine Verwendung für die militärischen Geheimnisse anderer hat. Denn da Deutschland keinerlei Mittel besitzt, um neuen technischen Errungenschaften oder mili­tärischen Einrichtungen seiner Nachbarn gleiches entgegenzusehen, auch nicht einmal annähernd in bezug auf die bekannten Faktoren der mo­dernen Ausrüstung, Neserven, Tanks, Groh- geschütze und Flugzeuge usw., so hat es n i ch t dasmindesteInterefse daran, etwa Kon- struktionsänderungen solcher Mordinstrumente auf kostspieligem und gefährlichem Wege kennenzu­lernen.

Oberst Bauer f.

In Schanghai ist nach einem eben auf- genommenen Funkspruch Oberst Dauer in der Nacht zum Sonntag im Hospital an P o ck e n gestorben. Bauer, der die rechte Hand Ludendorffs in der Obersten Heeresleitung war. ist' aus der Fuhartillerie hervorgegangen. 1905 kam er in den Großen Generalstab, als dessen damaliger Chef Graf Schliefsen daran ging, eine schwere Artillerie des Feldheeres zu entwickeln. Von 1908 bis 1912 bearbeitete er dann seine Waffe in der Aufmarsch- und Mobilmachungs­abteilung, der wichtigsten Abteilung, die im Krieg zur Operationsabteilung wurde und die damals Ludendorsf unterstand. Hier wurde er der Vater der neuen Theorie über den Festungsangriff mit schwerster Artillerie und gewaltsamem, un­mittelbar anschließendem Infanterieangriff, die sich dann bei Lüttich, Antwerpen usw. so glänzend bewährte. Als Bearbeiter des Hindenburg-Programms wurde er weiteren Kreisen bekannt. Wegen seiner Betätigung am Kapp-Putsch im März 1920 mußte er fliehen und hielt sich meist in Budapest

Wendung auf der pariser Reparationskonferenz.

Oer Amerikaner houng stellt einen neuen Zahlungsplan zur Debatte.

Was geht in Paris vor?

Don unterer Berliner Redaktion.

Am Samstagabend wurde von der deutschen Delegation in Paris eine aufsehenerregende Er­klärung verbreitet. Darin heißt es, daß Deutsch­land sich bereitgefunden habe, unter gewissen Be­dingungen über den neuen Vorschlag des ameri­kanischen Vertreters Owen QJoung zu verhandeln und ihn unter bestimmten Vorbehalten anzu­nehmen, wenn die Gläubigerstaaten ihn gleich­falls annehmen würden. Diese Bedingungen be­ziehen sich n i ch t a u f d i e H ö h e der von Owen *45oung vorgeschlagenen Iahreszahlungen, sondern auf gewisse weitere Bestimmungen, die mit dem Transferschuh zusammenhängen. Einstwei­len bewahrt man in Pariser Konferenzkreisen über die Einzelheiten des Owen Vvungschen Vor­schlages noch völliges Stillschweigen, und zwar deshalb, weil die Gläubigerstaaten sich noch nicht geäußert haben. Es dürste aber feststehen. daß Owen Voungs neuer Plan sich auf der Höhe eines Iahreszahlung Deutschlands von durch­schnittlich etwa 2 Milliarden Mark bewegt, wobei selbstverständlich die Möglichkeit einer Staffelung und insbesondere einer Erleichterung für die nächsten Jahre offen bleibt.

Es ist nicht notwendig, jetzt in eine sachliche Kritik dieses Owen Voungschen Planes einzu­treten. wohl aber ist es doppelt erforderlich, darauf hinzuweisen, daß sich nunmehr die Kon­ferenz im Stadium des Kuhhandels um die Annuitäten befindet. Es ist keine Rede mehr von einer Prüfung der deutschen Leistungsfähigkeit. Der preußisch Ministerpräsi­dent Dr. Braun hatte kürzlich seinen ernsten Bedenken Ausdruck gegeben, ob Deutschland über­haupt in der Lage sei, die von Dr. Schacht ur­sprünglich angebotenen 1650 Millionen Mark auf die Dauer von 37 Jahren zu leisten. Wenn jetzt die Annuität auf rund 2 Milliarden gesteigert werden soll, dann wird es selbstverständlich wie­der in Deutschland Leute geben, die behaupten, daß jede Erleichterung mitgenommen werden müsse. In Liebereinstimmung mit dem preußischen Ministerpräsidenten Braun aber haben auch her­vorragende Kenner des Reparationsproblems, so noch kürzlich in Holland der frühere Reichs­kanzler Dr. Luther, erfiärt, daß das ursprüng­liche Schachtsche Angebot bis hart an die Grenze der deutschen Leistungs­fähigkeit gehe, wenn nicht darüber hinaus. Daß aber ist das Schlimme an der jetzigen Wen­dung der Pariser Verhandlungen, daß das Pro­blem der deutschen Leistungsfähigkeit über­haupt nicht erörtert worden ist. Damit hat die Konferenz ihren ursprünglichen Boden verlassen. Sollten hierbei während des letzten Aufenthalts Dr. Schachts in Berlin gewisse Ein­flüsse der Reichsregierung so stark geworden fein, daß der deutsche Sachverständige von seinem ursprünglichen Standpunkt abging?

auf. Im September 1925 wurde er amnestiert. Im April 1928 tauchten in Öen Zeitungen Nach­richten auf. wonach sich D. einem chinesischen General als Berater zur Verfügung gestellt habe und bereits in Hongkong eingetroffen sei. Wenn man den spärlichen und sich oft wider­sprechenden Nachrichten Glauben schenken darf, war Oberst Dauer dann Berater des Präsidenten der Nankinger Nationalregierung, des Mar­schalls Tschiankaischek, in dessen Dienst er von der Pockenseuche ergriffen wurde.

Deutschland protestiert in Genf

Eine Entscheidung für die Abrüstungskonferenz Vorbehalten

Gens, 4. Mai. (WTB.) Nach dreitägiger Debatte über die Frage der direkten oder in­direkten Begrenzung des Heeres mate- r i a l s hat heute vormittag der Dorbereitungs- ausfchuß für die Llbrüstungskonferenz folgende von Frankreich, den Vereinigten Staaten und England gemeinsam eingebrachte Entschließung in namentlicher Abstimmung mit 22 gegen zwei Stimmen (China und Sowjetrußland) b e i Stimmenthaltung Deutschlands an­genommen:

Nachdem der Dorbereitungsausschuß für die Abrüstungskonferenz die Systeme zur direkten Beschränkung des im Dienst verwendeten und des lagernden Heeresmaterials ausgeschieden und festgestellt hat, daß das System der indirekten Beschränkung (Beschränkung der Materialaus­gaben) nicht die allgemeine Zustim­mung finden konnte, beschließt er, daß die Be­schränkung und Herabsetzung des Materials auf dem Wege der Publizität der Aus­gaben gesucht werden muß, die bei der Prü­fung des entsprechenden Artikels des Vorent­wurfs aus der ersten Lesung behandelt werden wird."

Nach der Abstimmung verlas Graf Dernstorsf im Auftrag der Reichsregierung eine grundsätz­liche Erklärung, mit der klar abgerückt wird von dem Programm der Mehrheit des Dor­bereitungsausschusses. Es hieß darin u. a.:

Von den Elementen der Landabrüstung hat man in den letzten Tagen wesentliche Faktoren beiseite gelassen, die in einer Konvention nicht fehlen bür-

Nachträglich gewinnen übrigens die drama­tischen Vorgänge bei der Sprengung des Revel- stoke-Ausschusses eine ganz besondere Bedeutung dadurch, daß man von der Anwesenheit des früheren kaiserlichen Staatssekretärs Dr. von Kühlmann in Paris erfährt. Kühlmann soll in Paris, wie es jetzt heißt, als politischer Berater des Reichsbankpräsidenten Schacht ge­wesen fein. Es wird berichtet, daß er mit dem englischen Finanzminister Churchill über Kolonialfragen verhandelt habe. Dieser habe ihn an den englischen Gesandten in Paris, Sir William T y r e l l, verwiesen, und Tyrell habe es fertigbekommen, von Kühlmann fchriftliche Aufzeichnungen über Deutfchlands Kolonialwünsche zu erhalten. Selbst­verständlich sind diese Auszeichnungen den Mit­gliedern des Revelstoke-Ausschusses alsbald zu­gänglich gemacht worden, und mit Hilfe dieser niedlichen Intrige ist dann jene Atmosphäre entstanden, in der man Schacht des Liebergriffes in das Gebiet der Politik bezichtigte. Die Oeffentlichkeit hat bisher im allgemeinen von der Anwesenheit des Herrn von Kühlmann in Paris keine Olßnimg gehabt. Lieberhaupt wird nach Abschluß der Verhandlungen noch manches über deren Verlauf zu sagen fein. Heute muß man sich darauf beschränken, in letzter Stunde ernsthaft vor einer Lösung zu warnen, bei der nach dem Worte des Geheimrats Kastl Deutsch­land einen Wechsel unterschreibt, den es mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht wird einlöfen können.

Am Dienstag wird disknttett.

Schacht nimmt den Youngplan unter Vorbehalt an?

Pari », 5. Mai. (MTV.) Die Vertreter der Gläu­bigerstaaten haben Samstagnachmittag eine Bespre­chung abgehalten. 3n dieser Besprechung hat der Vorsitzende der Reparationskonseren;, Owen Poung, Zahlen und einen Zahlungsplan mitgeteilt, mit dem hinzufügen, daß ihm die deutsche Gruppe er­klärt habe, sie sei bereit, diese Zahlen unter ganz bestimmten Bedingungen anzunehmen, wenn die Gläubigergruppen ebenfalls zur Annahme bereit seien. Die Gläubigergruppen haben die Erklärung abgegeben, daß sie den milgeleillen Vorschlag einer sofortigen Prüfung unterziehen würden. Diese Mit­teilung wird von der havasagentur bestätigt, die folgende Nachricht verbreitet: Wie die havasagentur ankündigte, scheint ein Einverständnis inner­halb der Sachverständigenkonferenz auf der Grundlage des von Owen Poung aus- gearbeiteten Kompromisses erfolgen zu sollen. 3m Lause des Nachmittags hat der Vor­sitzende der Reparationskonseren; den Vertretern der Delegationen mitgeteilt, daß Dr. Schacht unter

gewissen Vorbehalten die Zahlen annehme, die er vorgeschlagen habe. Die von ihm formulierten Vorbehalte werden Sonntag vormittag schriftlich den interessierten Delegationen durch den Vorsitzen­den der Reparationskonseren; überreicht werden. Aus alle Fälle kann jedoch eine Einigung nicht vor der Rückkehr de» ersten französischen Delegierten Moreau nach Paris erfolgen, und das ist frühe­stens im Lause des kommenden Dienstag.

DavMemorandumOwen Poungs.dav in feinen Einzelheiten im Laufe des Sonntags prä­zisiert worden ist, wird wahrscheinlich Montag vor­mittag an die Mitglieder der Konferenz verteilt werden, ebenso wie die deutsche Note, die die Vorbehalte andeutet, von denen Dr. Schacht seine Zustimmung zum Vorschlag des ame­rikanischen Sachverständigen abhängig zu machen gedenkt. Die Delegationen werden sofort getrennt mit dem Studium des Memorandums Owen Poungs Und der Note Dr. Schachts beginnen, um in der Lage zu sein, beide am Dienstag diskutie­ren zu können. Nach dem, was man in Konferenz­kreisen zu wissen glaubt, ist es noch schwierig, sich eine zutreffende Ansicht über die Bedeutung des Merorandums Owen Poungs zu bilden, da die vor­geschlagene Verteilung der Reparationen auf die verschiedenen Länder noch nicht bekannt ist. Die Aussichten des Noungplans.

Das Kräfteverhältnis ändert sich.

London, 5. Mai. (WB.) Der Pariser Reute» Dertreter meldet: Die Engländer und Ia.- paner billigen fraglos die Grundsätze des Planes Owen Doungs, und man glaubt, daß die Italiener die gleiche Haltung einnehmen. Die Ansicht der Franzosen und Belgier ist noch unbekannt, aber die Lage hat sich insofern geändert, als im Falle eines Mißerfolges der Minderheitsbericht nicht von den Deut­schen, sondern von den Gegnern des Doung-Plancs erstattet werden wird. Auch der Pariser Korrespondent derSunday Times" hört, daß der Doung-Plan der bri­tischen Delegation zusage. Der Pariser Korre­spondent desObserver" dagegen bezeichnet die Hoffnung auf Einigung als nur gering; er schreibt, die Stimmung scheine am zuversichtlichsten bei den Amerikanern und weniger stark bei den Engländern zu sein. Bei den Franzosen und Bel­giern sei keine solche Zuversicht wahrnehmbar. Die Deutschen bewahrten Stillschweigen. Aus .jeden Fall sei eine Entspannung zwischen den Delegationen eingetreten. Der Korrespondent hält es für ziemlich sicher, daß Poincare das Schuldenabkommen mit England der französischen Kammer sofort nach den Ferien zur Ratifizierung vorlegcn wird.

sen, wenn sie nicht mehr als eine bloße Schein­lösung bringen soll. Meine Regierung hat nie einen Zweifel darüber gelassen, daß sie eine Lösung ohne Erfassung aller Rüslungsfaktoren und ohne fühlbare Verringerung der noch vorhandenen übermäßigen Rüstungen felbff als eine erfte Etappe nicht akzeptieren könnte; denn sie entspräche nicht den Grundgedanken des Paktes und der Verträge. 3ch sehe mich daher genötigt, klar abzurücken von dem Programm, daß die Mehr­heit des Ausschusses hier ausgestellt hat, und i h r von jetzt ab die volle Verantwortung für die Vorbereitung der Konferenz, wie sie sich jetzt ab- zeichnet, zu überlassen. 3ch vergegenwärtige mir, daß wir hier uns erst in einem vorbereitenden Stadium befinben. Nicht in diesem Ausschuß, son­dern in anderen Instanzen, insbesondere bei der Abrüstungskonferenz selbst, wird die endgültige politische Entscheidung über das Gesamt­problem fallen. Angesichts des Ernstes der Lage appelliere ich an alle Regierungen: Mögen sie bis zum lag des Zusammentritts der Abrüstungskonferenz den Milten der öffentlichen Meinung und den immer dringlicher werdenden Rus der Völker aller Länder endlich verstehen lernen und ihre Delegierten mit anderen Weisungen ver­sehen, als es diesmal geschehen ist, und zwar mit Weisungen, die wirklich dem Ziel der künftigen Kon­ferenz entsprechen, daß wir unter keinen Umstän­den aus dem Auge verlieren dürfen, nämlich eine tatsächliche Herabsetzung der Rüstungen."

Nach Graf Bernstorfs bemerkte der Vorsitzende Politis, der Ausschuß habe nicht die Absicht, eine Aussprache über die deutsche Erklärung zu eröffnen. Sie werde in den Bericht ausgenommen werden. Er wolle aber namens des Ausschusses antworten, daß es ver­früht wäre, jetzt schon über den Wert feiner Arbeiten und der späteren Ergebnisse der Konfe­renz ein Urteil abgeben zu wollen. Sodann ging der Vorsitzende zur Beratung eines sowjet- russischen Antrags über, der in noch weitergehender Weise als der Deutschlands die direkte Beschränkung des Heeres- und Kriegs­materials vorsicht. Nach einer eingehenden Be­gründung durch Litwinow wurde dieser Antrag

ohne weitere Aussprache für ab« gelehnt erklärt, womit die zweite Lesung des Abschnitts über die Beschränkung der Land­rüstungen abgeschlossen war.

Deutschlands Recht auf Kolonien.

Minister Külz spricht vor beut Bunde der Kolonialfreundc.

Görlitz, 5. Mai. (WB.) Im Rahmen der Reichstagung des Bundes der Kolonialfreunde sand eine große öffentliche Kundgebung statt, aus der Reichsminister a. D. Dr. Külz einen Vortrag über das Themader deutsche Kolonial­gedanke der Gegenwart und Zukunft" hielt. Die koloniale Frage sei für Deutschland zunächst eine Frage des Rechts. Llnsere Kolonien feien uns entgegen der in Punkt 5 der 14 Punkte Wilsons enthaltenen Zusage durch Rechtsbruch und mit Gewalt genommen worden. Die koloniale Frage sei weiter eine Frage der natio­nalen E h re, denn um ihren Gewaltakt wenig­stens mit einem Schein des Rechts zu umgeben, hätten unsere ehemaligen Feinde zu der Kriegs­schuldlüge auch die koloniale S ch n l d l ü g e hinzugefügt. Die koloniale Frage sei auch eine Frage der politischen, wirtschaftlichen und kul­turellen Gleichberechtigung undSelbst- b e st i m m u ng . Deutschland müsse aus seiner wirtschaftlichen und politischen Isolierung heraus­geführt und als gleichberechtigter Faktor wieder in die Weltentwickelung eingegliedert werden.

Die Wiederaufnahme deutscher kolonialwirt­schaftlicher Arbeit liege auch im Interesse der von uns Entschädigungen erwartenden Gegner selbst. Eine die Wirtschaft der anderen Länder nicht beeinträchtigende Lösung des Repara­tionsproblems sei nur denkbar, wenn die deutsche Wirtschaft ihre Produktions­kraft durch eine Kolonialwirtschast vergrößern kann. Die Weltwirtschaft werde niemals wieder in geordnete Bahnen kommen, wenn nicht auch Deutschland als normales Glied in die Reihe der Mächte mit eigener kolonialer Be­tätigung eingereiht werde. In einer nicht­öffentlichen Sitzung ist die Verschmelzung des Bundes der Kolonialfreunde und der Ge­sellschaft für koloniale Erneuerung zu einemBund für koloniale Erneuerung" be-