Dendrin durch den KreiS-Obstbauverein zur Bespritzung zu beziehen.
df. Langsdorf, 5. März. Am Sonntag fand hier und in dem benachbarten Filialdorf Bettenhausen eine Kirchenvisitation durch den Superintendenten für Oberhesscn. Ober- kirchenrat Wagner, Gießen, statt. Aach der Predigt des Ortsgeistlichen über Luk. 9 Ders 51 usw. ergriff der Superintendent das Wort und ermahnte die Gemeinde nach Verlesung von Luk. 11, Ders 23 eindringlich, am Evangelium, an der Kirche und ihren Einrichtungen festzuhalten und nicht nur dem Damen nach Christen zu sein. Der Männergesangverein legte daraus oas Glaubensbekenntnis in Form des Chores „An einen Gott nur glauben wir" ab. Am Nachmittag fand hier in Gegenwart des Oberkirchenrates Kindergottesdienst und Christenlehre statt. Infolge vieler Erkrankungen waren die Gottesdienste nicht so stark besucht, wie man dies hier gewöhnt ist. Der Altar war geziert mit einer neuen schwarzen Decke, zu deren Beschaffung die Mittel durch freiwillige Gaben aufgebracht wurden. Am Schluß des Gottesdienstes fand eine Sammlung statt, die den Grundstock zur Beschaffung neuer Glocken bilden soll. 3m Kriege opferten wir unsere kleinste Glocke (am 25. Juli 1916) dem Vaterlande und haben seitdem nur zwei Glocken. — 3m Alter von 87 3ahren verstarb hier der frühere fürstliche Förster Sarnes, der lange 3ahre bei der Herrschaft in Hungen in Dienst stand und der sich von allen Seiten hohen Ansehens erfreute.
Hungen, 5. März. Am Sonntag fand hier im „Solinser Hof" eine Bezirksobstbauver« s a m m l u n g statt, zu der sich neben einer stattlichen Anzahl Baumfreunde von hier auch Vertreter fast aller umliegenden Ortschaften eingefunden hatten. Der Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Hungen, Gustav Kohlheyer, wies in seinen einleitenden Worten auf den schweren Stand des deutschen Obstbaus hin, der nicht allein durch den starken Wettbewerb des Auslandobstes bedingt fei, sondern auch seinen Grund in der Nachlässigkeit der Masse der deutschen Obsterzeuger höbe. Obstbau- Inspektor Enkler vom Landwirtschastskammer- ausschuh der Provinz Oberhessen behandelt« in längeren Ausführungen die Frage: „Welche Maßnah- men sind zu ergreifen, um der Ueberslutung des deutschen Obstmarktes durch Einfuhrobst entgegenzutreten?" Er wies darauf hin, daß vor allem die Sortenoielheit verschwinden müsse, und forderte — gleich Amerika und neuerdings den Balkanstaaten — Erzeugung von gut sortierter erstklassiger Marktware. Vorbedingungen dazu seien Sortenbeschrän- kung auf einige marktgängige Tafel- und Wirt- schaswäpfel, und vor allem großzügige, systematische Bauwpflege, wobei die neuerdings beschafften fahrbaren Spritzen die Hauptarbeit zu leisten hätten. Eine solche Spritze sei in Bellersheim statoniert, und werde nach einem bestimmten Plan in den benachbart m Dörfern zur Verwendung gelangen. Aus- aehend von der Lebensweise der einzelnen Baumschädlinge machte der Vortragende die Versammlung weiter mit den nötigen Bekämpfungsmitteln bekannt und regte an, neben der Winterspritzung mit Kar- bolneum. auch zur Bekämpfung der pilzlichen Kr-inkheiten, vor allem der Schwarzfleckenkrankheit, eine oder mehrere Sommerspritzungen mit Nosprasit ducchzufiihren. Die klaren Ausführungen wurden m-t lebhaftem Beifall ausgenommen. In der anschließenden regen Aussprache, an der sich u. a. die Herren Stoll (Riedmühle) und B e p p l e r (Steinheim) beteiligten, wurden noch allgemein in- teressierende Fragen, wie das Anlegen der Klebgürtel an Birn- und Zwctschenbäume, die Beseitigung alter Baumruinen usw. geklärt.
|— Obbornhofen, 5. März. Die Verpachtung bei Gemeinde - Feld- und Waldsagd
erbrachte eine mehr als hundertprozentige Erhöhung gegenüber dem seitherigen Pachtpreis. Fabrikant Fondora von Frankfurt a. M. blieb mit 1500 Mark Jahrespacht Höchstbietender, seither wurden nur 700 Mark bezahlt. — Hohe Preise wurden bei der hier stottgehabten Holzversteigerung im Gemeindewald erzielt. Das Doppelraum- Meter Buchenscheitholz erster Klasse kam auf 38 bis 48 Mark, 2. Klasse auf 23 bis 32 Mark, Buchen- knüppel wurden in gleicher Menge mit 28 bis 32 Mark bezahlt, während Buchen-Stockholz das Raum- meter durchschnittlich 7 bis 9 Mark kostete. Buchen- reifer kamen nicht zum Ausgebot, da diese neben drei Raummeter Hartholz den Ortsbürgern als Losholz- nutzen zugeteilt wurden.
Kreis Friedberg.
00 Nieder-Florstadt, 5. März. An einer Strahenkurve stieß am Montagabend gegen 6 Uhr ein Personenauto mit einem Omnibus des Zweckoerbandes zusammen. Das kleine Auto, das von vier Personen besetzt war, wurde zur Seite geschoben und vollständig eingedrückt. Die Insassen wurden zum Glück nur leicht verletzt-, ein Mann hatte eine Quetschung am Oberarm, eine Frau Schnittwunden am Kops. Das Auto
mußte abgeschleppt werden. Der Omnibus konnte seine Fahrt ohne Beschädigung fortsetzen.
fr Wohnbacy, 5. März. Die Verpachtung der hiesigen Gemeindejagd (Feld und Wald), die auf 9 Jahre erfolgte, erbrachte einen jährlichen Pachterlös von 2400 Mk., gegenüber 1200 Mk. seither. Pächter sind wieder die Landwirte Herrn. Ä ü ck e i s e n, Christian Lung, Otto Wolf von hier und Karl Schneider von Berstadt.
Kreis Büdingen.
△ Nidda, 5. März. Am Sonntagnachmittag veranstaltete die Ortsgruppe Nidda des Vereins für das Deutschtum im Ausland im „Gambrinus" einen recht gut besuchten Filmoortrag. Nachdem Studienrat Braunewell als Vorsteher der Schulgruppe der Realschule (D. D. 21.) die erschienenen großen und kleinen Gäste begrüßt hatte, wurden von dem schon lange von Deutschen bewohnten österreichischen Burgenland Landschaften, Städte und deren Bewohner im Film vorgeführt. Dann folgten herrliche Vorführungen von der großen Pfingst- tagung des 23. D. 21. in Gmunden 1928, die der Kunstmaler Theo Stork von hier mitgemacht hatte und deshalb mit Freude und Begeisterung zu er-
MORSEN BESINNT EIN NEUER ROMAN IM SIEBENER ANZEISER
DIE
IEBE
> DER BRIGITTA HOLLERMANN* VON ELISABETH NEV
läutern verstand. Großes Interesse erregte besonder« der Festzug, in dem die verschiedenen deutschen Stämme in ihren malerischen Trachten an den Zuschauern vorübermarschierten. Der Vorsitzende der Ortsgruppe des V. D.A. Nidda, Lehrer Dieter, sprach allen Mitwirkenden und besonders Herrn Stork für die lehrreichen Schilderungen herzlichen Dank aus.
Kreis Schotten.
V Gedern, 5. März. Der heute hier flott* gefundene Schweine markt war trotz der eisigen Kälte gut beschickt. Aufgetrieben waren 161 Stück. Die Preise waren wegen der großen Nachfrage ziemlich hoch. Es wurden für 6 bis 8 Wochen acke Ferlel 30 bis 40 und für Läufer 50 Mark bezah.t. Der Markt war nach kurzer Zeit geräumt.
± Groß-Eichen, 5. März. Am Sonntagabend fand in dem Faustschen Sarle ein Unter- haltunasabeno des K r i e g e r v e r e i n s statt, der sehr gut besucht war. Nach Eröffnung durcy den Präsidenten, Gg. Zimmer, ergriff H:rr Kratz aus Freienfeen das Wort zu einem Vortrag mit Lichtbildern. 3n lebendiger Art schilderte er die Entwicklung der deutschen Handels- und Kriegsflotte. Humorvoll würzte er den Vortrag durch manche Anekdoten: aber er fand auch ernste Worte der Mahnung, und wandte sich entschieden gegen die Kriegsschuldlüge. Eignes Erleben aus dem Weltkrieg, den der Vortragende auf einem U-Boot mitgemacht hat, flocht er in seinen Vortrag ein. Nach Schluß des Vortrags dankte im Namen aller Anwesenden Pfarrer König dem Redner für seinen interes'nnten Vortrag und verlas alsdann noch eine Kundgebung gegen die Kriegsschu'd'üge. — 3n diesem Winter veranstaltet der hiesige Turnverein auf Anregung und unter Leitung des Lehrc.s Bopf Volksbildungsabende, die hauptsächlich von der Jugend gut besucht werden. Man versammelt sich Mittwoch abends im Schnlsaa'e, wo das deutsche Volkslied gepflegt und ein Gegenstand aus der deutschen Literatur, oder son^l einem interessanten Gebiet behandelt w'rd. ES wäre zu wünschen, dah noch weitere Kreise diese Abende besuch'en und die Gelegenheit benutzten, sich weiterzubilden.
Kreis Alsfeld.
-er. Homberg a. b. Ohm, 4. März. Die Milglieder-Versammlung der Freiwilligen Sanitätskolonne Homberg fand dieser Tage statt. Der Vorsitzende, Lehrer Allen- dörfer, trug zunächst den Rechenschaftsbericht vom 3ahre 1928 vor. 3n diesem wurde gebührend des verstorbenen Kolonnenarztes Dr. Gg. Luft gedacht, auch wurde die praktische Ausbildung der Mitglieder erwähnt und besonders auf die 22 Hilfeleistungen durch die Sani- tätslolonne hingewlesen. Ein Mitglied (Müller) nahm an einem Desinfektionskursus teil, 19 besuchten den Kolonnentag in Gießen. Ein Theaterabend diente zur Auffüllung der Finanzen. Mit dem Wunsche, dah im Jahre 1929 die Freiwillige Sanitätskolonne unter der zie.bewußten Leitung des neuen Kolonnenc tes Dr. E. L. Luft wettere Fortschritte machen möge, schloß der Vorsitzende den 3a)resbericht. Das Andenken an die Verstorbenen ehrte man durch Erheben von den S.tzen. Dann trug der 1. Schriftführer und Rechner die Rechnung vor. anschließend wurde dem Rechner Entlastung erteilt. Der Zeugwart gab den Bestand sämtlicher Ausrüstungsstücke bekannt. Dann trat man in eine Tesprechung über Neuanschaffung ein, die, soweit es der Stand der Kasse erlaubt, erfolgen sollen. Es sock erstrebt werden, einen besseren Raum für die Unterbringung der Fahrstühle zu bekommen. Das aktive Mitglied Honig tou'.ve als 1. Schriftführer gewählt, da der seitherige
Das große Grauen.
Vornan von H. A. von Byern.
Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister.
Werdau.
22 Fortsetzung. Nachdruck verboten
„Sssssl" Gleich einem giftigen 3nsekt zischte hie zweite Kugel hart an meinem Ohr vorbei, instinktiv flog der Drilling an die Backe, — em harter, peitschender Knall, und da. wo eben noch die Gestalt eines Menschen gestanden hatt-r, war ein-leerer Fleck. ...
Saß' die Kugel? 3ch wußte eS nicht, es war mir auch gleich: ich legte mich längelang hin, kroch vor bis zu dem Abgrund:
„Vinzenz! ... Vinzenz!!"
Kein Laut, nur die Wasser der Wildach rauschten drunten.
„Herr!" Der 3ackl stand neben mir, todblaß, am ganzen Körper zitternd: „Herr! Da Hilst koa Ruf'n nimmer ...," und er nahm den verwitterten Filz ab, faltete die Hände.
Ich raffte mich auf, der 3äger mußte mich stützen:
„3ackl! Ist denn keine Hilfe möglich?"
„Na. Herr, wer da d'runt' liegt, den geb'n d' Wasser nimmer her, aber jatzt rnüass'n ma schaug'n. i mein’, den ander n hat's urnig'rissen, leicht, daß er sich verfangt hat an dö Latsch'n." Er nahm den Drilling, schob ganz sacht seinen Arm unter den meinen: „Kommen S', Herr!"
Es waren keine dreißig Schritte bis zu der Stelle, und da, da... ein tiefer Fahrer im Schnee, dunkle, feuchte Spritzer... Blut!
Vorsichtig beugte sich der Iackl über das Band.
.Hat 'n schock Zwoa Meter tiefer liagt er!"
„Und wer... wer ist es?"
„3 moan, ja i moan halt der Oberförster von drüb'n aus ’m Aerarischen. der Herr von Mansar, war a Fremder, feil aus Ungarn herrerseht fein."
„Um Gotteswillen, also eine Verwechslung!" „Ah na. hat ja z erst g schoss'n, war Notwehr." „Ich will ihn sehen!"
„38 koa guater Anblick." der Jäger lieh meinen Arm nicht los: .fein Obacht geb’n, net z'weit vortret'n!"
3a, da hing zwischen dem zähen Geäst des Grummholzes ein Mensch, wie von Geisterarmen un-.Lamnvti, den Kc p! mit d n g 1 rochcnen Augen weit nach rückwärts gebogen, Die Züge verzerrt zu einer grinsenden Grimasse... Schaudernd wandte ich mich ab:
„Wir müssen heim, die Behörden benachrichtigen ..."
War bad ein Rückweg! Alle zehn Minuten mußte ich rasten, jede Muskel schmerzte wie von Folterqualen zerrissen, und eisig drang die Kälte durch tie Sehnen, pressend, g'eich einem stählernen Deif legte sich ein dumpfer Druck um Schläfen und Stirn. Der Jäger zog einen kleinen Plutzer aus der Lasche:
.Trink'n S', Herr, noch a Stünderl, dann Ham ma's."
Aber aus der einen Stunde wurden drei... Alles Denken und Fühlen war in mir erstorben, war untergegangen in dem grauenvollen Erleben dieser Nacht. Der Kaplan und der Haushofmeister kamen uns in der Halle entgegen, prallten zurück, als sie mich sahen, blutbefuöelt, ohne Hut, Haar und Bart verkrustet von vereistem Schnee...
Einen Augenblick lang stand ich wie geblendet in dem grellen Licht, dann schienen sich die Kerzen des Geweihkronenleuchters ins Riesenhaste zu vergrößern, zu wirbelnden, kreisenden Sonnen, in meinen Ohren fang und sauste es, blutrote Schleier sanken nieder, ein schwarzer, undurchdringlicher Vorhang, — es — wurde — Nacht —
Glutroter Widerschein der sinkenden Sonne flirrte in zitternden Strahlen durch die hohen, gotischen Fenster. 3ch blinzelte unter den Lidern hervor, versuchte mich aufzurichten und sah dann, wie schattengleich eine dunkle Gestalt auf mich zuglitt:
„Hochwürden?"
Der Kaplan beugte sich tiefer herab:
.Gott fei Dank, weil Sie nur endlich wieder bei Bewußtsein sind, Herr Baron! Das waren schwere Tage!"
„Tage?!" Aber nun kam wie mit einem Schlage die Erinnerung zurück: „Ist... mein Freund gefunden?!"
Der Geistliche legte die Finger an die Lippen:
„Pst! Nicht so viel sprechen, vor allem nicht auf regen!" Und er drückte auf einen Klingel- knops. Gleich darauf trat der Anderl ein:
„3ch lasse Herrn Dr. Lechmahr bitten!“
liebet den Flur kommen rasche Schritte, ein graubärtiger Herr mit blitzenden Kneisergläsern stand auf der Schwelle, ging schnell auf mich zu:
„Dr. Lechmahr! Haven Sie irgendwelche Beschwerden?" fragte er kurz.
„N... ein, nur so einen dumpfen Druck im Hinterkopf..." — „Das gibt sich schon, und wie ist's mit dem Appetit?"
.Ein bissel."
„Also schön, bann eine leere Fleischbrühe, wir müssen vorsichtig sein, vier volle Tage haben Sie bagelegen wie ein Toter."
„Vier ... Tage?!"
„3a, und zu Ihrer Konstitution können Sie sich Glück wünschen, boch jetzt will ich erst einmal ben Verband erneuern." Geschickt wickelte er die weichen Mullbinden von ben Händen, ich lehnte mich zurück in einem plötzlichen Anfall von Schwäche:
„Herr Doktor... waS... was ist aus Vinzenz geworden?“
Die dunklen Augen beS ArzteS hielten meinen Blick fest:
„Wir — suchen — ihn — noch..."
„Also... tot?!“
Er nickte nur:
„Nach menschlichem Ermessen — ja, und — vielleicht ist es ein Gluck für ihn. er würde bad Furchtbare doch niemals überwunden haben."
Ganz still war es, nur die kleine Standuhr auf dem Kaminsims tickte leise. Und wieder sah ich das Bild jener Nacht vor mir: ben Vinzenz von Qlnbrian zusammcngebrochen neben bem Ruhebett, auf oem eine schlanke, feingliebrige Gestalt lag, bie bunkle, feuchte Blutlache...
„Herr Doktor... wer... wer war ber andere?"
Der Arzt hatte sein Werk beendet:
„Oberförster von Mansar aus bem Staatsrevier Terofal, übrigens, barüber brauchen Sie sich keinen Augenblick lang Gedanken zu machen, der Fall liegt nach den Aussagen des Jägers ganz klar — äußerste Notwehr — nur das Motiv ist noch unbekannt, nur, wenn wir Sie erst glücklich wieder aus ben Deinen haben, wollen die Herren vom Bezirksamt noch einmal vorsprechen. Und jetzt: Ruhe — Ruhe — Ruhe! Schlafen Sie sich gesund, in den nächsten Tagen bleibe ich noch hier."
Aber es ging langsam vorwärts mit der Genesung. Zwei volle Wochen verstrichen, ehe ich zum erstenmal aufstehen durfte. Wie ein Schatten war der Ander! um mich, auch Iackl kam öfters und ber Alois Sedlmayr. Dann traf eines Tages bie Gerichtskommission ein. Der Bezirksamtmann. Herr von Salm, stellte nur wenige Fragen, strich sich ben pechschwarzen, sorgsam gepflegten Pique- König-Bart und klappte seine Akten zusammen:
„Schau'n S', Herr Baron, is halt auch eine von bie Sachen, Die unaufgeklärt bleiben werden, kein Beweggrund zur Tat, aber auch schon gar keiner, no Servus, hab' die Ehr'!"
Der Rittmeister von Molnar hatte zur Dei- sehuntz nicht kommen können, er lag an einer hartnäckigen Lungenentzündung fest, und ber Niki Pernegg war bei seiner Braut in Csillarh-Hart- Pußta. So hielt mich benn nichts mehr, unb trotz der abmahnenden Bedenken des Arztes reifte ich am 10. November heim. Aber vorher ging ich noch einmal in das Erbbegräbnis derer von Qlnbrian...
Ein kleiner, tempelartiger Dau war es, mitten im Park, von Douglastannen und Weymouthskiefern umgeben, mit schmalen, hohen, bunten Fenstern, durch die gedämpftes Sonnenlicht fiel. Ein neuer, schlichter Eichensarg stand dort vor der langen Reihe der steinernen Sarkophage, es roch nach welkenden Dlumen, Weihrauch, und von der in Kreuzesform gewölbten Decke herab hing das ewige Licht, zauberte durch die Rubinglasscheibe einen milden, roten Schein auf die kahlen Wände. Schweigend, in tiefer Ergriffenheit legte ich ein paar Treibhausrosen nieder, zwei Latschenbrüche — mein Dlick fiel auf einen grauen, verwitterten, in zwei Hälften gespaltenen Stein — das zerbrochene Wappenschild... „heute noch und — nimmermehr..."
Und nun war ich wieder daheim... In den beiden ersten Tagen hatte ich kaum eine Minute für mich gehabt: der Inspektor kam, die anderen Beamten, ganze Stapel von Postsachen lagen auf dem Schreibtisch und harrten der Erledigung. Qlber ich fühlte mich so müde, so gleichgültig . . .
Immer wieder drängte sich mir mit der Intensität einer Zwangsvorste L.ng tie Fra ze au,: „Warum. Gott, warum mußte all das so kommen?!" Ten Vinzenz von Qlnbrian bät e man nicht gefunden, bie Wildachklamm gab nichts heraus, was ihr einmal Versalien war. . .
Wenn Besuch kam, lehnte ich ab: mein Gesundheitszustand bedürfe noch der Schonung, und bie großen Herbstjagden sollten in diesem Jahr ausfallen — nur keinen Menschen sehen, nur Ruhe, Einsamkeit . . . Mit a ler WiIlenLa..span- nung erledigte ich die täglichen Pflichten, suchte in angestrengtester Arbeit Vergessen, aber dann kamen doch wieder Stunden des Alleinseins und Rächte, in denen ich wach lag und grübelte.
Auch heute wieder hatte ich bis zur völligen Crschla.fung durchgearbeitet. Qiun saß ich am Kamin, rauchte ein? Zigarette nach der anderen und starrte in die glostende Glut, sah dem Spiel der kleinen, gelbroten, zwischen den Buchenscheiten züngelnden Flammen zu.
An der Tür klopfte es leise: ich schreckte auf.
„Herein!"
Der Diener trat ein und hielt ein Kleidungsstück über dem Arm. >
„Was gibt es denn, Wilhelm?"
„Gnädiger Herr, in der Iagdsoppe, die im Koffer lag. habe ich etwas gefunden, ein Duch..
„Zeig' mal . . .“ Alles Blut schoß mir jäh zum Herzen — Herrgott, das — das kannte ich doch, hatte es in der Hand gehalten in jener Schreckensnacht ...
„Es ist gut, du kannst gehen . . ."
Ich war allein, starrte auf das schmale Bändchen in dem blutroten Maroquineinband, schlug mechanisch die erste Seite auf und las: „Tagebuch, Eophy ©:ä,in d Harancourt."
Ein Gefühl, als stockte mir der Atem . . . sollte . . . sollte hier des Rätsels Lö,ung liegen?! Sekundenlang schioß ich die Augen . . . ha..e ich e.n Recht, diese Bekenntnisse, das Vermäch.nis einer Toten zu lesen?! Durfte ich forschen und den Schleier lüften, ber über Vergangenem lag?!
Nein, ich bürste nicht nur, ich mußte so handeln! Schon in der kurzen Zeit, während ich in Tero.a! weilte, waren mir allerhand Gerüch.e za Obren gekommen, törichtes Geschwätz, üoer das man hätte lachen können, wenn — ja, wenn nicht doch ein Körnchen Wahrheit in bem Klatsch und Tratsch steckte! Draußen fauchte ber Herbststurm um bie Mauern, raschelte im Efeu an ber Hauswand, und hinter der Verschalung des Kamins zirpten leise die Heimchen.
Steile, seine Schriftzüge waren es, die da auf bem gelblich getönten Papier standen, k.ine leicht leserliche Handschrift. Und ein ganz feiner Hauch wehte mir entgegen, ein zarter Heliotropduft... Ich mußte mich tiefer herabbeugen, um die krausen, verschnörkelten Buchstaben erkennen zu können.
(Fortsetzung folgt)


