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Nr. 55 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Mittwoch, 6. März (929

Vergiftetes Papier.

Wie man mit gefälschten Dokumenten hohe Politik machen wollte. Oer Zoll Anspach. Oer Ginowjew'Brief. Bismarck und Clsmenceau als Opfer von Dokumentenfälschern.

Don Werner Zalcke.

Da» Geheimnis um den belgifch-französi- schen Millläroertrag und die Aufhebung einer Fälscherzentrole In Berlin, die Dokumente gegen den Senator Borah fabriziert hat, haben die Oeffentlickkeit mit Recht in große Erregung versetzt. Unser Mitarbeiter zeigt, daß in den letzten Jahrzehnten wiederholt Kroere außenpolitische Konflikte durch ge- itfte Fälschungen hervorgerusen wurden.

Unter sehr verdächtigen Umständen ist der Aben­teurer Frank-Heine verhaftet worden. Stellt sich heraus, daß er nicht der Lieferant des belgisch- franzöfifchen Abkommens ist, das in Utrecht ver- öffentlicht wurde, so spricht nun noch mehr für die Echtheit de» peinlichen Dokumente»: ober dann hat es die Welt mit einer anderen Fälschung zu tun, mit dem unlauteren Berschleterungsmandver der belgischen Regierung. Treffen dagegen die Selbst- beschuldtgungen Frank-Heines zu, der auf jeden Fall ein Hochstapler ist, Jo gehört dieser Abenteurer in die große Gruppe jener Leute, die sich skrupellos beträchtliche Summen durch den DerkauJ gesälfchter Dokumente verschaffen. Ein Beweis für das un­geheure Mißtrauen, das in den letzten Jahren zwischen den Großmächten der Welt besteht, ist die Tatsache, daß es geschickte Hochstapler oft verstanden haben, sich durch Fälschung und Verkauf politischer Dokumente beträchtlicye Einnahmen zu verschaffen.

Einer der gefährlichsten Fälscher, der durch seine politische Giftmischerei Deutschland empfindlich ge- schädigt hat, war Erich Anspach. Mit Erstau­nen mußte die deutsche Regierung zu Beginn des Jahres 1922 feststellen, daß sich die diplomatischen Beziehungen mit Frankreich und Polen wesentlich verschlechterten. Vergeblich versuchte man, die Gründe dafür zu erfahren. E» dauerte geraume Zeit, bis man feststellen konnte, daß die polnische Gesandt­schaft und die Interalliierte Kontrollkommission von unbekannter Seite mit gefälschten Doku­menten beliefert wurden. Der Fälscher hatte Eisenbahnmobilmachungspläne, Berichte über große Munitionstransporte und geheime Waffenlager ge­liefert! Sein Meisterstück war das gefälschte Sitzungsprotokoll eines Kabinetts­rats, in dem er dem Reichspräsidenten Ebert und dem Reichskanzler Dr. Wirth Worte in den Mund legte, die diese nie gesprochen hatten. Es bedurfte besonderer Anstrengungen, bevor man des mißtrauischen Hochstaplers habhaft wurde. Rach seiner Verhaftung leugnete er nichts und schien auf seine Toten stolz au sein.

Aehnliche Methoden wandte der Landwirt A n t o n Schreck an, der gefälschte Dokumente an Polen verkaufte. Seine Fälschungen wurden im Jahre 1925 in der polnischen und französischen Presse mit sensa­tionellen Ueberschriften veröffentlicht, und schließlich unternahm die polnische und französische Regierung Schritte, um gegenDeutschlands Verletzung des Friedensvertrages" Einspruch zu erheben. Schreck hatte die gefälschten Dokumente für sehr beträchtliche Summen verkauft und sich für den Erlös seiner Fäl- schertätigkeit ein wertvolles Gut angefchafst. Der Hochstapler hätte vielleicht noch längere Zeit unge­störtarbeiten" können, wenn er sich nicht mit sei­nem Komplicen Koch entzweit hätte. Dieser Mann, der bei Schreck die Stellung eines Bevollmächtigten einnahm, wollte sich selbständig machen und bot den Abnehmern seines Chefs selbst gefälschte Dokumente an. Als Schreck dies entdeckte, wurden die beiden Fälscher unversöhnliche Feinde.

Nicht immer gelingt es, Fälscher politischer Schrift­stücke zu entlarven und die Spannung zwischen zwei Staaten dadurch zu mildern. Nie ist bekannt geworden, wer den sog.S i n o w j e w - D r i e f" versaßt hat, der die englischen Wahlen des Jahres 1924 entscheidend zu Ungunsten derArbeiterpartei beeinflußt

und die engllsch-russischen Beziehungen auf Jahre vergiftet bat. Die englische Regierung gab damals bekannt, daß ihr ein Schreiben des Moskauer Exe­kutivkomitees in die Hände gefallen wäre, in dem der Zentralausfchuß der britischen kommunistischen Partei zur Vorbereitung einerMeuterei in Heer und Flotte aufgefordert wurde. Dieser Brief verhalf den englischen Konservativen au einem beispiellosen Wablerfolg: sie erhielten mehr Stimmen als alle anderen Parteien zusammen. Man hat später angenommen, daß die Fälschung de»Roten Briefes'' auf das Konto derselben Leute käme, die große Mengen gefälschter russischer Bank- noten in den Verkehr zu bringen versucht hatten. Es ist aber nie nachgewiesen worden, ob die Geld äb scher auch politische Dokumente oder nur fal thc Banknoten angesertigt haben. Dagegen steht est, daß die hohen ungarischen Stellen, die franzöji che Banknoten fälschten, sich mit dieserTätigkeit'^ be­gnügten.

In diesen Tagen ist in Berlin eine politische Fäscherzentrale ausgehoben worden, deren Tätig­keit darin bestand, führende politische Persönlich, feiten durch gefälschte Dokumente zu kompromittie- ren. Es ist kaum anzunehmen, daß sich Privatleute auf solche Machenschaften «inlassen werden, wenn sie nicht Auftraggeber hinter sich wissen, die ihre Dienste reichlich belohnen. Heber Paris sollten die in Berlin hergestellten Dokumente nach den Ver­einigten Staaten gebracht werden, um dort bekannte Senatoren, besonders den Senator B or a h, bloß­zustellen. Man wollte gleichzeitig zwei Fliegen mit einer Klavpe schlagen: denn mit diesen Dokumenten sollte führenden Politikern nachgewiesen werden, daß sie beträchtliche Summen von der Sowjetunion angenommen hätten, um in den Vereinigten Staa­ten kommunistisct)e Propaganda zu treiben. 1OOOOO Dollars sollte jeder Senator dafür emvsangen haben! Man hatte sogar Quittungen gefälscht, die den Empfang der Destechungssummen bescheinigen sollten. Drei große Kisten, die mit gefälschten Doku­menten vollgepfropft waren, hat man in Berlin be­schlagnahmt. Die Fälscher verfügten über eine sorg­fältig zusammengestellte Kartothek, die Lichtbilder und Biographien aller bekannten Sowjet-Politiker und der Kommunistenführer der verschiedenen Län­der enthielt. Zugleich mit den bedeutenden ameri­kanischen Senatoren wollte man die Sowjet- Union kompromittieren und eine wirt­schaftliche Annäherung zwischen Amerika und Ruh- land vereiteln.

Daß gefälschte Dokumente schwere politische Der- stimmungen oder sogar diplomatische Zwischenfälle Hervorrufen können, hat Bismarck als Reichs­kanzler erfahren müssen. Im. Jahre 1887 besuchte der Zar Alexander III. den deutschen Kaiser. Damals war die politische Spannung Awischen dem Hof und dem hohen Besuch so stark, daß der Zar nicht im Schloß, sondern in der russischen Botschaft wohnte. Als für eine große Festlichkeit die Tisch­ordnung entworfen wurde, sollte Bismarck den bei­den Kaiserpaaren gegenüber sitzen. Kurz vor dem Bankett wurde diese Ordnung vom Kaiser Wilhelm I. auf besonderen Wunsch des Zaren geändert. Heber dieses Verhalten des russischen Gastes empört, ließ sich Bismarck noch vor dem Bankett beim Zaren melden. Auf feine dringliche Bitte wurde ihm eine Audienz gewährt, die anderthalb Stunden dauerte. Im Verlauf dieser Unterredung stellte es sich her- aus, daß der Zar durch gefälschte Doku­mente beeinflußt worden war, so daß er Mißtrauen gegen die Ost-Politik des deutschen Reichskanzlers hegte. Bismarck gelang es, die Fäl­schungen nachzuweisen, die eine Schwägerin des Zaren, die Prinzessin Waldemar von Dänemark, diesem zugeleitet hatte. Im Verlauf des Banketts

Konnersreuth.

Don Or. August Messer, o. 5. Professor der Philosophie an der Universität Gießen. Der Dame des weltabgeschiedenen Dörfchens follte der wissenschaftlichen Welt in Erinnerung bringen, daß dort eine höchst bedeutsame und höchst dringliche ForschungS auf gäbe für sie vorliegt, deren ernste und baldige Inangriffnahme auch wichtige Fortschritte unserer Erkennt­nis des Verhältnisses von Seele und Leib ver­spricht.

Es wäre ein schwerer Verlust für die Wissen­schaft, wenn die stigmatisierte Therese Reumann, deren Leben doch gleichsam an einem Faden hängt, stürbe, ohne daß die sehr beachtlichen An- sähe wiisenschaftllcher Erforschung der höchst selt­samen Phänomene weiter gefördert und bis zu wirklich gesicherten Ergebnissen fortgefuhrt wur­den.

Soll daS Ganze wirklich nur eineSensation" für das große Publikum gewesen sein? Soll der Versuch einer Deutung der Phänomene nicht hinausgelangen über die Alternative, die Rudolf Virchow') im Jahre 1874 in einer Rede auf der 47. Ratursorscher-Versammlung zu Dreslau in bezug auf die stigmatisierte Louise Lateau aus­gesprochen hatte, nämlich die Alternative: Be­trug oder Wunder?!

Die Diskussion des Falles Konnersreuth in der Tagespreise, die eifrig und vielfach mit größter Leidenschaftlichkeit geführt worden ist, hat die Stufe, die durch jene Alternative gekennzeichnet wird, in der Tat zumeist nicht überschritten. Aber in der wissenschaftlichen Erörterung liegen doch sehr ernst zu nehmende Versuche vor, darüber hinauszukommen.

Freilich, auch der RachweiS, daß den wunder­lichen Erscheinungen Betrug zugrunde liege, müßte wenn er in wirklich überzeugender Weise erfolgte alSwissenschaftliches" Ergebnis hingenom- mcn werden. Indessen schon die Abhandlung deS Erlanger Psychiatrie-Professors Georg Ewald, Die Stigmatisierte von Konnersreuth" (Mün­chener Medizinische Wochenschrift 1927 Rr. 46: auch als Broschüre erschienen in 3. F. Leh-

') Heber das Wunder. 2. Aufk. Frankfurt a. M.

□teuer Frankfurter Verlag 1908.

mannö Verlag, München 1927, 49 D. 1,50 Mk.) dürfte für jeden Hnvoreingenommenen genügen, um die feste Heberzeugung zu begründen, daß Betrug" nicht vorliegt. Zu demselben Er­gebnis sind zahlreiche wissenschaftlich geschulte und meist auch kritisch eingestellte Beobachter gelangt.8;

Das Urteil »Wunder" abzugeben, werden Vertreter der Wissenschaft grundsätzlich vermei­den. Denn .Wunder" bedeutet (nach katholischer Lehre) eine aus natürlichen Ursachen u n erklär­bare, unmittelbar göttliche Wirkung in der na­türlichen Erfahrungswelt.

Wissenschaftliche Forschung aber lebt von der Voraussetzung, daß das wirkliche Geschehen aus natürlichen Ursachen sich müsse erklären lassen: sie muß sich auch bewußt bleiben, daß sie nie fertig und vollendet ist. daß sie grundsätzlich stets Fortschritte für möglich halten und anstreben muß. Sie wird sich darum nicht entschließen, das Urteil:Hnerllärlich und also Wunder!" auszusprechen. Diese ihre Zurückhaltung hat nichts zu tun mit Religions- ober Kirchenfeind- schaft, sondern beruht darauf, daß sie mit jenem Urteil ihre Grundvoraussetzung und damit sich selbst aufgeben würde. Sie wird aber in unserem Fall um so weniger angesichts des Versagens der Detrugshypothese das Urteil: Wunder! abgeben, als in der Tat doch unsere wissenschaft­liche Erkenntnis in dem halben Jahrhundert seit Virchows Rede Fortschritte voNzogen hat, die uns eine andere ErklärungSmkgfichkcit bieten als sie im Gesichtskreis von Virchow lag.

Zunächst sei bemerkt, daß die historische Forschung die Stigmatisation in ihrer Tatsäch­lichkeit dargetan hat?) Es sind etwa dreihundert Fälle nachweisbar, so daß hier ein Tatsachen­material vorliegt, das nach Gesetzmäßigkeiten zu forschen geradezu fordert.

) Zahlreiche Literaturangaben habe ich zu­sammengestellt gelegentlich einer sehr eingehen­den Behandlung des ganzen Falls in der .Zeit­schrift für psychische Forschung", herausgegeben vom Revalo-Dund. Hamburg, Qllfterbamm 1619, Februar- bis Maiheft 1928. Auch das März­heft 1928 meiner ZeitschriftPhilosophie und Leben" (Leipzig, Felix Meiner) ist ganz der Er- Erörterung dieses Problems gewidmet.

c) W. Jacobi, Die Stigmatisierten. Beiträge zur Psychologie der Mystik. München 1923.

trank der Zar ostentatio dem deutschen Reichskanz. (er zu, und der Zwischenfall war mit dieser Geste aus der Welt geschafft.

Mit gefälschten Briefen wollte man such E16- menceou politisch morden, da er den Leuten Im Wege stand, deren Plan es war, die Republik in Frankreich abzuschaffen und ein Mitglied der ab­gesetzten Herrscherfamilie zum Staatsoberhaupt zu machen. In offener Kammersitzung beschuldigten mehrere Abgeordnete Clämenccau, von England monatlich 3000 Francs als Bestechungsgeld erhalten au haben. Die Ankläger verlasen einen Brief, der Die Namen der angeblich von England bestochenen Politiker enthielt. Wutentbrannt eilte Clsmenceau auf die Rednertribüne, und schon nach wenigen Mi­nuten gelang es dem Beschuldigten, die Dokumente seiner Gegner als plumpe Fälschungen zu entlarven. Derhänanisoollere Folgen hatten ge­fälschte Dokumente für den Hauptmann Dreyfuß , der einer sorgfältig vorbereiteten Verschwörung zum Opfer fiel und viele Jahre unschuldig als Verbann­ter auf der Teufelsinsel leben mußte. Als die Un° schuld des französischen Majors schon der Welt offenkundig war, diente noch ein gefälschtes Tele- §ramm, das der französische Oberst Henry abgesaßt atte, als ein neues Beweismittel für die Schuld des Verbannten.

Oberheffen.

Landkreis Gietzcn.

d. Heuchelheim, 5. März. Am Samstag­abend hatten Lehrer Dr. R e it> t und feine Ostern zur Entlassung kommende Schulklasse zu einer Schulentlassungsfeier in die Turnhalle eingeladen. 700800 Personen hatten sich ein- gefunben, um einer Derartigen, zum ersten Male in Heuchelheim stattsindenben Feier beizuwohnen. Dr. Reibt legte in seiner Ansprache die engen Beziehungen zwischen ihm und seiner Klasse dar, behandelte die Ausgabe der Schule als Erzieherin und Vorbereiterin der zur Entlassung Kommen­den für ihren bann einsetzenben Kampf ums Da­sein. Seine Worte klangen aus In dem Wunsche, daß das Gute, was die Schule in die jungen Menschenkinder gepflanzt habe, zur schönen Frucht reifen möge. Dem ©cfallencngebenten wurden ein Gedicht von Arno Holz, ein lebendes Bild und ein Chor, gelungen von elf Konfirmanden, die den Vater im Kriege verloren haben, gewidmet. Die weiteren Darbietungen der Kinder, bestehend aus Gedichten. Chören und einer Theaterauffü)- rung fanden reichen Beifall. Reu und tntereffant war der zweite Teil des Programms, der aus einem von der gesamten Klasse auSgeführten Mundharmonikakonzert bestand.

§ Daubringen, 5.März. Im Alter von über 92 Jahren ft a r b der äl t c ft c Einwohner unseres Dorfes und wohl auch der nächsten Um­gebung Philipp Walther. Bis in fein biblisches Alter hinein ist er von einer längeren Krankheit verschont geblieben, und er war bis zur letzten Zeit körperlich und geistig sehr rege. In seinen jüngeren Jahren war er als Rottenführer bei der Eisenbahn beschäftigt.

+ Grünberg, 5. März. Der Gemeinde- r a t vergab das bis jetzt aufgearbeitete Fichten­stammholz von Klaffe la bis Klasse 3b, schätzungs­weise 450 Festmeter, an die hiesige Holzschneiderei H a a ä & Co., nachdem diese ihr erstes Angebot, daS in der vorigen Sitzung als zu niedrig an­gesehen wurde, im Verhandlungswege mit dem Forstamt auf 105 Prozent der von der Forst- behörde aufgestellten Landesgrundpreise zuzüg­lich des Schälerlohnes erhöht hatte. Das an­fallende Windfallholz, dessen Ausarbeitung in­folge deS Frostes seither nicht möglich war, erhält zu den gleichen Bedingungen die hiesige Hvlzhandlung Friebr. Dahmer. Der Toten­gräber erhält für in der Kälteperiode er­schwerte Arbeit des Grabaushebens, in welcher auch infolge der stark auftretenden Grippe ver­hältnismäßig zahlreiche Beerdigungen vorkamen, pro Grab eine Zulage von 6 Mk. Rachdem erst kürzlich vorn Versicherungsamt die nachträg­liche Zahlung von Versicherungsbeiträgen für

Sodann hat die Hntersuchung der hypnoti­schen Erscheinungen, die ja wesentlich erst in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat, durch eine reiche Fülle von Beobachtungen und Experimen­ten nachgewiesen, daß hypnotische Suggestionen und Autosuggestionen sehr erhebliche körperliche Veränderungen herbeisühren können (Absonde­rung von Magensäften, Erhöhung des Blutdrucks und Blutzuckers, Brandblasen ufto.). Damit war die Erkenntnis gewonnen, daß das Seelische Wir­kungen auf den Leib haben könne, die ihm eine wesentlich mechanisch denkende Biologie und Me­dizin (wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts die herrschende war) durchaus nicht zu- gctraut hatte.

Rach der gleichen Richtung deuten ferner die Forschungsergebnisse der neuerenTiefen­psychologie" eines Freud und Adler, die ja ebenfalls erhebliche Beeinflussung des Körperlichen durch dasHnbewuht-Psychische" aufgewiesen hat.

Endlich bietet auch das weite Gebiet der Ok­kulten, das doch mehr und mehr das Interesse ernstzunchmender Forscher auf sich zieht (Lodge, Richet, Driesch, Oesterreich u. a.)4). eine Reihe be­deutsamer Analogien zu dem, was aus Konnets- reuth gemeldet wird.

Rach alledem darf man sagen (und damit gehen wir über Virchows Alternative hinaus), daß die Stigmatisation heute grundsätzlich erklärbar er­scheint. Aber über das Wie könnten sicher bei Therese Reumann noch wichtige Feststellungen gemacht werden. Roch bedeutsamere wissenschaft­liche Probleme stellen die bisherigen Beobach­tungen über ihre Rahrungslosigkeit und erheb­lichen Gewichtsschwankungen.

Es ist für die Ermöglichung einer neuen, gründlicheren wissenschaftlichen Hntersuchung günstig, daß die kirchlichen Instanzen bisher ihr Hrteil zurückgehalten, ja eine wissenschaftliche Rachprüfung als erwünscht bezeichnet haben. Das Haupthindernis für eine solche scheint bei dem Vater Theresens zu liegen, der von einigen mystisch gerichteten Personen in seinem Miß­trauen gegen die Aerzte bestärkt wird. Indessen einem dringlichen Wunsch des zuständigen Bi­schofs von Regensburg würde er sich wohl fügen. Die Anregung zur Bildung einesWissenschaft­lichen Ausschusses" hat jüngst in der Kölnischen

*) Dgl. QL Messer, Wissenschaftlicher Okkul­tismus. Leipzig, Quelle & Meyer, 1927.

Pollzeidiener, Stadtdiener und zwei Flurschützen für die zwei letzten Jahre angefordert wurde, tritt jetzt die Derficherungsanstalt für Gemeindebeamte mit einem ähnlichen An­finnen an die Stadt heran. Diese soll ab 1909 Beiträge für ihren früheren Schäfer in Höhe von 3289,44 Mk. leisten, wovon auf die Stadt der Betrag von 2403,44 Mk. entfällt. Der Ge­meinderat stellte sich auf den Standpunkt, diese beiden Ansinnen nicht ohne eine gründliche Prü­fung dieser Sachen zu erledigen, weshalb zunächst Rückstellung erfolgt. Rachdem im vorigen Jahre die Kanalisation der Londorfer Straße vor­genommen wurde, soll dieses Jahr die Gießener Straße kanalisiert werden. Der hierzu aufge- ftcllte Voranschlag beträgt nach der Mitteilung des Beigeordneten 6900 Mk. Daß in unserer wohnungsarmen Zeit ein Reubau etwa vier Jahre leer st eh t, gehört wohl zu den Seltenheiten, war aber hier der Fall. Ein Eisen­bahner aus Gießen hatte in der Gartenstraße einen Reubau bis auf den Innenausbau erstellt, mußte aber wegen Versagens der Geldmittel vom Weiterbauen abstehen. Im Wege der Zwangsversteigerung ging das Haus am Diens­tag in den Besitz des Kaufmanns Stumpf aus Kirtorf zum Preise von 9400 Mk. über.

r. Lang-Göns, 5. März. Am Samstag­abend hielt der Turnverein imGarnbri- nus" seine diesjährige Hauptversamm­lung ab. Rach kurzer Begrüßung durch den ersten Vorsitzenden W. Heller erstattete Ober­turnwart W. Lang den Turnbericht. Die tur­nerische Tätigkeit war auch im verflossenen Jahre eine erfreu iche: es konnten bei Bezirks- und Gau- DeranftaLungen, sowie auf dem Feldbergfest ins­gesamt 42 Siege errungen werden. Anschließend erfolgte durch Rechner K. Weil die Rechnungs­ablage, die mit einem Hcberschuß Wn 242 Mk. abschloß. Hierauf wurde die Reuwahl des Vor­standes vorgenommen. Der seitherige Vorsitzende Wilhelm Heller lehnte eine Wiederwahl ab, um jüngeren Kräften Platz zu machen. Er wurde in Anbetracht seiner großen Verdienste um den Verein, dem er sich drei Jahrzehnte in vorbild­licher Weise zur Verfügung gestellt hat, ein­stimmig zum Ehrenvorsitzenden ernannt Zum ersten Vorsitzenden wurde Karl Müller, als stellvertretender Vorsitzender Albert Schmidt gewählt. Die übrigen Vorstandsmitglieder wur­den einstimmig wiedergewählt. Die 30jährige Zugehörigkeit zur Deutschen Turnerschaft soll in diesem Lahre vom 13. bis 15. Juli in würdiger We.se gefeiert werden: die Vorbereitungen hierzu sind bereits im Gange, die erforderlichen Aus­schüsse sind gebildet worden. Zum Vorsitzenden des geschäftsführenden Ausschusses wurde Wil­helm Heller bestimmt. Der erste Vorsitzende ermahnte die Anwesenden, auch in Zukunft weiter treu zur Turnsache zu stehen. Rach dem Gesang einiger Turnerlieder wurde die Versammlung ge- schloifen.

# Bellersheim, 3. März. Zu den fort­schrittlichsten Gemeinden auf dem Gebiete des Obstbaues darf wohl unser Dorf gezählt werden. Dank der Hnterstützung, die den neueren Be­strebungen seitens der Gemeindeverwaltung zu­teil wird, war es bereits im Vorjahre möglich, eine großzügige Bekämpfung des Frostnach'.span- ners durchzuführen, die alle Obftbaumanlagen erfaßte. Eine Arbeitskolonne von Fachleuten und Hilfsarbeitern versah alle Bäume mit Kleb­gürteln: Raupenleim und Hnterlagepapier wurde im großen durch die hiesige Bezugs- und Absatz­genossenschaft bezogen, wodurch eine wesentliche Verbilligung eintrat, so daß sich ein Leimring durchschnittlich auf nur 14 Pfennig stellte. Ebenso planmäßig wird die Winterbespritzung in diesen Tagen nach Eintritt milderen Wetters durchge- führt, wozu bereits von fast allen Daumbesitzern Anmeldungen von über 1200 Obstbäumen vor­liegen. Im Anschluß.an einen Vortragsabend über die Düngung der Obstbäume wurde kürzlich hier ein Obst- und Gartenbauverein gegründet, dem sosort 55 Mitglieder beitraten. Zum ersten Vorsitzenden wurde Bürgermeister Müller, zum zweiten Vorsitzenden H. K o p s gewählt. Cs wurde beschlossen, sofort 600 Kilo

Zeitung (7. 12. 28) Pros. Dr. Fritz Kern, Bonn, gegeben. Hoffentlich findet diese Anregung Beachtung, ehe es zu spät ist: denn diese Möglich­keit für bedeutsamste Förderung unserer wissen­schaftlichen Erkenntnis ist eine höchst seltene.

Das bestellte Jodel-Konzert.

Das Rachtleben von Mürren, wo die Ski- Saison jetzt ihren Höhepunkt erreicht hat, be­sitzt ein Vergnügen von besonderer Anziehungs- traf. Wer es sich etwas kosten läßt, kann die Führer in einem kleinen Wirtshaus am fernsten Ende des Dorfes jodeln hören. Hm diesen Ge­nuß zu erlangen, bedarf es einen geflüsterten Ge­spräches mit dem Hoteldirektor, der dann dafür sorgt, daß die Jodel-Virtuosen sich versammeln, die sonst gewöhnlich schon um 9 Hhr zu Bett gehen. Die englischen Besucher sind am be­gierigsten, diesen Konzerten beizuwohnen, und treten nach dem Abendessen in großen Scharen den Weg zu dem kleinen Gasthaus an. Hier findet man in einem niedrigen und verrauchten Raum etwa ein Dutzend malerischer Gestalten rund um einen Ofen sitzen. Rur wenige Worte werden gewechselt. Die Engländer bestellen eins oder mehrere Runden Kirschwasser oder Glüh­wein. Die Führer schlürfen ruhig das Getränk. Dann plötzlich werfen vier von ihnen die Köpfe zurück und fangen an,den Mond anzubellen" und ihre langgezogenen Rufe auszustohen. Das dauert etwa 10 Minuten. Dann hören sie eben so plötzlich auf, wie sie begonnen, und die Hörer ziehen befriedigt ab. Sie haben zwar ein kurzes, aber unvergeßliches Erlebnis gehabt. Kürzlich geriet eine Gesellschaft, fo wird in einem Lon­doner Blatt erzählt, unglücklicherweise in ein -falsches Lokal. Sie sahen sich zweifelnd in dem sauberen und gemütlichen Gemach um, das der ihnen gegebenen Schilderung gar nicht entsprach. Keine malerischen Gestalten waren zugegen, und so bat schließlich der Führer der Gesellschaft in seinem besten Deutsch, das aber noch sehr schlecht war, um Musik. Dein Wunsch wurde entsprochen. Sofort erschienen vier Mädchen, die in langgezogenen Tönen und wenig harmonisch sentimentale Weihnachtslieder anstimmten. Sie waren so eifrig bei der Sache, daß es grausam gewesen wäre, sie zu unterbrechen. So mußten ihnen die Verehrer des Jodelns den ganzen Abend zuhören, und vielleicht fingen sie heute noch...