Ausgabe 
5.10.1929
 
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Liebe in Ketten.

Vornan von Hans Mitteweider.

Copyright by Marlin F.'uchtwanger, Halle (Saale).

4 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

So kam fie auf das Schiff, erhielt eine Ka­jüte angewiesen, betrat sie aber nicht, sondern blieb an Deck, ilnö sann und sann, und kam nicht zur Klarheit.

Sie gewahrte nicht, daß die Mitreisenden im­mer von neuem auf sie schauten. Sie sah nichts, gar nichts. Aber sie erschrak, als sie merkte, daß dieser Dampfer einen anderen Hafen an­lief als den, aus dem sie mit Berndt abgefahren war.

Ratlos stand sie auf dem Pier, ihr Köfferchen in der einen Hand. Wie sollte sie nun weiter­kommen?

Da trat ein junger Herr neben sie und sprach sie an, und sie besann sich plötzlich, daß sie ihn schon auf dem Schiffe gesehen hatte. Vielleicht hatte er sie auch dort schon angesprochen? Der Klang feiner Stimme kam ihr bekannt vor. Sie wußte es nicht. Sie schaute ihn an und in gute, ehrliche Augen.

Da klagte sie ihm ihre Rot. Lind er bat sie, mit ihm zu gehen, führte sie zu einer Autohalte­stelle, mietete einen Wagen, lieh sie einsteigen und brachte sie zum Bahnhof. Dort bezahlte er den Chauffeur, loste eine Karte und brachte Käthe, da sie warten muhte, in den Wartesaal.

Er bestellte einen warmen Trunk für sie und nötigte sie, etwas zu essen. Er sorgte für sie, als lot er ihr Bruder, und sie lieh sich alles ge­fallen.

Richt eine Sekunde lang empfand sie die ge­ringste Angst vor ihm. Lind als er sie an den Zug brachte und sie im Frauenabteil saß, blieb er an der Tür stehen, schaute sie besorgt an und fragte, ob er noch etwas für sie tun könnte.

Da streckte Käthe ihm beide Hände entgegen, erfaßte die seinen und sagte:

Dank! Tausend Dank! Sie sind sehr, sehr gut!

Seine Augen leuchteten auf, er drückte ihre Hände und sagte etwas, aber sie verstand es nicht, sie sah nur den Glanz in seinen Blicken, ilnö so ließ sie sich vom Zuge entführen, ohne zu wissen, wer ihr so selbstlos geholfen hatte.

llnterwegs sah sie, wenn sie die ihren schloß, immer nur seine leuchtenden Augen vor sich und fühlte es warm ins Herz dringen in dem Be­wußtsein: Das war ein Mensch, ein wahrhafter Mensch gewesen!

Er hatte ihr seinen Ramen genannt, sie er­innerte sich dessen, aber sie hatte gar nicht darauf geachtet. Es hatte ja keinen Zweck. Sie würde ihn nie Wiedersehen ebensowenig wie Berndt Klausen ...

Und als sie an ihn dachte, wunderte sie sich, daß nur eine leise Trauer in ihr war, aber kein Schmerz. Ihr kamen die Erlebnisse der letzten Tage wie ein wüster Traum vor, und wenn jetzt jemanb sie nach ihrem Ramen gefragt hätte, so würde sie ohne alles Zögern geantwortet haben:

Ich heiße Käthe Fernau!"

Daß sie verheiratet war und einen anderen Ramen erhalten hatte, wäre Gr geradezu lä­cherlich erschienen. Sie war doch noch genau die­selbe. wiie sie die Heimat verlassen hatte!

ilnb als der kleine Dampfer sie durch den schmalen Kanal dahin trug, als sie von weitem die hochragenden alten Kastanien sah und unter irrten das Dach des Häuschens, da jubelte ihr Herz in überströmender Freude, wie es schon gejubelt hatte, als der Schiffsführer sie be­grüßte nicht der alte Ianien, sondern ein an­derer, der sie ebenfalls kannte, und der sie nicht neugierig ausgefragt hatte, wo sie gewesen toar Das war hier nicht Brauch.

Als sie landete, war niemand da, der sie ab­geholt hätte. Aber sie wußte doch, wohin sie gehen mußte, ilnö sie lief, als gälte es iljr Le­ben, dem Häuschen zu.

Dor der Tür erst hielt sie beklommen inne. Wie eine furchtbare Ahnung überfiel es sie, daß sie die Hand nicht nach der Klinke ausstrecken konnte, ilnd sie brauchte Minuten, ehe sie es ver­mochte.

Die Schelle an der Tür war mit einem Tuch­fetzen umwunden und lärmte nicht klappernd wie sonst. Im Hausflur war es düster wie früher, aber ein Geruch drang ihr entgegen, der früher nicht hier gewesen war.

Das ist die Medizin!" sagte sie sich, und dachte wieder daran, daß Tante Wohllebe sehr krank war. Aber sie war nicht ängstlich, in ihr war es nur wie ein großes Freuen, wie in einem Kinde, was an der Tür des Weihnachts­zimmers lauscht.

Tante hatte sie gerufen! Die Liebe war in ihr erwacht! Run würde Käthe jemand haben, den sie lieben durfte, von dem sie wiedergeliebt wurde!

llnd gerade als sie die Stubentür leise öffnete, kam über sie die klare Erkenntnis, die sie bis­her nicht hatte finden können:

Sie hatte Berndt Klausen nicht geliebt!

Hetzt wußte sie es auf einmal .denn was sich jetzt in ihr regte, das hatte sie nie empfunden ihm gegenüber. Sie war ihm gefolgt, weil er der erste Mensch gewesen war, der freundlich zu ihr gesprochen hatte, weil er sie hatte erlösen wol­len aus ihrer Einsamkeit.

Warum aber mußte sie auf einmal an jenen anderen Mann denken, dessen leuchtende Augen sie nicht vergessen konnte. Tiefe Glut stieg in Käthes Wangen bei diesem Gedanken. Ihr war, als hätte sie eine Sünde begangen.

Da horte sie eine heisere, matte Stimme.

Käthe!"

/Nun eilte sie hinein in den Raum, dessen ver­hängte Fenster der Sonne den Zutritt verwehr­ten, daß sie kaum die Kranke auf dem ärm­lichen Lager erkennen formte.

Tante!" schrie sie auf, halb jubelnd, halb klagend und sank auf die Knie nieder, nach den Händen der Kranken tastend.

Doch wie erschrak sie, als ihre Hände zurück- gestoßen wurden, als die harte Stimme von einst ihr entgegenflang:

»Rühr' mich nicht an! Rühr' mich nicht an! Hch habe dich gerufen ich wollte, ich hätte es nicht getan aber die Stimme in mir ich konnte sie nicht mehr hören, und ...

Tante!" jammerte Käthe weinend.

Da »erschrak sie von neuem. Ihr toar, als hätte die Kranke höhnisch aufgelacht, und sic mußte sich doch verhört haben!

Tante! Ich bin es nicht, toar es nie du hahaha du bist mir fremd ich habe . .."

Weiter hörte Käthe nichts. Die Stimme der Frau erstarb in einem entsetzlichen Röcheln. Sie bäumte sich auf und sank zurück, streckte sich und lag still.

Tante!" schrie Käthe trotz allem, was sie eben vernommen hatte.Tante!"

Keilne Antwort kam. Rur die alte Kastenuhr ün der Ecke tickte wie immer schwerfällig, und die Blätter der Kastanien draußen rauschten im Winde.

Käthe fniete vor dem Bett und starrte in das Gesicht der Frau, das j.eht noch starrer schien als je, wie vom Haß perzerrt so wie damals, als sie aus dem Fenster geschaut und sie fort- geschickt hatte.

llnd allmählich kamen Käthe di,e Worte zum Bewußtsein, di,e sie hier gehört hatte.

Diese Frau war nicht ihre Tante gewesen? Ja. wer denn sonst? Wie waren fi|e beide zueinander gekommen?

Warum hatte die alte Frau fi|> so sehr gehaßt, daß sie Gr noch im Sterben wehgetan hatte? Aber sie hatte sie doch gerufen?!

Käthe Fernau wußte nichts von den Qualen, die ein böses Gewissen dem Menschen zu be­reiten vermag. Sie ahnte nicht, daß die Angst vor dem Jenseits diese Frau dazu getrieben hatte, sie h.eiimzurufen, daß sie ihr Herz hatte erleichtern wollen.

Richt meine Tante!

Käthe hörte es in sich und horte eine andere Frage: Wen habe ich denn sonst auf der weiten Welt? Riemand, gar nsemend! Du bist mutter­seelenallein! Hang es zurück.

Da brach sie weinend zusammen und tag lange, lange so, bis die Dunkelheit sie auf­schreckte, bis sie aus dem Hause stürmte, hinüber zum Förster.

llnd erst dabei fiel ihr ein, daß er ihr tele­graphiert hatte, daß er Edelmann hieß.

Sie klopfte an, man öffnete ihr der Förster selber, ilnö als er ihr verstörtes Gesicht sah, zog er sie liebevoll herein, und ' seine Frau nahm das arme Ding an ihr Herz und lieh es sich dort ausweinen, brachte es endlich zur Ruhe in einem Giebelstübchen, und Käthe schlief den tiefen Schlaf vollkommener Erschöpfung.

Förster Edelmann nahm sich Käthe Fernaus mit aller Menschenfreundlichkeit an, ebenso seine Frau. Sie fragten nicht, wo sie gewesen toar, fragten nicht nach ihren Erlebnissen. Sie wußten, daß das arme Mädchen bald von selbst sprechen würde.

Darin hatten sie sich freilich zum Teil ge­täuscht. '

Käthe Fernau erzählte nicht, daß sie entflohen war, daß man sie in England einem Manne an­getraut hatte, der am Tage nach der Hochzeit spurlos verschwunden war. Sie verschwieg, dgß sie krank gewesen war, aber sie muhte erzählen, was am Sterbebett ihrerTante" geschehen war.

Der Förster horchte auf.

Frau Wohllebe war nicht ihre Tante? fragte er, als könne er diese Tatsache nicht fassen.

Sie tagte es, sie lachte dabei ach, wie mutz sie mich gehaßt haben, daß sie mich bloß des­wegen zu rückruf en lieh, um mir das zu sagen! erwiderte Käthe Ieire, und wieder spürte sie tu llch, daß sie nun allein war ganz, ganz allein auf der weiten Welt!

Ich muh sowieso zum Pfarrer, um mit ihm wegen des Begräbnisses zu reden," sagte Edel­mann.Da werde ich mich gleich einmal er­kundigen, ob die Frau ihm irgend etwas übet Sie mitgeteilt hat. Weiß er nichts, dann mutz ich beim Vorstand nachfragen, bei dem sich Frau Wohllebe doch hat ajnmelbon müssen. Er selber hat es ja nicht erlebt, denn er ist noch nicht lange h:er: aber es wird sich doch feststellen lassen, woher die Frau gekommen ist, wer ihre Eltern waren.

S:e muh Papiere vorgelegt haben. Llebri- §enS, setzte er nach einigem Besinnen hinzu, es steht ja auch noch gar nicht fest, ob die Ster­bende nicht geiftig verwirrt war, als sie das zu Ihnen sagte, Fräulein Käthe. Sie kann sich das nur eingebildet haben. Aus die Work Sterbender darf man fein großes Gewicht legen, ilnö ver­lassen Sie sich darauf, Fräulein Käthe! Wenn Sie noch irgendwo Derwandie auf der Erde hoben, dann werde ich sie finden! Ich verspreche Ihnen, mir alte Mühe zu geben.

Er reichte ihr die Hand, um sich gleich auf den Weg zu machen. Käthe dankte ihm auch; aber He wußte nachher nicht, was sie zu ihm gespro­chen hatte, denn mitten während feiner Rede war ihr ein Gedanke gekommen, den sie nicht wieder bannen konnte.

Förster Edelmann hatte ihr doch das Tele­gramm nach London geschickt. Er muhte also ihre Adresse gewußt haben.

Hatte er beim da nicht geschrieben: Frau Käthe Klausen, wie sich doch nun eigentlich hieh? Oder hatte sie sich in dem Briese mit ihrem Mädchen­namen unterschrieben? Hatte sie diesen als Adresse angegeben?

muhte sich die Gewihheit verschaffen, ob Edelmanns von ihrer Heirat wußten oder nicht« Sie konnten nichts wissen; denn sonst hätten sie nach ihrem Gatten gefragt.

Ob ich noch einmal nach dem Hause der Tante gehen darf?" fragte Käthe eines Tages die junge Frau.Ich ich möchte mir verschiedenes holen."

»Warum sollten Sie das nicht tun, Käthe?" er­widerte Frau Edelmann,ilnö wenn Sie sich fürchten, will ich gern mit Ihnen gehen."

O nein, ich fürchte mich gar nicht! Ich will ja auch nur in mein Stübchen hinauf."

»Wie Sie denken, Käthe!"

Da lief diese hastig hinaus und das kurze Stück nach dem Hause hinüber, das noch genau so da­stand wie einst. Je näher sie kam, desto mehr war ihr, als müßte sich nun die Tür auf tun und in dieser die lange, hagere Frau erscheinen mit dem finsteren Gesicht und den groben Zügen, mit den blaßgrauen Augen, die nie einen freundlichen Dlick gehabt hatten.

Zitternd blieb Käthe am Eingang des Gar­tens stehen, mit verhaltenem Atem und klopfen­dem Herzen.

(Fortsetzung folgt.)

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