Ausgabe 
5.6.1929
 
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des

14 Fortsetzung.

Nachdruck verboten.

Wettkampf zwischen dem Turn- und Sportverein Butzbach und dem Männer-Turnverein Gießen statt. (Siehe heutige Anzeigei)

..2ch glaube, er will nichts von mir wissen, Jimmy!"

Das muß ja 'n Idiot sein!"

..2a, Jimmy," lachte Ellinor, und sie blieb vor ihrem Bild -an der Litfaßsäule stehen,manche Leute laufen stundenlang neben ihrem Glück her, und sie merken es nicht!"

Dabei kniff sie Jimmy aufmunternd in den Arm und sie tobten wie zwei wilde Bangen die Trep- Pen hinauf, daß Mrs. Buttler wie eine Furie aus der Tür geschossen kam.

Run lebte Ellinor schon fünf Tage in der 118. Street in Hoboken.

Eines morgens klopfte Jimmy schon um ein halb neun Hhr an Ellinors Zimmertür.

..Kann ich reinkommen, es ist etwas aona Wichtiges!"

Ellinor warf sich schnell einen Morgenrock über und ließ Jimmy eintreten.

Jimmy setzte sich mit ernster Miene auf Elli­nors Dettrand. Er erklärte, es ginge so nicht weiter.

Was geht nicht so weiter?" fragte Ellinor erschreckt. Der Dengel hatte sich doch hoffentlich keine Späne in den Kopf gesetzt.

Jimmy schnaufte wie ein Walroß, er kam sich furchtbar wichtig vor.

Es geht nicht so weiter, daß Sie den ganzen Tag nichts tun. Ein anständiger Mensch arbeitet! Gut, Sie haben mir erzählt, Sie hätten sich von Ihrer letzten Stelle her ein paar Dollar ge­spart, das ist aber noch lange kein Grund, sich auf die faule Haut zu legen. Eines Tages ist das Geld alle, und dann sitzen Sie da, kein Aas kümmert sich dann um Sie, bilden Sie sich nur nkl)t ein, daß Ihr mysteriöser Bräutigam mit dem gezückten Portemonnaie dasteht. In der Be­ziehung ist- auf Männer kein Verlaß.

Jimmy schöpfte Atem.

Ellinor lachte hell auf.

Jimmychen, ich möchte zu gern wissen, wo Sie Ihre Erfahrungen gesammelt haben? Aber viel­leicht haben Sie recht. Was soll ich aber tun, um ©otteß willen. Ich habe gar nichts gelernt!"

Jeder vernünftige Mensch kann ein bißchen Schreibmaschine, dumm sind Sie doch auch nicht!"

Bein, nicht Übermäßig, und Schreibmaschine kann ich auch, so ein klein bißchen!"

..Aa schön, dann ist ja alles in Ordnung, dann werden Sie morgen in dem Betrieb von George Wellton als Sekretärin anfangtn!"

Wettlauf um Ellinor.

Roman von Genta Neckel.

Copyright bei Greiner & Co., Berlin NW 6.

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

V Mainzlar, 4. Juni. Mit dem 1. Junl wurde die hiesige Postagentur infolgeReu- besetzung dem früheren Postagenten, Kaufmann W. PH. S ch la p p, wieder übertragen. Herr Schlapp war früher bereits fünfzehn Jahre Post­agent, als im Jahre 1924 die Postbehörk^ infolge Sparmaßnahmen die Agentur mit dem Aus­tragen der Postsachen durch den Inhaber zu­sammenlegte. Da sich der Postverkehr seitdem sehr erheblich steigerte und die Agentur die Orte Mainzlar mit dem Werk von Scheidhauer & Giebing, sowie Daubringen mit dem Heiberts- häuser Hof umfaßt, hat sich die Trennung deS Dienstes wieder als notwendig erwiesen. Als Briefträger wurde der frühere Hilfsbriefträger Fuchs angeftellt.

+ G r ünberg, 3. Juni. In der jüngstem Gemeinderatssitzung unter dem Vorsitz des Beigeordneten Keller waren 11 Gemeinde­räte anwesend: einer fehlte wegen Krankheit. Für die Weiterlegung der Wasserlei­tung in der Bismarckstraße, Färbgrabengasss und Gartenstraße lagen vier Angebote vor. Die Abstimmung ergab 6 Stimmen für .Hebertragung der Arbeit an die hiesige Fa. Konrad B o ck zu ihrem Angebot von 3111,50 Mark, während 5 Stimmen für den etwa 175 Mark weniger for­dernden Keil (Hattenrod) waren. Die Vertre­ter der Mehrheit begründeten ihre Abstimmung mit der Berücksichtigung des einheimischen Ge­werbebetriebes. Die Gallusmarkt-Lot- t e r l e soll wieder abgehalten und deshalb mit der seit einigen Jahren hierfür bestehenden Kom­mission die weiteren Schritte in die Wege ge­leitet werden. Bei der Besprechung dieser Sache

Zur Gasversorgung Hessens.

Tas neue Angebot der Tüdwcstdeutschen Gas G. m. b. H. Frankfurt a. M.

WSA. Frankfurt a. M., 4. Juni. DaS schon seit längerer Zeit angekündigte neue An­gebot der Südwestdeutschen Gas G. m. b.H. Frankfurt a. M. ist nunmehr der Hekoga unterbreitet worden. Wie zu erwarten war, wird in dem Angebot der Vorschlag gemacht, eine neue A. - G. »Vereinigte Gaswerke Rhein-Main-Neckar A. -©. zur gemein­samen Erzeugung von Gas mit einem vorläufigen Aktienkapital von 20 Mill. Mk. gründen. Die Aktien sollen allerdings den Kommunen Vor­behalten bleiben. Im Gegensatz zu dem früheren Angebot verlangt die Südwestdeutsche Gas-Ge­sellschaft nunmehr für die ersten 80 Millionen Kubikmeter Gas einen Preis von 5,16 Pf., während sie für die folgenden 50 Mill. Kubik­meter einen Preis von nur 4,35 Pf. anbietet (das Ruhrangebot verlangt 4,62 bzw. 4,50 Pf.). Allerdings ist bei dem Angebot der Südwest­deutschen Gasgesellschaft eine Verwertung der Rebenprodukte, wie Seer, Ammoniak usw., noch nicht einbezogen. Außerdem sind der Preisberech­nung die jetzigen außerordentlich hohen Zins­sätze zugrunde gelegt worden. Von der Südwest­deutschen wird erklärt, daß der oft betonte Vor­zug des Ruhrangebots, ein Gas von 4500Wärme­einheiten zu liefern, während die Südwestdeutsche 4200 Wärmeeinheiten angeboten hatte, nicht in die Wagschale falle, da es nicht auf diesen abso­luten Heizwert ankomme, sondern auf ein un­bedingt gleichmäßiges Gas mit möglichst wenig Ammoniak- und Sauerstoffgehalt. Wenn die Ruhr ein derartiges Gas liefern wolle, wie es von der Südwestdeutschen in ihrem neuert Angebot garantiert wird, müßte sie ebenfalls wesentlich teuerer sein.

Vortrag in der Ausstellung »Der Al e n s ch". In der zur Zeit in der hiesigen Volkshalle untergebrachten AusstellungDer Mensch" (SondergruppeDer durchsichtige Mensch') finden, worauf hiermit besonders hin- getoiefen sei, täglich 18 Hhr ärztliche Führungen statt. Morgen, Donnerstag, wird Professor Dr. Weisbach (Dresden) von 16 bis 19 Ahr über die ThemenArzt und Erzieher" undTheorie und Praxis auf dem Gebiete der Ernährung" einen Vortrag halten. Cs sei auch an dieser Stelle der Besuch der lehrreichen und volks­bildenden Darbietungen wärmstens empfohlen. (Siehe heutige Anzeige.)

** Linne-Dortrag 19 29. Der dies» latjrige Linne-Vortrag wird ein zwischen Botanik und Kunstgeschichte liegendes Grenzgebiet be­handeln. Prof. E. K ü st e r wird Freitag, 7. Juni, 8,15 Hhr, im Botanischen Horsaal überDeutsch­lands schönste Gärten" sprechen. (Siehe heutige Anzeige.)

SegelflugzeugStadt Gießen". Bekanntlich wurde im vergangenen Jahre von der Stadt ein namhafter Betrag für die Er- bauung eines Segelflugzeuges gestiftet. Runmehr

geht, wie man uns berichtet, in einem Raum des Realgymnasiums langsam, bei peinlichst genauer Arbeit das SegelflugzeugStadt Gießen" seiner Vollendung entgegen. Der Bau wird geleitet und ausgeführt von Mitgliedern der Jungflieger­gruppe des Vereins für Luftfahrt in Gießen. Rachdem die Flügel soweit fertiggestellt find, wird in den nächsten Tagen mit dem Zusammen­bau des Rumpfes und der Steuer begonnen werden. Roch sind viele mühevolle Arbeits­stunden zu leisten, bevor der schnittige Segler seinem Element übergeben werden kann. Da weite Kreise der Gießener Bürgerschaft dem Segelflugwesen große Aufmerksamkeit entgegen» bringen, wird wahrscheinlich Ende Juli eine Aus­stellung des Flugzeugs ftattfinöen.

** Eineöffentliche Mieterversamm­lung findet am morgigen Donnerstag, 20,30 Hhr, im Gewerkschaftshaus statt. Wie aus der Anzeige in unserem gestrigen Blatte ersichtlich, soll sich die Versammlung mit der Wohnungsnot in Gießen, der Strahenreinigung und Müll­abfuhr und den neuen Bestimmungen über die Lockerung des Mieterschutzes beschäftigen.

Straßensperrungen. Vom Oberhes­sischen Automobil-Club E. V. (A. v. D.), Gießen wird mitgeteilt: Die Straße Büdingen- Gelnhausen im Zuge der Straße Friedberg bzw. RiddaGelnhausen ist von Kilometer 61,4 bis 65,9 ab 7. Juni bis auf weiteres für alle Fahrzeuge gesperrt. Hm Leitung über Lorbach Hüttengesäß Riedergründau Lieblos. Die Straße Gießen Wieseck ist vorn 5. bis 25. Juni für jeglichen Verkehr gesperrt. Hm» leitung über TroheRödgen. Die Sperrung der Ortsdurchfahrt Rödgen ist ab 5.Juni auf­gehoben.

** Dienstjubiläen bei der Reichs­bahn. Die bei der Güterabfertigung Gießen tätigen Lademeister Jakob Geißler und Reichs- bahn-Detriebsassistent Heinrich Ufer begingen bor einigen Tagen in voller Rüstigkeit ihr 40- jähriges, die Oberladeschaffner Georg C i f f und Luhwig Wagner ihr 25jähriges Dienstjubi­läum. Den beiden Erstgenannten wurden vom Dienststellenleiter Anerkennungs- und Glück­wunschschreiben vom Reichspräsidenten, vom Ge­neraldirektor der Reichsbahn und vom Präsi­denten der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. mit besten Glückwünschen ausgehändigt. Gleich­zeitig sprach er allen vier Jubilaren unter Heber­reichung von Blumengeschenken die herzlichsten Glückwünsche ihrer Mitarbeiter aus.

** Reichsbahnpersonalie. Der Vor­stand des Reichsbahnbetriebsamtes I Gießen, Reichsbahnrat Wilke, ist zum Reichsbahnober­rat befördert worden.

" Preußisch-Süddeutsche Klassen­lotterie. Die Erneuerung der Lose zur dritten Klasse hat planmäßig spätestens bis zum 7. Juni zu geschehen.

** Box-Wettkampf. Am nächsten Sams­tag, 8. d. M., abends 8,30 Uhr, findet in der Turnhalle der hiesigen Ober-Realschule ein Dox-

Aus Oer pwvinzialhauptstadt.

Gießen, den 5. Juni 1929.

Das Vogelnest am Hause.

Sie sind seltener geworden, die Nester am Hause. 3n meiner Jugendzeit war fast an jedem Dachrand der dörflichen Häuser ein Schwalbennest. Man brauchte gar nicht hinzuschauen, auf der Erde sah man die Spuren der Vogelkinderstube.

Deshalb war unsere Freude so groß, als uns vor zwei Jahren ein Rotschwänzchen ^besuchte und auf unserer Veranda Umschau nach einer Nistgclegenheit hielt. Prüfend überflog es alle Balken, kam bann wieder, schien sich zu besinnen, schaute uns lange an und flog weg. Am andern Tage aber sahen wir Hälmchen in der Ecke. Wir brachten eine Schutzleiste an und hatten die Genugtuung, daß das Tierchen das Nest vollendete. Dann lagen vier Eierchen darin. Einige Tage brütete das Weibchen. Plötzlich aber blieben die Vögelchen aus. Ob sie ein Opfer einer wildernden Katze geworden sind?

In diesem Frühjahr kam wieder ein Rot- sck)wänzchenpaar. Es trug neue Hälmchen und wei­ches Moos zusammen und stellte das Nest wieder her. Dann hat es gebrütet, und aus den fünf Gier» dien sind fünf junge Tierchen geschlüpft. Fünf große gelbe Schnäbel öffnen sich minütlich und schnappen nach dem Guten, das die Eltern bringen.

Die Vögelchen haben keine Scheu vor den Men­schen. Sie fliegen selbst bann, wenn wir auf der Veranda sitzen und Kaffee trinken. Jedesmal haben die Tierchen ein Räupchen ober einen Käfer im Schnabel. Wo sie bie nur alle finben? Der Garten wirb abgesucht, unb sie bekommen immer etwas. Beim Zurückfliegen nehmen sie ben Kot der Jungen mit. Kein Hälmck)en, kein Schmutzflecken ist auf der Erde zu sehen. Die Rotschwänzchen wissen sich zu

polizeidirekior Or. Senner/ Mönchen referierte überDie Zigeunerplage und ihre Bekämpfung. Einheitliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Plage seien von der Länder­konferenz bereits aufgestellt und ben Ländern zur Durchführung empfohlen worden. Der Redner gab bann einen Einblick in die zur Bekämpfung der lästigen Zigeuner und Landfahrer in den einheit­lichen Richtlinien vorgesehenen Maßnahmen: schärfste Ueberwachung, rascher Meldedienst an die staatliche Zigeunerstelle, Fingerabdruckverfahren, standesamtlicher Nachrichtendienst über Zigeuner- Personenstandsveränderunaen. Meldungen der Strafbehörden, schärfere Kontrolle an der Grenze gegenüber ausländischen Zigeunern.

Kriminalpolizeirat Gay, Berlin behandelte die Frage: Wie ist die Kriminal­polizei einer mittelgroßen Stadt zu besehen unb einzurichten, damit sie allen an sie zu stellenden Anforderungen gerecht werden kann? Entscheidend für diese Frage sei allein die Praxis und die kriminelle Struktur der Stadt. Hier sei namentlich die Erfahrungstatsache zu berücksichtigen, daß, wie Mittelstädte überhaupt, manche Städte von dem reisenden Verbrechertum bevorzugt werden. Am wirksamsten habe sich die Zentralisierung der Kriminalpolizei an einer Stelle erwiesen. Der Redner gab eine Reihe von Ratschlägen zur Einrichtung neuer oder be­stehender Hilfsmittel, die aber erst wirksam wür­den, wenn sie im richtigen Geiste benützt würden.

Den Schlußvortrag hielt

Ministerialrat Or. Barck, Karlsruhe über Fragen aus dem Gebiete der modernen Gendarmerie. Der Gendarmeriebeamte sei heute mehr als früher Jndividualbeamter, der Gendarmerieoffizier Fachbeamter. Das Stations­netz sei dünner und feiner verästelt. Eine gute Ausbildung aller Gendarmeriebeamten sei be­sonders nötig. Die Gendarmerie müsse heute da­nach streben, wie die städtische Polizei eine soziale, eine Dolksgendarmerie zu fein.

benehmen. Sie hätten ebensogut ihr Nestchen in un­serem Eßzimmer einrichten können.

Kein schöneres Bild gibt es, als das, wenn die fleißigen Eltern mit dem Futter im Schnabel kom­men, unb bie Jungen ihnen entgegenzwitfchern! Aber nicht lange bauert es, bann fliegen sie roieber weg. Jetzt sinb sie wieder da. Die Jungen müssen einen fürchterlichen Hunger haben. Aber ohne Rast unb Ruh fliegen bie Eltern vom Morgen bis zum späten Abenb unb sorgen für ihre Nachkommen.

Balb werben sie soweit fein, baß sie ausfliegen unb weiter helfen im Garten, in ber Vertilgung der Schüblinge.

Wer hat nicht schon solchen fleißigen Vögelchen mit zugeschaut, unb wer ist nicht von Dankbarkeit er­füllt über ihr Tun?

Pflegen unb hüten wir unsere treuen Freunbe, unb sorgen wir für Nistgelegenheiten! Tausenbfachen Dank ernten wir bafür.

Das Vogelnest am Hause soll Glück bringen. Wir hoffen es. Jetzt aber schon wissen wir, baß uns die kleinen Sänger nur Freude bereiten. B.

Talen für Donnerstag, 6. Juni.

Sonnenaufgang 3.46 Hhr, Sonnenuntergang 20.11 Hhr: Mondaufgang 2.49 Hhr, Mondunter­gang 19.08 Hhr.

1869: der Komponist Siegfried Wagner in Triebschen bei Luzern geboren: 1875: der Schrift­steller Thomas Mann in Lübeck geboren.

Bornotizen.

Tageskalender für Mittwoch. Kriegerverein Gießen: Monatsversammlung, 20.30 Hhr. Rentnerbund: Mitgliederversammlung im Katholischen Vereinshaus, 17 Hhr. Rad- sahrklubGermania": Monatsversammlung im Klublokal, 20.30 Hhr. Lichtspielhaus Dahn- Hofstraße:Pat und Patachon als Detektive" undPrinzessin Olala".

Wo soll ich anfangen?" fragte Ellinor ganz entsetzt, sie dachte, sie hätte sich verhört.

Ra, Sie brauchen mich nicht so entgeistert anzustarren, die Spinnereioetriebe von Wellton sind ein erstklassiges Geschäft und der Chef selbst sucht eine Sekretärin. Was wollen Sie mehr? Ich habe die Stellung schon für Sie reservieren lassen. Ich bin nämlich ein Duzfreund von dem Vorher bei Wellton, der hat mich sofort heute früh angerufen, ich habe nämlich die Portiers von all den großen Betrieben organisiert, daß sie es mir gleich melden, wenn irgendwo eine Stellung frei ist, die wissen ganz genau, daß ich immer ein paar hm Freundinnen an der Hand habe, denen ich Stellungen besorgen muß. Ich habe dem Portier von Wellton gleich eine Theaterkarte versprochen und nun ist Ihnen bie Stellung so gut wie sicher, denn der läßt nun keine andere herein, bis Sie kommen!"

Ellinor schnappte nach Luft.

Das war ja eine wundervolle Sache! George Wellton suchte eine Sekretärin, und ausgerechnet sie sollte sich um diesen Posten bewerben. Das war das grandioseste Gaukelspiel, was man sich denken konnte.

Jimmy deutete Ellinors Schweigen falsch. Er setzte ihr mit weitschweifigen Worten die Vor­züge dieser Stellung auseinander, sie hätte sicher gar nicht soviel zu tun, man sagte, der Chef wäre andauernd auf Reisen, und bei Welltons würde blendend bezahlt: er hätte es sich wirklich so fabelhaft gedacht, wenn Ellinor nun eine (Stel­lung bekäme. Sie könnte bann auch von ihrem Gehalt etwas zurücklegen und wenn sie dann genug gespart hätte, bann würben sie beibe mal ipr Gelb zusammenlegen und in ein richtiges Theater gehen, in ein Stück, das er bann aus- suchen würbe, denn er verstände doch etwas vom Theater.

Seien Sie doch kein Schaf, Miß Betty, so Wied fJänacnöc Gelegenheit bietet sich nicht

Ellinor überlegte. 3a, ber Plan war großartig warum sollte sie nicht zu George Wellton in Stellung gehen. Sie hatte auf einmal so eine Sehnsucht nach George, daß ihr alles anbere gleich war.

Gemacht, Jimmy, gemacht! Ich bin in fünf Minuten fertig!"

Sie fegte Jimmy mit einer Handbewegung aus Dem Zimmer. Dann überlegte sie, was sie an- $lcVcn sollte. Irgendeine Verkleidung wählen? Rein, das war Hnfinn, sie hatte das Versteck- spielen vor George satt.

Sie zog ihr graues Reisekostüm an und die Hetnc graue Glocke. Den kostbaren Blaufuchs aber ließ sie im Koffer, eine Dame, die sich um Srent Sekretarinnenposten bemüht, trägt keinen Blaufuchs, und Jimmy sollt« feinen Verdacht Ichople».

Als sie einen schmalen Goldreif über das Handgelenk streifte, lächelte sie, denn sie erinnerte sich daran, daß George diesen feinen schmalen Aeif an ihrem Handgelenk so schön gefunden hatte. Ach, sie erinnerte sich noch ganz genau an jedes Wort, was George zu ihr gesagt hatte. Sie hörte wieder seine weiche, dunkle Stimme und erinnerte sich an die Geschmeidigkeit seiner Bewegungen. Sie liebte ihn, sie konnte nichts Dagegen tun, es war über sie hingegangen wie ein Sturmwind, sie hatte sich nicht dagegen weh­ren können und sie wollte sich auch gar nicht dagegen wehren. Sie hatte schon viele Männer gekannt, sie war ausgewachsen in ber vernünf­tigen freien Erziehung des jungen Mädchens von heute. Sie hatte mit dem Mann in freier, gesunder Kameradschaftlichkeit gelebt ohne ver­logene Sentimentalität, aber noch nie hatte sie einen Mann geliebt. Sie hatte die Liebe immer mit einer geringschätzigen Bewegung abgetan, sie hielt Liebe für altmodisch und sentimental, für etwas, was unsere Großmütter vielleicht noch für angebracht gehalten hatten, über das aber bie aufgeklärte Jugend in ihrer Heber» legenheit lachte.

Bis sie es selbst gepackt hatte, unb bis sie das alles in einem seligen Moment über Dorb geworfen hatte, unbekümmert um alles Vor­herige unb unbekümmert barum, baß sie nun vielleicht auch so lieben würbe, wie ihre Groß­mutter unb Urgroßmutter geliebt hatte, genau so heiß, genau so sentimental, unb, wenn sie sich kritisch von ihrer früheren Warte aus betrachtet hätte: genau so kitschig. Ellinor lächelte.

Was ging sie das Früher an? Die Gegenwart hatte immer Recht, und diese Gegenwart war unendlich schön!

Jimmy trommelte gegen die Tür:

-Miß Betty, Sie müssen nun wirklich kom­men, sonst kommt doch vielleicht noch irgend je­mand und schnappt Ihnen bie schöne Stellung vor ber Rase weg!"

Um Gottes willen!" Ellinor schoß aus ihrem Zimmer und packte Jimmy beim Arm.

Schnell, schnell!"

Sie liefen bie Treppe herunter. Ellinor erflärte, doch lieber eine Taxi zu nehmen und als sie Jimmys erstauntes Gesicht sah, fügte sie hinzu daß sie wirklich noch genug Geld hätte, denn sie hatte sich wirklich eine ganze Menge gespart.

Jimmy nickte freudestrahlend. Er war erst einmal in seinem Leben mit einer Taxe ge­fahren und das war bet einer Filmaufnahme gewesen und auch nur ein kleines Stückchen.

Trotzdem sagte er dem Chauffeur mit unnach­ahmlicher Geste die Adresse, als sei er sein ganzes Leben lang immer in einem Rolls Royce gefahren

XIV.

Es war herrliches Wetter. Das Verdeck bei Taxe war zurückgeschlagen. Es roch überall nach Frühling.

Ellinor genoß die Fahrt. Sie freute sich, auS dem düsteren Hoboken herauszukommen. Sie kannte schon viel von der Welt. Ihr Vater hatte sie überall mitgenommen. Die Stanleys stamm­ten aus England und Mac Stanley, so waschecht er sich als Amerikaner fühlte, irgendwo im Her- Aen sah ihm doch das Heimweh nachOld Eng­land" und er hatte Ellinor die Heimat feinen Väter gezeigt.

Ellinor hatte die alte Kultur Londons be- wundert, sie hatte die Kunstschätze von Paris kennen gelernt, war begeistert von der vorbild­lichen Sauberkeit und dem aufstrebenden Leben Berlins gewesen, hatte Rom, bie heilige Stadt auf den sieben Hügeln gesehen und bewundert, kannte Konstantinopel, dessen Minaretts wie Ker­zen um das Goldene Horn standen, aber ihrs Liebe und ihr innerster Stolz gehörten Amerika.

Da lag Reuyork vor ihr: eine Symphonie aus Stahl, Glas, Ziegel und Zement, zusammen» gepreht auf einer schmalen Insel ragten glitzernd bie millionenfenstrigen Gebäude, Pyramide auf Pyramide, wie die weiße Schneekoppe über grauen Bergen. ,

Die Hochbahnzüge bornierten ihr Lied von der Arbeit, die endlose Kette ber Autos zieht sich unabsehbar weit bahin. Riesige Policemen mit weihen Handschuhen regeln den Verkehr, der sich trotz des ungeheuren Ausmahes reibungslos ab­wickelt.

In ber Ferne sieht man den Hafen mit ben Freiheitsstatue, ein Ozeanriese zieht seinen Weg. Mächtig qualmt ber Rauch aus drei Schloten. Wie ein Wolkenkratzer sucht sich bas Schiff feinen Weg burch bas Gewirr ber Hafenfahrzeuge. Ein Sonnenstrahl verschärft bie Schatten unter ber breiten Kommanbobrücke und längs ber weißen Streifen bes Oberbecks blitzt bie Reihe ber Bull­augen wie kleine Lichter.

Stoßende, puffenbe Schlepper sind vor ben Riesen gespannt, ber mit dem Bug einen Echaum- ftreifen in ben Rorth River schneibet. Möven schießen kreischend in die Luft unb schnappen gierig nach ben Brocken, bie ihnen bie Menschen hinwerfen.

Jimmy, ist es nicht wunderschön heute?"

Jimmy schaute gespannt auf die hüpfenden Zahlen bes Taxameters. Herrgott, wie bas Geld zerrinnt.

Ihm wurde bange. Er hatte nur einen Dollatz in der Tasche.

Hören Sie, Miß Betty, haben Sie auch gennd Moneten bei sich, der Weg ist doch verdannnt lang, und ..." er stotterte ein bißchen,ja, tolfl gesagt, ich kann beute nichts ausleg«». "

(Fortsetzung folgt]

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Dortrag Gottfried Husemann. Der bekannte Redner, der schon früher hier ge­sprochen hat, wird auf Einladung der Freunbe der Christengemeinschaft in dieser Woche wieder einen öffentlichen Vortrag halten: er wird über moderne Technik sprechen und über die Wirkun­gen dieser Technik auf den Menschen. Er wird insbesondere die Wirkungen von Kino, Radio und Schnellverkehr berühren. Das Thema lau­tet:Moderne Technik und die seeli­schen Erschütterungen unserer Zei t, der Vortrag findet statt am Donnerstag, 6. d. M, abends 8.15 Hhr: Musikzimmer des Studenten­heims, Burgaraben. (Dgl. heutige Anzeige.)

Stad ttheater Gießen. Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Das morgige KonzertMusik aus der Luft" ' Theremin-Trios beginnt um 20 Hhr.