Nr. 129 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Mittwoch, 5. Zuni 1929
Gefährliche Kriegsspielerei.
Don Moskau aus wird eben der angebliche Wortlaut eines polnisch-französischen Militärvertrags vom Jahre 1922 veröffentlicht, der verschiedene Geheimbestimmungen enthalten soll: so die Verpflichtung Polens zur Einführung der zweijährigen Dienstzeit (die inzwischen in der Tat durch- geführt wurde), die Bestimmung, daß die französische Regierung gegebenenfalls Flotten- Maßnahmen in Danzig und Königsberg zur Sicherung Polens an der deutschen Grenze vorzunehmen hat usw.
An sich ist es nichts Reues, daß Frankreich mit Polen eine Reihe von militärischen neben den wirtschaftlichen Verträgen abgeschlossen hat, mit denen Frankreich sich allerhand Privilegien auf Grund seiner Bündnisverpflichtungen zusichern lieh. Und auch in der äußeren Form, wonach diese militärischen Bestimmungen nur „für den Fall eines nicht herausgeforderten Angriffs" gelten sollen, sind die Bestimmungen des Militärvertrags nicht in direktem Widerspruch mit dem Kelloggpakt oder dem unlängst von Polen und den verschiedenen Randstaaten, sowie Rumänien mit Sowjetrußland unterzeichneten Litwinow - Protokoll. Auch darf man die Verhältnisse von 1922 in Rechnung stellen, wenn man diesen Militärvertrag kritisch würdigen will. Trotzdem bleibt aber bestehen, da der Vertrag bis 1 9 3 2 läuft und inzwischen sicher nicht gekündigt worden^ ist. daß unter willkürlicher Einbeziehung des über seine Verwendung als Munitionshafen für Polen immer wieder Klage führenden Danzig als Basis für etwaige gemeinsame Kriegsoperationen Polens und Frankreichs und wegen der ersichtlich starken Einmischung, die Frankreich in mili* tärischen Fragen auf Polen ausübt, das Dokument nicht geeignet ist, dem Frieden zu dienen.
Besonders dann nicht, wenn man die ganz militärisch eingestellte Mentalität Polens kennt, wenn man sicht, wie es gerade jetzt wieder anläßlich des Besuches seines Außenministers Zaleski in Budapest ein neues militärisches Drahtverhau durch Europa legt, das von Polen überLlngarnnach Italien reicht, drei Diktaturstaaten verbindet und die berechtigten und begreiflichen Revisionsbestrebungen des verstümmelten Ungarn dazu mißbraucht, um einen Unruheherd zu schaffen, der jeder Explosionsgefahr ausgesetzt ist. Dabei soll natürlich nicht behauptet werden, dah irgendeiner der drei Partner dieses neuen Freundschaftsterzetts unmittelbare kriegerische Absichten hätte. Aber cs besteht die Gefahr, daß sich durch die wechselseitige Berührung von Mentalitäten, wie sie vor allem in Polen durch das militärische Regime Pilsudskis verkörpert werden, die Verantwortlichkeit für die Erhaltung des Friedens bei den Beteiligten vermindert. Bezeichnend ist dabei, daß z. B. der bisherige polnische Gesandte in Budapest, vorher aktiver Offizier, jetzt ohne irgendeine Kompetenz, in Polen zum Finanzminister gemacht worden ist, selbstverständlich unter der Voraussetzung, daß er für die Durchsetzung des Pilsudskischen Militärbudgets sorgt, das für das nächste Jahr 31 Prozent aller Staatseinnahmen umfaßt. Das sind Ueberspannungen des Wehr- und Sicherheitsgedankens, die in sich selbst schon schwere Gefahren bergen. Und Frankreich lädt eine ernste Verantwortung auf sich, wenn es durch seine Bündnisverträge diese gedankliche Kriegsspielerei begünstigt hat und weiter begünstigt, die nur allzu leicht und ungewollt auch einmal in Taten ausarten kann.
Die Veröffentlichung des polnisch-französrschen Militärvertrages ist keine Ueberraschung gewesen: auch wenn er genau in der Form und sogar mit dem etwas zweifelhaften Datum des 15. September 1922, wie die russische Veröffentlichung zeigt, zuträfe, so würde das nur eine B e - stätigung für lange Bekanntes sein. Aber es zeigt mit eklatanter Deutlichkeit, wie
wenig einzelne Mächte noch immer ihre moralische Verpflichtung zum Abbau, nicht nur der materiellen Kriegsvorbereitungen, sondern vor allem auch der Mentalität der Vorkriegszeit begriffen haben, die schließlich eine größere Gefahr bildet als die materiellen Rüstungen selbst. Und deshalb ist es nötig, bedenkliche Zusammenhänge und Gedankengänge rechtzeitig aufzuzeigen.
Kanonen am Mein.
Don unserem Pfälzer Mitarbeiter.
Die französische Rheinarmee ist wieder munter geworden: alltäglich rollen viele Eisenbahnzüge von den Garnisonen im deutschen Lande nach den Schießplätzen des Besatzungs- Heeres, die während der unglücklichen Rach- kriegsjahre eigens geschaffen werden mußten. Und Tag für Tag hallen die Schüsse der groben Geschütze herüber und erinnern immer wieder an die schier unglaubliche Tatsache, daß noch ein Jahrzehnt nach Friedenssch luß fremde Truppen Herrenrechte auf deutschem Boden ausüben. Schon die Schaffung der großen Schießplätze, auf denen die Desahungsarmee ihre Hebungen abhalten kann, hatte zu allerlei Unzuträglichkeiten geführt: die Franzosen beschlagnahmten von beute zu morgen riesige Flächen fruchtbaren Ackerlandes, ohne dabei die geringste Rücksicht auf die Interessen der Bevölkerung zu üben. Mehr als 6000 Hektar hochwertigen Bodens sind damals für Schieß- und Flugplätze in Anspruch genommen worden, und um diese Gebiete herum wurde noch ein breiter Gürtel gezogen, der als Gefahrenzone gilt. Riemand darf sie betreten, auch der Landwirt nicht, der seinen Feldern die notwendige Pflege geben will. Erst in den späten Abendstunden, wenn die Rächt hereinbricht, können die allernotwendigsten Arbeiten ausgeführt werden. Was diese Beschränkung bei der Bestellung der Aecker und bei der Ernte bedeutet, drückt sich am deutlichsten in der Schadensrechnung aus, die die Kreisbauernkammer der Pfalz
für das letzte Jahr aufgemacht hat: e i n E r n t e- ausfall im Werte von m i nbestens 1 30000 Mark war allein in den Gefahrenzonen um die Schießplätze herum zu verzeichnen. Dabei bleibt es aber noch nicht einmall Da sind die täglichen Fälle von Flurschäden, die von den Truppen angerichtet werden, da kommen die Belastungen der bäuerlichen Besitzer durch Einquartierungen hinzu, gegen die es keinen Einspruch gibt, von den großen Manö- verlaßen ganz zu schweigen. Die deutsche Bevölkerung steht im Dienste der landfremden Armee und mutz sich den seltsamsten Anforderungen willfährig erweisen.
Aber da ist doch das Rheinlandabkommen, das den Geschädigten das Recht gibt, vor einer Kommission die Ersatzforderungen anzu- meldenl Schön und gut auf dem Papier, doch die Desahungsarmee weih sich zu helfen. Aus der Reihe der Geschädigten werden ein paar Personen herausgesucht, um sie vor ein Kri egsgericht zu stellen. Frischweg behauptet der französische Ankläger, ihre Forderungen seien betrügerisch, geschickte „Sachverständige" erhärten die Behauptungen durch unglaubliche Gutachten, und im Handumdrehen sind ein paar Deutsche verurteilt. Wegen Betruges! Weil sie sich unterstanden hatten, die ihnen zugefügten Schäden fein säuberlich aufzuzählen! Kein Wunder. daß derartige unerhörte Methoden die Geschädigten einschüchtern, daß sie in vielen Fällen auf jede Auseinandersetzung mit der Besahungs- armee verzichten. Cs gibt ja kein Recht für Deutsche, die Bevölkerung der besetzten Pfalz ist vogelfrei. Aber dieser Zustand, der allem Rechtsempfinden ins Gesicht schlägt, ist nachgerade unhaltbar geworden. Die Schießübungen der Besahungsarmee, ihr unerhörtes Auftreten gegenüber den Einwohnern, die scheußlichen Mittel, um gerechte Ansprüche abzuwehren: das alles wird von Frankreich verteidigt unter der Dorgabe, die „Sicherheit der Besatzung" gebiete diese Maßnahmen. Wir meinen die französische Armee wird sich am sichersten fühlen, wenn sie deutschen Boden endlich verlassen hat.
wie der Presse für ihre Mitarbeit, und erklärt« die Deranstaltung für eröffnet.
Hierauf ergriff
Reichsinnenministep Severing
das Wort zu seinem Referat „Das Reich und die Polrzei der Länder". Er wolle, so erklärte der Minister, den Arbeiten der Länderkonferenz nicht vorgreifen, aber die Zusammenfassung aller polizeilichen Kräfte sei notwendig. Damit rede er jedoch nicht einer Zentralisierung das Wort. Wenn die Gewähr dafür gegeben wäre, daß es ohne gesetzliche Reuregelung ginge, wäre das das Wünschenswerteste. Beim Rot-Front-Derbot habe sich zum erstenmal ein einheitliches Dorgehcn dec Länderregierungen auf dem Polizeigebiet erzielen lassen. Das sei trotz des Zögerns einzelner Teile des Reiches verhältnismäßig rasch gegangen. Der Dolksstaat sehe sich heute festgefügten und gutgedrillten Gegenorganisationen gegenüber. Der Stahlhelm werde beim Volksbegehren nicht durchdringen, denn dazu habe er es zu oft angekündigt, aber um seine Leute bei der Stange zu halten, müsse er ihnen doch durch eine Aktion zeigen, wozu er da sei. Heute wage er es noch nicht: ober bei einem Anhalten der wirtschaftlichen Depression auf Jahre hinaus werde er den Boden für günstig ansehen. Ebenso, nur um einige Grade törichter, würden sich die Kommunisten verhalten. Wenn der „Feind", um .in der Redeweise der Staatsgegner zu sprechen, sich muckse, müsse die Macht und Autorität des Dolksstaates mobil sein. Dann aber dürfte es nicht mehr nötig sein, noch Konferenzen abhalten zu müssen. Es bleibe zwar noch immer der Artikel 48 der Reichsverfassung: ihn zu oft anzuwenden, bringe jedoch die Verfassung in Mißkredit und erwecke nicht den Eindruck eines Volks-, sondern eines Polizei- oder Diktatur st aates. Alle Maßnahmen mühten auf dem Boden des allgemeinen Rechts ohne Ausnahmegesetze möglich sein. Die beste Regelung seien Vereinbarungen, die mit den Ländern zu treffen wären, bevor die Krise da sei. Von der Polizei sei zu wünschen, daß sie sich stets als Volksinstitution fühle. Ein allzu scharfes Vorgehen könne weite Kreise unserer Volksgenossen vergrämen und sie mindestens stimmungsmähig auf die Seite der Staatsgegner drücken.
Oie weiteren Dorträge.
Anschließend gab Ministerialrat Dr. S i e g e r t (Darmstadt) eine Uebersicht über die Organisation der hessischen Polizei. Staatsminister Dr. D r e w s (Berlin) behandelte die Grenzen der polizeilichen Befugnisse unter besonderer Berücksichtigung der süddeutschen Verhältnisse und erhofft von dem Rerchsverwaltungsgericht eine Vereinheitlichung der Polizeiverordnungen und ihrer gesetzlichen Grundlagen.MinisterialdirektorKlau* sener (Berlin) schloß den Vormittag mit einem Vortrag über „Form und Geist der modernen Polizei." Am Rachmittag demonstrierte Regierungsrat Dr. Kayser (Darmstadt) im Hessischen Landestheater die feuer- und sicherheitspolizeilichen Maßnahmen an einem modernen Theater.
Der zweite Tag.
WSN. Darmstadt, 4.Juni. Die Polizeiwache wurde heute vormittag mit einem sehr interessanten Referat von
Oberregierungsrai Koch, Augsburg
über „Das moderne Verkehrswesen" fortgesetzt. Der Redner beschäftigte sich zunächst mit der Frage: Ist es notwendig, daß die heute einheitlichen Verkehrsvorschristen stark ergänzt werden? Er verneinte dies für das platte Land und hält lediglich Ergänzungen für Städte erforderlich. Am Schlüsse seiner Ausführungen verbreitete sich der Redner noch über die Unfallverhütung und die Lärmfrage, insbesondere auch die Hupenfrage im Straßenverkehr.
1. Hessische Polizeiwoche in Darmstadt.
WSR. Darmstadt, 3. Juni. Die vom 3. bis 8. Juni in Darmstadt stattfindende Hessische Pollzeiwoche wurde heute vormittag im Union-Theater eröffnet. Unter den 1200 Anwesenden bemerkte man u. a. Reichsinnenminister Severin g, den Staatspräsidenten Dr. Adelung, die hessischen Minister Leuschner, Kore ll und Kirnberger, den württembergi- schen Staatspräsidenten Dr. Bolz, die Staatsminister Dr. Drews (Berlin) und Steinbrecher (Braunschweig), den Regierungspräsidenten Ehrler (Wiesbaden), den Leiter der badischen Polizei, Ministerialrat Dr. Dark, den Landtagspräsidenten Delp. Oberbürgermeister Dr. Mueller (Darmstadt), die Polizeireferenten der hessischen Landtagsfraktionen und viele andere mehr.
Oberbürgermeister Or. Mueller
begrüßte im Ramen der Stadtverwaltung die Teilnehmer der Polizeiwoche in herzlichen Worten und unterstrich die Bedeutung der Polizei im heutigen Staat und die jetzige Einstellung des Publikums zur Polizei als einer Schuh» und Vertrauensstellung.
Der hessische
Innenminister Leuschner
begrüßte die Versammlung im Ramen der hessischen Regierung. Die erste hessische Polizeiwache sei ein Zeichen für die Bestrebungen, die hessische Polizei in der modernsten Weise zu schulen und zu organisieren. Ohne die Errungenschaften der modernen Technik, wie Kraftwagen, Lichtbild,
Fernsprecher, Funktelegraphie und ohne Kenntnisse der Wissenschaft sei eine moderne Polizei nicht mehr denkbar. Reben dem technischen Rüstzeug komme es auch auf den Geist in der Polizei an. Die Polizei im neuen Staat müsse eine Volkspolizei im wahrsten Sinne des Wortes sein. Als Vertreter des Staates habe gerade der Polizeibeamte im Volksstaat nicht Vorgesetzter, sondern Freund des Publikums zu sein. Die moderne Polizei brauche deshalb nicht nur gut ausgebildete Fachleute, sie brauche auch ebenso warmherzige Menschen, die ein Gefühl haben für die Röte der Bevölkerung. Sie brauche Beamte mit gefestigten Charakteren die allen Versuchungen widerstehen, sie brauche Menschen, die nicht allein die strafende, sondern vor allen Dingen auch die beratende und damit vorbeugende, fürsorgende und schützende Gewalt des Staates in allen Fällen würdig vertreten. Insgesamt: Der moderne Polizeibeamte müsse nicht nur etwas wissen — und es erwachse für ihn die gar nicht ernst genug zu nehmende Pflicht, von jeder Gelegenheit zur Aus- und Weiterbildung nachhaltigen Gebrauch zu machen —, der Polizeibeamte müsse auch etwas können, und er müsse auch Persönlichkeit sein. Rur wenn diese drei Voraussetzungen erfüllt feien, könne er sich später in einer vorgesetzten Stellung gegenüber den ihm unterstellten Beamten wirklich bewähren und halten.
Weiterhin dankte Minister Leuschner namentlich den Vertretern der Polizei der andern Länder, die sich als Lehrer und Referenten in den Dienst der Polizeiwoche gestellt haben, so-
Sie fährt mich.
Von Maxing.
Da fitze ich nun in einem alten Klapperkasten, einer Art stark eingesessener Badewanne, mit vier Rädern darunter und einem Motor vorne am Bug. Auf dem Führersitz vor dem großen Lenkrad etwas sehr Schmales mit kleinen, ab- fallenden Schultern, die gerade noch mit ein paar Strähnen blonden Haares und einem schwarzen Hütchen über die Rückenlehne hinaus- ragen. Das schmale Etwas nimmt den Zeigefinger, drückt auf ein Knöpfchen, und der Wagen klingelt mächtig, als rasselten ein paar alte Eisenglocken unablässig und immer schneller. Die Badewanne ruckt an. Ich schlage mit dem Kopf nach hinten auf das hochgeklappte Verdeck...
Ich kenne sonst keine Angst. Ich habe schon Riesenschlangen einfangen helfen (wenn auch nur in einem Zoologischen Garten), auf Elefanten habe ich gejagt (wenn auch nur auf einen kleinen ausgerissenen Zirkuselefanten). Aber jetzt! Das merkwürdige Auto, ein wahres Museumsstück, schleift über das Pflaster wie ein alterKavallerie- säbcl. An der Wegkreuzung steht ein Polizist... Er wird seinen Revolver nehmen und uns m die Hinterräder schießen, weil das Etwas zu schnell fährt, weil es an der £urtx> sämtliche Bäume umlegen wird. Aber er schießt nicht, er winkt gelassen...
Dum! Mitten in die Elektrische hinein. Die Leute an den Wagenfenstern machen ganz entsetzte Gesichter. Das Gelb der Tram schlißt nur entgegen wie eine Welle, die mich verschlingen will. Aber sie verschlingt mich nicht. Der bahnführer hat gar nichts gemerkt, die Fahrgäste haben gar keine entsetzten Gesichter gemacht, der Polizist hat alles in Ordnung gesundem Dafür werden die drei Radfahrer vor uns gleich erledigt fein ... Rein, dieser verfluchte alte Spirituskocher, das hätte ich ihm nie zugetraut, dah er so seine Eile dämpfen kann. Die Radfahrer liegen zur Seite und erzählen sich dabei noch Geschichten. Harmlos schwimmen sie wie kleine Silberfische durch das Aquarium der Straße nut seinen gefährlichen, vorwärtsschiehenden Hechten. Aber schließlich, mein Gott, die Straßen sind breit und neben der Fahrerin sitzt ein braver, biederer, sehr ruhiger Mann in blauer Schirmmütze, als hätte er sich zum Feierabend einen Stuhl vyr die Tür des Hauses gerückt, um sein Pfeifchen zu rauchen. Er wird schon aufpassen,
das nichts passiert. Er ist ja dazu da. Was? Er läßt sie in das alte Stadtviertel einbiegen? Wo die Gassen so eng sind, dah man mit einem einzigen Schritt von einem Bürgersteig zum anderen gehen kann, wo die gegenüberliegenden Häuser mit den Fenstern aufeinanderstohen, der gleichzeitige Durchmarsch von zwei dicken Männern Cinsturzkatastrophen nach sich ziehen muh? Und wie ruhig er dabei sitzt, als ginge ihn alles nichts an! Wahrhaftig, sie fährt, sie fährt in ihr Unglück. Gemüsekarren stehen herum, Dutzende von Hunden laufen über die Straße, Kinder spielen Reifen und Ball, im Abstand von fünf Metern unterhalten sich immer vier Frauen mitten auf dem Fahrweg, das Straßenpflaster wird auf» gerissen. Ich drücke den Hut tief in die Stirn und ziehe die Deine ein. Das nützt aber nichts. Die Knie stoßen an jeden Handwagen, die Augen sehen schon jeden Hund unter den Rädern, alle Dreckeimer, alle Pferdewagen fallen um. Die schrägen Dächer der alten Häuser stürzen auf mich zu. Immer habe ich die alten Städte geliebt, nun hasse ich sie. Breite, tiefe Straßen mühten hier fein, schön geteert, Häuser weit von der Straße abgerückt, niedrig, mit flachen Dächern, die nicht herunterfallen können, mit Vorgärten, in denen die Kinder und die Hunde spielen, weit ab vom Fahrdamm. Vier Autos mühten nebeneinander Platz haben. Ich ziehe meine Deine vor Angst immer weiter ein und habe das Gefühl, als ob gerade noch die Stiefeljpitzen herausguckten... Gott sei Dank, die Strahe führt zur Stadt hinaus. Rie habe ich im Leben den Wald mit einem solchen Jubelschrei begrüßt. Langsam, vorsichtig, strecken sich die Beine wieder aus wie die Fühlhörner einer Schnecke. Der Hals reckt sich, die Arme lösen sich, entspannt rolle ich in meinen Sitz. Wir fahren wie das Donnerwetter. Aber der ruhige, biedere Mann neben dem Führersitz ist ein Sadist. Er läßt umkehren. Denselben Weg zurück! Ich schliehe die Augen, verkrieche mich in den äußersten Winkel des Sitzes, so daß aus der Lederfalte nur noch mein angstvolles Auge hinausschaut. ...
Mitten in der Stadt, vor einem großen Cafe, werde ich mühsam aus der Spalte gezogen. Die junge Dame nimmt mich mit ins Cafö und bestellt sich seelenruhig einen Kaffee und viel Kuchen mit Schlagsahne. Ich kann mich noch nicht sehen, meine Haare flattern noch. Ein Dutzend davon ist sicherlich grau geworden. Die Fahrt ist mir auf Haare und Wagen geschlagen.--
Fahren Sie erst mal mit ihrer eigenen Tochter spazieren, die das Chauffieren heimlich, hinter Ihrem Rücken gelernt hat und plötzlich, eines schönen Tages, kurz vor dem Mittagsschlaf erklärt: „Komm mit, ich fahr dich."
1OOOOO Volt im Kabel.
Fortschritte in der Kabellechnil.
Don Or.Ing. Georg Ginner.
In der Elektrotechnik können wir die Tendenz beobachten, den elektrischen Strom, wo angängig, nur noch in geschlossenen Kabeln zu b.fördern. Noch vor einem Menschenalter gingen beispielsweise von den Telegraphen- und Telephonämtern in den deutschen Großstädten Hunderte von Drahtleitunyen über die Dächer und Straßen hinweg. Jetzt sind diese Freileitungen fast überall verschwunden. An ihre Stelle sind die Bleikabel getreten, die unterirdisch verlegt werden und jeweils eine große Anzahl von gegeneinander isolierten Drähten enthalten. Selbstverständlich sind die Kabel in der Herstellung und in der Verlegung teurer als offene Freileitungen auf den Telegraphenstangen. Wenn sich die Reichspost dennoch entschlossen hatte, ihr Telephonnetz zu verkabeln, so spielte hierbei die Betriebssicherheit eine große Rolle. Die vielen Störungen durch Sturm und Schnee fallen gänzlich fort und die Beeinflussung des Fernmeldebetriebes durch Hochspannungsleitungen und elektrische Züge, die mit der zunehmenden Elektrisierung des Landes sich auch immer mehr störend bemerkbar macht, sprach gleichfalls für die Verkabelung.
Auch für den Stark st rom wird man in Zukunft mehr noch als bisher statt offener Freileitungen Kabel verwenden. Es sind allerdings hierbei schwierige Aufgaben zu lösen, die der Hochspannungsstrom stellt. Doch darf Deutschland für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, auf diesem Gebiete besonders erfolgreiche Pionierarbeit geleistet zu haben. Schon vor 25 Jahren brachte das Kabelwerk Oberspree bei Berlin als erste Kabelfabrik der Well 10 000-Voltkabel auf den Markt. 1908 wurde in der Umgebung von Berlin auf 200 Kilometer Länge ein 30 000-Doltkabel verlegt, das noch heute in Betrieb ist, und zur Zeit wird sogar ein 100 000- Doltkabel von der AEG. hergestellt, das auch bei Berlin in Betrieb kommen soll. Ja noch höhere Spannungen versucht man im Kabelbetrieb zu bewältigen. Es sind nicht nur elektrotechnische, sondern auch fabrikatorische Schwierigkellen dabei zu
bemeistern, die sich u. a. aus dem hohen Gewicht der Kabel ergeben, wiegt doch beispielsweise ein Kilometer eines 100 000-Voltkabels 45 Tonnen!
Die Fabrikation dieser Starkstromkabel ist in dem Kabelwerk Oberspree, der größten deutschen Kabelfabrik, jetzt vollständig auf fließende Fertigung umgestellt. Schon die Kupferdrähte, die aus Kupferbarren in Walzenstraßen erzeugt werden, bedürfen bei den verschiedenen Arbeitsgängen des Menschen nur noch zur Ueberwachung: die Fabrikation selbst geht fast völlig selbsttätig vor sich. Wenn trotzdem das Kabelwerk Oberspree, das außer Starkstromkabel noch Fernsprechkabel, isolierte Leitungen, in einem Metallwerk Preß- und Gußteile aus Messing und Leichtmetallen und schließlich Gummiisolierungen herstellt, 7000 bis 8000 Arbeiter und Angestellte beschäftigt, so ergibt sich hieraus die Größe des Betriebes: etwa 40 000 Tonnen Kupfer werden hier jährlich verarbeitet.
Sieben Arbeitsgänge sind für die Herstellung von Starkstromkabeln erforderlich. Zuerst werden die einzelnen auf Spulen aufgewickelten Kupferdrähte je nach dem erforderlichen Querschnitt des Leiters in größerer Anzahl auf einer Litzen» maschine zu biegsamen Leitern zusammengedreht, verseilt. Dann müssen diese Leiter durch Umwickeln mit Papierbändern isoliert werden. Gegebenenfalls wird noch eine Aluminiumfolie darumgelegt. Papierspinnmaschinen besorgen diese Arbeit. Nun folgt eine Vereinigung der so fertiggestellten Adern zum Mehrfachkabel auf der Verseilmaschine: die Drehstromkabel besitzen drei Adern. Der nächste, besonders wichtige Arbeitsgang ist ein Trockenprozeß: in Trockenschränken wird das im Jsolierpapier der Kabel enthaltene Wasser restlos entfernt. Darauf werden die Kabel bei hoher Temperatur im Vakuum mit Del und Harzen imprägniert. Zum Schutz gegen Bodenfeuchtigkeit dient der Bleimantel, der bann auf Bleipressen nahtlos um das Kabel herumgelegt wird, während Lagen von Jute und Eisenband, sowie ein Anstrich danach dafür sorgen, daß auch beim Transport und beim Verlegen keine mechanischen Beschädigungen dem Kabel gefährlich werden können. Daß eine sorgfältige Prüfung und Ueberwachung des Kabels sowohl bei der Herstellung wie zum Schluß zur Feststellung der elektrischen Eigenschaften vorgenommen wird, versteht sich von selbst. Die Prüfspannung beträgt dabei ein Mehrfaches der später vorkommenden Betriebsspannung.
So stellt die Kabelherstellung einen komplizierten aber auch erfolgreichen Zweig der deutschen elektrotechnischen Industrie dar, auf dem deutsche Ingenieure besondere Leistungen vollbringen konnten.


