spielt also wiederum keinen anderen als sich selbst.
Es ist keine Frage, dah er dieses ganz Vorzug- lich macht. Er hat, wie es in einem Zwischentitel dieses Films einmal heiht, wirklich die „Tränen in der Kehle", wenn er Jazz singt, und er scheut sich nicht, diese Tränen zu zeigen und fliehen zu lassen. Er hat den echtamerikanischen hundertprozentigen Mut zur Sentimentalität, zur Ergriffenheit, zu ungehemmten Lhr'.smen. Er ist in alledem mit ganzer Seele dabei, darum fasziniert er; er ist gewiß sehr oft sehr weichlich und rührselig, aber er ist es niemals — wie unsere Darsteller oft — mit bösem Gewissen, sondern mit voller Ueberzeugung, und darum überzeugt er. Darum weint das Publikum, darum werden die Taschentücher in unheimlicher Weise benutzt, darum schwimmt das ganze Parkett in ergriffener Rührung. Zugegeben, daß diese Art der Wirkung sehr peinlich an „Alt- Heidelberg" erinnert: es wird doch wenigstens eine Art Von Effekt erzeugt, und während wir bei allen deutschen Tonfilmen sehr kritisch und kühl bleiben, geht bei diesem vier Zähre alten amerikanischen Tonfilm das gesamte Publikum energisch mit. Das ist AI Zolsons Verdienst. Seine Persönlichkeit überwindet alle Primitivität dieser nun überholten Tonfilmtechnik.
Freilich, sie ist überholt und auch von den deutschen Tonfilmen schon ästhetisch überwunden. Wir haben hier noch den Ursprung allen ton- silmischen Anfangs: synchronisierte Musik, sehr sparsamen und zaghaften Dialog und die Gesangseinlagen. Zeder Anlaß wird benutzt, um Zolson fingen zu lassen. Er singt (wie im „Singing fool“) vor dem Mädchen seines Herzens, die also auf chn aufmerksam wird; er singt auf der Generalprobe, er trägt feiner alten Mutter seine Schlager vor, er singt in der Synagoge, reumütig in das väterliche Haus zurückgekehrt, am Versöhnungstage Kol Ridrei und er singt am Schluß, in der inzwischen weltberühmt gewordenen Riggermaske mit den weihen Handschuhen, den Song an mamy, an seine alte Mutter, die unten im Parkett sitzt und weinend und gerührt zu dem berühmten Sohne aufblickt. 3a, es wird in diesem Film sehr viel geweint, auch auf der Leinwand, und wir wollen hoffen, daß der deutsche Tonfilm, der jetzt eben erst seine ersten Schritte beginnt, nicht in diese tränenreiche Atmosphäre abgleite. Aber toeim der Zazzsänger sich in dieser Szene vor der Rampe niederkniet und zu mamy hinabsingt, wenn die Rührung in seiner Stimme tremoliert, dann ist der Widerhall im Publikum da, hundertprozentige Ergriffenheit, die von einem Menschen ausgeht, dem in diesem Moment die Hellen Tränen über die schwarze Schminke laufen, der ehrlich und herzlich selbst ergriffen und gerührt ist. A.
Aus der proviozialhauptstadt.
Gießen, den 4. Dezember 1929.
Oie Provinzialtagswahl.
Wie der Provinzialwahlkommissar für die Provinzialtagswahl im neuesten Amtsverkündigungsblatt vom 3. Dezember bekannt gibt, sind nach der amtlichen Feststellung des Ergeb- riisses der Provinzialtagswahl vom 17. Rovember 1 9 2 9 folgende Stimmen- zahlen für die einzelnen Wahlvorschlage ermittelt worden: Sozialdemokratie 41 239, Kommunisten 4848, Zentrum 5933, Evangelische Volksgemeinschaft (Christlicher Volksdienst) 3381, Rationalsozialisten 5594, Volksrechtpartei 812, Hessischer Landbund: Kreis Gießen 9590, Kreis Friedberg 6706, Kreis Büdingen 4474, KreiL Schotten 4770, Kreis Alsfeld 4277, Kreis Lauterbach 2913, Deutsche Demokratische Partei 4896, Deutsche Volkspartei: Kreis Gießen 3810, Kreise Büdingen und Friedberg 2892, Kreise Alsfeld Lauterbach und Schotten 3337, Deutschnationale Volkspartei 3181, Mittelstandsvereinigung (Wirt- fchaftspartei) 4639. Hinsichtlich der Mandatsverteilung hat sich durch die amtliche Feststellung gegenüber dec von uns am 19. Rovember berichteten vorläufigen Mandatsermittelung nichts geändert.
Genoffenschaflskursus an der Landesuniversität Gießen.
Rach der von dem Landwirtschaftlichen Zn- stitut der Universität sowie den Genossenschaftsverbänden Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden ergangenen Einladung wird der vor einigen Tagen angekündigte Genossenschaftskursus am Donnerstag, 5. Dezember, vormittags 8.30 Uhr, durch eine Begrüßungsansprache Sr. Magnifizenz des Rektors der Universität, Prof. Dr. Brüggemann, und den Direktor des Landwirtschaftlichen Znstituts, Prof. Dr. S e s s o u s, eröffnet Es folgen am gleichen Tag Vorträge von Prof. Dr. Günther über „Die Persönlichkeit im Genossenschaftswesen", von Oberfinanzrat Prof. Dr. Hillringhaus (Berlin) über „Genossenschaftliches Wollen und Wirken in Vergangenheit und Gegenwart", von Prof. Dr. Ä lebe r g e r über „Reue Dünge- und Futtermittel", und von Diplomlandwirt Haack (Frankfurt a. M.) über „Der derzeitige Stand der genossenschaftlichen Diehverwertung unter besonderer Berücksichtigung des Frankfurter Schlacht- Viehmarktes". Am Freitag, 6. Dezember, werden Referate erstattet von Prof. Dr. K r a e - met über „Das Genossenschaftswesen in der Tierzucht", von Direktor Schmidt (Berlin) über „Die künftige Absatzorganisation der deutschen Landwirtschaft", von Prof. Dr. M o m b e r t über „Kapitalbedarf und Kapitalbildung in Deutschland", und von Direktor Liebmann (Frankfurt a. M.- über „Die Bedeutung der Konsumvereine für den Absatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse". Am Schtußtage, Samstag, 7. De- zember, sprechen Prof. Dr. S e s s o u S über „Die Begutachtung landwirtschaftlicher Sämereien", Oberfinanzrat Prof. Dr. Hillringhaus (Berlin) über „Die Rationalisierung im ländlichen Genossenschaftswesen". und Derbandsdireltor B e r g (Darmstadt) über „Anpassung der landwirtschaftlichen Genossenschaften an die Erfordernisse der Zeit". An den Rachmittagen des 5. und 6. Dezember finden Demonstrationen im Agrikul- turchemischen Institut sowie Besichtigungen des Landwirtschaftlichen Instituts und der Hess. Hauptstelle für Pflanzenschutz sowie der Veterinärmedizinischen Institute und der Tierkliniken statt. Außerdem kann das Gießener Lagerhaus der Raifseisenhauptgenossenschaft sowie die Molkereigenossenschaft Ostheim—Rieder-Weisel und die Vereinsbank Butzbach von den Teilnehmern besucht werden.
Deutschland und Oesterreich.
Ein intereffanter Dortrag in Gießen.
Auf Einladung der Gießener Studentenschaft, der Akademischen Ortsgruppe des V. D. A. und der Vereinigung auslanddeutscher Studierender sprach gestern abenb vor einer zahlreich besuchten Versammlung in der Reuen Aula der Universität der Ministerialrat a. D. Dr. Kleinwächter aus Klagenfurt übet das Thema „Deutsch-Oesterreichs Gefahrenlage und Derfassungskrise". In seinem etwa einstündigem Vorfrage wies der Redner einleitend darauf hin, daß die Frage des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland nicht etwa den Erwägungen der Rot entstamme, sondern eine sehr wichtige Angelegenheit der 6,5 Millionen Deutschen sei, die jetzt in Oesterreich wohnen und zum deutschen Mutterlande strebten. Zwar sei die Gefahr nicht dringlich, abec wenn diese 6.5 Millionen Deutschen nicht heimfänden zum Mutterlande, dann bestünde die gefahrdrohende Lage, daß sie dem Deutschtum überhaupt Derlorengtngen, da sie sich dann schließlich als österreichische Ration fühlen würden. Aus diesen Erwägungen heraus sei die Frage des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland einfach eine gesamtdeutsche Angelegenheit. Der Redner besprach hierauf eingehend die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, unter denen Oesterreich zur Zeit zu leiden hat und die namentlich ihren Ausgang darin haben, daß Deutsch-Oesterreich durch den Friedensvertrag sein wirtschaftliches Absatzgebiet (Tschechoslowakei, Galizien, Ungarn, Kroatien ufw.) verloren habe und außerdem mit seinem Bahnnetz völlig in der Abhängigkeit von den neugeschaffenen Staatsgebilden stehe. Dazu kämen noch die innerpolitischen Schwierigkeiten, die sogar zu einem Parteikampf geführt hätten, bei dem der Bestand des Staates überhaupt in Frage gestellt worden sei. Diese inner politische Entwickelung, die ihre Hauptursache in der künstlichen Staatskonstruktion habe, sei neuerdings erfreulicherweise durch Verständigungsbereitschaft auf
allen Seiten zum Besseren gewendet worden, und dies finde seinen Ausdruck in der Der- fassungsreform, die wenigstens die schlimmsten Rachtelle des bisherigen Staatsaufbaues beseitige. Mit ernster Besorgnis sprach der Redner dann von der außerordentlich unbefriedigenden außenpolitisc^n Lage Oesterreichs, die bedrohlicher sei, als die meisten ahnten. Besonders beklagte der Vortragende, dah vor dem jetzigen österreichischen Staate jeder Respekt fehle, daß die meisten anderen Staaten des Glaubens seien, sie könnten sich mit Oesterreich einfach alles erlauben. Eingehend erörterte der Vortragende in diesem Zusammenhang den schweren Druck, den die Tschechoslowakei, die Ungarn, die Südslawen und die Italiener auf die Grenzen Oesterreichs ausüben. Die Tscheche! sei dabei von ihrem starken Drange nach den Donau geleitet, die Ungarn trachteten nach dem Burgenland, und von den Südslawen und den Italienern drohe die große Gefahr, daß sie ihre nationalen Gegensätze schließlich einmal durch Waffengewalt austragen und sich dazu, in Ermangelung eigener günstiger Kampfgebiete, den südlichen Teil Oesterreichs nach Durchbrechung der österreichischen Grenzen als Schauplatz des Ringens erwählen würden. Unter diesem Gesichtswinkel, bei dem es sich durchaus nicht um eine Utopie handele, sondern um eine nüchterne Betrachtung der Lage, müsse man sagen, dah deutscher Boden auf dem Spiele stehe, denn die Grenze dort unten sei eine deutsche Grenze, bei deren Beseitigung deutsches Volk und deutscher Boden verlorenginge. Es handele sich hier also um eine Frage des Gesamt-Deutschtums von außerordentlicher Große und Bedeutung, die nur durch die Vereinigung Oesterreichs mit Deutschland in gutem Sinne für das Deutschtum gelöst werden lönne. Der Vortrag, der in mancherlei Hinsicht neue Gesichtspunkte zur Betrachtung der Anschluhsrage gab, fand den lebhaften Beifall der Zuhörer.
Die Vorträge finden diesmal mit Rücksicht auf die außerordentlich starke Beteiligung in der Großen Aula der Universität statt.
Blattfleckiger Spinat.
In der gestrigen Ausgabe unserer „Scholle" war dieser Artikel, auf den im Fragekasten der „Scholle" bei Beantwortung einer Anfrage besonders hinge- wiesen war, infolge eines Versehens nicht enthalten. Da diese Angelegenheit große aktuelle Bedeutung hat, geben wir dem Artikel an dieser Stelle Raum. D. Red. Wenn die Blätter des Spinats braune Necken bekommen, die sich etwas nach oben wölben und auf der Unterseite einen grauen oder braunen Schimmel erkennen lassen, haben wir den falschen Meltau dieser Gemüseart vor uns. Die Krankheit breitet sich außergewöhnlich schnell aus, befällt die Rachbarbeete und bringt die Blätter in kurzer Zeit zum Absterben. Die Ernte gilt als verloren. Obgleich wir in der Kupferkalkbrühe ein wirksames Belämpfungsmlltel besitzen, lohnt sich dessen Anwendung nicht, well alles, was etwa noch gerettet werden könnte, von der giftigen Brühe verschmutzt wird. Man gräbt darum die befallenen und angesteckten Saaten kurzerhand tief um. kalkt und sät im nächsten Iahr Spinat nicht an die gleiche Stelle oder in deren Rähe. Die Dauersporen überwintern nämlich und bleiben im Boden noch ein Iahr lang lebensfähig. Verbreitet wird die Krankheit hauptsächlich von wilden Melden undGänse- suharten. Diese Unkräuter soll man darum im ©arten nicht aufkommen lassen. R.-G. Gemeindcabcnd der MMusgemeinde. Die Gestaltung von Gemeindeabenden ist immer eine schwierige Sache. Zu viele Interessen und Bedürfnisse sind zu berücksichtigen. Fast keine Möglichkeit bietet sich, allen Schichten einer großen Gemeinde gerecht zu werden. Und doch muh der Versuch gewagt werden, aus einer Einheit heraus ein Programm zu gestalten: ein Programm, das nicht das übliche Vielerlei und typisch Dereinsmäßige hat, sondern Stil, Gesinnung und Charakter zeigt. Das ist der Vorzug der gut aufgezogenen Matthäusgemeinde- a b e n ö c, dah sie aus einem großen Gedanken heraus gestaltet sind, dah sie volksbildend, mehr noch volk-bildend wirken wollen.
Der Abend stand unter dem Gedanken der Dolkserneuerung: ein Leitgedanke, gegeben durch das heldische Spiel „Deowulf" von Otto Bruder. Der Verfasser gehört zu den Iüngeren unter den Modernen, kraftvoll in seiner Lyrik und seinen Keinen Geschichten, bekannt hauptsächlich in den Kreisen der Zugendbewegung. Was das Spiel „Deowulf" besonders geeignet macht, volkbildend zu wirken, ist, dah es ein chorisches Spiel ist. Gruppen von Menschen, junge Menschen auf die Bühne stellt, die Bekennende sind und sich in Schuld und Schicksal miteinander verbunden wissen. Von der Freiheit des Volkes handelt das Spiel. Das Volk erliegt einem Werwolf, hilflos und ohnmächtig. Ermüdung, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung ergreift das Volk. Kein Mut zum Aufraffen. Die Iungmannschaft, die dem Ungeheuer entgegentritt, verfällt ihm immer wieder aufs neue. Rur ein reiner Knabe, makellos, dem alles Entwürdigende fremd ist, kann den Bann, der auf dem Volke liegt, brechen. Deowulf bezwingt den Dämon. Er beschämt die Iungmannen des Volkes, denen ihr Leben lieber war als die Freiheit des Volkes. Er erweckt der Schlafenden Ehrgefühl, erweckt ihren gebundenen Freiheitswillen zur Tat. „Modern muß das Gewaltigste, wenn Reinheit nicht und Treue nicht mehr ist und Wachsamkeit." Das Spiel fand eine sehr interessierte Gemeinde. Die Begeiste- rung, mit der die Spielschar der Zugendvereinigung der Matthäusgemeinde das Spiel spielte, die Ergriffenheit, aus der heraus alles kam, der große Gedanke des Spiels machte einen tiefen Eindruck. Mit Recht hatte sich die Spielschar jeden Deifall verbeten; sie wollte nicht Theater spielen, sondern sie wollte ein Dekenntnis ablegen.
Der Abend wurde eingeleitet durch Händels Sonate 0-Moll für zwei Violinen und Klavier, gespielt von Musiklehrer Franz Dauer jun. und Studienassessor K n a u h (Violine), Frau E. Fischer (Klavier). Die Künstler spielten noch das Andante aus dem Conzertante von Mozart und das Allegro auS dem Konzert A-Moll von Divaldi. Händels Sonate gehört zu den wert
vollsten Sonaten des Künstlers, kein theoretisches, nüchternes Stück, sondern von jugendfrischem Gci't, kristallklar und hindergründig im Ausdruck, das noch heute zum Herzen spricht. Das Andante von Mozart ist ein edler Mozart, ein Stück von silberzartem Klang, das mit den ersten Takten fesselte und nicht mehr losließ. Die Einstellung der Spieler war vollkommen. Temperamentvoll und lebendig kam das Allegro von Divaldi heraus. Ein erfreuliches Musizieren der drei Musiker; sie spielten mit überlegener Hingabe und mit vollem Gelingen. Frl. Z. S t a m m l e r sang mit warmer, beseelter Stimme, technisch fauber und gut, eine Arie von Händel. Sehr gut lag ihr Gumberts „Kein Hälmlein wächst auf Erden". Die Begrüßungsrede hielt der Vorsitzende der Männer- und Frauenvereinigung, Berufsschullehrer W e h r h e i m. Die Ansprach« hielt der Gemeindepfarrer, Pfarrer Mahr, der aufrief, dem Evangelium, dem Willen zur Wahrheit und zum Recht unerschrocken im öffentlichen Leben wider alle Parteidogmen und wirtschaftlichen Gebundenheiten Geltung zu verschaffen. Wir brauchen mehr Sauberkeit, mehr Reinlichkeitsgefühl im öffentlichen Leben: den Geist des Adventskönigs, in dessen Zeichen der Abend stand.
Der Saal des Caf6 Leib und seine Emporen waren voll besetzt, ein Zeichen, wie diese Gemeindeabende einem lebhaften Bedürfnis der großen Matthäusgemeinde entsprechen.
*
** Aufgehobene Straßensperre. Die. Sperre auf der Provinzialstraßenstrecke Bahnhof Großen-Linden bis Leihgestern ist wieder aufgehoben.
** 2) i e n ft j u b i I ä u m. Vor einigen Tagen konnte der beim Bezirkszollkominissariat Gießen beschäftigte Zollsekretär Hch. Haberkorn auf eine 40jährige Tätigkeit im Reichsdienst zurückblicken. Aus diesem Anlässe versammelten sich die Beamten der Dienststelle beim Bezirkszollkommissar, um dem Jubilar ihre Glückwünsche darzubringen. Der Vorsteher des Hauptzollamts, Zollrat Horn, händigte dem verdienten Beamten ein Glückwunschschreiben des Herrn Reichspräsidenten aus und übermittelte ihm gleichzeitig die Glückwünsche des Landesfinanzamts Darmstadt. Für die Beamten des Bezirkszollkom- missariats sprach Bezirkszollkommissar Eckhardt, der dem Jubilar ein von den Beamten und Angestellten des Hauptzollamts gestiftetes Andenken überreichte. Der Gefeierte sprach dann für die Ehrung feinen Dank aus.
Allgem. Deutscher Frauenverein, Ortsgruppe Gießen. Man berichtet uns: Am 2. Dezember eröffnete Frau Dr. Selb die Sitzung des Allgern. Deutschen Frauenvereins mit einem Hinweis auf die soeben unter der Leitung von Frau Elisabeth Koeppe eingerichtete Hausfrauenberatungsstelle, die dem Verein angegliedert ist. Die Beratungsstelle wird Dienstags und Freitags Sprechstunden im „Prinz Karl" abhalten. Um besonders den Bedürfnissen der Weihnachtszeit entgegenzukommen, wird am nächsten Montag im „Prinz Karl" eine öffentliche Versammlung stattfinden, in der Frau K o e p p e über die Selbstherstellung von nützlichen Geschenken, hauptsächlich von Kinderspielzeug, sprechen wird. — Sodann ergriff Schwester Lotte Eichmeyer das Wort. Sie erzählte von ihren Erfahrungen und ihrer Tätigkeit in der Fürsorge auf dem Lande. Co dankenswert diese Arbeit ist, so große Anforderungen stellt sie an die Schwestern. Da sind vor allem die unbequemen Verkehrsmittel, die eine richtige Einteilung der Arbeitszeit sehr erschweren, da ist der Kampf mit alteingewurzelten Dorurtellen und mit der Unwissenheit, namentlich auf gesundheitlichem Gebiet. Deshalb ist z. B. eine der wichtigsten Aufgaben der fürsorgerischen Tätigkeit der Kampf gegen die Tuberkulose auch eine der schwierigsten. Schwester Lotte schilderte ihre Arbeit auf diesem und auf anderen Gebieten, wie Krüppelfürsorge, Fürsorge für Alkoholkranke, Kontrolle über die unehelichen Kinder, Ueber- führung gefährdeter Kinder in Fürsorgeerziehung und ihre Tätigkeit als Helferin des Schularztes. Reben diesen Obliegenheiten werden der Fürsorgeschwester noch eine Unmenge von anderen Kenntnissen und Fähigkeiten sollens der Bevölkerung zugemutet. Die Einrichtung der Fürsorgetätigkeit ist noch so jung, daß man den Schwestern vielfach mll Mißtrauen entgegenkommt und ihre Arbeit als Eingriff in die persönliche Freiheit der Familie empfindet. Doch haben die
Fürsorgerinnen in der Zell ihrer Tätigkell trotz aller Hindernisse soviel Gutes gewirkt, daß wir ihnen aufrichtige Dankbarkeit schulden. Diesem Empfinden gab Frau Prof. Vigen er im Ra« men der Zuhörerinnen herzlichen Ausdruck.
** Der „Napoleonsstock" bei Oberkleen. Aus unserem Leserkreise ging uns folgend« Anfrage zu: „Die Landstraße von Oberkleen nach Oberwetz im Kreise Wetzlar führt über einen Höhenrücken, oer auf der Karte als „Napoleonsstock" bezeichnet wird. Auf dem höchsten Punkt der Straß« befindet sich ein viereckiger Pfahl, auf dem der Kaiser Napoleon I. mit einem Stock in der Hand abgebildet ist. Wie der Berg zu dem Namen „Napoleonsstock" kommt und was für eine Bewandtnis er überhaupt hiermit hat, konnten wir trotz vielerlei Nachfragen bis jetzt nicht ermitteln. Vielleicht tarnt uns der „Gießener Anzeiger" Auskunft hierüber zeben? Wir haben diese Anfrage an Herrn Pro- essor Dr. G l o e l (Wetzlar) oym Wetzlarer Ge- chichtsoerein mit der Bitte um Auskunft weiter- ;ereicht, der uns, gestützt zum Teil auf Angaben des rüheren Oberkleener Pfarrers Hartmann, folgendes mitteilt: „Man sucht den Namen „Napo- leonsstock", oder „Napoleon", wie der Berg zwischen Oberkleen und Oberwetz gewöhnlich genannt wird, dadurch zu erklären, daß Napoleon I. hier mit feinen Truppen nach der Schlacht bei Leipzig durchmarschiert sei. In der Tat zog er aber über Hanau und Frankfurt nach Mainz. Früher führte auch über den Berg ein so schlechter Weg, daß er von Truppen zu Durchzügen nicht hätte benutzt werden können. Erst vor einigen Jahrzehnten ist die Straße zu einer Chaussee ausgebaut worden. An der Stelle, wo auf der Höhe der Weg nach Oberwetz abbiegt, wurde auf einem alten Wegweiser eine kleine Figur Napoleons I. in primitiver Weise aufgemalt. Dies wird wohl erst nach 1870 geschehen fein. Seitdem entstand im Volksmunde für Den Pfahl und für den ganzen Berg der Name „Napoleonsstock" oder „Am Napoleon". Herr Pfarrer Hartmann meint, di» Figur sei das Werk eines Mannes, der dadurch feine Freude über die Schlacht bei Sedan und die Ge» fangennahme Napoleons III. habe ausdrücken wollen. Das will ich dahingestellt fein lasten."
•* Elternabend der Oberrealschule. Man berichtet uns: Der Elternabend, der am Sonntag in der Oberrealfchule stattsand, stand unter dem Zeichen Mozarts. Ein glücklichen Gedanke in mehrfacher Hinsicht! Mit welch rüfc-i render Fürsorge hat doch der religiöse und pflichttreue Vater Leopold die Entwicklung feines! Sohnes Wolfgang geleitet! Väterliche Liebe und Strenge sprechen aus den Briesen, die der hochbegabte Sohn mit dankbarer Verehrung beantwortet hat. Eindringlich mahnt der nüchterne, erfahrene Erzieher seinen optimistischen, vertrauensseligen, empfindsamen Schützling zu« Vorsicht, Klugheit und Willenskraft. Ein schönes! Vorbild väterlicher Sorge! Und andererseits bie frische, gesunde, in unerschöpfliche Melodie sich ergießende Musik Wolfgangs, in der der Zauber! des Minnesangs wieder auflebte! Diese Musik, die so genial und oft von bestrickendem Reiz und überraschender Einfachheit ist, kann die Zugend verstehen, an ihr erhebt und erfreut sie sich. Der Ansprache Z. Spiers, in der Mozarts Werdegang mit Sorgfalt und Geschick dargelegt wurde, ging der Türkische Marsch voraus, dessen scharfer Rhythmus gut zur Geltung kam. Das melodische Andante aus dem Violinkonzert in D-Sur fand durch Karl Rabenau einen treffenden Interpreten und das Trio in 0-Dur für Violine, Cello und Klavier war ein erlesener Genuß des Abends. Den Schluß des ersten Teils bildete das reizende, im anmutigen Rokokostil gehaltene lls-Dur-Menuett. Der zweite Teil des Programms vermittelte ansprechende mehrstimmige Gesänge und u. a. das alle kleinen und großen Kinder herzlich belustigende Kasperletheater. Diese Stunden in der Oberrealfchule, die Schüler, Lehrer und Eltern miteinander vereinigten, find eine wertvolle Bestärkung deS gegenseitigen Vertrauens, ohne das eine wirksame Arbeit in Erziehung und Unterricht nicht geleistet werden kann. Auch dieser künstlerisch und unterhaltend wohlgelungene Elternabend möge bald seine Fortsetzung finden, und da« pädagogisch nützliche Schülerorchester bleibe rüstig an der Arbeit unter der hingebenden verständnisvollen Leitung des Herrn Dr. Hillenbrandl
*• „Vom kommenden Christentum". Man berichtet uns: Den dritten Vortrag der von der Bewegung für religiöse Erneuerung angekündigten Vorträge hielt Gertrud Spoerri, Stuttgart, über das Thema: „Geburt und Tod in der Anschauung kommenden Christentum-". Die Rednerin sprach mit großer Anschaulichkeit und aus einer lebendigen Erfahrung heraus. Sie zeigte, wie man in den Erlebnissen, die man an manchem Totenbett oder unmittelbar vor und nach dem Tode einer nahestehenden Persönlichkeit haben kann, abzulesen vermag, wa- da- vom Leib befreite geistige Wesen des betreffenden Menschen im Tode durchmachen muh. In einet finnerfüllten Weife werden diese Ereignisse begleitet von den Taten des christlichen Sterbesakramentes, des christlichen Begräbnisses ur6 der Erinnerung an den Verstorbenen. An den Ereignissen der Geburt eines Kindes wußte die Rednerin zu schildern, wie eben nicht bloß ein neuer Menschen leib geboren wird, sondern wie in diesen Menschenleib ein selbständiges Geist« wesen einzieht. Dies wird anerkannt und wird die Grundlage für ein Verständnis der christlichen Taufe, welche über dem Kinde den Eigennamen ausspricht und welche das Kind in die Gegenwart Christi hineinstellt. Den zweiten Teil des Vortrags bildeten Ausführungen, wie nun der Mensch zwischen Geburt und Tod sich dieses, fein geistiges Eigenwesen, das der Ewigkeit angehört, bewahren kann vor den Verstrickungen einer einseitig wirkenden Leiblichkeit, aber auch eines übertrieben einseitig wirkenden Geistes. Cs wurde deutlich, wie erst der Mensch, der in sich die Verirrungen von Hochmut und Minderwertigkeitsgefühl zu überwinden vermag, auch das rechte Gleichgewicht findet und zum Mittler wird zwischen Geist und Ratur. Damit wurde in diesem dritten Vortrag in helfender Weise auf die zentrale Bedeutung des christlichen Abendmahles hingewiesen, das von diesem Drin« nenstehen zwischen Geist und Ratur aus neu verstanden werden kann. Die in sich geschlossene und so sympathisch wirkende Persönlichkeit der Rednerin verstärkte in hohem Maße den Eindruck, der schon von dem Inhalt ihrer Ausführungen ausging.
Aus dem Amlsverlündigungsblait.
• Das Amtsverkündigungsblatt Rr. 8 8 vom 3. Dezember enthält: Straßensperre-Aufhebung. — Provinziallagswahl 1929.
1 — Dienstnachrichten.


