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sch en Botschafter S th amer folgendes Schrei­ben gerichtet:

Der König, der sich in Sandringham befindet, wünscht, daß ich Euer Exzellenz sein Beileid zu dem großen durch den Tod Dr. Stresemanns erlittenen Verlust ausspreche, den Seine Ma­jestät als einen Verlust nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa be­trachtet. Der König erinnert sich gern seines Zusammentreffens mit Dr. Stresemann, als dieser zuletzt in London war. und hat die Trauerkunde mit einem Gefühl aufrich­tigen Bedauerns erhalten, das, wie er weih, vom englischen Volk geteilt werden wird."

Das Beileid Rußlands.

Der Schöpfer des Berliner Vertrags

M o s k a u, 3. Okt. (WB.) Der Chef des P r o to- ko l l s des Volkskommissariats des Auswärtigen sprach dem deutschen Botschafter von Dircksen das Beileid des Kollegiums des Außenkommis­sariats anläßlich des Ablebens des Reichsmini­sters Dr. Stresemann aus.

Der Volkskommissar des Auswärtigen Tschi­tscherin, der zur Zeit in Wiesbaden zur Kur weilt, hat an den Reichskanzler folgen­des Telegramm gerichtet:

Tief betroffen durch die erschütternde Nach­richt von dem plötzlichen Abgang des glänzen­den Staatsmannes, welcher der deutsche Außen­minister, der Schöpfer des Berliner Vertrages, war, spreche ich dem Führer der befreundeten deutschen Regierung mein tief emp­fundenes Beileid anläßlich des großen Verlustes aus, der auch für uns ein schmerzlicher Schlag ist angesichts der hohen Bedeutung der Tätigkeit des hochgeschätzten Staatsmannes, der über die Festigung der Beziehungen unserer Länder stets sorgfältig wachte. Rach unserer viel­jährigen. auf Friedenszwecke gerichteten Zusam­menarbeit ist Dr. Stresemanns Ableben für mich persönlich ein erschütternder Verlust.

(gez.) T s ch i t s ch e r i n.

Das Beileidstelegramm Litwinows an Reichs­kanzler Müller lautet:

Tief erschüttert von der Nachricht des plötz­lichen Ablebens des Reichsaußenministers Strese­mann bitte ich, das Beileid der Regie­rung der Sowjetunion und des Zentral­exekutivkomitees entgegenzunehmen. Die Tätig­keit des Hingeschiedenen war von außerordentlich großer Bedeutung für die freundschaftlichen Be­ziehungen zwischen der Sowjetunion und Deutschland.

Primo de Rivera zum Tode Stresemanns.

Paris, 4. Okt. (WTB. Funkspruch.) Wie Havos aus Sevilla meldet, hat General Primo de Rivera erklärt, daß er mehrere Beileidstelegramme anläßlich des Todes des deutschen Reichsaußenministers nach Deutschland gesandt habe. Dr. Stresemann, so erklärte Primo de Rivera, stellte in der europäischen Politik durch sein Ansehen und seine Klugheit das Gleichgewicht her. Als Stresemann sich in Madrid befand, hatte ich Gelegenheit; seinen heiklen Gesundheitszustand zu bemer­ken, und ich lud chn ein, einige Zeit zur Er­holung im Escorial zu verbringen Frau Stresemann unterstützte diese Anregung, aber Dr. Stresemann selbst weigerte sich, sie an­zunehmen und machte geltend, er müsse derEr - füllung seiner Pflicht seine Gesund­heit opfern.

Deutschnationale Mtterstimmeli

DerPolUifcheGegneramSargeStrcfemanns

Berlin, 4. Okt. (Wolff.) DieKreuz- zeitung" schreibt: Zeder, auch der politische Gegner, wird anerkennen, daß der verstorbene Reichsaußenminister eine seltene Energie bewiesen hat. um seine politischen Ziele zu ver­folgen. Er kannte dabei keine Rücksichten gegen seine eigene Person und hielt auf seinem Posten trotz seiner schon jahrelangen schweren Erkrankung durch. Seine Anhänger werden ihm heute manchen Lorbeerkranz flechten. Die, die seine Politik bekämpft haben, können zwar in ihren Nachrufen der hohen Pflicht- a u f f a s s u n g des Hingeschiedenen Ministers ge­recht werden: aber es ist das Los des Politikers, daß er nach seinem Tode nach den Ergebnissen seines Wirkens beurteilt wird. Die Geschichte wird einst die sechsjährige Periode Stresemann- scher Regierung einer scharfen, aber gerechten Kritik unterziehen. Sie wird nicht verkennen, m i t we lchen großen Schwierigkeiten die deutsche Nachkriegspolitik zu kämpfen hatte. Aber sie wird die Tatsache nicht übersehen können, daH die Stresemann-Cpisode das deutsche Volk nicht in die Freiheit führte und auch nicht führen konnte.

ImLokal-Anzeiger" schreibt Friedrich Hussong u. a.: Politisch kann man in der Stunde seines Todes den Politiker nur ehren, indem man war es ein Gegner die Wesentlichkeit die­ser politischen Gegnerschaft aufzeigt. Menschlich darf man noch einmal das Bild dieses Mannes zurückrufen, wie es in seinem Besten sich darstellt: Stresemann war der geschickteste, fingerfertigste Spieler in dem Kartenspiel des neudeutschen Parlamentarismus. Aber Stresemann war mehr, er war ein b-egnadeter Sprecher, der immer, fast bis zuletzt, auch in den verzwicktesten Situationen durch den Impetus seiner Redner­kraft obsiegte. Gerade durch seine lut» tu teile Haltung, die ihn immer wieder einmal über die Grenzen derNichts-als-Poli- tik" hinaus sich an kulturellen Dingen orientieren ließ, gerade durch sie war er den Nichts-als- Politikern immer wieder überlegen; gerade sie gab ihm seine wirksamsten dialektischen und ge­danklichen Waffen. Goethe war ihm ein Bun­desgenosse, den mancher seiner Gegner auch hätte haben können. Der Mann, den heute dieguten Europäer" preisen und die Leute mit dem Welt­gewissen, war ein glühender Deutscher. Wer jahrelang ihm menschlich begegnet ist. der weih das, aller Politik und allem politischem Gegensatz zum Trohe. Keiner fand auflodern- dere Worte, wenn es den Namen Vaterland galt. Beileid der Oeutschnationalen Fraktion.

Berlin, 4. Okt. (Priv.-Tel.) Graf We­starp hat für die deutschnationale Reichstags- fraktion dem Reichskanzler das Beileid zum Tode des Reichsaußenministers ausgesprochen. Die Deileidskundgebungen an die Familie des verstorbenen Außenministers und an die Deutsche Dolkspartei werden telegraphisch erfolgen.

Stresemanns Tod und das Volksbegehren.

Berlin, 3. Okt. (Funkspruch.) In den amt­lichenMitteilungen der Deutschnat. Volkspartei" nimmt der Pressechef der DNVP., Dr. Brosius, zum Tode Stresemanns u. a. wie folgt Stellung :

Der Tod des Reichsaußenministers stellt Deutschland vor eine neue Situation. Mitten im Kampf um seine Politik im Ringen um seine Illusionen, ist der Mann dahingegan- gen, der die deutsche Politik der letzten sechs Jahre wie kein anderer entscheidend beeinflußt hat. Er hat noch kurz vor seinem Tode seine Partei auf eine ungewöhnlich leidenschaftliche Abwehr gegen die nationale Freiheitsbewegung des Volksbegehrens festgelegt. Die Person des Toten scheidet aus dem Kampf der Meinungen aus. Der Kampf um die Sache geht weiter. Die Politik, die Stresemann vom 2D- bruch des Ruhrkampfes über Dawespakt und Locarnovertrag zum Pariser Tributplan geführt hat, ist von den verhängnisvollsten Folgen für i das deutsche Volksleben und für das deutsche I

Wirtschaftsleben begleitet gewesen. Mit dieser Politik ein Ende zu machen, ist der Sinn der Volks­bewegung, die jetzt das Land durchpulst. Der Kampf um d i e Neuorientierung un­serer Außenpo litik und unserer In­nenpolitik muß so lange geführt werden, bis das Ziel erreicht ist.

Oie Universität Heidelberg zum Tode ihres Ehrendoktors.

Heidelberg, 3. Okt. (WTB.) Die Uni­versität Heidelberg, deren Ehrendoktor Reichsaußenminister Dr. Stresemann gewesen ist, sandte heute an Frau Dr. Stresemann folgen­des Telegramm:Die Uniberfität Heidelberg ge­denkt in tiefer Trauer und schmerzlichster Erschüt­terung ihres hochverehrten Ehrendoktors. Sein Verlust beraubt das deutsche Vaterland seines außenpolitischen Führers, die Universität eines ihr geistig wie persönlich eng verbundenen Freun­des. Ihm gehört für alle Zeiten unser verehrungswürdig st er Dank. Ihnen. Gnädme Frau, und den Ihren gilt unsere tief empfundene Teilnahme, gez.: G o t s ch l i ch, Rek­tor. D i b e l i u s, Prorektor."

pariser preffeflimmen zum Tode Stresemanns.

P a r i s, 4. Okt. (WTB. Funkspruch.) Die Morgen- presse beschäftigt sich fpaltenlang mit dem Tode Dr. Stresemanns und veröffentlicht zahlreiche De­peschen aus allen Ländern über den Eindruck, den sein Tod hervorgerufen hat.M a t i n" schreibt: Das deutsche Volk hatte das Glück, in der tragischsten Periode seiner Geschichte einen wirklich weitsehenden Staatsmann zu besitzen. Man wird jetzt sehen, ob es, durch die Prüfungen und durch die Erfahrung gereift, sich selbst mit Klugheit wird führen können, indem es diesem großen Minister einen würdigen Nachfolger gibt. Marcel Nay, der Strese­mann seit 20 Jahren gekannt und geschätzt hat, schreibt imPetit Journal": Wer Dr. Strese­mann im vergangenen Monat in Genf gesehen hat, wie er mager und bleich zwischen zwei Sätzen nach Atem rang, den Blick starr in die Ferne gerichtet, mit nachlassender Stimme sprechend, während seine Hand zitterte, der hatte diese Tragödie der Pflichterfüllung, diesen arbeitsamen Todes­kampf begriffen, befürchtet und verfolgt.

Wer wird fein Wert fortfefjen?

Hoffentlich wird der richtige Mann in der Stunde der Not in Deutschland erstehen, damit die Heilung Europas weder unterbrochen, noch in Frage gestellt wird. Jacques Bainville schreibt in der Action Fran^aise": Frühzeitig gestorben, hinterläßt Stresemann ein unvollendetes Werk, daß aber in der Geschichte Deutschlands einen Wert haben wird, das seine Früchte tragen wird, wenn sein Nachfolger die Erbschaft nicht vergeudet. Strese­mann hat Deutschland wieder hochgebracht, er hat ihm in Europa seinen Platz wiedergegeben unter dem Zeichen und der genialen ErfindungLocarno". Europa verliert ohne Zweifel einen feiner besten Arbeiter an der Wiederaufrichtung.F i g a r o" schreibt: Stresemann hat mit sicherem Blick alle Chancen erkannt, die die Liquidierungspolitik bieten könne, um Deutschland von den ihm durch den Ver­trag von Versailles auferlegten Verpflichtungen zu befreien.Echo d e Paris" erklärt:

Nie war eine Politik nationaler und deutscher, als die von Stresemann betriebene. Sein Plan war zweifellos die Zerstörung aller Hemmnisse, in die der Versailler Vertrag Deutschland ein­geschlossen hat.

Er widmete sich zunächst der Aufgabe, die Räumung des Rheinlandes zu erreichen. Solange die Franzosen am Rhein stander fühlte er sich gehemmt. Er konnte noch sehen, daß seine Anregungen von Erfolg ge­krönt waren. Man kann gewiß fein, daß er sich noch beherzter an die Bekämpfung der anderen Klauseln des Versailler Vertrags herangemacht haben würde. DerTemp s" schreibt: Stresemann hatkGmichts Mystisches, ganz im Gegenteil, er war e i n R e a l i st irn voll st en Sinne des Wortes, der sich auch den unmittelbaren Möglichkeiten zuwandte und

ein Deutscher mit Herz, Geist und Seele

war, der keine andere Sorge kannte, als das Inter­esse Deutschlands. Stresemann ist sich stets gleich ge­blieben. Er hatte das Verdienst, zu begreifen, daß die Politik des Widerstandes gegen den Friedensver­trag keine Aussicht hatte, Deutschland von Nutzen zu sein. Er wußte, daß das Heil für Deutschland darin bestand, sich dem Versailler Vertrag anzupassen, um daraus den größtmöglichen Nutzen zu ziehen. Die Ergebnisse beweisen, daß Stresemann in weniger als fünf Jahren beachtenswerte Vorteile für fein Land zu erzielen wußte. DerI n t r a n f i g e a n t" sagt: Stresemann hat für fein Land Ergebnisse er­zielt, die in die Waagschale fallen. Er wird der Mann der vorzeitigen Rheinlandräu­mung bleiben und unbestreitbar der Führer Deutschlands. Er hatte die Gabe, dieEreignisse vorauszusehen und im Hinblick auf ihr Ge­lingen daran mitzuarbeiten. Das ließ die Annahme aufkommen, daß er vom Glück begünstigt war, aber es war vielmehr seine Intelligenz, die ihm ge­dient hat.

Annahme der VeMernngsresorm im Reichstag.

3m Zeichen Stresemanns.

Don unserer Berliner Redaktion.

In einer kurzen, aber eindrucksvollen Trauerfeier hat der Reichstag von dem Minister und dem Abgeordneten Stresemann Ab­schied genommen. Kommunisten und National­sozialisten hatten es vorgezogen, nicht zu er­scheinen. Dagegen war das Reichskabinett unter Führung des Reichskanzlers vollzählig zur Stelle. Auch die Gesandten der Länder waren erschienen: dazu eine unübersehbare Fülle von Referenten. Soweit es in der kurzen Frist mög­lich war, hatte man für Blumenschmuck gesorgt. Der Platz des Ministers auf der Regierungsbank war schwarz verhängt und mit Rosen geschmückt, um den Platz, auf dem er jahrelang als Ab­geordneter gesessen hat, war ein Kranz weißer Chrysanthemen gewunden. Jeder hatte das Ge­fühl, daß viele Worte nicht zu sagen waren. Deshalb sprach Vizepräsident Esser, der den erkrankten Präsidenten vertritt, auch nur kurz, indem er einen Lieberblick über die parlamen­tarische Laufbahn Dr. Stresemanns gab und hin­zufügte, das deutsche Volk danke ihm für die aufopferungsvolle Arbeit, die er bis ans Ende feiner körperlichen Kräfte zur Befreiung und zum Wiederaufbau unseres Vaterlandes geleistet habe. Noch kürzer fast der Reichskanzler, der, selbst erst eben von schwerer Krankheit genesen, so tief erschüttert war, daß er die Gewalt über seine Stimme verlor. Es kam ihm von Herzen, daß er dem Verstorbenen nachrief: die Geschichte werde ihm gerecht werden als einem Manne, der für sein Volk gelebt hat und gestorben ist.

Dem allgemeinen Gefühl hätte es entsprochen, zum Zeichen der Trauer die Sitzung abzubre­chen. Da aber der Reichstag wegen des Demo­kratischen Parteitages am Donnerstag mit seinen Arbeiten zu Ende kommen mußte, blieb nur Zeit für eine ein stündige Vertagung. Aber auch der weitere Verlauf der Schlußsitzung stand, ohne daß der Name genannt wurde, im Zei­chen Stresemanns. Er hat am Mittwoch in der letzten Rede seines Lebens der Fraktion die Gefahren t'larzumachen versucht, die aus einer Regierungskrise außenpolitisch im Augen­blick entstehen mühten. Er hat ausdrücklich dabei erklärt, daß er für seinen Teil bereit sei, zu­rückzutreten wie er ja ohnehin nach der Haa­ger Schlußkonferenz gehen wollte, aber so lange wollte er wenigstens das Kabinett bei­sammen halten. Die Fraktion ist ihm gefolgt und hat sich zur Stimmenthaltung entschlos­sen gegenüber dem ganzen Dersicherungsgeseh. Damit war der Stoß, den das Zentrum gegen das Kabinett richtete, aufgefangen und d i e Krise überwunden, so daß die dritte Le­sung des Torso-Entwurfs in wenigen Stunden abgehaspelt wurde.

Sitzungsbericht.

Nach der Pause gelangt der Reichstag an die dritte Beratung der Reform der Arbeitslosenversicherung.

Dor der Schlußabstimmung gibt Abg. Aufhäu - ser (Soz.) für seine Fraktion eine Erklärung ab, in der es heißt: Es mar zwar nicht möglich, für

alle Vorschläge der sozialdemokratischen Fraktion eine Mehrheit zu finden, mir bedauern auch die Annahme einzelner Bestimmungen, die unsere Zustimmung nicht gefunden haben. Entscheidend ist aber, daß die Novelle die allgemeinen Versicherungs- lei ft ungen aufrecht erhält und damit de­ren Abbau abgewehrt ist. Obmohl nachiveislich eine Beitragserhöhung zur dauernden Sanierung der Reichsanstalt unentbehrlich ist, ist sie am Wider­stand der Deutschen Volkspartei gescheitert. Die sozialdemokratische Fraktion will aber besmegen nicht den sozialpolitischen und organisatorischen Teil des Reformmerks gefährden lassen. Sie wird sich jedem neuen Versuch, die diesmal abgemehrte Abbauaktion zu wiederholen, mit aller Kraft entgegenstellen. (Lärm bei den Kommunisten, Rufe: Volksbetrüger!)

Abg. Graf Westarp (Dnl.) erklärt, die deutsch­nationale Fraktion habe sich bemüht, die dringend notwendige Reform der Arbeitslosenversicherung ohne weitere Belastung zu ermöglichen. Dieser Versuch sei an dem Widerstand der Regie­rungsparteien und an der Unfähigkeit der Regierung gescheitert. Der vorliegende Entwurf ist ein Flickwerk, eine Teillösung, die die entscheidenden Fragen offen läßt. Diese Teillösung ist technisch und finanziell undurchführbar ohne die Beitrags­erhöhung. Wer dieser Vorlage zustimmt, stimmt da­mit auch der künftigen Beitragserhöhung zu. Das ist für uns untragbar. Darum lehnen mir die Vor läge ab.

Abg. Riefener (Zentr.): Die Zentrumsfrak­tion erkennt an, daß durch die Vorlage das Ziel der Sanierung nicht vollkom- men erreicht worden ist. Der Entwurf bringt aber eine ganze Reihe dringend notwendiger Verbesserungen, so daß es unverantwort­lich wäre, sie abzulehnen. Mit der Beteiligung an der Regierung hat jede Partei die unbedingte Pflicht übernommen, bei solchen Entscheidungen das unter den obwaltenden Umständen Erreich­bare anzunehmen, auch wenn einige Reste übrig bleiben. Das Zentrum wird darum der Vorlage zu stimmen.

Abg. Dr. Zapf (D. Dp.): Die Stellungnahme meiner Fraktion ist von Anfang an die gewesen, daß die Sanierung der Versicherung ohne eine Neubelastung der Wirtschaft erreicht werden sollte. Llnsere Vorschläge in dieser Rich­tung hat der vorliegende Entwurf nicht ver­wirklicht. Wir wollen ihn jedoch nicht ab­lehnen, weil wir die in ihm erreichten Fort­schritte und Vorteile anerkennen. (Lärm bei den Kommunisten.) Wir legen aber Wert darauf, unseren besten Willen zu bekunden, unter voller Wahrung aller berechtigten sozialen Rück­sichten eine Sanierung der Arbeitslosenversiche­rung zu erreichen. Diese Voraussetzungen erfüllt die Vorlage nicht. Wir werden uns der Stimme enthalten.

Abg. Frei del (Wirtsch.-P.): Die Wirtschafts­partei hält eine ausreichende Arbeitslosenver­sicherung für eine soziale Notwendigkeit. Sie ver­tritt aber die Meinung, daß Deitragserhebung und Leistung sich in normalen Grenze n halten müssen und die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft dadurch nicht gefährdet wer­den darf. Die in diesem Sinne gehaltenen Vor­schläge der Wirtschaftspartei find nichtberück-

s i ch t i g t worden. Die Wirtfchaftsparter kann ihre Zustimmung nicht geben. (Lln- ruhe.)

Abg. Dr. Meyer (Dem.): Cs ist nur eine Teillösung herausgekommen. Wir werden die da­mit gemachten Erfahrungen abwarten und im Zusammenhang mit der Reichsfinanzreform zu einer Gesamtlösung kommen, die das Interesse der Wirtschaft wahrt. Im gegenwärtigen Moment müssen wir vor allem eine Regierungs­krise verhüten, die unübersehbare Folgen haben würde. Boungplan-Ratifizierung und Reichsfinanzreform können nur durch die be­stehende Regierungskoalition erledigt werden. Wir werden der Vorlage zu st immen. Wir halten es für nötig, daß in einer Koalition auch Koaliticnsgeist herrscht. Es verstößt nicht nur gegenimaginäre Bindungen", wenn eine Re­gierungspartei bei einer so wichtigen Entscheidung nicht die volle Verantwortung mittragen teilt. (Llnruhe.)

In der Schlußabstimmung wird darauf die Hauptvorlage mit 238 gegen 155 Stimmen bei 40 Enthaltungen angenommen. (Pfui- Rufe der Kommunisten.) Dafür gestimmt haben Sozialdemokraten, Zentrum, Demokraten und Bayerische Dolkspartei. Stimmenthaltung haben Deutsche Volkspartei und Deutsch-Hannoveraner geübt. Die übrigen Parteien haben dagegen ge­stimmt.

Vizepräsident Esser schlägt vor, die Be­stimmung des Zeitpunktes für die nächste Sitzung dem Präsidium zu überlassen. Er schließt die Sitzung mit dem Wunsch, daß beim Wieder- zuiammentritt des Reichstags der Präsident Löbe wieder in voller Gesundheit seines Amtes walten möge.

KlönnesaußenpolitischeGefpräche

Fraktionssitzung der Teutschnationalen.

Berlin, 3. Okt. (VDZ.) Die deutsch­nationale Pressestelle teilt mit: Die deutschnationale Reichstagsfraktion hatte am Don­nerstagnachmittag eine eingehende Aussprache über die sogenannten Enthüllungen der Nationalliberalen Korrespondenz über die -Unterhaltung deutschnatio­naler Politiker mit ausländischen Staatsmännern. Die Beratung ergab, daß die Behauptung der Nationalliberalen Korre­spondenz, deutschnationale Politiker, insbesondere der Abgeordnete K l ö n n e, hätten sehr viel wei­tergehende Angebote an Frankreich ge­macht als die deutsche Außenpolitik, vollkommen zusammengebr o.ch e n ist. Es wurde an­erkannt, daß die Richtung der privaten Unter­haltungen des Abgeordneten Dr. Klönne eine grundsätzlich andere als die der offiziellen deutschen Außenpolitik war, die Herr Klönne mit Recht als Unterwerfungspolitik bezeichnete.

Oie Geheimverträge mit den Sklareks.

Berlin, 3. Okt. (Priv.-Tel.) Heute vormittag sind die Gebrüder Sklarek in Moabit von der Staatsanwaltschaft über den gestern gefundenen Ge­heimvertrag vernommen worden. LautVoss. Ztg." erklären sie, bisher allerdings noch in vorsichtiger Form, daß ein derartiger Vertrag tatsächlich abgeschlossen worden sei, allerdings nicht nur von Stadtrat Gäbel, sondern auch andere M i t-

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Die Vorfälle in Goslar.

Eine Erklärung des Kultusministers.

Berlin, 4. Okt. (Priv.-Tel.) Ueber den Vor­fall an der höheren Schule in Goslar gibt der Amtliche Preußische Pressedienst als Antwort auf die deutschnationale große Anfrage im Landtag eine Darstellung, in der es heißt: Cs handelt sich keineswegs um kleine harmlose Entgleisungen von einzelnen Schülern, sondern um einen Fall von so unerhörter Schwere, daß mit aller Entschiedenheit da­gegen vorgegangen werden mußte. Nach sehr sorgfältiger Prüfung an Ort und Stelle ist fest- gestellt worden, daß Schüler, die zum Teil bald yinaus ins Leben treten sollen, an einem be­sonders feierlichen Gedenktag die verfassungs­mäßigen Farben der deutschen Republik be­schimpften, die Schleifen mit den Reichsfarben von den Kränzen abgerissen und zertre­ten haben. Es handelt sich also nicht um ein harmlosesEntfernen" der schwarzrotgoldenen Schleifen, sondern um einen demonstrativen herausfordernden Akt, der sich, und das ist das entscheidende für das Vorgehen des Mini­steriums gewesen, vor den Äugende« Leh-

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glichet des Magistrats davon gewußt hätten. Sie bekunden, daß nicht nur her Fehlbetrag von 225 000 Mark, mit hem hie K. V. G. abschloß, von ihnen habe übernommen werben müssen, son­dern sie sich durch ein weiteres Sonder­abkommen zur Abdeckung des Defizits von einer Million, bas in her Bilanz verschleiert worben sei, hätten bereit erklären müssen, einschließlich bes bazu erforberlidjen Zinsenbienstes. Dieses weitere Ge­heimabkommen soll aber eigenartigerweise nicht mehr vorhanden sein. Die Sklareks betonten weiter, daß die S t a b t b a n f von biefern Sonber- abfommen gewußt habe.

Die Staatsanwaltschaft will bie Untersuchung auch auf biefe Vorgänge ausbehnen unh hat zu Be­ginn her Ermittlungen den Magistrat aufgefordert, b e n @ c f d) ä f t s b e t r i e b bei her Stabt- bant unter Vorlegung her Jahresbilanzen in einer Denkschrift zu schilbern unh vor allem über bie Frage Aufklärung zu geben, aus welchem Grunbe bie Leiter her Stabtbank bem Anwachsen her jähr­lichen Saldos der Firma Sklarek tatenlos z u - gesehen hätten. Da diese Auskunft vom Magistrat bisher nicht gegeben worden ist, will die Staatsan­waltschaft diese Untersuchung nun selbst führen, und es ist damit zu rechnen, daß die leitenden Be­amten der Stadtbank in den nächsten Tagen in Moabit als Zeugen über diese Dinge vernommen werden.

Nach Slättermelbungen befinden sich unter den von der Staatsanwaltschaft bei her Durchsuchung des Sklarekschen Tresors beschlagnahmten Schrift­stücke auch die sog. A n 3 u g s l i ft e der Sklareks. Auf dieser Liste sind diejenigen Personen bezeichnet, denen es die Gebrüder Sklarek durch Empfeh­lung möglich gemacht haben, sich in einem Konfektionshaus in der Friedrichstraße Anzüge, deren Herstellungspreis 4 0 0 Mark be­trug, für 80 Mark zu beschaffen. Außer­dem sollen Rechnungen unb, Stoffproben, bie bie Firma ben Sklareks vorlegen'mußte, bamit biefe bie Differenz von 320 Mark bezahlten, ebenfalls be­schlagnahmt worben sein.