Freitag, 4. Oktober (929
(79. Jahrgang
Ur. 253 Erstes Blatt
Zum Tode Stresemanns
wie
das
alles
he
3. rft»6tr
Trauerseier im Reichstag wird ein großer Baldachin errichtet; auf dem Sarg, in dem Stresemann aufgebahrt wird, liegt die Dicnstslagge des Reichsaußen- Ministers, die den Schild und den Reichsadler zeigt. Die Einzelheiten der Beisetzung wurden heute mittag in einer Besprechung zwischen Reichsminister S e - vering. Staatssekretär Zweigert und Reichs- kunstwart Dr. R e d s l 0 b besprochen. Die Beisetzung auf dem Friedhof wird nur im Beisein der Familienmitglieder und der engsten Freunde des verstorbenen erfolgen. Professor Lederer wird.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher, preis für ( mm höhe
für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re« Klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°/, mehr.
Chefredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Dr. er-
Das Gtaatsbegräbms für Stresemann.
Eine Trauerfeier im Reichstag.
Berlin. 3.Ott (WB.) Die sterbliche hülle
D a r m st a d t. 3. Ott WTB.) Staatspräsi- deut Dr. Adelung, der heute zur Länderbesprechung in Berlin weilte, hat der Reichsregicrung und der Witwe des verstorbenen Reichsaußenministers namens der hessischen Staats- regierung das wärmste Beileid ausgesprochen. Sämtliche Regierungsgebäude haben die F l a g g e n auf halbmast gefetzt. Zum Zeichen der Trauer blieb das Landestheater heute geschloffen.
Der Präsident des hessischen Landtages. Delp, hat dem Reichskabinett folgendes Telegramm übermittelt: Dem Reichskabinett spreche ich im R a m e n des hessischen Landtages zu dem Ableben des Reichsauhenministers Dr. Stresemann innigstes Beileid aus. Sein großes Pslichtbewußtsein und seine Verdienste um das Deutsche Reich werden ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte sichern.
Der Landeskommissar für das befehle hessische Gebiet. Provinzialdirektor Geh. Rat Dr. Ufinger, hat an Frau Dr. Stresemann folgendes Telegramm gerichtet: Deutschland und die Welt mit ihm trauern um den mächtigen Verstand und das große her; des Mannes, der wie keiner dem Frieden und der Versöhnung den weg gebahnt Hal. Die Lande am Rhein und darunter das besetzte hessische Gebiet danken dem Staatsmann, der ihnen die Freiheit erstrilt. in tiefstem Schmerze ob seines jähen Todes.
„Der für seine Hausaltäre kämpfend, ein Beschirmer, fiel; krönt den Sieger größre Ehre, ehret i h n das fchönre Ziel! — Der für feine Hausaltäre kämpfend fank. ein Schirm und hort, auch in Feindes Munde fort lebt ihm feines Romens Ehre."
12,36 72,93
Frankreich Md England Znm Tode des Außenministers.
wir hören, die Totenmaske abnehmen.
Hessens Teilnahme.
Der Dank des besetzten Gebiets.
Das Beileid Briands.
Aeutzerungcn Herriots und Ctemcnccaus.
Paris, 3. D!t. (WB.) Ministerpräsident und Außenminister Briand in Begleitung des Chefs des Protokolls de Fouquidres fuhr heute vormittag um 111 Uhr an der deutschen Botschaft vor und hat dem Geschäftsträger Dr. Rieth im Namen der französischen Regierung und in seinem persönlichen Namen das Beileid zum Ableben des Reichsaußenministers Dr. Stresemann zum Ausdruck gebracht. Briand betonte, daß er den Tod um so mehr beklage, als er mit Dr. Stresemann ausgezeichnete persönliche Beziehungen unterhalten habe. Ministerpräsident Briand hat den französischen Geschäftsträger in Berlin beauftragt, der Reichsregierung das aufrichtige Beileid der französischen Regierung zum Ableben des Reichsaußenministers zu übermitteln. Briand hat ferner folgendes Beileidstelegramm an Frau D r. Stresemann gesandt: „Tief erschüttert erhalte ich die Nachricht vom Tode Dr. Stresemanns. Ich bitte Sie, an meine schmerzliche Teilnahme an dem Verlust, der Sie so grausam trifft, zu glauben. Ich werde Ihrem Gatten, dessen hohen Gedankenflug und vollkommene Loyalität des Charakters ich bei Verfolgung eines gemeinsamen Ideals schätzen lernte, ein aufrichtiges Andenken bewahren."
Der ehemalige Ministerpräsident Edouard Herriot hat sofort nach Dekanntwerden der Nachricht vom Tode des Reichsaußenministers in Lyon an den Reichskanzler folgendes D e i - leidsteleg ramm gerichtet: „Empfangen Sie mein tiefstes Beileid zu dem schmerzlichen Verlust, der Ihr Land trifft und der alle aufrichtigen Freunde des Friedens tief erschüttert, (gez.) Edouard Herriot. Bürgermeister von Lyon."
Ein Berichterstatter des „Journal" hat dem ehemaligen Ministerpräsidenten Clemenceau die Nachricht vom Hinfcheiden des Reichsaußenministers überbracht, worauf Clemenceau erklärte: „Ich bedauere sehr den Tod dieses Politikers. Er war ein eifriger Arbeite r.“ „Ich glaube", so warf der Berichterstatter ein, „Stresemann hat a u f r i ch t i g an der Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland gearbeitet." „Vielleicht", so unterbrach ihn Clemenceau, „aber man hat ihm z u v i e l gegeben. Er hat uns einge-
-<7 1,751
111Z 111.K
112; 10.535 21,9*
2,368 4,192 16,** 80,90 62-13 i,998
0,4975
58,92 tS Ä
2,025
iS ME JO,«
wT 1,762 58,485 112.07 112, 112$ 'S Ä
I6,*8 81-06 62.
2,0 0,4995
59,0* ts Ä 18$ 81$ 2<0g
&
MNg
168$ 1,762 58$ 112,03
!!>Z
20$
gestattet. Auch der dänische Staatsminister S t a uni n g und der Minister des Auswärtigen, Munch, haben dem Reichskanzler die herzliche Anteilnahme der dänischen Regierung ausgesprochen. Beileidstelegramme gingen ferner ein von den Regierungen Irlands, Polens, der Niederlande, Ungarns, Südslawiens, Japans und Chinas. Ferner von dem früheren britischen Ministerpräsidenten Baldwin, dem ehemaligen britischen Staatssekretär Chamberlain, dem Doyen des diplomatischen Corps in Berlin, Nun- cius P a c e l l i. dem amerikanischen Staatssekretär S t i m s 0 n und dem amerikanischen Botschafter in Berlin, S h u r m a n, dem griechischen Ministerpräsidenten Deniz e l 0 s, dem Sekre- tariat^des Völkerbundes, dem Präsidenten des Landesrats des Saargebietes, von allen deutschen Länderregierungen und vielen Städten.
Dr. Curtius verwaltet
das Auswärtige Amt.
Berlin. 4. Off. (WTB.-Drahtbericht.) Reichspräsident von Hindenburg hat auf Vorschlag des Reichskanzlers den Reichswirtschaftsminister Dr. Eurtius mit der ein st weil i gen Wahrnehmung der Geschäfte des Reichsauhenministers beauftragt.
§,32 2,00 0,499
59,06
'K Ä i» A
Ä
Stresemanns wird heute abend im w in t garten des Trauerhauses aufgebahrt. Die Ueberführung in den Reichstag ist
wickelt, und das war allerdings nicht allzu schwie- rig. Jetzt weih ich nicht, welches Ende
nehmen wi-rd."
Botschafter Gchurman.
Berlin, 3. Oft. (WB.) Der Botschafter der Vereinigten Staaten, Dr. S ch u r m a n, erklärte auf die Nachricht vom Tode des Reichsminifters des Auswärtigen, Dr. Stresemann: Dr. Stresemanns Tod ist eine große und schmerzliche Tleber- raschung; denn trotz seiner schweren Krankheit malten sich unsere Hoffnungen für ihn noch eine tätige und fruchtbare Zukunft aus. Das Schicksal jedoch hat cs anders gewollt. Keiner weiteren Jahre allerdings hätte es bedurft, um den Ruhm Dr. Stresemanns zu vervollständigen. Wenn wir anderseits die Gewohnheit haben, uns der Jahre zu bedienen, um die Gröhe geschichtlicher Ereignisse zu messen, dann müssen wir sagen, dah Dr. Stresemann in die letzte Hälfte dieses Jahrzehnts Lei st ungen zusammengedrängt hat, die in ihrer Tleberfülle einem halben Jahrhundert entsprechen würden. Nach dem verehrungswürdigen Präsidenten der Republik verkörperte Dr. S t r e s e m ann in den Augen der Außenwelt Deutschlands einen Platz in der ersten Reihe der Staatsmänner Europas, Asiens und Amerikas. Seine Politik brachte den Geist des modernen Deutschlands zum Ausdruck, den Geist des Friedens, der internationalen Verständigung unb des guten Willens sowie der vorbehaltlosen Ersetzung der antiquierten Waffen des Krieges durch Diplomatie und Schiedswesen. Stresemann war »eine mitreißende Persönlichkeit. Tlnd ich fühle mich gedrungen, auszusprechen, daß sein hervorstechendster Charakterzug seine Menschlichkeit war. Alles, was menschlich war, interessierte ihn, und alle Schichten hatten das Gefühl, daß er ihnen zugehöre. Diese weitherzige Menschlichkeit befähigte ihn, andere Völker zu verstehen und ihren verschiedenen Standpunkt zu würdigen. Er hatte große Bewunderung für Amerika und war von dem Gefühl beseelt, das deutsche und das amerikanische Volk seien natürliche Freunde und könnten und sollten deshalb sich einander hilfreich erweisen. Dies hat meine offiziellen Beziehungen zu Dr. Stresemann außergewöhnlich angenehm gestaltet. Dr. Stresemann hat mich seines Vertrauens und seiner Freundschaft gewürdigt. Dies ist nicht der Ort und nicht der Augenblick, um über den Verlust zu sprechen, den ich mit seinem Tode persönlich erleide. Aber so viel möchte ich sagen, daß Deutschland und die Welt damit, daß dieser mitreißende Führer im Alter von erst 51 Jahren gestorben ist, einen der größten und klügsten Staatsmänner unserer Zeit verloren haben.
Britische Staatsmänner zum Tode Stresemanns. „Einer der großen Baumeister der europäischen Solidarität."
London, 3. Oft (WB.) Die Nachricht vom Tode Dr. Stresemanns ist in hiesigen politischen Kreisen mit großer Anteilnahme ausgenommen worden. Staatssekretär des Aeuhern Henderson erklärte: Der Tod Dr. Stresemanns ist ein Verlust nicht nur für sein eigenes Volk, sondern auch für die Völker Europas und der Welt. Er war ein Führer in der Bewegung für Frieden und Wiederbelebung in Europa. Sein Tod ist durch die Mühsal und Arbeitsüberlastung der letzten Jahre beschleunigt worden, deren Gipfel seine Bemühungen in Genf und im Haag bildeten. Sein Name wird in der Geschichte als einerdergroßen Baumei st er der europäischen Solidarität unddes gutenWillens fortleben. _ ,
Ll oydGeorge erklärte: Der Tod Dr. Stresemanns ist ein schwerer Schlag für den Frieden Europas. Der Dahingeschiedene war ein großer Versöhner. Ich bin über die Nachricht von seinem Tode sehr, sehr betrübt. Er hat sich um die Sache des europäischen und des Weltfriedens ein unsterbliches Verdienst erworben.
Als auf der Konferenz der Arbeiterpartei in Brighton die Nachricht vorn Tode Dr. Stresemanns bekanntgcgeben wurde, erhoben sich die Delegierten und huldigten stehend dem Andenken des verstorbenen Staatsmannes. Schah- kanzler Snowden sagte u. a.: Für» alle, die mit Dr. Stresemann im Haag zu tun hatten, war cs schmerzlich zu sehen, dah die Hand des Todes ihn schon berührte. Cs war rührend und eindrucksvoll, den Heldenmut zu sehen, mit dem er gegen die Schmerzen ankämpfte, unter denen er ständig litt. Wir senden dem deutschen Volke den Ausdruck unseres Beileids zu dem unersetzlichen Verlust.
Bei der deutschen Botschaft sind zahlreiche Beileidsbotschaften eingetrossen. darunter solche des amerikanischen Botschafters General Dawes und des Lordmayors von London, der in einem sehr herzlichen Telegramm die Anteilnahme der Bürgerschaft von London zum Ausdruck bringt und bittet, der deutschen Regierung fein tiefstes Beileid auszusprechen.
Das Beileid des Königs von England.
London, 3. Okt. (WB.) Der Privatsekretär des Königs Georg, Lord Stamfordham, hat vom Buckingham-PalLst aus au deu deut-
Wen.
Dominion?
« «rbeitcrtcgietuttg, ??•) Nachdem die Ar. E gegenüber Aeghp. .Äderung bizheri. «ms ongclundigt batte gröbere Sensation in
JnfM Arbeiterregierung 'onftatuä, d. h. volle zu gewähren. Der dchlv. oes .Daily Telegraph- neue uchmch der Verfassung seien. 3n ministeriellen M diese Ankündigung J des Allindischen kjcmber erfolgen werde.
3 hoffe, durch Gewöh. siirDritisch.Jndien die is beeinflussen zu können, verhindern, dah es zu
>n der indischen Aatio« iter Ghandi stehenden ! verlangt, daß die indi- oährung einer Selbstver- Dezeinber des Iah. . mühten. Die Arbeiten n-Kommissivn, die einen chen Lerfalsungsresomen :n jedoch kaum vor An. m Abschluß gebracht wer- Ttigc Verzögerung der nc aber alt uneitoünfdjL
che Kabinett dreien.
11.) Das ägyptische Ka- Ministerpräsident M t>. Pascha hatte vor der Msgesuches bei König mit dem englischen Ober« im Anschluß daran von der vorher auchAahar er Opposition, empfangen Greifen Aeranönens rech, sofort ein Lcamtctt ird. Es ist aber ungewch. )ie Ministcrprasidentsch st Kabinett wird wahrschem -bend im Amt bleitai die Ausgabe £ie mhang mit der AaM ÄSÄ ' im gegenwärtigen Augen/
Parlamentär em .nc
Knaur
1 viann' ^gesbuchbiän" aus fünf 5, kn 8°.
nnd w ÄL
Macdonald von Bord der „Berengaria".
Die Anteilnahme des britischen Prcmier- nkinistcrs.
Reuyork, 3. Oft. (WTB.) In einem Funf- spruch von Bord des Dampfers „Berengaria" widmet Premierminister Macdonald dem verstorbenen Rcichsaußenminister Dr. Stresemann den folgenden Nachruf:
Ich bin tief betrübt, denn Dr. Stresemann war nicht nur einer jener Männer, von dessen Arbeit die friedliche Entwicklung Europas abhing, sondern ich habe ihn in meinen verschiedenen Berührungen mit ihm a l s Freund kennen und schätzen gelernt. Sein Andenken ist gesichert, und ich kann nicht glauben, dah die großen Dienste, die er dem Frieden mit Geduld und Zuversicht gewidmet hat, jemals rückgängig gemacht werden können. Als ich zum erstenmal mit ihm zusammentraf, war die Lage ernst und ungünstig, aber obwohl er offensichtlich unglücklich war, bewies er, dah er aus festem Holz geschnitzt war. Ich glaube, als ich ihn vor einigen Wochen zuletzt sah, da fühlten wir beide, daß das „Goodbye" unser „Farwell" sein dürfte. Dennoch war er zufrieden und voller Zuversicht, daß Deutschland dafür sorgen werde, daß seine Arbeit, welche so viel für Deutschland bedeutete, w e i t e r g e f ü h r t werde, wenn er nicht länger hier sei. Namens der britischen Regierung spreche ich seinen Angehörigen und seinem Lande unsere aufrichtigste Anteilnahme aus.
OieBesahungsbehörde flaggiHalbmast
Ludwigshafen, 4. Oft. (WTB. Funkspruch.) Sämtliche Dienstgebäude der franzö- fischen Besatzungsbehörde in Ludwigshafen und in anderen Orten der Pfalz haben aus Anlaß des Ablebens des deutschen Reichsaußenministers Dr. Stresemann die Flaggen au Halbmast gesetzt.
GietzenerAiizeiger
General-Anzeiger für (Vberhefsen
Drud lind Verlag: vrLHI'sche UniverfilAs-vnch- und Steinörudcrei B. Lange in Sietzen. SchrifNeitung und Seschäfirftelle: Schulftratze 7.
Etfd) e ml lüglich,außer Sonntags und Feiertags.
Beilagen:
Die Illustrierte Gießener Familienblätter
Heimat im Bild Die Scholle.
Imonats:Be$ugspreis: 2.20 Reichsmark und 30 Neichspfennig für Träger-- lehn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt.
zernsprechanschlüfle anterSammelnummer2251. Anschrift für Drahtnach- richten: Anzeiger Gießen.
Postscheckkonto:
Frankfurt am Main 11686.
Stresemann als Mensch.
Von unserer Berliner Redaktion.
Eine der auffälligsten unter den vielen Absonderlichkeiten des deutschen Volkes in seinem Verhältnis eil seinen großen Männern ist es, daß man sich um bis menschlichen Seiten ihrer Persönlichkeiten im '.I u s l a n d e zumeist viel mehr kümmert als bei uns. Engländer, Amerikaner, sogar Franzosen Halen in Büchern und Zeitungsartikeln diese Seite des 'lösens des allzufrüh und jäh verstorbenen Reichs- ciihenministers Dr. Stresemann seit Jahr und Tag beleuchtet und ihr viele liebenswürdige und charak- leristische Züge abgewonnen. Sein Familienleben cicva, das er mit einer reizvollen und in der Berliner Gesellschaft viel und gern gesehenen Gattin und mit zwei erwachsenen Söhnen teilte, an deren Entwicklung und Interessen er regsten Anteil nahm. Öder seine literarischen und künstlerischen Neigungen, 'fein starkes musikalisches Interesse, sein früher sehr reger Verkehr mit Bühnenkünstlern und in ihrem Klub, ja selbst seine kleinen menschlichen Schwächen, seine Vorliebe für eine gute Zigarre oder ein Glas Filsener, gaben dem Ausland oft genug dankbaren bloss für die Würdigung des Menschen Stresemann.
Was man sonst bei einem Staatsmann und Poli- iiker, dem kaum Zeit für die Beschäftigung mit Ein- zclschicksalen bleibt, nur selten findet, war einer seiner schönsten Charakterzüge: Eine Form der Wohltat i g k e i t, die ihre Objekte mit einem fast rühren- len Interesse versorgte. Stresemann ist, entgegen einer geläufigen Annahme, kein reicher Mann gewesen und hat es trotz seiner nationalökonomischen Vorbildung und seines Verständnisses für die Wirtschaft niemals fertig gebracht, sich um seine eigenen materiellen Interessen zu bekümmern. Das Vermögen, das seine Gattin ererbte, hat der Inflation ebensowenig und vielleicht noch weniger Stand gehalten, wie andere; die materiellen Anforderungen seines Amtes haben seine Bezüge bei weitem überstiegen. Das hat ihn nie abgehalten, Wohltätigkeit zu üben, meist im stillen und gegenüber Menschen, teilen sonst am schwersten zu Helsen ist. Und als er mit der Hälfte des Nobelpreises einen größeren Betrag erhielt, da wurden in den ersten drei Tagen rein ziffernmäßig ohne die zahlreichen Gesuche, die „(einer Wohltätigkeit keine Schranken setzten", von seiner bekannten milden Hand ungefähr fünfmal so viel Gelder erbeten, wie er selbst erhalten hatte ...
Für seine politischen Feinde besaß er ein eigen- türnlidjes, aus Zorn und Sympathie gemischtes blesühl: Zorn über das mangelnde Verständnis für seine vom reinsten Streben für Volk, Vater- Innb und Menschheit eingegebenen Pläne und Handlungen, S y m p a t h i e, wie sie der souveräne Fechter für den Gegner empfindet, vorausgesetzt, daß euch dieser eine gute Klinge schlägt. Seine sFrennde, die ihm durch viele Jahre in treuer und diskreter Ueberzeugung anhingen, tröstete er, wenn sie ihm vorwarfen, daß er seine Feind« besser behandele'als sie: „Dienst am Gemeinwohl bedarf (einer Anerkennung; er versteht sich von selbst. Aber ter Gegner, der diese Aufgabe nicht oder unrichtig irfaßt, muß bekehrt und gewonnen werden!" Am wohlsten fühlte sich dieser deutsche Staatsmann, der wie kein zweiter Verständnis für die Presse eis Instrument der Politik hatte, wenn er mit fühlenden Journalisten, am liebsten solchen aus den verschiedensten Ländern, zusammen sein und in Rede und Gegenrede um Verständnis für die deutsche, für ;leine Politik werben konnte. Manches Scherzwort, manche zugespitzte Bemerkung, die er in diesem Kreise gemacht "hat, hat dazu beigetragen, sein Bild ils das eines warmblütigen, von jeder Ueberheblich- eit freien Menschen in die Welt hinaus zu tragen und das gewaltig« Prestige zu erhöhen, das im Aus- erb den Namen „Stresemann" fast mit „Deutscharid" schlechthin gleichsetzte.
Die Deutsche Volkspartei ihrem toten Führer.
Berlin, 3. Oft. (WB.) Der Partei- oorstand der Deutschen Volkspartei, erläßt einen Aufruf, in dem es heißt: Der Führer ist von uns gegangen! Schmerzerfüllt beklagen toir den chwersten Verlust, den wir erleiden konnten. Gustav Stresemann, derGründerund Führer der Partei, der uns Schwert und Schild zugleich war, ist mitten aus dem politischen Ringen gerissen worden. Die Zusammenfassung aller Kräfte des deutschen Volkes, der Wiederaufstieg der Ration, das Laren die Leitsterne seines Lebens. 6te müssen in diesen Zeiten der Zerklüftung auch fernerhin über dem deutschen Volke stehen. E r - lullen wir unsere Pflicht, schließen wir die Reihen und gehen wir den Weg weiter zu den Zielen, die Gustav Stresemann uns gesteckt hat.
TeilnahmeimFn-undAusland
Berlin. 3. Oft. (WTB.) Im Ausland hat der plötzliche Tod des Reichsaußenministers leb- bafte Anteilnahme hervorgerufen, die sich in Kundgebungen der Staatsoberhäupter und Regierungen äußerte. So haben neben dem König von England auch der österreichische Bundespräsident Dr. Miklas und der schweizerische Bundespräsident H a a b dem Reichspräsidenten bzw. dem deutschen Gesandten in Bern ihr Beileid ausgedrückt. Der österreichische Dundes- lanzler Dr. Schober hat dem deutschen Gesandten Grafen Lerchenfeld einen Trauerbesuch ab*
Dient
-ijiT " I67-96 : L
58.78 2.482 112.18 80,79 62,08
Briet loAs 'S Ä 2,502 112,62 81-11 62.32 12,42 73,23
für Samstagabend vorgesehen. Die Trauerfeier ist aus Sonntag 11 Uhr festgesetzt worden, um möglichst weilen Kreisen der Freunde des Verstorbenen Gelegenheit zum Abschiednehmen zu geben. Bei der Trauerfeier wird die Trauerrede Reichskanzler Müller halten. Bei der Kundgebung vor dem Reichstag wird in Abwesenheit des Reichslagspräsi- denlen Lobe der Reichstagsvizepräsidenl v. 6ar- d o r s f sprechen. An der Trauerfeier im Reichstag wird Reichspräsident von Hindenburg teilnehmen. Das Philharmonische Orchester wird den musikalisck)en Teil der Feier übernehmen. Der Trauerzug geht vom Reichstag durch die Wii- helmslraße und hält einen Augenblick vor der Ar- bcitsställe des Reichsaußenministers, geht dann weiter über die Blücherftraße zum Friedhof der Luisen st ädtifchen Gemeinde. Für die


