Das Kind als Zeuge.
Don Sophie Landau.
Die furchtbare Tatsache, daß ein Vater durch die falsche Aussage seiner sechzehnjährigen Tochter zwei Jahre schuldlos im Zuchthaus verbrachte, zeigt wieder einmal deutlich, welch ungeheure Gefahr darin liegt, wenn Verurteilungen auf Grund von Kinderaussagen erfolgen.
Bei wievielen Gerichtsverhandlungen weichen, trotz Vereidigung, die Zeugenaussagen nicht unbeträchtlich voneinander ab, wodurch eine gerechte Entscheidung sehr erschwert wird. Das Entstellen der Wahrheit hat, wenn man den guten Glauben der Aussagenden nicht anzuzweifeln braucht, Wohl zwei Hauptquellen: Entweder der Zeuge hat von vornherein falsch beobachtet, — es liegt also eine Sinnestäuschung vor —. oder aber er wird durch die ihm vorgelegten Fragen irgendwie suggestiv beeinflußt, was eine Erinnerungstäuschung hervorruft.
Wenn schon viele Erwachsene so wenig genaue Angaben machen oder zu machen vermögen, wieviel gefahrvoller ist es dann noch, ein Urteil aus Aussagen von Kindern zu stützen, die ihrer ganzen seelischen Struktur nach noch viel labiler sind, deren Phantasie allein schon bei allem, was sie erleben, das klare Bild der Wirklichkeit zu trüben vermag.
Die Psychologie der Aussage hat im Lauf der letzten Jahrzehnte viele bekannte Gelehrte beschäftigt. Die verschiedensten Experimente, die auch mit Kindern vorgenommen wurden, zeigen, wie außerordentlich leicht diese der Suggestion unterliegen und falsche Angaben machen, wenn sie auch vorher ganz richtig beobachtet hatten. Die Wahrheit einer mit Bestimmtheit aufgestellten irrigen Behauptung wird oft von einer ganzen kleinen Herde bestätigt. Der mit Sicherheit ausgesprochene Sah: „Ihr habt doch gesehen, dah eben noch mein Buch an diesem Platze lag", veranlaßt die Klassenkameraden, gutgläubig zuzustimmen, obgleich das Buch an diesem Tage zu Haus gelassen wurde.
Ganz besonders schwierig ist es, die Antwort von Kindern nicht schon durch die Fragestellung, durch den Ton der Stimme zu beeinflussen. Wenn man Kinder z. B. fragt, nachdem sie kurz vorher eine Frau ohne Mantel gesehen haben: «Was für einen Mantel hatte die Frau an?" so werden viele von ihnen irgendeinen Mantel schildern, während bei der Fragestellung: „Hatte die Frau einen Mantel an?“ eine viel größere Anzahl richtig mit „nein" antwortet. Aus diesen einfachsten Versuchen bereits ist die Unzuverlässigkeit der Kinderaussagen zu erkennen.
Zu der starken Suggestionswirkung kommen aber noch andere wichtige Momente, die tief im Wesen Les Kindes, des unreifen Menschen, begründet liegen. Wird ein Kind in Gegenwart vieler Menschen etwas gefragt, fühlt es sich als Mittelpunkt und sieht, wie alles gespannt auf seine Antwort wartet, so wird es, um sich interessant zu machen, gern flunkern und übertreiben. Wenn z. B. von Nachbarn angezeigt wurde, daß Eltern ihr Kind prügeln, so wird dieses, nachdem ihm Schuh zugesichert wurde, leicht das Erlittene zu schwarz schildern. Besonders Kinder im Ent- wiälungsalter, deren Phantasie sehr rege ist, bevor das seelische Gleichgewicht sich wieder her- gestellt hat, neigen dazu, aus Aufgeschnapptem und Ausgedachtem allerlei Lügengeschichten zu konstruieren, durch die sie andere verdächtigen und oft in eine furchtbare Lage bringen.
Ganz schlimm ist es, wenn Kinder durch Erwachsene zu falschen Angaben veranlaßt werden, irgendeines Vorteils wegen oder um eine strafbare Tat za vertuschen. Diesen Gewissenlosen ist Wohl bekannt, daß die Aussage eines Kindes, das einen guten Eindruck macht, leicht Glauben findet und dadurch oft schwer ins Gewicht fällt. Dieser furch, bare Mißbrauch mühle mit allen Mitteln verhindert werden, nicht nur im Interesse der Angeklagten, sondern auch in dem der Kinder, deren Moral, durch den Zwang, falsch auszusagen, auf das Empfindlichste geschädigt werden muß. Die meisten Pädagogen sind sich klar darüber, welche gefährliche Sache das inquisitorische Ausfragen der Kinder auch in der Schule ist. So beschäftigte sich Jean Paul
Musik in der Kinderstube.
Don Margot Epstein.
Bevor noch das Auge des Neugeborenen die Welt, in die es hineingeraten ist, zu erfassen imstande ist, nimmt sein Ohr Töne, Klänge, Geräusche auf, und sehr früh schon beginnt der kleine Erdenbürger zu reagieren: mit Lust oder Unlustäußerungen, mit Protest ober Nachahmung: lange bevor mit den Worten ein Sinn verbunden wird, zeigen sich so die ersten Sprechoersuche aus Freude an der Nachbildung des Klanges, des Tonfalles, der Tonhöhe, der Tonlänge und rhythmischen Form. Nur auf Grund eines elementaren musikalischen Sinnes lernt jedes Menschenkind sprechen — eine gewisse „musikalische Anlage" muß also in jedem gesunden Kleinkind vorhanden sein.
Das Heranwachsende junge Menschlein entwickelt beobachtend, versuchend, spielend weiter seine Fähigkeiten, erste „Erziehung" versucht (wie Pestalozzi es ungefähr einmal ausdrückt) Handreichung zu leisten bei der Entwicklung der Natur, Gelegenheit zu tätiger Hebung, Schärfung, Verfeinerung aller Sinnes'funktionen zu bieten. Was können wir im frühen Kindesalter zur Pflege der primitiven musikalischen Anlagen tun? Wie können wir der Natur bei der Entwicklung des musikalischen Sinnes „Handreichung leisten"? Man hat in den letzten Jahren in fortschrittlich geleiteten Kindergärten mit sichtlichem Erfolg begonnen, die Errungenschaften moderner Musikpädagogik auf der Basis der unumstößlichen Fröbe Ischen Grundsätze in besonderer, kindlicher Wesensart angemessener Weise auszuwerten. Manches davon wird sich auch in der häuslichen Kinderstube durchführen lassen, manches wird nur unter Leitung einer hierfür geschulten Kindergärtnerin möglich sein.
Mit größter Freude und ganz erstaunlich fein reagieren schon ganz Kleine auf einfache, von Geräuschen ausgehende Gehörbildungs-Hebungen. Sie erraten mit geschlossenen Augen nach dem Klang beim Fallenlassen, Schüteln usw. ihnen bekannte Gegenstände, stellen fest, aus was für Material sie gemacht sind. Die größeren werden schon vor Aufgaben anderer Art gestellt: auf abgestimmten Plättchen finden sie beim Anschlägen mit Hämmerchen
Lugend und Hochschule.
eingehend mit diesem Thema. Er betont, wie leicht man die Kinder in die Lüge hineintveibt. Sie sind nun einmal geneigt, eigene Fehler $u vertuschen und ein Unbeliebtes anzuschwärzen.
Den Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren wird durch Paragraph 56 des Strafgesetzbuches Straffreiheit zugebilligt, wenn sie die zur Erkenntnis der Strafbarkeit ihrer Handlungsweise erforderliche Einsicht nicht besessen haben. Das ist der beste Beweis dafür, wie sehr man mit dem Mangel an Einsicht in diesen Jahren noch
zu rechnen hat. Ein Kind oder ein Halbwüchsiges wird wohl nur selten jedes Wort bei einer Aussage richtig abwägen, da es sich seiner ungeheuren Verantwortung noch nicht bewußt sein kann, noch nicht weiß, dah es durch ein unbedachtes, unwahres Wort das Leben eines Menschen zu zerstören vermag. Man sollte es daher grundsätzlich nicht in Situationen versetzen, denen es nicht gewachsen ist und in denen es nicht wieder gutzumachenden Schaden stiften kann.
Mer aus einer nordischen Msenstadl.
Don X Kaulih-Niedeck.
Dorpat, im Sommer 1929.
Estlands Städte liegen unter einem müden, verschwommenen Farbenton, verdrießlich, ungastlich und sich selbst langweilend. Die einzige Ausnahme bildet D o r p a t, . das Helle, muntere Musenstädtchen an den Usern des Embach. Fröhlich ausgeschlafen, keck und plauderluftig blickt es den Fremden an und möchte ihn festhalten, weil es weiß, dah es ihm Wohlsein wird in den gartenumschlossenen Wohnstätten an blanken, hügeligen Straßen. Die aus Deutschland einst in den Norden berufenen Universitätsgelehrten haben wohl alle ihre Vorurteile gegen Dorpat abgelegt, nachdem sie einmal vom Domberg aus über das fast terrassenartig angelegte Stadt- innere gesehen haben mit den auf Hügeln sich verkrümelnden ' Stadtausläufern. Irgendwie hängt diesen Wohn- und Straßenwinkeln eine deutsche Erinnerung an. Irgendetwas trägt die Aehnlichkeit an muntere Kleinstädte Mitteldeutschlands, so wichtig tuender Geschäfts- und Handelssinn auch den geistigen und musigen Menschen neben sich leben läßt. Doch manches ist anders als in Deutschland: Gedenktafeln, die erzählen könnten von den bedeutenden Gelehrten, die in Dorpat gewirkt haben, fehlen. Nur an den berühmten Zoologen K. E. v. B a e r erinnert ein Denkmal. Die Stadt am Embach scheint „trocken" zu fein; es gibt nämlich keine Bier- und Weinhäuser, und man geht dafür fleißig in eine der kleinen alten Konditoreien, wo jeder dritte Besucher Stammgast ist.
Die Domanlagen. Der Dorpatenser ist verliebt in diese schattigen, ausgedehnten, verwunschen stillen Alleen, die sich über die tiefer gelegenen Straßen spannen. Vergraben in Stille und Abgeschlossenheit sind eine Anzahl alter und neuer klinischer Gebäude, die Anatomie, die Bibliothek, die Sternwarte. Sieber die Stätten der Weisheit wogen die Ruinen der gotischen Kirche und des Schlosses und erwecken geschichtliche Erinnerungen. In frühester Zeit lag hier eine Estenburg. Klein, ein rührend schlichter Bau, ist die Sternwarte, die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die berühmteste der Welt gewesen ist. Droben im Kuppelbau haben die Struves und M ä d l e r die Geheimnisse der Him
melskörper studiert. Und durch die feierlich geschlossene Eisenpforte gingen und kamen viele, viele große Gelehrte. Benachbart davon, in der unteren Stadt, liegt das Universitätsgebäude. Studenten und Studentinnen sprechen meist estnisch. Das Deutsche ist aus den Hörsälen fast restlos verschwunden. Einst war es hier anders.
Die Freude der Hausfrauen bildet der Nahrungsmittelmarkt, dessen Hauptader bis zum Embach rinnt. Förmlich erschreckend, diese Fülle an Eßbarem. Spaßig zu fragen, wie diese Mengen von Grünzeug, Eiern, Butter, Geflügel, Fischen, und ganz besonders Fleisch verschwinden können in den Mägen der Bewohner einer einzigen Kleinstadt, die täglich durch eine Anfuhr zu Wasser und zu Lande vor diese fabelhafte Aufgabe gestellt wird und sie anscheinend auch löst. Denn lange vor Mittag sind die nahrhaften Verkaufsstände nahezu ausverkauft.
Am Embach. Ein wirklicher Hafenverkehr entwickelt sich an diesem Flüßchen. Hier liegen Dampfer und Fahrzeuge, die zum Peipus- und zum Pleskauschen See fahren und ins singfrohe, sagenreiche, noch wenig bekannte Land der Settu- kesen. Bedauerlich, daß die Fahrgelegenheit unbequem und reichlich zeitlos ist, so daß eine Reise eine halbe oder ganze Woche fordert, die anderswo in einem einzigen Tage zu erledigen wäre. Zwischen gestapelten Kwasflaschen wartet ein Settukesen-Mütterchen in dunkler Tracht, Weißbrot kauend, auf ihren Dampfer. Nächtlicherweile war sie von Reval aus unsere Reisegefährtin gewesen: sie erzählte von der Beschwerlichkeit und Umständlichkeit ihrer Heimfahrt, die etwa 3 Tage verschlinge. Dabei ist die Entfernung gewiß nicht größer als jene zwischen Hamburg und Frankfurt a. M. Das Altchen sprach russisch wie alle Settukesen, die eigentlich einem Estenstamme angehören. Ein eigenartiger Volksschlag, dem Ueberlieferung und alte Sitte über alles geht und der aus seiner Weltferne neue Dinge und Ereignisse mit Erhabenheit und Humor anschaut. Unsere Settukesin war seelenallein in der Landeshauptstadt in ein russisches Ballett spaziert, hatte in Kops- und Umschlagetuch in einer Loge gesessen und plauderte jetzt- weise von der Sicherheit und Zierlichkeit tanzender Fußspitzen.
Gemeinschaftsspiele der Zungen.
Von Hans Kalischer.
In der Jugend hat, wenn man von der individueller. Ausdruckssprache des einzelnen Kindes abjieht, jedes Alter und Geschlecht seine typischen Spiele. Eine Unterscheidung gilt jedoch saft durchgehend für alle Altersstufen: es gibt Einzel- und Sozialspiele. Das Kleinkind ist seinem ganzen Wesen entsprechend, zunächst auf die Beschäftigung mit sich selbst eingestellt. Doch das eigentlich nur im Anfang, wo es sich beim Spiel fast ausschließlich um eine Siebung und Entwicklung der Körpergeschicklichkeit handelt. Bereits in dem früh beliebten, einsamen „Rollespiel", in dem das Kind sich selbst kraft seiner Phantasie in Gegenständen und Personen der Umwelt verwandelt, nimmt es doch mit dem Leben außer sich Fühlung. Bald wird sich auch hier schon der kleine eingesponnene Außenseiter von dem Kinde
unterscheiden, das schneller und zielbewußter zum Spielgefährten drängt. 3n dieser Hinsicht erhalten Spiele oft Symptomwert. Das Derweilen beim Einzelspiel, nur in Grenzen normal, zeichnet die Situation des einzigen Kindes oder es macht auf geistige Schwächen oder ein durch Erlebnis- wunden bedingtes psychisches Gehemmtsein aufmerksam.
Uns interessiert hier aber in der Hauptsache eine Art charakteristischer Gemeinschaftsspiele, die besonders die Jahre vor und während der Reife erfüllen und typisch für die Entwicklungsrichtung der männlichen Jugend sind. Es ist ungefähr die Zeit, in der sich der Elf-, Zwölf- und Dreizehnjährige in die abenteuerliche Gefolgschaft des Robinson, Gulliver, nicht zuletzt in die der verherrlichten Karl-Mah-
ben oorgesungenen Ton in der richtigen Höhe wieder, sie sind bald imstande, auf diesem ersten „Instrument" oder auf einem im Prinzip ganz ähnlichen Glöckchenspiel kleine Melodien wiederzugeben und vor allem mit Begeisterung selbst zu erfinden, zu improvisieren. Eine große Schwierigkeit stellt sich diesen Versuchen freilich heute in der Praxis noch entgegen: nur mit der größten Mühe ist es vorläufig möglich, solche Kleinkinder-Musikspiel-Jn- ftrumente wirklich rein gestimmt zu kaufen zu bekommen. Das ist aber notwendig, wenn nicht das feine unverbildete Ohr des Kindes dadurch verdorben, statt entwickelt und erzogen werden soll.
Kinder sind Miniatur-Künstler. Was sie erfaßt haben, was sie beschäftigt und erfüllt, das wollen sie darstellen. Solch ein kleines Melodiegebilde in plastisch-eindrucksvoller Art aufzuzeichnen, beglückt sie. Man wird vom Inhalt des Liedes ausgehen: Blumen, Sterne, Häschen, Vögel, Schmetterlinge — wovon da gesagt und gesungen wird — das malt man in bunten Farben mit den kleinen Sängern in entsprechenden Intervallen nieder, jeder Ton ein Bienchen, bald höher, bald tiefer fliegend z. B. wenn es „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum" ist, was in dieser promitiven ersten Notenschrift ausgezeichnet werden soll. Auch Spiel ist dem Kinde gemäße Darstellungsform: die bunten Bälle — für jeden Ton der Tonleiter eine lustige Farbe — die die Tonika-Do-Methode für das Kleinkind erfunden hat, das Tonika-Do-Farbton-Lege- spiel sind ebenso reizende Beschästigungsspiele, wie ausgezeichnete Hilfsmittel musikalischer Kleinkind- Erziehung.
In zwanglosem, an die täglichen Erlebnisse am knüpfendem Bewegungsspiel findet sich mancherlei Möglichkeiten musikalischer, insbesondere rhythmischer Schulung. Das Kind ist eine Straßenbahn: nun laufe im Takt auf deiner Schiene! Bald langsamer, bald schneller spielt dazu die Erzieherin auf dem Klavier oder schlägt auch nur ein Gong. Wie kurbelt der Führer an, wie bremst er? Steig ein, setze dich — alles im Takt der Musik. Oder wollen wir heute lieber Holzfäller im Walde oder Schuster in der Werkstatt oder Wäscherin oder Schneeball- Schlacht nach Musik spielen? Tausend Möglichkeiten zu rhythmischer Erziehung Dalcrozescher Art gibt es in frohem Spiel mit Kleinen und Aller- kleinsten.
Aber das Allerschönste des Schönen von der Musik im Kindergarten nach dem Urteil der kleinen Musikanten ist und bleibt doch wohl „das Orchester". Die schlimmsten Lausbuben werden beängstigend brav, wenn ihnen angedroht wird: „Sonst darfst du heute nicht im Orchester mitspielen!" Mit Triangeln, Tamburins, Kastagnetten und anderen nicht tonal abgestimmten Instrumenten sitzen sie im Kreis ums Klavier, stolz thront im Hintergründe „die" Trommel und „das" Becken, die beiden einmalig Vorhandenen. Das- in prägnantem Rhythmus gewählte Klavierstück wird oorgespielt und dann gemeinsam „instrumentiert", d. h. die zu jeder Stelle gut passenden „Instrumente" werden ausgesucht, und dann kann das Vergnügen losgehen: nach dem Taktstock, den die Kindergärtnerin oder ein größeres, begabtes Kind schwingt, setzen die Instrumente an den verabredeten Stellen fein präzis ein und begleiten genau im Takt das Klavier — unb wenn man geschickt instrumentiert hat, bas Stück sich eignet und die Kinder ihre Instrumente gut handhaben, kann es oft wirklich hübsch Hingen, abg^ sehen davon, daß es die Kinder rhythmisch und auch klanglich ausgezeichnet schult.
Das Hauptinstrument für Musik mit Kleinen und Allerkleinsten wird freilich stets die menschliche Stimme fein und bleiben, der wichtigste und schönste Faktor erster Musikerziehung, das Kinderlieb. Viel und gut mit Kindern zu fingen ist erste Forderung, selbstverständliche Grundlage für alles vorher Angeführte. Unb wie das Kind mit steinern Gefühl für Echtes und Ursprüngliches viel lieber einem der alten Volksmärchen lauscht, als eins der erfundenen Kunstmärchen neueren Datums erzählen hört, so unterscheidet es auch durchaus zwischen unseren überlieferten, aus alten Sitten unb Gebräuchen entstanbenen Volkskinderliebern voll bewegter Hanblung unb ben von „Kinderfteunben" erdachten, oft sentimental-süßlichen Kunstkinderlie- bern betrachtenden Inhalts. Wenn Kinder allein singen unb spielen, wirb man fast immer bie psalmobierenb-monotonen uralten Abzähl-, Steigern unb Ansingelieber von ihnen hören, bie sich neben ben wunberschönen Dolks-Wiegenliebern durch Jahrhunderte erhalten haben.
Während man bet den Liedern, die man mit ben Kindern singt, nur der kindlichen Vorstellungswelt und dem kindlichen Derfasfungsvermögen Ange-
Helben begibt. Ein Spaziergang Ins Freie, unternommen zur wärmeren Jahreszeit, belehrt uns darüber, dah wir es hier mit seelisch fest eingewurzelten Spielen zu tun haben, die trotz der Veränderung des Weltbildes durch Technik und Sport ihren romantischen Grundzug bewahrt haben. Bei näherem Zusehen jedoch weicht der romantische Schein vor dem Eindruck einer tieferen naturgewollten Lebensnotwendigkeit. Denn das Räuber- und Gendarmen-, Trapper- und Jndianerwesen, das mit seinen unzähligen Abarten auch die kümmerlichste Grohstadt-Oase belebt, hat wie alle Dandenspiele der Jungen, einen Zweck zu erfüllen, den diese selbst nicht kennen. Diese Spiele nämlich, zu Unrecht der Schrecken übereifriger Rasen- unb Parkwächter, haben neben der natürlichen Befriedigung der Kampfeslust ihre besondere Bedeutung als ein spontaner Durchbruch unb eine Hebung der sozialen Instinkte. Wetteifer, Selbstbeherrschung, Geistesgegenwart, Hilfsbereitschaft und das Talent, sich als Führer zu erweisen, sind ja lebenswichtige Fähigkeiten, die die Jugend nicht in, der künstlichen Gemeinschaft der Schulklasse herkömmlichen Stils, sondern allein in der frei gewachsenen Spielgruppe unter Kameraden hervorbringen und entfalten kann.
Man kann beobachten, daß sich die Formen des Sozialspiels mit dem fortschreitenden Alter der Jugend ändern, nicht aber ihr Sinn. So wird aus der Jungen bande der Jungen verein. Oft bestehen diese beiden Formen nebeneinander oder sie gehen ineinander über. Auch der Verein entspringt einem freiwilligen Zusammenschluß der Jungen, auch er bereitet auf die Leistungen im Gemeinschaftsleben vor. Das Bild der erwachsenen Gesellschaft wird dabei zum Muster ge- nommen und lenkt das Vereinsspiel in die dort üblichen Bahnen. Es werden Sitzungen anbe- raumt, Beschlüsse gefaßt, Protokolle geführt, Vorsitzende gewählt und abgesetzt usw. Besonders kindlich fällt die Kopie dann aus, wenn eine veräußerlichende Nachahmungsfreude an den Formalitäten bie eigentlichen Aufgaben und den Zweck des Vereins erstickt. So lamxte ich einen Knabenverein mit dem verheißungsvollen Namen „Amicitia" (Freundschaft), dessen Tätigkeit sich fast allein in derartigen Verwaltung«technischen Auseinandersetzungen erschöpfte.
Aber die Zeichnung dieser geselligen Jungen- spiele wäre lückenhaft, wollte man die anderen Eefühlskomponenten übersehen, die zu den geschilderten Gründungen wesentlich beitragen. Denn obwohl man ben Großen in äußeren Formen nacheifert, bie Grundstimmung der Jungenbünde, der Banden wie der Vereine, nährt sich doch von der Opposition gegen den Erwachsenen. Seine Sieberwindung ist das klug verhüllte, von Jugend zu Jugend wiederkehrende Ziel der Knabenkämpfe. Sim ihm gleich, um von ihm unabhängig zu sein, werden oft beträchtliche Opfer, besonders von den halbwüchsigen Jungen, gebracht. Diese Spiele stellen langsam das Gleichgewicht zwischen den Generationen her. Auch mangelndes Vertrauen, mangelnde Ehrlichkeit der Erwachsenen wird mit gleicher Münze vergolten. Vielfach umgibt darum eine Geheimsprache als unsichtbare Mauer einen solchen Bund. Oder die Absichten eines Junqenverbandes greifen weiter, als es sein öffentlicher Werbename verrät.
Zeitgenössische Dichter haben sich des dankbaren Stoffes der Jungenspiele angenommen. So schildert Franz Molnar, mit wehmütigem Lächeln in die Kindheit schauend, in seinen „Jungen der Paulstraße" die mit kindlichem Emst geführten Kämpfe zweier Jungenhorden um einen vielbegehrten Bauplatz inmitten der Großstadt. Doch am unvergeßlichsten bleibt wohl jedem die kleine Heldenschar der „Räuberbande" in dem bekannten Roman Leonhard Franks. Mit welcher romantischen Begeisterung diese Jungen anfangs in Kampf und Abenteuer ziehen, wie sie dann älter werdend ihre Ziele umstellen und sich schließlich lautlos im Leben des Alltags verlieren, das ist nicht nur mit Wärme und Humor, sondern mit einer scharfen Beobachtung für die Knabenfeele gestaltet.
messenes wählen sollte, braucht man in bezug auf das, was man zum Vorsingen, Mm Vorspielen, zum Zuhören bietet, durchaus nicht sich dem Niveau der Kleinen ängstlich anzupassen. Gerade die künstlerischen Eindrücke, die im Moment nicht restlos vev> arbeitet werden, die weiter im Kinde leben, seine Phantasie beschäftigen, sind erfahrungsgemäß die stärksten und nachhaltigsten, wie jeder aus feinen eigenen Kindheitserinnerungen leicht nachprüfen kann.
In vielen Kindergärten — in vielen häuslichen Kinderstuben spielt die Musik noch eine Aschenbrödel-Rolle neben der bildenden Kunst, die seit langem durch Zeichnen, Malen, Modellieren, Ausschneiden usw. ausgiebig gepflegt wird. Freilich: erste Vorbedingung für eine Wandlung darin ist ausreichende Vorbildung und Orientierung des Erwachsenen, der Mutter, Erzieherin, Kindergärtnerin. Der Schul» musik-Hnterricht ist gründlich reformiert worden, $ur Verbesserung der Musikpflege im Kindergarten sind erst die ersten, vorbereitenden Schritte getan. Man beginnt folgerichtigerweise mit einer Reform, des Musikunterrichts an den Kindergärtnerinnen-Semi- naren: im Dezember 1928 sind die neuen Richtlinien des Kultusministeriums erschienen, in den ersten Apriltagen 1929 fand im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht eine erste Tagung über Musikpflege im Kindergarten unter sehr .zahlreicher Beteiligung aus dem ganzen Reich und dem Auslande statt, nun roerben in Arbeitsgemeinschaften die Pläne eingehend durchgearbeitet, erste Ausbildungskurse finden in der Berliner Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit einerseits, im staatlichen Musiklehrer-Seminar an der Akw demie für Kirchen- und Schulmusik andererseits noch, in diesem Jahre statt.
Der Kindergarten wird so allmählich zu einer Stätte grundlegender musikalischer Erziehung in zwanglos-undidaktischem Anschluß an kindliches Spiel und tägliches Leben werden. Die Pflege und Entwicklung der musikalischen Anlagen tn der Haus- liehen Kinderstube liegt in der Hand der Eltern __ t>er Mütter insbesondere — und man möchte nicht zuletzt von den Kindergartenmusik-Reform- Bestrebungen erhoffen, daß durch sie auch in gamw lien- und Erzieherkreisen Interesse und Verständnis für die besonderen Aufgaben erster Mufikpflege beim oorschulpflichtigen Kinde geweckt wird.


