Die ersten NnßlandflüchLlinge im Lager Hammerstem.
Ein herzliches Willkommen in Deutschland.
Hämmerst ein, 3. Dez. (TL1.) Der Sonderzug aus Swinemünde mit den ersten aus Rutz- land geflohenen deutschen Kolonisten ist am Montag um 22.30 Llhr in Hammer st ein eingetroffen. Sie wurden sofort in das Lager überführt, wo der Lagerdirektor, Major a. D. Fuchs, die Flüchtlinge mit einer kurzen Ansprache im Namen der deutschen Negierung und Bevölkerung begrüßte. Er wies darauf hin, daß das Volk alles tun werde, um zu helfen. Davon zeugten die großen Mittel, die trotz der eigenen Not von Regierung und Volksvertretung zur Verfügung gestellt worden seien. Nach der Ansprache wurden die Flüchtlinge in den mit Tannegrün und den deutschen Reichsfarben geschmückten Llcberleitungsraum zur Empfangshalle geleitet, wo ihnen das erste Essen verabreicht wurde. Vielen Flüchtlingen standen vor Rührung die Tränen in den Augen. Der zweite Transport trifft um 4,50 Ufjc aus Eydtkuhnen im Lager Hammerstein ein. Der erste Transportzug umfaßte ursprünglich 303 Köpfe, darunter hundert Kinder. 15 Kinder blieben jedoch mit den Familien, im ganzen 54 Köpfe, in Swinc- münde zurück, da die Kinder masern hatten. Der Transport aus Eydtkuhnen umfaßt 244 Erwachsene, 69 Kinder von 5 bis 12 (Zähren und 88 Kinder bis zu 5 Zähren. Die Transporte werden von Schwestern des Roten Kreuzes begleitet.
Die deutschen Kolonisten, die in Hammerstein eingetroffen sind, verfügen über keine einzige Kopeke baren Geldes mehr. Sämtliches Geld wurde ihnen von den Russen, wenn auch nicht in Moskau, so doch in Leningrad abgenommen. Manche sind vereits seitJuni unterwegs. Es find kleine Kinder unter den Flüchtlingen, die in der heutigen Nacht zum erstenmal seit einem halben Jahre wieder Milch bekommen. Von den vor Moskau lagernden Flüchtlingen sind 200 Familienväter fest - genommen worden und die anderen Familienmitglieder nach Sibirien zurückgeschickt worden. Sie wissen nicht, was aus ihren Vätern geworden ist. Trotz aller !)iot und trotz allen Elends find die Flüchtlinge doch guten Muts. Ihre Zuversicht ist durch den überaus herzlichen Empfang in Deutschland sehr gestärkt worden. Alle Kolonisten, die bisher eingetroffen sind, beabsichtigen, nach
men und einen Wert von etwa 2000 Mark haben. Diese Leuchter sind ein Geschenk der Gebrü- dcrSklarekan Schneider, der nächster Tage darüber vernommen werden wird, aus welchem Anlaß ihm die kostbare Gabe gespendet wurde. Das Arbeitszimmer des Untersuchungsrichters birgt auch sonst eine Fülle wertvoller Geschenke, die die Gebrüder Sklarek ihren beamteten Freunden zuwandten. Ob diese Geschenke den Gläubigern zugute kommen werden, oder der Staat zur Bestreitung der Prozeßkosten seine Hand darauflegen wird, steht noch nicht fest.
Deutscher Reichstag.
Ausliefcrungsgesctz. — Berufsausbildung.
Berlin, 2.Dez. (DDZ.) Auf der Tagesordnung steht zunächst die zweite und dritte Beratung des Entwurfs eines deutschen A u s - lieferungsgeseheS. Die M s i.se.ung ve- gen politischer Taten ist beschränkt auf vorsätzliche Verbrechen gegen das Leben. Sie vorläufige Auslieferungshaft darf nur einen Monat dauern. Zur Entscheidung über die Ersuchen ausländischer Regierungen ist die Reichsregierung zuständig, während die Länder nur im Auftrage des Reiches tätig werden können.
Abg. Dr. M a r u m (Soz.) begründet die sozialdemokratischen Aenderunzsanträge. Danach soll die Auslieferung nur zulässig fein, wenn Gewähr dafür besteht, daß keine nach deutschem Strafgesetz unzulässige Strafe vollstreckt wird. Die Höchstdauer der Auslieferungshaft soll vier Monate betragen, soweit ein außereuropäischer Staat um die Festnahme ersucht hat, sechs Monate. Die So'ialdemokraten würden im übrigen dem Gesetz zustimmen.
Abg. Dr. von Freytagh-Lorrnghoven (Dn.) lehnt die Vorlage oo. Die Liebertragung des Auslieferungsrechts auf das Reich bedeute einen zu starken Eingriff in die Rechte der Länder. Es sei besser, den bestehenden Zustand auf
Kanada auszuwandern. Viele haben dort Verwandte, von denen sie Unterstützung erhoffen. Da sich die Erteilung der Einreiseerlaubnis nach Kanada zu verzögern scheint, werden die Rußlandflüchtlinge wohl den ganzen Winter über im Lager Hammer st ein bleiben.
Was muß praktisch geschehen? Ein Appell des Vereins für das Deutschtum im Ausland.
Der Verein für das Deutschtum int Ausland hat einen Appell beschlossen, in dem es heißt: Rach russischen Meldungen sollen von den 13 000 deutschen Bauern, die bei Moskau zufammen- geströmt waren, 9000 wieder in den russischen Winter zurückgeschickt werden. Es handelt sich um diejenigen Bauern, _Öie zur Zeit noch keine Lleberfahrtsmög- l ichkeit nach Kanada oder Brasilien haben. Diese Deutschen dürfen aus keinen Fall in ihrer völligen Hilflosigkeit ihrem Schicksal überlassen werden. Auch von deutschen amtlichen Stellen ist die Lieberzeugung zum Ausdruck gebracht worden, daß der Rücktransport für den größten Teil dieser nun entwurzelten Menschen den -Untergang bedeuten würde. Der D. D. 21. dankt der Reichsregierung, daß sie sich im Sinne selbstverständlicher Volksverbundenheit talkräf.ig für die deutschen Volksgenossen in Rußland eingesetzt hat und richtet die dringliche Bitte an die maßgebenden Stellen, durch geeignete Maßnahmen der internationalen Humanitären Fürsorge das Schicksal dieser in unmittelbarer Todesgefahr schwebenden Deutschen zu überwachen. Der D. D. 21. erhebt ebenfalls die Aufforderung, nötigenfalls diesen anscheinend dem Untergang preisgegebenen deutschen Bauern, die jahrhundertelang Volksart und 2)äterglauben unter den schwierigsten 2)erhältnissen bewahrt haben, Siedlungsland im deutschen Osten zur Verfügung zu stellen. Die Möglichkeit, eine solche mit sparsamsten Mitteln vor sich gehende Ostsiedlung durchzuführen, ist gegeben, wie sich nach eingehenden Verhandlungen der Fachleute erwiesen hat. Das deutsche Volk wird sich niemals damit abfinden, daß Tausende deutscher Bauern elend zugrunde gehen, während der deutsche Osten auf Siedler von der Art und Geeignetheit dieser Rückwanderer geradezu wartet.
recht zu erhalten. Eine Notwendigkeit für das vorliegende Gesetz bestehe nicht. Das Ueber- wuchern der Gefeymacherei müsse aufhören.
2lbg.Dr. Alexander (K.) begründet eine ganze Reihe von Aenderungsanträge. u. a. die Einfügung eines § 3 b: Die deutsche Republik gewährt politischen Flüchtlingen Asyl. Politische Flüchtlinge dürfen an den deutschen Grenzen unter keinem Vorwand abgewiesen oder nach erfolgter Grenzüberschreitung ausgewiesen werden.
Reichsjustizminister von Guerard weist darauf hin, daß die Forderung nach einem Auslieferungsgesetz schon 1892 vom Reichstag erhoben worden ist. Das Reich habe auch immer den Standpunkt vertreten, daß es in diesen Fragen zuständig sei. Schwierigkeiten würden sich aus der gesetzlichen Festlegung dieser Zuständigkeit nicht ergeben.
Abg. Koch-Weser (Dem.) erklärt, es würde höchst bedenklich sein, die Frage her Zuständigkeit im Gesetz offen zu lassen. Die Beantragung der Auslieferung fei schon unter Bismarcks Zeiten immer als Sache des Reiches betrachtet worden. Das fei auch die einzig mögliche Lösung der Frage. §43a komme den Ländern schon außerordentlich weit entgegen, indem er die Reichsregierung ermächtige, ihre Befugnisse den Landesregierungen zu übertragen.
Damit schließt die allgemeine Aussprache. Das Haus ist beschlußunfähig, da die Deutschnationalen der Abstimmung ferngeblieben sind.
In einer neuen anberaumten Sitzung steht auf der Tagesordnung der Entwurf eines Berufs- ausbildungsgefetzes. Das Gesetz faßt alle bisher verstreuten Bestimmungen über Lehrverhält- niffe und dergleichen zusammen und regelt diese Verhältnisse für solche Berufsgruppen, in denen bisher solche Vorschriften noch nicht galten. Don einer Begriffsbestimmung wurde jedoch abgesehen, da der Begriff Lehrling nicht erschöpfend umschrieben werden konnte. Ausgenommen von dem Gesetz sind die Beamten, die landwirtschaftlichen Arbei
ter, Angestellte und Lehrlinge, die Praktikanten in Apotheken, die Lehr- und Arbeitsverhältnifse, bei denen die Eltern die Arbeitgeber sind.
Reichsarbeitsminister Wisscll begründet die Vorlage. Die BerufsberatunZsstellen und der ungeahnte Aufschwung des Berufsschulbildungswesens beweisen, wie überall die Erkenntnis wächst, daß eine gut ausgebildete Facharbeiterschast das Rückgrat der 'deutschen Wirtschaft bildet. Eine mangelhafte Be- rufsausbildung ist auch eine soziale Gefahr für den Arbeiter: denn der nur einseitig und mangelhaft ausgebildete Arbeiter steht bei Konjunkturschwankungen zuerst vor der Gefahr der Entlassung. Er findet auch schwerer neue Arbeit als sein besser ausgebildeter Kollege. Bisher gibt es kein allgemeines Recht für die Berufsausbildung Jugendlicher. Das Prüsungswesen ist bisher nur auf die handwerklichen Lehrlinge beschränkt. Der vorliegende Gesetzentwurf macht zum ersten Male den Versuch, das gesamte Beruf Sau lb'.ldungs- wefeu einheitlich zu regeln. Das soll nicht zur Schematisierung führen, sondern es handelt sich um ein Rahmengesetz, das der 'beruflichen Selbstverwaltung den weitesten Spielraum läßt. Für Berufe, deren Verhältnisse von denen anderer Berufe stark abweichen, wird das Ausbildungswesen durch ein Sondergesetz geregelt werden müssen. Das Prüfungswesen muh eine weitere Ausdehnung erfahren. Die Vorlage wird dem Sozialpolitischen 2lusschuh überwiesen. — Dienstag: Auslieferungsgesetz und kleinere Vorlagen.
Aus dem Grsetzgebungsaus- fchuß des Hessischen Landtags.
Darmstadt, 2. Dez. 3m GesetzgebungS- ausschuh des Hessischen Landtages wurde ein Antrag des Zentrums, der eine Novelle zum Feldbereinigungsgesetz verlangt, von dem 2lntragsteller Weckler (Z.) eingehend begründet. Er erklärte, das Feldbereinigungsgefetz habe sich gut bewährt und sich segensreich ausgewirkt, so daß nur wenig Aenderungen an dem Gesetz notwendig seien. Dies gelte insbesondere für den Artikel 4 über die zwangsweise Zustimmung zum Feldbereinigungsgesetz und Artikel 50, der die Zuständigkeit des über» schiedsgerichtes behandelt. Die Regierung erklärte sich zu den gewünschten Aenderungen bereit und der Ausschuß nahm den Antrag einstimmig an. — Ein Antrag des Bauernbundes, der sich gegen die Einschleppung von Viehseuchen, insbesondere der Leberegelseuche und die Lungenseuche durch außerhessische Viehherden ausspricht, wird durch die Regierungsantwort für erledigt erklärt. Der Ausschuß bringt jedoch zum Ausdruck, daß die Regierung namentlich bei der Zulassung auswärtiger Schafherden auf die hessischen fiskalischen Weiden große Zurückhaltung beobachten und in gleichem Sinne auch auf die Gemeinden einwirken möge. — Zum Schluß wurde noch eine Gesetzesvorlage angenommen, die die durch die Zusammenlegung der Hessischen Girozentrale und der Kommunalen Landesbank mit Wirkung vom 1. Januar 1930 unter der Firma Landeskommunalbank — Girozentrale für Hessen erforderlich werdenden Gefetzesunterlagen behandelt.
Aus dem Finanzausschuß des Hessischen Landtags.
D a r m ft a d t, 2. Dez. Der Finanzausschuß des Hessischen Landtags nahm zunächst einstimmig eine Regierungsvorlage an, die zur Beschaffung von Badewäsche und für bauliche Ausführungen in Bad-Nauheim und Bad Salzhausen 61.800 Mark verlangt. Ein Antrag des Bauernbundes, der sich mit der Stundung von Landes st euern bei landwirtschaftlichen Steuerpflichtigen befaßt, konnte noch nicht be» raten werden, da hie von der Regierung eingeleiteten Erhebungen noch nicht abgeschlossen sind. Ein weiterer Bauernbundantrag, der die Stundung von Pachtgeldern für fiskalische Grundstücke für das laufende Pachtjahr fordert, wurde durch die Negierungsantwort für erledigt erklärt. Die Regierung erklärte, daß sie eine allgemeine Stundung aus Gerechtigkeitsgründen nicht vornehmen könne, daß sie aber die Verwaltungsbehörden angewiesen habe, im einzelnen Falle Entgegenkommen zu zeigen. Abgelehnt wurde die Eingabe des Verbandes der hessischen Bau?, Kunst-, Gewerbe- und Ma- fchinenbauschulmänner zu Offenbach a. M., wegen Einstufung in die Besoldungsordnung. Der Antrag wurde der Regierung als Material überwiesen.
anderen Alliierten — außer Rumänien — von den Ostreparationen gedeckt.
4. Die tschechische Besreiungsschuld ist auf 37 Annuitäten von je 11 Millionen Mark festgesetzt worden.
5. Lim bis zu einem gewissen Grade die Bezahlung dieser Schuld ausgleichen zu können, hat die Tschechoslowakei einen prozentualen Anteil an den Ostreparationen verlangt. Rumänien habe sich sofort bereit erklärt, dies Anteil zu bewilligen. Wahrscheinlich werde der südslawische Vertreter, der in dieser Hinsicht noch keine Instruktionen erhalten hat, das gleiche tun.
Alle diese Beschlüsse, so betont das Blatt, seien unter dem von den Großmächten und der Kleinen Entente gemachten Vorbehalt der endgültigen Annahme des 2) ouugP1 a - nes und hinsichtlich der Regelung der rumänischen und ungarischen Reparationen gefaßt worden. Die Zustimmung der bulgarischen Regierung zu den ihr eingeräumten günstigen Bedingungen sei wahrscheinl ich. Alles hänge aber von einer Einigungmit Ungarn ab, das sich unnachgiebig verhalte und vollkommen isoliert sei. Llm eine allgemeine Verständigung zu erleichtern, hätten die alliierten Großmächte sich bereiterklärt, von 1943 ab auf ihren Ostreparationsanteil zugunsten der Kleinen Entente zu verzichten, um sie gegenüber ungarischen Gegenforderungen zu decken.
Die russisch-chinesischen Einigungsverhandlungen.
Moskau, 1. Dez. (Telegraphenagentur der Sowjetunion.) 2lm 30. November traf in dem Grenzort Gradekowa der diplomatische Kommissar aus Charbiu, Tsaiyunschen, in Begleitung des Derwaltuugsmitgliedes der Ostchinabahn, Lischaogen, ein und teilte mit, er wünsche, da Marschall Tschanghsuliang sämilicheVo.schic ge der Sowjetregierung angenommen habe, mit dem Agenten des Außenkommissariats in Chabarowsk, Simanowski, zu einer Besprechung über die Methode der Durchführung des Punktes 2 dieser Vorschläge zusammenzutreffen. Tsaiyunschen und Lischaogen wurde gestattet, sich nach Nikolskussiriisk zu begeben, wohin sich auch Simanowski, der bereits aus Chabarowsk ab- gereist ist, begeben wird.
Mandschureikonflikt und Kettoggpakt.
Ein Schritt Amerikas im Fernen Osten
Washington, 2. Dez. (WB.) Das Staatsdepartement richtete heute an China und Sowjetrußland eine sehr bestimmt gehaltene Erklärung, in der darauf hingewiesen wird, daß laut Ar- tikel2desKelloggpaktesdie Signatare sich verpflichtet haben, die Losung aller Streitfragen nur durch friedliche Mittel zu erstreben. Die amerikanische Regierung erwarte, daß die beiden Regierungen von feindlichen Handlungen absähen und sich in naher Zukunst über eine Methode einigten, durch die der gegenwärtige Konflikt auf friedlichem Wege bereinigt werden könne. Die amerikanische Regierung sei überzeugt, daß die Achtung, deren sich China und Rußland fortan in der Weltmeinung erfreuen könnten, zum großen Teil von der Art und Weise abhängen wird, wie fie ihr im Kelloggpakt übernommenes feierliches Versprechen zur Durchführung bringen. Bei der Bekanntgabe dieser Erklärung sagte Staatssekretär Stimson: Der Absendung der Erklärung seien Besprechungen mit fünf Großmächten vorausgeganaen, jedoch stelle der gegenwärtige Schritt einefelbftänbige amerikanische Aktion dar und fei unternommen worden, weil zwischen regulären chinesischen und regulären russischen Truppen Kämpfe mit vielen Todesopfern ftattegfimben hätten, ferner, weil es seststehe, daß in all den Monaten feit Beginn des Konfliktes keine wirksamen Schritte zur friedlichen Beilegung von China oder Rußland unternommen worden seien.
Die Geschenke der Gklareks.
Silberne Leuchter für Bürgermeister Schneider.
Berlin, 2. Dez. (WB.) Im Verlaufe der Untersuchung gegen die in das Sklarekverfahren verwickelten Beamten hat der Untersuchungsrichter jetzt beim Bürgermeister Schneider auch zwei s i l - berne Leuchter beschlagnahmt, die von einer der bekanntesten Berliner Juwelierfirmen flam-
Alarm im Schnellzug.
Von Hans Niebau.
Der Schnellzug hat Batherly passiert. Die Passagiere dösen. Auch Parker, der telephoniert, döst. Ab und zu steht er auf, öffnet einem Reifenden die Telephonzelle und stellt die Verbindung über Chi- fago her.
Die schwarzen Schaffner fangen an, die Betten herzurichten.
„Niemand wird heute mehr telephonieren", denkt Parker und gähnt.
Da flammt ein rötliches Licht auf.
„Hallo!" ruft Parker in das Mikrophon, „hier Schnellzug Z 204."
„Hier Betriebsamt Chikago", tönt es zurück, „paffen Sie genau auf, was ich jetzt sage."
Parker paßt genau auf, was der andere sagt. Er wird ein wenig blaß. Dann springt er von seinem Stuhl auf. Ein Sprung, und er hat den Griff der Notbremse in der Hand. Ein Ruck. Die Bremsen kreischen. Parker fällt gegen die Wand. Koffer poltern in den Abteilungen — der Zug steht.
Parker läuft auf den Gang hinaus.
„Was ist los?" schreit der Zugführer.
„Ein Telephonat vom Betriebsamt", stottert Parker. „Die Polizei hat feftgefteüt, daß in unserem Gepäckwagen eine Höllenmaschine eingeschmuggelt ist. Sie soll um 22 Uhr explodieren. In drei Minuten wird es 22 Uhr fein."
„Und da haben Sie —* runzelt der Zugführer die Stirn.
„Da habe ich die Notbremse gezogen", nickte Parker. „Es war die höchste Zeit."
Der Zugführer überlegt.
„Alle Reisenden müßen aussteigen", sagt er dann.
„Nein", schüttelt Parker den Kopf. „Das Betriebsamt hat angeordnet, daß die Lokomotive den Gepäckwagen 1000 Meter schleppen soll. Die Loko
motive soll dann noch 500 Meter weiterfahren. Wenn der Gepäckwagen hierbleibt, erklärte der Beamte, würden alle Wagen in Brand geraten."
„Gut", sagt der Zugführer, rennt nach vorn, gibt feine Befehle. Und eine Minute später rast die Lokomotive mit dem Gepäckwagen die Strecke hinunter. Nach zwei weiteren Minuten steht der Gepäckwagen, in der Dunkelheit nicht mehr zu erkennen, allein auf den Schienen. Die Reifenden öffnen die Fenster, fragen und gestikulieren. Aber das Personal antwortet nicht. Es steht unbeweglich und lauscht in die Nacht hinaus.
Zweiundzwanzig Uhr. Zweiundzwanzig Uhr eins. Zweiundzwanzig Uhr fünf. Keine Explosion.
„Wir müssen warten", sagt der Zugführer. „Die Uhr der Höllenmaschine kann falsch gehen."
Parker nickt, geht in die Telephonzelle. Da leuchtet wieder das rötliche Licht auf.
„Hallo, hier Schnellzug Z 204."
„Hier Betriebsamt Chikago. Was ist passiert? Blockstation 65 hat Sie nicht gemeldet."
„Was passiert ist?" fragt Parker zurück. „Aber Sic wissen doch — die Höllenmaschine —"
Fünf Minuten lang unterhält sich Parker mit dem Betriebsamt. Dann steht er auf und geht zum Zugführer.
„(Eine Mystifikation", flüstert er. „Es ist alles nicht wahr. Irgend jemand hat die Geschichte mit der Höllenmaschine erfunden. Das Betriebsamt weiß von nichts. Die Polizei weiß von nichts."
Der Zugführer stößt einen komplizierten Fluch aus. Wenia später rast die Lokomotive mit dem Gepäckwagen zurück. Die Wagen werden verkuppelt. Die Bremsen losen sich. Der Zug fährt.
„Alles in Ordnung?" fragt der Zugführer, als er nach vorn in den Gepäckwagen kommt.
„Der Wagen ist vollkommen in Ordnung", sagt der Gepäckmeister, „Nur die hochversicherten Koffer und die Beutel mit den Wertbriefen sind nicht mehr da."
„Oie weiße Hölle vom Piz polü.'y
Dieser Film setzt die Reihe der früher erschienenen Spon- und Hochgebirgsfilme fort; er erinnert vielfach an den „Heiligen Berg" und den „Kampf ums Matterhorn". Er bringt schone und eindrucksvolle Naturaufnahmen, verfügt über einen, der großan- gelcgten Szenerie angemessenen, schmuck- und phra- fenlofen Darstellungsstil und in allen Teilen über eine hochwertige, leistungsfähige Aufnahmetechnik, die die vielfachen Schwierigkeiten des Unterneh- mens in einwandfreier Form bewältigt. Die Idee zu dem Film stammt von Dr. Arnold Fanck; die Anregung ging von einer Zeitungsnotiz aus, wie man fie leider häufig lesen muß. Das Manuskript (gemeinsam mit Ladislaus Vajda) und die Regie (zusammen mit G. W. Pab st) ebenfalls von Dr. Fanck, der hier die gleiche Energie und Umsicht beweist wie in den früher unter feiner Leitung gedrehten Hochgebirgsfilmen. Die Handlung: drei Menschen treffen in einer einsamen Hütte am Piz Palü zusamen; ein junges Paar, das (ausgerechnet) dort oben feine Verlobung feiern will, und ein älterer Einzelgänger, der früher schon am Palü feine Frau durch Absturz verlor, und den es nun doch wieder hinauftreibt, den Gipfel zu gewinnen. Sie beginnen dann den Aufstieg zu dritt, versteigen sich und verbringen drei schreckliche Tage und Nächte in der Hölle einer schmalen Bergspalte, halberfroren, halbverhungert, verwundet und am Rande des Wahnsinns. Ein befreundeter Flieger kann sie zwar nicht retten, aber doch den Weg zur Rettung weisen. Das junge Paar wird unter furchtbaren Mühen und Gefahren geborgen; der Aeltere hat sich geopfert und ist erfroren. Eine Gruppe Züricher Studenten, die am gleichen Morgen aufftiegen und eher oben fein wollten, mußten schon vorher ihren sträflichen Leichtsinn mit dem Leben bezahlen. Diese Handlung wird sehr spannend und mit großer darstellerischer Eindringlichkeit entwickelt; es gehört allerdings schon der Fanatismus eines leidenschaftlichen Alpinisten dazu, um Verständnis aufzubringen für die Leicht
fertigkeit, mit der diese Bergsteiger, nur um einen Gipfel von der gefährlichsten Seite her zu bezwingen, ober gar um zuerst anzukommen, nicht nur ihr eigenes fieben, sondern auch das der anderen aufs Spiel fetzen, die sich dann zu ihrer Rettung aufmachen. Die Hauptdarsteller D i e ß 1, ficni Riefe n ft a h 1, Ernst Petersen und Ernst Übet, besonbers bie beiben ersten, leisten — wie bereits betont würbe — Gutes; rein sportlich zeigen alle vier hervorragenbe Begabung. An ber Kamera wirken Sepp Allgeier, Richarb 21 n g ft unb Hans Schneeberger; auch sie verbienen namentlich genannt zu werben, sie haben sich um bie Schaffung des Stückes sehr verbient gemacht. Der Film läuft seit gestern im Lichtspielhaus in der Bahnhofstraße. —r—
Hochschulnachrichten.
Dem nichtbeamteten außerordentlichen Professor an der Llniversität Marburg und Obcrftubicn» rat am Gymnasium ebenda, Dr. Wilhelm C n ß» lin, ist der bisher von Fr. Ocrtel inuegchabte Lehrstuhl der alten Geschichte an der Llniversität Graz angeboten worden. Enßlin war seit 1910 im höheren Schuldienst (in Vromberg, Posen und Frankfurt a. M.) tätig. 1921 kam er an das Gymnasium Philippinum in Marburg. Hier habilitierte er sich 1923 für alte Geschichte, erhielt einen Lehrauftrag für Geschichte der spätrönw- scheu Kaiserzeit mit besonderer Berücksichtigung von Kultur und Wirtschaft und 1927 die Ernennung zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor in der Marburger Philosophischen Fakultät. — Der planmäßige außerordentliche Professor Dr. Karl Heldrich in Leipzig hat einen Auf an die Llniversität 3c n a auf Den Lehrstuhl für bürgerliches und römisches Recht als Nachfolger des nach Breslau berufenen Pro* fessors Dr. Haus Albrecht Fischer erhalten.


