Nr. 285 Erstes Blatt
179. Jahrgang
Dienstag, 5. Dezember 1929
Giessener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friedr. Wilh. Longe. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange, für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Gießen.
Die deutsche Wirtschafi am Scheidewege.
Aufstieg oder Niedergang? - 0er Reichsverband der deutschen Industrie fordert Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik zur Förderung der Eigenkapitalbildung, Wiederherstellung der Rentabilität und Beseitigung der Arbeitslosigkeit.
Die bedeutendste deutsche Wirtschaftsorganisation, der Reichsverband der deutschen Industrie, hat jetzt unter dem Titel „Aufstieg oder Riedergan g?" seine Vorschläge zur Finanz- und Wirtschaftsreform 1929 Der Oeffentlichteit unterbreitet, und zwar in Gestalt von Leitsätzen, die an Klarheit und Sachlichkeit und tiefgehender Erkenntnis der Zusammenhänge eigentlich nichts vermissen lassen. Mit seinen Vorschlägen wendet sich der Reichsverband der Industrie an die gesamte deutsche Oeffentlichkeit. insbesondere aber an die Kreise, die auch heute noch nicht sich mit den wirtschaftlichen Zusammenhängen beschäftigt haben, geschweige denn sie kennen, um sich darüber klar zu sein, daß die Finanz resor in unter den heutigen Umständen und bei der Entwicklung, die die Wirtschaft feit dem Jahre der Stabilisierung der Währung und ihren scharfen Eingriffen in das deutsche Wirtschaftsleben genommen hat. eine Schicksalsfrage Deutschlands ist.
Denn darüber müssen sich alle Kreise in einheitlicher Auffassung unter Deiseitesehung der parteipolitischen Gegensätze klar sein, daß nur aus der Basis einer gesunden und rentablen Wirtschaft ein Wiederaufstieg des deutschen Volkes möglich ist. Die Vorschläge des Reichsverbandes sollen daher nicht nur dem Zwecke dienen, die Auffassung der Industrie in der Frage der Wirtschafts- und Finanzreform der Oeffentlichkeit zu unterbreiten, sondern sie zielen auf eine Sammlung aller auf» b aucndcn Kräfte über die parteipolitischen Gegensätze hinweg aus, um durch eine uinfassende '.ind beschleunigte Reform unserer gesamten Wirtschaftspolitik, wobei die Steuerreform eins der vielen Probleme ist, der Privatwirtschaft ihre Freiheit wieder zu geben, und sie von den weitgehenden Einflüssen der Staatspolitik frei zu machen, wenigstens in dem Waste, dah sie un- zehindert ihren Ausgaben der Erhaltung der bestehenden Arbeitsplätze und der Schaffung neuer Arbeitsplätze und damit Arbeitsmöglichkeiten nachkommen kann.
Es ist kein Zweifel, dast sich in den Kreisen der Unternehmer, oder besser gesagt, in der freien Wirtschaft Arbeitsunlust und Verdrossenheit eingestellt haben, weil immer wieder über die von ihr aufgestellten Wirtschaftsprogramme hinweggegangen wird. Wenn sich aber erst in einer Volkswirtschaft in breitem Waste Pessimismus einstellt, wenn heute weite Kreise der deutschen Wirtschaft die negative Einstellung haben, dast cs ja doch einmal zu der Katastrophe der Wirtschaft kommen must, so ist cs hohe Zeit, dast durch eine Richtnngsänderung des wirtschaftspolitischen Kurses, der die Lingriffsmöglichkeiten tcS Staates auf das not* ivendige Mast einschränkt und den Grundsatz --es freischaffenden Gewerbes ancr- lennt, wieder Optimisntus in die Kreise der Wirtschaft getragen wird, um die Initiative des einzelnen Unternehmers anzuregen und zu stärken.
Wenn erst das Verständnis für wirtschaftliche Dinge in alle Kreise, vor allem auch in die akademischen, eingedrungen ist, dann werden sich auch von selbst in vielen Fällen Ueberbrückungs- möglichkeiten politischer Gegensätze ergeben, wenigstens in solchen Fällen, wo es sich um Fragen der Gesamtwirtschaft und damit um Fragen des gesamten Volkes handelt. Kapital- b i l d u n g dadurch, dast die einzelnen Unternehmen tiber ihre Rentabilität hinaus eigenes Kapital verdienen können, ist das wirksamste Mittel, um die Arbeitslosigkeit zu tekämpfen und durch Schaffung neuer Arbeits- inöglichkeiten nach und nach zu beseitigen. Der Reichsverband der deutschen Industrie tritt für schnellste Durchführung seines Reform- Programms ein. unberücksichtigt des Umstandes. Dann die Haager Konferenz stattfindet, oder ob der Voung-Plan endgültig angenommen Dirk).
0as Wirtschastsprogramm der deutschen Industrie.
Berlin. 2. Dez. (TU.) Die Denkschrift des Prä- idiums des Reichsverbandes der Deutschen Indu- trie stellt eine Vorlage für die außerordentliche Mit- ^liederoersammlung des Reichsverbandes der Deut- chen Industrie am 12. Dezember 1929 in Berlin dar. In dem Kapitel: „Der Ernst der Sage“ wird -■ a. folgendes gesagt: Bei steigendem Lohn, steigender Staatslast, steigendem Zins und sinkender Rente vird der Punkt überschritten, wo die Erweiterung der Produktion noch einen »sinn hat. Die Folge dieser Entwicklung sind Ar- teitslosigkeit, Zusammenbrüche vieler Firmen, Mangel an Absatz und eine bis zur Verdrossenheit cefteigerte allgemeine Unzufriedenheit. Die deutsche Wirtschaft steht amScheidewege. Wenn cs nicht endlich gelingt, das Steuer umzulegen und unferer Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik eine entscheidende Wendung zu geben, dann ist der Niedergang der deutschen Wirtschaft besiegelt. Eine Verbesserung der Lebenshaltung der breiten Masse ist nicht durch ei ne künstliche Ein kommens- nufblähungohneSteigcrungdcrPro- du k t i o i t ä t zu erreichen, sondern mir auf dem
Wege einer vermehrten Kapitalbildung und einer Wiederherstellung der Rentabilität.
Aus den Leitsätzen für die Umstellung der deutschen Wirtschaftspolitik sind folgende hervorzuhebcn: Ausgangspunkt für alle Maßnahmen der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik ist unter den für die deutsche Wirtschaft gegebenen Umständen die Förderung der Kapitalbildung. Die Unternehmungen müssen über die Sicherung der Rentabilität hinaus, Eigenkapital bilden können. Die Betätigung der öffentlichen Körperschaften im Wirtschaftsleben muß sich auf die Aufgaben beschränken, die von der Individualwirtschaft nicht erfüllt werden können und sollen. Die Z w a n g s b e w i r t s cha f t u n g der Wohnungen und gewerblichen Räume ist beschleunigt abzubauen. In einer Uebergangszeit von längstens fünf Jahren sollen d i e Altmie - ten an die Ncumieten angeglichen, die Hauszinssteuer in eine auf reichsrechtlichen Grundlagen aufgebaute Gemeindewohnfteuer umgewandelt werden.
Die materiellen Ansprüche der Sozialpolitik an die Wirtschaft müssen sich i n oen Grenzen der Leistungsfähigkeit
und Entwicklungs Möglichkeit der Wirtschaft halten. Die Teilreform der Arbeitslosenversicherung vom 3. Oktober 1929 ist nicht ausreichend. Ziel der Reform muß sein, den Haushalt der Reichsanstalt durch weitere Ersparnisse ohne Erhöhung der Beiträge und ohne Inanspruchnahme öffentlicher Mittel in ein dauerhaftes Gleichgewicht zu bringen. Die staatliche Zwangseinwirkung aus die Gestaltung der Lohn - und Arbeitsbedingungen ist zu beseitigen. Der Umbau der Finanzwirtschaft hat nach zwei Gesichtspunkten zu erfolgen: a) wesentliche Senkung der Ausgaben und Steuern, b) Beschaffung der Mittel, stärker als bisher durch indirekte Besteuerung. Energische Senkung der Ausgaben aller öffentlicher Körperschaften, beschleunigte Durchführung einer umfassenden Verwaltungsreform mit dem Ziel einer Verminderung und Angrenzung der Aufgaben von Reich, Ländern und Gemeinden, beschleunigte Reform des Haushaltsrechts von Reich, Ländern und Gemeinden. Förderungen auf dem Gebiet der Steuerpolitik: Fühlbare Entlastung von denjenigen Steuern, die die Käpitalbildung hindern oder kapitalzerstörend wirken.
Freiheitsgeseh und stoungplan.
Rur keine voreiligen Schlüffe!
Pariser Irrtümer.
Berlin, 3. Dez. (Priv.-Tel.) Es mußte von vornherein damit gerechnet werden, dah namentlich Frankreich die geringe Beteiligung am Volksbegehren und die Ablehnung des sog. VersklavungSgefehes durch den Reichstag zum Gegenstand abwegiger und schiefer Betrachtungen machen würden. Darüber konnte jedenfalls auf deutscher Seite nicht der geringste Zweifel bestehen. dah die Franzosen die Dinge völlig auf den Kopf st eilen und aus der Einzeichnungsziffer von vier Millionen den Schluß ziehen würden, daß sich die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes für die Schuld Deutschlands am Kriege, für derVersa i l l e r Vertragund f ü r den Voung- Plan ausgesprochen hat. Ans nimmt es also nicht Wunder, daß die französischen Sozialisten aus dem Kampf um das Freiheitsbegehren Schlüsse dieser Art ziehen. Es besteht aber auch für uns keine Veranlassung, ihnen hier noch einmal auseinanderzusehen, daß es lediglich die unglückliche Fassung des Gesetzes war, die eine starke Gegenbewegung ausgelöst hat. Wenn jetzt aber der „Temps" die Ansicht vertritt, daß aus
der Einstellung der Mehrheit der deutschen Wähler und des Reichstags hervorgehe, dah eine Mehrheit für die Ratifizierung des Voung-Abkommens vorhanden sei, dann gibt er sich doch einem schweren Irrtum hin. Soweit schon heute ein Urteil über den neuen Zahlungsplan getroffen werden kann, ist es in jedem einzelnen Falle mit starken Bedenken der verschiedensten Art verbunden. Wir können aber heute noch keineswegs sagen, ob der Voung-Plan. anzunehmen oder abzulehnen ist. Das wird sich erst Herausstellen, wenn die endgültige Fassung des neuen Reparationsabkommens vorliegt, wenn sich bis dahin herausgestellt hat, ob mit einer Freigabe des Saargebietes zu rechnen ist und wenn wir auch wissen, wie das Liquidationsproblem ganz allgemein und besonders im polnischen Fall gelöst worden ist. Der „Temps" wird also gut daran tun, sich nicht vorzeitigen Hoffnungen hinzugeben und bereits mit vollzogenen Tatsachen zu rechnen, die überhaupt erst greifbare Formen annehmen können, wenn das deutsche Volk und seine berufenen Vertreter wissen, was auf der zweiten Haager Konferenz beschlossen worden ist und ob die Gegenleistungen ausreichen, um dem Voung-Plan zuftimmen zu können.
General Lettow-Vorbeck als Gast bei den britischen Ostasrikakämpfem.
London, 2. Dez. (TU.) Heute abend fand das Essen der ehemaligen britischenOst- a f r i k a k ä in p f e r statt, auf dem der Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte in dem vierjährigen Feldzug, General S m u t s, den Vorsitz führte, während fein damaliger Gegner, General v. Lettow- Vordeck, als Ehrengast anwesend war. Der deutsche General kam mit seiner Gattin infolge Verspätung des Zuges erst 15 Minuten vor Beginn des Essens auf der Victoriastation an und begab sich sofort im Rciseanzug zum Holborn-Restaurant, wo General Smuts ihn herzlich begrüßte. Als die beiden ehemaligen Feinde im Festfaal erschienen, erhoben sich alle Anwesenden von den Plätzen und brachten stürmische Hochrufe aus. Nach dein Trink- sprach auf den englischen König wurde auf dasWohl desdeutschen Reichspräsidenten getrunken. Hieraus ehrten die Anwesenden schweigend das Andenken der im Kampf Gefallenen.
Smuts führte dann in einer Rede u. a. aus: Wir haben heute das besondere Vergnügen, unseren alten Gegner bei uns zu sehen. Ich brauche ihm kaum die Versicherung zu geben, daß diese große Versammlung in einem sehr hohen Grade eineHuldigung für ihn darstellt. Wir haben solche Zusammenkünfte bei früheren Gelegenheiten abgehalten, aber, soweit ich mich erinnere, ist noch niemals eine so große Anzahl zufammengekommen, wie heute zu Ehren unseres Gastes. Er war e i n braver und sauberer Kämpfer und ein g r o ßer Befehlshaber. Während des großen veiles des Ostafrikafeldzuges hat er überlegene grafte gegen sich gehabt, oft sehr hoch überlegene. Gr hat seinen Mann gestanden. Wir verehren einen Gegner von solchem Charakter, und wir schätzen uns glücklich, daß wir ihn heute abend zwischen uns hoben, um ihm zu zeigen, daß die hohe Achtung, die wir ihm im Felde entgegenbrachten, auch im Frieden standhält. Man macht Frieden mit einem Mann, mit bem man redet und mit dem man Brot bricht, und das tun wir heute abend. Manchmal habe ich das Empfinden, daß der Friede noch nicht geschloffen ist, sondern daß es sich nur um einen verlängerten Was-
fenstillstand handelt. Ich hoffe, daß diese Versammlung helfen wird, den wahren Frieden herbei- zuführen. Jetzt haben wir uns versammelt, um freundschaftliche Empfindungen zu pflegen, die sogar aus dem Schlachtfeld zwischen uns geherrscht haben, wo wir uns nach Möglichkeit zu schaden suchten; aber Verbitterung gab es nicht. Für uns ist der Kampf tatsächlich vorüber, wenn er beendet ist
Als sich
General v. Lettow-Vorbeck
zur Erwiderung erhob wurde er mit stürmischem Beifall begrüßt. Die Anwesenden sangen das Sieb: „He is a Jolly good Fellow". Seltow-Borbeck führte bann aus: „Ich schätze mich glücklich, bie englische Gastfreundschaft, die in der ganzen Welt anerkannt wird, zu genießen. Ich kann mich der Gastfreundschaft erinnern, die mir im Jahre 1916 gc= mährt wurde, als General Smuts mich cinlub, ihn Zu besuchen. Er war großzügig genug, diese Einladung auf alle Offiziere und Mannschaften unter meinem Kommando auszudehncn. (Lachen.) Aber ich war zu jener Zeit sehr beschäftigt, und ich war sogar em bischen überrascht, daß General Smuts Zeit finden konnte, eine sehr große Gesellschaft zu veranstalten. Ich hoffte daher, baß er meine Ablehnung sich nicht zu sehr zu Herzen nehmen würde. Aber ich bin nun sicher, daß er das nicht tat." General o. Lettow-Vorbeck fügte hinzu, daß, ernst- hoft gesprochen, zwischen den beiderseitigen Streitkräften in Ostafrika Kameradschaftlichkeit und gegenseitige Hochachtung für einander in hohem Grade gestanden habe, und er glaube, daß aus diesen Gründen der ostafrikanische Feldzug so angenehm absteche. „Ich weiß“, so sagte er weiter, „daß sowohl in England wie in Deutschland Personen vorhanden sind, die mit der Annah,ne Ihrer Einladung durch mich nicht ganz einverstanden sind. Ich wußte bas, als ich Ihre Einlabung annahm. Ich sehe in der Einladung nicht nur ein Kompliment gegenüber dem Führer, sondern ein Zeichen der Achtung für die braven Offiziere und Mannschaften auf ber deutschen Seite, die in, einer auheror
deutlich schwierigen Lage roaren, und die nur ihre Pflicht taten, indem sic ihrem Land bis zum Letzten bienten. General Smuts war nicht nur ein tapferer Soldat und ein kluger Heerführer, sondern er empfand auch Achtung vor dem Menschlichen auf der anderen Seite. Er hat während des Feldzuges auch eine sehr angemessene Achtung vor dem feindlichen Privateigentum gezeigt. Ich habe in einem englischen Blatt mit großem Vergnügen eine Bemerkung gelesen: „Die deutschen Soldaten in Dftafrifa haben ihre grobe Arbeit ohne Handschuhe, aber mit sauberen Han den getan." Lettow-Vorbeck schloß mit einem Hoch auf Smuts und die tapferen Gegner, die unter ihm in Ostafrika gestritten haben. Stürmischer Beifall folgte der Rede.
0as Echo in England.
London, 3. Dez. (WTB. Funksprach.) Zum gestrigen Festmahl der Ostafrikatämpfer. an dem als Ehrengast General von Lcttow-Borbeck tcil- nohin, sagt die liberale »Daily Re Ws": Eine solche Veranstaltung zeigt, daß die Erbitterung, die der große, furchtbare Krieg im Gefolge hatte, tatsächlich schwindet, und dah die Menschen eine Gemeinschaft tfjeer Interessen erkennen, die einen künftigen Konflikt verhindern sollte. — Die rechtskonservative „M orning P o st" spricht ihre Befriedigung darüber aus, daß bei der gestrigen Veranstaltung jeder „sentimentale Pazifismus" a u s g e s ch a l t e t war. Das Blatt sagt: Englands Bewunderung ist um so größer, wenn Mut und Pflichttreue des Soldaten sich mit der Bescheidenheit und der würdigen Zurückhaltung des wirtlichen Gentlemans verbinden, wie sie dem vonnaligen Befehlshaber der deutschen Streitkräfte in Ostafrika eigen sind.
Auch die Ostgeschädigten gegen den polenvertrag.
Der Lstbund fordert vollen Lchaden- crfatz durch das Reich.
Berlin, 2. Dez, (Priv.-Tel.) Das deutsch- polnische Liquidationsabkommen, dessen Wortlaut uns immer noch vorenthalten wird, hat in den Kreisen der Ost geschädigten eine scharfe Zurückweisung gefunden. In einer Protestversammlung in Berlin betonte der Direkror des deutschen Ostbundes. G i n s ch e l, mit Recht, daß Deutschland von dem Abkommen, durch das es auf alle Entschädigungs- forberungen in Höhe von 2,5 Milliarden Mark verzichtet, überhaupt keinen Vorteil habe, während Polen für alle Gewalttaten der letzten zehn Jahre, bie es gegen die Deutschen verübt habe, nachträglich die rechtliche Legitimation erhalte. Zweifellos würde dieses Abkommen, wenn der Reichstag dazu seine Zustimmung geben sollte, eine katastrophale Wirkung auf das östliche Deutschtum überhaupt ausüben. Denn wenn die in Polen ansässigen Deutschen bisher diesen Kampf unter äußersten Entbehrungen und Schikanen durchgeführt haben, dann geschah das lediglich in der Hoffnung, daß das Reich sie nicht im Stiche lassen würde. In der Entschließung des Ostbundes wird betont, daß die Geschädigten vom Reich nicht schlechter gestellt werden dürfen, als dies durch die Bedingungen des Versailler Vertrages geschehen sei. Die Klagen der Geschädigten vor dem deutsch-polnischen gemischten Schiedsgericht hätten die besten Aussichten unb’ oeshalb fordern die Geschädigten v o l l e n Schade n e r sa tz vom Reich. Das Abkommen dürfe vom Reichstag nur in einer Form genehmigt werden, durch die sichergestellt wird, daß l e der deutschen Minderheit im abgetretenen Gebiet zugedachten Vorteile nicht wieder durch polnische Willkür zunichte gemacht werden.
Oie Ostreparationen.
Eine Einigung der Gläubiger'?
Paris, 2. Dez. IWTB.) Der Petit Parisien will Über den Abschluß der Arbeiten des Ausschusses für die abgetretenen Vermögen und die Ostreparationen nähere Angaben machen können. Danach soll sich der Ausschuß über die folgenden Punkte geeinigt haben:
1. Die Schuldverpflichtungen Süd- slawiens und Rumäniens bezüglich der abgetretenen Vermögen und der Reparationszahlungen werden g e st r i ch e n.
2. Rumänien behält ungekürzt feinen prozentualen Anteil an den ungarischen und bulgarischen Reparationen. Der prozentuale Anteil Südslawiens wird dagegen von 10Prozent auf 2 Prozent herabgesetzt, um die Vorteile auszuglcichen, die es infolge der getätigten Sachlieferungen erzielt hat. (Diese Kürzung des südslawischen Anteils ist von den Delegierten Südslawiens bis jetzt noch nicht bewilligt worden.)
3. Die griechische Kriegsschuld würde durch die Kützung des prozentualen 2ntrU- der


