Ausgabe 
3.6.1929
 
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zu begegnen, werden auch die Studentenhäuser geschaffen, deren einem wir heute hier in Gießen am Sitze der Hessischen Landesuniversität bei der Grundsteinlegung unsere innigsten Wünsche ein­verleiben wollen: Sie sollen die Söhne und Töch­ter unseres Volkes, die berufen sind, dermaleinst an den verantwortlichen Stellen unseres wirt­schaftlichen und geistigen Lebens für Land, Volk und Menschheit zu arbeiten, für diesen Beruf in dngster Gemeinschaft und unter Beseitigung we­nigstens der schwersten und drückendsten wirt­schaftlichen Sorgen tüchtig machen.

Groh ist das Opfer, das Reich, Land, Llniversi- tätsstadt und auch private Kreise für diese Auf­gabe bereits gebracht haben groß und ernst, wie das Ziel, für das es gegeben wurde: möge es stets nur Würdigen zugute kommen, und der Glaube an unfere -Zukunft, der aus solchen Opfern eindringlicher als aus Worten spricht, nicht trügen.

Der Gießener Studentenschaft aber wünsche ich, daß sie unter dem einen Dache dieses neuen Hauses eins werde im Verständnis der Aufgabe aller an der -Zukunft des deutschen Volkes, das in der für uns Deutsche so bezeich­nenden Hochachtung vor jedem echten Streben und Bemühen, ihr der Studentenschaft ein solches Heim schenkt.

So möge es werden!

<5r. Magnifizenz

der Rektor Prof. Or. Herzog

dankte nach kurzem Hinweis auf die dankbar zu begrüßende Reichs- und Landeshilfe für hiesen Bau vor allem dem Studentenvater Professor Dr. C g e r, der nach dem Kriege die Aufgabe auf sich nahm, für die aus dem Felde zurückgekehrte und unter der Rot leidende Studentenschaft zu sorgen, herzlich für alles, was er bisher auf diesem Gebiete in hingebungsvoller Weise ge­leistet. Er sagte dann u. a. weiter: Professor Dr. Eger hat diesen Gedanken der Studenten­hilfe in beständigem Kampfe mit den Sorgen unserer Zeit, mit den Schwierigkeiten, die sich überall auftürmten, bis zu dem heutigen Werke gebracht, und wir dürfen der Zuversicht sein, daß er das Werk auch vollenden wird. Das geschieht aber nicht nur durch Tatkraft, sondern nur dann, wenn auch das Herz dabei ist. Der tiefere Gedanke dieses Werkes ist, unserem Volke zu helfen. Dieses Haus soll ein Gemeinschafts­haus werden, das in letzter Auswirkung unserem Volk und Vaterland dienen soll. In diesem Hause soll gezeigt werden, daß die Tüchtigkeit es ist, die sich durchsetzen soll im Leben und daß dieser Tüchtigkeit hier die Wege geebnet werden sollen. Hier soll gezeigt werden, daß die Universitas der Studenten unter uns, die Ka­meradschaft der Kommilitonen und die Einigkeit zwischen Schülern und Lehrern zur Wirklichkeit wird im Zusammenleben und Zusammenhandeln. Der Geist der Einigkeit möge immer bei den Verhandlungen in diesem Hause sein, der Einig- zum Besten der Universität und zum Besten un­seres Volkes. Hier mögen die Studenten aus allen Gauen des Reiches und von jenseits der Grenzen zusammenkommen und sich gegenseitig verstehen lernen, hier mögen alle deutschen Stu­denten lernen, das Parteiische beiseite zu lassen und nur auf das Wohl unseres Vaterlandes be­dacht zu sein. Ich hoffe und wünsche, daß unsere Gießener Studentenschaft den Gedanken, daß sie sich vorbereiten soll, dem Volke voran­zugehen in dem Gedanken der Einheit und Einig­keit, in diesem Hause immer lebendig antreffen wird.

Oberbürgermeister Or. Keller

führte aus:Stoßt an, kühne Tat lebe, hurra, hoch!", so singen die Studenten in dem altbekannten Liede, in welchem sie alle hohen Dinge preisen, die die Brust des freien Burschen schwellen. Eine kühne Tat ist das Werk,

dessen Grundstein zu legen wir hier versammelt sind.

Zu den mannigfachen großen Bauten, die in den letzten Iahren in unserer Stadt errichtet wurden oder in der Entstehung begriffen sind, gesellt sich ein Studentenhaus, hoch empor­wachsend auf diesem schönen Platze, dessen Lage zwischen Hauptvorlesungsgebäuden und Kliniken eine besonders geeignete ist.

Die Tat ist alles, nichts der Rubm", meint Gosche im Faust. Gewiß aber diese kühne Tat wird gerühmt werden, solange innerhalb der Stadt Gießen die Landesuniversität chren leuch­tenden Platz in der deutschen Geisteswelt behalten wird, und das wird, so Gott will, für ewige Zeiten der Fall sein.

Gerühmt wird werden bis in fernste Zeiten der Mut und die Kraft, der Gemeinsinn und die Hingabe aller, die zu diesem Werke geholfen haben. Reich und Land Hessen, Llniversität und Studentenschaft, die Stadt, die Wirtschaftshilfe und viele Private haben mit Rat und Tat dieses Werk gestützt und gefördert. Einen frei­lich wird und muß man besonders rühmen: den Vater und Schöpfer des Gedankens, aus dem die Tat geboren ist, den Mann, der mit Liebe und Treue, mit Tatkraft und Fleiß sein Bestes ein­gesetzt hat für die Entstehung dieses Werkes, Herrn Professor Eger, dessen Rame mit dem Studentenhaus unvergänglich verbunden sein wird.

Man hat mir gesagt, daß d i e Mittel noch nicht vollständig zusammengekommen seien, die nötig sind, um bis ins kleinste außen und innen das Werk vollenden zu können. Aber wenn die Hände und Kräfte auch in Zukunft sich regen wer­den, die bisher beim Wägen und Planen in so leben­diger Weise wirksam waren, wenn mit dem Fort­schreiten und Wachsen des Baues auch die Erkennt­nis feiner unbedingten Notwendigkeit immer weitere Kreise erfüllen und zur Mithilfe anspornen wird, so bin ich voller Zuversicht, daß nichts dazu fehlen wird, daß das Gießener Studentenhaus in würdi­ger Gestalt 3um Wohle der Studentenschaft, zum Ruhme der Universität und zur Zierde der Stadt Gießen vollendet werden wird.

Die S t a d t G i e ß e n hat von allem Anbeginn den Plan der Errichtung eines Studentenhauses mit regstem Interesse begleitet. Wie könnte es auch an­ders sein bei der engen Verbundenheit, die zwischen Universität und Stadt Gießen besteht? Universität und Stadt: durch mehr als drei Jahrhunderte sind sie treulich miteinander gewandert, in Freud und in Leid. Wenn gerade in den letzten Jahren bei dem erfreulichen Ausbau der Landesuniversität die Stadt sich der Universität förderlich erwiesen hat, so war dies nicht nur ein Zeichen dieser innigen Verbun­denheit, sondern auch der Ausdruck des Dankes für alles das, was die Universität der Stadt bedeutet.

Nun ist durch die Not der Zeit mit der Errich­tung eines Studentenhauses ein weiterer Ausbau der Universität erfolgt, der ihre Anziehungs­kraft in bedeutsamem Maße vermehren wird.

Ein kraftvolles Werk deutscher Erneuerungsarbeit soll zum Wohle der akademischen Jugend hier er­stehen, ein Mittelpunkt studentischen Lebens, eine Pflegestätte des Gemeinschaftsgedankens, ein Heim, das allen, die in ihm weilen, zu tatkräftigem, hoff­nungsfrohem, einigendem Wirken für Volk und Vaterland zusammenführen und erziehen soll.

So werde ich denn die Segenswünsche der StadtGießen in den Grundstein legen mit den Worten: dem Wohle unserer Studentenschaft, dem Ruhme unserer Universität und Stadt, der Zukunft unseres deutschen Vaterlandes.

Oer Vorsitzende der Gtudenienschast sind. jur. Klaus

betonte, daß dieser Tag für die Studentenschaft von besonderer Bedeutung fei, denn das Werk, das hier erstehe, werde zum Besten der Stu­denten errichtet. Das Haus soll für die Studieren­den eine Stätte ernster Arbeit, des Gedanken­austausches untereinander und mit den Professo­

ren sein. Daneben soUe es aber auch den Stu­denten Erholung von der Arbeit geben. Der Redner dankte allen Stellen, die zu diesem Werke beigesteuert und an seiner bisherigen Errichtung mitgewirkt haben, herzlich im Ramen der gesam­ten Studentenschaft.

Oie Grundsteinlegung

schloß sich dieser Feier an. In den großen Mes- singbehältcr wurde folgende LI rkünde ein» gefügt:

Dieser Grundstein ist gelegt worden am 2. Iuni des Iahres 1929 unter der Reichspräsidentschaft Hindenburgs, in Anwesenheit des hessischen Staatspräsidenten Adelung. Dauherrin ist die Gießener Studentenhilfe, ein Verein, der im Iahre 1921, dem dritten Iahre nach Beendigung des großen Krieges, in einer Zeit bitterster Rot des deutschen Volkes ins Leben gerufen wurde und dessen Zweck und Ziel es vor allem ist, dem großen Teil der Studentenschaft, der sich auch jetzt noch in schwerer wirtschaftlicher Be­drängnis befindet, Hilfe zu leisten.

Der Entwurf für den Bau stammt von Herrn Regierungsbaurat von der Leyen, jetzt in Darm­stadt, die Bauleitung liegt in Händen des Archi­tekten Ernst Schmidt in Gießen. Der Grund und Boden, auf welchem das Gebäude errichtet wird, ist ein Geschenk der Stadt Gießen. Die bis jetzt für die Ausführung des Baues vorhandenen Mittel entstammen hauptsächlich Bewilligungen von feiten des Deutschen Reichstages und des Hessischen Landtages, wozu eine Gabe der Pro­vinz Oberhessen und Spenden Privater kommen. Auch die Gießener Studentenschaft hat im Wege der Selbstbesteuerung einen namhaften Betrag aufgebracht. Der Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft e. D. in Dresden ist die Ver­mittlung der Reichsbeihilfe zu verdanken, und sie hat auch bei der Ausarbeitung des Projekts mit Rat und Tat wertvolle Hilfe geleistet.

Das Gebäude soll als Studentenhaus dienen. Es soll eine mensa academica, Wohnungen für Stu­denten und sonstige Einrichtungen enthalten, die dazu bestimmt sind, tüchtigen, menschlich wertvollen, aber in wirtschaftlicher Notlage befindlichen Studen­ten die Durchführung ihres Studiums zu ermög­lichen. Zugleich soll es ober auch ein Sammelpunkt und eine Stätte geistigen Austausches der ganzen Studentenschaft fein.

Möge das Gebäude in einem glücklicheren Deutsch­land, das frei von den furchtbaren Lasten, die es heute als Folgen des großen Krieges zu tragen hat, dem Wohle der Gießener Studentenschaft, dienen und mit dazu beitragen, den Gedanken immer mehr Wirklichkeit werden zu lassen:

Die deutschen Hochschulen den Besten der Jugend allen Schichten des Volkes!"

Ferner wurden beigefügt Schriften über die Uni­versität, Tätigkeitsberichte der Studentenhilfe, Geld­scheine aus der Inflationszeit, Bargeld von heute, eine Anzahl Lichtbilder von der Universität, den beiden jetzigen Häusern der Studentenhilfe und dem bis jetzt erstandenen Bauwerk, außerdem eine Flug- zeugnaufnahme der Stadt Gießen, derGießener Anzeiger" und dieOberhessische Volkszeitung" vom Samstag. Es sprachen

Geleitworte zur Grundsteinlegung:

Staatspräsident Dr. Adelung:Unserer Ju­gend, unserer Zukunft zum Heile trotz Not und Gefahr."

Landtagspräsident Delp:Aus Gemeinschasts- sinn geboren, der akademischen Jugend zum Wohle, begleitet von besten Wünschen des hessischen Landes­parlaments."

Se. Magnifizenz der Rektor, Prof. Dr. H e r z o g : Der Gießener Studentenschaft zum Nutzen, der Gießener Universität zur Ehre, dem Vaterland zum Wohle."

Oberregierungsrat Dr. Heß als Vertreter des Provinzialdirektors Graef:Der Wissenschaft zur

Entwicklung, dem Volke zum Wohle, dem Vaterland zum Segen."

Oberbürgermeister Dr. Keller:Dem Wohle unserer Studentenschaft, dem Ruhme unserer Uni­versität und Stadt, der Zukunft unseres deutschen Vaterlandes."

Dr. T i l l m a n s (Dresden) namens der. Wirt­schaftshilfe der Deutschen Studentenschaft:Ein Symbol deutschen Lebenswillens und deutscher Schaffenskraft, eine Stätte äußerer und innerer Verbindung aller Angehörigen der Universität, zur fruchtbaren Entwicklung deutschen akademischen Lebens."

Geheimrat Prof. Dr. B e h a g h e l namens der Gießener Hochschulgesellschaft:Rechtes Wollen, rechtes Denken schafft rechte Kraft."

Prof. Dr. Eger namens der StudentenhilfeS Eine Stätte brüderlicher Gemeinschaft, eine Stätte freudigen Strebens, Wirkens und Schaffens, eine Stätte wahrer akademischer Freiheit."

Sind. jur. Klaus namens der Gießener Stu- dentenschaft:Wachse empor, stolzer Bau, Zeichen der Nächstenliebe, Quelle der Erneuerung für un­sere Volkskraft."

Architekt Schmidt:Weisheit lenke unser Sin- nen zu dem Bau, den wir beginnen. Stärke führe ihn aus mit Macht, Schönheit ziere ihn in Pracht!"

Bauunternehmer Weimer:Der Baumeister hat's ersonnen, der Werkmeister hat's begonnen, in Friede erstehe es, in Ewigkeit bestehe es."

Mit dem Spiel des Gaudeamus igitur durch dis Militärkapelle und dem Abmarsch der studentischen Korporationen fand die Feier ihr Ende. Bei einem gemeinsamen Mittagmahle in kleinerem Kreise im jetzigen StudentenhausSchöne Aussicht" nahm Prof. Dr. Eger noch einmal Gelegenheit, allen herzlichen Dank zu sagen für die Förderung dieses Hilfswerkes, und ferner auf die Verdienste hinzu- weisen, die sich Oberschwester Martha als Leiterin der jetzigen Studentenhäuser um die Stu­dierenden in außerordentlich reichem Maße erwor­ben hat.

Kleine Strafkammer Gießen.

Giehen, 31. Mai. Ein Schlosser von Kaichens verfolgte Berufung gegen ein Urteil des Amts­gerichts Vilbel, durch das er wegen fahrlässi­ger Körperverletzung zu 150 Mk. Geld­strafe verurteilt worden war. Er hatte auf einer Landstraße in der Rähe von Vilbel auf seinem Motorrad einen Radfahrer, der neben seinem Sohn auf der rechten Straßenseite dahinfuhr, statt links rechts überholt, indem er zwischen den beiden Radfahrern hindurchzufahren ver­suchte. Hierdurch war ein Zusammenstoß ver­ursacht worden, durch den der Radfahrer zu Fall kam und die Hand brach. Der Angeklagte bestritt jedes Verschulden. Der Radfahrer sei nicht auf der rechten, sondern auf der linken Straßenseite gefahren und erst im letzten Augen­blick nach rechts eingebogen: hierdurch habe er den Zusammenstoß selbst verschuldet. Da diese Behauptung durch die Aussage eines unbeteilig­ten Zeugen widerlegt wurde, mußte die Beru­fung zurückgewiesen werden.

Ein Dienstknecht, der wegen Diebstahls und Llnterschlagung vom Amtsgericht Homberg zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war, war trotz ordnungsmäßiger Ladung ausgeblieben. Seine Berufung wurde ohne Verhandlung verworfen. Rachträglich lief ein Schreiben von ihm, ein, durch das er seine Berufung zurücknahm.

Taten für Dienstag, 4. Juni.

Sonnenaufgang: 3.47 Llhr, Sonnenuntergang: 20.09 Llhr, Mondaufgang: 2.10 Llhr, Mond­untergang: 16.08 Llhr.

1875: Der Germanist Robert Petsch in Berlin geb. Der Dichter Eduard Mörike in Stuttgart gest. (geb. 1804).

WeMMssmLllimr.

Roman von Senta Neckel.

Copyright bei ©reiner & Co., Berlin NW 6.

12 Fortsetzung Nachdruck verboten.

Weekly knitterte Stanleys Brief zusammen. Schrecklich, nun mußte er auf dieses Schreiben antworten, mußte in höflichen Worten bedauern, daß es Überhaupt vorgekommen war, daß einer seiner Herren in dieser offensichtlich böswilligen Art über ihn und seine Tochter schriebe, er hätte selbstverständlich nicht die geringste Ahnung da­von gehabt, und er würde den Fall strengstens untersuchen. ...

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Ein Bote sagte mit leiser Stimme:

Mr. 3ul<?5 Smith bittet um eine Unter­redung!"

Die Köpfe der Herren fuhren herum. Der kam ja gerade im richtigen Moment. Sie waren gespannt, wie sich Weekly verhalten würde, sie wußten, daß Weekly immer ein gewisses Inter­esse an diesem Burschen gehabt hatte.

Weekly sah den erwartungsvollen Ausdruck in den Augen seiner Herren. Schade, er hatte viel von diesem Smith gehalten, aber der makellose Ruf seines Hauses war ihm wichtiger, als per­sönliches Interesse.

Smith soll warten!" rief er dem Boten zu.

Ich glaube die Angelegenheit ist nun er- ledigt, meine Herren, ich werde Mac Stanley selber antworten, ich bitte um Ihre Diskretion. Lind nun noch eins: Die Angelegenheit Ellinor Stanley und ihre 100 000 Dollar ist für uns alle erledigt, bedanken Sie sich bei Mr. Smith! Guten Abend, meine Herren!"

Iules Smith wartete im Vorraum des Zim­mers. Er war wütend, daß man ihn nicht gleich vorgelassen hatte, er war nicht gewohnt zu warten.^ Dieser Emporkömmling, der früher in den frühesten Morgenstunden vor den Türen der Zeitungspaläste stundenlang gewartet hatte, um als erster das noch nasse Bündel der Zei­tungen in die Hand zu bekommen, um sie zu verkaufen, dieser Iules Smith verlangte, seit er selbst am Redaktionstisch sah, daß man ihn nicht mehr warten ließ. Er wußte, er war jetzt eine Persönlichkeit, er wußte, daß man mit tf)m rechnete, und er wußte auch, daß er in Austen Weekly einen Gönner hatte.

Smith wurde nervös. Run wartete er schon zehn Minuten. Er kannte das Zimmer schon auswendig, es war mit einem Blick überflogen. Ein Sofa und zwei Sessel aus dunkelbraunem Stoff standen um einen schwer geschnitzten Tisch herum. An der Wand hing ein modernes

Aquarell in seltsam verwaschenen Farben: irgend ein Landschaftsbild, eine Wiese mit Kühen, Iules Smith hatte noch nie in seinem Leben eine Wiese mit Kühen gesehen, er hatte keine Zeit gehabt, einmal aufs Land zu fahren.

Am Boden lag ein dicker, dunkelgrauer Tep­pich. die Tapete war einförmig braun gestreift. Vergebens suchten seine Augen nach irgend­einer Beschäftigung.

Smith trommelte nervös auf die Tischplatte. Aun wartete er schon zwanzig Minuten. Er stand auf und ging in dem kleinen Raum auf und ab. Warten lassen war eine Gemeinheit! Das war eine Methode, gegen die man sich nicht wehren konnte.

Roch fünf Minuten, dachte Iules Smith, dann gehe ich! Aber er blieb.

Smith sank der Mut. Was war los? Er hatte kein so ganz reines Gewissen in der Angelegen­heit Ellinor. Egal, schließlich kam es ja der Zei­tung zugute, wenn er eine Reportage brachte, auch wenn sie mit Absicht böswillig entstellt war. Run, war es so schlimm, daß er berichtet hatte, Ellinor Stanley treibe sich in Männerkleidem herum und spiele um Tausende von Dollars in einem Klub, er hatte es doch selbst gesehen, äußerstem hatte er Aufnahmen gemacht, die alles beweisen konnten!

Ie länger Smith wartete, um so mehr sank sein Mut, mit dem er sich bis an den Hals vollgepumpt hatte.

Als ihn Weekly schließlich eintreten ließ, ver­barg et feine erschütterte Sicherheit hinter einem Husten.

Die Zigarre im Mund, begann er schon unter der Tür zu reden:

Guten Abend, Mr. Weekly, Sie verstehen es, Ihre Leute warten zu lassen, das muß man sagen!"

Smith lachte laut und wischte sich die Stirn mit dem Taschentuch. Austen Weekly stand hoch- aufgerichtet. Keine Miene in seinem Gesicht ver­zog sich, er wies mit einer Handbeweauna auf einen Stuhl.

Smith warf sich in den Sessel, kaute nervös an seiner Zigarre und sah Weekly fragend an.

Doch Weekly schwieg.

Smith nahm alle Frechheit zusammen. Er wollte den Wolf gleich bei der Kehle packen:

-Was sagen Sie zu der Geschichte mit Stan­ley? Wie kommt die Cvening Review dazu, meine Bilder zu veröffentlichen. Wir müssen dagegen vorgehen. Es ist wirklich schade, wir hätten so eine hüvsche Sache daraus zusammenmischen können, bei Gott..."

Smith brach ckb, denn Weekly schaute ihn mit einem Blick an, der ihm wie ein kaltes Messer den Rücken herunterfuhr. Der Blick war kühl sonst nichts, aber der Blick war so unendlich hoch­

mütig und überlegen, daß er beleidigend wirkte und Smith augenblicklich den Mund verschloß.

Weekly nahm einen Brief vom Tisch und sagte in geschäftsmäßigem Ton:

Wir wollen keine langen Llmwege machen und von Ihnen reden. Es steht Ihnen absolut nicht zu, sich eine Kritik über das Tun und Lassen von Mr. Stanley zu bilden."

Er warf Smith den Brief hin.

Wer hat dieses unerhörte Zeug geschrieben?"

Smith senkte den Kopf. Er mußte um jeden Preis versuchen, seine Position zu wahren. Er richtete sich im Sessel auf und lachte leise, aber dieses Lachen, das nachsichtheischend und ein wenig schuldbewußt klingen sollte, gelang ihm nicht so recht:

Run ja, ich gebe zu, trotzdem es kein Der» ?nügen macht, zugeben zu müssen, daß man ein ooi ist ..

Weekly schüttelte ungeduldig den Kopf. Er haßte auf einmal diesen Menschen, der da vor ihm sah und noch die Frechheit hatte, sich quasi mit ihm auf die gleiche Stufe stellen zu wollen. Er war traurig, er hatte an diesen sonderbaren Menschen geglaubt, er hatte gedacht, ein gutes Werk zu tun, als er ihn in seinen Redaktions­stab aufnahm. Smith hatte ihn enttäuscht und das erzürnte ihn, weil es ihn schmerzte.

Sie können selbst lesen, was Stanley über Sie schreibt. Lind er hat recht damit! Was Sie da gemacht haben, ist eine Gemeinheit, hinterrücks Menschen verdächtigen und schlecht machen, ist eine Feigheit. Das ist unserer Zeitung nicht wür­dig! Ich verzichte auf Ihre Mitarbeit!"

Iules Smith wechselte die Farbe. Das konnte kein Ernst fein! Der Boden sank unter feinen1 Füßen, seine Beine wurden ihm weich wie Watte, das Surren des Ventilators klang ihm wie das Donnergetöse eines Gewitters in den Ohren. Er hatte das Gefühl, als stürze er in rasender Ge­schwindigkeit in einen Abgrund und unwillkür­lich wünschte er, daß dieser Sturz Wirklichkeit sei, daß er nicht wieder erwachen müßte. Aber die Wirklichkeit war da, unerbittlich, er konnte ihr nicht entfliehen.

Mr. Weekly," stammelte er.

Weekly antwortete nicht.

Hören Sie, Mr. Weekly," stammelte er, während ihm der Schweiß stromweise das Gesicht entlang lief,hören Sie, Mr. Weekly, ich dachte, es wäre unser Bestes, ich wollte demHerald" etwas Sensationelles bringen, ich wollte irgend etwas tun, um jeden Preis."

Weekly fuhr empört auf. Jeder hat das Recht, nach einem Rettungsanker zu greifen, auch der Ertrinkende, aber dieser Wann log, er hatte nur seine eigenen ehrgeizigen Pläne im Kopf gehabt.

3d) habe nichts mehr hinzuzufügen," sagte Weekly und deutete auf die Tür.

Smith erhob sich. Er war leichenblaß. Er hatte unwillkürlich das Gefühl, auf Weekly ein» schlagen zu müssen, er wollte sich wehren gegen das LInglück, das da prasselnd auf seinen Schä­del herunterkrachte, aber er war wie gelähmt.

O, er kannte diese amerikanischen Geschäfts­leute, deren Willen härter ist als eine Granit­mauer. Die gingen ihren Weg, unbeirrt, ob neben ihnen die Opfer zu Dutzenden fielen. Hier gab es kein Verstehen und Verzeihen, hiev kannte man keine Dankbarkeit. O, er verstand Weekly sehr gut, er hätte es im umgekehrten Falle geradeso gemacht, aber es war furchtbar!

Smith zitterte am ganzen Körper, er war wie gelähmt. Roch nicht einmal den Arm konnte cti heben, um zuzuschlagen. Seine Qlugen nahmen mechanisch die Dinge wahr, die in seinem Llm- kreis waren. Er sah den Schreibtisch, das Brief­papier und die Tinte, er sah die Schachtel mit den Zigaretten, von denen er sonst immer eine angeboten bekommen hatte. Sein Gehirn ar­beitete zäh und langsam. Er wußte, er war verloren. Es konnte sein, wie es wollte, immer wieder rannte er gegen die Granitmauer an, diese Mauer des bürgerlichen Ehrbegriffes, die unübersteiglich war, und über die er in seinem Leichtsinn und unbezähmbaren Ehrgeiz geglaubt hatte, hinwegzukommen.

Weekly drückte auf einen Knopf.

Bringen Sie Herrn Smith ein Glas Wasser," befahl er der Sekretärin.

Smith trank das Wasser in einem Zug aus. Er schöpfte Hoffnung, vielleicht war noch nicht alles verloren, vielleicht war er doch ein wenig gutmütig.

Mr. Weekly," begann er leise,es kann doch 3hr Ernst nicht fein! Sehen Sie, ich gebe zu, ich bin arg entgleist, aber die Sache kann man doch wieder gut machen. 3ch habe doch schon viele Sachen sehr gut gemacht, Sie haben es doch selbst gesagt, ich erinnere Sie an den Fall Philbin und dann damals, als das Feuer im Woolworth-Gebäude war, da habe ich doch unter Lebensgefahr die erste Reportage gebracht..."

Das war 3hre Arbeit!"

Weekly war unerbittlich. Es war alles auS, und auf einmal wußte er, daß er alles gesetzt hatte, und alles verloren hatte, denn Stanley und Weekly waren geschickte Spieler und er war erst ein Anfänger.

Von neuem überfiel ihn sein Schicksal.

Mr. Weekly," sagte er noch einmal, aber Weekly wandte sich eben zur eintretenden Se­kretärin:

Wir wollen schreiben!"

Smith öffnete noch einmal den Mund. Er wollte etwas sagen, aber er brachte keinen Laut hervor. Es war ja auch egal, es hatte sowieso keinen Zweck mehr.

(Fortsetzung folgt.)