Nr. 127 Zweiter Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Montag, 5, Zuni 1929
Spanien und Europa.
Außenpolitische Umschau.
Von Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. X
Linser ständiger außenpolitischer Mitarbeiter, der sich auf einer Dortragsreise in Portugal und Spanien befindet, sendet uns aus Madrid folgenden Bericht über seine Eindrücke von der Reise.
Spanien, mit seinen großen Ausstellungen dieses Jahres, der industriellen in Barcelona und der ibero-amerikanischen in Sevilla beschäftigt, sieht sich, als Ort der Tagungen soeben der Dölkerbundsligen und in wenigen Tagen des Dölkerbundsrates, ebenso des internationalen Autoren- und Derlegerkongresses mit Recht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Cs sieht in der Wahl des Tagungsorts einen Beweis der internationalen Achtung, des Vertrauens in die Festigkeit seiner inneren Zustände, in seine wirtschaftliche Energie und Entwicklung. So empfindet und betont man Freude und Optimismus über inneren Fortschritt und internationale Wertschätzung. Dein außenpolitischen Rundschauer liegt näher, als das, was über die innere Lage dazu zu sagen wäre, zu fragen, was Spanien in der großen Politik Europas bedeute. So interessant die darüber hinaus ragenden, gerade durch die Sevilla-Ausstellung angeregten Zusammenhänge mit dem spanischen Element Südamerikas, die „ibero-amerikanischen" Ideen sind, uns ist wesentlicher, was Spanien im Kräftespiel: England-Frankreich, Italien, Deutschland bedeutet, bedeuten kann, bedeuten will.
Es ist ein Staat von 20 Millionen, der größte (wenn wir heute noch den Ausdruck brauchen dürfen) neutrale Staat Europas, mit einer ausgezeichneten Armee, einem kräftigen Volkstum. einer hervorragenden „geopolitischen" Lage und den berechtigten Ansprüchen und Richtungen einer Großmachtspolitik. Aber welches sind diese Richtungen? Rach Rordafrika, ins Mittelmeer, über das Weltmeer? Jedenfalls nicht nach Europa, nach Mitteleuropa herein! Was bedeutet doch auch hierin die Gebirgsbarriere der Pyrenäen! An der Grenzgestaltung in Europa, auch an der Minderheitenfrage, die man in unserem Sinne hier kaum versteht — man beachte das auch für die kommenden Verhandlungen dazu vor und bei dem Völkerbundsrat I — hat man und kann man kein rechtes Interesse haben. An der Machtverteilung in Europa gewiß! Aber da wird hier recht deutlich, wie die englisch- französische Entente auch Spanien lähmt und bindet in seinem außenpolitischen Willen, selbst wenn er stärker vorhanden wäre, als es heute, aus vielen zurückliegenden und neueren Gründen, der Fall ist. Lind man sieht nicht, daß das freundschaftliche Verhältnis zwischen Spanien und Italien ein Gegengewicht böte, daß die Entente Mussolini-Primo de Rivera irgendwelche Früchte getragen hätte. Man braucht dazu nur an das nächste, die M a r o k k o f r a g e, zu denken!
Bei dieser Situation, die im ganzetr zu einer ziemlichen Passivität in der großen Politik überhaupt führt, ist dann ebenso erklärlich, daß Spanien auch im Völkerbund nicht sehr aktiv auftritt. Im Gegenteil, von seinem Vertreter dort, seinem Botschafter in Paris, Quinones de Leon, ist bekannt, daß er (wie alle im Völkerbund tätigen Sommer-Diplomaten) mehr oder weniger im Fahrwasser Frankreichs schwimmt. Er bildet mit Chamberlain und dem Japaner Adati die Dreierkommission, die nach der Entschließung vom 7. März die von Deutschland und Canada angeregte Minderheitenfrage weiter vorzubereiten hat. Deren Bericht soll am 6. Juni in Madrid verhandelt werden. Die Min-
Rückblick
auf die Berliner Festspiele.
Die Mailänder Gäste.
Berlin, Ende Mai.
Cs ist wirklich nicht die Ausländerei, welche der Mailänder „Scala" hier- so ungeheuer enthusiastische Huldigungen bereitete, daß sie — besonders die Abschiedsovationen nach dem letzten „Aid a"-Abend — in der Geschichte des modernen Berliner Theaters ziemlich einzigartig dastehen. Diese Ausbrüche der Begeisterung entsprangen auch der Erkenntnis, daß das Mailänder Opernspiel auf natürlichen Voraussetzungen beruht, die diesen Italienern Selbstverständlichkeit bedeuten, bei uns aber unerreichbar scheinen. Dahin gehört in erster Linie die Schulung des Orchesters. Dieses Orchester ist deshalb so herrlich, weil T o s c a n i n i mit seinen Musikern in jahrelanger Zusammenarbeit auf die selbstverständlichste Art zusammengewachsen ist. Dieser innere und beinahe geheimnisvolle Zusammenhang läßt sich natürlich nicht erreichen, wenn die Proben — deren Ergebnis er eben rst - wie bei uns durch irgendwelche Vorschriften eingeengt werden, wenn die Arbeitszeit nicht überschritten werden darf. Zum andern: in Berlin wird — ebenso wie auf der Schaubühne vom Regisseur aus — bei der Oper das Gesamtbild der Rufführung zunächst von dem Dirigenten aus beurteilt. Wir befinden uns in einer dauernden Opernkrise? Gut, also will jeder Dirigent einmal zeigen, wie er seinen Beitrag zu ihrer Losung beisteuert. Also geschehen bei uns jene Experimente, die teilweise zu beträchtlichen Leistungen geführt haben, aber auch dazu, daß dem Orchester und den Sängern eine ganz persönliche „Auffassung" des Dirigenten aufgezwungen wird, die nun — koste es, was es wolle — aus dem Werk herauszupressen oder in es hineinzudeuten ist. Bei den Italienern gibt es keine persönliche Auffassung Toscaninis, sondern'nur die Auffassung des Komponisten, die in der Partitur liegt, nur den Dienst am Werk, der freilich nicht in einigen Proben vorbereitet, sondern in selbstverständlichster jahrelanger Erziehung des gesamten Opernkörpers erreicht wird. Der Dirigent ist selbst kein Star, daher gibt es auch unter den Sängern keine. Diese freilich, die großen Solisten sowohl wie die Choristen, verfügen alle über eine Schulung, die bei uns wieder undenkbar ist: sie fingen alle belcanto, sie scheuen sich nicht — mit Verlaub — ihren Mund groß aufzureißen, sie fingen weder nach einer „Schule" noch nach
derheitenfrage ist natürlich auch auf der Tagung der Völkerbundsligen besprochen worden. Wird man nun wirklich wenigstens ein kleines Stück in dieser Angelegenheit, die doch auch zu den Fundamentalfragen des Völkerbundes gehört, wärts kommen? Cs sieht nicht so aus! Denn geschlossen steht die Front aus der kleinen Entente, Polen und Griechenland gegen auch nur den geringsten Fortschritt. Sie findet natürlich die Llnterstühung Frankreichs. Die englische Politik und das Dölkerbundssekretariat tun alles, um jeden Gegensatz, der doch dabei gar nicht zu vermeiden ist, in einem Wust von akademischen und juristischen, nach etwas klingenden und nichts besagenden Auseinandersetzungen zu ersticken. Bleiben Deutschland und Canada mit Ungarn — von den anderen mittleren und kleineren Völkerbundsmitgliedern ist vielleicht noch Finnland zu rechnen, sonst niemand recht. Da kann man sich schon denken, wie schwer Deutschlands Position sein und wie wenig herauskommen wird. Lind gerade die Minderheitenfrage wurde seinerzeit besonders als Grund für Deutschlands Eintritt in den Völkerbund betont! Außerdem bietet von den 22 Tagesordnungspunkten nur noch einer ein gewisses Interesse: die Statusfrage für den Schiedsgerichtshof im Haag im Zusammenhang mit der Frage des Beitritts der Vereinigten Staaten von Amerika dazu.
Lohnt das alles nun für die Staatsmänner die Reise nach Madrid? Haben derartige umständliche, Zeit und Geld kostende Ratstagungen überhaupt noch einen Zweck? Früher sagte man, daß die Llnbedeutendheit der Tagesordnung d i e freien Besprechungen der Staatsmänner über die bekannten, den Völkerbund nicht direkt berührenden, großen Fragen der europäischen Politik erleichtere. Aber die letzten Male haben diese Besprechungen tatsächlich
nichts bedeutet. Wir glauben nicht, daß die drei Minister diesmal irgendetwas Wesentliches in der Abrüstungs- ober in der Rheinland-Besatzungsfrage fordern werden. Lind wird die Reparationsfrage dann vielleicht dafür spruchreif fein, die mit dem Döllerbund überhaupt nichts zu tun hat? Wir bleiben dabei: es ist wirklich für die deutsche Außenpolitik Zeit geworden, darüber nachzudenken, daß es mit der bisherigen Methode unserer Völkerbundspolitik nicht weiter geht, daß sie aktiver und aggressiver werden muß, und was und wie das zu machen ist. Es ist das Problem und Aufgabe, die nicht deshalb zurückgeschoben werden bütfen, well — was ja niemand bestreitet — die Reparationsfrage int Zentrum nicht nur der deutschen, sondern auch des größten Teils der europäischen Außenpolitik steht.
Spanien, zu dem wir noch einmal zurückkehren. ist daran nicht beteiligt; zwischen ihm und Deutschland bestehen derartige Gegensätze nicht. Politisch ist es überhaupt so. daß Reibungsflächen und Konsliktsmöglichkeiten nicht existieren, daß daher aber auch, wie dann oft in den Staatenbeziehungen, die beiden Länder einander politisch nichts zu bieten haben, namentlich auch bei der Situation Spaniens, die eingangs geschildert wurde. Llm so wichtiger und aussichtsreicher sind dann die wirtschaftlichen und — nicht zu vergessen! — die kulturpolitischen Beziehungen Man freut sich, zu sehen, wie sich dafür, auf dem so bedeutungsvollen Gebiete der Auhen-Kulturpolitik, die immer stärker zu einem integrierenden Teil unserer Außenpolitik wird, doch schon gesehen oder wenigstens angeknüpft ist. Der Mittelpunkt in Madrid ist die deutsch- spanische Arbeitsstelle (Centro de inter- cambio intelectual germano-espanol), die von deutschen wissenschaftlichen Kräften ins Leben
gerufen ist und getragen wird. Man darf solche Arbeit, so bescheiden und anspruchslos sie ist, nicht gering schätzen Sie lodert Boden der für andere Einflußnahme noch unzugänglich ist. Sie geht parallel und ergänzt, was Handel und Wirtschaft, Religion und Kirche, Auslandschule und das Auslanddeutschtum im ganzen tun. Dergleichen, also die Anknüpfung geistiger und kulturpolitischer Fäden, mochte vor dem Kriege als Ornament gelten. Heute ist es etwas sehr Wesentliches! Wie soll man anders das Bild Deutschlands, Kenntnis und Verstehen von ihm den Deutschen draußen und den fremden Völkern nahebringen?
Die Haltung des Spaniers gegenüber Deutschlands ist ohne Zweifel die der Achtung, vielfach des Wohlwollens und auch des Interesses. Aber die beiden Kulturkreise, der deutsche und der spanische, sind einander doch recht femgerüdt, wenigstens was die Völker im ganzen und weitere Kreise in ihnen betrifft. Die Stagnation in der großen Politik von heute wird nicht immer so bleiben. Auch Spanien wird in ihr einmal eine andere Rolle spielen, und es ist und bleibt zudem Mutterland für Millionen spanisch Sprechender jenseits des Ozeans, die langsam, aber ganz unfehlbar auch einmal in eine aktive und bedeutende Rolle in der Weltpolitik einrüden werden. Dann aber ist es von größter Wichtigkeit, was man in diesem Kulturkreis und insonderheit in Spanien von Deutschland denkt und (als Voraussetzung dazu) von ihm weiß. So gewinnt auch bescheidene und unpolitische Gelehrtenarbeit zur Vermittlung und Verbindung ihre wichtige Stelle in der mühseligen Arbeit, die wir den Wiederaufbau der deutschen weltpolitischen Beziehungen im weitesten Sinne des Wortes nennen >
Grundsteinlegung des Gießener Studentenhauses.
Die Landesuniversität, die Stadt Gießen und das Hessenland hatten am gestrigen Sonntag ein geschichtlich denkwürdiges Ereignis zu verzeichnen: die Grundsteinlegung des Gießener Studentenhauses. Vom Wetter begünstigt, nahm die Feier einen sehr eindrucksvollen Verlauf. Kurz vor 12 Llhr hatten sich auf der mit Fahnen reich geschmückten Baustelle viele Ehrengäste — darunter Staatspräsident Dr. Adelung, hohe Ministerialbeamte, Landtagspräsident Delp und Mitglieder des Landtages, Angehörige des akademischen Lehrkörpers, viele De- hördenvertreter, Stadtvertreter mit Oberbürgermeister Dr. K e l1 e r an ber Spitze, enge Freunde der Llniversität usw., die Chargierten der Korporationen in Wichs und mit Fahnen, sowie zahlreiche Damen — versammelt, während vor der Baustelle in langer Front die Studentenschaft aufmarschiert war und ein zahlreiches Publikum den Platz rings umsäumte.
Rach einem Musikvortrag unserer Militärkapelle unter Leitung des Obermusikmeisters L ö b e r sprach zunächst der verdienstvolle Gießener Studentenvater
Prof. Or. Eger.
Er wies einleitend darauf hin, daß der Reichstag Mittel zur Errichtung von Studentenhäufern bewilligt habe und daß daraus Gießen ein erheblicher Betrag zugeteilt worden sei, und sagte dann weiter: Diese Förderung hat Gießen der Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft zu verdanken. Rächst dem Reiche und der Wirtschaftshilfe gebührt der Hessischen Regierung und dem Hessischen Landtag, die dem Werk und der Arbeit der Gießener Studentenhilfe die regste Förderung angedeihen ließen, herzlichster Dank. Der Landtag hat eine große Summe für diesen Dau bewilligt. Dem Staatspräsidenten und dem
Landtagspräsidenten gebührt besonderer Dank dafür, daß sie der Anteilnahme des Hessenlandes an diesem Bau durch ihr Erscheinen bei dieser Feier Ausdruck verleihen. Gefühle herzlichen Dankes werden auch der Stadt Gießen entgegengebracht. ist doch der Grund und Boden zu diesem Bau von der Stadt geschenkt worden. Freudig begrüßt die Studentenhilfe diese Gabe und die übrige Förderung durch die Stadt Gießen als neuen 2^weis der innigen Verbundenheit zwischen der Gießener Bürgerschaft und ihrer Studentenschaft, ja der ganzen Llniversität. Möchte immer der Wahlspruch gelten: „Hie Gießen, hie Freistatt der Wissenschaft". Auch der Provinz Oberhessen sind wir herzlich dankbar dafür, daß sie die Einrichtung eines Raumes in dem neuen Hause gestiftet hat. Die Gießener Studentenschaft selbst hat sich für diesen Dau eine Steuer auf erlegt, aus der schon ein namhafter Beitrag zu den Baukosten geflossen ist. Gießener Studenten haben als Werkstudenten an diesem Bau mitgearbeitet, und ich habe die feste Zuversicht, daß die Studentenschaft noch in weit größerer Zahl Hand mit anlegen wird bei diesem Werk. Dadurch bekennt sich die Studentenschaft zu dem hohen Ziel, das ihr als großes Vermächtnis überkommen ist von der studentischen Generation des Weltkrieges: Weiter arbeiten und nicht verzweifeln I Der Gedanke der Selbsthilfe und der Gemeinschaft aller Studenten soll hier feinen Ausdruck finden. Das Haus soll werden ein Sammelpunkt für alle Kommilitonen, eine Stätte des Gedankenaustausches für alle, die durch gemeinsame Arbeit im Dienste der Wissenschaft und Wahrheit verbunden sind. Möge das Gießener Studentenhaus erstehen zum Besten der Studenten, zum Besten der Llniversität und der Stadt Gießen und zur Förderung deutscher Wissenschaft und Kultur!
Staatspräsident Or. Adelung
als nächster Redner sagte: Je trüber die Lage einer Volksgemeinschaft ist, um so geringer wird für diejenigen, die über öffentliche Mittel als verantwortliche Treuhänder zu verfügen haben, die Möglichkeit, einem augenblicklichen, wenn auch noch so ehrlichen persönlichen Impuls bei der Verwendung dieser Mittel zu folgen. Betrachten wir die Verhältnisse in Deutschland, wie sie sich nach dem Kriege gestaltet haben, bann gewinnen vor allem die Beschlüsse des Reichstags und des Hessischen Landtags über die Bereitstellung erheblicher Gelder für den Bau von Studentenhäusern an Llniversitäten und Hochschulen, so gesehen, eine ganz besondere Bedeutung. Sie bekunden den festen Willen der Deutschen Ration, gerade in Zeiten der Rot eine uns gebliebene Chance nicht aufzugeben: auf der Grundlage eines arbeitsamen und in der Arbeit nachdenklichen Volkscharakters durch Förderung der nach Veranlagung ober Intelligenz Tüchtigsten aller Berufsstänbe ben kulturell- wissenschaftlichen Hochstanb zu bewahren unb auszubauen, ben wir uns in ber Welt errungen haben.
Freilich: bie Bebingungen biefes Kampfes um unsere Welt-Geltung auf bem Gebiete ber Wissenschaft unb Technik sinb für uns unendlich schwerer geworden. LLnsere Schul- unb Arbeits- Methoben hat man im Auslanbe geprüft unb — mit ^Überlegung — zum großen Teile übernommen! Keine ber großen Kulturnationen hat aber in ben letzten 15 Jahren ihrer heranwach- fenben Generation, b. h. ihrem eigenen Schicksal im nächsten Menschenalter, ähnliche Entbehrungen auferlegen müssen, wie bie beutsche, feine hat mit derselben Rot zu ringen gehabt wie wir.
Groh ist bie Gefahr, bie baraus erwächst. Ihr T II I II■
einem „System", es sei denn nach bem System ber einsachen Ratürlichkeit. Die gesamte „Scala" weiß nichts von Krisen, sie kennt nur den Begriff ber Oper unb bes Opernhaften. Ihn will sie verkörpern. Sie ist ganz Tradition, und gerade darum darf sie es wagen, uns mit alten und verstaubten Dingen zu kommen, weil diese eben in der Tradition wurzeln. Die Werke und der Geist seiner Wiedererwecker sind einander kongenial.
Dazu haben bie Sänger einen Reichtum an Gesten, bie ben Gesang begleiten unb unterstreichen, der eben weiter nichts als opernhaff und ganz unnaturalistisch ist. Sie bringen ihr südliches theatralisches Temperament mit, sie haben keine Scheu vor den Ausbrüchen großer Leidenschaften, sie werden mit Fug unb Recht so verliebt ober wahnsinnig, wie man es nur im großen Theater ber Oper fein barf. So können sie es auch wagen, uns ben in jebem Sinne hun- bert Jahre alten Schinken „Lucia von Lamme r m o o r" zu servieren, ben Inbegriff einer Oper, bie sich (bei uns) längst überlebt hat. Hier wird sie, in ihre eigentümliche Srabition gesteckt, bis zu einem gewissen Sinne sogar tebenbig, obwohl hier ein Beispiel für Vorgänge vorliegt — Gattenmord, Wahnsinn, Selbstmord —, die uns gar nichts mehr kümmern und für eine Musik Donizettis, welche diesen schaurigen Dingen stracks zuwiderläuft und sich bemüht, sie auf eine möglichst heitere Art zu begleiten. Aber da ist die Lucia ber Sängerin Sott bal Monte, welche biefe große Wahnsinnsszene, von einer fabelhaften Sicherheit in ber Koloratur, von einer großartigen Reinheit ber Stimme unterstützt, wirklich schaurig-packend hinlegt, und da sind bie bekannten unb volkstümlich geworbenen Chöre, bie einmal in einer bekannten Klavierschule stauben, ba ist das Orchester, und da ist Toscanini selbst, der das alles zusammen- schweißt unb emporreiht.
Im „T roubabour“ erweist es sich wieber, was Toscanini als Dienst am Opernwerk versteht: bie Ehrfurcht vor ber Verbi scheu Partitur, auch ba, wo sie bis zum Llnerträglichen abgegriffen unb banal geworden ist. Aber gerade diese Banalitäten gibt er mit einer unerschütterlichen Sicherheit, SiegeSgewihheit und Kühnheit, er deutelt nicht daran, unb erreicht zur allgemeinen Derwuuberuug aus biesen bekannten Roten unbekannte Wirkungen. Au biefem Abeub steht neben ihm der Tenor D o l p i im Mittelpunkt, eine junge geschmeidige Gestalt, ein sieghaft- heldisches Organ. — Die Inszenierung beider Werke geschieht wieder ganz im Stil ber großen Oper.
Es ist auch über Puccinis „M a n o n“ nichts Reues zu sagen, höchstens über bie Art ber Aufführung unb Wiebergabe burch bie Mai- länber unb Toscanini. Wieber betounbert man, wie am ersten „Falstaff" -Abeub, bie große Eusernblekuust, bie nur burch jahrelange Hebung so festgesügt werben kann; man staunt wieber vor ber geschmeidigen Kraft bes Orchesters, bas aus ber Partitur alle mögliche Wirkung entfesselt. Der Dialog wirb zu einem leichten, natürlichen Hin unb Her, unb auch aus ben minber- toertigen Stücken ber Oper wirb etwas Echtes unb Großes. Es ist erstaunlich, wie bie Säuger wieber mit ber Kehle barftellen unb charakterisieren, man wirb, bei aller uorbischeu Kühle, boch von biefer Hemmungslosigkeit bes Spiels hingerissen unb versinkt nach Toscaninis Willen in ben alten romantischen Operutraum. Die Säuger sinb auch an biefem Abeub von großer Volleubuug unb Ratürlichkeit: Rosetta Pam - p i n i als Mauon, 21 u r e l i a u o Perti 1 o als bes Grieux. Rein, es ist gewiß keine Auslänberei im Spiel, wenn man von biesen Leistungen ergriffen ist. Mau beult an unsere Sänger unb findet, daß ihre Darstellungssteifheit auch ein wenig mit der Llugelenkigkeit ber Stimmbänder Zusammenhängen wird. Mau gewinnt aus diesen Abenden Erkenutuisse, bie eigentlich uralt sinb.
Der letzte „Aiba"-Avenb faßt noch einmal alle Vorzüge ber Mailänber Gäste zusammen unb bie Entwicklungsfähigkeiten, welche biefe Oper ermöglicht — sie warb mit Vorbebacht an ben Schluß gestellt —, fetzen sie in bas hellste Licht. Wieber wie am ersten „Falstaff'-Abeub, finbet biefe Aufführung in ber Staatsoper statt, wieber erklingt bas Orchester gefchmeibig, sicher unb kraftvoll; wie werden bie Gruppen ber einzelnen Instrumente beutlich, wie hat biefes alte Haus plötzlich eine neue Akustik erhalten! Die Inszenierung — sie liegt auch an biefem Abeub bei Sorjano — arbeitet mit aller ägyptischen Tempelpracht, bie von diesem Stoff wohl nicht zu trennen ist, sie ist ganz unb gar nicht „modern" stilisiert, ebensowenig wie die Sänger unb bie Balletts. Aureliano Pertile ist ein Rabames von Format, bie Arraugi-Lombarbi bie Aiba, Albertina Dalmonte: Amueris.
Toscanini unb bie Seinen sinb unter ungeheurem Abschiedsjubel von uns gegangen unb lassen uns zurück. Zurück mit einigen Erfahrungen, von benen einige eingangs angebeutet würben. Die beutlichste aber heißt, baß hier Musik um ber Musik unb Oper um ber Oper willen gemacht würbe. Das klingt sehr einfach unb einleuchtenb, aber biefe Forbexung ist anscheinend bei uns nicht zu erfüllen. B. D.
Neues vom Rembrandt-Oeutscheu.
Die Gestalt bes „Rembraubt-Deutschen" Julius Laugbehu, ber seinerzeit burch fein Buch „Rembraubt a l s Erzieher" unser Geistesleben so stark beeinflußte, ist burch bas Buch von Momme Rissen uns erst recht nahegerückt worben. Einige Ergänzungen unb Berichtigungen bazu bietet Hermann Brunn in ben Erinnerungen, bie er in ber „Deutschen Runb- schau" veröffentlicht. Der Verfasser ist ber Sohn bes großen Archäologen Heinrich von Brunn, helfen Schüler Langbehn war und mit bem sich ber eigensinnige Geist wie mit so vielen anbern entzweite. Der junge Brunn hat Langbehn wäh- renb feiner Stubentenzeit nahegestanben, unb er betont ben starken Eindruck, ben ber große blonde Germane auf alle machte; er verband liebenswürdige Herzlichkeit mit einer inneren Reinheit des Gemüts. Aber alles in feinem Wesen drängte ihn aus ber Archäologie heraus in das Bereich ber Philosophie unb ber Menschheitsverbes- lerung. Brunn glaubt, bah Langbehn schon wäh- renb seiner Münchner Stubienzeit sich mit jenen tiefgrünbigen Gebauten beschäftigte, bie später in bem Rembrandtbuch niebergelegt würben. Er hatte sich eine merftoürbige Rotizensammlung angelegt, bie sich nicht auf Archäologie beschränkte, fonbern sich auf bie verschiebenen Gebiete menschlicher Kultur ausbehnte. Daß Langbehn an diesen Dingen in Rom weiterarbeitete unb baher seinen archäologischen Stubien immer mehr entfrembet würbe, beweist bie Tatsache, bah er bamals von dem jüngeren Brunn Aufklärung über gewisse Fragen des Grenzgebietes zwischen Mathematik unb Kunst erbat, bie bann von ihm in seinem anonym erschienenen Werk verwertet würben. Heinrich von Brunn brach mit Langbehn, nachbem er verschiebene Klagen über fein Benehmen in Rom erhalten hatte, in einer heftigen Auseinanbersehung. ilnb als Frau von Brunn Langbehn bann fragte, was er nun tun werbe, ertoiberte er mit spitzem Sarkasmus: „Ich werbe nach Hamburg gehn unb Stiefel putzen!" Langbehn gehörte zu den Raluren, bie alles ober nichts forbern unb keinen Kompromiß kennen. Das zeigte sich auch in seiner Freunbschaft mit bem Maler Karl Halber. Wie Brunn erzählt, verlangte Langbehn von bem Freunbe, bah bei Meinungsverschiedenheiten so lange disputiert werde, bis der eine bie Gründe des anderen anerkenne, und Langbehn stellte an ihn Forderungen, bie ihn mit seinen Pflichten als Ehemann unb Vater in Konflikt brachten; er verlangte, bah, wer sein wahrer Freunb sein wolle, bie Freunbschaft über alles anbere fetzen müsse.


