Ausgabe 
2.7.1929
 
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flfcn, an Dem Vertrage mitzuwirken, falls gleich- zeitig auch für die evangelische Kirche ähnliche Verträge geschlossen werden. Der vorliegende Vertrag gibt in manchen Punkten zu Bedenken Anlaß, daß die Auswirkung der ein­zelnen Bestimmungen geeignet ist, das friedliche Nebeneinanderbestehen der beiden christlichen Kon­fessionen zu gefährden.

IDclteffe kreise haben die Besorgnis, daß über die berechtigken Forderungen der evangelischen Bevölkerung hinweggegangen werden wird und die in Aussicht gestellten Verhandlungen dann absichtlich von der Slaatsregierung ;um Schei­tern gebracht werden. Dir halten deshalb an der Forderung der gleichzeitigen Ver­abschiedung eines Vertrages mit der evan­gelischen Kirche fest und können dem Gesetz­entwurf nicht zustimmen.

Abg. Stendel (D. Vp.) erklärt: Der vorliegende Vertrag sei zweifellos, auch wenn die Vorlage der Negierung das schamhaft verschweige, ein Konkor­dat. Der Inhalt des Konkordats, auf den es seiner Fraktion ankomme, widerspreche den Richtlinien des Zentralvorstandes der Deutschen Volkspartei. Die Fraktion habe darum den Beschluß gefaßt, daß das Konkordat um seines sachlichen In­halts wegen unannehmbar sei. Seine Fraktion hoffe immer noch, daß sich ein neuer Weg finden lassen werde. Sie sei zur Mitarbeit be­reit. Wir können nicht verhehlen, daß mit diesem Vertrag ein jahrhundertlanger Kampf zwischen Staat und Kirche zuungunsten des Staates entschieden wird. Auch der Preußische und Deutsche Lehreroerein haben die Befürchtung ge­äußert, daß schon durch den Artikel 1 die Schule in dem Vertrag berührt werde, auch ein Zentrums­blatt habe sich von einem römischen Mitarbeiter be­scheinigen lassen, daß nach dem Artikel 1 des Ver­trages die Schulfragen mit hineinge- zooen werden. Eine wirklich liberale Partei könne solchen Bestimmungen nicht zustimmcn.

Abg. König (Soz.) erklärt: Dieser Vertrag sei sehr günstig ausgefallen. Die ganze Polemik gegen die Vorlage sei eingestellt auf den Inhalt eines Konkordats, wie man ihn vorher ver­mutet habe: der jetzt vorliegende Inhalt gebe aber keinen Grund für diese Opposition. In dem bayerischen Konkordat sei das gesamte Schulwesen unter den Einfluß der katholischen Kirche gestellt. In diesem Vertrag seien aber solche Bestimmungen nicht enthalten. Deshalb könne die Sozialdemokratische Partei dem Ver­trage zustimmen.

Abg. Graue (Dem.) erklärt: Seine Fraktion betrachte das Konkordat als eine nationale Frage von größter Bedeutung. Wir haben schon 1927 erklärt, daß wir die Form, in der die Abmachung getroffen wird, als sekundär ansehen, daß wir uns nur an den Inhalt halten würden.

Eine unserer Voraussetzungen war, daß in dem Vertrage nichts von der Schule ent­halten sei. Diese unsere Forderung ist er­füllt. Wir werden an der Abwicklung der Ver­einbarungen Mitwirken. Vom Staate gesehen ist in dem Vertrage vieles erreicht. Ich frage die Deutsche Volkspartei, ob es wirklich liberal ist, einen Vertrag, der so gewissenhaft nach beiden Seiten abgewogen ist, abzulehnen. Wir brauchen den konfessionellen Frieden und sehen in diesem Vertrage einen Weg, ihn herbeizuführen. Diesen Weg zu einem Ende zu führen, ist der starke Wille meiner politischen Freunde.

Abg. He st ermann (Wirtsch.°P.) erwartet eine bestimmte Erklärung, daß der preußische Staat bereit ist, den evangelischen Lan­deskirchen auf der Grundlage völliger Pari­tät, die dem Wesen der Kirchen entsprechen muß. die gleiche vertragsmäßige Si­cherste! lung zu geben.

Damit schließt die Aussprache. Der Staatsver­trag wird dem Hauptausschutz überwiesen.

Oie evangelische Kirche.

preußische Negierung lehnt gleichzeitige Regelung ab.

Berlin, 1. Juli. (WTB.) Auf das Schreiben des Evangelischen Oberkirchenrats an das preußische Staatsministerium, worin jener im Auftrag des kirchensenals unter Bezugnahme auf den Beschluß der Generalsynode die unverzüg­liche W iederaufnahme der abgebroche­nen Verhandlungen mit der evange­lischen Kirche forderte, hat der Kultusminister im Einvernehmen mit dem Ministerpräsidenten mit­geteilt, das preußische Staalsministerium sei be­reit, alsbald nach der Verabschiedung des dem Landtag zugeleileten Ver­trages des Freistaates Preußen mit dem heiligen Stuhl in weitere Verhandlun­gen mit dem Kirchensenat und dem Evangelischen Oberkirchenrat einzutreten, hierzu schreibt der Evan­gelische Pressedienst u. a.: Dav Schreiben de» Kul­tusministers bedeutet eine erneute Ableh­nung der von der Generalsynode geforderten Gleichzeitigkeit der Regelung der Beziehun- gen zur evangelischen Kirche im Fall der Annahme de» Konkordates. Auch sonst erhebt der Evangelische Pressedienst eine Anzahl Einwendungen gegen das Schreiben des Kultusministers.

Parteitag der christlich-nationalen Vauernpartei.

Berlin, 1. Juli. (Eigene Meldung.) Unter dein Vorsitz des Reichstagsabgeordneten Hepp tagt« am Sonntag in Frankfurt a. M. der Par­teitag der christlichnationalen Bauern- und Land- bundpartei. Neben den politischen Forderungen wurde in wirtschaftspolitischer Hinsicht derKampf um die Nahrungssreiheit als die wesent­liche Voraussetzung der politischen Freiheit bezeich­net. Der Reichstagsabgeordnete D ö b r i ch erklärte, daß das landwirtschaftliche Notprogramm unzu- länglich sei, daß man aber im Reichstag aus parteipolitischen Gründen zu keiner sachlichen Ent- schließung kommen konnte. Hepp kündigte in der Aussprache an, daß der Kampf im Parlament ver- schärft fortgesetzt werden müsse. Dabei machte er die Feststellung, daß die Reichsbauernfront sich im Parlament noch nicht habe durchsetzen ton­nen, weil sich ihr das Zentrum restlos versagt habe.

Bauernlundgebung in Husum.

Husum, 2. Juli. (WTB. Funkspruch.) Nach mehreren ähnlichen Kundgebungen in den letzten Tagen wurde in Husum gestern nachmittag eine

Versammlung der L ä ndvolkbew e gung abgehalten, um gegen die Verurteilung des Landvolkführcrs Wilhelm ham- Fens, Mitglied des Reichstags, der wegen Au f - reizungzum Steuer st reikzu einer G e - fängni's strafe verurteilt worden war, zu protestieren, hamkens wandte sich gegen die Regie­rung und bezeichnete als Hauptziel der Landvolk- beweaungdie Bekämpfung und Beseitigung des jüdisch.parlamentarischen Systems". Seine Ausfüh­rungen und die der übrigen Redner wurden wieder­holt von tosendem Beifall unterbrochen. Zum Schluß der Versammlung bildeten die Versammlungsteil­nehmer, etwa 300 Landwirte, einen geschlos­senen Zug, um hamkens ins Gefängnis zu leiten. Eine von Landjägerei- und Polizeibeamten gebildete P o l i z e i k e t t e in der Theodor-Storm- Straße wurde von der Spitze des Zuges über» rannt und unter lauten Rufen bis zum Amtsge­richtsgebäude zurückgedrängt. Die sich vergebens zur Wehr setzenden Beamten nahmen vor dem Por­tal des Amtsgerichtsgebäudes Aufstellung. Aus der Menge wurden Rufe lautSchießen! Schießen!" Nachdem hamkens in das Gerichtsgebäude einge­treten war, sang die Menge das Deutschlandlied, worauf sie sich zerstreute. Nach Abzug der Landwirte traf ein Kommando der Schutzpolizei aus Schleswig im Auto zur Verstärkung ein, brauchte aber nicht mehr in Tätigkeit zu treten.

Oanzig gegen polnische Anmaßung.

Danzig, l.Iuli. (WB.) Präsident Sahm hat auf den Einspruch der polnischen diplomati­schen Vertretung in Danzig wegen der Treue- kundgebungen am 2 8. Juni dem Mi- nister Straßburger eine Bote übermittelt, in der er zum Ausdruck bringt, daß es sich bei den erwähnten Kundgebungen um einen elemen­taren Ausbruch der Trauer handele, die die Bevölkerung der Freien Stadt Danzig, die gegen ihren Willen vom Vater­lande abgetrennt sei, aus Anlaß der zehn­jährigen Wiederkehr des Tages der Ilnterzeich- nug des Versailler Vertrages aufs tiefste bewegt habe. Im übrigen sei bei den Veranstaltungen nichts vvrgekommen, was zu der Annahme be­rechtigen könnte, daß die Freie Stadt Danzig sich der bisher streng befolgten loyalen Er­füllung der bestehenden Verträge, insbesondere auch der Republik Polen gegenüber, entziehen wolle. Der Danziger Senat müsse we­gen des Inhalts der polnischen Rote, soweit ihm Vorhaltungen wegen der Verpflichtun­gen aus dem Versailler Vertrag gemacht wer­den, ausdrücklich Verwahrung einlegen.

Keine Sanierung der Reichsfinanzen durch Lotterie.

Berlin, 2. Juli. (Priv.-Tel.) Vor einiger Zeit tauchte der in der Oeffentlichkeit diel be­achtete Plan des Bankiers Äk o l l i n g auf, der mit einer Reform der Preußisch-Süddeutschen Klassenlotterie eine reiche Quelle an Ein­künften für den Staat schaffen wollte. Es sollte ein Fonds gebildet werden, dessen Zinsen­dienst dem Staat zugute kam. Inzwischen haben nun die zuständigen Stellen Gelegenheit gehabt, sich mit dem Molliygschen 5ßlan, der übrigens eine ganze Reihe weiterer ähnlicher Vorschläge hervorrief, zu beschäftigen. Wie wir von gut unterrichteter Seite hören, ist man aber im wesentlichen zu einer Ablehnung gekommen. Denn sowohl im Staatenausschuh wie im Beirat der Staatslotterie, der sich vor allem aus Ab­geordneten zusammensetzt, erfolgte eine Ableh­nung des Reformplanes. Im Staaten­ausschuh haben sich anscheinend vor allem die süddeutschen Mitglieder gegen diesen Vorschlag gewendet, während der Beirat mit überwiegender Mehrheit dieselbe Stellung einnahm. Damit ist der Mollingsche Plan, und erst recht natürlich alle weitergehenden Vorschläge, wie der eines staat­lichen Zwanges zum Loskauf mit dem Ziele der Finanzierung der Reparationen, der aller­dings die zuständigen Stellen wohl nur als Kuriosität erreicht hat, gescheitert. Die noch vor­liegenden weniger weitgehenden Pläne, wie die Erhöhung des Lospreises, werden erst an einem späteren Termin zur end­gültigen Entscheidung gestellt werden.

Oer Gtinnes-Prozeß.

Berlin, l.Iuli. (WB.) Der Verteidiger des Angeklagten v. Waldow, Rechtsanwalt Dr. Eh­lers bekundet als Zeuge, bei der Llebernahme des Mandats habe v. Waldow ihn gefragt, ob er auch nicht in irgendeiner Form von Stinnes abhängig sei: er, v. Waldow, müsse einen schweren Kampf gegen Stinnes aus- kämpfen und brauche daher einen Mann, der vor Stinnes und dessen Einfluß nicht zurück­schrecke. Der Angeklagte habe während der gan­zen Llntersuchungshaft einen sehr verzweifelten und pessimistischen Eindruck gemacht. Ein ehe­maliger Zellengenosse des Angeklagten v. Wal­dow bekundet, v. Waldow habe große Sorge gehabt, dah er vergiftet werden könnte. Der frühere Erzieher im Kadettenkorps und spätere Kompagnieführer des Angeklagten v. Waldow schildert diesen als einen treuen und zuverläs­sigen Menschen. Als er einmal dem Angeklagten Kognakpralinen mitbrachte, wurde er vom Untersuchungsrichter Brühl ersucht, ein Stück da­von zu essen, weil man befürchtete, dah v.Wal- dow durch Stinnes vergiftet werden könnte.

Oie Gesundung des Königs von England.

London, l.Iuli. (TU.) Die Rückkehr des Königs nach dem Buckingham-Palast fand unter allgemeiner Anteilnahme der Bevölke­rung statt. In London waren die Straßen, die der König passierte, von großen Menschenmen­gen u m säumt. Vor dem Buckingham-Palast hatten sich bereits von 7 Uhr morgens an eine An­zahl Personen eingefunden, die Zeuge der Rückkehr sein wollten. Im ganzen legt die Heimkehr ein be­reites Zeugnis dafür ab, welchen starken Anteil die ganze Bevölkerung an dem Krankheitsverlauf des Königs nahm. Das Aussehen des Königs bei feinem ersten Wiedererscheinen vor der Oeffentlichkeit der Hauptstadt war zwar gut, dock war offenbar als Folge der Erreyung eine gewisse Müdigkeit festzu- stellen. Der Äöntq wird nur etwa eine Woche in der Hauptstandt zubringen und dann nach S a n d r i n g- harn abreifen. Kurz nach der Ankunft des Königs

im Buckinghäm-Palast wurde folgende Dankes- s ch r i f t veröffentlicht:Es ist mein Wunsch, meinen herzlichsten Dank für das ergreifende und enthu­siastische Willkommen auszusprechen, das ich nach der Rückkehr in die Hauptstadt meines Reiches nach vielen Monaten Krankheit erhalten habe. George

Amerikas Zollmauern.

Proteste der französischen Industrie.

Paris, 2. Juli. (WTB. Funkspruch.) Gestern abend veranstaltete das Comite d'action eco- nomique et douaniere, in dem die französische Industrie und der französische Handel organi­siert sind, zu Ehren der ausländischen Presse ein Bankett, dem auch die Leiter der Wirt­schaftsabteilungen der ausländischen Missionen der größeren Staaten die deutsche Botschaft war vertreten durch Gesandtschaftsrat Döhle sowie Handelsminister Bonnefou und Arbeits­minister Loucheur beiwohnten. Der Vorsitzende der Vereinigung, George Berger, erklärte, es sei nicht die Aufgabe der Vereinigung, für die vollkommene Riederreihung der Zollgrenzen ein­zutreten, sondern sich vielmehr für dieHerab- sehung der übertriebenen Zölle und für eine wirtschaftliche Verständigung einzusehen. In diesem Gedankengang wandte er sich ge­gen die geplanten Zollerhöhungen Der Vereinigten Staaten, die eine Be­stürzung in Europa hervorgerufen hätten. Auch Handelsminister Bonnefou erwähnte die Zoll­politik der Vereinigten Staaten und erklärte, es sei ein Paradoxon, wenn man von einem Lande fordere, dah es seine Schulden bezahle, während man ihm durch übertriebene Zölle die Mittel hierzu verwei­gere (I): denn nur aus dem Ausfuhr­überschuß (!) könne man seine Schulden be­gleichen. Arbeitsminister Loucheur wies darauf hin, daß Europa sich wirtschaftlich or­ganisieren müsse. Rur auf diese Weise könne man der wirtschaftlichen Konkurrenz der Ver­einigten Staaten begegnen. Auf alle Fälle aber werde man hierdurch die Möglichkeit einer Ver­handlung mit Amerika auf demFuße der Gleichheit erzielen.

Oie Oeutschnationalen gegen den preußischen Innenminister.

Berlin, 1. Juli. (V.D.Z.) Der preußische Innenminister Grzesinski hatte am 28. Juni i n Frankfurt a. M. in einer Versammlung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold eine Rede ge­halten, in der er nach dem Bericht desVor­wärts" an- den neulich im Reichstag von rechts gefallenen ZurufAn der Laterne aufhängen" erinnerte und hinzufügte, die deutsche Arbeiter­schaft würde diejenigen, die auch nur den Ver­such machten, chre politischen Rechte mit Gewalt anzutasten, diesmal wirklich an die Cater* nenpfähle aufknüpfen. Die Deutschnatio- nalen haben im Preußischen Landtage sofort eine Gröhe Anfrage eingebracht, in der sie Aus­kunft verlangen, ob dieser Bericht desVor­wärts" 'zutreffend ist, und wenn ja, welche Stel­lung das Staatsministerium zu der mindestens indirekt zur Gev'alt.zuVerfassungs- bruch und Verbrechen auffvrdernden Rede des für Ruhe und Ordnung im Innern verantwortlichen Ministers einnehme.

32. Bundestag des Reichsbundes der Zivildienstberechtigten.

Soeben fand der diesjährige Bundestag des Reichsbundes der Zivildienstberechtigten unter starker Beteiligung von Abgeordneten fast aller Parteien in Dortmund statt. Ministerialdirektor Dr. Falk (Berlin) hielt am ersten Tag ein Referat über das ThemaDie Bedeutung der Zivilversorgung für das Derufsbeamtentum". Die brennenden Fragen der Zivilversorgung wurden in einer Entschließung zusammengefaht, in der es u. a. heißt:

UnterZivilversorgung" kann nur die lebens­längliche Anstellung des aus dem Wehr- und Ordnungsdienst ausscheidenden Staatsdieners in einer Deamtenstelle des öffentlichen Dienstes ver­standen werden. Der immer schärfer werdende Kampf gegen das Berufsbeamtentum schädigt da­her auch die Zivilversorgung aufs schwerste

35 000 Versorgungsanwärter, also Staatsbürger mit einem verbürgten Recht auf Tleberncchane in den zivilen Staatsdienst warteten Ende 1927 noch auf Anstellung. Zu diesem Restbestande aus früheren Jahrgängen treten aus den Jahr­gängen 1928 bis 1932 jährlich etwa 17 000 Der- sorgungsanwärter aus der Wehrmacht und den Schutzpolizeien der Länder hinzu.

Rach einer Denkschrift des Reichsministeriums des Innern wurden in den beiden letzten Jah­ren aber nur durchschnittlich 12 500 Versorgungs­anwärter in Deamtenstellen übernommen, so daß die Zahl der Zivildienstberechtigten, die auf Ein­berufung warten, voraussichtlich jährlich um 5000 wächst, demnach im Jahre 1933 etwa 35 000 betra­gen wird.

Der Bundestag hält es auch für seine Pflicht, darauf hinzuweisen, dah denjenigen Anstellungs­behörden, die an der Durchführung der Zivilver­sorgung nicht nur oder nur mangelhaft Mitwir­ken, die Reichs- und Länderhaushalte schwer belasten, weil an die auf Anstellung wartenden Versorgungsanwärter etwa 80 Millionen ilebcr- gangsgebührnisse jährlich gezahlt werden, die sich mit jedem Jahre erhöhen.

Als unverständlich muh es der Bundestag be­zeichnen, daß es immer noch Behörden gibt, die für manche Dienstzweige die Einstellung von Der- sorgungsanwärtern verweigern.

Solche Bestimmungen sind besonders unver­ständlich im Hinblick auf die ganz vorzügliche bis zu acht Jahren währende Ausbildung der Versorgungsanwärter auf den Reichswehr- und Polizeifachschulen, unverständlich auch deswegen, weil die Bestimmungen der Anstellungsgrundsähe in weitestgehendem Maße die Interessen der Be­hörden wahren, z. D. durch die Bestimmung, daß ungeeignete Versorgungsanwärter nicht ein­mal vorgemerkt, geschweige denn eingestellt zu werden brauchen.

Ganz besonders bedauert es der Bundestag, daß auch auf dem Gebiete des allgemeinen Be­amten- und Desoldungsrechts im verflossenen Jahre nicht nur keine Fortschritte zu verzeichnen waren, daß sich vielmehr die Lage mancher Be­amtengruppen empfindlich verschlechtert hat. Der Bundestag empfindet es auch schmerzlich, daß Reichsregierung und Reichstag keine Maßnahmen getroffen haben, um die trostlose Deförderungs- Tagc der Beamten, die zum Teil seit vielen Jahren auf die zugesicherte Beförderung warten, zu bessern.

Aus aller Wett.

Das Flugzeugunglück auf dem Bodensee.

Von der Reichsbahndirektion in Karlsruhe wird zu dem Verhalten des Kapitäns des Bodenseedampfers2ad en bei dem Flugzeugunglück am Samstag eine Darstel­lung gegeben, in der es heißt: Der Kapitän, der durch Insassen eines Ruderbootes auf das Un­glück aufmerksam gemacht wurde, habe festge­stellt, daß sich an der Unfallstelle bereits zwei Motorboote und zehn bis zwölf Ruder - und Segelboote zur Hilfeleistung befanden. Er fei deshalb zu der Annahme ge­kommen, daß schon genügend Hilfs­kräfte vorhanden waren und daß er deshalb, weil fein Schiff ohnehin mit 4 00 Fahr­gästen schwer belastet war, im Inter­esse der Sicherheit seiner Passagiere diese erst in Bad Schachen hätte absehen müssen. Zudem habe der Kapitän geglaubt, dah das Manö­vrieren des großen Dampfers, dessen Räder sehr starke Wellen erzeugen, nur die Hilfsmaßnahmen an Ort und Stelle behin­dern würde.

Lin Tiger geht in Nürnberg spazieren.

In Rürnberg gelangte durch die Unachtsamkeit eines Wärters früh gegen 7 Uhr eine Tigerin des Zirkus Sarassani aus ihrem Käfig ins Freie. Sie schritt an den erschreckt flüchtenden Passanten vorüber, ruhig durch die Straßen, bis sie von einem Lastwagen aufgeschreckt, im Ga­lopp davonlies. Sie kam dann in eine Wirtschaft, in der zwei Frauen arbeiteten, griff diese jedoch nicht an. Inzwischen war der Zirkus benachrichtigt worden: Dresseure tarnen mit einem Rotkäfig. Als der Tiger diesen er­blickte, sprang er durch die Fenster und im Hof über ein drei Meter hohes Eisengitter, in dem er hängen blieb und sich schwer verletzte. Man hofft, das Tier am Leben erhalten zu können.

Beide Beine abgefahren.

Der Liegniher Eisenbahnverein unternahm im Sonderzug einen Ausflug nach Liebau. Auf der Rückfahrt stiegen in Goldberg, wo nur ein Aufenthalt von einer Minute vorgesehen war, mehrere Fahrgäste aus, um ihren Durst zu löschen. Als sie bei der Abfahrt des Zuges zu den Abteilen stürzten, glitt die in den vierziger Jahren stehende Ehefrau des Gepäck­trägers Berndt aus und fiel so unglücklich zwi­schen die Wagen, daß ihr beide Beine abgefahren wurden. Sie verstarb kurze Zeit daraus. Mehrere andere Personen erlitten leichte Verletzungen, konnten aber die Weiter­fahrt antreten.

Ein Auto fährt in eine Schar Wanderer hinein.

Bei Trier fuhr nachts ein Personenauto in eine Schar heimkehrender Wanderer, die vor­schriftsmäßig auf der rechten Seite der Straße gingen. Das Auto hatte eine übermäßige Geschwindigkeit und gab keine Si­gnale. Drei Mann der Wa .derergruppe wur­den schwer, zwei leicht verletzt.

Enorme Dinlerschäden in Niederschlesien.

Welch enorme Schäden der Winter angerichtet hat, zeigt die Tatsache, daß allein irn Kreise Lieg, nitz rund 1 2 0 0 0 Kirschbäume einge­gangen find. In einer Anzahl nicderschlesischer Dörfer sind sämtliche W e i n s p a l i e r e an den Häusern ohne irgendwelche wahrnehmbare Sehens- fpuren. Sollten diese auch im nächsten Frühjahr nicht treiben, so besteht ernstliche Gefahr, daß diese Dörfer ihre Reben, die einst von fränkischen und schlesischen Siedlern nach Schlesien gebracht worden sind, für immer verlieren.

Oie Wetterlage.

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Montag. = d.I, JUlj 1929, 7h abds. _K

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Wettervoraussage.

Die Wetterlage scheint noch keine Umgestaltung zu erfahren. Während gestern die Aussichten für all­mählich besseres Wetter oorbanden waren, zeigen sich heute wieder Störungen, die wenn auch nicht zu stärkeren Niederschlägen so doch zu wolkigem Wetter, das zeitweise durch Aufheiterung unterbro­chen wird, führen. Der Kaltluftzustrom, der von Worben her einfetzte, wird durch die neu geschaffene Druckoerteilung wieder abgeschnitten, so daß nach anfänglich leichtem Temperaturrückgang wieder An­stieg einsetzt.

Wettervoraussage für Mittwoch: Wolkiges Wetter, vorübergehend auch aufhei­ternd, allmählich wieder wärmer, Reigung zu vereinzelten Riederschlägen.

Wettervoraussage für Donners­tag: Vorwiegend wolkiges Wetter, warm, strich­weise Riederschläge.

Lufttemperaturen am l.Iuli: mittags 19,1 Grad Celsius, abends 15,9 Grad: am 2. Juli: morgens 14 Grad. Maximum 21,6 Grad, Minimum 13,4 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 1. Juli: abends 21,4 Grad: am 2. Juli: morgens 16,8 Grad Celsius. Niederschlag 5 mm. Sonnenschein­dauer 3 Stunden.