Ausgabe 
2.5.1929
 
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Donnerstag, 2. Mai 1929

179. Zahrgang

Nr. 102 Erstes Blatt

Blutige Maifeiern in der Reichshauptstadt

schweren Schuhwaflen nachgewiesen werden

kann.

«rsch eint täglich,aufter Sonntags und Feiertags.

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Die Illustrierte Gießener FamilienblLtter Heimat im Bild Die Scholle

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

Berlin, 2. Mai. (WTB. Funkspruch.) Die Polizei hatte bei dem Kampfe in der Kösliner-, Wedding- und Pankstrahe besonders aus einem Hause der Weddingstraße, in dem sich e i n R o t - frontkämpfcrlokal befindet, heftiges Feuer erhalten, so daß sich der Kommandeur der Schutz­polizei entschloß, das Haus s ä u b e r n zu lassen. Bei der um Mitternacht vorgenommenen Durch­suchung zeigte es sich, daß sich ganz am Ende des Lokales ein angebauter Saal befin­det, der eben in höch ster Eile ve r l as s c n worden war; darauf liehen noch die glimmenden Zigarren schließen. Die Haussuchung forderte lediglich bei der Wirtin eine Schußwaffe zu­tage, die beschlagnahmt wurde. Anscheinend ha­ben die Kommunisten von der Haussuchung Wind bekommen und sich über die Dächer ge - s l ü ch t e t. 2m Hausflur des Hauses fand man überall Spuren von Schüssen. Bemerkens­wert ist dabei, daß den Kommunisten auf Grund von Kugelspurcn, die keinesfalls von der Schutz-

Straßenkämpfe im Norden Berlins

Die Kommunisten bauen Barrikaden und schießen aus den Zenstern auf die Polizei.

Hände hochI" und mit erhobenen Armen mußten sie bis zu den Sperrketten an den beiden Enden der Straße gehen, wo sie dann sestgestellt und auf Waffen untersucht wurden. Um zu verhin­dern, daß Gesindel, das sich namentlich in der Lindower Straße breit machte und m der Bähe der Rettungsstation sogar auf Kran­kenwagen schoß, in die verdächtigen Hauser eindrang, wurde niemandem mehr der Zugang zu der abgeriegelten Straße gestattet, auch lischt einmal den dort wohnenden Angestellten und Be­amten, die während der Rächt anderswo unter­kommen mußten. Gegen 22 Uhr war die Ruhe jedoch noch nicht ganz wiederhergestellt, es fielen immer noch vereinzelte Schüsse, und die Scheinwerfer suchten unaufhörlich an den Häuserfronten entlang, um zu verhindern, daß I das Schühenfeuer wieder auflebe. Die Zahl ver­wirklich Verletzten ließ sich am Abend nicht mehr feststellen. Es muß angenommen werden, daß m den Häusern noch eine ganze Anzahl Verwundeter sich befindet. Die Polizei wird voraussichtlich während der Nachtstunden die Kösliner Straße besetzt halten und am Donners­tag während des Tages gründlich Haus­suchungen vornehmen, da die Revolverschützen sich des offenen Aufruhrs, Landfrie­densbruchs und des Wider st andes gegen die Staatsgewalt schuldig ge­macht haben.

Zwölf Todesopfer.

Vis gegen 2 Uhr nachts waren im Polizeipräsi- dium am Alexanderplah und in der Magazinstrahe etwa goosisiiertePersonen eingetroffen, die sich wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, wegen Beleidigung oder Landfriedensbruchs ,u ver­antworten haben werden. Lin großer Teil der Si­stierten konnte nach Feststellung der Personalien wieder entlassen werden. Die Zahl der Toten beträgt zwölf, die der verletzten Demonstranten 80, abgesehen von den vielen Verletzten, die durch ihre Genossen bzw. die Arbeitersanitäter weggefchasst worden sind, ehe die Polizei sie festzustellen ver­mochte. Die Zahl der Sistierten aus Anlaß der Mai­feier Ist die höchste, die bisher bei solchen An- lassen vorgekommen ist.

Eine Haussuchung.

Der Polizeibericht.

Bis 9 Uhr abends keine größeren Zwischen- fälle. Ter erste Tolc

Berlin. 1. M°i. iWTB.i 21 Uhr Ser Polizeipräsident teilt mit: Bis um 19 Lhr-ist der 1. Mai ohne größere Zwischenfalls lausen. Der Betrieb der Verkehrsgesellschaften setzte in den Morgenstunden infolge des sta t Aufsichtsdienstes der Polizei planmäßig em. ES gelang den Kommunisten auch im Lause o Tages nicht, den Verkehr irgendwie zu behin­dern. Der im Laufe des Vormittags unternom­mene Versuch des Baues von Verkehrs- sperren an verschiedenen Stellen der viaor, für den man die für den Untergrundbahnbau aufgestapelten Materialien benutzen wollte, tarn nicht über die ersten Ansänge hinaus. Die Ver­sammlungen der Gewerkschaften ver­liefen ausnahmslos ruhig. Trotz der großen Beteiligung an 32 Versammlungen nahmen

fern und von Dächern beschossen und mit Steinen beworfen. Aehnliche Vorkommnisse ereigneten sich am Hackescher Markt, am Bülow- Platz, Senefelder Platz und in der Weißenburger Straße. 2n allen diesen Fällen befanden sich die Beamten in Notwehr und waren gezwungen, von der Schußwaffe Gebrauch au machen.

Fe st genommen wurden im garten etwa 600 Personen, darunter der aus dem Rundfunk­skandal bekannte Abgeordnete Schulz und der Abgeordnete Mende. Der letztere wurde in einem Zuge betroffen, in dem sich eine Funk­station der K.P.D. auf einem Kraft- wagen befand. Verletzt wurden 24 Veamte und, soweit polizeilich festgestellt werden konnte, 18 Zivilpersonen. Die Zahl der verletzten Zivil­personen ist möglicherweise nicht erschöpfend^ da anzunehmen ist, daß einige Verletzte weggeschasft wurden, ohne daß Feststellungen durch die Polizei getroffen werden konnten. Leider ist auch e i n Toter zu beklagen. Als die Polizeibeamten in der Kösliner Straße angegriffen wurden und Schreckschüsse abgaben, stand der Mann am Fen­ster seiner im dritten Stock gelegenen Wohnung und wurde von einer abirrenden Ku g e l getroffen. Dieser Todesfall ist um so bedauer­licher, als es sich um einen völlig Unbeteiligten handelte.

über 60 000 Personen teil vollzog sich der An- und Abmarsch ohne Reibungen.

3m Anschluß an die Gewerkschaftsversammlun­gen versuchten die Kommunisten Demonstra- tionszügc zu bilden, die, abgesehen von ver­einzelten Fällen, im allgemeinen nicht mehr als 200 bis 300 Teilnehmer umfaßten. Es wurden etwa 70 solcher Zugbildungen festgestellt und zerstreut. Fast in jedem einzelnen Falle leisteten die Demonstranten den Polizeibeamten Wider« tand, so daß die Züge nur mit Gewalt a u f g e l ö st werden konnten. 2n der Regel ge­nügte die Anwendung des Gummiknüppels und die Benutzung einer Schlauchleitung, die an die Hydranten angeschraubt wurde, um die polizeilichen Maßnahmen durchzuführen.

Allerdings mußten auch Schreckschüsse ab­gegeben werden, in einigen Fällen sogar scharf geschossen werden. In diesen Fällen waren die Kommunisten vom passiven Widerstand zum Angriff auf die Polizei übergegan- g e n. So wurden in der Hasenheide bei Kliems Festsälen die Beamten mitDierseidelnbe- worfen und beschossen. Desgleichen wur­den die Beamten im Norden Berlins (am Wed­ding, Kösliner Straße, Mittelbeck-Plah) sowie im Südosten, in Neukölln (Hermann-Platz) aus der Menge heraus, ja sogar mehrmals aus Häu-

Die Maifeiern im Reich.

Uebcratt ruhiger Verlauf.

Essen, 1. Mai. (WTD.) An der Maifeier haben sich von der Belegschaft der Morgenschicht ausdenZechendesRuhrgebletes 26,86 Prozent beteiligt gegen 26,54 Prozent im Vor­jahre. Sie ist im allgemeinen ruhig verlaufen. Auch in Hamburg, Düsseldorf, München, Köln, Elberfeld-Barmen verliefen die Maifeiern ohne Störung, ebenso in Frankfurt. Dagegen kam es in Breslaii zu einer Ruhestörung. Em mehrere hundert Personen starker Trupp Kom­munisten marschierte demonstrativ am sozial­demokratischen Gewerkschafts hause vorbei und stieß Schmährufe auf die Sozialdemo­kratie aus. Als Schuhpolizeibeamte eingriffen, um die Straße für den Verkehr freizumachen, kam es zwischen ihnen und den Demonstranten zu einem Zusammenstoß. Die Beamten wurden beschimpft und tätlich angegriffen. Es muhte polizeiliche Verstärkung herbeigerufen werden.

Severing als ZRunhfunffriffofor.

Köln, 1. Mai. (TA.) Aus Anlaß der Presse­meldungen über die Ablehnung des Vortrages des sozialdemokratischen Abgeordneten © o 1l - m a nn zum 1. Mai teilt der Westdeutsche Rund­funk mit:Der Vortrag des Herrn Abgeordneten SollmannEin Weltfeiertag" wurde von der Mehrheit des politischen Aeber- wachungsausschusses und von der Sendeleitung als nicht zu vereinbaren mit den rundfunklichen Richtlinien der Regierung an- gesprochen und daher abgelehnt. Der Herr Reichsminister des Innern griff darauf telegraphisch ein, so daß der politische Aeber- wachungsausschuß den Beschluß faßte: ^Auf An- I ordnung des Herrn Reichsministers des 2nnern ist der Vortrag des Herrn Abg. Sollmann z u - gelassen."

Ruhe in Paris.

P aris, 1. Mai. (WB.) Nach den heute mittag von der Polizeipräfektur gegebenen Auskünften ist in Paris und der Pariser Bannmeile der 1 Mai vollkommen ruhig verlaufen, und es sind keine Zwischenfälle zu melden. Das außerordentlich starke Aufgebot der Polizei hat schnell und sicher gearbeitet, so daß die zahl­reichen auf den 1. Mai anberaumten kommu­nistischen Kundgebungen nicht ab ge­halten werden konnten. Insgesamt sind bisher 2283 Personen festgenommen worden, darunter zahlreiche Ausländer, die wegen fehlen­der Ausweispapiere, verbotenen Waffentragens, Verstoßes gegen Ausweisungsbefehle, Verstoßes I gegen die Bestimmungen über den Aufenthalt sich zu verantworten haben werden. Die Zeitun­gen sind heute erschienen, da ihre Druckereien mit voller Besetzung arbeiten. Der Eisenbahn-, Autobus- und Antergrundbahnverkehr ist durch­aus normal. Aus der Provinz liegen bisher Mel­dungen über Ruhestörungen nicht vor.

Die Maifeier in Moskau.

Moskau, 1. Mai. (WB.) An der Mai­kundgebung nahmen über 500 000 Personen teil. In Gegenwart der Mitglieder der Regierung, des Diplomatischen Korps und zahlreicher Ar­beiterdelegationen aus vielen Städten der Sow­jetunion fand auf dem Roten Platze die 93a* rade statt, die Woroschilow abnahm. Bis zum Anbruch der Dunkelheit defilierten die Ko­lonnen der Manifestanten mit ihren Transpa­renten und mit allegorischen Darstellungen inter­nationaler Ereignisse am Lenin-Mausoleum vor­über. Die Feier dauert zwei Tage.

Berlin, l.Mal. (WTV.) während es den 5ln- schein hatte, als ob die Maifeier in Berlin, wenn auch nicht ohne zahlreiche Reibungen zwischen De­monstranten und Polizei, so doch ohne besonders ernste Zwischenfälle zu Lnde gehen würde, ist es im Laufe des Abends leider doch i m Norden Ber­lins, in dem ausgesprochenen Industrieviertel des Wedding, zu schweren Straßen kämpfen gekommen. Die Kommunisten errichteten abends zwischen 17 und 18 Uhr an der Pankstraße, Ecke kösliner- und weddingstraße eine große Barri­kade. In der Pankstrahe werden augenblicklich kanalisationsarbeiten vorgenommen. In der kös­liner Straße befinden sich daher eine Anzahl von Baubuden, Gerätewagen, Lisenröhren und sonstiges Baumaterial Die Kommunisten stürzten die wagen dec Bauunternehmer um, rissen die Baubuden ein und errichteten daraus eine hohe Barrikade. Als die Polizei anrückte, erhielt sie von der Barri­kade und von den Dächern in der Kos- liner- und der weddingstraße heftiges Feuer. Im ganzen sind etwa 1000 bis 1500 Schüsse auf die Polizei abgegeben worden. Die Kommunisten sind anscheinend mit Pistolen und Ueintali- brlgen Waffen ausgerüstet. Allerdings mußten auch einige Karabinerschüsse festge­stellt werden. Durch das Feuer wurde eine Anzahl von Polizeibeamten verletzt. Die Polizei forderte so- fort Verstärkungen vom Polizeipräsidium an. Polizeioberst heymannsberg rückte mit meh­reren Hundertschaften und Panzerwagen sowie Scheinwerferwagen in die Pankstrahe ein. hier er­hielt er in der Gegend zwischen Kösliner- und Web- dingstrahe starkes Feuer. Lr gab nun strikte Anordnuna, dah keinFenster geöffnet wer- den dürfe. Die Häuser wurden mit Scheinwerfern av- geleuchlet, doch gelang es nicht, irgendwo Schützen festzustellen, da die Schüsse anscheinend in der Hauptsache aus D a ch b o d e n f e n st e r n abge­geben wurden und die Schützen sich beim (Einbrin­gen der Polizei in das betreffende Haus über die Dächer in Sicherheit brachten.

Dieser Feuerkampf dauerte bis gegen 21 Uhr. Dann flaute das Feuer in der Pank-Strahe etwas ab, und die Polizei konnte gegen die Kösliner Strotze hin vorrücken. Die Barrikaden wurden genommen, und die Polizei ging gegen die Häuser vor, aus denen geschossen wurde, wobei einige Karabinersalven abgegeben wurden, ©egen 22 Uhr ist die Wedding-Slrahe ruhig. Die Ponzer nimmt jedoch immer wieder Verhaftungen vor von Personen, die die Sperre zu durchdringen suchten, und bei denen dann bei der Visitation wassen in den Taschen gefunden wurden. Bisher wurden etwa 20 Personen mit Waffen in den Taschen sistiert. Aus dem Hause Kösliner Strafte 1 kam u. a. ein kommunistischer Führer heraus, der in der einen Hand eine weiße Fahne und in der anderen Hand einen schuß­bereiten Revolver trug. Er wurde sofort verhaftet und in das Polizeipräsidium eingeliefert.

Die Polizei räumt auf.

Berlin, 1. Mai. (WTB.) Gegen 21 Uhr trat in der Kösliner Straße allmählich etwas mehr Ruhe ein. Die Demonstranten erkannten offenbar, daß ihre Lage langsam hoffnungslos wurde, zumal die Polizei die einzelnen Häuser auszuräumcn begann. So ent­schlossen sie sich auf die Straße herauszukommen. Sobald sie die Hausflure verlassen hatten, tonte ihnen von den Beamten der Ruf entgegen:

Berlin, 2. Mai. (Priv.-Tel.) Im Zusam­menhang mit dem jetzt vielfach aufgetretenen und an dieser Stelle bereits gemeldeten Spekulieren mit dem Erniächtigungsgesetz wird uns von par­lamentarischer Seite erklärt, daß ein solches Ge­setz von diesem Reichstag wenigstens niemals angenommen werden könnte, da es als ver­fassungsändernd einer - ; - Mehrhe 11 bedürfe. Man erinnert an das bekannte Ermächtigungs­gesetz von 1923, in dem ausdrücklich erklärt wurde, daß alle die Punkte herausgenom - men wären, die, da sie eine Beschränkung der Rechte des Reichstages darstellten, verfassungs­ändernd wären. Eine - '.-Mehrheit stellt die jetzige Regierungskoalition aber nicht dar, und cs ist kaum anzunehmen, dah die Kommunisten oder die Deutschnationalen für ein solches Gesetz stim­men werden, das einer Regierung die Ermach- tiqung gibt, die von den Sozialdemokraten ge­führt wird. Man nimmt an, dah die «Steuer- erhöh ungen, die unausbleiblich für den Herbst zu erwarten sind, auf dem Wege direkter Verständigung zwischen den Regierungsparteien gelöst werden können. Da ohne Frage einer Diersteuererhöhung von Bayern aus von Kugelspuren, die keinesfalls von uec oiyuy- i Schwiemgkeiten gemacht werden, glaubt man p°li,°i herrührcn, können, die D«w-ndung »°n | butj SompenfaHon« auf Jetern 0. > vorgeholt werden wird, muh dahingestellt bleiben.

Ein ruhiger Vormittag.

Ltarkcs Polizeiaufgebot. Der Verkehr in vollem Betrieb.

Berlin, l.Mai. (WB.) Um 10 Uhr vor- mittags begannen in den großen Lokalen die Maifeiern, zu denen die Gewerkschaften auf­gerufen hatten. Aeuherlich hat sich das Straßen­bild eigentlich nur insofern geändert, als man zahlreiche feiernde Arbeiter sieht, die den Ber- sammlungslokalen zustreben, und em starkes Polizeiaufgebot, namentlich an den Haupt- verkchrspunkten. Die Straßenecken der inneren Stadt sind mit dreifachen Posten be - setzt. Arn Potsdamer Platz, am Alexander- Platz, am Bülow-Bogen in der Nähe des Sport­palastes stehen besonders erhebliche Polizeikräfte. In den Seitenstraßen bemerkt man hier und da Bereitschaftsautos. Der Verkehr bietet das­selbe Bild wie an anderen Tagen. Straßenbahn, Autobus, Hoch- und Untergrundbahn sind voll in Betrieb. Bei der Hochbahn haben sich erheblich weniger Leute zur Maifeier be­urlauben lassen, als im vorigen Jahr. Bei den Gas- und Elektrizitätswerken wird voll ge­arbeitet. Nur die Außenkolonnen fallen hier aus. Dafür sind andere Leute in Bereitschaft ge­stellt, um bei Versorgungsstörungen eingesetzt zu werden. In der Metallindustrie sind im allgemeinen nur wenig Leute zur Arbeit er­schienen, besonders bei den großen Werken, wäh­rend die Kleinbetriebe verhältnismäßig stark ar­beiten. Aehnlich lauten die Berichte aus den an­deren Industriezweigen, z. D. aus der Holz­industrie. Als eine Ausnahme in der Metall­industrie werden die Siemens w e r k c bezeich­net, wo die Belegschaft zum größten Teil zur Arbeit erschienen ist.

Die ersten Zusammenstöße im Zentrum.

Mit dem Wasscrschlauch gegen Demonstranten.

Berlin, 1. Mai. (WB.) In den ersten Nachmit- tagsstunden nahmen die Ansammlungen auf dem Alexanderplatz, wo zur Zeit zahlreiche Bau­zäune für den Bau der Untergrundbahn errichtet sind, einen derartigen Umfang an, daß die Polizei nach wiederholten vergeblichen Aufforderungen zum Auseinandergehen mehrmals mit dem Gummi­knüppel gegen die Menge vorgehen mußte. Da sich aber immer wieder neue Trupps zusammen­schlossen und den Verkehr behinderten, ging man schließlich mit dem Wasserschlauch gegen die Menge vor. Der Erfolg war verblüffend. Völlig durchnäßt ergriff alles die Flucht, und die Ruhe­störer gingen nun endgültig nach Hause. Auch an weiteren Stellen der Stadt ist es zu Zusammen­stößen zwischen Polizei und Kommunisten gekom­men. In fast allen Fällen wurden die Beamten mit Steinen beworfen und beschimpft. In der Kösliner- nnd der Wedding-Straße erfolgten die Steinwürfe ans den Fenstern der Häuser. In der Kösliner Straße wurden sogar aus den Fenstern ungefähr dreißig Schüsse auf die Beamten ab- gefeuert. Eine Anzahl Beamte wurde durch Die Steinwürfe verletzt. Um die Angriffe abzuwehren, gaben die Beamten Schreckschüsse ab. An derVor- wärts"-Filiale in der Grätz-Straße in Treptow verbrannten Ruhestörer eine schwarz-rot-goldene n?Qhne, die sie von dem Gebäude heruntergerissen hatten. In Treptow kam es außerdem zu Zu­sammenstößen mit Syndikalisten, die dort eine Ber- ammlung einberufen hatten, aber nicht in den Saal gingen, sondern auf de r Stra ß e gegen die Polizei demonstrierten. In der Dirckienstraße be­schlagnahmte die Polizei bei wilden Photographen, die von den Zusammenstotzen Ausnahmen machen wollten die Apparate. Auch auf dem Potsda­mer Platz, wo seit den frühen Vormittagstunden bereits lebhafter Verkehr herrschte, mußte die Poli­zei wiederholt die Ansammlungen zerstreuen. Diese wurden immer stärker,' je mehr die ^-'ammlung-n in den Lokalen zu Ende gegangeni waren. Besonders lebhaft aina es am Bulow-Platz zu, wo immer wieder Hunderte von Kommunisten sich ansammelten link» bei der Räumung d 1 e Beamten mit Steinen bewarfen. Als einer der Denwn- ftranten eine Pistole zog, gingen auch die Be amten mit der Schußwaffe vor.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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