Wirtschaftsleben und Berufsauslese
Don Bianca fiolb, Berufsberaterin beim Arbeitsamt Gießen.
Die auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens ein- setzenden Rationalisierungsbestredungen verfolgen den Zweck, durch geringsten Kraftaufwand Höchstmögliches zu leisten. Dabei bricht sich in immer stärker werdendem Maße die Erkenntnis Bahn, daß die Konkurrenzfähigkeit unserer Wirtschaft nicht nur von der technischen und organisatorischen Vervollkommnung des Produktionsprozesses abhängig ist, sondern in ebenso starkem Maße von der bcstmöglichen Verwendung der vorhandenen Menschenkraft und der Heranbildung hochwertiger Facharbeiter bedingt wird. Besonders die Großindustrie ist es, welche diese Notwendigkeit schon längst erkannt hat. und deshalb psyckotcchnische Untersuchungen einführte. Dadurch hat sie die Möglichkeit, die ihr zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte auf ihre psychischen Leistungen und manuellen Fähigkeiten zu prüfen, und ist in der Lage, den „rechten Mann an den rechten Platz" zu stellen. Doch nicht nur die In- dustrie, sondern in ebenso großem Maße müssen heute auch.Handel und Gewerbe eine starke Derufsauslese vornehmen, denn nur so können sie den immer größer werdenden Anforderungen, die an sie herantreten, gerecht werden. Nur gute Fachkräfte verbürgen eine einwandfreie und gewinnbringende Führung des kaufmännischen Be- triebes, und nur erstklassige Handwerker können die Achtung vor dem Handwerk weiterhin aufrechterhalten und es vor vollkommener Jndu- strialisierung, die zum Schaden des Dolksgesamten wäre, schützen.
Bei der Auswahl älterer Arbeitskräfte, die ihre Berufsausbildung zum größten Teil schon hinter sich haben, wird diese starke Derufsauslese auch in beh meisten Fällen bereits oorgenommen. Ebenso wichtig ist es jedoch, daß auch bei den Jugendlichen, die noch vor der Frage der Berufs- wähl stehen, mit der gleichen Systematik und Energie oorgegangen wird.. Die Wahl des Berufes nach körperlicher und geistiger Eignung, sowie noch der Neigung des Jugendlichen wird zweifellos eine weit größere Befriedigung in der Arbeit auslösen und bamit weit bessere Resultate zeitigen, als die Arbeit in einem falsch gewählten Beruf, in dem sich der Jugendliche unbefriedigt und unglücklich fühlt, was in fast allen Fällen zu einer Minderung der Leistungsfähigkeit führen muß.
Deshalb darf die Berufswahl nicht als Lotterlefpiel betrachtet werden und dem Zufall überlasten bleiben. Sie ist von eminenter Bedeutung für Berufsanwärter und für Arbeitgeber und sollte deshalb in allen Einzelheiten genau überlegt werden.
Eine große Anzahl weitsichtiger Arbeitgeber in den Kreisen von Handel, Gewerbe und Industrie hat dies bereits erkannt. Sie wissen, daß sie sich bei der Einstellung ihrer Lehrjungen und Lehrmädchen nicht mehr n u r auf den äußeren Eindruck des jungen Menschen und auf das Schulzeugnis, das ja nur die Urteile über das in der Schule er- worbene Wissen enthält, verlassen können. Um eine in ihrem eigenen Interesse beste Wahl zu treffen, bedienen sich solche Lehrherren der Berufs- berat ungs stellen, deren Aufgabe zum großen Teil darin besteht, der Wirtschaft tüchtigen beruflichen Nachwuchs zuzuführen. Die Berufsberatungsstellen find dazu in der Loge, weil es ihnen auf Grund der Urteile über die geistige und seelische Entwicklung des Jugendlichen von feiten der Schule, der körperlichen Konstitution von seilen des Arztes und auf Grund eigener Erkenntnis mit Hilfe psychotechnischer Eignungsprüfungen möglich ist, über die Veranlagungen, sowie über die psychischen und physischen Leistungsfähigkeiten des Ju- gendlichen genau orientiert zu fein.
Ist nun die Berufsberatungsstelle in der Lage,' sich ein ziemlich genaues Bild über jeden Schüler und jede Schülerin zu machen, so ist es andrerseits wichtig, daß sie über sämtliche vorhandenen offenen Lehrstellen orientiert ist. Nur dann ist es möglich, eine der volkswirtschaftlichen Lage entspre- chende Verteilung vorzunehmen und wirklich jeden Jungen und jedes Mädchen an jene Stelle zu bringen, an der sie das, ihrer Anlage und Fähigkeit entsprechend. Bestmögliche leisten werden. Darum muß die zum großen Teil noch bestehende Plan- losigkeit in der Berufswahl, also auch das planlose Suchen nach einer Lehrstelle, einer Einrichtung Platz schaffen, die sich bisher in allen größeren Städten bestens bewährte und die im weitesten Maße den Interessen der gesamten Volks- wi rtscha s t bient
Dazu können in erster Linie die Lehrherren beitragen, indem sie jede offene Lehrstelle der Berufsberatungsstelle melden. Diese wird dann auf Grund der ihr zur Verfügung stehenden Unterlagen den Lehrherren nur solche Lehrjungen und Lehrmädchen zuweisen, die wirklich für den betreffenden Berus geeignet sind. Auf diese Weise werden die Lchr- Herren einerseits von dem gerade hier sehr stark eingeführten lästigen und zeitraubenden „lieber- laufen-Werden" wegen einer Lehrstelle befreit, andererseits erholten sie auf Grund einer gewissen- haften Berufsauslese die Gewähr, daß sie nur solche Menschen ausbilden, die durch ihre Anlagen und Fähigkeiten eine gewiße Garantie bieten, später in ihrem Beruf etwas Tüchtiges zu leisten.
tomtnfen begann. Es war eben eine Dam« ber .Gegenpartei", die für neuzeitliche Erscheinungen, wie Lippens.i t, Puderdose. Straßenbahn und dergl.ichen mehr schwärmte. Der Vater der Stadt warf mtn der Person strafende Blicke zu und diese war sogar so schamlos. die strafenden Blicke falsch zu verstehen. MlerdingS hatte sie einigen Grund dazu, denn auf einmal wurde sie etwas unzart grknif en. QIm linken Bern, ilnö sie saß doch rechts vom Bürgermeister. Da mußte doch dieser der Schuldige fei i, um so mehr, als rechts von der Dame ein alter Dauer saß und schlief. Ti? Dame ließ aber, um einen Skandal zu vermeiden, zunächst Gnade für Recht walten und tat so. als wäre nichts geschehen Q1U sie aber nach wenigen QHinuten abermals, unb zwar wiederum am Hafen D i i gekniffen wurde, riß ihre Geduld unb sie verabreichte dem maßlos erstaunten Bürgermeister eine krä'tige Maulschelle. Die hierauf folgende Szene war naturgemäß recht laut. Da schrak auch der alte Dauer aus dem Schlaf und zerrte xum lebhaften Gaudium des mitfahrenden Publikums feinen Korb hervor, der unter ber Sitzbank der Pferdebahn versteckt lag. Sine fröhlich d^einschauende Gans kam zum Vorschein: ber imraTdje Schwerverbrecher ! Die Fahrgäste brachen h ein schal- lenbc-s Gelächter aus: sie verstanden di? Zusam« menhänge. Rur der vor aller Oef entlichteit ge« ohrseigte Bürgermeister hatte keine recht? Lust zum Mitlachen. und auch der Dams war eS nicht gerade lustig zumute. Sie wurde denn auch zu einer größeren G lbstrafe wegen ungebührlichen Benehmens und Erregung öffentlichen Aerger- nisseS verurteilt. Der Durgermeister soll aber geschworen haben, nie wi'der die Pferdbahn zu benutzen, und so haften die „Modernen" wieder einmal auf die baldige Elektrst izierung . . .
Irrfahrten eines modernen LdhffcnS.
— Pari-.
Der Athener Mediziner Dr. Odysseus K. Pelle» malzogleuS war vor Jahren einer der Führer der Royalistenpartei. Rach dem entscheidenden Sieg der Republikaner zog er es vor, seine hellenische Heimat zu verlassen unb siedelte nach Paris über. Er wollte viel Geld verdienen, doch merkte er gar bald, daß dieS leichter gesagt als getan sei. Mit ehrlicher Arbeit ging'S leider nicht: waS halfen die medizinischen Kenntnisse da wo sich keine Patienten meldeten? Rach einigem Kops-erbrechen kam jedoch Dr. Pelsemalzogleus auf ein« neuartig«, glänzende Sbee. Er sah ein. daß. während für „gewöhnliche" Aerzte keine Möglichkeiten blühten. Spezialisten immer noch ganz gute Geschäfte mach'.en. Da wurde auch er ein Spezialist. Richt etwa für innere Krankheiten ober dergleichen mehr, sondern für — Unfälle. Genauer auSgedrückt: für nicht vor gekommene Unfälle. Er behandelte seine Kranken auch nicht wie dieS Aerzte sonst zu tim pflegen, sondern vielmehr für Unfälle, indem er solche konstruierte. Ratürlich — und daraus war gerade daS Spezialgeschäft deS tüchtigen OdhsseuS aus- gebaut! — nur bei Leuten, die gegen Unfälle versichert waren. Di« Unfallfabrik erwieS sich «US ein glänzende- Geschäft unb toäre Wohl nie au-gehoben worden, wenn nicht ein „Schüler" deS gerittenen Unfallkonstrukteurs noch schlauer als sein Meister hätte werden wollen. Er^ließ sich nämlich die Versicherungsprämie für eine vov» getäuschte Armverletzung unter verschiedenen Romen von sechs verschiedenen Gesellschaften auS- zahlen. Der Detrüger wurde dabei gefaßt, brach unter einem Kreuzverhör zusammen unb entlarvte unvorsichtigerweise auch Dr. PellemalwgleuS Als ble Kriminalbeamten in dessen vornehme Privat- klinlk eindrangen, war der geschickt« Spezialist gerade mit ber „Herstellung- eineS gebrochenen "Beine- beschäftigt. Gr wurde natürlich sofort verhaftet: mit diesem leider nicht konstruierten Unfall brach die Unfallfabrik zusammen unb endete auch die Odyssee de- wackeren griechischen Emigranten. ... Er hatte. im Verlaus von nur vier Jahren rund zwanzig große Dersicherungs- gesellschasten um Millionen geschädigt unb konnte ein Jahreseinkommen von über 500 000 Franken aufweisen. Seine „Penelope" (Freundin und Assistentin zugleich) brachte es in der kurzen Zeit ebenfalls zu einer Villa unb einem Sechssitzer. Dr. Pelsemalzogleus darf als ein Typus der neuesten Zeiterscheinunq. de- sog. „wisienschaft- lichen Betrügers" angesehen werden: biete Epidemie greift infolge b?r schlechten Wirtschastsvev- hältnisse immer stärker um sich.
provinzialversammlunq der Evang. Volksgemeinschaft.
J. Stockheim, 31. San. Am Sonntag sand hier eine Provinzialversammlung der Evangelischen Volksgemeinschaft unter dem Vorsitz von Apotheker Veesenmeher (Gedern) statt. Auf der Tagesordnung stand zunächst die Mahl deS Provinzialvorstande S. ES wurden gewählt: Apo heker Dee- fenmeyer (Gedern), Schuhmacherme.st?rZahn (Ortenberg), Pfarrer W ah l (Dutzbach). Landwirt unb Dür verweist er Pfannstie KDermuthkh in). Dermcssungsin^ekior Wenzel (Ridda), Orgelbaumeister R i c o l a u s (Lich) unb Obrrrangier- meister Hehler (Dad-Rauheim). Als Tagungsort für kommende Sitzungen des Prvvinzialvov- standes wurde Ridda festgelegt. Heber die Winterarbeit und die Kommunalwahlen im Herbst machte zunächst Pfarrer Weidner (Oberlais) längere Ausführungen. An Hand ber Ergebnisse der Reichstagswahl am 20. Mai zeigte er. wie die neue Bewegung überall da beträchtliche Stimmen erhalten hatte, wo durch Versammlungen oder durch einen regsamen Vertrauensmann die Gedanken der Evangelischen Volksgemeinschaft propagiert wurden. Sn vielen Orten unserer Provinz sei nach der Wahl der Ruf nach Versammlungen laut geworden. Die neue Partei sei notwendig, weil der neue Staat entchristlicht unb bas konfes.tonelle Gleichgewicht im Parlamentarismus ohne eine evangelische defensive Dereitschaftspartei rettungslos verloren sei. Dazu komme, daß der sozialen Rot nach evangelischen ©runb-äben gesteuert werben müsse. Darugr bestehe kein Zweifel, bah die neue Bewegung immer mehr an Boden gewinnen werde. Schuhmachermcister Zahn (Ortens erz) wies auf die Notwendigkeit der Kleinarbeit h.n. d'.e immer Erfolg bringe. Der Geschäftsführer der Ev^ 'ge- lischen To ls emeinschrft f r et rsinbur'.. Ritz ?l (Ofsenbach), berichtete über die ersm r.icheW..oe- arbeit vornehmlich in den Kreisen Offenbach und Dieburg. Es wurde die Veranstaltung eines Dednerkursus in Gedern vom 9. bis 12. März beschlossen. Geschäftsführer Ritzel soll im Anschluß a:i diesen Kursus in ber Hauptsache in bc" Kreisen Gießen und Alsfeld die Organisasivnsarbeiten betreiben. Rachdem noch
die Wahlen besprochen worden waren, an denen sich die Evangelische Volksgemeinschaft in allen Kreisen beteiligen wird, und bte Der- trauensmännerllste ergänzt worden war, wurde die Versammlung geschlossen.
Spielplan der Frankfurter Theater.
Opernhaus. Sotmtag, 3. Februar, 15 bis 1730 Uhr: Trilltrall unb seine Drüber. 19 bis 22.30 Uhr: Die Fledermaus. Montag. 4. Februar. 19.30 bis 22.15 Uhr: Cavalleria ruftlcana. Hieraus: Der Bajazzo. Dienstag. 5. Februar, 19.30 bis nach 22.30 Uhr: Hoffmanns Erzählungen. Mittwoch, 6. Februar, 19.30 biS 22.30 Uhr: Don Suan. Donnerstag. 7. Februar. 20 bis nach 22.30 Uhr: Madame Butterfly. Freitag. 8. Februar, 19.30 biS 23 Uhr: Aicha. SamStag 9. Februar, 19.30 bis 22.15 Uhr: Der fliegende Holländer. Sonntag, 10. Febr., 1930 bis gegen 2230 Uhr: Samson unb Daliia.
Schauspielhaus. Sonntag. 3. Februar, 20 bis 22.30 Uhr: Die Petroleum-Inseln. Montag. 4. Februar. 20 bis 22.15 Uhr: Stein unter Steinen. Dienstag. 5. Februar. 20 b s 22.15 Uhr: Stein unter Steinen. Mittwoch. 6. Februar, 20 bis 22.30 Uhr: Schluck unb Sau. Donnerstag, 7. Februar. 20 bis 2230 Uhr: Karl unb Anna. Freitag. 8. Februar. 20 bis 2230 Uhr: Die Petroleum-Snseln. Samstag. 9. Februar. 20 bis 22.30 Uhr: Schluck unb Sau. Sonntag. 10. Februar. 20 bis 2230 Uhr: Der brave Soldat Schwejk. Montag. 11. Februar. 20 bis nach 22 Uhr: Ehen werden im Himmel geschlossen.
Turnen, Sport und Spiel.
Fußballklub 1926 Großen-Buseck.
Am nächsten Sonntag fahren die 1. unb bie 2. Mannschaft bes F.C. 26 Grohen-Duseck nach Saubad) au den fälligen Derbandsspielen. lieber den Ausgang der Spiele kann nichts vor- ausgesagt werden, da beide Mannschaften gleichwertig sind. Sn ber 1. Mannschaft Grohen- DufeckS sind Umstellungen vorgenomyten worden, bie eine bedeutende Verstärkung ber Mannschaft zur Folge haben. Obwohl Laubach in seiner Spielstärke etwas nachgelassen hat, ist es. besonders auf eigenem Platz, immer noch als ein guter Gegner zu betrachten. Auch über das Spiel ber 2. Mannschaft läßt sich nichts Voraussagen, da auch hier das Kräfteverhältnis gleich ist und ein Unentschieden in Frage kommen kann.
$. C Teutonia Steinberg.
Kommenden Sonntag ist der Spitzenführer Gast in Steinberg. Für den Platzoerein gilt es, bie Scharte vom Vorspiel (4:3 für Leihgestern) wieder auszugleichen, unb für Leihgestern, alles daranzu- setzen, um nicht die Spitzenstellung zu gefährden. Die Platzbesitzer werden in neuer Ausstellung dem Gegner bas Siegen schwer machen. Durch Senior- erkläruna vier Jugendlicher verspricht man sich mehr Durchschlagskraft als seither. Im günstigsten Falle sollte Steinberg ein Unentschieden erzielen.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung )
0.®. Am 1. September 1922 waren 6400 Papiermark = 20,67 Goldmark.
ph. Sch. in Nordeck. Die Entscheidung des Arbeitsamts Marburg besteht zu Recht, da ein Lehrling auch bei vorübergehender Arbeitsausjetzung nicht aus dem Lehrvertrag ausscheidet. Die Beitragszahlung des Lehrlings zur Arbeitslosenversicherung war übrigens gar nickt notwendig, da bei einem Lchr- oertrag, der mindestens zwei Jahre läuft, die Befreiung von der Beitragszahlung für die Arbeitslosenversicherung beantragt werden kann. Bereits gezahlte Beiträge werden nicht zurückerstattet.
Wirtschaft.
Wirtschaftslage und Geldmarkt.
3m Februao-Dericht ber Dresdner Bank wirb daraus bingewtefen, daß die Zunahme der Arbeitslosigkeit, bie gegenwärtig mit über zwei Mill.onen den bisher um bieten Termin erreichten Höchststand überlchreitet. zweifellos durch die fortschreitende Verschlechterung der Konjunktur mit bedingt und nicht etwa nur auf den Fort all salsonmähiger Beschäftigungs- möalichkeiten zucückzuführen ist. Rein saison- mäßig wäre nämlich im Rovern der nur eine Steigerung von 40 Prozent, im Dezember eine solche von 50 Prozent zu erwarten gewesen. Tatsächlich ergibt sich eine solche von 53 bzwe 65 Prozent unb für Januar eine weitere ausgeprägte Verschlechterung. Es Ist damit zu rechnen, daß ble Minderung der Kaufkraft, die sich aus ber. Zunahme ber Arbeitslosigkeit ergibt, in den nächsten Wochen den Absatz der Konsuminbustrien noch weiter ungünstig beeinflussen wird. Indessen ist darauf hinzuweisen, daß von Februar ab erfahrungsgemäß wieder eine Abnahme der Arbeitstosigkeit einzulreten pflegt.
Raturgemäh ist als Rückwirkung auf die bisher bereits eingetretene Entwicklung inzwischen im Handel eine fühlbare Verminderung des Geschäftsumfanges eingetceten. Auch die schon im Dezember zu beobachtende leichte Absenkung der Fertigwarenpreise hat unter diesen Umständen im Januar chren Fortgang genommen. obwohl saisonmäßig eine Zunahme zu erwarten gewesen wäre.
Die Ermäßigung les Reichsbankdislonts bedeutet für die Wirtschaft infolge der entsprechenden Verbilligung der Bankkredite natürlich eine gewisse Entlastung, einen Einfluß auf den langfristigen Kapitalmarkt kann sie jedoch unter den jetzigen Umständen kaum haben. D e Unterbringung von Anleihen ist schwierig geblieben, oder nur unter beträchtlichen Zugeständnissen hinsichtlich der Zins- unb Rückzahlungsbebingungen er- solgversprechenb. Bet der Beurteilung der Lage des Kapitalmarktes als Konjunktursymptom ist zu berücksichttgen, daß er sich in Deutschland in einem Zustand steter Anspannung be- sindet, und zwar beinahe vollständig unabhängig von der jeweiligen Konjunkturlage. Snfolge- dessen ist auf eine durchgreifende Verflüssigung des Kapitalmarktes, wie sie unter normalen Verhältnissen in anderen Ländern bei Erreichung des Tiefstandes der Depression einzutreten pflegt, in Deutschland kaum, jedenfalls nur unter ber ganz außerordentlichen Voraussetzung einet rapiden Zunahme ber langfristigen Kapitaleinfuhr aus dem AuSlanbe zu rechnen. Daher wird auc- seine Verfassung für die Beurteilung bet künftigen Konjunkturentwicklung nur in bedingtem Maße als charakteristisch betrachtet werden können. Unter diesen Umständen gewinnt a.s kennzeichnendes W?rkmal für die Konjunkturlage gegenwärtig der kurzfristige Geldmarkt mehr an Bedeutung, um so mehr, als dieser infolge der besonderen Verhältnisse auch in größerem Umfange für die Befriedigung desjenigen Bedarfs, der unter anderen Umständen langfristig finanziert werben würde, herangezogen wirb. Trotzdem ist zu erwarten, daß die an* haltende Entspannung auf dem Geldmarkt mit der Zeit auch zu einer gewissen Erleichterung auf dem Kapitalmarkt führen müßte, wenn auch dieser verhä tnisnäßig eng1 Grenzen gezogen sind. Weitere Erleichterung des Geldmarktes
Eine wci e:e Erlelch erung des Geldmarktes hat wie WTB.-Hande.sdienst erfährt, die Preußische Staatsbank (Scehandlung) veranlaßt, erneut eine Ermäßigung einzelner für den Geschäftsverkehr mit Danken und Bankiers geltender Zins- i ä tz e vorzunehmen. Für tägliche Gelder, welche
Über Ultimo bei ber Oiaattoant ftebenblrfbtn, ist der Satz von 6,4 Prozent auf 5.9 Prozent herabgesetzt worden. Für feste bzw. Kündigungs- gelber wurde der Satz um 0.4 biS 03 Prozent geteuft Es werden jetzt für Einlagen auf einen Monat fest 6,1 (bisher 6<6) Prozent, auf zwei Monate fest 6,4 (6,75) Prozent, auf drei Monate fest 63 (6,9) Prozent vergütet Auf Sonderkonto „H" (Darlehen auf einen Monat fest mit dem Recht zu gleichzeitiger Einzahlung) werden auf ber Debetseite 7,5 (8 25) Prozent, auf der Halbfette 43 (5,25) Prozent berechnet. Darlehen auf Konto „J“ (im Monatsverlauf, von und nach Monatsbeginn bis vor Monatsende) kosten 5,6 (6,4) Prozent Für Einzahlungen darauf werden 4.5 (5.4) Prozent Habenzinsen bezahlt.
Sufion Mitteldeutsche Crediibank — Commerzbank.
Die AussichtSräte ber Mittelbe ulschen Creditbank unb ber Commerz- unb Privatbank haben b.sch'osicn. den Generalversammlungen am 28. Februar bie Fusion vorzuschlagcn. Die A tionäre bet M tt lbeutschen erhalten für je 100 Mk. Rennbetrag ihrer Aktien (Vorzugs- unb Stamma'tien) neue Stammaktien ber Commerzbank in gleichem Rennbetrage. divi- benbenbercd)tigt ab 1. Januar 1929. Die Aktionäre ber Mitteldeutschen sollen ferner gegen den Gewlnnanteilschcin für 1928 10 Pro;, bei Nominalbetrages dieser Aktien abzüg ich Kapital- ertragSfteucr erhalten (im Vorjahre 9 Pro;.) Die Commerzbank erhöht ztt diesem Zweck ihr Kapital um 15 von 63 auf 75 Millionen Mark. Dr. Kaheneklenbogen unb Direktor Reinhard von der Mitteldeutschen treten in den Vorstand der Commerzbank ein. sämtlich? Auf- sichtsratsmit'liebcr ber M tteldeutschen sollen in den Aufsichtsrat ber Commerzbank zugewählt werden.
Neue hessische Anleihe.
Ein Dankenkonsortium unter Führung bet Deutschen Dank, dem auherbem noch die Commerz- und Privatbank, Direktion ber Disconto- Gesellschaft. Dresbner Dank. Mitteldeutsche Creditbank. Dcnkhaus S. Dreyfus & Co.. Hessische Girozentrale. Hessische Landesbank — Staatsbank —, Kommunale Landesbank, Rheinische Cre- bi'banf unb Süddeutsche Disconto-Gesellschaft an* gehören, hat mit der Hessischen Regierung eine 8prozentige Anleihe im Detrage von 12 Mill. Mk. abgeschlossen. Die Anleihe wird erstmals zum 2. Sanuar 1936 kündbar sein und alsdann innerhalb von 15 Sahren serienweise im Wege ber Auslosung zu 102 Prozent amortisiert. Die Auflegung zur Zeichnung wirb bereits Mitte nächster Woche erfolgen. Der Emissionskurs beträgt 93,80 Prozent. Den Sn- Habern der am 1. April 1929 fälligen 5 Millionen Mark Hessischen Schahanweisungen von 1926 wirb bei beten Einlieferung vorzugsweise volle Zuteilung ihrer Zeichnung versprochen Urtiter entgegenkommender Verrechnung ber Zinsen per 1. Februar 1929.
Wochenbericht
vom Frankfurter Effektenmarkt.
Sn ber neuen Woche stand bte Börse b» Zeichen de- Ultimo unb ber kommenden Reparation-Verhandlungen, denen tn Döv- fenfreiten mit großem Pesstmt-mu- entgegengesehen wirb. Die Haltung war daher sehr zurückhaltend, und daS Geschäft bewegte sich nach wie vor tn den allevengsten Grenzen. Als kurz nach der Löwenberg-Affäre eine Beruhigung ein» getreten war. hatte eS ben Anschein, als wollte Die Beruhigung weiteren Doden gewinnen unb bie Tendenz würde ein freundlichere- Aussehen annehmen. Diese Tatsache wurde noch durch ben sehr flüssigen Geldmarkt stark unterstützt. Die feste Reuyorker Börse, bie Zunahme ber Spareinlagen bei ben preußischen Sparkassen und einige eintreffenbe Auslandorders gaben hierzu noch einen gewissen Anreiz, unb Spezialwerte erfreuten sich auch zeitweise lebhafterer Rachfrage. Doch machte sich halb wieder eine große Zurückhaltung unb Unsicherheit bemerkbar. da wieder stark in Erscheinung tretende mv günstige Momente das anfangs freundliche Aussehen vollkommen verwischten. Die Stimmung war im allgemeinen sehr gebrückt, .bie Spekulation hielt sich stark im Hitttergrunde unb tarn, da auch von außen her Abgaben vorzenommen wurden, meistens nur mit Material an ben Markt das auch bei der Autnahmefähigkeft ber Börse nur mit Verlusten untergebracht werden formte. Auch unternahm bie Daissepartei verschie- bentlich einen Vorstoß, so daß ble KurSeinbrüche oft sehr beschleunigt wurden. Die Aussperrung in ber sächsisch-thüringischen Textilindustrie, bas weitere Ansteigen ber Arbeitslos!zkeil im Reiche, die schwache Verfassung ber Reuyorker Börse, die eingefübrien Feierschichten im Rubrberzbau infolge Absayrnangels trugen zur allgemeinen Verschlechterung der Lage bei. Die KurSgestal- tung unterlag zumeist größeren Schwankungen. Zeitweise hatten Sntereffenfäufc oder Sntettwn* ttonen von Dankseite einen Ausgleich zur Ange, bie anfänglichen Verluste fonitten verschiedentlich wieder eingeholt werden Bei einem Vergleich der Vorwoche konnten sich somit bie Besserungen unb bie Verluste ziemlich bie Waatze halten Sn ber Hauptfach« war ble Tendenz jedoch immer na<f> unten gerichtet, unb eine gewisse Vorsicht unb Unsicherheit blieb unverkennbar. AlS bann noch bie Berliner Danktragödie der Finna Katz & Wohlauer bekannt wurde, nahm die Dörse ein sehr klägliches Aussehen an. Das Geschäft beschränkte sich von dieser Zeit an nur auf ein Minimum, unb zeitweise lag der Handel fast völlig still. Rachdem jedoch dieser Fall etwas überwunden war, konnten die meisten Papiere von dem erheblichen Kurseinbruch toieter etwas zurückgewinnen. Montanwerte zeigten eigen.sich bie ganze Woche hindurch eine gewisse Widerstandsfähigkeit. Eine gewisse Stühe boten hier verschiedene Rheinische Käufe, unb es waren zumeist Besserungen bis zu 3 Prozent festzustellen. Rur Harpener (minus 4 Prozent) traten hier aus bem Rahmen, da die beschloßene Dividende losigkeit verstimmte. Auch Kupferwerte konnten auf die erhöhten Kupserpreise in Reuyork vermehrtes Interesse auf sich lenken. Am Farven- martt wurde anfangs der Woche den Farven- aftien größeres Interesse entgegengebracht. da eine Meldung, wonach die Preise der 2lifa- Travis-Seide, die von ber I.-G.- Farbenindustrie in den Handel gebracht wurde, unverändert belassen würden, stimulierend wirkie. Doch als Gerüchte umliefen, die besagten, daß in ber am 31. Januar statt'indenden AufsichtSratssitzuna keineswegs die Cr tterung einer Kapiialerhvhung zur Behandlung kommen würde, trat auch an diesem Markte eine starke Derflauung ein, so


