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Nr. 28 viertes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberhesien)

Samstag, 2. Zebruar 1929

Außenpolitische ilmschau.

Don Dr.Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Unmerfifdt Berlin, M. d. 5t

3n Frankreich Hot die elsässische Frage Kork im Vordergrund gestanden. Im Anschluß an Vie Nachwahl in Kalmar vom 20. Januar sand die, seil Monaten in Aussicht genommene und immer wieder vertagte, Kamrneroerhandlung über Elsaß- Lothringen in Paris statt. Jene Nachwahl war ein sehr beinerkenswertes Ereignis: es siegte abermals ein Autoi.omist mit iiber 10 000 Stimmen, während der sogenanntenational? Sammclkandidat" nur 6000 Stimmen erhielt. Die Sozialisten hatten ihren flanbibutcn zugunsten des letzteren zurückgezogen und der Bischos von Straßburg halte unoerhülll für ihn, einen Geistlichen, und gegen den Aulonomislen, eingegrissen. Co setzten also die französischen Kreise große Hoffnungen auf den Ausgang. Aber diese ist völlig enttäuscht wordenl Das war ein Erfolg der Heunattreucn von großer Bedeutung, und ein Ftn- aeridfl für bie französische Politik, daß es auf dem bisherigen Wege nicht geht.

Daß die Kammerdebatte nun eine grundsätzliche Einsicht und Umkehr bringen werde, hat man na­türlich auch in Elsaß-Lothringen nach den Erfah­rungen des letzten Jahrzehnts nicht erwartet. Poincor^ Hot in seiner großen Rede olles mög­liche dariiber zusammengetragen,. was die franzö­sische Regierung für das Elsaß geleistet habe. Aber bas besagt alles nichts gegenüber der Tatsache, daß man in Frankreich absichtlich die Augen davor ver­schließt, daß eben für 80 v. H. der Bevölkerung in diesem annektierten Lande das Deutsche die Muttersprache ist, und daß dort ein uraltes, bodenständiges Deutschtum lebt, das seine Sprache festhalten und gesichert haben will. Und damit steht eben die französische Regierung und Politik vor un- überfteigbaren Schwierigkeiten, wenn sie das Land als französisch behandeln und die französische Sprache als die maßgebende durchsetzen will. Mit dieser Aussassung des schwierigsten Punktes im gan- zen Problem, der Sprachenfrage, kommt die Pa- rtser Politik in der elsässischen Frage nicht weiter und wird die Enttäuschung in der Bevölkerung von Elsaß-Lothringen stärker und stärker. Weder mit einem Diktaturgeseg noch mit Ausführungen, wie sie PoincarS in seiner großen Rede machte, zwingt man die Heimatberoegung auf die Knie, die ihre Kraft und tiefe Berechtigung eben in einem urein- gesessenen deutschen Volkstum findet. So kommt das Land bestimmt nicht zum Frieden, während für die Pariser Regierung die elsässische Frage ein sehr Ichwere» Problem bleibt, dessen Lösung sie sich aber ewußt selbst versperrt. *

Am 25.Januar ist in Moskau das deutsch- russische Schlichtungsabkommen unter- zeichnet worden. Es war schon im sogenannten Der- uner Vertrag vom 24. April 1926 in Aussicht ge­nommen und konnte setzt zum Abschluß gebracht werden. Eine Schlichtungskommission aus ]e zwei Vertretern der beiden Lander ist ^ur Schlichtung ter aus den teutsch-ruffischen oolitischen und wirt- schaftlichen Verträgen sich ergebenden Schwierigkei- ien in Aussicht genommen. Die Mitglieder werden von den Regierungen ernannt Cie Frage des Obmannes ist im Abkommen nicht ausdrücklich vorgesehen. Darüber müssen oder können sich die Parteien im gegebenen Falle einigen. Insofern ist die Regelung noch nicht vollständig. Praktisch dürfte diese Lücke für die beiden Beteiligten ohne Bedenken Iein. Grundsätzlich und allgemein wäre der Fort- chrilt noch größer, wenn die Frage des Obmannes, der natürlich bann aus einem neutralen Lande entnommen werden würde, wie sonst m derartigen Abkommen bereits entschieden märe. Aber das ist der für Rußland schwierigste Punkt, das immer auf dem Standpunkt gestanden hat, nicht einen Schiedsvertrags-Vorsigenden aus einem kapi- taliftischen Lande anerkennen zu können. Und ein solcher Obmann muß ja aus einem kapitalistischen Lande kommen, weil es außer dem Sowjetstaat kein anderes kommunistisches Staatswesen gibt.

Immerhin hat dieser neue deutsch-russische Ab­schluß eine große symptomatische Bedeutung. Er ift als weiterer Fortschritt in den deutsch-russischen Be­ziehungen zu begrüßen und ist von allgemeiner Be- veutiing, weil es das erste Schlichtungsabkommen zwisä)en Der Sowjetunion und einer bürgerlichen Regierung ist. Dabei enthält es noch eine Neue­rung, indem es alle etwa aufzuwerfenden Fragen einbezieht, die von einer einzigen Kommission

Lache Vaßarro!

Roman von 3- Gchneider-Foerstl.

llrdeberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.

61 Fortsetzung Nachdruck verboten.

Ein Neigen des Kopfes, dann ging sie aus dem Zimmer und ließ Joachim mit den Seinen allein, ,, . .

.3d) finde, daß sie fürchterlich jung ift, be- merkte 3faÄ0a abfällig und sah habet an Joa­chim vorüber.

Der Doktor zuckte die Achseln. »Alle Hilfskräfte sind infolge des Unglücksfalles im Krankenhause festaelcgt." 3ch konnte nicht lange wählen und zudem der Kollege würde sie mir kaum geschickt haben, wenn sie nicht verlässig wäre. Wenn ich sehe, daß ich nicht zufrieden mit ihr bin, beantrage ich selbstverständlich einen Wechsel.

Joachims Hand hob sich etwas. .Ihr düttt ihr nicht wehe tun. Sie tut mir so furchtbar leid, daß sie nun tagelan; zu mir hereinverbannt ist.

.Wenn du es nicht bist, müßte sie eben einen anderen pflegen! gab Feßmann kühl öuruck. .Die wird gewußt haben, was sie tat, als lie sich diesen Beruf erwählte. Jeder trägt, was er sich selbst auferlegt hat."

®a$ stimmt I" gab Richthofen zu. Joachim, die Mizzl laßt dich bittn, daß s' ein nal kommen darf, wann s dir besser geht. Sie hat mir die Rosen dort für dich mitgeon, und ich soll dir sagn, du möchst die Dlumerln halt net gleich nausschmeißn laßn. Soviel hat s gweint, wie oem Hubs sein Telegramm eintroffn ist, daß f nicht mitsahrn darf. Auer nachher hat sie s doch selber eingsehn. daß das kein Gut getan hätt!"

Joachims Blick tour.-e müde, verschwommen. Feßmann hielt es für nötig, ihn wie.er eine Stunde ungestörter Ruhe zu verschaffen. Man verlieh das Zimmer, nur er selber blieb zurück und klingelte nach der Schwester.

Sie erschien ungesäumt.

äu verhandeln wären. Bekanntlich scheiden die bis­herigen Verträge über den schiedsgerichtlichen Aus- trag von Streitigkeiten die rechtlichen und die poli­tischen Fragen, lassen die ersteren durch die Kom­mission entscheiden und behandeln die anderen In einer anderen Form.

Deutschland wird nunmehr den Kellogg- Pakt ratifizieren. Dabei sei an die deutsche Note vom 27. April 1928 erinnert, in der Deutsch­land den amerikanischen Vorschlag annahm, dazu aberdie bestimmte Erwartung aussprach, daß das Zustandekommen eines Paktes von solcher Trag­weite nicht verfehlen werde, alsbald seinen Einfluß auf die Gestaltung der internationalen Beziehungen fieüenb zu machen." So müßte diese neue Garantie ür die Erhaltung des Friedens den Bemühungen um die Durchführung der allgemeinen Abrüstung einen wirksamen Impuls geben. Außerdem aber müßte der Verzicht auf den Krieg als notwendiges Gegenstück den Ausbau der Möglichkeiten fördern, vorhandene und entstehende Gegensätze der Völkerinteressen auf friedliche Weise zum Austrag zu bringen. Es ist selbstverständlich, daß Deutschland an diesen Gesichtspunkten oder Voraus- setzungen ober Erwartungen, wie man das bezeich­nen will, auch heute festhält und das auch bei der Ratifikation zum Ausdruck bringt. Eigentliche so­genannte Vorbehalte sind auch bei der ameri­kanischen Ratifikation n i d)t angenommen worden und ebenso ist Kellogg über die Vorbehalte der un­teren seiner Zeit hinweggegangen. Die amerika­nische Regierung, der Präsident wie der Staats­sekretär sehen in den letzteren nur Interpretationen des Vertragstextes, wie dergleichen auch in der amerikanischen Senatsdebatte ausgesprochen wurden.

So wenig die Bedeutung dieses Paktes, der zu- nächst nur eine Proklamation darstellt, zu über­schätzen ist, ebensowenig darf er unterschätzt werten. Man muß die Abneigung in den Vereinigten Staa­ten gegen die sogenanntenverwickelnden Be­ziehungen mit der Außenwelt kennen, um zu wür­digen, was dieser Entschluß ter Regierung im vorigen Jahre bedeutete und was jetzt seine Durch­führung bis zur Ratifikation bedeutet. In jedem Falle liegen heute die Vereinigten Staaten mit der Verpflichtung zu irgendeiner Beteiligung moralisch fest, wenn eine Kriegsgefahr ausbricht. In Sonder­heit werten sie sich dann der Antwort auf bie Frage nach dem Angreifer gar nicht entziehen können, und wie die Antwort dann von ihrer Seite erfolgt, das wird bei tei ungeheuren politischen und wirtschaft­lichen Macht dieses Landes selbstverständlich auf eine solche Konfllktsgesahr einwirken. Ebenso selbst- verständlich aber muß ter zunächst nur allgemein gezogene Rahmen ausgefüllt werden. Anders aus- gedrückt: das Programm muß die Maschinerie fin­den, die seine Durchführung erst ermöglicht.

Nun wird ter Pakt natürlich zunächst entwertet, wenn gleichzeitig eine gewaltige Flotten- rüstungsoorlaae im amerikanischen Senat behandelt wird. Daß es soweit kam, daran ist in erster Linie bie englische Politik schuld, ihre Verhandlungen mit Frankreich und ter Span- nung mit Amerika, die aus dem englisch-französi- schen Flottenkompromiß entstand. Der Kamps um die sogenannte Zeitklaufel aber zeigt, daß man in Amerika die große Linie einhalten will. Coolidge namentlich wie auch Hoover treten zwar für die Annahme ter Kreuzer-Vorlage ein, aber sie wün- schen nicht bie Dinbung, baß binnen einer bestimm­ten Zeit (drei Jahre) bie Vorlage ausgeführt fei. Die Absicht ift klar: die amerikanische Regierung will freie hanb behalten, um jederzeit den Druck auf den Fortgang ter Abrüstungserörterung ausüben zu können, den sie wünscht und den sie für notwendig hält.

Zugleich ist damit ein weiterer Vorstoß von außerordentlicher Bedeutung erfolgt, indem ter be­kannte Senator Borah in ter Beratung ter Kreuzervorlage am 24.Januar beantragte: Im Zu­sammenhang mit dem Marinebauprogramm eine Konferenz, die bas Seerecht kotisizieren und die Rechte ter neutralen Mächte auf Frei- Helt der Meere feftlegen solle. Man hat im Verfolg ter Verhandlungen über den Kellogg-Pakt zumeist übersehen, daß dieser Gesichtspunkt, dieser Vorstoß und Wille schon im Kellogg-Pakt se 1 bst steckte. Vielleicht ist dieser große weltpoli- tische Zusammenhang auch den Urhebern des fiel- logg-Paktes gar nicht einmal so völlig klar gemar­tert, daß nämlich die Anregung auf den Kriegs- oerzicht zugleich die Frage der Freiheit der Meere

,Run wollen wir noch nach der Wunde sehen, und dann sollst du schlafen, mein Alter. Schwester, ist alles hergerichtet, falls der Verband zu er­neuern wäre?"

Er sah flüchtig nach dem Tische hinüber, wo sie mit geschickten Fingern in Mullbinden und Bandagen wählte.

So, nun kommen Sie, Schwester Elisabeth. Ich werde dir möglichst wenig Schmerz zu ver- Ursachen suchen, mein Lieber hab keine Angst.

Hettingen stöhnte unterdrückt auf. als Feh­manns Hände ihm den Verband in einem Zuge von der Hüfte risien. Der Schweiß stand ihm in dichten Tropfen auf der Stirne.

Hat S weh getan, Achim? Es ging nicht anders. Langsamer wäre es eine endlose Marter gewesen."

Eine weiche zarte Fraue Hand schob sich unter seinen Rücken. »Legen Sie sich ganz fest auf meinen Arm. Herr Baron. Herr Doktor, soll ich nicht beiden Hüften eine Stütze geben?"

ilnö als Feßmann nickte, schob sich der andere Arm unverzüglich unter Hettingens Körper und blieb reglos, vis alles vorüber war.

Ohm bringen Sie unserem Kranken zur Be­lohnung eine Tasse Bouillon, Schwester! Dann darf er schlafen und ganz etwas Schönes träumen. Ja, Achim! Ich gefje dann ein bißchen hinüber, mit den anderen zu plaudern. Wenn etwas sein sollte, wird mich Schwester Elisabeth rufen.

Sie war schon nicht mehr im Zimmer. Als sie mit der Tasse heißer Fleischbrühe eintrat, ent­fernte sich Feßmann.

Richt Hofe ns beide Hände umspannten feinen Ami, als er im Eßzimmer- erschien.

Hans! Todesangst hab ich ausgstandn! »Ich auch, Poldl!"

»Ich hab schon lang nimmer teil warf Isa­bella ein, »Aber heut hätt ich fünf Händ zu un­serem Herrgott aufghobn, toenn ich sie ghabt hätt! Er hat sich mit zwei zusriebn gebn mü,sn!"

Die Baronin sah von Weinen durchschüttelt. Er ist doch noch ganz ein Kind, mein Junge."

teere, Destirn-

e n

eigenen und allernächsten I n te r. e berühren!

aufrollt und, was bk Hauptsache tft, Englands be- kannten Standpunkt dazu In Frage stellt. Bei England: Herrschaft über die Tb

mung des See- und Blockade-Rechtes nach dem eng- lischen Interesse, wie nunmehr ein Jahrhundert und länger, dazu eine Monroedoktrin für bestimmte Ge­

letzt mit Deutschland siegreich durchgefochten Hot Das ist für England vorbei!

Man sieht, welche ungeheuren Schlußfolgerungen und Kombinationen sich an die Auseinandersetzung über den Kellogg-Pakt knüpfen. Zu alledem gehen die Interessen Deutschlands mit dem Standpunkt der Vereinigten Staaten durchaus pa­ra Uel. Deutschland hat alle Deranlassung, in der Behandlung des Paktes und ter ganzen Frage diese Uebereinftimmung auf bas deutlichste zum Ausdruck 3U bringen. Diese Parallelität in so großen politi­schen Fragen wirft ja gewiß nicht unmittelbar auf Nordamerikas Haltung in den Reparationsocrhand- limgen ein, aber ohne Bedeutung ist sie selbstver- stündlich auch dafür nicht. Darum nnch die deutsche Auffassung und Behandlung des Kcllogg-Paktes jetzt und seine Weiterführung aufs stärkste im Auge behalten, wie sehr diese für ein maritim schwaches Deutschland scheinbar ferne liegenben großen Fra­gen: Flottenrüstung, Freiheit ter Meere, Verhältnis von Amerika und England doch auch unsere

biete des englischen Weltreiches. Bei Amerika: Kriegsächtung und Kriegsoerzicht, Freiheit der Meere und neutrale Rechte darauf, Parität der Flolte mit ter Englands. Letzteres entweder in ge­meinsamer Bindung ter Tonnage usw. oder, wenn England daraus nicht eingeht, eine eigene Flotten- rüffung, die England zum Nachgeben zwingt.

Wenn das Problem so scharf hervortritt und z. B. Chamberlains letzte Rede in Birmingham am 27. Januar zeigte, daß er das nunmehr auch be­griffen hat, so ist klar, daß das Spiel fürEng- lanb von vornherein verloren ist. Denn es kann weder im Frieden ein Wettrüsten mit ten Ver­einigten Staaten aushalten, bie unter allen Umständen ten längeren Atem haben, noch es auf eine kriege­rische Auseinandersetzung mit ihnen über die Herr­schaft zur See anfommen lassen, wie England ein le solche mit Spanien, Holland, Frankreich und zu-

Geschichten aus aller

Welt.

Ein Holeldicb alS preisgekrönter Dichter.

(g) Rom.

Bei einem Preisausschreiben für abendfüllende Bühnenwerke. veranstaltet von der italienischen Theaterzeitschrift .Comedia", trug den ersten Preis ein bisher völlig unbekannter Dichter RamenS Riccardo Testa davon. Kaum wurde das Ergebnis bekannt, erschienen in der Redak­tion nicht etwa der glückliche Sieger und sein Verleger, sondern zwei wackere Karabinieri mit ausgepslanztem Bajonett. Sie suchten den Preisträger, der wegen Diebstahls steckbries- sich verfolgt wer. Der Chrftedaktcur der .Comedia" war zwar unangraehm überrascht, konnte aber nicht umhin, die Adresse des Preisträgers an- zugeben. Daselbst fand man aber den Schwer­verbrecher nicht mehr auf; er zog es aus be­greif sichen Gründen vor. zu verzich en und seinen neuen Aufenthalt ort nicht anzugeben. Zwei Tage später meldete sich sodann ein Freund deS Dichter-Diebes bei der 3c.hing und bat um An zahlung deS Preises in Hohe von 10 020 Lire. Der Verleger war Menschen reundlich genug, diesem frommen Wunsch nicht nachzukommen, wenngleich der Freund des steckbrieilich Der- solgten beteuerte, das neu entdeckte Genie auf diese Weise retten zu können. Signor Testa hatte nämlich tatsächlich einen Diebstahl verübt und Wertsachen für etwa 7500 Lire enteignet; nun wollte er es gern versuchen, ben Fehltritt wieder gutzumachen, und den Schaden zu erstatten. Rach- dem die Sanierungsaktion mißglückte, fahndeten die Behörden weiter nach dem berühmt gewor­denen Hoteldieb. Die Recherchen blieben jedoch erfolglos, bis sich bet Gesuchte eine- Tages ganz plötzlich selbst bei der Polizei meldete, und um seine Verhaftung bat. Man tat ihm denn auch diesen Gefallen, und nun sitzt Italiens neuer D'Annunziv hinter schwedischen Gardinen. Sein ungetreuer Freund Pietro Scala und helfen Freundin Columbina Bobino teilen sein Schicksal. Die beiden hatten nämlich ben Dieb bestohlen, worauf dieser sich lieber selbst mit einsperren ließ, aber prompt die Leutchen anzeigte. Ganz unabhängig von dem Prozeß, der dem leider ein klein wenig verspätet entdeckten Dichter einige Jahre Kerckerstrafe einbringen bürste, wird jetzt in einem der größten Theater von Rom seine Urau^rung vorbereitet, bet die Fachleute mit gesteigertem Interesse entg genfeben. Ang blich handelt es sich bei dem Drama des HoteldiebeS um ein Kunstwerk von großem Format.

Wenn der Herr Minister zerstreut ist .. .

(r) Kopenhagen.

Am Südufet deS zweitgrößten schwedischen Binnensees Vättern liegt die kleine Industrie­stadt Jönköping. Außer etwa 30 000 Einwohnern weist sie die größten Streichholzsabriken Europas auf. Auch kürzlich wurde wieder ein Fabrik­neubau vollendet und feierlichst eingeweiht. Roch feierlicher als sonst, denn daS Städtchen er­wartete einen hohen Gast: den schwedischen Wirt­schaftsminister. Exzellenz sollten im Auftrage

des Königs dem Erbauer der neuen Fabrik ben Wasa-Orden zweiter Klasse überreichen. Es kam leider anders. Ein Aboer Blatt weiß nämllch folgendes zu erzählen:

Exzellenz kamen wohl mit dem fahrplanmäßi­gen Zuge an, wurden am Bahnhof von den Honoratioren mit den üblichen, nie endenwollen­den Reden begrüßt und sodann nach dem besten Hotel der Stadt gebracht. Daselbst zog sich der Minister sorgfältig um (Frack mit sämtlichen Au.'zcichnungen). steckte den Text seiner zu im­provisierenden Rede in die linke und ba3 Etuis mit dem zu überreichenden Orden in die rechte Tasche und begab sich nach der neuen Fabrck, wo ihn bereits eine festlich wogende Menge er­wartete. Er zog bie Rede aus der linken Tasche undimprovisierte" sie mit bestem Gelingen. Dann zog er das Etuis programmäh.g aus der rechten Tasche, überreichte es dem überglücklichen Architekten und forderte ihn auf, die Aufzeich­nung in Ehren zu tragen. Hierauf öfincte der Held des Tages die kleine Kassette, um sich den Orden anzustecken. Kaum warf er jedoch einen Blick auf den Inhalt, bekam der Mann einen roten Kopf, klappte das Kästchen zu und sah den Minister mehr als entgeistert an Die Situation war außerordentlich peinlich, um so mehr, als der Architekt unbegreiflicherweise unterließ, sich für die Auszeichnung zu bedanken. (Wenngleich sich auch in seiner Tasche bas Konzept der zu stam­melnden Dankesworte befand!) Exzellenz und die übrigen Honoratioren waren unangenehm überrascht und konnten sich diese Flegelhaftigkeit gar nicht richtig erklären. Im wetteren Verlauf des Festes blieb bie Stimmung so gedrückt, daß der Minister an dem anschließenden Bankett gar nicht teilnahm und sich vorzeitig verabschied oete. Er war eben unangenehm überrascht...

Eine zweite, ebenfalls recht peinliche lieber* raschung sollte Exzellenz am nächsten Morgen In seinem Hotelzimmer erleben. Als er sich näm­lich rasieren wollte, und anstatt seine- Rasier­apparates den Wasa-Orden zweiter Klasse ta seinem Handkoffer vorfand...

TaS Abenteuer in der Pferdebahn.

(u) 5t o ton ft.

Während bei uns in Deutschland lebebefiere* Kleinstadt i.)re Straßenbahn auito.it, gondelt in Kowno trotz einer Einwohne.schäft von 180 000 Selen noch immer die vorsintflutliche Pferde­bahn durch die holperigen Straßen. gab Wohl schon immer zwei Parteien in Kowno: die eine wollte den Betrieb gern ellltift.ren, die Partei derRomalli.'er" hielt diese Reform für überflüssig und behielt bei diesbezüglichen Ab- ftimmungen stets bie Oberhand, um so mehr, als sie selbst den Oberbür geratet,ter zu ijeen An­hängern zählen durfte. Run erlebte aber das konservative Etadtoberhaupt ein an Filmwmödien erinnerndes Abenteuer in der Pserdchahn, das ihm dieses Defi.'el ein für allemal verleidet haben dürfte. Saß da der Bürgermeister in seine Zeitung vertieft, als ei te junge Dame an feiner rechten Seite Platz nahm, und sich ungeniert zu

.Morgen, mein Junge! Morgen!" tröstete die Baronin und hielt die Hände des Sohnes lieb­kosend zwischen den ihren gebettet

Sechs Wochen lag Hettingen nun an sein Schmerzenslager gefesselt. Der Arzt hatte für den nächsten Tag das erste Aufstehen erlaubt, denz der Kranke nun entgegenfieberte.

Schwester Elisabeth kam zur Türe herein und nickte ihm lächelnd zu.Dierundzwanzig Stunden noch, Herr Baron! Dann stehen Die wieder auf eigenen Füßen."

Er nickte und Ragte vorwurfsvoll.Run haben Sie mich ja glücklich zum Krüppel gepflegt, Schwester!"

Zum Krüppel?" Sie lehnte ben Kopf etwas zurück und trat an fein Bett.Ich wüßte nicht, Herr Baron, was Sie xu dieser Aeußerung be­rechtigt. Wenn Sie erst wieder volle Wangen haben, sehen Sie aus wie früher!"

Haben Sie mich denn früher gelaunt, Schwe­ster?"

Ein mattes Rot belebte ihre blassen Wangen. Rein, das nicht. Aber ich kann mir vorstellen, wie Sie gewesen sind."

Er erwiderte nichts mehr.

Rach einer Weile, während er sie schweigend betrachtete, wie sie Wäsche in einen Schrank schichtete, fragte er unvermittelt:Haben Sie Verwandte in Wien?"

Sie verneinte, ohne aufzusehen.Warum stellen Sie diese Frage an mich, Herr Baron?"

Lange sprach keiner von allen mehr, bis Fetz­manns Stimme wieder als erste in das Schwei­gen klang.

Drüben aber stand die Schwester über den Kranken geneigt und lauschte auf dessen etwas rasche Atemzüge. AIS sie mrrkie, daß er fest ein- geschlafen war. glitt sie vor >.n Bett In bie Knie. Eng gefaltet hoben sich ihre Finger zu dem holz- geschnitzten Christus über feinem Haupte.

Erbarme dich feiner! Ich will es dir danken mit einem ganzen Leben der Entsagung."

Ich dachte nur! Sie sehen meiner Braut ähnlich!"

Ihr Kops hob sich aus der gebückten Stellung hoch.Ich wußte gar nicht, daß Sie verlobt sind!"

Gewesen, Schwester!"-verbesserte er.

Ach so!" Ihr Gesicht glitt wieder über die Wäschestücke.Es gibt so viele Enttäuschunge« im Leben!"

Haben auch Sie schon welche erfahren, Schwe­ster Elisabeth," fragte er teilnehmend.

Etwas zurückgelehnt, sab sie zu ihm hinüber. Mein Verlobter starb drei Wochen vor der Hochzeit! Das Leben ist seit dieser Stunde wertlos für mich! So bin ich Schwest.r gewor­den. Irgendetwas muß man doch aus- füllen im Dasein, sonst wäre es nicht zu er­tragen.

Sie war mit dem Sortieren der Wäsche fertig geworden, nahm einige der defekten Stücke und setzte sich zu ihm an das Bett. Er sah schweigend zu, wie chre weißen Finger den Faden durch das geschsitzte Gewebe zogen. Plötzlich legte er feine Hand darüber.

Plaudern Sie ein bißchen mit mir, Schwester!"

Ein Klopfen unterbrach seine Worte. Diebow steckte ben Kopf zur Türe herein, und bann kam dessen ganze Person zum Vorschein.Darf ich, Joachim? Deine Frau Mutter hat mir gesagt, daß du morgen daS erstemal deine Deine wieder in Schwung setzt. Da habe ich meinen Kodak mitgebracht, dich noch rasch in den Fe­dern zu knipsen."

Hetttngen wehrte lachend ab.Was fällt dir ein? Hast du wirklich das Bedürfnis, mich als Knochengerüst verewig' zu schen?"

Ehe er noch fcrtiggei^rodjen hatte, war das Ganze schon erledigt.

Frau IeSka hat mich darum gebeten," erklärte Diebow.DaS weißt du doch, daß eS da kein Rein gibt. Allenfalls hätte ich dich festgebunden, wenn du nicht ruhig gefeffen wärst."

(Fortsetzung folgt)