Nr. 126 Erstes Blatt
179. Jahrgang
Somstag, 1. Juni 1929
Gietzener Anzeiger
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Sieg -er Nüchternheit.
Die größte politische Partei Deutschlands, die im Reichstage mit mehr als 150 Köpfen die stärkste Fraktion stellt und auch in der gegenwärtig amtierenden Reichsregierung mit dem Kabinettschef und drei weiteren Ministern ausschlaggebenden Einfluß besitzt, die Vereinigte Sozialdemokratie hat nun endlich in Magdeburg ihren Parteitag abgehalten. Lange genug hatte es die Parteileitung verstanden, sich um die Rechtfertigung ihrer Politik vor der höchsten Parteiinstanz herumzudrücken. Sogar das Frühlingshochwasser mußte herhalten, um die den Führern unbequemen Auseinandersetzungen coram publico hinauszuschieben. Aber nun ist alles halb so wild gekommen, wie man es von den Regierenden in manch dunkler Stunde gefürchtet hatte. Und wer gar von diesem Parteitag so etwas wie einen großen Krach mit nachfolgender Spaltung der „Vereinigten" Sozialdemokratie oder auch nur einer Sezession eines Häusleins Unentwegter erwartete, wird sich nach diesem Parteitag vermutlich bitter enttäuscht sehen. Sehr rosig war nun zwar die Stimmung nicht gerade, die dem Parteiführer Hermann Müller aus den Reden der aus dem Lande zusammengerufenen Genossen entgegenschlug. Die Opposition gegen den gegenwärtigen Parteikurs umfaßt immerhin ein Drittel der Partei, also eine starke Minderheit, die den Führern schon Kopfzerbrechen machen kann. In Magdeburg ist es indessen gelungen, alle wesentlichen Anträge der Opposition niederzustimmen. Seinen Sieg verdankt Hermann Müller dem großen taktischen Geschick, mit dem dieses große Parteipalaver in Szene gesetzt worden war und konsequent Lurchgeführt wurde. Man ließ die ost recht temperamentvollen Reden der Wortführer der Opposition ruhig über sich ergehen, Reden, die -noch häufig genug an die seligen Zeiten des schärfsten Kampfes gegen den Staat erinnerten, den die Sozialdemokratie währenddes sich erobert lat. Erst dann schritten die Regierenden zur Abwehr. Mit klug verteilten Rollen sprachen -Hermann Müller und Hilferding, Severing und “Braun zu den vier großen Problemen der aktuellen Parteipolitik. Koalition, Steuern, Reichswehr und Konkordat mit dem Erfolg, daß es der Opposition in keinem Punkte gelang, ihre Auffassung durchzusehen. Imponierend ist der Sieg der Führer nicht, die Opposition war immerhin so stark, daß Hermann Müller es auf eine (lare Abstimmung nicht ankommen lassen wollte, «andern sich mit einem taktischen Erfolg, dem .Hebergang zur Tagesordnung" begnügte. Es ist ganz ausgesprochenermaßen ein Sieg der 'Nüchternheit, ein Sieg der realen Politik, hie sich erreichbare Ziele steckt und ihre Arbeit hem unter den gegebenen Verhältnissen Möglichen zuwendet, über die schärfere Tonart der khemaligen „Unabhängigen“, die heute noch wie damals „alles, oder nichts" wollen.
Diese einander grundverschiedenen Anschauungen der politischen Taktik traten besonders hervor bei der Behandlung der Koalitionsfrage. Die Minderheit hatte wieder einmal den leidigen Panzerkreuzer benutzt, um an ihm ihre Auffassung von der allein echten sozialistischen Politik, Die sie sie verstanden wissen will, zu demonstrieren. Die Reichstagsfraktion hatte bekanntlich während der letzten Koalitionsverhandlungen sich mit erheblicher Mehrheit gegen die Bewilligung her zweiten Baurate für den Panzerkreuzer A ausgesprochen. Run wollte ein Antrag der Ber- ;iiner Organisation auch die sozialdemokratischen Minister zur Fraktionsdisziplin verpflichten, sie "sollten also gegen den Antrag der Regterung, 2er sie selbst angehören, stimmen. Mit 256 ge° .gen 138 Stimmen ist man nun über den Berliner Antrag zur Tagesordnung übergegangen. Her Parteitag hat es abgelehnt, eine zweifels- freie Entscheidung in einer Frage zu fällen, die lei der Umbildung des Kabinetts Müller um em Haar den Bruch der Koalition verursacht hätte. Hamals wär man von feiten der bürgerlichen Loalitionsparteien, namentlich vom Zentrum, aber den ablehnenden Beschluß der sozialdemokratischen Fraktion mit Stillschweigen hinweg- begangen, weil man vpn dem Parteitag eine giare Entscheidung erwartete. Sie ist jedoch aus- •seblieben. Man hat sich lediglich grundsätzlich für eine Koalitionspolitik mit bürgerlichen Par- deien ausgesprochen, solange die Sozialdemokratie wicht stark genug ist, eine rein sozialistische Regierung auf die Beine zu stellen. Aber jeöe Bindung der Fraktion oder gar der sozialdemo- tratifefcen Kabinettsmitglieder in einzelnen fragen hat der Parteitag abgelehnt. Bei der Abstimmung über die zweite Rate für den Panzerkreuzer werden wir also vermutlich wiederum das erhebende Schauspiel haben, daß die stärkste Regierungspartei gegen Sie Regierungsvorlage stimmen wird, wenn auch Ihren Ministern der Gang unter das kaudinische Joch des Fraktionszwangs erspart bleiben wird. Man glaubt, sich diesen Seitenfprung in die Opposition in dem beruhigenden Gefühl leisten ja können, daß die Deutschnationalen ihre Drohung, auch in diesem Falle gegen die Regierung zu stimmen, schon nicht wahrmachen werden, wenn es hart auf hart geht, sondern statt dessen aus ihrer grundsätzlichen Einstellung zur Dehrfrage heraus, auch diesmal der Regierungs- fialition aus der Patsche helfen werden, in die sie die stärkste Regierungspartei ihrem ehemals »unabhängigen" Flügel zuliebe Mncingeritten hat. Sollte die Rechte den sozialdemokratischen Opportunitätspolitikern den Gefallen nicht tun.
Schwere Wahlniederlage der englischen Konservativen.
Arbeiierregiemng oder bürgerliche Koalition. — Außenpolitische Konsequenzen.
Der außerordentlich eindrucksvolle Wahl- erfolg der ßabour Party in dem englischen Wahlkampf hat zwar nicht ganz hingereicht, um der Partei die absolute Mehrheit zu sichern. So wenigstens läßt sich das Ergebnis übersehen, zu dem noch einige Wahlkreise fehlen und bei dem die nichtumstrittenen Wahlkreise und die erst später stattfindenden Wahlen der Uni- versitciten nach den eigentümlichen Bestimmungen des englischen Parlaments hinzugerechnet werden müssen. Aber auch ohne die absolute Mehrheit ist die relative derartig stark, daß es ein großes Wagnis ist, die einzige augenblicklich sichtbare andere Lösung der Regierungsfrage, nämlich eine Koalitionsregierung aus Konservativen und Liberalen zu versuchen.
Wje dem aber auch sei, ob Labour-Regierung oder bürgerliche Koalitionsregierung, in der künftigen Politik Englands wird sich der Volks- Wille zur Geltung bringen müssen, der durch dieses Wahlergebnis zum Ausdruck gebracht worden ist. Man kennt die wichtigen außenpolitischen Programmpunkte der ßabour Party: Abrüstung, Rheinlandräumung und Schiedsgerichtsbarkeit, d. h. vor allem Beitritt zu dem Haager Statut. Weiter gehört dazu, soweit es Punkte von Interesse für Deutschland sind, die Forderung nach einem Verzicht auf das Liqui- dcttionsrecht des Versailler Vertrages, auf die Freigabe deutschen Eigentums. Man wird aber auch nicht vergessen dürfen, wie Snowden, der Finanzminister im früheren Kabinett Macdonald, sich kürzlich sehr entschieden gegen jede englische Konzession in der Reparationsfrage ausgesprochen hat, die sich z u g u n st e n Fra n k- rerchs auswirken würde. Hnd man darf sich keinen Illusionen darüber hingeben, daß etwa ein Kabinett Macdonald, namentlich ein solches, das als Minderheitsregierung auf Schonung nationaler Empfindlichkeiten angewiesen wäre, nun radikal auf die Dahn der Verständigung, der Konzessionen oder gar einer internationalistischen Politik begeben könnte.
Wir haben im einen, wie im anderen Falle mit einer Politik zu rechnen, die man als libe* r a l bezeichnen kann, ohne daß damit etwa eine Politik der trotz aller Propaganda nur . sehr gering angewachsenen liberalen Partei ßloyd Georges gemeint wäre. Hnd wir haben selbstverständlich in Auswirkung dieses Volksentscheids auf eine stark Völkerbundfreund- liche und auch abrüstungswillige englische Politik zu rechnen, die z. B. in der Frage der Marinerüstung Amerika gegenüber erheblich
verhandlungswilliger fein wird, als die bisherige, starr von den Diehards beeinflußte Politik einer mit mächtiger absoluter Mehrheit ausgerüsteten konservativen Parteiregierung. Vielleicht würde auch bei einem Kabinett Macdonald die politische Parallelität gegenüber einem deutschen Kabinett Hermann Müller (obgleich man die englische ßabour Party nicht mit Sozialdemokraten schlechthin gleichsehen kann) eine gewisse Erleichterung des Verkehrs bedeuten.
Aber auch kaum mehr. Denn die starke Erhöhung der Stimmung der ßabour Parch bedeutet in viel geringerem Maße als etwa ein entsprechendes Wahlergebnis bei uns den Hebertritt der Massen zur Partei der von ihnen Gewählten. In einer viereinhalbjährigen ununterbrochenen Regierungstätigkeit nutzt sich überall und jede Partei einigermaßen ab und alle die Unzufriedenen gehen in solchem Falle in England, das seinen Parlamentarismus auf einen jahrhundertealten Zweiparteiensystem aufbaut, einfach zur Opposition über, gleichviel, welche parteipolitische Doktrin diese vertritt. Soweit sie nun aber nicht überzeugte Sozialisten sind, stellen sie auch an ihren gewählten Abgeordneten Ansprüche, die der spezifisch englischen Geistesverfassung, der Auffassung von Patriotismus entsprechen, die dort „Old England First" und alle anderen Interessen erst in zweiter oder dritter ßinie lautet. So interessant und so wichtig also auch der Ausgang der englischen Wahlen für Deutschland und die Welt ist, wäre es verfehlt, davon einen radikalen Gesinnungsmantel der englischen Außenpolitik selbst in solchen Fragen zu erwarten, die in England als nationale Reservate gelten.
Das vorläufige Wahlergebnis.
Was tut Baldwin?
London, 31. Mai. (2DIB.) Rach einer Heulet- Meldung von 22.40 Ahr verteilen sich die 597 Mandate, über die bisher entschieden wurde, wie folgt:
Arbeiterpartei 287 konservative 251 Liberale 52
Unabhängige 7
Rach derselben Quelle waren bis 21 Uhr folgende Stimmen gezählt worden: 8 449 426 für die konservativen, 8 265 183 für die Arbeiterpartei, 5 155 353
für die Liberalen, 220 369 für die Unabhängigen und 50 614 für die Kommunisten.
Baldwin ist in seinem Wahlkreise mit einer Mehr- heit von 14 018 Stimmen wiedergewähll worden. Auch der Führer der Liberalen, LloydGeorge. wurde wiedergewählt. Auch die Tochter Lloyd Georges ist gewählt worden, von bekannten politischen Persönlichkeiten, die wiedergewählt sind, wurden weiterhin noch folgende bekannt: Macdonald, Churchill, Sir Robert Home, ehemaliger Schahkanzler, Miß Bondfield, ehemaliges Mitglied des Kabinetts Macdonald und der bisherige Generalpostmeisler Sir Mitchell Thomson. Ferner von der Arbeiterpartei Snowden, Schahkanzler im Kabinett Macdonald und Kenworthy von den Liberalen, die bekannten Führer Walter Run- ciman und Sir John Simon von den Konservativen und die Herzogin von Atholl, die unter der Regierung Baldwin als parlamentarische Unlerskaalssekretärin im Erziehungsamt tätig war. Die Ramen bekannter Arbeiterführer werden im neuen Unterhaus auch durch ihre Söhne vertreten fein, da der Sohn Macdonalds in vaffetlaw (Rottingham) und der Sohn Hendersons in? Wahlkreis Cardiff-Süd gewählt wurden.
Obwohl von den bisher gewählten Unabhängigen mindestens einer mit der Arbeiterpartei Zusammengehen dürfte, ist es der Arbeiterpartei nicht mehr möglich, eine absolute Mehrheit im Unterhaus zu erlangen. Selbst wenn sie die sämtlichen der noch ausstehenden 18 Mandate gewinnen sollte, würde sie es nur au f 307 Mandate bringen und um eines hinter der absoluten Mehrheit Zurückbleiben. Es wird als sicher angesehen, daß Baldwin beschließen wird, am 25. Juni vor das neue Parlament zu treten, um den Liberalen die Verantwortung zu überlassen, ihn durch ihre Abstimmung zu st ü r z e n. Da jedoch eine Verbindung der konservativen und der liberalen Stimmen im Unterhaus nur einen sehr geringen Sicherheitsspielraum lassen würde, so ist es auch möglich, daß nach Zusammentritt des Parlaments sich Baldwin dahin entscheiden wird, daß er die Regierung nicht in nützlicher Weise weitersühren kann. Indessen muß wiederholt darauf hingewiefen werden, daß ein Rücktritt der Regierung vor dem Zusammentritt des Parlaments nicht zu erwarten ist.
womit immerhin gerechnet werden muß, so ist eine Riederlage des Kabinetts Hermann Müller und eine neue Regierungskrisis unvermeidlich.
Eine nicht minder harte-. Ruh als die Koalitionsfrage war das Wehrprogramm für den Parteitag. Eine vielköpfige Kommission hatte unter dem Vorsitz von Di tt mann Richtlinien zur Wehrpolitik ausarbeiten müssen, die nun dem Parteitag zur Begutachtung vorgelegt wurden und hier auf schärfste Kritik stießen, obwohl die radikalen Mitglieder der Kornnnsswn in dieses Wehrprogramm schon so viel hineingeschrieben hatten, daß man hätte meinen sollen, auch der linke Parteiflügel hätte mit diesen äußerst bescheidenen Wehrforderungen einverstanden sein können. Das Wehrprogramm will, solange „die Machtpolitik imperialistischer und faszrsttscher Staaten mit konterrevoluttonären Interventionen und neuen Kriegen droht, Deutschland als Aufmarschgebiet mißbraucht und wider Willen in blutige Verwicklungen hineingerissen werden kann" ..... zum Schuhe der Selbstbestimmung
des deutschen Volkes eine Wehrmacht aufrechterhalten, für die dann eine Reihe von Forderurr- gen ausgestellt wird, deren Verwirklichung summa summarum die berüchtigte „Dernokrati s i e - rung“ der Reichswehr nach österrerchr- schern Muster bedeuten würde. Severing, den man gegen die oppositionellen Kritiker ins Feld schicken mußte, hat zwar stark abschwächend von „Republikanisierung" gesprochen nach dem Muster der Umgestaltung der preußischen Polizei unter seinem Regime, aber wir wisfen aus Erfahrung grade durch den Vergleich mit der preußischen Polizei, daß Republikanisierung im Sinne Severings sich keineswegs auf die Zuverlässigkeit der Reichswehr als staatliches Machtinstrument der Republik bezieht, sondern lediglich den Wunsch der Sozialdemokratie verbirgt, namentlich durch Einflußnahme auf den Offiziers- und Mannschaftsersatz, die Reichswehr zu einer sozialdemokratischen Parteitruppe umzugestalten. Daß die Erreichung dieses Ziels die Schlagkraft unseres kleinen, uns nach dem Versauter Diktat noch belassenen und aller moderner Kampfmittel beraubten Heeres, bis zur Unfähigkeit für die Landesverteidigung mindern würde, müßte auch einsichtigen Anhängern der Linken klar sein. Aber der Kampf gegen den innenpolitischen Gegner scheint den Vätern des sozialdemokratischen Wehr- programms wichtiger zu fein, als der Schutz der Reichsgrenzen. Und wenn auch ein Mann wie Severing weit davon entfernt ist, die Notwendigen der Landesverteidigung zu leugnen, so konnte doch einer der Ultraradikalen auf dem Magdeburger Parteitag, wenn auch unter stürmischem Widerspruch aus der Versammlung, erklären „die Arbeiter haben auch heute noch kein Vaterland ... Der Feind steht im eigenen Lande, den wollen wir schlagen! Das Bürgertum hat also allen Grund, vor den sozial
demokratischen Anschlägen auf unsere kleine Wehrmacht auf der Hut zu sein.
Wenig erbaut wird man in den Kreisen der bürgerlichen Parteien auch von den Erklärungen zur Steuerfrage sein, die Breitscheid als Berichterstatter der Reichstagsfraktion abgab. S) i l f e r • ding, der für die Finanzpolitik der Koalitionsregierung verantwortlich zeichnet, hat zumindest nicht widersprochen, als Breitscheid die Notwendigkeit neuer Steuern erörterte und erklärte, das Sparprogramm der Regierung sei nur aus koalitionspolitischen Gründen angenommen und bedeute daher lediglich ein Provisorium. Wenn sich nicht durch die Pariser Verhandlungen wesentliche Erleichterungen für den Reichshaushalt ergäben, müsse doch zur Ausschreibung neuer Steuern geschritten werden. Man wird also mit dem Versuch der Sozialdemokratie rechnen müssen, die alten Hil- ferdingschen Pläne auf Erhöhung der Biersteuer und der Reichsvermögenssteuer wieder zur Debatte zu stellen. Daß sie dabei bei den bürgerlichen Koalitionsgenossen auf entschiedenen Widerstand stoßen wird, ist anzunehmen.
Besonderes Interesse beanspruchte die Debatte über das Preußenkonkordat. Es ist schon lange bekannt, daß die Verhandlungen zwischen dem preußischen Kabinett und dem Berliner Runzius Pacelli zur Formulierung eines Vertrages geführt haben, der in absehbarer Zeit den verfassungsmäßigen Instanzen zur Genehmigung vorgelegt werden soll. Heber seinen Inhalt sind bislang nur Gerüchte an die Oeffentlichieit gelangt, die zu ernsten Besorgnissen Anlaß geben mußten, aber von den zuständigen Stellen regelmäßig dementiert wurden. Der preußische Ministerpräsident Otto Braun sah sich nun doch gezwungen, dem Parteitag eine Erklärung über die Verhandlungen Preußens mit dem Vatikan abzugeben, die allerdings sehr vorsichtig und diplomatisch gehalten war und nicht mehr sagte, als unbedingt notwendig war. um die erregten Wogen der gegen das Konkordat sturmlaufenden Genossen zu glätten. Braun berief sich bei der Verteidigung des Konkordats — in dem übrigens angeblich das Wort Schule gar nicht vorkommt, sondern lediglich kirchenorganisatorische Angelegenheiten ihre Erledigung finden — auf die Rotwendigkeit „für den Staat doch wenigstens einen Teil der Rechte zu retten, die dem Staate durch die Weimarer Verfassung aus der Hand geschlagen worden sind". Das klingt höchst ulkig im Munde eines sozialdemokratischen Führers, dem vor zehn Jahren diese Rettung zweifellos erheblich leichter gefallen wäre. Gewiß wird niemand leugnen wollen, daß die schon über ein Jahrhundert alten Abmachungen zwischen Preußen und der Kurie den veränderten staatsrechtlichen Verhältnissen angepaht werden müssen. Aber bedarf es dazu eines Konkordats? Die
Spuren des Dahernkonkordats schrecken. Solange der Inhalt des preußischen Vertragsentwurfs nicht in allen wichtigen Zügen bekannt ist, wird die Beunruhigung in all den Kreisen anhalten, die eine gerechte Machtverteilung zwischen Staat und Kirche wünschen und den Grundsatz vertreten, daß, was der katholischen Kirche recht ist, der evangelischen billig sein muß. Man spricht davon, daß die Zustimmung zum Konkordat der Preis sein soll, für den sich für die Volkspartei die Tore zur Regierungs- foalition in Preußen öffnen würden. Wir möchten die Sehnsucht der Volkspartei nach preußischen Ministersesseln nicht für so groß halten, daß sie jeden Preis dafür zu zahlen bereit wäre. Sie wird sich jedenfalls das Ergebnis der Verhandlungen, die bisher zwischen dem Kabinett Braun und dem päpstlichen Runzius hinter verschlossenen Türen geführt wurden, sehr genau ansehen müssen, bevor sie ihr Placet gibt.
Rimmt man den bisherigen Verlauf des Magdeburger Parteitages der Vereinigten Soz:al- demokratischen Partei Deutschlands als Ganzes, so ergibt fich wieder das alte Lied, das im Grunde doch völlig vergebliche Bemühen, die alten Mehrheitssozialisten Ebertscher Prägung mit dem Flügel der ehemaligen „Unabhängigen“ zu einer in sich konformen Partei zu verschmelzen. Zu einer neuen Spaltung kommt es zwar nicht, ab et in der Partei bestehen die Gegensätze weite« und verschärfen sich vielleicht noch, wofür der Magdeburger Parteitag einige sinnfällige Beispiele gab. Die Führer sehen ein, daß die Partei wohl zu schwach ist, um allein regieren zu können, aber doch zu stark, um nicht mitregierenl zu müssen. Mit mehr als 150 Mandaten kann man nicht konstant im Schmollwinkel sitzen und Übelnehmen, wie es die radikale Linke der Partei möchte. Die Mehrheit fühlt die Pflicht zur Mitübernahme der Verantwortung, aber der Radikalismus der ehemaligen „Unabhängigen" hängt wie ein Mühlstein am Halse der Partei und hindert sie, aus der Erkenntnis ihrer Pflicht dis volle Konsequenz zu ziehen. So entsteht die Halbheit, daß die Partei wohl die Vorteile der Regierungsverantwortung genießen möchte, aber nicht bereit ist, die Vorteile der Opposition aufzugeben. Würde die Sozialdemokratie einmal vor die Rotwendigkeit gestellt sein, allein dis Verantwortung für die Regierungsgeschäfte zu übernehmen, käme sie in die Verlegenheit, ihr Parteiprogramm, ohne sich mit Kompromissen unb Koalitionsschwierigkeiten entschuldigen zu können, hunderprozentig zur Durchführung bringen zu können, dann wäre die große Enttäuschung unausbleiblich, wenn die Führer ihren Anhängern im Lande klipp und klar bekennen müssen, daß sich mit Parteidoktrinen allein nicht regieren läßt.


