Kr. 126 Zweite; Statt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Donnerstag. 31. Mai 1928
Bor kommenden Kriegen.
„Sommander Kenworthy ist eines der leb- Haftesten und herausforderndsten Mitglieder des Unterhauses Seine bedeutenden Fähigkeiten werden durch eine gewisse Taktlosigkeit ausgeglichen. So hat er zum Beispiel einem Interviewer gegenüber gesagt, ist sei schon elwaS von Altersschwachsinn befallen. 3c&t ist tr an mich heranaetreten, ich möge etwas über fein Buch ..Will Eivilifation Crash?" tagen. Ich lehe darin eine Milderung seines ilr- teils und halte auf meinem Weg zu Dr. Woro- noff oder zum Krematorium gerne einen Augenblick inne, um der unverbraucht jugendlichen GeifteSfrische meines Freundes eine Verbeugung zu machen Er hat ein sehr nützliches, sehr zutreffendes. fehr anregendes Buch geschrieben. Ich schätze mich glücklich, es anempfehlen zu dürfen. Ich glaute, bah eS nicht möglich ist, die Kräfte, die heute ui der Welt auf einen Krieg hinarbeiten, besser und zutreffender auf- zuzSigen, olS er eS in seiner umfassenden Arbeit getan Hot."
Wit diesen zugleich witzigen und ernsten Worten bevorwoctet H. G Well« das Buch, das unter dem deutschen Titel „Dor kommenden Kriegen" soeben in einer von Else Baronin Werkmann besorgten deutschen Ausgabe von der Wiener Univecsi ätS-BerlagSbuchhandlung Wilhelm Braumükler herauSgcbracht wird. Es ist daS Buch unserer Tage: der Tage, in denen Deutschland gegen ein noch immer miß- trauisches Frankreich seine alte, rechtrnästige Stellung wiedergewinnen will, Italien sich bemüht, gegen Frankreich eine Koalition von Mächten zustandezubringen, der Balkan wie in den Tagen deS Sultans ein eigenes FrühlingS- erwachen kennt, die Verlegung des wirtschaftlichen «und auch deS politischen) Schwerpunkts nach Amerika ernste Unstimmigkeiten zwischen England und den Bereinigten Staaten hervor- geru-en hat, Iapan und Shina auf einander loSschlogen, Washington« Aus nach Aechtung de« Krieges sich an dem Widerstande Frankreichs zu brechen droht und der B ö l k e r b u n d, der weitaus nicht alle Böller umfaßt, der Entscheidung aller Streitfragen ausweicht, die eine „Siegermachi" interessieren.
Der Weltkrieg dauerte vier Iahre, drei Monate und acht Tage. Er kostete die Alliierten 7 146 043 Mann an Toten, 3 437 743 an Schwer- verwundete>t, 8 945 041 an Leichtverwundeten und 4 653 519 an Vermiß en, während die De.lüste der Mittelmächte 3 651 090 an Toten und 8 544 428 an D .w nbeten betrugen. Die gesamten unmit.e uren KriegSauslagen aller Kriegführenden beliefen sich auf über 56 Milliarden Pfund Sterling, die Zerstörung von Werten läßt sich kaum berechnen. Reun Iahre später darf Kenworthy die Fragen aufwerfen: (Seht die Welt einem neuen Kriege entgegen? Wer wagt es, diese Frage mit einem „Dein" zu beantworten?
Sr malt die Schrecken und Folgen eine« Kriege« der Zukunft. Es kann keinem Zweifel unterliegen, baß diese Schrecken den verantwortlichen Staatsmännern und den militärischen Führern dec Dölker no '> viel genauer als ihm bekannt sind, ilnö drch bewegen sie sich alle auf politischen Linien, die — wenn nicht in elfter Stunde ein Wunder geschieht — zu einer Lago führen, wie sie vor dem Weltkriege bestanden hat.
Kenworthy, der mit bemerkenswerter Vorurteilslosigkeit, also mit Wohlwollen für die im Weltkrieg unterlegenen Mächte die großen Probleme unserer Tage betrachtet, weist zu jedem von ihnen etwa- Wertvolles, mindesten- aber etwas Interessantes zu sagen. Zwei dieser Fragen seien herausgegriffen, um zu zeigen, wie zeit- geinäß fein gedankenreiches Werk ist
Wir haben soeben einen überraschenden Zusammen stoh zwischen Iapan und China erlebt. Ueberraschcnb, denn er entspricht zweifellos weder dem chinesischen noch den japanischen Interessen. Das wird auch noch Kenworthys tiefschürfender Untersuchung des Gegenstandes offenbar. Iapan ist infolge seines alljährlichen Devölkerungsüberschus es gezwungen, nach Sied-
Ich kämme einen Berg.
Don Alfred Richard Meyer.
Da roir uns diesen guten Kilometer Strand an unserem märkischen See zuerst als Sportgelände pachteten, schien uns der Berg inmitten der nicht allzu breiten Landschaft einzig dazu geeignet, ein Holzhaus als Kuchen» und Schlaf- raum zu tragen, das wir dann stolz die..Drosselburg" nannten, ohne uns deshalb gleich als Raubritter zu fühlen Erst allmählich ward es uns klar, baß die seit Jahren ungepflegten, im heißen märkischen Sommer schnell vertrockneten, ja von der grausamen Sonne schnöde verbrannten Abhänge auch noch zu etwas anderem brauchbar und nützlich waren: zum Sonnen, indem uns diese Schräge ermöglichte, die Körper genau im rechten Winkel gegen die auf- oder absteigende Sonne zu legen und also herrlich bräunen zu lassen. Dieses stundenlange Liegen hier, besonders wenn es in der tieferen Mulde war, die wir von Anfang an die „Bratpfanne" nannten, hatte uns aber ganz den Bl'.ck für die äußere Häßlichkeit des Berges genommen — bis mir an einem unwahrscheinlich schönen und warmen Frühlingsmorgen die Crkennt- ni« kam: dieser Berg muß einmal gekämmt werden!
Unter unseren wenigen armseligen Geräten befand sich gottlob auch eine Harke, freilich keine aus Holz mit weit auseinander stehenden Zacken, sondern nur eine eiserne, die sonst lediglich den Sportplatz zu ebnen hatte. Dun sollte sie für den Berg den Kamm hergeben, freilich einen etwas sehr gewaltsamen, dafür aber desto gründlicheren. Jahrelang hatte hier niemand an Kämmen gedacht. Eine dicke, zähe, filzartige Schicht überwucherte ben ganzen Berg lieh ihn niemals im Lenz zu frischem Grünen kommen, war eine schmutzig-graue Masse aus ineinander verklet- 1eren Lagen vertrockneten, verbrannten Grases, verfaulten Mooses, immer wieder, wenn der Wind einmal heftiger ging, überpudert von Sand, Sand, märkischem Sand — auf dem es sich doch so schön liegen und sonnen lleh. Der Sinn des Gefühls entschied hier die sommerliche Wollust- der Sinn des Auges aber war ganz auSgeschattet. Ich hatte den Berg zu kämmen.
l u n g - l o n d Au-schau zu halten. Al- solches kämen Australien. Amerika und das dem Insel- reiche gegenüberliegende asiatische Festland in Betracht. Da- weite Australien wird von nut etwa 5.5 Millionen Weißen und einigen Tausend schwarzen Eingeborenen bewohnt. Die Australier widersetzen sich aber hartnäckig jeder Einwanderung. Wie sich Amerika zu d't .gelben" Einwanderung jeder Schattierung stellt, ist bekannt. Die Augen der japanischen Staatsmänner richten sich daher immer wieder auf den asiatischen Konti, . ,en vor allem das sibirische
Küstengebiet — überhaupt Sibirien und die Mandschurei in Betracht. Diese Gebiete versüzcn noch über reiche Mineralschähe. Erdöl und Sibirien auch über ausgezeichnete Fischereigründe Aber wenn Iapan dort Fuß fassen wollte, müßte es ba-Risiko eine« Krieges mit Ruß- l a n d auf sich nehmen. Iapan hat schon einmal die Erfahrung gemacht, daß eS Rußland militari,d) besiegen, aber nicht niederwerfen kann! Auch eine offensive AuSwanderung-?olitik. die sich gegen China wendete, würde auf Rußland stoßen, das hinter der chinesischen nationalen Bewegung steht, dazu auf ein erwachendes China und alle an China interessierten Weltmächte. Iapan muß daher die ihm übrigens tatsächlich zukommende Rolle eines unterdrückten asiatischen Volke« '.^iterspielen, das durch die Selbst ucht der T (ftmäcbte an feiner Ausdehnung gehindert ist und infolge der kommerziellen Habgier Englands und Amerikas den Lebensunterhalt feiner Bevölkerung nicht sichern kann. Iapan hat nur dann eine Aussicht auf Erfolg, wenn es ihm gelingt, die Unterstützung der asiatischen Chinesen und der halbasiatischen Russen, in fernerer Zukunft vielleicht auch die eines selbständig gewordenen Indiens zu gewinnen. Alldem widerspricht der Zusammei stoß von Tll- nanfu. Iapan wird also wohl früher oder später wieder zur Rolle des Führers der panasiatischen Bewegung »urückkehren — einer Bewegung, die sich augenblicklich durchaus friedlich gibt, den Krieg als letzte Möglichkeit der Durchsetzung ihrer Ziele aber im ' Auge behält.
Kenworthy hat aber fein Buch nicht nur geschrieben, um unS die dem Frieden droh:nden Gefahren zu zeigen, sondern auch um uns zu sagen, wie diese zu beschwören wären. Da ist es nun beachtenswert, daß der Gedanke, der den Kellogg- schen Vorschlag auf Aechtung des Krieges eingegeben Hal, auch in dem pazifistischen Programm des Engländers eine große Rolle spielt. Kenworthy geht dabei von einer älteren Anregung ie an.e.ilan.schon Senators Bvrah aus der Krieg müß.e zu einem Verbrechen gestempelt werden und dürfte weiterhin in keiner Weise und zu keiner Zeit mehr als eine dem Völkerrecht entsprechende Art dec Austragung von Streitigkeiten zwischen Völkern angesehen werden. Kenworthy entwickelt diesen Gedanken noch weiter indem er für ein Mächtebündnis eintritt, das den Krieg zu verbieten hätte. Er setzt auseinander. daß die Vereinigten Staaten, Großbritannien. Holland und die Schweiz zusammen schon morgen der ganzen übrigen Welt den Krieg verbieten könnten, wenn sie wollten. „Zusammengenommen haben sie." sagt er, „die Kontrolle über die F i - nanzen der ganzen Welt inne. Reine Macht der Erde, die den Frieden bräche, dürste auf irgendeine finanzielle Hilfe von außen rechnen. wenn diese Länder vereint einen Boykott über sie verhängten." Diese Staaten und Belgien loder einige von ihnen) verfügten auch über den größten Teil der Erdölvorkommen, der Kupser- und Zinklager, dec Baumwolle- und Gummi- Produktion sowie der Pflanzenfette der ganzen Welt. Ohne Geld und diese Produkte könne aber kein Krieg in modernen Ausmaßen durch längere Zeit geführt werden.
Zu biesem Dorschlag muß man allerdings sagen: So scharstsichttg Kenworthy in dec Erkenntnis der dem Frieden drohenden Gefahren ist, so llar er uns die Ungerechtigkeit und Hinterhältigkeit des Imperialismus aller starken Staaten au«- einanderzusehen vermag, so wenig überzeugend wirkt er dort, wo er uns die Mittel zur Beschwörung der die Welt bedrohenden Gefahren
ihn auch für den Sinn deS Auges wieder wohlgefällig erscheinen zu lassen.
Ganz allein war ich auf dem Gelände, da ich an meine Arbeit ging. Hart packte die Harke zu. um sich sogleich in lauter ..Wichtelzöpfen" zu verfangen und stecken zu bleiben. Kindskopf, du Berg — du willst weinen, wie ein Göhr, dessen Etruwellopf nicht gern die Bekanntschaft mit einem Kamm macht? Ia. da haben wir das richtige Bild. Kindskopf! Ia. wenn du täglich jedes Jahr im Frühling an solch notwendige Behandlung früh gewöhnt wärest ... dann ginge das wohl ohne Zähren und viel Geschrei ab. Gewiß — diese grobe Harke ist Äbt eine der sanftesten. Jetzt hat sie dir — entschuldige schon! — gar ein Stück Kopfhaut mit abgerissen. So etwas kommt vor. wenn das Haar so gräßlich verfilzt ist und man doch ganze Arbeit leisten möchte, damit man noch vor Sonnenuntergang fertig damit ist. Gar nicht so klein ist dein Kopf, wilder Berg, und wahrhaftig — ich spürs schon in meinen Armen und Deinem die herauf und herunter klettern müssen, — nicht leicht zu bearbeiten. Aber — es wird schon! Wir beide büren nicht die Geduld verlieren — ich. das Subjekt, nicht und auch du nicht, daS Objekt.
Rach reichlich einer Stunde will es mir so vorkommen, als ob ein neckischer Kobold unsere Rollen heimlich vertauscht habe. Ich bin das Objekt, stöhne ich unb wische mir den Schweiß von ber heißen Stirne. Daß bieser Frühlingstag schon so warm werben kann! Sinnen totrb Besinnen: eine ordentliche Fuhre Spreu habe ich dem Berg da vom dampfenden Köpfchen gekämmt. Pferden und Ochsen gewiß winterlich das weichste, ttäurnerischeste Lager. Ein Heine« Scheunchen voll kann ich wohl schnell zusammen- Harken, grau unb braun, mit Tannenzapfen gemischt, mit grünen MooStupfen verziert, ja, meine allzu gewaltsame Harke hat mit ihren eisernen Zähnen sehr viel frisches Moos mit ber Filz- schicht aus ber Erbe gerodet, daß diese blutet, bah des Berges Zähren eine gewisse Berechtigung haben, baß fein kirchliches Schreien vielleicht zu verstehen ist. Helle, helle!
Aber — meine Arme tun mir vielleicht nicht weniger Weh. Meine Waden wimmern bereits im beginnenden Muskelkater auf. Ich bin das Objekt dieses Tages. Der dennoch ein ganz anderes Gesicht plötzlich bekommen hat: Ganz
yc.gen will Pazifismus ist eben kein politische« Programm sondern eine Gesinnung. Diese aber eignet nicht der Well unserer Tage. H-g.
Ziele und Wege deutscher Dolkstumsarbeii.
Ein Rückblick
aus Die Esjcncr Lchntzbundlagung
Die unerhörte Einengung des deutschen Lebensraums im Verlauf deS letzten Jahrzehnt«, der ständige Kampf, zu dem das deutsche Volkstum an allen Grenzen seine- Geb ets gezwungen ist. haben die deutsche Dolkstumsarleit in engste Verfechtung mit allen Lebensgebieten gebracht, so daß man heute nicht mehr allein von einer rein kulturellen Tätigkeit fprcdxn kann, sondern bereits zu dem weiteren Begriff der .Dolk«- Politik übergegangen ist. Die K arflellung und Beratung der Grundfragen der Volkstumsarbeit und ihrer Mittel und Wege hat von jeher zu den 2hifgaben deSDeutschen c di u 13 bunt»cd gehört, der auch auf feiner diesjähri en Es er.er Tagung während der P ingstwoche einige Hauptfragen des Gesamt e'.i.teS der deut chen Bolkspolitik zur Behandlung nahm. Die Stellung von Osten und Westen in der Dolkspolllik wurde durch die beiden Referate dsFreiherrn von G a y l K migsberg und des Westmark- forschers Dr. K^nig-Gießen in anschaulicher Weise erörtert und damit manche wertvolle Anregung zu einer we t.ren Auswertung bestehender ober Anknüpfung neuer Beziehungen zwischen Westen und Osten des deutschen Volkdgebieteo gegeben. Roch zwei weitere Momente sind in ber BolkstumSarbeit von außerord.nt id?er Bedeutung. Das ist einmal bie Frage bes kulturellen Wertes und Inhalts, ben ein Volkstum besitzt. Und es ist nicht zu eyt dem hohen kulturellen Stande unserer deutschen Bolks- oenofsen. insbesondere im Osten Europas, zu danken, wenn sie sich teilweise Jahrhunderte hindurch ihrem deutschen Volkstum erhalten unb Darüber hinaus d.e Anerkennung ihrer Ra ßbarn erworben haben. Ein einheitliches Kulturbewußtsein ist aber auch Die DorauS- sehung ber wirklichen Dolksge nein cha t. wie bies der Wiener Gelehrte Hosrat Giannoni in einem Referat treffend ausührte. Gerade mit Rücksicht auf das Grenz- und Auslanddeutschtum muß deshalb von unS im Reich alles veri: ied:n werden, was der Schaffung einer einheit ichen deutschen Kultur auf allen Lebensgebieten zu- wider!'ust. Das heißt gewiß nicht, alles über einen Kamm zu scheren, aber es bedeutet, daß auch in Fragen, die mit Dingen der Weltanschauung zufammcnbängen, die Forderung des einh illichen deutschen Kulturbewuhtseins an d.e erste Stelle gehört vor alle anderen, noch so begründeten Sonde rwünsche.
Reben der kulturellen Seite ist die wirtschaftliche der BolkstumSarbeit d.«wegen von ganz besonderer Bedeutung, weil ja alle Angriffe gegen das Dorpostenbeutschtum zunächst mit ben »frieblicheren" Mitteln wirtscha tlicher Zwangsmaßnahmen ober ähnlicher Schikanen beginnen. Die wirtschaftliche Lage des Grenz- und Aus- landbeutschtums ist in vielen Fällen sehr schwierig, wenn es auch in manchen Tellen durchaus erfreuliche gibt. Die Bedeutung be« Außendeutschtums als Vermittler für beutfche Wirtschaft im Innern kann außerordentlich groß fein, wenn man auch im Reich versteht, diese Möglichkeiten In entsprechender Weise auszunutzen und so nicht nur die Stellung der Deutschen draußen, sondern auch die der Heimat stärken hilft. , ....
An der bedrohten Grenzfront des deutschen Volkstums müssen alle Interessengegensätze und Sonderwünsche einzelner Gruppen zurücktreten, wenn es gilt, eine Einheitlichkeit in allen Teilen zu erreichen. Man hat es draußen gelernt, daß nur das geschlossene Vorgehen aller von Erfolg begleitet ist, und deshalb kann man wünschen, daß auch die Essener Tagung be« Deutschen Schutzbundes zur Herausbildung g?m:in'amer An schauungen und Methoden ber Deutschtumsarbeit für die Gesamtheit wiederum ein gutes Stück vorwärts geholfen hat.
Moderne Medizin.
Dir leben in einer Krisenzeit, in einer Zeitenwende Viele Lebensgebietc von den tScutcin- fchastssormen angefangen bi« zu den Wissenschaften. scheinen sich in einer Umwälzung zu befinden Da« die Wissenschaften betrifft. 0 spürt btc Unruhe unb Bewegung auch der Laie r elleicht am beutlichsten in der Medizin. Man braucht nur die heute jedem geläufigen Schlagworte wie Homöopathie, Augendiagnofe, Ratur- heilkunde. Biochemie. Psvchoana'.y e. Verjüngung ufw. zu nennen und an den mit ihnen verbundenen Streit der Ansichten unter Aerzten und Laien zu denken. Befindet sich nun wir.lich bie medizinische Wissenschaft und mit ihr die praktische Ausübung der Heilkunde in einer grundlegenden Umwälzung? Kann man von einer Krisis der Medizin sprechen? eine Klärung dieser bie ganze Oesfenttichleit berübrenben Fragen wirb im neuesten Sonderheit .Qllobcmc Medizin" der Süddeutschen Monatshefte (München) unternommen. Das besonders Wertvolle auj) an dieser Veröffentlichung der Zeitschrift ist wiederum, baß gleichzeitig Anhänger verfchiebener Richtungen zum Worte kommen, so dah ein möglichst objektives Bild gegeben wird, zumal auch hier hervorragenl ste Xiit- arbeiter gewonnen worden sind. Angefangen von der Betrachtung der inneren Krisis, der Seelennot der Medizin und dem grundlegenden Kampf zwischen inechan.stischer und vitolistischer Auf- fatung bis zu den prallischen Forderungen für bie Ausbildung des heutigen Mediziner> gibt bie Schrift eine Fülle von Stoff. Durch wich i c Ci.’’clergebniffe und durch bie hier ermöglichte gleichzeitige Betrachtung gegensätzlicher Standpunkte ist sie berufen eine bisher fehlende C u‘- flärung und Klärung zu geben und allgemeinen Ruhen zu stiften.
Oberhessen.
Landkreis trieften.
X Klein-Linden, 30. Mai. Der diesige Schützenklub Roland hält nm 3., 10. i< d 17. Zum auf dem an der Wchlarer Straße gelegenen Schicßstand fein diecjähr ges !ßMi3- schießen ab. Zn dcm Schaufenster dec Firma A. Ruhl, hier, sind die z. T. recht wertvollen Preise aueg.stellt. — Die Auto- unb Motor- rabrajerci durch unseren Ort ist nun anscheinend auf seinem Höhepunkt angekommen, da es tat- sächl.ch fast unm.pl d) ist, an der Zweigsttlle W (arer und Frantsurter Straße die Fahrbahn zu überschreiten, ohne der Gefahr des llebcrfal). n- werdens ausgesetzt zu sein Das Kapitel . er Staubplage sei nur nebenbei erwähnt, es ist ein Hebel, das die Anwohner, wie man landläufig sagt, mit hinunterschlucken müssen, wenn es auch schwer fällt. Zn der ruhigeren alten Zeit wurden besondere Merkblätter über die Schädl chkeit der Staubentwicklung von den Gesundheitsbehörden herausge- geben; diese sind geblieben, die Bekämpfung der Staubplage in den Dörfern überläßt man anscheinend einer höheren Gewalt.
t Treis a. b. Cba.. 30. Mat Am 2.Psingst- feiertage fanb ba« An turnen beS Turnvereins „® u t He i l", D T., statt Es war bie erste größere Veranstaltung, die auf bem schö: gelegenen Sportplatz abget;a teil würbe, ben btc Gemeinbo in dankenswerter Weise den Schulen unb ben Leibes Übung treibenden Bereiten zur Verfügung gestellt hat. Der Deren-. hatte c8 sich Aur Ausgabe gemacht, einen Ausschnitt aus ber Arbeit bes deutschen Turnens zu zeigen und damit in der Gemeinde und deren näheren Umgebung für die Turnsache zu werben. Unterstützt wurde er in seinem Vorhaben durch die ausgezeichnete Mithilfe des Turners Reuter vom Turnverein 1846 Gießen unb mehrerer der besten Kräfte des Turnverein- Großen-Lind.n. Rach einer kurzen Eröffnungsansprache des 1. Vorsitzenden entwickelte sich ein reges turnerisches Treiben. Zuerst wurde von den Gästen und den Turnern des Vereins an den ver sch'ebenen Geräten gezeigt, welch hoher Wert in diesem Trnn- zweig steckt. Begeistert spendeten bie Zuschauer Beifall, denn die Leistungen standen auf einer
frisch grün und lachend, wenn auch noch etwas unter Tränen lächelnd, steigt der Berg vor mir empor unb reckt sich immer höher. Junger, üppiger Klee, wie wenn er lackiert wäre von einer kunstgewerblich beseelten Dryade, wuchert zwischen etwas hellerem GrüngraS unb jauchzt, zum erstenmal seit Iahren, zum Lichte unb zum AtmLn befreit: Frühling! Dieses Wunber hat mein Kämmen vollbracht unb wirb es bis zum fernen Abenb noch weiter vollbringen, defini- ttver, grünblicher. schöner unb immer noch schöner ... wenn ich dann auch noch viel müder al« bloß todmüde bin.
Und ist in diesem Ganzen, bas ich ba um einen märkischen Sandberg im Frühling herum erlebte bei aller Arbeit, die für mich bieses Kämmen war. nicht etwas seelisch sehr Symbolisches? Weil es. wie biesen Berg, unenblich viele Menschen gibt, deren Seele jahrelang nicht burchgekämmt wurde, bereu Seele von dicken, zähen, ftlzarttgen Schichten überwuchert ist, baß kein psychische- Gräslein, geschweige denn em psychischer Klee zum Lichte unb zur Luft emporftreben kann. Komme her! Vielleicht, bah eine eiserne Harke mit sehr energischen Zähnen weit besser ist als eine hölzerne, zartere. Auch Tränen bes Schmerzes können Befreiung fein, b*be andere Befreiung gründlicher unb vollkommener vollenden — möchte ich meinen. Das nächste Iahr, das weiß ich bestimmt — kämme ich meinen Berg wieder: unb — auch bas weiß ich — es wirb uns beiden nicht halb so weh tun; allmählich muß uns auch bieses Kämmen, wie jedes andere gewöhnliche, zur Lebensfunk tton werden . . baß wir im großen Lichte des Sommers leben, bah wir tiefer unb beglückter ein großes Atmen sind — der Erfüllung des Herbstes entgegen.
„Die Preußen kommen!"
In diesem Sommer sind vierzig Iahre verflossen, daß Ludwig Heck zum Direktor des Berliner Zoo berufen wurde. Gr ist in dieser Stellung einer der volkstümlichsten deutschen Gelehrten geworden, und gern lauschen wir der Geschichte seines Lebens, aus der er im Iunihest von Delhagen L Klasings Monatsheften einige Kapitel erzählt. Er bekennt von
sich: „Ich war unb bin ein richtiger Hesse. Trotzdem war ich nie ein beschränkter Parttkula- rist unb verbohrter Preußenhasser. Ich habe mit meinen hessischen Lanbsleuten unb badischen Stammterwandten schon als heranwachsen er Mensch bie Ueberzeugung vertreten, daß Deutsch- lanb nur mit unb durch Preußen vorwärts- kommen könne. Dafür wurde ich von gewissen Familienverwandten als der .Preiße-Luddwig" abgestempelt, und da- geht bis in meine Kindheit zurück, bis ins Iahr 66. Don dieser Wende Deutschlands zum Starken und Großen hatte ich als sechsjähriger Bub schon meine tiefen, fest in der Erinnerung haftenden Eiirdrücke. Da lernte ich Preußens Kraft- und Glanzpunkt kennen, seine Armee, unb konnte sie vergleichen mit anderen Armeen. Als es hieß. „5)ie Preußen kommet??", wurden die Gesichter bedenllich ernst, auch bie meiner guten Eltern, und man sprach sich besorgt mit Hausgenossen und Rachbarn herüber aus, was man Wohl von denen zu gewärtigen haben würde. Wir Buben rannten an« Rheintor; denn daher mußten sie kommen. Sie waren aber schon da, saßen und lagen unter ben alten Linden im Grase, und wir waren gleich ganz vertraut mit ihnen, durften uns das Wunderwerk der damaligen Was'enindustrie, das Zündnadelgewehr, anschen. mit dem die Preußen so schnell schießen konnten, während unser Militär noch Vorderlader stopfte. Da auf einmal die Hellen Kommandostimmen der Offiziere: „An die Gewehre!" Wie elektrisiert sprang alles auf, unb wie gescheuchte Spatzen stoben wir Buben auf bie Seite. Ich spitzte schon bie Ohren unb riß die Augen auf. Und bann der Einmarsch d'e berühmte Darmstädter Rheinstraße hinauf! So was hatte man bei uns noch nicht gehört unb gesehen! Wie ber schrille Ton der Querpfeifen in die Ohren gellte und der Helle Ton der kleinen, niedrigen Trommeln dazu! Die Oester- reicher und Süddeutschen hatten große, hohe Trommeln, wie kleine Bierfässer, mit dumpfem, dunklem Ton. Und bann der Einmarsch des Regiments selber! Wie da bie Beine geschmissen wurden und sich die Köpfe mit hörbarem Ruck zur Seite drehten, als es vor der Rheintvrwache am Obersten vorbeibefilierte! Das imponierte mir so. baß ich es zu Haufe gleich Vormächte unb den sicheren Sieg der Preußen dorhersagte."


