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31.3.1928
 
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Samstag, 31. März 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Rr. 78 Zweites Blatt

mit übrigens nicht in brauchen.

Damit

Frankreich zusammen, wobei der Vertreter Englands diese Einigkeit dieser Weise hätte zu übertreiben

Die hessische Regierung revoziert.

Darmstadt,. März. Der amtliche Presse­dienst teilt mit: Unter der UeberschristMehr Verständnis für Hessen" waren vor eini-

Portugals prazosyflem - ein Ersatz für Kolonien?

Don Wolfgang Weber, Leipzig.

ist zu Ende. Wir haben wahrlich loyal und ehrlich an der Abrüstungsarbeit mitgewirkt, immer aus dem ganz unbestreitbaren berechtigten Glauben, daß die Abrüstungsverpflichtung der Sieger im Versailler Vertrag und im Pakt des Dollerbundes ganz klar und unzweideu­tig ausgesprochen sei, und das; ihr, nach­dem Deutschland entwaffnet ist, von den anderen noch nad)geeifert werden müsse. Mit diesem Aus­gang in Genf, aus dem heraus es ja ein Kom­promiß nicht gibt, ist die Grenze der Geduld erreicht. Die Berufung an die Bundesversamm­lung, auf deutsch also die Beschwerde Deutschlands über die Kommission bei der höheren Instanz, ist angemeldet.

Aber es liegt auf der Hand, dah die Be­schwerde allein zu wenig ist. Die Angelegenheit treibt nun ganz von selber weiter. Ist der Wille der anderen Seite, die versprochene Abrüstungs- lonserenz nicht zustande kommen zu lassen, und das Abrüftungsversprechen nicht zu erfüllen be­wiesen, so ist es nur logisch, wenn Deutschland, indem es dies vor dem Völkerbund und der Welt auseinandersetzt, die Schluhfolgerung daraus für das zieht, was man in Genf selbst dasDivellement" nennt. Es dreht sich nicht um Abrüstung oder Aufrüstung, sondern um dje Rüstungsgleichheit. Ein Mann, der sich der Abrüstungsarbeit widmet, wie Lord Robert Cecil, hat diese Folgen auch sofort gesehen. Er hat gleich nach dem Scheitern dieser Genfer Konferenz am letzten Sonntag in derSunday Times" dazu geschrieben, dah die Entwaffnung Deutschlands das Vorspiel zu einer allgemeinen Abrüstung sein müsse, und dah, wenn die vor­bereitende Mrüstungskonferenz in Genf scheitere, Deutschland das Recht in Anspruch neh-

Dahmen leitete nicht ratr Lüderitz, sondern auch England und Holland begannen ihre erste koloniale Betätigung in dieser Weise. Da­mals gab eS die holländisch-oftindische und die englisch-vstindische Gesellschaft, deren Ausgaben aber schließlich vom Staat übernommen werden muhten. Dicht anders erging es den deutschen privilegierten Gesellschaften, der deutsch­ostafrikanischen und der Reu-Guinea-Gesellschaft.

WaS man am meisten gegen diese Gesellschaf­ten einwenden kann, ist ihre Ausbeutungs- Politik auf Kosten der kulturellen Aufgaben, zu deren Lösung man sich vergeblich verpflichtet. Alles wird nur nach geschäftlichen Gesichtspunkten geregelt, und was unrentabel ist, rücksichtslos ausgeschieden selbst wenn es mittelbar zum Erstarken der Kolonie beiträgt. Ein weiterer Mangel liegt darin, dah diese Unternehmungen nicht auflange Sicht" arbeiten, sondern unter der Kurzatmigkeit einer privaten Gesell­schaft leiden. Allerdings ermöglicht die Konzern- bilbung, Verluste auf dem einen Gebiet durch Gewinne auf dem anderen wieder auszugleichen; eine längere Zeit schlechten Geschäftsgangs können sie aber nicht überstehen. Auf der anderen Seite stehen natürlich auch Vorteile. Wie alle pri­vaten Unternehmungen haben sie vor der Be­hörde eine bedeutende Beweglichkeit vor­aus. Ferner werden die Grenzen viel leichter

_______ ist die Abrüstungskrise des Völkerbun­des, die im vorigen Herbst schon groß war und die man glaubte durch die September-Resolution lösen zu können, erneut und in stärkerem Mähe wieder aufgebrochen. Von einer Erschütte­rung des Vertrauens zum Völkerbund kann man bei uns ja eigentlich nicht sprechen. Denn dieses Vertrauen war und ist in Deutsch­land aus guten Gründen überhaupt sehr gering. Diese Krise muß aber durch sich selbst weiter treiben. Die Geduld Deutschlands

men werde, sich von neuem zu bewaff­nen. Er sagt, man werde einwenden, dah Deutschlands Entwaffnung absolut sei und durch den Vertrag von Versailles festliege, aber, fährt er fort:vom juristischen Standpunkt aus kann diese These wahr sein, in der Praxis ist sie nicht zu behaupten. Wie kann man verlangen, daß Deutschland Verpflichtungen erfüllen muh, denen seine alten Gegner sich ihrerseits nicht unterwerfen wollen? Dichts sicherer als das: wenn endgültig feststeht, dah die internationale Abrüstung nur ein leerer Traum ist, so müssen wir uns darauf einrichten, einer neuen Bewaffnung Deutschlands und aller seiner Verbündeten zu assistieren." Das ist mit der gewissermaßen hellseherischen Klarheit aus­gesprochen, in der Lord Robert Cecil sehr häufig dann die nächsten Schwierigkeiten übersieht, die aber auf die Weite der Entwicklung hin im Recht ist. Uns ist gar fein Zweifel, dah auch im Sinne des englischen Interesses an der Ab­rüstung Lord Robert Cecil mit seiner Stellung­nahme ein viel weiter blickender Staatsmann ist, alS Englands jetziger Vertreter in Genf Lord Cushendun, der glaubte, mit Schroffheit und Witzen das englische Dein noch besonders wirk­sam zu unterstreichen.

Krise im Völkerbund und damit auch Krise zwischen FrankreichundDeutschland! Denn die Exponenten der beiden großen Rich­tungen, die in der Zentralfrage, des Völker­bundes miteinander ringen, sind nun einmal Deutschland und Frankreich. Uns war kein Zwei­fel, dah nach den Wahlen nicht eine Entspannung beä Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich einsehen würde, sondern eine kri­tische Verschärfung. Diese ist durch den Lauf der Dinge in Genf nur noch markanter geworden.

Wir sagen das ohne rechthaberische Freude: aber wir sehen die Lage wie sie ist. Der Sommer und Herbst wird von erheblichen Spannungen erfüllt sein, und Deutschland wird von den anderen Mächten in Europa Italien und namentlich England auf keine Unter­stützung zu rechnen haben. Um so weniger zweckmäßig ist es vom politischen Standpunkt aus, dah Deutschland seine Wahlen in der Weise festgesetzt hat, wie es geschehen ist. Denn, wenn wir erst am 20. Mai wählen, so werden wir, wenn der Völkerbundsrat Im Juni zusam­mentritt, unzweifelhaft noch keine aktionsfähige Regierung haben. Jedenfalls aber soll man überall bei uns bedenken, dah eine neue Lage heraufzieht und was wir in dieser Krisis zu tun haben!

Ein neuer Sport.

Sein Geburtsland ist selbstverständlich Amerika, und einige der bekanntesten Männer der Wall­street finb seine Propheten. Die Welt hat sich, so ungefähr mögen sie überlegt haben, am Boxen, Fußball, Pferdesport, Leichtathletik, Tennis, Polo, Kriaet, Hockey usw. längst satt gesehen. Viele dieser Sportarten sind durch eine Unzahl neuer Regeln und Bestimmungen derart kompliziert worden, daß auch der Geist bei ihrer Betätigung dominierend mitwirken muh, was doch dem Hauptziele jeden Sports, der Erholung des Kör­pers, großen Abbruch tut. Weiterhin gehört zu den meisten Sportübungen eine individuelle Eig­nung, über die nicht der erste beste verfügt; der Sport ist das Reservatgebiet eines Bruch- teils der Devöllerung geworden, und gerade diejenigen, die dank ihrer finanziellen Mittel sich eines gewissen Wohllebens erfreuen können, finden Sport und Gymnastik physisch allzu an- strengend. Wir müssen daher zu den einfachen und primitiven Spielen unserer Kindheit zu­rückkehren, die weder an Geist noch an Körper allzu hohe Ansprüche stellen.

Dach diesen einleuchtenden Ueberlegungen hat dann einer der Dollarfürsten, der bekannte Milliardär und amerikanische Strumpfband-König Herkules S. Qua bb le , denFirst American Marble-Club, auf gut deutsch denErsten ame­rikanischen Murmelspiel-Klub" ins Leben ge­rufen: seine Aufrufe in den größten Deuyorker Zeitungen haben einen ungeahnten Widerhall gefunden, und es gibt wohl keinen der auch in Europa wohlbekannten Führer bet amerikani­schen Plutokratie, ber sich an bet Grünbung dieses Klubs nicht mit einer vierstelligen Dollar» einlage beteiligt hätte. Man hat bas Vet- waltungsgebäube einet ehemaligen Sherry- Dtanby-Fabrik in ein Klubhaus umgetoanbelt, auch eine Klubfahne grüßt schon vom First bes Gebäudes, das nationale Sternenbanner, in dem jedoch die Sterne durch ebensoviel Murmelsteine ersetzt worden sind, und seit einigen Wochen kann man auf dem angrenzenden Sportplatz alles, was in Deuhotk einen Damen hat. an ber Erde

Gießener Gtavttheaier.

Leo Fall:Madame Pompadour".

Endlich einmal wieder noch den zahlreichen, mehr ober minder guten alten Bekannten dieser Wintersvielzeit: eine moderne Operette. Em klei­nes galantes Abenteuerchen ber großen und mäch­tigen Freundin Ludwigs des Fünfzehnten ...in gjhifif gefetzt, mit Gesang und Tanz. Drei Akte, einen Abend füllend. ,

Man geht am Ende mit ziemlich gemischten Gefüh­len beim, nach einem ungewöhnlich schwachen und pototenlofen Schlußakt. Das Ganze ist fel)r ungletd) in Libretto und Partitur, Licht und Schatten, hübsche, zündende Einfälle neben witzlosen und ab-

-nze- urtffie l H ch haben im ersten Akt einen vielversprechenden An­lauf genommen: es läßt sich mcht ubel an; der gjtittekrft bringt den trotz primitivster Technik wirk- (am derau-gearbeiteten Höhepunkt, musikalisch und handlungsmäßig die Krönung des Ganzen, das -u- tetzt mühsam mer matten und kaum überzeug^ den Lösung zugesteuert wird. Schade Man hatte von ber reichen ^rajis ber I^abrifant«! em bischen mehr erwartet. Ader sie haben ihr Pulver tn den beiden ersten Aufzügen mit emer beklagens­werten Restlosigkeit verschchsen.

Es handelt sich, in aller Kurze um folgenss. Die Pompadour erscheint, Harun al Raschid tm Reifrock, mti ihrer Zofe höchst unverhofft in einer gewohn- Schen" Schenke von Paris, ein Abenteuer zu er» (eben- verhaftet den Jacobinerpoeten Ealicot, der Spottlieber auf sie singt, und schmuggelt sich den reichen Herrn Renö, ber seiner Frau entlief, sich in Paris zu vergnügen, als ihren Liebhaber m ihre ßt^>Ü^lten Akt werden Rene und Ealicot oer- toedjMi; das mag cmgehen. Aber daß Renös frrau hrlfeftchend bei der Marquise erscheint, ihren Gat­ten wieder haben will, sich als die Schwester der Pompadour entpuppt und chr die Augen darüber Sffnet, wer eigentlich der Liebhaber .st . - da- mag nur eine Dramaturgie, d.e selbst für Operetten Verhältnisse eine ziemlich starke Zumutung barftelü. Richtsdestominder ist der Erfolg groß. Zumal Lud­wig in Person erscheint und die peinlichsten lleber- raschungen bei feiner Freundin erlebt

hocken und mit inbrüniiiger Hingabe mit kleinen Murmelsteinen spielen sehen. So hat erst an einem ber letzten Tage der in den Vereinigten Staaten zu Gast weilende berühmte deutsche Schriftsteller Emil Ludwig, der Biograph Goethes, Bismarcks und Dapoleons, Henry Ford in einem kurzen Watch 27 Murmeln abgewonnen, was in den Presseberichten als erstrangiges Sportereignis gebührend hervorgehoben wurde.

Täuscht uns nicht alles, so wird dieses neue Sportspiel wie alles andere, was aus dem geseg­neten Amerika kommt, sehr bald einen Sieges­zug um die ganze Welt antreten. (Matth. 18, Vers 3.) _________

Ein Nekordflng von Kibihen.

Aus Deufundland wird von einem beispiel­losen Flug einer großen Anzahl von Kibihen über den Atlantischen Ozean berichtet. Während man sonst den Kibitz hauptsächlich als Einzel- flieger findet, handelt es sich hier um eine Massenwanderung, und zwar haben die Vögel, wie die Beringung erweist, von England bis Deufundland die Strecke von 1730 engt Meilen, also fast 2800 Kilometer, zurückgelegt. Sie müssen ohne Aufenthalt und Dahrung etwa 20 Stunden geflogen sein. Die Schnelligkeit des Kibihfluges eträgt etwa 40 eng. Meilen in der Stunde, kann sich aber bei starkem Wind auf 70 Meilen und mehr steigern.

DasThespis-Schiff".

Der Thespis-Karren steht am Anfang der Geschichte des Theaters, und seitdem sind die Komödianten oft auf Wagen durch die Lande gezogen. Aber das »Thespis-Schiff" ist eine Deu- peit in der Theatergeschichte, und seine Erfindung war dem Deuyorker Theaterdirektor Iames Adams Vorbehalten. Er besitzt ein schwimmendes Theater, em großes Schiff, in dem sich ein riesiger Theatersaal befindet, sowie Garderoben und aller Zubehör. Mtt diesem Theaterschiff fährt er an den Küsten von Dirginien und Dord- Karolina entlang, dampft die großen Flüsse hinauf und legt an den Städten an. Die Bürger, die sich den seltenen Theatergenuh verschaffen wollen, kommen dann an Bord und wohnen hier den Vorstellungen bet

Seeabrüstungskonferenz am gleichen Ort im vorigen Jahr, ilnb deshalb spielte England baß bedarf keiner befonberen Erklärung mehr

Seit der ersten Erwähnung durch Schacht hat der Gedanke, Kolonien auf rein wirtschaftlicher Basis zu gründen, immer weitere Verbreitung gefunben. Augenblicklich findet man dieses System der Charteredgesellschaften nur im portu­giesischen Afrlla, wo der Derfasier kürzlich Gelegenheit hatte, die Vor- und Dachleile aus eigener Anschauung lernten zu lernen. Sie stehen hier unter dem Schutze der Com- pcmhia de Mozambique, Senhor!" Mit diesen Worten wird man von der Hafenpolizei tn Beira empfangen, die den Pah zwar genau prüft, das portugiesische Visum aber keines Blickes würdigt. Tausendfach wird dieser erste Eindruck betätigt. Alles, was mit der Verwal­tung zusammenhängt, liegt in den Händen der wirtschaftlichen Vereinigungen der Chartered­gesellschaften. Portugal selbst beschränkt sich dar­auf, Soldaten und Offiziere zu stellen und seine Gefängnisse zu verwalten (auch die alte Burg Mozambique ist zum Gefängnis für deportierte Portugiesen umgewandelt). Der Staat überträgt jedes finanzielle Risiko den Charteredgesellschaf­ten und schützt seinen Haushatt vor Belastungen. Daß eine kaufmännische privilegierte Gesell­schaft mit schwachem staatlichen Hintergrund eine Kolonie lenkt, ist im Grunde nichts Deues. Eine solche Gesellschaft wenngleich in viel kleinerem

Der Schlußakt bringt musikalisch so gut wie nichts mehr, ist im Dialog schwach, mehr schlecht als recht und stellt mit bemerkenswerter Biederkeit die Ord­nung wieder her. Das Abenteuer der großen Pom­padour ist aus, ehe es mit der in ihrem Sinne ein­zig möglichen Pointe zum Abenteuer wurde. Renö wird seiner Gemahlin wiedergegeben, Ealicot, vom Tode errettet, bekommt die Zofe, Madame verzichtet, und Ludwig, der ein fürchterlicher Trottel ist, gibt feinen Segen dazu.

Die Musik von Fall ist weder revolutionär, noch überraschend, noch originell; aber sie ist weich insttu- mentiert, ansprechend, operettenmäßig wirksam und hat ein paar zur Popularität geschaffene, effektvolle Lieder. Im ersten Akt das Pompadour-Chanson und Madames ausgelassene Verheißung^Heut könnt einer sein Glück bei mir machen ..im zweiten Akt ein galantes Terzett und eine reizende, witzig vertonte Tanzparodie mit Tutanchamonmoliven: Josef, ach Josef ..singt die Pompadour als Potiphar, und es ist sehr lustig. Im dritten Akt nichts.

Die musikalische Wiedergabe (am Pult: Kapell- meister Reff) war frisch, sauber, voll Schwung und gutem Tempo; Beckers Regie: korrekt, aber ohne die fühlbaren Schwächen verdecken zu können, am wirksamsten im Mittelakt; hier auch ein hübsches Bühnenbild: aparter Rokokoraum in zarten Pastell- tönen. (Das Arbeitszimmer des Königs, zuletzt, war farbig recht unruhig.) Dekorationen: Karl Löffler.

In der Rolle der Pompadour erschien Meta L i e- b ermann (Freiburg i. Br., als Gast); eine sehr glückliche Besetzung; wirklich diegroße Dame , als die sie im Eingangslied angekündigt wird, pikant, elegant, leichtsinnig und dennoch überlegen, eine Courtisane von Format, mit geschmackvollen dar­stellerischen Mitteln und bestechendem gesanglichen Einsatz. - Mar Patschky (a. G.) bemühte sich mit weiser Zurückhaltung um die wahrhaftig nicht beneidenswert ausgestattete Partte des Königs Steinbrecher gab den Renä mit erfreulichem Temperament, vermochte aber gesanglich den An­forderungen der Partte nicht überall zu genügen. Don den übrigen: Hechinger (als Bänkelsänger und keuscher Josef), Käthe Itter (Kammerkätzchen), Phily Marfa (die betrogene Madeleine) und C Hirsch (der Polizeiminister von grotesker Un- fähigkett).

überbrückt. Die ausgedehnten Beziehungen, die Portugiesisch-Ost mit Rhodesien, Transvaal und Datal unterhält, wären ohne die rein wirtschaft­liche Orientierung der Charteredgesellschaften un­möglich. ,

Außer Frage stehen ihre tatsächlichen Ersolge, solange es sich um die innere Verwaltung der Kolonie handelt. Mehr als andere müssen sich die portugiesischen Besitzungen gegen Eng­land behaupten, und wenn es sich um Wahrung außenpolitischer Interessen handelt, versagt das System vollständig. Weniger bei Qlngola, das die Rolle eines Pufferstaates zwischen dem fran­zösischen und dem englischen Afrika spielt, und dem das politisch farblose Kleid sehr gut steht. Um so größer aber ist die Bedeutung von Por­tugiesisch-Ost. Beira ist die Psorte für Rhodesien und Lorenzo Marques der Hafen für Iohannisburg für alle von Dorden kommenden Schiffe. Man dachte erst daran, einen eigenen Hafen nördlich von Durban zu bauen, um daS portugiesische Gebiet zu umgehen. Aber es scheint, daß man jetzt auf diesen Plan verzichten will. Für England konnte eine Grenze wie die portu­giesische kein Hindernis bedeuten, und so baut man einfach Lorenzo Marques für die eng­lischen Interessen entsprechend aus. Ohne die Charteredgesellschaften wäre das nicht mög­lich gewesen. England vackt sie an der richtigen Stelle und beteiligt sich mit seinem Kapital an den portugiesischen Unternehmungen in einer Höhe, die es ohnehin für Zölle ausgeben müßte. Dadurch sichert es sich außer Zollfreiheit eine Stimme, durch die es seinen Durchgangsverkehr wirksam unterstützen kann.

Das also ist das Ergebnis der Chartered- Gesellschasten! Sie erschließen ihre Kolonie einem Austausch mit den anschließenden Ländern auf Kosten ihrer eigenen Existenz. Man glaubt, mit England glänzende Geschäfte zu machen, die Gewinne steigen aber das ganze Land wird allmählich englisch. Ohne es zu merken, leben vielleicht heute schon die Gesell­schaften von der Substanz, nämlich von dem Verkauf ihres eigenen Landes.

Das gleiche Schicksal würde Deutschland treffen. Eine Produktion wäre nur möglich unter Aufwendung nennenswerter Kapitalien, die zu einem großen Teil aus dem Ausland stammen und von vornherein die Selbständigkeit unter­binden mühten. Weiterhin würden wir nicht nur erzeugen, sondern auch Kulturland schaffen und das in Ländern, in denen kein unmittel­barer Schutz für fremdes Privateigentum besteht. Und endlich: die Summe von ausgeführter Ar­beitskraft, UnternefjmungSgeift und Kapital wird von fremden Kolonien als Kultur­dünger aufgesogen, wahrend die po­litische Selbständigkeit in nur allzu kurzer Zeit verloren geht. Denken wir an die Ungardeutschen, die Brasilianischen, die Wolgadeutschen, und den­ken wir an die Deutschen in Südwestafrika, die vor kurzem ungefragt die deutsche Rationalität mit der britischen vertauschen muhten. Sie alle bestätigen die traurige Erfahrung der letzten zweihundert Jahre, dah die ins Ausland abge­leiteten Teile unseres Volkes erst als politische, dann als Kultureinheit für immer verloren gehen. Regierungsrat Orth sagte in einer seiner -Reden:Es darf niemals der Endzweck unserer Produktions- wie Bevölkerungspolitik sein, Roh­stoffe zu schaffen, die wir nicht selber verar­beiten oder frei verwerten, und Menschen aus­zuführen, ohne sie völkerrechtlich mit dem Mutter­land dauernd geeint zu wissen."

Das Prinzip der Chartered-Gesellschaften wird also niemals als nationale Ausdchnungsmöglich- teit, sondern höchstens als Unternehmen privaten Kapitals in Frage kommen. Die politische Selbständigkeit liehe sich vielleicht er­halten, wenn ganz Afrika in der Hand von wirtschaftlichen Unternehmer wäre. Reben einer fremden Politik wird sie aber nicht bestehen können, vor allem nicht vor dem strafen kolo­nialen Prinzip des britischen Weltreiches.

Oie Genfer Krisis.

Antzenpolitifche Umschau.

Don Or. Otto Hoehsch, o. Pros, der Geschichte an der Universität Berlin, M. b. "5V

Die vorbereitende Abrüstungskonfe­renz in Genf ist mit einem vollen Fiasko ausgegangen. Mit einem Fiasko für den Völker­bund und die Abrüstungsarbeit und mit einer Diederlage für Deutschland. Im Völ­kerbund ist es im allgemeinen nicht üblich, wich­tige BundsSmttglieder zu überstimmen, zu ma­jorisieren. Diesmal ist Deutschlands überstimmt worden, und nicht in einer gleichgültigen An­gelegenheit, sondern in einer entscheidenden Frage, vielleicht der entscheidenden Frage des Döl^rbundes. Sowohl die russischen wie die deuftchen Vorschläge wurden abgelehnt. Ab­gelehnt in erster Linie der deutsche Antrag, mm endlich das Datum für die Abrüstungskonferenz zu bestimmen und diese möglichst bald abzusetzen. Doch niemals ist, trotz der schon ziemlich zahl­reichen Enttäuschungen im Völkerbunde Deutsch­land so mit einer glatten Diederlage nach Hause gegangen! Das ist nicht die Schuld der deutschen Vertretung, insbesondere des Grafen Dernstorff. Wir sind im Gegenteil mit dessen Haltung durchaus einverstanden! Er hat auch ganz richtig und scharf die so ent­standene Lage in seiner Schluherllärung charak­terisiert und sie auf die Ankündigung zugespiht, daß Deutschland mm an die Dundesversammlung im September Berufung einlege. Somit ist der anderen Seite ganz schgrs vorgehalten wor­den, dah der Völkerbund selbst sich mit dieser Komödie zum Gespött mache, und dah die andere Seite absichtlich diese Hauptfrage ber- s Menügeführt wurde die Diederlage zunächst natürlich durch den entscheidenden Widerstand Frankreichs. Dessen Vertreter ist diesmal so wett gegangen, dah er Deutschlands Anspruch auf die Abrüstungspflicht der anderen Mächte glatt verneinte. Damit zog Frankreich über­haupt der Abrüstungsarbeit des Völkerbundes den Boden unter den Füßen weg. Wird dieser Ausgangspunkt, was bisher niemals geschah, bestritten, so hat die ganze Arbeit noch weniger Zweck und Sinn. Dann entsteht überhaupt eine neue Lage. Mit Frankreich natürlich gingen feine getreuen Anhänger, der Grieche und der TschecA und wie der gairze Kreis heißt. Auch der Vorsitzende, bekanntlich der Gesandte Hol­lands in Paris, hat sich diesmal wie immer als ein getreuer Gefolgsmann Frankreichs erwiesen, besonders durch seine durchaus parteiliche Hal­tung gegenüber den Russen, die sich ja das auch mit einem Schreiben an den Generalsekretär mit Recht sehr entschieden verbeten haben. Dann kam hinzu, dah R o r d a m e r i k a sich so schroff gegen Ruhland stellte. Wesentlicher aber als dieS ist der Umstand, dah die Diederlage Deutschland« nur möglich wurde durch das Zusammen­spiel von Frankreich und England.

England hat mit großer Schärfe und Regation die russischen Vorschläge bekämpft und sich auch gegen den deutschen Standpunkt gewendet. Es hat Frankreich derart sekundiert, daß Frankreichs Vertreter so auf treten konnte, wie er das tat. Woher kommt das? Jetzt machen sich die Wir­kungen der Spannung zwischen den beiden angel­sächsischen Weltmächten bemerkbar, die durch das Scheitern der Genfer Seeabrüstungskon- f e r e n z im vorigen Sommer einverstanden ist. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß diese Spannung sich weithin auswirten wurde. Jetzt merkt man es! Wenn die Frage der See- abrÜstüng und ihrer Beschränkung nicht vorwärts kommt, so wirkt das auch auf die Genfer Er­örterungen, wenn sie sich auch in der Hauptsache auf die Landabrüstung richten. Deim. gehen die stärksten Faktoren der Weltpvlitik in der Ab- rüftungsfrage nicht voran, so hm das selbst­verständlich auch nicht die zweitstarksten Darum hat die Gegnerschaft Frankreichs hier Unter­stützung darin gefunden, daß die drei groben Flottenmächte im Sommer letzten wahres rn Genf nicht übereingekommen sind. Das Fiasko jetzt in Genf ist eine Folge des Scheiterns der

Ein hübscher Erfolg vor vollem Hause.

Dr. Th.