Nr. 77 Drittes Blatt
GietzensrAnzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Freitag, 30. März 1928
Turnen, Sport und Spiel
m. w.
1</vL iviiiiirciurc wviui'Lu.3 wvw v. Fortsetzung der Spiele bringen, empfängt die Northeimer au!
Nachdruck verboten.
27. Fortsetzung.
tage er
Langsam wanderte Maria Dremm von der Eisenbahnstation ihrem Dorfe zu. Ihr Gesicht war betraut, die ganze Fahrt über hatte sie still gemeint. Nun würde sie sich aber besser zusammennehmen müssen. Noch sah sie Porten nicht, das lag in dem sichelförmigen Halbrund, das die Mosel hier macht, aber den Warmenberg sah sie schon, der jacjte am anderen Ende des Bogens; es sah aus,
eine ebenbürtige Partie mit dem Halbzeitstande von 1:1 und 10 Minuten vor Schluß noch 2:2, erst dann kam Kassel zu den drei entscheidenden Toren und gewann mit 5:2. Im Rückspiel wird Wetzlar mit kompletter Elf den Spieß bestimmt umdrehen. Kassel ist in seiner Leistung zurückgegangen und zu schlagen.
Am 1. April soll Kurh. Kassel gegen Preußen Essen in Essen spielen; er wird wohl auch hier wieder um eine Niederlage nicht herumkommen. Das Spiel geht um die westdeutsche Meisterschaft. V. f. L. Wetzlar trifft auf den 25. f. 03. Friedberg, der letzen den Kreismeister Gießen 1 900 mit 4:3 Toren
schlagen konnte.
V. f. B.-Hairdbatt.
Bse gowenm Berge.
Vornan von Ciara Viebig.
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart.
Oie Zusahrente für Kriegsbeschädigte und Kriegerhinterbliebene.
Die Kriegerkameradschaft Hassia. Darmstadt, teilt mit: Die Zahlung eines Teiles der Rente für Schwerkriegsbeschädigte und Krirgerhinter^ bliebene erfolgt in Form einer Zusahrente durch die Fürsorgestellen und ist von der 'BcDürftiglcit des Empfängers abhängig. Der Reichsarbeits- minister hat nur nehr eine neue Zusammenstellung der Bestimm. ngen über die Zusatzrente herausgegeben. Abgesehen davon, daß renten- berechttgte Witwen mit einer Witwenrente von 60 v. H. Anspruch auf die durch die 5. Novelle zum Reichsversorgungsgesetz eingeführte erhöhte Zusahrente von 450 Mk. haben, wenn sie lediglich auf die Rente angewiesen sind und keine versorgungsberechtigien Waisen haben, sind wesentliche Aenderungm in den Grundsätzen für die Bewilligung der Zusatzrente nicht zu ver- zeichnen. Bei Witwen und Waisen von P'slege- geldempfängern, die auf Grund der 4. und 5. Novelle zum Reichsoersorgungsgesetz, dre bis zum vollen Betrage der Witwen- und Waisenrente erhöhte Beihilfe erhalten, kann gegebenenfalls auch die Zusatzrente bis zu dem vollen für die Witwen und Waisen vorgesehenen Beträge
Der B.f.B. Kurhessen Marburg hat sich bis jetzt mit drei Spielen, die er sämtlich gewonnen hat, an die Spitze gesetzt. Allerdings gewann er vorigen Sonntag gegen die HerS- selber Hessen nur sehr knapp 1:0 auf eigenem Gelände. Eine Lleberraschung brachte das Zusammentreffen des Zweiten. B.D. 0 6 K a ssel, mit S P. u. S p. N o r t h e i m, das die Nvrthermer mit 3:6 Toren für sich entschieden und formt auch wieder Anwartschaft auf den zweiten Platz und damit auf Aufstieg haben.
Der kommende Sonntag wird eine entscheidende ' '■ Marburg
mont winkte ihr von jenseits des Tisches — „weiter doch, weiter!" ...
Der junge Ehemann hatte höflich „Danke gesagt. „Danke sehr" und nichts weiter. Für einen Augenblick hatte Maria seine Nähe verspürt, da regte sich eine Empfindung in ihr. Nicht die frühere mehr, aber eine, die an Leidenschaft jener ersten nichts nachkam; glühend wallte es ihr zum Herzen, glühend stieg es ihr zu Kopf, und doch färbten sich ihre Wangen nicht rot, sondern würben nur noch blaßgelber, sie zitterte im Innersten vor Schorn über sich, Zorn Über ihn. Das hätte auch er nicht tun dürfen, nein, nie! Und nun saß er hier und war stolz und glücklich, und sic —? Sie mußte nach Hause gehen und sich verkriechen im Winkel. Es drehte sich ihr das Herz um, fast besinnungslos ging sie nun weiter mit ihrer Schüssel; von Stuhl zu Stuhl, von Gast zu Gast. — _
Gott sei Dank, die Tafel war letzt vorüber. Es war noch sommerlich warm, alle gingen hinaus in den Garten. Gott sei Dank, Gott sei Dank, sie konnte jekt auf ihr Zimmer flüchten. Nur ein paar Augenblicke für sich |ein! Niemand sah sie, jetzt durfte sie weinen. Und die Faust in den Mund gesteckt, daß sie nicht allzu laut schrie, warf sie sich winselnd über ihr Bett.
Was sollte nun werden? Uebermorgen ging sie hier fort — nach Hause ging sie — aber wie — ?! Und die zu Haus freuten sich noch! Anne Eltern! Sie ahnten nichts. Sie durften auch nie etwas ahnen. Das überlebte der Dater nicht: feine Tochter, feine Maria?! Auf die war er stolz. Und jetzt — jetzt —?! Sie jammerte auf wie ein zu Tod verwundetes Tter.
Finstere Gedanken kamen ihr in halber Betäubung, ©ebanfcn, die finsterer waren als der Herbstabend, der jetzt niedersank. Sterben, sterben! Wer doch so rasch sterben könnte wie eine Mücke, wie eine Fliege — ein Druck mit dem Finger bloß, und die ist weg. _ ., ,
Maria wußte nicht, wie lange sie schon so gelegen hatte, die Verzweiflung, die sic überfallen, war starker als ihre Willenlraft und ihr Pflichtgefühl. Sie konnte nicht anders, sie konnte nur liegen und denken: sterben, sterben, und meinen, den Kopf tief ins Kissen gesteckt.
Etwas beugte sich über sie, eine Hand fühlte nach ihr. Aufs höchste erschrocken, fuhr sie aus dem Kiffen.
Bleiben Sie liegen, bleiben Sie nur ganz ruhig liegen", flüsterte es. „Ich hab alles besorgt. Et ver-
ten und schwimmen, fanden zuerst im Mitteltrhein- freis kräftige Pflege. Seit 1881 gibt es dort regelmäßige Fechtwetttampfe, und vom Jahre 1880 an waren bei allen deutschen Turnfesten Mittelrheiner die ersten Sieger. Prof. G. Bender (Frankfurt) hat das Schwimmen und die Förderung geistiger Jugendpflege über seinen Gau hinaus in den Kreis und dann in die Deutsche Turnerschaft getragen. Andreas Dolze, der richtige Kreisturnwart und Meister des Keulenschwingens, hat 1913 den ersten großen Staffellauf zur Einweihung des Völker- jchlachi Denkmals in Leipzig erdacht und durchge- sührt. In den Fachverbänden haben Schmuck (Darmstadt) als Vorsitzender des „Technischen Aus- schusses der D. T.", Bär (Frankfurt) beim Spielen, Stoßen (Hanau) beim Fechten und Braun (Frankfurt) beim Schwimmen wacker mitgearbeitet. Schill (Osthofen) hat das heute so verantwortungsvolle Amt des Kassierers innerhalb der D. T.
Wenn der Kreis aber einen ganz besonderen Stolz haben darf, dann ist es der auf die große Zahl hervorragender Führer, die in feinem Kreisgebiet geboren find und feiner in beispielloser Treue bewährten Mitarbeiter, wie Fel- fing, Ravenstein, Marx, Maul, Spieß.
Das schöne Gebiet des Kreises hat jederzeit aber auch ein fröhliches Volk auf die Beine gebracht. Der Frohsinn ist immer bei den Mitielrheinern zu Hause gewesen. Und so möge es auch in Zukunft bleiben!
Westdeutsche Kußball-Meisterschast.
Mit zwei Siegen kehrten die Vertreter des Bezirkes Hessen-Hannover am vergangenen Sonntag nach Kassel zurück. Besonders der S. C. 0 3 lieferte ein überraschendes Spiel gegen den D. f. R. Köln und qualifizierte sich damit für die Zwischenrunde der Zweitenvertreter ,m W. S. V. Sein Zwischenrundengegner ist der Altmeister. DuisburgerSPv.03 steht damit vor der bisher größten Aufgabe seines Wirkens. Hoffentlich gelingt ihm. der gerade jetzt sein 25jähriges Bestehen feiert, der große Wurf. Die K u r h e f f e n erledigten erwartungsgemäß den Südwestfalenmeister Hagen 72. Sie sind am kommenden So.mtag svie'frei. Ihr nächster Gegner ist Schalke 04. .
Der kommende Sonntag bringt nur zwei Begegnungen, die allerdings ungleich gepaart furo: die führenden Krefelder treffen auf Borussia Rheine und Köln-Sülz auf Hagen. Die erstgenannten sollten sichere Sieger sein. m. w.
Am den Aufstieg m Hessen-Hannover.
tlll1,iU11#4 ________y .... . . auf eigenem Platz
und wird mit seiner bisherigen Spielweise mühelos gewinnen. Schwerer wird das Spiel in Hersfeld zwischen den dortigen Hessen und dem 0 6 Kassel entschieden werden. Hersseld ist auf eigenem Platz eine schwer zu schlagende Mannschast. Der Ka.npf um den zweiten Platz ist also noch lange nicht entschieden, während Qliarburg als sicherer Aufstiegskandidat nach wie vor gilt und seiner ganzen Spielweise nach hierfür auch reif ist. m-to-
Handball in Hessen Hannover(W.S.D )
Durch ihren Erfolg am vergangenen Sonntag ermutigt, haben sich die Handballer für morgen, Samstag, schon einen bedeutend stärkeren Gegner ausgesucht. Es ist die erste Handballelf des Turnvereins von Großen- B u s e ck. Wenn es den V. f. D.-Handballern gelingen sollte, gegen den bedeutend routinicrlc» ren Gegner auch nur ein einigermaßen günstiges Resultat herauszuholen, so dürfte sie das als einen außerordentlichen Erfolg buchen.
Süddeutsche Fußballmeisterschaft.
In der Runde der Meister haben die Münchener Bayern noch vier schwere Spiele auszutragen, die ihnen möglicherweise Punktverluste Bringen. Den leichtesten Kampf hiervon haben sie am kommenden Sonntag auf eigenem Platze gegen Sp. V. Waldhof Mannheim zu bestehen. Diesmal sollte es ihnen noch verhältnismäßig leicht fallen, ihre Spitzenstellung zu behaupten und den Sieg des Vorspieles zu wiederholen. Die Frage nach dem Tabellenzweiten ist zur Zeit überhaupt nicht zu beantworten. Man darf wohl sagen, daß nur noch Eintracht Frankfurt und Sp. Vgg. Fürth in Betracht kommen. Wer von beiden, wird möglicherweise am nächsten Sonntag im Frankfurter Stadion entschieden. Hält man sich an das Ergebnis des Vorspiels, so darf man mit einem erneuten Erfolge der Frankfurter auf heimischem Boden rechnen. Eine Voraussage läßt sich bei der Gleichwertigkeit der Parteien nicht geben. Auch zwischen Worma- tia Worms und dem K. F. V. K a r l s r u h e stehen die Aussichten ziemlich gleich. Der K. F. V hat wohl die gleichmäßigere und tüchtigere Mannschaft, Wvrmatia aber den Vorteil des eigenen Platzes. Die Stuttgarter Kickers haben in dem F. V. Saarbrücken einen Gegner, der zu schlagen ist, sofern eine gewisse Vorsicht nicht außer Acht gelassen ist. ,
3n den beiden Abteilungen der R u n 0 e der Zweiten und Dritten sind alle Beteiligten auf dem Plane. Die Gruppe Nord- west stellt ihren Tabellenersten, den F.Sp. D Frankfurt, vor eine leichte Aufgabe. Er wird mindestens in gleicher Höhe wie im Vorspiel (4:2) den F. C. S a a r 05 S a a r b r ü ck e n schlagen. In ebenso sicherer Weise sollte die F. G. Ludwigshafen mit Borussia Neunkirchen fertig werden. Bei der ersten Begegnung lautete die Doruffia-Niederlage zwar nur 1:2, die Ludwigshafener haben sich jedoch inzwischen beträchtlich verbessert, so daß für sie nichts zu fürchten ist. Der S. S. Rot-Weiß Frankfurt geht einen aussichtslosen Gang zum V f. L. Neckarau. Die beiden Vertre- ter der hessischen Gruppe, V. f. L. Neu - Is en- bur g und F. Sp. V. 05 Mainz treffen sich vor dem Eintrachtspiele im Frankfurter Sta- dion. In Mainz trennten sich beide Parteien schon einmal 2:2, und in der Tabelle sind sie nur durch einen Punkt getrennt. — Die Gruppe Südost läßt den 1. F. C. Nürnberg gegen den V. f. B. Stuttgart antreten. Man kann sich nicht entschließen, den l.F. C. gänzlich fallen zu lassen, obwohl er es fast verdient hat. Man erwartet immer noch, daß er feine alte Form wieder findet. In dieser wird er den
Endlich kam am vergangenen Sonntag in Kassel das langerwartete Zusammentreffen zwischen dem besten Lahnkreisverein, D. f. L. Wetzlar, und dem Bezirksmeister Kurh. Pol. Kassel zustande. Die Wetzlarer Els war durch zahlreichen Ersah stark im Nachteil, lieferte aber dennoch
D. f. D. schlagen. Der Karlsruher Phö- n i x wird gegen den V. s. R. Fürth selbst dann nicht gewinnen können- wenn et wieder seine erste Mannschaft stellen sollte. Union Bückingen wird Wacker München trotz energischen Widerstandes die Punkte überlassen müssen. S. C. Freiburg gegen Sp. D. 1860 München bleibt ein offenes Tressen.
B. f. D.
Trotz ihres schlechten Abschneidens in den letzten Spielen Hal die L i g a m a n n s ch a f t sich zu einem Gesellschaftsspiel gegen die „Borussia" Fulda am kommenden Sonntag auf deren Platz uex- pflichtet. Die „Borussen" haben in der verflossenen Verbandsspielserie eine ganz hervorragende Rolle gespielt. Die V. s.B.-Els tritt diesmal in stärkster Aufstellung an, dürfte aber trotzdem um eine Nie- Berlage kaum herumkommen. da die Fuldaer, die längere Zeit unter einem tüchtigen Trainer standen, zweifellos der V. f. B.-Elf in punkto Technik und Spielerfahrung einiges voraus haben.
Am kommenden Sonntag folgen die „Alten Herr c n" einer Einladung des Postsportver- e ins Frankfurt a.M., um mit dessen Alten- Herren-Mannschast in einem Freundschaftsspiel die Kräfte zu messen. Ob es ihnen gelingen wird, ihr erstes Treffen erfolgreich zu gestalten, erscheint zu- mindest fraglich, da die Elf sich nachher langen Winterpause erst wieder einspielen muß.
Die 1. Jugendmann schäft fährt noch F r a n k f u r t a. M., um gegen die gleiche des dortigen Namensvetters das fällige Gefellschaftsrück- spiel'auszutragen. Diese Reife ist der Mannschaft von der Leitung für die errungene Meisterschaft als Anerkennung bewilligt worden.
Arbeiter-Turn- unb Sportbund.
Der dritte Sonntag der Frühjahrsrunde bringt Gießen Ib mit Wetzlar I in Wetzlar zu- jammen. Hier dürfte den Platzbefitzern ein Plus zu gesprochen werden.
Lollar 1 fährt nach Marburg. Wenn Marburg kein besseres Spiel als am vorigen Sonntag zeigt, dürften Sieg und Punkte den Gästen zufallen.
In der zweiten Klasse treffen sich Wetzlar II gegen Leun II in Wetzlar. Der Ausgang ist ungewiß. , „ . - v
Rodheim I spielt gegen Gießen II in R o d - heim. Hier werden die Einheimischen Sieger bleiben.
Wieseck II tritt gegen Kinzenbach I an. Der Ausgang dieses Treffens muß offengelassen werden.
Hachborn hat Oppenrod zu Gast. Auch hier werden die Gäste Sieg und Punkte mit nach Hause nehmen.
In der Jugendklasse treffen sich: Leun gegen Wieseck in Leun, Groß-Seelheim gegen Alten-Buseck in Groß-Seelheim, Wetzlar gegen Gießen in Wetzla r.
jenseits des Flusses.
Wenn ihr nur niemand begegnete! Niemand, dem sie Rede und 2Introort ft eben mußte. Das könnte sie nicht. Noch zittette der Abschied heftig in ihr; es war ihr schwer geworden, zu scheiden. Selbst die Lena war traurig" gem/,.t, und Herr Dousemont hatte ihr die Hand auf die Schulter gelegt: .Halt dich gesund, Maria! Besuch uns auch bald mal wieder! Ich werd mich immer freuen — et is mir arg leid, bat du geh« muht." Ihr war es auch leid, ach, noch tausendmal mehr leib, als ber es ahnte!
(Fortsetzung folgt.)
Oer Miiielrheinkreis derO.T.
Von Robert Braun, Frankfurt a. M.
Das Turnwesen verschafft« sich in der Main-, Rhein- und Taunusgegend im Verhältnis zu anderen Gegenden Deutschlands ziemlich früh Eingang. Kaum hatte Jahn 1811 den Anstoß zur Pflege der körperlichen Ausbildung und zur Gründung von Turnvereinen gegeben, da kamen schon 1815 in Frankfurt durch Schüler des Gymnasiums auf Iahns persönliche Anregung, 1816 in Hanau, 1817 in Mainz und 1824 in Offenbach freie turnerische Vereinigungen zustande. Im Iahre 1833 die Hanauer Turngemeinde, 1843 der Turnverein Offenbach, 1845 der Turnverein Friedberg, 1846 die Turngemeinde Darmstadt, der Turnverein Gießen, die Turngemeinde Ufingen, sowie die Turnvereine Wiesbaden, Homburg, Idstein, Biebrich. Oberrad und Fechenheim. Don 1848 bis 1852 finden wir in Frankfurt die Turner- gefellfchaft unter der Führung von August Ravenstein. Kleine Turnfeste verbunden mit Wetturnen wurden seitens der Frankfurter, Mainzer und Hanauer Turner 1841 in Frankfurt, 1842 in Mainz und 1843 in Hanau abgehalten. Die Turner dieser drei Städte feierten gemeinschaftlich mit den Sängern der Main-, Rhein- und Taunusgegend am 23. 3uni 1844 das erste Feldbergturnfeft, infolgedessen in den folgenden Jahren viele Turnvereine gegründet wurden. Durch die politische Reaktion wurden diese herrlichen Feste 1849 gestört, von Homberg, Hessen und Nassau verboten und die Turnvereine, als politisch gefährlich, fast ohne Ausnahme aufgelöst. Nach jahrelanger unfreiwilliger Untätigkeit, die nyr durch ein kleines Turnfest 1852 in Frankfurt und durch ein solches 1853 in Darmstadt unterbrochen wurde, sammelten sich die zerstreuten turnerischen Scharen zum erstenmal wieder 1858 in Offenbach. 1859 wurde in Offenbach ein loser m i 11 e l r h e i n i s ch e r Verband, ohne besondere Satzungen, gegründet und am 5. und 6. August 1860 ebenfalls in Offenbach das erste große Mittelrheinische Turnfest im „Schlosser- schen Garten" abgehalten.
Der Mittelrheinkreis besteht demnach seit 1 860. Ter Kreis wurde damals in neun Bezirke eingeteilt. Ieder Bezirk hatte seinen Vorort, eine Maßnahme, die vielleicht heute wieder nachahmenswert erschiene. 1862, beim dritten Mittelrheinischen Turnfest in Gießen, zählte der Kreis 168 Vereine mit 18 362 Mitgliedern. 1862 wurde erstmals ein Kreisbeitrag erhoben, und zwar für je fünfzig Mitglieder ein Gulden. 1863, im Iahre des 3. großen Deutschen Turnfestes in Leipzig, erwählte der Mittelrhcin seinen ersten Kreisvertreter, es war der Turner Moritz Kuhl aus Butzbach, der bis 1868 dieses Amt bekleidete. Im Iahre 1868 wurde eine feste Wetturnordnung geschaffen; das von Ravenstein eingeführte Messen der Turner — Gröhe und Hüfthöhe war für die erreichte Punktzahl damals maßgebend — hörte auf; nur noch die erreichte Leistung wurde gemessen. Im Iahre 1873 zählte der Kreis nur noch 100 Vereine mit 8343 Mtgliedern, er war somit seit 1862 um 68 Vereine und 8019 Mitglieder, also um die Hälfte zurückgegangen. Spater entwickelte sich der Mittelrhein-Turnkrcis immer mächtiger; aus 18 Gauen, die im Iahre 1900 gezählt wurden, sind heute 27 geworden. M i t 1 545 Vereinen, die In 1423 Vereinsorten Wurzel gefaßt haben, überflügelt der Mittelrhein in diesen Zahlen alle Turnkreise der D.T. In der Zahl der Vereinsangehörigen wird er bei 188 667 nur von Sachsen mit 270 779 übertroffen. Welche Bedeutung heute aber ein Mittel- rheinisches Kreisttirnsest hat, das möge die 1927 in Darmstadt erreichte Zahl von 25 000 Turnern und Turnerinnen als Feßbesucher zeigen.
Daß ein so bedeutender Turnkreis aber auch für die Deutsche Turnerschaft besonders segensreich wirkte, möge in folgendem bewiesen werden. Wichtige Zweige des Jahnschen Turnens z. B.!das Fech-
mißt Sie gar niemand." Das war Nettchens Stimme, ihre durch keine schwere Arbeit hart gewordene, ganz weiche Hand. „Tröst dich doch Kind!" Sie strich über Marias glühendes Gesicht.
„Ach, Fräulein Nettchen!" Maria schluchzte von neuem auf. .
„Ich weiß, ich weiß." Die beruhigende Stimme tröstete, die sanfte Hand streichelte weiter. „Et geht vorüber. Und et is doch nit so schlimm!"
„Nit schlimm?" Jäh richtete sich Maria auf. In der Dämmerung der Stube, in die durchs Fenster nur wenig Licht mehr von außen kam, sah Nettchen die schwarzen Augen funkeln; sie blickten wild. Und dann packte sich die Verzweifelte mit beiden Händen ! in die dichte Haarkrone und riß sich die Flechten herunter. Sie schrie: „Wat wird mein Vater sagen, wat meine Mutter?! Leut, die so auf sich halten. Wat werden se im Dorf bei uns sagen? Mit Fingern zeigen. Nä, ich gehn nit heim, ich kann nit nach Haus — o Jesus, Jesus, erbarm du dich meiner — wo soll ich hingehn?!
„Nach Haus", sagte die ruhige Stimme. „Sei du froh, bat du en Zuhaus hast. Wart ab. Et wird noch alles gut. Wenn bat Kinbchen erst ba is, bann freufte dich" — Maria zuckte zufammen — „o doch, dann freufte dich!" Beide Hände kreuzte die kleine Näherin über der Brust und streckte lauschend den Kopf vor, als horche sie schon auf einen leis tickenden Herzschlag. „ .
„Woher — woher wissen Sie — bat? Maria stieß cs heraus, ohne Atem, stockend, stotternd, sie hob beide Hände an den Kopf zu den Schläfen und strich die verwirrten Haare zurück, aus weit aus- gerissenen erschrockenen Augen starrte sie die andere an. „
Nettchen lächelte: „Dat merkt man doch.
, Merkt man — o du mein Heiland — merkt man dat schon?" Es klang wie ein Schrei des Entsetzens.
„Andere noch nit. Sei ruhig. Nur ich!" Und Nettchen, beide Arme um das zitternde Mädchen schlingend, leate ihre kühle Wange an dessen glühende Stirn. Sie sprach gelassen, blieb im selben ruhiaen Tonfall, fast war's ein Flüstern, ohne viel Ton; die Stimme wurde nie laut, und doch war eine Macht in diesem Sprechen, eine Stärke, eine große Kraft. Nettchen sprach so immer weiter — lange. Es war, als hätten sie alles andere vergessen, dächten gar nicht mehr daran, daß sie unten vermißt werden
I könnten.
Maria kam nicht. Nettchen Schmitz kam statt ihrer; die verstand es auch besser, sie snsierte bann auch die junge Frau noch einmal schon und hall ihr in ein festliches Kleid. Das weiße Kleid mit ben Myrten war cs nicht mehr, aber ein seibenes Kleid von lichtem Blau erregte Nettchens Bewunderung: ab, das war ein Kleid wie der Helle Himmel, ein Kleid für eine, die glücklich ist. Wer das Kleid zeigt es ja doch nicht immer an, eine kann traurig |eir. auch im lichtesten Kleid, und eine kann glücklich sein im allerdunkelsten. Nettchen sah lächelnd an sich herunter: sie ging in Schwarz.
Die bucklige Näherin war wie ausgetauscht. Niemand hatte sie früher je so freundlich gesehen. Nicht daß sie voll lauter Heiterkeit gewesen wäre, aber sie hatte etwas still für sich Beglücktes — wie kam bas nur? Wenn Nettchen jetzt in ihrer Stube saß, in ber wie immer die Nähmaschine rasselte, wie immer die Stoffe herumlagen — jetzt waren es nicht mehr die leuchtenden Farben des Sommers, dunklere für den kommenden Winter — war sie einsam wie immer, und doch nicht mehr einsam. Mit einem rounberjam erblühenden Lächeln sah sie nieder in ihren Schoß.
Nettchen Schmitz war fleißiger denn je, sie nahm alles an, was Verdienst brachte, und so war sie auch gern bereit gewesen, heute bei Dousemonts mitzuhelfen.
Es war Herrn Dousemont zwar ein Angang, am liebsten hätte er nur schöne Leute um sich gesehen; aber dies kleine Bückelchen mar im Grund gar nicht übel. Eigentlich eine ganz famose Person! Ihr Gebreihen war auch nicht so auffallend — nur ein kleiner Verdruß — und Augen hatte die im Kopf, kluge Augen. Sie übersah alles, und bas war gut, denn Maria war beute merkwürdig zerstreut. Es mußte ihr wohl noch nicht gut fein Sie ging langsam und schwerfällig, nicht wie sonst flott und leicht, sie bewegte sich unfrei. Wie sie jetzt beim jungen Paar stand, die Schüsiel anbot, war ’ogar ihr Lächeln verschwunden. Die hatten doch schon genommen — merkte sie bas denn nicht? Noch immer hielt sie die Schüsiel hin. „Ssst, Maria" — Herr Douse-
Maria horchte auf, aber überzeugen konnte selbst diese Stimme sie nicht. Sie rang ihre Hände.
Nettchen flüsterte, hingegeben dem einen, sie ganz erfüllenden, mit schauernder Andacht heimsuchenden Gedanken. Wie konnte es zugehen, daß jene verzweifelte? Sie machte es selig. „Ich werd was haben, für das ich nu leb! Ich bin nie mehr einsam — ein Kind, ich hab ja mein eigenes Kind!"
„Öh —!" Langgezogen ächzte Maria. Und bann fragte sie zitternd: „Wer is der Vater?"
Nettchen zuckte die Achseln: „Ich weiß nit." Als die andere zurückfiihr, lachte sie auf, kein leichtsinniges, nur ein unbekümmertes, Helles, fast stolzes Lachen: „Wer? Woher? Ich weiß et nit. Gefragt hab ich nit. Er mar da und is wieder gegangen. Er lammt auch nie mehr. Aber beten will ich für ihn, solang ich leb!"
Das konnte Maria nicht verstehen. Sie sah die andere, ängstlich geworden, fast scheu von der Seite an: war die ganz bei sich?
Aber völlig vernünftig sagte jetzt Nettchen: „Nu komm aber, nu stehste auch auf, ja?" Sie zog Maria noch einmal an sich in einer liebevollen, fast schwesterlich warmen Regung und küßte sie. „Nu wasch dir ’t Gesicht, bat man ’t nit sieht, bat du gemeint hast. Ich mach bir deine Haare mieber. Und bann geschwind an die Arbeit, Maria! Ich Helf bir."
*
14. Kapitel.


