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Nr. 25 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Montage 30. Januar 1928
Dasweißruthenischeproblem
Von (5. Mulden.
Der Weltkrieg hat viele vorher „geschichtslosen" Völker zu neuem Leben erweckt, ja ihnen zu einem staatlichen Dasein verholsen. Aber ein Volk gibt es heute gerade in dem umstrittensten Teil Osteuropas, dort, wo Polen, Litauen und die Sowjet-Llnion Zusammenstößen, ein Volk, das im Grunde nach wie vor eine unhistorische Existenz führt und auf das auch,heute noch die kennzeichnenden Worte seines' Rativnal- Lichters (Janka Kupale) zutresfen:
Wer tritt denn da heran
In Hellen Scharen auf den Plan?
Die Weihruthenen sinds.
Lind was tragen sie auf ihren sdürren Schultern?
Den bastbeschuhten Fähen und blatt- striesenden Händen?
Ihre Klage.
Wem bringen sie diese Klage vor?
Wem zeigen sie ihr Leid und Elend?
Der ganzen Welt.
Wer hat sie, die nach Millionen zählen, Das Leid zu tragen gelehrt und aus sdem Schlaf gerüttelt?
Unglück und Elend.
Was wollen sie nun aber jetzt, Die blinden, tauben, jahrhunderte- slang Geächteten?
Zu Menschen werden.
Rur gleichsam in dumpfen Erdstößen, die einmal auch eruptiv werden könnten, gibt dieses mitten in Europa verschollene Volkstum der Welt Kunde von seiner Existenz. Ein solcher Augenblick liegt auch heute vor, da in Kürze «in Massenprozeß wegen Landesverrats gegen Hunderte von Mitgliedern der weißrussischen Dauern- und Arbeiterorganisation („Hromada") vor den polnischen Gerichten an- steht.
Die Weißrussen, die heute in einer Anzahl von etwa 7 bis 8 Millionen die früheren Gouvernements Minsk, Mogilew, Grodno und teilweise auch Smolensk bewohnen, haben bereits im 12. und 13. Jahrhundert ihre Selbständigkeit eingebüht: zuerst durch die Eroberungen der Litauer, dann durch die Union Litauens mit Polen. Der polnische Einfluß wirkte auch unter ihnen, wie unter den Litauern, überragend. Er assimilierte ihre höheren Stände, führte einen Teil des Volkes zum Katholizismus, schaltete die weißrussische Sprache aus dem amtlichen Verkehr aus. So war es auch hier nur das niedere Volk, das diese Sprache jahrhundertelang treu bewahrte. Lieber diese Sprache existieren viele Theorien, auf die hier natürlich nicht eingegangen werden kann. Rur soviel sei gesagt, daß das volkstümlich Weißrussisch dem eigentlichen Russischen sehr nahe steht, ja als Abart desselben (sowie des Llkrainischen) betrachtet werden kann, während die Schriftsprache, insbesondere die Sprache der erst in jüngster Vergangenheit, parallel mit der gesteigerten polittschen Aktivität, aufkommenden Publizistik viele Anklänge an das Polnische «ufweist. Reben dem Pvlentum begann nach den Teilungen Polens die russische Kultur stark auf die gebildeten Schichten der Weißrussen einzuwirken. So, durch den überwiegenden Einfluß zweier Rachbarkulturen, erklärt sich der überaus späte Beginn einer nationalen und politischen Selbstbesinnung unter den Weißrussen. Aus geringen Anfängen, in lleinen Zirkeln von Akademikern, die in den russischen Hochschulen ihre Ausbildung erhalten haben, aber nun, romantisch angehaucht, einen Weg zu ihrem Volkstum zurücksuchen, beginnt eine kulturelle Tätigkeit, beginnt eine weißrussische Presse in Wilna und Minsk sich langsam um den Anfang des 20. Jahrhunderts herum zu entwickeln. Einen stärkeren Anstoß, zugleich nach der politischen Seite hin, erhielt die Entwicklung mit der Entstehung jener „Hromada" (seit 1903 genannt „Weißrussische sozialistische Hromada"), also jener unter den weißrussischen Dauern, Arbeitern und Intellektuellen bis heute arbeitenden Organisation, die auch bei dem erwähnten Landesverratsproztzß eine so große Rolle spielt. Run beginnt auch das Verlangen
Ibsens „Peer Gynt".
Zur bevorstehenden Ausführung im Etadttheater.
..Leben heißt — dunkler Gewalten Spuk bekämpfen in sich.
Dichten Gerichtstag halten Lieber sein eigenes Ich."
Wir stehen im Jubiläumsjahr. Am 20. März wird genau ein Jahrhundert vergangen sein, seit der Kaufmannssohn Henrik Ibsen (gestorben im Mai 1906 zu Kristiania) in der südnorwegischen Handelsstadt Skien zur Welt kam. Schon sind in Oslo Zurüstungen im Gange, vor einem großen europäischen Publikum in prunkvollen nationalen Feiern, mit gewichtigen Ansprachen und würdigen Theatervorstellungen das Andenken des großen Mannes zu ehren. Lind auch bei uns in Deutschland besinnt man sich in bieten Wochen darauf, was Ibsen vor drei oder vier Jahrzehnten für uns, für die Prägung neuer geistiger Formen in Deutschland, für die Zertrümmerung morsch getoor beiter Götzenbilder und die Aufrichtung junger Gesetzestafeln bedeutet hat. und vielleicht auch heute noch oder heute wieder bedeutet. —
Sinn dieser Zeilen ist der bescheidene Versuch, in gebotener Kürze den Theaterbesucher an das vielfältig verästelte, figurenreiche und in ungefüger Szenenfülle ausladende Werk heranzuführen. das man bei uns zur Feier und zum Gedächtnis auserlesen hat: das dramatische Gedicht „Peer G y n t".
Es ist das jugendlichste, das skandinavischste und auch das romantischste Werk, das der Dichter hinterließ; jenes, von dem, unter allen andern, am meisten Wärme ausströmt, und das am mindesten in die Starrheit vernunftgerechter Klügelei gezwungen wurde; das allerdichterischste, welches, völlig unliterarisch, dennoch mit seinen fünf massigen Akten längst in die Weltliteratur hineingewachsen war, ehe es noch Halbwegs be* herrschter Defih des Theaters wurde. Eine Dichtung. die, soweit man suchen mag. nur zwei Werten klassischer Kreszenz und deutschester Her
nach einer Autonomie für die Weißrussen innerhalb des russischen Reiches sich zu äußern, ohne freilich irgendwelche starke, organisierte Formen anzunehmen: so besaßen die Weißrussen z. B. in der Reichsduma feine eigene Fraktion.
Erst der Weltkrieg, die russische Revolution und alle Aenderungen, die diesen beiden großen Llm- wälzungen folgten, brachten die weißruthenische Frage eigentlich in Fluß. Die provisorische Regierung Kerenskis hatte freilich, weil sie diese Frage von den Weißruthenischen Intellektuellen aufgebauscht und ohne Wurzel im Volk — da
mals sicherlich nicht mit Llnrecht — glaubte, den Gedanken einer Autonomie für die Weißrussen abgelehnt. Lind ebenso hat die in jenen Zeitläuften noch stark zentralistisch gesinnte Sowjetregierung den „Weißrussischen Kongreß", der in der Rächt vom 17. zum 18. Dezember 1917 eine unabhängige weißrussische Republik in Minsk aus rief, noch in der gleichen Rächt aufgelöst. Mit um so größerer Hoffnung klammerten sich nun die weißrussischen Rationalisten an die deutsche Okupa tivn. Hindenburg hatte ja beim Einzug der deutschen Truppen in das weiß
Oie höheren Schulen in Hessen.
Von Or. Karl Dölsing, Bürgermeister der Stadt Alsfeld.
(Schluß.)
Rachdem, wie ausgeführt, der Referentenentwurf des Hessischen Landesamtes für das Bildungswesen über ein Schulkostengeseh für die höheren Schulen nicht zur Erledigung gelangt ist. beabsichtigt die oberste hessische Schul- behörde nunmehr eine Zwischenlösung der Frage, die leider als völlig unzureichend bezeichnet werden muh. Dem Landtag ist ein Antrag der Regierung unterbreitet worden, wonach die Regierung die Ermächtigung erhalten soll, den S ch u l o r t g e m e i n b e n, d. h. den sogenannten Sihgemeinden, zu gestatten, sich mit benachbarten Gemeinden, die Schüler in die betreffende höhere Lehranstalt schicken, in Verbindung zu fetzen, um in geeignet erscheinender Weise im Wege freiwilliger Vereinbarung die Heimatgemeinden der auswärtigen Schüler zu den Kosten der Schule durch Beiträge heranzuziehen, oder statt dessen von auswärtigen Schülern einen Zuschlag zum Schulgeld bis zu 33V3 Proz. auch für Richthessen, zu erheben. Hierzu wäre zu bemerken, daß eine Erhöhung des Schulgeldes für auswärtige Schüler sehr bedenklich erscheint, da das Schulgeld schon jetzt eine Höhe erreicht hat, die für viele Eltern schwer tragbar ist. Dies beweist die große Anzahl der jetzt notwendig gewordenen, früher fast unbekannten Zwangsmaßnahmen zur Eintreibung des Schulgeldes. Die Regierung muh gewarnt werden vor allen Maßnahmen, die geeignet sind, die Bildungsmöglichkeiten zu erschweren, weil davon gerade die strebsameren Elemente aus unseren minderbemittelten Volkskreisen zunächst betroffen werden würden.
Um einen festen Rechtsboden zu schaffen, muß das System der Gastschulbeiträge auf gesetzlicher und nichtauf freiwilliger Grundlage aufgebaut werden, da sonst die Ermächtigung praktisch wertlos ist, denn jeder Kommunalpolitiker weiß aus Erfahrung, daß freiwillig keine Gemeinde Beitrage zu denSchulkosten lei st en wird. Zu erörtern wäre auch der Gedanke, daß man das System der Gastschulbeiträge in die Form von sog. Schulgemeinschaften unter Gründung einer Art von Zweckoerband kleidet dergestalt, daß zunächst die Kosten oorlagsweise vom Staat und den Sitzgemeinden getragen werden und dann am Schlüsse des Rechnungsjahres festgestellt wird, in welchem Umfange die einzelnen Gemeinden des Schulbezirks ober Zweckverbandes entsprechend der Zahl ihrer Schüler zu den Kosten beizutragen haben. Jedenfalls muß festgestellt werden, daß z. B. die Aussichten für die Städte und Landgemeinden für eine alsbaldige gerechte Kostenverteilung noch wenig günstig sind. Die Kommunen werden aber in ihren hierauf gerichteten Bestrebungen nicht nachlassen und sind schließlich doch wieder einen Schritt vorwärts gekommen, insofern demnächst eine auf der kürzlich in Frankfurt a. M. stattgefundenen Ber- treterversammlung gewählte Kommission in gemeinsamer Verhandlung mit den beteiligten Ministerien, Finanzministerium, Landesamt für das Bildungswesen und Ministerium des Innern, die Frage der anberroeiten Verteilung der Kosten der höheren Schulen einer eingehenden Beratung unterziehen wird, da sich auch die hessische Regierung der Notwendigkeit nicht verschließt, daß eine Aenderung herbeigeführt werden muß, und zwar so bald wie möglich, wenn nicht eine ganze Anzahl höherer Schulen eingehen soll.
Es darf aber nicht dazu kommen, daß sich die höheren Schulen in Hessen nur auf einige
größere Städte konzentrieren, die anderen Anstallen aber verschwinden. Ein solcher Zustand müßte die ernstesten Bedenken erregen und kann auch der Regierung nicht gleichgültig sein. Bei dieser Gelegenheit sei auch auf eine weitere Llngerechtigkcit hingewiesen, welche die nach dem Kriege zu Vollan st alten ausgebauten höheren Schulen, sowie die zu Realschulen aus- gebauten höheren Bürgerschulen betrifft. Entgegen der Vorschrift des Gesetzes vom 21. März 1914 über die Kosten der höheren Schulen hat der hessische Staat bei dem Ausbau dieser Anstalten die Kosten für die neu errichteten Klassen allein den betreffenden Schulgemeinden aufgebürdet, ohne daß er den gesetzlich vorgeschriebenen prozentualen Anteil an den persönlichen Kosten trägt. Die davon betroffenen Schulgemeinden empfinden dies als eine Llngerechtigkeit und fordern mit Recht Gleich- ft e 11 u n g dieser Anstalten hinsichtlich der Kostentragung mit den vor dem Kriege zu Vollanstalten ausgebauten höheren Schulen, denn die Gemeinden mußten, wie oben bereits ausgeführt, diesen Ausbau vornehmen, weil sich infolge der erhöhten Ansprüche an die Vorbildung durch das Reich die Länder und die Privatwirtschaft ein sachliches Bedürfnis dazu herausgestellt hotte.
Schließlich noch einige Worte über das Mitwirkungsrecht der Gemeinden bei der Verwaltung ihrer höheren Schu- l e n. Gegenwärtig ist auf diesem Gebiete der Zustand so. daß die betreffende Stadt oder Landgemeinde den Voranschlag der Schule zur Beschlußfassung und am Schlüsse des Rechnungsjahres eine nur aus Zahlen bestehende summarische Liebersicht der Einnahmen und Ausgaben erhält, wobei eine sachliche Prüfung der Kosten so gut wie nicht möglich ist. Damit ist das gemeindliche Mitwirkungsrecht erschöpft. Es ist daher wohl keine unbillige Forderung, wenn die Gemeinden mit höheren Schulen, die alljährlich ganz erhebliche Summen für ihre höheren Schulen aufbringen, Anspruch auf Erweiterung der Bestimmungen über die Mitwirkung der Gemeindevertretungen bei Verwaltung ihrer Schulen in Form einer Abänderung des Gesetzes vom 21. März 1914 erheben. Wer so weitgehende finanzielle Verpflichtungen übernimmt, darf auch ein entsprechendes Maß von Rechten billigerweise in Anspruch nehmen.
Die vorstehenden Ausführungen dürften jedenfalls gezeigt haben, daß das hessische höhere Schulwesen an einem kritischen Punkt angelangt ist, an welchem auch die Hessische Regierung nicht achtlos vorübergehen kann. Das Hessische höhere Schulwesen galt vor dem Kriege als vorbildlich. Es muh Ehrenpflicht der Hessischen Regierung fein, diesen Vorsprung auf dem wichtigsten Gebiete der kulturellen Aufgaben eines Staates auch beizubehalten in schwierigeren Zeiten. Warnen möchten wir nochmals vor dem Versuch, über die schwierigen finanziellen Verhältnisse der höheren Schulen durch eine weitere Schulgelderhöhung hinwegzukommen, da alsdann die Schulen tatsächlich das werden würden, was unter allen Llmständen vermieden werden muß, nämlich Standesschukn. Das einzige Gut, was unser verarmter Mittelstand seinen Kindern mitgeben kann, ist, neben einer guten Kinderstube und Erziehung, die Möglichkeit einer guten Schulbildung in dem immer härter und rücksichtsloser werdenden Kampf um das Dasein.
kunst benachbart werden kann: der menschlichen Tragödie im „Faust" und der Märchenkomödie Grillparzers, dem „Traum ein Leben". Mit diesen beiden ist es durch seine romantische Melodieführung-, die Weite des geiftigen Ausblicks und die Bogenspannung der dichterischen Schwingungen auf einer inneren Linie zu verbinden. Zwischen Auszug und Heimkehr, äußersten Polen der Fahrt in die Welt, verströmt sich hier wie dort die gleiche unbefriedete Sehnsucht ins Lln- erreichbare. Anitra und Solveig heißt bei Ibsen das Frauenpaar, das der klassischen Helena und der altdeutschen Margarete im gleichen Grade wechselweise verschwistert erscheint, wie der bäurischen Mirza und der königlichen Gülnare von Samarkand bei Grillparzer: unterm gleichen dichterischen Gesetz geboten, mit der gleichen menschlichen Sendung betraut.
Dreifaches Echo hallt wieder aus allen Szenen der Irrfahrt im Rorwegermärchen: Suche nach dem Eigentlichen! Sei und bleibe du selbst! Werde wesentlich! Peer Gynt, Lügner, Träumer, Richts» tuer, Phantast und Schlemihl, ist der rrchelose Mensch der ewigen Llmwege und falschen Fährten; von hundert Erscheinungen geäfft, von tausend Stimmen genarrt, von jeder Wolke verführt, vom Wüstenspuk der Fatamorgana verhöhnt, vom mythischen Fabelglanz der urweltlichen Lrollgrotte geblendet, vom Versuchet betrogen in immer wechselnder Gestalt.
Der jugendliche Weltsahret und Himmels- ftürmer Peer Gynt (vom Dichter mit tiefer Liebe als ein LIrbild seines Volkes erfühlt und lebendig gemacht) segelt, wie der verwandelte Faust des zweiten Teiles, mit tausend Masten dec großen Welt und dem tätigen Leden zu. nachdem er in der Heimat alle Zelte hinter sich abgebrochen hat, zurücklassend nur das karge Grab der Mutter und die stille Waldhütte der wahren, unwandelbaren und immerdar treuen Geliebten. Ihr Bild aber ist ihm. wie so vieles, mit Schleiern verhängt; der schwimmende Blick des Phantasten, der allezeit die Augen in den Wolken hat und sich am Himmel einen güldenen Thron auf richtet für fein erträumtes Weltkaisertum, ist blind vor dem Spiegel uralter, ureinfacher Weis
heit gvethescher Prägung: „Sieh', das Gute liegt so nah ."
Still auf gerettetem Boot, im Sinne des Wortes, nach verzweifeltem Schiffbruch drinnen und draußen, treibt in den Hafen der Heimat der Greis Peer Gynt. Im weihen Haar, mit leeren Händen und brennendem Heimweh steht der Weltsahrer wieder da, wo er als Jüngling auszog mit bewimpeltem Herzen, ein Königreich zu finden. Jetzt schließt sich der Kreis seines Lebens, aber der erträumte Thron steht noch immer in Wölkenkuckucksheim. Im Angesichte der Schären und Fjorde, der schimmernden Gletscher, der großen Wälder und der tiefen Einsamkeiten seines Vaterlandes erkennt er zu spät, im tiefsten Innern erschüttert von der singenden Stimme der Liebsten, die, fern von ihm, immer auf ihn wartend, hoffend und ausharrend, mit ihm gealtert ist —: „O Gott — hier war mein Kaisertum!" Endlich, nach langem Kreuzzug, darf er den müden Kopf im Schoß der Liebsten bergen, sein müdes Herz von ihrer mütterlich tröstenden Stimme in Schlaf fingen lassen.
Die innige Weise des einlullenden Wiegenliedes verschleiert und beschwichtigt die schwer- nnitig-nordische Melancholie des Zuspät. Dem altgewordenen Peer ist kein befreites Erwachen aus wirrem Traum, kein tiefaufatmendes Abschütteln eines quälenden Alpdruckes vergönnt, wie jenem Austan; was er aber an Erkenntnis mit heimbringt von der Fahrt übers Meer, das Hingt ganz ähnlich wie die Zauberformel dec Grillparzerschen Märchenbekehrung:
„Eines nur ist Glück hienieden, Eins: des Innern stiller Frieden Lind die schuldbefreite Brust! Lind die Größe ist gefährlich, Lind der Ruhm ein leeres Spiel;
Was er gibt, sind nicht'ge Schatten, Was er nimmt, es ist so viel!"
Auch „Peer Gynt" ist ein Märchen, aber aus leibhaftigem Leben geboren, von unentrinnbarer Wirklichkeit beschattet, ohne den erlösenden Seufzer des Ausklangs: es war ja nur ein Traum, und: Ende gut — alles gut! Rustan lebt seinen
russische Gebiet eine Gleichberechtigung der weiß- russischen Sprache öffentlich zugestanden. Man sandte sogar Wilhelm II. ein Danktelegramm für die „Befreiung vom Moskauer Joch".
Das Ende der deutschen Militärherrschaft verwies die Bestrebungen der Weißrussen abermals in eine neue Richtung. Sie suchten teils an den Litauern, teils an der heraufziehenden Großmacht des Ostens — den Polen — Halt zu gewinnen. Allein von polnischer Seite war man von vornherein allen Selbständigkeitsbestrebungen der Weißrussen abhold. „Das Selbstbestimmunas- recht der Völker, das Wilson proklamierte, sollte nur die Rolle von Giftgasen spielen, die den Gegner desorganisierten," erklärte dasselbe Polen, daß auf dieses Selbstbestimmungsrecht |o sehr pochte, nachträglich in zynischer Weise durch den Mund Wk. Studnickis („Wsprawie stosunka Polski do jej ziem Polskich“), d. h. „Zur Frage der Ostmarlen Polens". Linverblümt werden die von den Weißrussen bewohnten Gebiete als ein Kolonialland zur Liebersiedelung von Polen aus Pvsen, Kongrehpolen usw. bezeichnet und begehrt. Der Rigaer Friede hat dieses Begehren, wenn nicht vollauf, so doch zum beträchtlichen Teile erfüllt.
Die nun folgende, die Gegenwart unmittelbar mitumfassende Entwicklung muß unter doppeltem Aspekt betrachtet werden: etwa 2 Millionen Weihruthenen wurden dem polnisch en Staat einverleibt, dec größte Teil, etwa 6 Millionen, ist bei Sowjetrußland verblieben. Allein, während die Weißrussen in Polen als Bürger zweiter, dritter Kategorie angesehen wurden, und wahrend man hier allenfalls noch mit den zahlenmäßig und politisch stärkeren Likrainern, nicht aber den Weißrussen rechnen wollte (die amtliche polnische Statistik gibt den Prozentsatz der Llkrainer zur Gesamtbevölkerung mit 14,3, den der Weißrussen mit 3,9 an), hat die Sowjetregierung am 16. Januar 1920 die Weißrussische Republik anerkannt und der 10. Allrussische Rätekongreh Ende 1922 diese Republik der Rätc- Llnion auf dec gleichen Grundlage der inneren Autonomie ein gegliedert wie alle übrigen Bundesrepubliken. Während ferner die Sowjetregierung die Agrarevvlutton vollzogen hatte und immer mehr dem Druck des Bauerntums nachgibt, sind noch 45 Prozent des Landes der polnischen Weißrussen in Händen polnischer Großgrundbesitzer. Die Agrarreform aber, die die polnische Regierung dort durchführt, ist eine Grenzkolonisation. Das arme weihrussische Bauerntum, das friHjer wenigstens Land von diesen Agrariern pachten konnte, das Servituten am Domänen- und Klosterland hatte, hat auch diesen Behelf jetzt nicht, weil der parzellierte Boden polnischen Kolonisten gegeben, Domänen- und Klosterland aber zu dem den gleichen Kolonisa tionszwecken dienenden Land- fonds eingezogen wird. Rach Sibirien oder Turkestan abtixmbem, wie früher, können diese armen Dauern ebensowenig. Hierzu kommt eine Bedrängung in kultureller Hinsicht: vor allem das weißrussische Schulwesen bleibt vernachlässigt .
Dennoch hat der im Januar v. I.. als die Massenaktion der Regierung gegen die weißrussische Hromada begann, verhaftete Führer der Weißrussen Polens, 2kbg. Taraszkie» wicz, in seiner programmatischen Rede im Sejm am 23. Januar 1923 sich zu einem Ausgleich bereit erklärt unter folgenden kennzeichnenden Bedingungen: Einstellung der Ansiedlung von Militärpersonen in weißrussischem Gebiet und Agrarreform unter Berücksichtigung der ortsansässigen Bauern, Rückgabe des konfiszierten Landes, Kulturautonomie im Wege der Gesetzgebung, Zulassung der weißrussischen Sprache vor Behörden und Gericht, Richteinmischung in das religiöse Leben, Verwaltung durch Ortsansässige, territoriale Militärorganisation. Die hauptsächlichen, dringenden Forderungen betreffen natürlich vor allem die Agrarreform und die K u l t u r a u t 0 n 0 m i e. Doch selbst sie bleiben bis auf den heutigen Tag unerfüllt. Es schien, daß die Aera Pilsudski auch den slawischen Minderheiten Polens eine neue Aera werden sollte. Roch vor nicht allzulanger Zeit wurde aber in Pilsudskis Organ selbst, im „Glos Prawdy" die Stagnation auf diesem Gebiete
Traum, Peer träumt sein Leben; jener erwacht zur rechten Stunde, dieser zu spät: vor Solveigs Hütte verdämmert der Lebenstraum des Abenteurers in Resignation; zwar unverklärt von der seelenbesreienden Verkündigung des Faustgedichtes „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen" — aber die singende Frauenstimme, die die nordische Dichtung verklingen läßt, bewahrt doch etwas von der heimführenden und begnadenden Kraft des seligen Engelchores.
Die Wiederkehr des greisen Peer Gynt beschließt die zeitlose Tragödie des Mannes, der über seinen Schatten springen will, der erst am Grabesrand den Wettlauf mit dem eigenen Ich um den halben Erdball zu Ende bringt, und dec an der Schwelle zum Jensettigen erst fein wahres, ungetrübtes Spiegelbild erblicken soll: er schaut sich selber an und findet sich in den Augen der alt- gewordenen, einsam gebliebenen Geliebten, Solveig, seiner ewigen Braut und Statthalterin seiner toten Mutter. — Dr. Th.
HochschulnachnchLen.
Zum Rachfolger des in den Ruhestand tretenden Geh. Hofrats Prof. Dr. Hans Meyer auf den Lehrstuhl dec Kolonialgeographie und Kolonialpolitik an der Llniversität Leipzig ist Pros. Dr. Heinrich Schmitthenner von der Llniversität Heidelberg ausersehen. — Prof. Dr. Georg August Wagner an dec Prager deutschen Llniversität hat den Ruf auf den durch das Ableben des Prof. K. Franz an der Berliner Llniversität erledigten Lehrstuhl für Geburtshilfe und Gynäkologie angenommen. — Prof. Dr. Georg B. Gruber in Innsbruck hat den Ruf auf den Lehrstuhl der Pathologie an der Llniversität Göttingen als Rachfolger von Geheimrat Ed. Kaufmann angenommen und bereits seine Ernennung zum ordentlichen Professor in der Göttinger medizinischen Fakultät erhalten.
Prof. Lic. Hermann Dörries in Tübin - g,en hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der Kirchengeschichte an der Llniversität Halle als Rachfolger von Pros. Seeberg angenommen.


