Ausgabe 
29.12.1928
 
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Nr. 505 Drittes Vlatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 29. Dezember {928

Sine neue Phase des «eMMchen Gummikriegs

3m November wurden die seit 1922 bestehenden Beschränkungen der Rohkcmtschukaussuhr aus den Malayen-Staaten Ceylon und anderen britischen Kolonien (Indien, Britisch-Borneo, Sarawak) aufgehoben; damit tritt der zwischen den Bereinigten Staaten von Amerika und dem Britischen Reich schon seit mehreren Jahren to­bende Gummikrieg in eine neue Phase. Lieber die Hälfte der Weltproduktion an Kaut­schuk wird in den oben genannten südasiatischen britischen Kolonien geerntet und auch die Plan­

in den letzten zwei Jahren kaufte die Firestone Rubber Co. in Libera (Afrika) 1 Million Acre, Ford in Brasilien 6 Millionen Acre plantage­fähiges Land. 3n diesem Augenblick der hohen Investitionen des amerikanischen Kapitals er­folgt nun als Gegenstoß der britischen Produ­zenten, die Aushebung der Ausfuhrbeschränkun­gen und damit eine Verbilligung des Kaut­schuks. Eine nähere Liebersicht über die Gewin­nung von Rohkautschuk einerseits, dem Bestand an Kraftwagen der wichtigsten Staaten anderer-

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Ernte 1927.

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DER GUMMI KRIEG.

VER. v.AK

Schlechte Auspizien.

Außenpolitische Umschau.

Von Dr. OttoLoehsch, o.profesior der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. X

l^un i*- nach wochenlangen Verhandlungen das Vorspiel in der Reparationsfroge mit der Formulierung des Auftrages an die Sach- verständigen beendet, wie sie in der Verständi­gung zwischen Deutschland, Belgien. Frankreich. England. Italien und Japan vom 22. Dezember mitgeteilt wurde. Ein Aus chuß von unabhängigen und an Instruktionen nicht gebundenen Finanz- sachverständigen, auf der anderen Seite von der Regierung ober Reparation kommission. auf un­srer Seite von der deutschen Regierung er­nannt, soll die Vorschläge für eine voll­ständige und endgültige Regelung ausarbciten. Der Ausschuß berichtet an die Re­gierungen, die in ihrer Stellung dazu und Ent­scheidung darüber völlig freie Hand haben. Einigen «ich die beteiligten Regierungen darüber, so würde danach eine neue internatio­nale Konferenz den Abschluß bringen. Einigen sie sich nicht oder kommen schon die Sachverständigen, was wir für sehr möglich halten, nicht zu einem einheitlichen Vorschläge, so zieht sich die ganze Verhandlung entsprechend länger hin.

Die Vorschläge dieses neuen, zweiten Sach­verständigen Komitees, das damit ins Leben treten soll, sollen die Verbindlichkeiten regeln, diesich aus dem zwischen Deutschland und den Gläubigermächten bestehenden Verträgen und Ab­kommen ergeben". Das ist immerhin eine be­weglichere Formel, als sie Po.ncare vor- schwebte, der ja meinte, die deutschen Jahres­leistungen seien bereits endgültig festgesetzt. Aber sie ist lür unser Interesse immer noch zu eng! Sind die Sachverständigen dnnach frei genug für die erste Voraussetzung ihrer Arbeit und für die erste Voraussetzung, daß Deutsch­land überhaupt sich auf diesen Gang einlassen kann, daß sie nämlich frei und uneingeschränkt zuerst die Leistungsfähigkeit d.r deutschen Wirt­schaft und Finanzen zu prüfen haben? Wir brau­chen hoffentlich im Gang der Verhandlungen an diese unsere Frage, an dieses unser Bedenken nicht zu erinnern1

Obwohl nun damit eine Verständigung müh­selig genug herbcigesührt war, hat sich Poin - card beeilt, sofort wieder seine Position zu be­tonen. Gleich am selben Tage hat die fran­zösische Regieimng noch einmal ver ffen.l chl, daß Frankreichs Bedingungen in den be­kannten Redcn Poincarss niedergelegt seien. Poincare versucht Ülso schon zu Beginn der Verhandlungen i)iere festzulegen. Die deutsche Auffafsung ist in der Reichstagsrede Stresemanns vom 19. November dargelegt: eine Lösung nur, wenn sie im Rahmen unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bleibt, und volle Gntschlie- hungsfretheit Deutschlands, wenn das neue Gut­achten der Sachverständigen vorllegt.

Zum Materiellen sei heute nichts weiter ge­sagt, als der Hinweis auf die neue französische Idee, die Iahreszahlungen Deut chlands i n zwei Teile zu teilen, einen, der die Schul­den der Alliierten an Amerika decken solle (was zugleich England zufriedenstellt) und den anderen, der für den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete dienen solle. Mobilisiert oder kommerzian tert soll jetzt gleich der zweite Teil werden, während man für den ersten Teil warten würde mit dieser Operation, bis das ganze Problem der interalliierten Schul­den gelöst sei.

Für dielen Plan gilt zunächst, was für die Idee der Kommerzialisierung überhaupt gilt. Man muß es dem deutschen Volke immer wieder einhämmern, daß 1924 über ein Provi­sorium entschieden wurde und jetzt über ein De - finitibum, und zwar über ein solches, das, weil die Schuld aus einer Verpflichtung des Staates De. t'chland in eine Anleihe, also dann eine sogenannte private, Anleihe umgewandelt werden soll, nicht mehr abzuändern ist. Man stelle sich irgendeinen Betrag vor, der in Form

tagen von Riederländisch-Indien, welche ein Drittel der Weltkautschukernte liefern, stehen zum größten Teil unter britischer Kontrolle. Da­gegen befinden sich über drei Viertel der gesam­ten Rohkautschuk verarbeitenden Gmnmi- industrie der Welt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Gummiinüustrie beschäftigt sich zu 90 Prozent mit der Herstellung von Auto­reifen, wobei von den 27 838 000 Kraftwagen der Welt wiederum über drei Viertel, nämlich 22 137 000 Kraftwagen auf die Vereinigten Staa­ten entfallen. 2luf diese Weise ist die Gummi- und Autoindustrie der Vereinigten Staaten von Amerika fast vollständig von der Kautschuk­produktion von Südostasien abhängig, was von den Produzenten in den letzten Jahren weidlich ausgenutzt wurde. Der Pfundpreis von Gummi, der infolge der Vergrößerung der Er­zeugung, dank dem erweiterten Absatzmarkt (Auf­schwung der Autoindustrie) in der Nachkriegs­zeit auf 13 Cent fiel, schnellte, nachdem 1922 die Ausfuhrbeschränkungen (hohe Verzollung des Kautschuks) des sogenannten Stevenson Actes, für das Britische Reich eingeführt wurden, auf 1 Dollar 23 Cent, also auf das Elfsache. Das amerikanische Gummi- und Autokapital ver­suchte dieser Verteuerung durch Errichtung von eigenen Plantagen aus dem Wege zu gehen:

einer solchen Anleihe in Amerika ausgenommen worden wäre und dessen Stücke nun überall in der Welt Anlagepapiere sind! Das ist dann in Wahr­heit eine Last, die nicht mehr abzuändern ist, der gegenüber es dann nur die Alternative gibt: entweder sie tragen, auch wenn es über oie Krast ginge, oder den Zinsendienst einstellen, was gleichbedeutend fein würde mit Zusammen­bruch des eigenen Kredits und bann auch der Währung. Das ist die furchtbar schwere Ent­scheidung, die jetzt heraufzieht, und darauf ist immer und immer wieder hinzuweisen.

Nun wundert man sich auch hier, mit welcher Naivität in solchen Plänen die Franzosen über das Geld des amerikanischen Kapi­talisten verfügen. Denn, was immer zu betonen ist, die ganzen Operationen sind ja überhaupt nur mög'ich, wenn der arnerikani che Markt der­artige deutsche Anleihen aufnimmt! Die Ent­scheidung liegt absolut in der Hand der Ame­rikaner. Rechnet vielleicht Poincarö damit, daß

seits vermittelt unsere Karte und die folgende

Tabelle:

Gewinnung von Rohkautschuk im Jahre 1 927.

Tonnen

Malahische Staaten (britisch) 245 880

Riederländisch-Indien 233180

Ceylon 56 900

Sawarak (britisch) 11180

Dritisch-Indien 10160

Französisch-Indochina 7 620

Dritisch-Nord-Borneo 7110

Brasilien (nur Wildkautschuü 28 450

übrige Gebiete mit Plantagenkautschuk 7 620

übrige Gebiete mit Wildkautschuk 9 140

617 240

Bestand an Kraftwagen im Jahre 1927.

Tonnen

Vereinigte Staaten von Amerika 22 137 000

Groß-Britannien 1 148 000

Frankreich 891 000

Canada 820 000

Australien 375 000

Deutsches Reich 369 000

Argentinien 223 000

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es ihm gelingen könnte, die amerikanischen Ver­treter einschließlich des ReparationZagenlen zu gewinnen, einzufangen und zu überreden, wie es Clemenceau mit Wilson gelungen ist? Eine sehr ernste Frage ist damit gestellt und eine sehr große Aufgabe der deutschen Führung und Di­plomatie!

Es ist keine Frage, daß Amerika sich an diesem neuen Sachverständigen-Ausschuß betei­ligen wird. Es ist weiter absolut selbstverständ­lich, und man könnte sich in den Zeitungen die Erörterungen darüber sparen, daß natürlich Nordamerika sich offiziell, als Regierung und Staat, ebensowenig beteiligt, wie es das 1923/24 getan hat. Die Männer, die aus Amerika kom­men, kommen als private Sachverstän­dige, unabhängig von ihrer Regierung, aber selbstverständlich mit ihr in enger Fühlung, genau so, wie jeder der anderen Sachverständigen in engster Fühlung mit seiner Regierung steht. Das ganze ist eine wirtschaftliche und finanzielle Ar­

beit, aber selbstverständlich mit den größten poli­tischen Hintergründen. Man kann weiter anneh­men. daß die Männer, die aus Amerika zu dieser neuen und schwierigen Arbeit kommen, sich über das Wesen der Sache ebenso klar siird, wie über den Gang, den sie nehmen soll. Schwer­lich wird irgend jemand aus der amerikanischen Finanz, *fcer daran mit arbeitet und der Europa genau kennt, glauben, daß der Dawesplan, wie er 1924 sestgestellt wurde, auf unabsehbare Zeit durchführbar ist, daß Deutschland insonderheit dieNormallast" von 2,5 Milliarden Mark über 1929 hinaus tragen kann und daß Deutschland, wie auch die Regelung dann zustande komme, den Transferschutz entbehren könne. Aber aus­drücklich sei davor gewarnt, zu glauben, daß damit nun Deutschland, seiner Regierung und seinem Volke, bei diesen Verhandlungen gewisser­maßen von Amerika ein Ruh wissen bereitet sei, auf dem wir uns behaglich niederlassen könnten. Ohne die ganze zielbewuhte und bis zum Letzten entschlossene Mitarbeit und den entsprechenden Willen Deutschlands werden die amerikanischen Vertreter ihre Linie nicht durchhalten kömienl

Von Tag zu Tag aber wächst die Sorge, daß die Voraussetzungen und Notwen­dig l e i t e n auf unserer Seite für eine solche Zusammenarbeit, für die zielbewußte und ent* schlossen«: Vertretung unserer Interessen in der Reparativnsfrage nicht vorhanden, noch nicht gegeben sind. Wir wollen oftmals Gesagtes nicht ausführlich wiederholen. Aber von Tag zu Tag wird wohl überall klarer, wie Deutschland die Aufrollung der Reparationssrage mit dem Gen­fer Kompromiß vom 16. Dezember ungenügend vorbereitet über den Kopf gekommen ist, und wie begreiflicherweise hat die deutsche Vertretung, die in Genf das Kompromiß sich abeingen ließ, denn das nicht gewußt? die Mitarbeit Nordamerikas gerade in diesen entscheiden­den Vorlereitungsmona'en durch die Präsiden­tenwahl gehemmt war. Selbstverständlich hat doch jeder, der drüben in der Reparationsfrage etwas mitzusagen hat, sich zunächst zurückgehalten, bis die Wahl entschieden hatte. In Amerika exi­stiert die seltsame Einrichtung das hat die deutsche Vertretung in Genf int September auch gewußt, daß der neugewählte Präsident erst am folgenden 4. MäiR fein Amt antritt, erst bann sein neues Kabinett bilbet und das die bis dahin weiter Amtierenden, Präsident und seine Staa.s- fefretäre, den und die Nachfolger in öen ganz großen Fragen gar nicht binden können. Es ist daher ziemlich belanglos, was heute Präsident Cvolidge in dieser Frage sagt. Entscheidend kommt es auf Hoover an, der jetzt von Südamerika zurückkehrt. Don ihm weih man nicht, wen er zum Finanzminister und zum Außenminister ma­chen wird und seine Gesamtvorstellungen über Schulden und Reparationsfrage sind auch nicht aller Welt bekannt. Wie soll aber mit diesen Llnbekannten" in der Rechnung die amerikani­schen Vertreter bis in den MLrz hinein in dem neuen Ausschuß das ganze Gewicht ihres Staates einsetzen, wie es damals beim Dawesplan bei Fall war?

So beginnt unter ungünstigen und schwierigen Vorzeichen, nun nachdem das Vorspiel zu Ende ist, das Drama. Wir sind nicht Zuschauer, sondern wir sind verantwortliche Mitspieler in diesem entscheidenden Kampfe, der das Jahr 1929 bestimmen wird. Lind wir wiederholen: nach unserer Lieberzeugung ist Deutschland dafür noch nicht genügend vorberei­tet und gerüstet. Nur in schwerer Sorge kann jeder, der sich überhaupt die Mühe gibt, in die ungeheuer verwickelte und im Grund doch wieder recht einfache Reparationsfrage einzudringen, auf das blicken, was darin von deutscher Seite in den letzten Monaten geschehen und nicht geschehen ist. und was darin heute geschieht unb nicht geschieht!

Lieber dieser wichtigen Frage treten die deutsch-russischen Verhandlungen in der öffentlichen Aufmerksamkeit zurück. Aber sie sind wirtschaftlich, und noch mehr politisch von großer Bedeutung, und darum begrüßen wir es, daß am 21. Dezember die erste Phase in Moskau, wie es scheint, günstig und positiv zu Ende ge­gangen ist. Der neue Botschafter, Herr v. D i r cf-

einer Art von Stilleben der Bildwirkerei entwickeln sich die sogenanntenfßeririiren", die Pflanzen, Blumen und Früchte roibergeben und schon seit dem 15. Jahrhundert auch hie und da als Hinter­grund für Wavpendarstellungen dienen.

Die kirchliche Glasmalerei findet in Deutschland noch zur Zeit der Spätgotik ihr Ende in bedeuten­den Leistungen wie dem Vokkamer-Fenster der üo- renzkirche und dem sogenannten Maximiliansfenster der Sebalduskirche zu Nürnberg. Hingegen schreitet die niederländische völlig neuen Zielen zu, die sie in ihrem idealen Stil und in chrer Renaissance- Ornamentik ganz an die Seite der Wcmdteppiche führen. Für die Glasmalerei wird Antwerpen zum Vorort. Als Kartonzeichner erscheinen auch hier wieder Dernaert van Orley und seine Schüler Pieter Coecke van Aelst und Michiel Cocxie, deren Erfindungen ebenso wie die der Wandteppiche eine freie Weltlichkeit verraten. In das Bürgerhaus fin­det die Glasmalerei durch die gemalten Scheiben Eingang. Holbein hat manche Vorlagen zu solchen gezeichnet, und dank seinem Vorbild ist diese Gat­tung in der Schweiz besonders beliebt geworden.

Dem Stil der Architektur folgen die Arbeiten in Holz. Mit reichgeschnitztem Schmuck werden Cbor- gestühl, Täfelungen, Möbel aller Art, wie beson­ders Schränke, versehen, in Deutschland und den Niederlanden, ebenso wie in Frankreich, wo die Möbel im Stlle Heinrichs II. eine starke Verwandt­schaft mit der Dekoration eines Jean Goujon zei­gen. Für Deutschland sind Prunkschränke, zur Auf- bewahrung von Kostbarkeiten und Raritäten aller Art bestimmt und in der prachtvollsten Art verziert, besonders bezeichnend. Zu einer außerordentlichen Bedeutung gelangt die Goldschmiedekunst in allen drei führenden Ländern des Nordens. Von der Spätgotik führt hier eine stark bewegte Entwick­lung, an der Künstler wie Dürer, Holbein. Flöt- ner, durch Entwürfe teilnehmen, zur Renaissance. Pokale, Kannen, Schüsseln, Tafelaufsätze, selbst Herrscherkronen von großem Reichtum der Dekora­tion werden geschaffen. Welcher weite Weg wird hier von der edel einfachen Naturalistik der Spät­gotik, etwa des Bechers Maximilians I., bis au dem vielseitigen, neuerlich auch auf die Natur und selbst auf ihre getreue Absormung zurückgehenden Re­naissancestil, etma von Wenzel Jammnitzers präch­tigem Merkelschen Tafelaufsatz, durchlaufen? Schmuck- E'tänbe aller Art verraten eine ähnlich fort- mde künstlerische Gesinnung von weltlicher ng.

wodurch eine Art von Romantik der Naturliebe entsteht.

An die Spitze unserer Bemerkungen über das Kunstgewerbe stellen wir 9Banbteppid)e und Glas- gemäloe. Beide Gattungen möchten aber wohl eher der hohen Kunst zuzurechnen sein. Ihnen fehlt frei­lich notwendigerweise, da die entwerfende» unb aus- führenden Hände verschieden sind, die Eigenhändig­keit, was aber immer ebenso bei der Architektur, vielfach bei der Plastik und hie und da selbst bei Malerei und Graphik der Fall ist. In gewissem Sinne vertritt im Norden die Kunst der Wand­teppiche die hier seltene Monumentalmalerei und gelangt, besonders in den Niederlanden, während des 16. Jahrhunderts zu einer sehr hohen Blüte. Während noch in den Niederlanden des 15. Jahr­hunderts Tournai die Vorherrschaft auf diesem Ge­biete innehatte, geht diese zu Anfang des 16. Jahr­hunderts an Brüssel über, bas von nun an den Mittelpunkt der niederländischen Bilbwirkerei bilbet. Die Entwürfe werben fast immer von bekannten Malern geschaffen, und ber Stil der Gattung ent­wickelt sich daher fast gleichlaufend mit dem der Malerei. Schon um die Wende des Jahrhunderts zeigt sich hier, ähnlich wie etwa in den Schöpfun­gen Quinten Metiys' (der übrigens auch einige Entwürfe für Bildteppiche geschaffen zu haben scheint), in Komposition, Bewegung und Ausdruck eine Art von Befreiung, und bald danach bringen einzelne Renaissancemotioe auch in biefe Gattung ein. Die Technik erhebt sich zu einer unnachahm­lichen Vollendung, außer den bunten Wollfäden, die die bildmäßige Modellierung bewirken, werden Metallfäden, besonders aus Gold unb Silber, ver­wendet, die mit ihrem schimmernden Glanze den figürlichen Kompositionen einen gewissen Reiz von Unwirklichkeit verleihen. Dank Ser Anregung, die von Raffaels Teppichen ausgeht, die in Brüste! ge­wirkt werden, entsteht ein neuer Jdealstil, der in seiner großartigen Bewegtheit die Wandteppiche be­herrscht unb in ihnen zu einem höheren Ausdruck gelangt, als in ber Malerei. Als Zeichner der Kartons für Folgen von großen Tapisserien, die, sechs bis zwölf an ber Zahl, zum Schmuck von Sälen im In- unb Auslande verwendet werden, sind vor allem die Maler Bernaert van Orley, Pieter Coecke van Aelst, Jan Vermeyen, Michiel von Cocxie zu nennen. Einen besonders reichen Schmuck erhalten die Bordüren, die bald mit alle­gorischen Gestalten, bald mit Blumen und Früchten, bald mit reinen Ornamenten, verziert werden. Zu

Das Kunstgewerbe im 16. Jahrhundert.

Soeben erscheint im Propyläen - Verlag, Berlin, als Band X der Propyläen - Kunst­geschichteDie Kun st der Renais­sance in Deutschland, den Nie­derlanden, Frankreich, us w." von Gustav Glück. Das Werk behandelt die stolzeste Epoche der ganzen deutschen Kunst­geschichte das 16. Jahrhundert. Die Na­men Dürer, Grünewald und Holbein allein würden genügen, um dem mit besonders reichem Abbildungsmaterial und vielen mehr­farbigen Tafeln ausgestatteten Bande bas ganz befanbere Interesse, selbst bes breitesten Publikums, zu sichern. Wir geben hier mit Erlaubnis bes Verlages eine Probe aus dem Werk:

Eine starke Vorliebe für Kunstgewerbe und Kleinkunst war schon zur Zeit der Spätgotik am Hofe der Herzöge von Burgund vorhanden, unb die Golbschiniebekmist stand hier in hoher Blüte, was wir, mehr noch als den oorhcmbenen wenigen kostbaren Stucken, den freilich oft etwas einsil­bigen Beschreibungen in Inventaren zu ent­nehmen vermögen. Diese Neigung wächst mit ber zunehmenden Verweltlichung der Künste und ihrem Eindringen in bas Priocckhaus. In allen nördlichen Ländern ist dies der Fall, besonders aber in Deutschland, wo das Kunstgewerbe von der Mitte des 16. Jahrhunderts an neben der Graphik ge­radezu die Führerrolle unter den bildenden Kün­sten übernimmt. Die Prunkliebe der Fürsten, Ade­ligen und wohlhabenden Burger vermehrt noch die Nachfrage nach reichverzierten Möbeln und Haus­gerät aller Art. Große Künstler wie Dürer und Holbein verschmähen es nicht, Entwürfe für Klein­kunst zu liefern. Der Stil ist zumeist beherrscht von einer mehr idealistisch gerichteten Gesinnung, welche vielfach mit Hilfe des kräftig eingreifenden Orna­mentstichs die der italienischen Renaissance und der Antike nachgebildeten Dekorationsformen zu hoher Pracht entwickelt. Dazu kommt noch als eine wichtige Nevenerscheinung ein kräftig naturalistischer Zug, welcher zmn Teil aus dem spätgotischen Ge­schmack fußt, zum Teil im Anschluß an dis italie­nische Renaissance bis zur mechanischen Absormung von Tieren, Pflanzen und anderen Dingen geht.

In den Goldschmiedearbeiten spielt auch die Tech­nik des Emails eine nicht unwesentliche Rolle. Als besondere Gattung wie sie schon früher in den Schmelzarbeiten von Limoges auf getreten und bil­det sich in den Arbeiten der Limousin und Cour- teys dem neuen Stile folgend weiter. Von Ton- arbeiten entstehen, auch in Frankreich, die köstlichen Fayencen von St. Porchaire mit ihren edlen Zier­formen, und Bernhard Pakissy schasst in seinen Schüsseln, die zumestt mit nach der Natur abge» gossenen Tieren und Pflanzen geschmückt sind, einen neuen Zweig des Kunftgewerbes. Diesen französi­schen Arbeiten in Ton vermögen die Deutschen chre reich aufgebauten und verzierten Kachelöfen und ihre eigenartigen Krüae vorzüglich rheinischen Ur­sprungs, die Niederländer hauptsächlich ihre im Floris-Äil gehaltenen Antwerpener Majoliken gegenüberzustellen.

Hochschulnachnchten.

Drei neue Privcrtdozenten habilitierten sich an der Frankfurter Universität: in der medi­zinischen Fakultät Dr. med. Helmut Mommsen. Assistent an der Kinderklinik, für das Fach der Kinderheilkunde: in der Wirtschafts- und sozial- wissenschaftlichen Fakultät Dr. jur- et phil. Julius Kraft für das Fach der Soziologie und Dr. Friedrich Pollock für das Fach der Volks­wirtschaftslehre. Die naturwissenschaftliche Fakultät der Llniversität Frankfurt a. M. hat den praktischen Arzt Dr. med. Oskar Bern­hard in S t. Moritz, den Begründer der modernen Heliotherapie, zum Ehrendoktor der Naturwissenschaften ernannt. Dr. Bernhard ge­nießt seit langer Zeit in medizinischen Kreisen eine besondere Verehrung. Für die Naturwissen­schaft erschloß Bernhard durch seine erfolgreich« Ausnutzung des Hochgebirgskllmas ein ganz neues Forschungsgebiet, das Studium der Sonnen» und Hlmmelsstrahlung, wie überhaupt die Dioklimatologie. Diese Forschung hat be­sonders in Frankfurt a.M. eine Pflegestatte ge­funden.

Der nichtbeamtete a. o. Professor an der Uni* versität Leipzig Dr. phil. Paul Hermberg hat einen Ruf auf eine außerordentliche Lehr- 1 stelle in der Wirtschaftswissenschaftlichen Abtei-« lung der rechts- und wirtschal iSwls,-nschaftllch«1 5aMW ber Universität Sena «halten.