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waS verzögern.

Gez.: Szecfen."

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oben und

3m

ist, da er dies Bild umrih, als Bruchstück einer großen Konfession wie manches andere.

Entstehung verdankt, unzulänglich sein, so ist dennoch etwas in ihm enthalten, was immer über die an sich für uns unwichtigen Träger einer (dürftigen) Handlung hinaus bleiben und Bedeutung haben wird, ja selbst über den viel beredeten und umstrittenen Fall des russi­schen Grasen hinaus, der hier geehrt werden sollte.

Sieht man über zeitliche, persönliche und vor allein stilistische Bedingtheit und Begrenztheit dieses Dramas hinweg, so wird sich das immer währende, immer irgendwie und irgendwo in der von Menschen bewohnten Welt aktuelle, bren­nende. gegenwärtige Problem herausschälen.

machen. 3n den letzten Bildern wurde die Auf­führung gelöster, fliehender, sogar dramatischer und im Dühnensinne wirksamer: nachdem in zwei (an sich sehr guten) Bildern die breit unb manch­mal aufdringlich geschilderte Zuständlichkeit deS Ganzen durch expressionistische Akzente zwar durchbrochen, aber auch belebt worden war. Im ganzen eine anständige unb fleißige Regie­arbeit. die sich sehen lassen kann.

Sarhnzew, der Gutsherr, predigt wie fein be­rühmteres Hrbild eine neue Religion, eine neue Moral, eine neue, gerechtere, menschliche Ge­sinnung und soziale Ordnung. Er predigt ost überraschend zeitgemäß anzuhören gegen das Kapital, gegen den Militarismus, gegen faule Bequemlichkeit im Leben und Denken, gegen Ausbeutung und unverdientes, in den Tag hinein genießendes Drohnentum.

Er predigt und klagt, er klagt und predigt... und tut nichts. Handelt nicht, leidet nicht, opfert nichts, nimmt nichts auf sich, kann sich nicht los­reihen von den Seinen, deren Tun und Treiben, Sinnen und Trachten ihm verderblich und sünd­haft erscheint, rafft sich nicht auf zur Tat.

*

Leiden und opfern: das tim andere für ihn, in seiner Lehre, nach feinem Gebot. Und er vermag, obwohl willig dazu, sie nicht zu erretten

erwuchs. *

Zu dieser, menschlich und innerlich zu empsin- denden Unzulänglichkeit der Zentralgestalt tommt eine künstlerische, eine dramaturgische Schwache hinzu:

Sarhnzew predigt, im Grunde, gegen die Wand: er hat keinen einzigen, ernsthaften Gegenspieler, niemanden sich gegenüber, der die Energien, die immerhin von ihm und seiner Rede ausgehen, aufzufangcn. zu erwidern, zu steigern, zu lösen oder zu brechen vermöchte. Sehr viele Menschen find um ihn herum, lauter Kontrastfiguren, er­läuternde, erklärende, theatralisch beschreibende, Stimmung, Umwelt und Zustände malende Per­sonen, aber nicht einer, der ihm ernstlich gegenüberzustelken wäre kraft eines ebenbürti­gen geistigen Formates.

Mag also dies Stück aus manchen Gründen, aus den bssondeven Gründen auch, denen es seine

und nicht zu erlösen.

Er predigt es nur... vier Akte lang, ganze l unfertige) Stück mutet an wie ein ziqer Monolog.

Dies liegt (auch) am Ssil, von dein wir sprachen. Zustandsfchilderung, Anklage schließlich jenes fast verühnü gewordene .. Sande verlaufen" sind Kennzeichen und typische Wesenszüge einer Literatur, aus der das Drama

Auf der Gegenseite stände viele. Verschieden im Aussehen, im Alter, im Geschlecht. 3m Grunde immer wieder die gleichen: einzeln« aus einer; großen Menge, wie sie oben angedeutet wurde. Hätte nur einer von ihnen mehr Umrih und geistige Haltung, es wäre um das Schauspiel (alS Drama) besser bestellt.

Wir nennen von ihnen Scherer, Kuu», Jüngling, Jutta von Pagendorf (<l®.k Wefener und GareiS (in einer interessant« Doppelrolle).

Die Aufführung, die zunächst nicht rocht gtf wirken schien, gedieh schließlich zu einem gut« Erfolg und fand den Beifall, den fle durchaus verdient. ßr, Th,

Der Raturaüsmus, darauf tommt es zunächst an, geht hier über äußere Stilformen hinweg, reicht ins Innere, ins Wesensblld womöglich tiefer, als selbst der Dichter es geahnt und ge­wollt hat; vielleicht ist sogar das Bruchstückhafte der vier Akte, das Drama als Torso, als ein Sinnbild für Las Leben seines Schöpfers zu verstehen. Vielleicht bezeichnet sich hier die Pro­blematik seiner Wesenheit, die noch jetzt im Iubiläumsjahr nicht gänzlich gelöst erscheint, schärfer, als es Tolstoi zum Bewußtsein gekommen

Ebert-Grassow war Sarhnzew, er ver­mied die Maskenähnlichkeit mit Tolstoi; er pre­digte vier Akte lang eindringlich, gütig, worb» gewaltig, ost überredend, wo nicht überzeugend, aber er vermochte die unfertige, schwankende^ im Grunde sehr schwache Gestalt des Dauern-- befreiers und christlichen Propheten nicht fester, fertiger, menschlicher und sympathischer zu machen als sie einmal ist. (Hnd vielleicht wäre gerade in der Erfüllung dessen, was man inuner vermißt, die Raturnähe und Modelltreue dieses Gestalt verloren gegangen oder verwischt worden.)

Eine feine, ausgewogen« Leistung war di« Ma via Iwanowna der Lieselotte Fuhrmann- diese Figur, obwohl geistig dem Wesen Saryn- zews keineswegs gewachsen, war menschlich viel llarer und eindeutiger als jener, war überall vollkommen lebendig, verständlich und seelisch be­gründet. (Ihr folgt man bis zuletzt, während Sarhnzew gegen Ende immer mehr enttäuscht.)

Gut waren Arzdorf und Haeser als die leidenschaftlichen, opferwilligen und bekenntnis­frohen Jünger der Lehre Sarhnzews, entzündet und innerlich aufgerichtet von den Worten (nicht vom tätigen Vorbilde) ihres Propheten.

Ich kann mir kein echtes Bild von einem französischen Staatsmann machen, der für sieben Jahre Präsident der Republik geworden ist und sich durch Eitelleit oder durch ich weih nicht welchen unsinnigen Ehrgeiz so weit verblenden liehe, daß er dem absoluten Herrscher eine« fremden Staates zum furchtbarsten aller Kriege riete. Aber ich versichere: wenn ich m einem Anfall von Wahnsinn diese dreiste Taktlosigkeit begangen hätte, so hätte der Zar mich sanst, aber rasch zurechtgewiesen und mir begreiflich gemacht, daß er von seinen Wenschheitspflichten eine an* der« Auffassung habe als ich. Richt ohne Ginmd hat Viviani im Rückblick auf 1914 und auf 1916 im Jahre 1923 geschrieben: ..Die rührende Be­scheidenheit des Zaren, zu weitgehend wie seine Schüchternheit, die Geringschätzung desselben für den glänzenden Rahmen des Palastes, wie die Reigung zu stillem Leben, das alles drückte sich in seinem Benehmen und in seinem reinen Fran­zösisch aus. Er zing gewiß au« politischer Rechtschaffenheit, aber auch au« einer Art von religiösem Mystizismus an dem Bündnis, das er als Vermächtnis seines geliebten Vaters betrachtete." Der Eindruck, den Rikolaus II. Viviani und mir hinterlieh, als wir aus Ruhland schieden, war also sehr beruhigend. Er war ein treuer Verbündeter. Er war e i n aufrichtiger Friedensfreund.

Gießener Gtadttheater.

Leo Tolstoi:

Und das Licht scheinet in der Finsternis".

Ein wenig verspätete Ehrung im Iubiläums- jahr: zum 100. Geburtstage des Grafen Leo Rikolajewitfch Tolstoi spielte man sein Schau­spielUni) das Licht scheinet in der Finsternis jenes Stück, das weder dichterisch so stark und geschlossen ist. wie dieMacht der Finsternis , noch theatralisch so zündend und blendend wie derLebende Leichnam" mit der Bombenrolle des Fedja. die durch Moissi einen europäischen Glanz erhielt.

Jenes Stück, das stllistisch so weit hinter uns liegt, daß man ost zu lächeln versucht ist über Sprache, Kostüme und Räume, ... ein Stück, das Fragment geblieben, das äuherlich und vor allein innerlich nicht fertig geworden und nicht zu Ende geschrieben ist.

Dennoch aber dies ist das Rterkwürdige wird gerade der Stil, den wir überwunden zu haben glauben und über ben wir lächeln, zu einem Sinnbild, das ernst genommen werden muh. Die äußere Form erhält innere Bedeutung.

Abbild der Wirklichkeit war damals der Schrei der Kunstprvpheten. Als Abbild der Wirllichkeit ist das Drama geschafsen, nach lebenden Modellen sind seine Figuren gestaltet.

Man weiß, daß in der Zentralgestalt des Gutsherrn Sarynzew die Züge des Dichters auf Iasnaja Pvljana wiederzufindeu sind. Mithin ist dieses dramatisch schwächste Stück Tolstois zu- gleich auch sein eigenstes, sein persönlichstes, Hnd darum ist es sinnvoll, gerade dieses zu einem Jubiläum im Theater zu wählen.

.Oesterreichisch-ungarische Botschaft Paris an Ministerium bed Auswärtigen Wien, 13. Juli 1914 (ohne Stundenangabe). Ar. 106. Reise des Präsidenten. Siehe mein Telegramm Rr. 105 vom 12. Wie der Minister des Auswärtigen sagt, wird der Präsident spätestens am 31. zurück sein. Ab­reise von Et. Petersburg soll am 24. oder 25. stattfinden. Heber Datum und Einzelheiten des Besuches an den drei skandinavischen Höfen scheint der Minister nicht genau Bescheid zu wissen. Die Zeitungen haben bisher nichts darüber veröffent­licht. Möglicherweise haben die Zeitungen An­weisung erhalten, jeden Bezug auf die Reise des Präsidenten und auf die des Deutschen Kaisers nach Rorwegen zu vermeiden. Gez. Szeesen."

Oesterreichisch-ungarische Botschaft Paris art Ministerium des Auswärtigen Wien. 16. Juli 1914, 11,40 Uhr, Rr. 109. Reise Poincares. Gestern abend spät haben Senat und Deputiertem» kammer sich über die Annahme des Staatshaus­haltes geeinigt. Poincares Abreise ist endgültig festgesetzt. Der Präsident und sein Gefolge werden in der Rächt nach Dünkirchen abreisen.

Gez. Szeesen."

Ebeiifo wie Oesterreich zeigte Deutschland für meine Reise ein außergewöhnliches Interesse. Schon am 21. Juli hatte der deutsche Admiral­stab, der durch seinen Petersburger Marine- attache sorafällig benachrichtigt wurde, den Staatssekretär v. Iagow wissen lassen, daß meine Abreise von Kronstadt auf den 23. um 10 Uhr abends festgesetzt sei. An demselben Tage hatte Iagow sich beim Grafen Pourtalds über di« Richtigkeit dieser Angabe erkundigt und dies der österreichisch-ungarischen 'Regierung schleunigst mitgeteilt. um das Ultimatum hinauszuschieben. 3$ hatte Graf Pourkalös des Besuches Poin­cares befragt. Derselbe meldet, daß Präsident Donnerstagabend 11 Uhr von Kronstadt ab- fährt. Dies wäre nach mitteleuropäischer Zeit 9>/2 Uhr. Wenn Demarche in Belgrad morgen nachmittag 5 Uhr gemacht wird, würde sie also noch währeiid Anwesenheit Poincares in Peters­burg bekannt werden." Darauf antwortete der deuftche Botschafter in Wien. v. Tschirfchky. cmr 23.:K. u. t. Regierung dankt wärmstens für In­formation. Baron Giesl (österreichischer Gesandter in Belgrad) ist angewiesen, Hebergabe um eine Stunde zu verschieben."

Diese österveichischen und deutschen Urkmiden beweisen schlagend, daß Deutschland über das Datum wie über den Ernst des Ultimatums (an Serbien) genau Bescheid wußte und daß es sich mit Oesterreich ins Einvernehmen setzte, um seine Heber g ab e hinauszuschieben. In welcher Absicht? Rach einem Telegramm Tschirschkhs soll Oesterreich bloß haben vermeiden wollen, daß man vor meiner Abreise auf der Reede von Kronstadtin der Champagnersttm- mung" eine Verbrüderung feierte, die Frcmk- reich« und Rußlands Haltung beeinflussen könnte. Eine klägliche Erklärung l 3n Wahrheit fürchtete man, daß die französische und die russische Re-- gierung, die in dem Augenblick, wo sie das Hltt- matum ersahren hätten, Fühlung mitein­ander hatten, sofort eine freundschaftliche In­tervention zur Erhaltung des Friedens ver­einbaren könnten. Man zog es vor, daß fte getrennt waren, daß sie sich aus der Ferne bet fragmentarischen, oft verschiedenartigen Rach­richten ins Einvernehmen sehen mußten, und man hoffte sehr, daß Oesterreich während meiner dret Aufenthalte in den skandinavischen Ländern Zeit haben würde, Serbien eine Lektton zu geben.

Doch den Augenblick, wo ich von ihm Abschted nahm, hatten die Regierungen in Wien und Berlin abgewartet, um zu handeln. Hat­ten sie bis dahin gefürchtet, meine Anwesenhett beim Zaren und Vivianis Anwesenheit bei Saso­now würden uns unmittelbares Zusammenwirken ermöglichen, um die ersten Flammen der Feuers­brunst zu ersticken? Jedenfalls hat Oesterreich sich über meinen Reiseplan im voraus aufS ge­naueste erkundigt. Die vom Grafen Szecsen ini 3uli 1914 abgesandten und erhaltenen Tele­gramme sind später durch unser Chiffrierbureau entziffert worden. Sie zeigen, wie sorgfälltg man ich am Dallplah über meinen Reiseplan infor­miert hatte.

Ministerium des Auswärtigen Wien an öster­reichisch-ungarische Botschaft Paris, 11. 3jHi 1SH4. 1 Hhr Ar. 142. Geheim. Rur für den Botschaf­ter selbst. Betrifft die Geheiminstruktton Rr. 8. Völliges Einvernehmen mit Deutschland betreffs der politischen Lage, die sich aus dem Attentat von Sarajevo ergibt, und aller etwaigen Folgen erreicht."

Ministerium des Auswärtigen Wien an öster­reichisch-ungarische Botschaft Paris, 12. Juli 1914, 1.15 Uhr, Rr. 143. Bitte Girre Exzellenz um Bekanntgabe der Abreise deS Präsiden­ten nach Rußland und der vermutlichen Dauer seines dortigen Aufenthaltes, sowie um Angabe über das Reiseprogramm."

Oesterreichisch-ungarische Botschaft Paris cm Ministerium des Auswärtigen Wien, 13. Juli 1914 (ohne Stundenangabe), Ar. 105. Reife des Präsidenten. Telegramm Ar. 143 von Eurer Ex­zellenz erhalten. Wie ich aus glaubwürdiger Quelle erfahre, wird der Präsident Frankreich am 16. verlassen. Don hier wird er wahrschein­lich am 15. abreifen. Er wird sich auf der France" einschiffen und von Kriegsschiffen be­gleitet werden. Ankunft in Rußland am 20. Aufenthalt in Rußland wahrscheinlich vier Tage. Auf der Rückkehr macht der Präsident vielleicht kurze Desuche am schwedischen, dänischen und nor­wegischen Hose. Heber das Reiseprogramm ist bisher nichts veröffentlicht. Da nicht genau feft- steht, ob das Parlament seine Arbeiten am 14. beendet, kann die Abreise sich möglicherweise et*

Der sensationelle, zweite Band der deut­schen Ausgabe von Poincares Memoiren, dar sich ..Der Ausbruch der Kata­strophe" betitelt, erscheint in Kürze im Verlag Paul Aretz, Dresden. (Ganzleinen 25 Mk.) Wir stehen in den Entschei- dungstagen des Juli 1914. Poincare schil­dert die polittsche Lage, knapp vor der Kriegseicklärung Oesterreichs an Serbien. Wir geben diesen Abschnitt mit Erlaubnis des Verlages im Vorabdruck wieder.

In der Reede von Kronstadt stoppt die Pacht und wirft Anker. Ich steige zuerst m ein De­peschenboot derFrance", das mich nach dem Panzerkreuzer bringt. Mir ist als verließe ich eine andere Well, um Frankreichs Boden wieder zu betreten. Ich habe in Rußland die freund- bhaftlichstr Ausnahme gesunden, und doch habe ich ein Gefühl der Erleichterung. Ich ahne aus voller Brust, während ich auf dem Verdeck der , France" auf und abgehe. Kurz darauf kommt der Zar und die kaiserliche Famille nach.

Ich bin mit dem Diner n ich t sehr zu­fried e n. Das finb die kleinen Leiden offizieller Empfänge, die kein Frauenauge über­wacht. Aachdem wir Platz genommen haben, läßt die Suppe auf sich warten. Die, Gänge folgen aufeinander, ohne daß ich den Küchenchef beglückwünschen könnte. Alle Gäste finden wenig­stens das an Bord gebackene Brot vortrefflich: es hat den gleichen Wohlgeschmack wie unter gutes Landbrot. Der Großfürst Ar ko lac, der stets geneigt ist, eine Gesellschaft in ötirnmung zu bringen, verzehrt zwischen zwei Lachsalven sechs bis fieben große Stücke. Aber durch das Hntoettec ist alles in Hnordnung geraten. Das Zell ist beinahe weggerisfen worden hier und da tropft Wasser durch die nasse Leinwand. Untere Gäste scheinen trotzdem sehr befriedigt. Die Unterhaltung geht ihren Gang. Am Ende der Mahlzeit bringe ich auf den Zaren einen Trinkspruch aus. in dem einige franzosenfeind- lichr Geschichtsschreiber, die offenbar ein falsches Ohr haben, in den letzten Jahren einen kriegeri­schen Ton entdeckt haben wollen. Selbstverständ­lich hatte ich diese Rede Viviani, dem französi­schen Ministerpräsidenten, im voraus mitgeteilt, mid er hatte nichts daraii auszusetzen. Aber heute scheint es gewissen Auslegern so. als ob das Reden vom Ideal eines Friedens in Kraft, Ehre und Würde im Jahre 1914 so viel hieß, wie den Krieg wünschen. Hätten diejenigen, die diese Paradoxie verfochten, wohl gewünscht, daß ich einen Frieden in Schwäche, Unehre und De­mütigung rühmte?

Sehr kurz antwortete der Zar. Rach dem Mahle bleiben die Zarin und die Großfürstinnen auf dem Deck sitzen, das leider von den Regen­güssen ganz naß ist. Der Admiral Le Dris fühtt den Zaren auf dic Kommandobrücke, wohin ich beide begleite. Paleologue. der französische Bot­schafter in St. Petersburg, Sasonow und Iswolsky entwerfen gemeinsam die übliche Mittellung an die Presse. Dann zeigen sie mir und Viviani den Entwurf, den Paleologue schon an der Tafel aufgesetzt hat und der wie folgt lautet:Die beiden Regierirngen haben die völlige Ueberem- ftiimnung ihrer Ansichten und ihrer Bestrebungen zur Erhaltung des europäischen Gleichgewichts, besonders auf der Balkanhalbinsel, fest gestellt. Viviani und ich finden, daß diese Fassung, m der das Wort Friede nicht vorkommt, uns zu sehr verpflichten würde, der russischen Politik auf dem Balkan zu folgen. Das ist auch de Margeries Ansicht. Wir lassen den Entwurf also in dem Sinne abändern, daß wir uns die Zukunft ofsenhalten, unsere friedlichen Absichten unter­streichen und uns größere Handlungs­freiheit wahren. Der Wortlaut, der schließ-

sich der Presse mitgeteilt wird, ist ebenso kurz wie allgemein. .Der Besuch des Präsidenten der Republik bei Seiner Majestät dem Kaiser von Rußland hat den beiden befreundeten und ver­bündeten Regierungen Gelegenheit gegeben, die völlige Hebereinftimmimg ihrer Ansichten über die verschiedenen Probleme festzustellen, die die Sorge um den allgemeinen Frieden und das europäische Gleichgewicht den Wachten, beson­ders im Orient, auf gibt Aach diesem Wen Zeugnis unserer Mäßigung und unseres Frre- denswillens sagen wir unseren Gästen Lebewohß tauschen lange Händedrücke. Komplimente und Wünsche. Der Zar wiederholt mir, er freue sich, im nächsten Jahre nach Frankreich zu kommen: er hofft zuversichtlich, daß die Zarin gesund genug sein werde, um ihn zu begleiten. Depesc^n- boote bringen die Zarenfamisie und unsere übri­gen Gäste nach der Jacht ^Alexandria . Zahl" reiche beflaggte und illuminierte Schifte durch­furchen ringsum die Reede. 'Als dieAlexandria die Anker lichtet, geben dieFrance" und der Jean Bart", selbst glänzend erleuchtet, 21 Salut­schüsse ab. Dann gehe ich mit Viviani auf die Kommandobrücke, um den Aachtwind em^u atmen. Völlig hergestellt und von den offtziellen Fron­diensten befreit, die er verabscheut, ist der Mmr- sterpräsident glücklich wie ein entlaufener Ge­fangener. Aach Mitternacht lichten beide Panzer die Anker, und wir fahren durch die stillen Gewässer des Finnischen Meerbusens nach der Ostsee.

Als Viviani im Jahre 1916 mit einem wich­tigen Auftrage der französischen Regierung nach Rußland zurückkehrte, brachte er mir ein Hand­schreiben des Zaren mit. Es erwähnt unsere Be­gegnung von 1914 und lautet wie folgt:

Gr. Hauptquartier, 30. April/13. Mai 1916.

Lieber und großer Freund!

In diesem Augenblick, wo Rußland und Frankreich enger denn je in dem Ringen ohnegleichen verbunden sind, das sie im Ver­ein mit ihren getreuen Verbündeten bestehen, war es mir sehr angenehm, Mitglieder der französischen Regierung nach Rußland kom­men zu sehen. Mit großer Freude habe ich den jetzigen Justizminister Viviani wieder- gesehen. den ich bereits kannte, und mich bei dieser Gelegenheit meiner letzten Begegnung mit Ihnen erinnert. Damals dachten wir mir an die friedliche Entwicklung un­serer beiden Länder, während der Feind bereits seinen Anschlag gegen den Frieden Europas aus­führte. in der Hoffnung, die Weltherrschaft an sich zu reiften.

Der Rest des Schreibens bezog sich auf die Er­eignisse von 1916: wir werden ihm später wieder begegnen. Aber diese paar Zeilen eines Per­sönlichen Schreibens zeigen zur Genüge, daß der Zar im Juli 1914 so wenig wie wir an einen bevorstehenden Krieg dachte.

Aichtsdestoweniger hat man nach dem Kriege in Deutschland Schriften veröffentlicht, in denen der Zarismus so In der Rote der deutschen Delegation bei der Friedenskonferenz der schlimmsten Verschwörung gegen die Ruhe Europas bezichtigt wurde, ebenso Streit­schriften, in denen ich selbst als Kriegs­treiber hingestellt wurde. So schrieben die ..Süddeutschen Monatshefte" in München: .,Aach- dem das Qlttentat von Serajewo verübt worden war, reiste Poincarö bekanntlich nach Peters­burg, und es gelang ihm dort, in geschicktem Zusammenspiel mit den russischen Kriegshetzern im Stil eines Rikolai Aikola- jewitsch beim Zaren die letzten Bedenken gegen das Dlutvergieften zu beteiligen.

Dann wurde in den vier Akten zeitlos das stets wieder erkannte, erlebte, erlittene, gestal­tete Gleichnis in Worte und Figuren und Räume gefaßt: seht her: zu allen Zeiten wird einer da sein unter vielen, einsam, verlassen und aus- gestoßen, unerkannt und unverstanden unter Tau­senden, gegen Zehntaufende,... einer, der mehr weiß, tiefer fühlt, gewissenhafter und ernsthafter denkt als die anderen,... einer, der etwas zu sagen hat und nicht gehört wird.... einer, der zu früh geboren ist, der Heller sieht, der handeln und schaffen und bessern könnte, was die andern nicht können, nicht sehen, nicht verstehen.... einer, der um seiner Einsamkeit, um feiner Gröhe teilten zerbricht und verblutet an der Dummheit, an der Kurzsichtigkeit, Engstirnigkeit, Fühllosig­keit der übrigen, die in erdrückender Mehrzahl sind.

Dies ist der tragische Kern des Dramas, dies sein noch heute und immer wieder gültiger Sinn, dies sein (mit Schleiern verhängtes und von Schatten getrübtes) Evangelium, das uns wich» tiger erscheint, als Sarynzew, seine Jünger und feine Widersacher, wichtiger selbst als der zu­fällige, durch nichts als den Kalender bedingte Qltüaft des Spiels.

Sannert hat das Fragment inszeniett. Er nahm ihm nicht seine verstaubte Einkleidung, nicht die Atmosphäre, in der es zum Leben kam. Das war richtig. Er löste die fchwerfälligen Alle in Bilder auf, die fast drehbühnenmäßig schnell verwandell wurden. Er mühte sich mit einem pfleglichen Zusammenspiel, mit guten Grup­pen, mit Farben, malenden Tvnfolgen und russi­schen Akkorden, die schwer in Gang kommende sze­nische Masse zu beschwingen und beweglich zu

Neujahrsempfang

-es hessischen Gesamtministeriums!.

Ein Neujahrsempfang des Gesamt- Ministeriums wird am Dienstag, 1. Januar 1929, vormittags 11.15 Uhr, im Staatsministerium in Darmstadt, Neckarstraße 7, stattfinden. Diese Ein­richtung, die einem vielfach an den Staatspräsiden­ten herangetragenen Wunsche entspringt, soll vor- aussichtlich zu einer ständigen Gewohnheit werden, um alljährlich allen denjenigen, die darauf Wert legen, Gelegenheit zu geben, mit den Ministern

Raymond poincare als Friedensengel.

Aus den Memoiren des ehemaligen Präsidenten der Republik.- Auf der Re^e von Kronstadt in den entscheidenden Zulitagen 1914. - Das französisch-russische Bundms.