Nr. 28: Drittes Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 29. November (928
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0er akademisch gebildete Landwirt.
lieber die Bedeutung des akademisch gebildeten Landwirts im Wirtschaftsleben sprach aus einer von mehreren hundert Personen besuchten Versammlung des „Reichsbundes akade- misch gebildeter Landwirte e. V.",der heute weit über 5000 Mitglieder umfaßt. in Heidelberg kürzlich Oberlandw.-Rat Meisner. Der Vortragende führte etwa folgendes aus: Agrarfragen sind Staatsfragen. und der Staat bedeutet das Volk in seiner Gesamtheit. Die Lösung der Agrarfrage muh von der Landwirtschaft selbst geleistet werden. Die Landwirtschaft ist die stärkste Grundlage unseres Wirtschaftslebens. Schon Bismarck hat betont, daß der Landwirtschaft das gleiche Interesse wie der Industrie entgegengebracht werden mu j. Vorbei sind längst die Zeiten, wo die Landwirtschaft ein primitives Gewerbe war. Sie ist heute mehr denn je eine Wissenschaft und Kunst. Die Landwirtschaft braucht Männer mit hohem Wissen und Können, uni den Gesamtapvarat der deutschen Landwirtschaft fortschrittlich zu erziehen, zu leiten, zu führen.
Der größte Teil der landwirtschaftlichen Betriebe, etwa 95 Prozent, befindet sich in den Händen von kleineren Mittelbauern. Die Landwirtschaft ist somit das volkstümlichste Gewerbe, die Quelle jeglicher Erneuerung des Dolksganzen, die Grundlage jedes gedeihlichen Wirtschaftslebens, die Rährmutter des deutschen Volkes. Dos geflügelte Wort Aereboes von der „geistigen Mobilisierung" der deutschen Landwirtschaft kennzeichnet klar die gegebenen Verhältnisse. Die große Passivität un erer Handels- bilanz, bedingt durch hohe Einfuhrzahlen von Lebensmitteln, zwingt Deutschland, die Produktivität des landwirtschaftlich genutzten Bodens zu fördern. In hervorragendem Maße ist der akademisch gebildete Landwirt auf Grund seiner Kenntnisse praktischer und wissenschaftlicher Ra- tur in der Lage, die Leistungsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft zu fördern und zu steigern. Die landwirtschaftliche Produktionsfrage ist eine Erziehungsfrage der deutschen Landwirtschaft. Lehrer und Berater der deutschen Landwirtschaft sind die D i p l o m l a n d w i r t e. Aber auch in der Verwaltung aller der Stellen, die landwirtschaftliche Belange zu vertreten haben, muh der akademisch gebildete Landwirt in leitender Stellung Verwendung finden.
Der Redner setzte sich für einen geregelten Bildungsgang aller Landwirte ein. Die beste MeliorationSmaßnahme der Landwirtschaft sei die Förderung der fachlichen Bildung aller Landwirte. Auch die Städte, die Grundbesitzer sind, können sich keinen besseren Berater und Verwalter ihres Grundvermögens denken, als einen praktisch geschulten und akademisch gebildeten Landwirt. Auch das Dersuchsringwesen muh erheblich gefördert werden; ebenso auf dem Gebiete der Tierzucht muh der akademisch gebildete Landwirt führend eingreifen, sowie bei der Diehverwertung, bei den Küftuvämtern, Movr- kulturanstalten, den großen Hypothekenbanken und als Sachverständiger bei unseren Auslandvertretungen führend Mitarbeiten.
Ein besonders wichtiges Gebiet ist di« Pflege der Wissenschaft. Den großen Aufschwung unserer landwirtschaftlichen Erzeugnisse in den letzten 50 Jahren verdanken wir dem tiefen Forschen und Arbeiten von landwirtschaftlichen Wissenschaftlern. Sie sind die Mittler zwischen Wissenschaft und Praxis, deren äußerst wichtiges Gebiet die Wirtschaftsberalung ist; nur durch eine intensive Wirtschaftsberatung besonders der kleinen und kleinsten Betriebsleiter, die aber bei diesen auf eine gute landwirtschaftliche Ausbildung gestützt sein muß, wird es möglich sein, der Landwirtschaft dauernd zu helfen.
Zur Erfüllung aller dieser äußerst wichtigen Aufgaben müssen Reichsregierung und Länder mehr als bisher für die Förderung der Landwirtschaft aufwenden. Vor allem muß das krasse Mißverhältnis bei den Aufgaben für die Förderung von Industrie und Gewerbe einerseits und der Landwirtschaft andererseits beseitigt werden, um in Zukunft die starke Llnterbilanz unseres Wirtschaftslebens verschwinden zu lassen. Weiter müsse dazu der akademisch gebildet« Landwirt fordern, daß ihm gleiche Berechtigung im Staats-
Lach« Vaiarrot
Vornan von J. Schneider-Foerstl.
Urheberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
8 Fortsetzung Nachdruck verboten.
Hettingen nickte schweigend vor sich hin und sah dabei flüchtig nach Richthofens Schwester, die völlig gelassen in ihrem Stuhl lehnte und ihre Augen in die Runde gehen lieh, als wäre das Gespräch für sie ohne jegliches Interesse.
Als man sich gegen zwei Llhr früh trennte, stand Hettingen noch eine Minute allein bei Maria am Wagen, deren Schlag er für sie offen- hielt. Mit einem leichten Spottgekräusel um den zierlich geschwungenen Mund, sah sie zu ihm auf. „Oie hoben die beneidenswerte Gabe, Baum — rasch zu vergessen und sich Ersatz zu suchenl" Als hätte sie zuviel gesagt und sich eine Blöße gegeben, bih sie die Lippen ineinander.
.Wie meinen Sie das?" Joachims Hände drückten erbarmungslos die weichen, weihen Mädchen finger zusammen. Als er ihr Zucken verspürte, drückte er sie nur noch fester.
Mit einem leisen Laut des Schmerzes wand sie sich aus der Umklammerung. „Sie haben mir weh getan."
„Sie mir auch — Maria!"
Mit langen Schritten holte er das voraus- eilende Ehepaar ein.
.Komm, mein Liebes!" Fehmann hatte das Licht in ihrem bescheidenen Wohnzimmer aufgedreht, legte den Arm um seine Frau und zog sie auf dem mit grünem Rips bezogenen Sofa zu sich herab.
Der schmucklos einfache Beleuchtungskörper mit dem grünen Papierschirm darüber warf ein gespenstisches Licht auf ihre Wangen. Ihr Blick senkte sich angstvoll vor dem des Gatten. Er fühlte, wie sie zitterte. Dann hob sie unvermittelt beide Hande zu ihm hoch „Frage mich
als auch im Wirtschaftsleben zugestanden wird, wie allen anderen akademisch gebildeten Berufszweigen. Auch seine Ausbildung gibt ihm dazu ein Recht, denn der akademisch gebildete Landwirt braucht mindestens rund acht Jahre dazu. Reben dem beftaixberen Abiturientenexamen verlangt man von ihm eine drei- bis vierjährige landwirtschaftliche Praxis, sowie sechs bis acht Semester Hochschulstudium. Der akademisch gebildete Landwirt muh mehr als bisher
überall dort Verwendung finden, wo es gilt, landwirtschaftliche Fragen zu llären und zu Ib en. Rur so ist der heul« vielfach feststellbare Dilettantismus in der Bearbeitung höchst lebenswichtiger Fragen zu vermeiden und dem deutschen Volke die Quelle eigener Kraft zu erschließen, auf die es nicht verzichten kann, wenn es aus all der Rot und dem Elend wieder emporblühen will.
AeKervierMjü'arSenMfrmKTaSak... . .. läßt die Wett jährlich in Rauch aufgehen. — Gewaltige Zunahme des Konsums. — Deutschlands Tabakindustrie die größte der Welt.
Don Rudolf Bier.
Die bevorstehende Revision des Dawesplanes wird hoffentlich auch für die deutschen Raucher eine erfreuliche Folge haben. Hat doch die deutsche Tabakwarenindustrie in diesem Jahr 800 Millionen zur Deckung der Reparationslasten beizusteuern, eine Summe, die schließlich nicht von den Grohindustriellen dieses Gewerbes, sondern von allen Zigaretten- und Zigarrenrauchern bezahlt wird. Gewaltige Abgaben hat die Raucherschaft in den letzten Jahren an den Staat abge» führt, ohne zu murren, ohne den Verbrauch etn- zuschränken, und es wäre ihr schon zu gönnen, daß die Steuerschraube und damit der Zigarettenpreis einmal ein wenig nachlassen, noch dazu in einem Augenblick, in dem der Kampf der Industrie gegen die Schleuderhändler erfolgreich 8*u sein scheint. Man hat sich daran gewöhnt, dem Raucher sein „Laster" oder seinen „Luxus" zu verteuern, weil man wußte, daß er erfahrungsgemäß dem „blauen Dunst" treu bleiben und, dem Zug der Zeit in der ganzen Welt folgend, seinen Verbrauch sogar noch ausdehnen würde. Haben doch auch viele andere Staaten einen erfolgreichen Raubzug auf die Taschen ihrer rauchenden Bevölkerung ausgeführt, ohne ihre Tabasindustrie und die Zigarettenhändler — in Deutschland gibt es über eine halbe Million Kleinhändler mit Tabakwaren — nennenswert zu schädigen.
Daß bad Rauchbedürfnis der Menschheit trotz allen Steuermaßnahmen der Regierungen beträchtlich gewachsen ist, beweisen die steigenden Tabakernten, die auf die vergrößerten Anbauflächen zurückzuführen sind. 3m Durchschnitt der letzten Jahre vor dem Krieg erntete man auf der ganzen Welt jährlich rund 28/« Milliarden Pfund Tabak, während in den letzten Jahren über vier Milliarden gezogen und verarbeitet worden sind. Deutschland, das vor dem Krieg 60 Millionen Pfund Tabak jährlich ernten konnte, aber durch die Abtretung Elsaß-Lothringens ein wich- ttges Anbaugebiet verloren hat, hat an dieser Bewegung nicht teilgenommen, da es fetzt im Durchschnitt der letzten Jahre aus feiner eigenen Erzeugung nur noch 35 Millionen Pfund erhält. Der Rückgang des Anbaus ist vielmehr durch eine bedeutende Steigerung der Einfuhr wettgemacht worden. Don den europäischen Ländern haben es dagegen vor allen Dingen Griechenland, ‘Bulgarien, Rußland, Italien, Jugoslawien und Rumänien verstanden, ihre Tabakwirtschaft außerordentlich zu erweitern; so hat Griechenland, verglichen mit der Zeit vor dem Krieg, seine Ernten mehr als vervierfacht, Bulgarien hat sie fast versiebenfacht, Italien konnte nahezu die vierfache und Rumänien mehr als die doppelte Ernte einbringen. Die Llrsachen sind freilich in allen diesen Ländern verschieden. Auf dem Balkan spielen neben territorialen ilmgcftaltungen die angebauten Tabaksorten die wichtigste Rolle, da in Bulgarien und Griechenland vorzugsweise Helle und besonders kostbare Zigarettenlabake gewonnen werden, so daß die Pflanzer von dem Siegeszug der Zigarette profitieren. Die die würdige und behäbige Zigarre unserer Väter von Tag zu Tag mehr aus dem Feld schlägt. Helle Zigarettentabake sind gesucht und haben den Ländern, die sie anbauen, große Vorteile gebracht. In Italien hat der Staat mit allen Mitteln die Einführung bet Tabakkultur gefördert, und es hat sich herausgestellt, daß besonders Apulien ein hervorragenbes Anbaugebiet für „mazeboni- schen" Tabak ist; aber auch „dunkle amerikanische Sorten" gedeihen dort recht gut Wichtiger für
die Steigerung der WelUabakernten sind freilich die außereuropäischen Gebiete, unter denen die Vereinigten Staaten, Brilisch-Inbien und China, bie wichtigsten sinb. In China z. B. hat man im Durchschnitt ber Jahre 1909 bis 1913 jährlich 140 Millionen Pfund Tabak gewonnen, aber im Jahre 1926 über 440 Millionen, ober mehr als ein Zehntel der Welternte. Dabei ist die Ausfuhr aus diesem ungeheuren Reich nur ganz wenig, etwa um drei Millionen Pfund, gestiegen. Der Feme Osten, nicht allein China, sondern auch Indien und Japan, hat sich das Rauchen angewöhnt, und die Moralisten müssen in diesem Fall das Laster sogar begrüßen, seine Ausbreitung empfehlen, überhaupt alles für die Erhöhung des Tabakgenusses tun, da die Zigarette der erfolgreiche Rivale des Opiums ist und das gefährliche Rauschmittel verdrängt. Man darf sich freilich nicht einbilden, daß bie Volker des Ostens von selbst zu der Einsicht_ gelangt seien, Tabak dem Opium vorzuziehen, ober bah irgendein Re- aierungsfeldzug diesen erfreulichen Erfolg gehabt habe. Gs gibt groß« englisch-amerikanische Tabakkonzerne, die in Asien mit dem Tabakverkauf gute Geschäfte machen, und denen es gelungen ist, auch die Chinesen für dieses Rarkotikum zu begeistern. Die Verdrängung des Opiums ist nur Die angenehme Begleiterscheinung eines gelungenen Industriegeschäfts.
75 Prozent des Tabaks wird in den Ernte- ländern selbst verbraucht, und nur ein Viertel der Welterzeugung wandert in fremde Gebiete. Don dem gesamten Rohtabak, ber überhaupt in den internationalen Handel gelangt, nimmt Mitteleuropa zwei Drittel auf. Vor allen Dingen Deutschland kaust gewaltige Mengen, denn seine Tabakindustrie ist die größte der Welt! Das deutsche Volk gibt jährlich eine dreiviertel Milliarde Mark für Zigarren aus; aber fast die doppelte Summe, nämlich 1,350 Milliarden Mk.» werden in jedem Jahr von den Zigarettenrauchern für die Befriedigung ihrer Leidenschaft bezahlt. Rechnet man nrxh den Verbrauch von Pfeifen-, Schnupf- und Kautabak hinzu, so ergibt sich daß in Deutschland rund 2Vs Milliarden Mk. für Tabakerzeugnisse ausgegeben werden. In der deutschen Tabakindustrie verdienen etwa 215 000 Arbeiter und Arbeiterinnen ihr Brot —- das ist fast ein Drittel aller Tabakarbeiter der Welt. "3n den Vereinigten Staaten, die weit mehr Tabak verarbeiten, sind nur 150 000 Arbeiter in diesem Gewerbe beschäfttgt; freilich bedient man sich dort vielfach besserer Maschi- nen, und der Kleinbetrieb ist in Amerika mehr als hier durch den Großbetrieb ersetzt worden.
Wenn Deutschland auch die ber Arbeiterzahl nach größte Tabakindustrie hat, so findet man doch bie größten Tabakgesellschasten nicht in Mitteleuropa, sondern in England und Amerika. Besonders der englische Tabaktrust, dessen Herrscher Sir George W i 11 s vor einigen Wochen gestorben ist, hat sich in einem Vierteljahrhun- bert ein Weltreich geschaffen und ist zu einem Unternehmen getoorben, das nur mit den größten privatwirtschaftlichen Mächten, der Chernie- gesellschasten, den Petroleumtrusts, dem schwedischen Streichholztrust verglichen werden kann. Die „Imperial Tobacco Company“, wie der englische Tabaktrust heißt, hat fast eine Milliarde Kapital. Sie ist am brittsch-amerikanischen Tabaktrust maßgebend beteiligt, und man behauptet, daß sie jährlich fast die Hälfte der Welttabak- ernte, also ungefähr zwei Milliarden Pfund Tabak, umsetzt. In England selbst versorgt dieser
Trust ungefähr Dreiviertel der Raucherschaft mit seinen Erzeugnissen; wichtiger ist aber der Umsatz in den Dominions und im Fernen Osten. Die „Imperial Tobacco Company" h ft im letzten Jahrzehnt auf das eingelegte Stammkapital von 860 Millionen Mark regelmäßig 17 bis 25 Prozent Dividende verteilt, und die britisch-amercka- nische Schwestergesellschaft blieb niemals hinter dem Vorbild des rein englischen Trustes zurück. Das gesamte Tabakunternehmen hat in den letzten Jahren ungefähr 400 Millionen Mark jährlich verdient. Es befindet sich fast ausschließlich in Familienbesih, und Sir George Witts, dessen Testament kürzlich eröffnet worden ist. hat dem britischen Steuersiskus allein an Erbschaftssteuer über 80 Millionen Mark eingebracht. Aber die Erben sind dennoch nicht zu bedauern, da bas hinterlassene Vermögen ausreicht, sie unter die Heine Schai; ber reichsten Leute ber Welt aufzunehmen.
Mittiarden, die in Rauch aufgegangen sind, haben einige geschickte Leute immerhin zu Multimillionären gemacht, so daß doch noch etwas anderes als Asche von dem verbra.mten Tabak erhalten geblieben ist. In der deutschen Zigaret- tce.industrre sind srettich in den letzten Jahren keine gewaltigen Vermögen verdient worden. Diele Fabriken haben sich überhaupt nur gehalten, weil die Finanzämter die Beträge für die Danderolensteuer gestundet haben, und in den letzten Jahren haben sich ber Reichswirtschaftsrat, das Reichsfinanzministerium und die Industrieverbände mehrfach zu Beratungen über die Sanierung der Zigaretteninbustrie zusam- menfinden müssen. Am Anfang dieses Jahres war die Zigaretteninbustrie bem Finanzministerium ungefähr 150 Millionen Mark Steuer schuldig — aber es gibt auch Fachleute, bie diese Schätzung für zu niedrig halten und behaupten, daß bie Steuerschuld mindestens 230 Millionen Mark betragen habe.
Amtsenthebung des Kirchhainer Landrats.
Kassel. 28. Nov. (TU. Drahtbericht.) Der Landrat des Kreises Kirchhain, von Gilsa, ist, wie von zuständiger Stelle bestätigt wird, von seinem Amte vorläufig enthoben worden. Ob eine endgültige Amtsenthebung stattsinden wird, hängt von einer ministeriellen Entscheidung ab. Die Gründe für diese Maßnahme sind politischer Ratnr.
Aus Berlin wird über die Gründe für diese Maßnahme folgendes berichtet: Bor einigen Wochen war der Kasseler Regierung bekanntgeworden, daß die Nationalsozialistische Arbeiterpartei im Kreise Kirchhain, unweit der Universitätsstadt Marburg, über eine besondere Organisation verfügt, die ausgesvrochen militärische Zwecke verfolgt und ihre Mitglieder militärisch a u s b i l b e t. Wie der „Vorwärts" mitteilt, hat die Untersuchung der Anaelegenheit völlige Klarheit ergeben, daß diese verbotene Organisation winde- stens unter Duldung des Landrats von und zu Gilsa hatte wirken können. Es wurde festgestellt, daß Nationalsozialisten seit vier Wochen nächtliche Uebungen in den Wäldern des Kreises durchführen. Auf diese Feststellungen hin
Oie Reform der Reichsverfaffung ist ein Problem, bas noch lange Zeit im Mittelpunkt des politischen Interesses stehen wird. Um unserer Leserschaft ein möglichst umfassendes Bild des gesamten, mit dem (Stichwort
Hessen und die Neugliederung des Reichs eindeutig umschriebenen Fragenkomplexes zu geben, werben auf unsere Anregung hin bie berufenen Vertreter der Geographie, der Geschichte, der Wirtschastswissen- schafien und desStaatsrechts an unfererLandesuniversität als beste Kenner des verwickelten Problems in einer Reihe von Aufsätzen zu ihm (Stellung nehmen. Als erster wird Professor Or. Klute am (Samstag, dem 1. Dezember, die.Frage der Reichsreform von geographischen Gesichtspunkten aus erörtern.
heute um nichts mehr, Hans! — Ich habe alles vergessen."
„Du lügst!"
Sie weinte auf, griff nach seinen Fingern und küßte sie, so sehr er auch dagegen wehrte.
„Hast du mir von früher her irgend etwas verschwiegen, Drunhilde?"
„Hans!"
Mit einem Satze war sie an der Türe, von der er sie mit brutalem Griff zurückriß. „Antwort Witt ich! Hörst du!" Er hatte ein böses Wort auf der Zunge, verschluckte es aber, als er gewahrte, wie ihr ganzer Körper vor Furcht erbebte. „Haft du damals — du weißt, was ich meine — hat dir damals einer. .
„Hans!" Sie wand sich vor ihm in den Knien! „Du weiht es ja!"
Ja er wußte es! Er war ein Rarr gewesen, sich so zu erregen. Sie war in ihrer ganzen Reinheit zu ihm gekommen. Es stand ihm (einerlei Recht zu, sie durch eine derartige Frage zu bemütigen.
„Komm!" Er legte beide Arme um sie und zog sie auf seine Knie. „Wenn du dich nicht mehr entsinnen kannst, daß du heute zu mir sagtest, ich svttte dich an etwas erinnern, so ist es ja gut! Ich glaube dir, Hilde, und werde nicht weiter in dich bringen.“
Ihr Blick hob sich scheu zu dem seinen auf. Sie hatte noch immer Furcht vor ihm. „Wenn du erlaubst, daß ich ein paar Minuten für mich allem bin — vielleicht — sinbe ich mich wieder zurecht."
„Gut! Ich werbe bich allein lassen!"
Er ging nach seinem Orbinationszimmer hinüber unb brücfle bie Türe ins Schloß. Aber eö litt ihn nicht lauge. Rach kaum brei Mv- nuten staub er schon wieber vor ihr. „Laß fein, Kinb, unb komm zu Bett, es ist fast halb vier vorüber."
Sie blickte ihn an, ohne ihn zu sehen. An bem starren Ausbruck ihrer Pupttlen erkannte er, baß sie ihn gar nicht bemerkte, oder baß ihre Gedanken zum mindesten wett weg von ihm waren. Dann begann sie halblaut vor sich hinzusprechen.
„Hilde!" sagte er bittend.
„Es ist schrecklich, wie er leidet!"
„Wer?" In seiner Stimme schwankte Drohen und Reugier zugleich.
„Jettingen.“
„Hilde!" ®r fuhr vom Sofa auf unb hob sie zu sich empor. Unsägliches Mitteid mit seinem jungen Weibe erfüllte ihn. War es durch Hunger, Entbehrung und Angst vor ihm schon so weit gekommen, daß ihre Gedanken sich zu verwirren begannen? „Wir wollen schlafen gehen," mahnte er gütig. Starr sah sie ihm ins Gesicht. „Es ist alles von seinem Blut! lieber Gesicht, Hände und Füße rinnt es! Es ist ganz dunkel färben und sickert aus fleinem Herz em" Ihr Körper wurde plötzlich von einem heftigen Weinen geschüttelt. „Hier liegt er nicht. Hier nicht! Diel weiter nach rechts! Dort wo die roten Blumen stehn."
Dann Stille!--
Mit seitwärts geneigtem Gesichte ruhte sie schwer an seiner Schulter.
Die Lampe siackecte zuckend auf. Durch bie offenen Fenster kam der erste Strahl des erwachenden Sommertages unb des sich regenden LebenS.
Ern Wagen fuhr raffelnb vorüber. Aus den nahen Anlagen pipsten DogeIstimmen herüber. De reinzett I Schüchtern! Menschenlaute mischten sich aufdringlich dazwischen. Die Straßenfeger gingen an ihre Arbeit.
Fehmann nahm seine bewußtlose Frau und trug sie nach ihrem Zimmer. „Hilde!" flüsterte er abbittenb.
Aber sie hörte ihn nicht. Wie von einer tiefen Ohnmacht umfangen ruhte ihr Kopf gegen feine schweratmenbe Brust. Behutsam legte er sie in die Kissen und setzte sich bann zu ihr, bie kältestarren Finger mitleidig zwischen seine warmen zitternden nehmend, Unverwandt ruhten seine Blicke auf ihrem schneeigen Gesicht, in dem die Augen mit tiefen blauen Rändern eingezeichnet lagen.
Gegen Morgen erhob er sich geräuschlos, ging in sein Arbeitszimmer hinüber unb drehte bie Kurbel des Tisch Telephons.
„Rümmer 6640!" ,
Cs war erst sieben älhr. Was würde man sich im Hause Sjettingen denken, wenn er so früh schon schellte? Aber er konnte nicht anders! Die Sorge erwürgte ihn sonst.
Eine dünne brüchige Stimme meldete sich Dann wurde sie von einer anderen unterbrochen.
„Hans, du? Brauchst du mch?"
„Joachim, bist du es selbst!" schrie Fehmann überlaut.
„Gewiß, mein Lieber! Kann ich dir irgendwie dienlich sein? Wie ist dir unb Schwester Brun- Hilde ber Abend bekommen?"
„Gut! Ich banke bir, Achim! Ich wollte mich nur vergewissern, ob du auch ohne Unfall nach Hause kamst I Ich habe mir Dorwürfe gemacht, baß wir dich allein gehen ließen!"
„O, bu getreuer Jonathan!" Ein herzliches Lachen folgte. „Ich bin schon eine Stunbe durch den Prater geritten und habe mir bie Morgenluft um bie Ohren wehen lassen. Wenn es bir möglich ist, komm heute abend. Ein ganz intimer Kreis! Du kannst bann Schwester Brun- Hilde eine äleberraschung mit nach Hause bringen!"
„3a!"
„Schluß I" sagte eine energische Stimme von der Zentrale her.
Feßmann hängte den Hörer ein und ging zu seiner Frau hinüber.
Eine quälende Unraft war in ihm, mehr zu wissen unb den Fäden nachzuspüren zu dem Letzten, woraus Brunhilde ihr Ahnen schöpfte.
Als er sie auf die Stirne küßte, erwachte sie. In ratlosem Schrecken sah sie chn an. „Ich habe verschlafen, Hans! — Verzeih mir! — Es wird n.icht wieder vorkommen I“
Seine Lippen^ auf die ihren neigend, drückte er sie sorglich zurück. „Du sollst ruhen, solange du das Bedürfnis danach fühlst! — Cs ist übrigens noch gar niemand gekommen I" gestand er mit einem resignierten Lächeln. „Rur eine Frage, wenn bu mir noch beantworten wolltest!"
„Gern!"
„Hast bu früher irgendwo --ich sage besser — irgendwie als Medium gedient?" i
„Als was? — Hans?"
„Als Medium!" (Fortsetzung folgt.)


