Rr. 76 Drittes Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)___________Donnerstag, 29 März 1928
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schönes Geläute.
Getraut wurden im ganzen 173 Paare, m der Matlhäusgemeiute 43, in der Markusgememde 35 in der Lukasgemeinde 66. in der Johannes- gemeinde 29. Getauft wurden im ganzen 274 Kinder, diese verteilen sich auf die Matthäusgemeinde 70, auf die Markusgemeinde 65, auf dm
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Gaben betrugen 2435 Mark, auch dm für Arme bestimmten sonntäglichen Opfer ergaben 3029 Mark, so daß für Arme insgesamt 7151 Mark zur Verfügung standen. Außerdem wurden namentlich an Weihnachten für Arme Kleidungsstücke und Lebensmittel zur Verfügung gestellt. Für dm Heidenmission wurden gespendet 3521 Mark, für Innere Mission 9921, für den Gustav-Adolf- Derein 1766 Mark, für den Evangelischen Bund 1098 Mark und für Zwecke der Kirchengemeinte zur Velebung des Gottesdienstes usw. 5502 Ml.
QIn zweiter Stelle stand auf der Tagesord
nung die
Beratung
des Voranschlags für das Rechnungsjahr 1928. Der Voranschlag gliedert sich in einen ersten und einen zweiten Teil. 2m ersten Teil werden dm Einnahmen und Ausgaben für das eigentlrch kirchliche Gemeindeleben verrechnet, der zweite Teil bezieht sich nur auf einige Vesoldungsgüter und Vesoldungskapitalien. 2n Einnahme und Ausgabe beziffert sich der erste Teil auf 147 967,92 Mk. Die Einnahmen setzen sich hauptsächlich aus der Ortslirchensteuer zusammen, dm im gleichen Vetrag wie im Vorjahre, nämlich mit 115 000 Mk. erhoben werden soll, lieber die Art des Ausschlages der Kirchensteuer auf die einzelnen Steuerpflichtigen ist noch nichts Näheres bekannt, erst in der vorigen Woche hat im Landesfinanzamt eine Sitzung stattgefunden, in der hierüber verhandelt wurde. Bekanntlich ist ein neues Kirchensteuergesetz in Vorbereitung, doch wird dieses sich nicht mehr für das Rechnungsjahr 1928 auswirken. Zu erwarten ist, daß der Betrag der Ortslirchensteuer für den einzelnen Steuerpflichtigen gegen das Vorjahr sich senken wird. Außer der Ortskirchensteuer sie- hen der Kirchengemeinde noch einige kleinere Ein-
Die Lvang. Gemeinde Gießen im Ähre 1927
Der Haushaltsvoranschlag für 1928.
Verbesserung de» Vesoldungsd enstal ers für schMrkriegsbeschäd gte Beamte.
Die Kriegerkameradschaft Hassia Darmstadt teilt mit:
Das neue Besoldungsgesetz enthält eine Vorschrift. wonach das BesoldungSdienstalter der aus Grund des Beamtenscheins angestellten Beamten angemessen zu verbessern ist. Eine entsprechende Verbesserung kann auch anderen schwerkriegsbeschädigten Beamten gewährt werden. Das Nähere sollen die Ausführungsbe- stimmungen regeln. Wie der Verband der Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen des Deutsche Neichskriegerbundcs „Kyffhäuser" mitteilt. hat nunmehr der Reichsfinanzminister die Ausführungsbestimmungen veröffentlicht. Das Desoldungsdienstalter der auf Grund des Be-
Dieser Tage trat die G es a m t g e m e i n de- Vertretung der evangelischen Gemeinde Gießen im Markussaal zu 'einer Sitzung zusammen, die von Pfarrer Bcchtols- Heimer geleitet wurde. Erschienen waren 70 Mitglieder. Der Vorsitzende erstattete zunächst den
Bericht über die kirchlichen Ereignisse im abgelaufenen Jahre:
Auch im Jahre 1927 hielten kirchliche Organisationen in unserer Stadt ihre Jahresversammlungen ab. Vom 20. bis 21. August fand hi<w das Jahressest des Verbandes evangelischer weiblicher Jugend in Hessen statt. Vom 12. bis 14. November 1927 tagte hier der Landesverein des Evangelischen Bundes für Hessen. Leider wurde im September v. I. die R e f o r m a t i o n s l i n d e durch Schnitte mit einem Messer beschädigt. Erfreulicherweise ist der Baum hierdurch in seinem Wachstum nicht gehemmt worden.
Im Herbst des Jahres wurde die Teilung der Lukas- und Iohannesgemeinde vorgenommen. Psarrverwalte^ D o h e r t, seither in Reiskirchen, übernahm die südliche Lukasgemeinde und trat am 9. Oktober 1927 seinen Dienst an. Pfarrer Lenz, seither Stiststeckant in Lich. übernahm die zweite Johannespfarrstclle und wurde am 6. November 1927, dem Reformationsfest, durch Dekan Guß mann in sein Amt eingeführt. Am 20. Novemter hielt der Genannte zum erstenmal Gottesdienst in der Kapelle auf dem alten Friedhof. Diese Gottesdienste fanden alsdann regelmäßig an Sonn- und Festtagen statt. Ende November wurde das Haus Ludwigsplah Nr. 2 als Pfarrhaus für die zweite Pfarrstelle der Johannesgemeinde angefauft. 3n der Elisabeth Klcinkinderschule sollen demnächst Gottesdienste eingerichtet werden.
Im Frühjahr d. I. regte Amtsgerichtsrat Gros an, daß, wie es in Alsfeld und anderen oberhessischen Orten Sitte ist, hier das M a i e n - blasen eingeführt werden sollte, der genannte Herr sammelte selbst das hierzu erforderliche Geld. An jedem Samstag im Mai wurden von einer Musikkapelle, im Anschluß an das Abendläuten von deni Turm der Johanneskirche Choräle und Volkslieder gespielt. Jedesmal fand sich auf dem Platz vor der Kirche eine nach Hunderten zah- lende, dankbar gestimmte Zuhörerschaft ein. Amts- gerichtörat Gros regte weiter an, daß am Weihnachtsabend, nach dem Abendgottesdienst, ebenfalls vom Turm der Johanneskirche Weih- nochtslieder gespielt und daß zwei Christbäume auf dem Turm angebracht wurden. Diesmal fand sich eine nach Tausenden zählende Menge auf dem Platz vor der Kirche ein. Auch diese Darbietung fand die dankbare Zustimmung der Gemeindeglieder.
In den einzelnen Gemeinden wurden sehr viele Familienabende mit Vorträgen, insbesondere mit Lichtbildervorträgen, abgehalten. In der Johanneskirche lief ein „Oberlin-Frlm , in der Stadtkirchc ein Film, der über Arnienien berichtete. Am Karfreitag führte der Kirchengesangverein ein Passionswerk von Arnold Mendelssohn auf. Die Veranstaltungen dieser Art sind so zahlreich gewesen, daß sie nicht alle aufgezählt werden können.
Am 11. Oktober 1927 gelangten die von der Firma H. W. Rincker in Sinn gegossenen Kirchenglocken, eine für die Stadtkirche und eine für die Johanneskirche, hier an. Sie wurden im feierlichen Zuge von dem Bahnhof nach der Johanneskirche geleitet. Vor der Johanneskirche wurde eine kurze Feier abgehalten, zu der sich Tausende von Teilnehmern eingefunden hatten. Am Abend des 15. Oktober erklangen die beiden neuen Glocken zum erstenmal von den Türmen. Jetzt besitzen wir wieder ein vollständiges und
nahmen aus Pacht für verliehene Güter, aus Kapitalzinsen und aus den Kirchenopfern zur Verfügung, hinzu kommt noch der Rest aus dem Jahre 1926 mit 5668,65 Mk. Aus Grund des Er- gebnisscs des Rechnungsjahres 1927 wurden für , . « n0 । öffentliche Abgaben 7333 Mk.. für Brandversiche-
Lukasgemeinde 147, auf die 3ohaune-gememoe 92. I rimgsbeiträge 750 Mk., für bauliche Reparaturen Konfirmiert wurden im ganzeni «z Rinder, 235 Ml. vorgesehen. Dieser Betrag ist deshalb diese verteilen sich auf die Watt.-ausgemeinoe verhältnismäßig groß, weil die Heizungsanlagen 108. aus die Markusgemeinde 100, auf che Lulas» öer Stadtkirche und des Lukassaates einer gründ- gemeinde 159, auf die Johannesgemeinde 110. I Reparatur bedürfen. Die Kirchenge- Beerdigt wurden im ganzen 294 Gemeinde- m c i n b e will ihre Obligationen, die vom glieder, in der Matthausgememte 61. in der ^au der Johanneskirche in den Jahren 1891 Markusgemeinde 60. in der Lukasgemeinoe 95, i8g3 und der Wiederherstellung der Stadt- in der Johannesgemeinde 78 Am heiligen - im 3a^re 1898 hcrrühren, mit 1 5 Pro» Ab endmahl beteiligten sich 4441 Gemeinde- $cnf auf werten, hierzu ist eine Kapital- glieder. . aufnah mevon 21 650 Mk. nötig. Die Kosten
In beiden Kirchen und m der Kapelle des für Besoldungen belaufen sich auf 26 885,13 'Slt.. alten Friedhofs wurden im ganzen 2 59 ot - | verschiedene kirck.iche Einrichtungen (Kirchen- tesdienste sür Erwachsene und Ivo Rin- gcfQngDerein, Jugend.Bereinigungen, Gemeinde- . dergottesdienste veranstaltet Es entfallen f(ßtoefteEn usw.) wurden 15515 Mk. bewilligt, auf die Stadtkirche 123, auf die johanneskirche ^amit 6cr südliche Teil der Lulas- 129, auf die Kapelle 7 Hauptgottesdienste, auf I gemeinde eine gottesdienstliche Stätte erhält, die Stadtkirche 49, auf ^e johanneskirche 51, auf tDCC.en der großen Entfernung von der 3o- >die Kapelle 7 KinLcrgottesdienste. Die Z a h 1 d e r ^ouueskirche dringend nötig ist, soll ein Ge - Kirchenbesucher betrug am 1. Ostertag 2Z25 meindehaus erbaut werden, hierfür wurde (2545) Erwachsene und 1131 (?92) Ämter, am Q[d erfte ^ate der Betrag von 15 000 Mk. 12. Sonntag nach Trinitatis 877 (1211) Erwachsene ^staeseht. Die übrigen Ausgaben verteilen sich und 702 (845) Kinder, am -^bventssonntag auf f(eincre Posten. Im zweiten Teil belaufen 1277 (756) Erwachsene und 1052 (1005) hinter sich die Einnahmen und Ausgaben auf 8262,50 Die eingeklammerten Zahlen beziehen sich auf Dass QRarf Dieser verhältnismäßig geringe Betrag Vorjahr. rührt daher, daß die evangelische Kirchengemeinde
Lieber das Sektenwesen ist Nichts be Hießen nicht viele Besoldungsgüter besitzt, diese sonteres mitzutellen. der Zulauf zu den Sekten bemeff(m sich nur auf 30 Morgen, von denen die scheint seinen Höhepunkt überschritten zu Haven. mei«cn Wiesen sind. Die Kirchengemeinde ter 3m Oktober hielt Herr W a l z aus “Ungen Prvvinzialhauptstadt besitzt somit weniger Be- (Württemberg) m teqi 3ohannessaal gut besuchte s^dungsgüter als viele kleine Landgemeinten. Bibelstunten, die sich besonders auch gegen ge- ?ln die Erörterung dieser beiten Beratungs- wisse Schäden 'm Geinemdeleben richteten Diefe gegenstände schloß sich eine ausgedehnte Vorträge hatten die wohltätige Folge, daß unsere ohidfhimcte
Dibelstunten erheblich besser besucht werden als . ....
seither an. Es wurde der Wunsch vorgetragen, dafür
3m Berichtsjahre fanden einige bauliche zu sorgen, daß die Kirchen st euerbe s ch e 1 d e Reparaturen statt. Das Gemeindehaus möglichst frühzeitig den Steuerpflichtigen in ter Kirch st raße wurde einer gründlichen ausgehändigt werden sollen, damit diese nicht Ausbesserung unterzogen und neugestrichen, auch zwei Ziele auf einmal bezahlen müssen. 3n ter wurde es mit ter elektrischen Heizungsanlage ver- Kriegszeit ist die alte Sitte, abends um sehen Auch ter L u k a s - und der3ohannes- 5 LI h r vom Turm der Stadtkirche zu saal wurden neugestrichen. läuten, in Wegsatt gekommen. Cs wurde an-
or. e-ufnU»« im nnrren 2614 Mark geregt, diese Sitte to-eter einzufuhren und auch ein Die für die Ort5auncn bestimmte llkeujahrs- m i t tags u m 1 2 LI h r lauten zu lassen. Leb- kollekte betrug 109 Mark, Buß-un^ De^ag die Stadt Gießen^von
kaufen “nö Trauung g 9; iniä9 ' ( 1 ^en QJetoo^nern der benachbarten preußischen Di- - 'str,>rme jteiiviuty u w_ w | die nur zu ihrem Vergnügen hierher
kommen, überlaufen wird. Es wurde geltengemacht, daß es wünschenswert wäre, in allen deutschen Landeskirchen den Buh- und Bettag auf einen Tag zu legen, damit dieser Tag auch seine Geltung bekommt. Aus der Versammlung heraus wurde gesagt, daß in Gießen am preußischen Buß- und Bettag mitunter Darbietungen stattfinden und namentlich von Auswärtigen besucht werden, die dem Ernst des Tages widersprechen. Die Behörden, die hierfür zu entscheiden haben, sollen gebeten werden, auf diesem Gebiet das Nötige zu veranlassen. Diese Entschließung fand einstimmig Billigung. Bedauert wurde auch, daß die Sonntagsfeier durch Veranstaltungen, die in die Zeit des Gottesdienstes gelegt werten, beeinträchtigt und daß ter Karfreitag von Vereinen zu Ausflügen benützt wird.
amtenscheins angestellten Beamten wird hiernach in ter Regel bei ter ersten planmäßigen Anstellung um 4 3ahre verbessert. Die oberste Reichsbehörte kann auch das 'Besoldungsdienstalter eines schwerkriegsbeschädigten Beamten, der nicht auf Grund des Beamtenscheins angestettt ist. in gleicher Weise verbessern, wenn die Beschädigung vor Aufnahme in das Deamtenver- hältnis eingetreten ist. Diese Bestimmungen gelten auch für Beamte,die am 30.9. 27 bereits planmäßig angestellt waren. Für die hessischen Staatsbeamten teerten zur Zeit die Verhältnisse für die schwerkriegsbefchädigten Beamten im hessifchen Landtage verhandelt
Berliner Börse und Geldmarkt.
Das Märzheft ter Wirtschaftlichen Mitteilungen der Deutschen Bank enthält über „(Berliner Börse und Geldmarkt" nachstehende Ausführungen:
Soweit die Spekulation Llnternehmungslust zeigte, äußerte sie sich in Spezialbewegungen, so vornehmlich in Kunstseidewerten: nächst diesen Werten waren die Grammophon-Aktien lebhaft begehrt, die ähnlich wie die ersteren in einer internationalen Sphäre gebettet sind und daher ter Phantasie einen starken Anreiz geben. Diese Sonderbewegungen stärkten auch zeitweise die Tendenz auf anderen Märkten. Daß einzelnen Llnternehmungen vom 3n- und Ausland großes Vertrauen entgegengebracht wird — auch ohne das besondere Merkmal ter 3nternationalität — erweist die Tatsache, daß trotz des auszuüben- ten und zu steigenden Kursen notierten Bezugsrechts auf die 250 Millionen Mark C 0 nver - tible-Bonds der 3.-G.-F arben-Jndu- st r i e ter Kurs ter Aktien während des De- zugsrcchtsangebots nicht gedrückt lag. Auch ter auf die Divitentenreduktion erfolgte Kursrückgang bei Harpen ist bei ruhigerer Betrachtung ter Sachlage wieder ausgeglichen worden.
3m übrigen zeigt die Lage auf den Aktienmärkten keine wesentliche Veränderung gegenüber dem Vormonat. Eine ausgesprochene Verkaufsncigung ist nirgends zu verspüren, aber ebensowenig eine allgemeine Beteiligung des Publikums, das fiel) jedoch ter bedeutenden Produktion von festverzinslichen Werten gegenüber weiter aufnahme- willig zeigt. Die Rendite der festverzinslichen Werte ist allerdings in pernamentem Anstieg, und die letzten kommunalen 3nlandsan- leihen kommen den ausnehmenden Städten recht teuer z u stehen.
3n den Vereinigten Staaten hat sich ter Kursstand ter deutschen Effekten int ersten Viertels ahr 1928 merklich gehoben; 6,5prozentige Anleihen notieren 2 bis 3 Prozent höher als am 3ahresente. Die ausländischen Kapitalmärkte sind wieder aufnahme- williger für deutsche Emissionen geworden; int Februar hatten die deutschen Auslandsanleihen- Emillionen zum erstenmal seit den Erörterungen im November vorigen 3ahres wieder eine neunstellige Ziffer erreicht. Aber auch bei inländischen Emissionen beteiligte sich ausländisches Kapital, dessen 3ntereffe wohl durch die besondere Qualität ter Reichsbahn-Vorzugsaktien wachgerufen wurde und sich nun auch weiterhin bei den folgenden Emissionen erhalten hat.
3n dem Maße, in dem ausländische und inländische Faktoren zu einer Besserung der Verhältnisse auf dem Geldmärkte, der im Augenblick noch unter dem Druck des nahenden Quartalsultimos steht, künftighin beitragen, wird sich auch das Geschäft auf den Effektenmärkten beleben. Der Monat April gibt durch das Zusammentreffen von Dividendenauszahlung aus dem Geschäftsjahr 1927 und Zinstermin dem Kapitalistenpublikum bedeutende Beträge in die Hand, die kaum weniger als 300 Millionen Mark betragen werden. Sehr beachtenswert ist auch der starke Abfall des Wechselstempelertrages von 4,3 im Dezember und von 4,5 im 3anuar auf 3,96 Millionen Mark, ter zeigt, daß im Februar weit weniger Wechsel als in den Vormonaten ausgeschrieben worden sind.
Vie gowenen Berge.
Vornan von Clara Diebig.
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart. 26. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Mit einer unendlichen Zärtlichkeit ruhten die Blicke des alten Mannes auf Fluß und Bergen, saugten sie in sich. Hämmerten sich förmlich daran fest' mochten die Leute denn kommen, der Allge- meinheit zuliebe — die Armut an der Mosel mußte in manchem dadurch abgeholfen fein — aber hier oben sollten sie nicht hinauf, sie konnten von wo anders die Aussicht bewundern. Dies hier war fern Berg. Don hier oben wollte er, er allein nur bewundern, schwelgen, genießen, weit übers 2anb mit den goldenen Bergen Hinblicken, über fein Land, sein Heimatland. Er, er allein. Uno selbst wenn er tot war noch! ...
Im Hause unten war alles festlich. Lena hatte Kuchen gebacken, nach denen es buttrig und nach frischer Hefe roch. Sehr viele Kuchen, von allen Sorten: Zwetschgenkuchen, Apfelkuchen, Weinbeeren» kuchen, Knappkuchen. Aber auch noch feinere Torten mit Mürbteig und Cremefüllung und Mandelguß, Torten wie vom ersten Konditor. Heute noch sollte davon ausgetragen werden, jeder in der Nachbarschaft bekam sein Teil. Herr Dousemont selber wollte die Stücke schneiden, die Lena schnitt sie ihm nicht groß genug. Maria würde zu laufen haben. Und sie war doch schon so müde.
Wo war nur die Frische des Mädchens hin? Schon länger glaubte Herr Dousemont bemerkt zu haben, daß Maria verändert war, heute fiel es ihm besonders auf, wie blaß sie war. Gelblichblaß, als sei ihr die Galle ins Blut getreten. Ihre Wangen hatten etwas Wächsernes, und das Lächeln, das 'hr Gesicht zeigte, als er jetzt mit ihr sprach, war em Lächeln, erzwungen, puppenhaft, wie es Wachsbilder zur Schau tragen.
„Du siehst nit gut aus, Kind, fehlt dir wat?" fragte besorgt Herr Dousemont. „Dat fehlte noch, dat du mir ausspannft — die Lena is so schon verrückt.
„Sie können ganz ruhig sein", fable das Mädchen und zeigte ein Lächeln, in dem die blassen Lippen breitgezogen wurden.
Maria kam Herrn Dousemont heute gar nicht so hübsch mehr vor — woher kam das nur? Die Züge waren doch noch die gleichen: das weiche Oval, tue gerate Nase, der gutgeschnittene Mund, das ganze stolze und zugleich liebliche Gesicht — und doch war es jetzt anders. Als fei eine rauhe Hand darüber gefahren und habe den Schmelz fortgewischt. Auch der Glanz ihrer schönen dunklen Augen war nicht mehr da, sie waren stumpfer geworden. Maria hatte sich entschieden übernommen, in den letzten Wochen viel zu sehr angestrengt. Aber sie hatte ja nicht mit sich reden lassen, es nicht zugegeben, daß noch eine Hilfe herangezogen wurde, ganz allein hatte sie das Haus geputzt vom Boden bis zum Keller, die Fenster, die Dielen, die Wände, die Treppen; auf den Knien hatte sie gelegen im schaumigen Schmutzwasser, die Fliesen des Flures gescheuert und die Steinplatten vor den Hauseingängen. Die Lena mußte währenddessen servieren. Maria war immer im Scheuer- kostüm, sie kam nicht herein. Selbst nicht, als der Heinrich noch einmal kurz da war. Der bekam sie überhaupt nicht zu sehen. Maria war erkrankt sie hatte sich zu Bett legen müssen. Aber als Herr Dousemont den Sohn zu ihr schickte, hatte der vergebens an ihre Türe gepocht, die war zugeschlossen: nein, sie brauchte keinen Doktor, sie brauchte überhaupt niemand und nichts, man sollte sie nur ganz ruhig liegen lassen, schlafen, bann kam sie am schnellsten wieder in Ordnung. Sie war damals sehr eigensinnig gewesen. Hoffentlich spielte sie ihm jetzt nicht einen ähnlichen Streich?! Herr Dousemont betrach, tete sie argwöhnisch. Aber sie war munter und funk auf den Füßen trotz ihres schlechten Aussehens.
Es war über aller Arbeit Abend geworden, als sie noch an der Tafel deckten. Herr Dousemont ging an ihr entlang und sah immer wieder nach, ob auch nichts vergessen war. Fünfundzwanzig Personen, die Tafel war lang und durch zwei Zimmer gedeckt. Maria rieb noch einmal die Bestecke blank, und Fräulein Schmitz, die Schneiderin, die bei festlichen Gelegenheiten vielfach zu Hilfe geholt wurde, denn sie konnte auch frisieren und Bräuten Strang und Schleier aufstecken, faltete kunstvoll die gestärkten Servietten.
Nun war alles fertig, morgen kam bann nur noch die Blumendekoration: Mnrtengrün und rote Rasen. Der Tafelaufsatz, ein Hochzeitskuchen, bas Wunber- werk eines Konbitors aus Koblenz, ftanb schon in
ber Mitte. Ein Junge hatte ihn per Bahn in einer hohen Schachtel hierher gebracht. Herr Dousemont selber hatte ihn ausgepackt, Marias Hände zitterten, sie waren zu ungeschickt geworben burch bas viele Putzen. Nun zielte ber kleine Amor in feinem Wägelchen, bas Täubchen an rosa Bändchen zogen und bas zu oberft auf ber hohen Bekrönung von gebranntem Zucker unb Mänteln ftanb, auf den Platz hin, auf bem bas junge Paar sitzen sollte.
Nettchem Schmitz war entzückt, Herr Dousemont auch, selbst bie Lena äußerte Beifall, nur Maria schwieg.
„Wunberschon", sagte Herr Dousemont unb sah Maria fragend an: die sagte ja gar nichts?
„Wunderschön", wiederholte das Mädchen gedankenlos. Es war Maria seltsam zumute, sie hätte laut heraus etwas schreien mögen und bann sort- laufen, so weit fort, daß niemanb sie mehr roieber-- fanb. Oh, baß Herr Dousemont sie boch hätte gehen lassen, als sie fort wollte! Sie hatte sich boch zuviel zugemutet. Nun war es ihr, als könnte sie bas nicht überleben. Was nicht? Ach, alles nicht. Wenn nur erst ber Tag morgen überftanben wäre, ber war der schlimmste von allen Tagen! Sie hatte Angst. In das Festzimmer sollte sie treten, bie schwere Schüssel auf den Händen, um bie Festtafel sollte sie herumgehcn, ben Festgästen anbieten — ihm anbieten, seiner jungen Frau anbieten — würde sie's können? Würde sie die Schüssel nicht hinfallen lassen vor lauter Scham? Ach, nur lächeln, immer lächeln, damit niemanb ihre Scham merkte! Oh, baß sie sich so vergessen hatte! Jetzt war es ihr nicht mehr begreiflich. Die Verzauberung war von ihr gewichen: jetzt sah sie den Berg, durch den sie damals geschlichen waren in jener Nacht, in ber Sterne zur Erbe fielen unb Leuchtkäserchen ihre Funken ins Dunkel streuten, ganz anbers an: ein Berg wie alle anberen Berge auch, ein Berg mit vielen Weinstöcken unb oben auf ihm ein kleines Kapellchen O weh. bas Kapellchen! Sie stöhnte auf unb barg das Gesicht in den Händen.
„Was is ihr, was is ihr?" fragte zu Tobe erschrocken Herr Dousemont.
Nettchen hielt ber halb Ohnmächtigen ein Glas Wasser an ben Munb, Maria schluckte mechanisch. Unb bann bem Zusammenbrechen schon nahe, raffte sie sich boch roicber auf, sie nahm sich zusammen, sie lächelte roieber unb eine Spur von Farbe stieg in ihre wächsernen Wangen.
Herr Dousemont kam gleich mit Wein: „Da trink, trink! Dat is besser als Wasser!"
Aber sie stieß ben Wein mit Ekel von sich: der war auch auf so einem Berg gewachsen, auf so einem Berg. „Et geht schon vorüber," sagte sie mühsam, unb bann, ein Lachen erzwingenb: „Da sein ich bald schwach gefallen — zu bumm!"
„Geh zu Bett, leg bich nur gleich hin", brängte Herr Dousemont. Er stieß einen Seufzer aus: da hatte man's ja, nun spannte die wahrhaftig doch aus.
Aber sie spannte nicht aus. Im lichten rosa Kleid, das ihr Herr Dousemont vor der Ankunft des Sohnes geschenkt, in bem sie wie eine Mciienrose vorm Spiegel ber buckligen Näherin gestauten hatie, strahlend in unbefangener Heiterkeit, ftanb Maria heute vor ber Gartentür. Sie sollte aufpassen; wenn sie das Auto tuten horte, in bem bas junge Paar von Koblenz kam, dann sollte sie zum Berg hinauf- winken. Dann mar’s Zeit, daß Herr Dousemont ben Befehl gab, bann krachten bie Böller.
Drei mächtige Böllerschüsse, bie im Berg ein grol- lenbes Echo weckten, bas sich zu anberen Bergen fortpflanzte, so baß es lange noch nachgrollte, begrüßten das junge Paar. Der Alte schloß den Sohn sehr gerührt in bie Arme, unb ber junge Mann war auch gerührt: was hatte fein alter Herr alles ange- ftellt, um ihn festlich zu empfangen! Alles blinkte und blitzte, an ben Fenstern wehten frisch gewaschene Gardinen, auf bem Türmchen oben bie Fahne, um bieHaustür wand sich eine Girlande von Grün mit leuchtenden Blumen: „Willkommen, glückliches Paar." Im Flur, bie Wänte entlang, stauben, wie zu Pfingsten bie üblichen Maien, jetzt Tannen; sie waren frisch aus ber Eifel geholt, sie bufteten stark und köstlich .
„Weihnachtlich", flüsterte bie junge Frau unb lächelte glücklich. War bas hübsch hier!
Herr Dousemont wollte ihr, sich galanter Zeiten erinnernb, zuerst bie Hanb küssen, aber bann besann er sich: 0 wat! faßte bie Schwiegertochter um und gab ihr einen derben Schmatz. Ein hübsches Frauchen! Mit ber würbe er sich schon gut verstehen. „Maria!" Wo steckte bie denn? Maria sollte abnehmen helfen.
(Fortsehuny folgt.)


