Ausgabe 
28.11.1928
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 289 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Mittwoch, 28. November (928

Jugend und Hochschule.

Englisches Stndentenleben.

Oxford und Lambridge, die Hochburgen der Tradition.

Don Erich Brandt, Berlin.

Schon seit Jahrhunderten besteht zwi chen den beiden alten englischen Univerjltäten. die bis vor etwa 100 3abren die ehulgen in aanz <$ng- land waren, eine sriedlicho, aber treu über­lieferte Rivalität. Zum Ausdruck kommt dieser Wettstreit in den alljährli hen BootZr nn.m. die daS ganze britisch« We.trrich in Aufregung ver­setzen. Aach diesen zu urteilen, grbübrt aber Cam­bridge der Vorrang, denn deren Mannschaft war schon mehrere Jahre hintereinander siegreich. Doch auch sonst tut jede der beiden Univerfltäten gern daS (Gegenteil von dem. waS die andere unternimmt. Bezeichnend hierfür ist. bah Cam­bridge auch heute noch nicht seinen weiblichen Studierenden akademische Grade zuerkennen will, während Oxforb dies schon seit fast 8 Jahren tut, obwohl daS erst« Krauen College in Oxford erst 9 Jahre nach dem ersten in Cambridge ge­gründet wurde.

Man ist überhaupt an diesen beiden Kultstätten der Tradition sehr kon'ervativ. Doch bemüht sich anscheinend Cambridge auch hier um den ersten Platz. Das zeigt fidj) allerorts, oft an scheinbar ganz wesenlosen Älcmlgfeiten. So fällt es einem auf, dah in Cambridge der alten Sitte getreu, nur die Professoren die gut aep legten Rasen­flächen aus den Höfen der Colleges betreten dürfen, während die Studenten eS nie wagen würden, ein Gleiches zu tun. Danz anders in Oxford. Schon lange gilt hier auf dem Rasen Professor und Student dasselbe, sogar ein Frem­der, der nicht zum College gehört, darf dort un­gestraft den grünen Teppich betreten.

Richtet man jedoch sein Augenmerk mehr auf das eigentliche Studentenleben, das an diesen beiden Universitäten herrscht, dann findet man weit weniger ilnterfdjteDe. Hm den besonderen Charakter dieses StuLenienlebens recht verstehen zu können, muh man sich etwas mit dem eigent­lichen Aufbau der HnüeerUäten bekanntmachen. Die .Universität" ist nämlich In Oxford sowohl wie in Cambridge ein Ding, das nach unseren Begriffen gar nicht vorhanden ist. An ihrer Stelle findet man in jeder der beiden Städte etwa 20 verschiedene Colleges, die je 100 bis 300 Studenten beherbergen. Zeder Student, der aber der Universität angrhören will, muh auch Mitglied eines dieser Colleges fein.

Doch nicht nur die Zahl der Studenten, auch die Profess orenschaft vertellt sich über diese Colleges. ZedeS College hat seinen bestimmtenStab" von Professoren und Dozenten, die im College selbst ihre Vorlesungen abhalten. Jedoch ist es jedem Studenten erlaubt, auch beliebige Vorlesungen cm anderen Colleges zu hören. Deshalb wird die Ausbilbungsmöglich-keit durch diese scheinbare Zerrissenheit des Unterrichtsbetriebes nicht ge­fährdet.

Ueber das Verhältnis der einzelnen Colleges zu der eigentlichen Universität äuherte sich mir gegenüber ein Oxforder Student dahin, dah es sich dabei etwa so verhalte wie bei den deutschen (Sinketfloaten und dem Reich. Auch jedeS College hat seine Eigenverwaltung und legt sehr a ohen Wert darauf, während die Universität als Re- prascntatiou von allen Colleges unterstützt wird und in erster Linie die verschiedenen Prüfungen abzuhalten hat. Aber dieser Vergleich berührte, sicher unbeabsichtigt, noch einen anderen Aehn- lichkeitspunkt. der ihn jedoch nur noch treffender erscheinen läßt. Wie sich nänllich viele Deutsche mit dem Reich weniger verbunden fühlen als mit

ihrem Heimatstaat, so ist es auch mit dem Colleae- I Studenten. Sie sind in erster Linie Mitglieder ihres College, erst dann kommt für sie die Uni­versität. Auch mehr oder minder grohe Span- I nun gen herrschen oft zwi chen Angehörigen ver­schiedener Colleges, ähnlich wie sie bei uns manch­mal zwischen Vertretern verschi drner Stämme, wie Preusen und Dazern, zutage treten.

Diese Colleges sind nun di? wahren Träger deS akademischen LebsnS. Stubmt.n!eben ist in Oxford und Cambridge identisch mit Col ege­leben. Die Mitglieder jedes Colleges bilden ge- wis ermahen eine grohe Familie, d e sich eng ver­bunden fühlt. Zeder Student ist einemCollege- Tuitor, das ist ein älterer Akademiker, zuge­wiesen, der ihn an »Ellern Statt" zu betreuen bat. Abends essen alle Studenten gemeinsam in der grohenHalle", jeder Jahrgang an seinem Tisch, oder in den berühmtesten Colleges, wo der Platz schon lange nicht mehr ausreicht, zu bestimmter Stunde. Cs überfommt einem ein eigentümliches Gefühl, wenn man da unter 200 bis 300 Vertretern der englischen oberen »Zehn­tausend" fitzt, in einer Halle, die viels Hundert Jahre alt ist und von deren Wänden einen die weltberühmten Männer zu Dutzenden anblicken, die auch einst in dieser Halle gesessen haben.

Es ist nicht der Hauptzweck der beiden alten Universitäten Oxford und Cambridge, ihre Schü­ler zu hervorragenden Wls enschaf tern und Ge­lehrten zu erziehen, obwohl auch solche in nicht geringer Zahl aus ihnen hervorgegangen sind. Man will hier vielmehr den Vesten der jungen Generation, die durch Abstammung oder Veran­lagung dazu bestimmt sind, später eine mehr oder weniger grohe Rolle im gesellschaftlichen und politischen Geben des briti chen Weltreiches zu spielen, eine diesem Zweck entsprechende Er­ziehung angedeihen lassen. AuS diesem Grunde pflegt man auch gerade hier Geselligkeit und Kameradschaft in vorbi'd idxr Weise.

So ist z. 2. allgemein «Sitte, dah man bis auf daS erste Frühstück keine Mahlzeiten allein ein­nimmt. Zum Lunch oder Tee lädt man viel­mehr zwei oder drei befreundete Studenten ein, wenn man nicht selbst eingeladen worden ist. Am meisten laden sich natürlich in dieser Art die Mitglieder eines College untereinander ein, wenn man nicht selbst eingeladen worden ist. Am meisten laden sich natürlich in bieder Art die Mitglieder eines College untereinander ein. aber auch bekannte Studenten eines fremden College sind oft gern gesehene Gäste. Die Gastfreundschaft unter den Studenten kennt überhaupt für unsere Begriffe gar keine Grenzen. Selbst wenn man als Ausländer einem Studenten durch einen Kom­militonen vorgestellt wird, pflegt oft schon daS zweite Wort eine Einladung zu irgendeinem Essen zu sein.

Diese kleinen Studentengesellschaften sind das typischste Kennzeichen deS clltenglischen Studenien- lebens. Man benimmt sich bei seinem Freunde ganz, als ob man zu Hause wäre, und spricht nach dem Essen über alle möglichen Dinge. Jede Frage des gesellschaftlichen, politischen ober wirt- schaftlichen Lebens wird bei dieser Gelegenheit eingehend erörtert Hier wird auch die Politik des eigenen Colleges ober ber Universität ge­macht. Durch alle diese gemeinschaftlichen Mahl­zeiten und Debatten bildet sich aber zwischen Den Studenten ein so enges Derbundensein heraus, wie es an den deutschen Universitäten auch nicht annähernd zu finden ist Es ist ein gesellschaflliches Leben von überaus zwangloser, aber dennoch nicht formloser Art, das sich mit dem in den deutschen Studentenverbindungen keineswegs vergleichen läßt

Ein besonderes Gepräge erhält das Studenten­leben an den alten Universitäten durch die eigene

Besuch in einer ÄegeruniversM. Don Richard Huelsenbeck, Durban (Südafrika)

Vor hundert Zähren standen da. wo sich heute die Großstadt Durban erhebt, noch die Kraals ber Zulus, wo heute bie Motorbarkassen Wett­rennen um silberne Pokale machen, schwammen Krokodile und Leguane, und in den Bergen, durch die heute die AusflugsautoS fahren, brüll­ten die Löwen und bellten bie Schakale.

Die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Aus den Zulus sind zivilisierte Leute geworden. Diele von chnen arbeiten als Kaufleute ober sind in Banken angestellt, sie gehen in moderner Klei­dung und benehmen sich, als wenn sie Iahr- hunderte nichts anderes getan hätten wie vollendete Gentlemen.

Die Aegerfrage ist für die regierende Klasse ein schwieriges Problem geworden 3m An­fang, als man das Land betrat und die Schwar­zen in ihren wilden Verhältnissen beobachten konnte, war, man darauf bedacht, sie zu heben Man schickte' sie in bie Missionsschulen, machte sie zu Christen und brachte ihnen ein zivilisier­tes Benehmen bei.

Dann war man erstaunt, das; die Reger von ihrer Bildung Gebrauch machten, sie wollten nicht nur eine Kopie ber Weihen sein, sie woll­ten auch wie die Weihen leben Sie begannen in stets sich verstärkendem Wahe sich in Berufe hineinzudrängen, die früher den Weihen vor- behalten waren Die Engländer waren genö­tigt, die sogenannte Faroenschranke aufzurich­ten man lieh die Schwarzen bis zu gewissen Positionen kommen, aber dann wurde ihnen nach einem stillen Übereinkommen ein Halt gebo­ten. das sie bei Lebensgefahr nicht überschrei­ten dursten

Die Reger sind heute so klug aeworden, dah sie bie bedrängte Lage der Weihen sehr wohl überblicken, sie suchen die Bildung, bie chnen in den Missionsschulen beigebracht wurde, mit eigenen Kräften möglichst zu vervollkommnen 3n Südafrika gibt es eine Wenge sogenannter Aegergewerischaften, die eigene Schulen unter­halten

Zn ber Rähe von Durban, zwischen Durban und Port Elisabeth ist eine Universität für Reger. Sie wird ausschließlich von Regern be­sucht und von Regern geleitet.

Ich hatte mir eine Einladung durch einen Mi sionspater der hier sehr bekannten großen Mi sionsstation Maria Hill beschafft. Diele der Zöglinge von Maria Hill gehören der Uni­versität an, auch einige der schwarzen Professo­

ren haben in chrer Zugend auf den Bänken von Maria Hlll gesellen.

Zch wurde im Auto vom Schiff abgeholt, neben dem schwarzen Chauffeur sah ein Eingeborener mit einem würdigen Bart in einem tadellosen Anzug und einem Hellen Filzhut. Er stellte sich mir als Benjamin G. vor, es war ein junger Lehrer der Universität In L.

Der Wann sprach ein vollendetes Englisch und erzählte mir während der Fahrt viel von der Situation der Schwarzen. Er sagte mir, dah öle Eingeborenen des ganzen Landes sich als eine unterdrückte Klasse zu fühlen begännen, und es fei einfach eine Frage des Lesens und Schrei­bens, also eine Sache ber Elementarbilbung, dah sie es lernten, gemeinsam zu handeln und ge­meinsam ihre Interessen zu vertreten.

Während der Fahrt kamen wir an einigen Regerdörsern vorbei, bie sich mit ihren runden Strohhütten und Feuerstellen in einem primi­tivem Zustand befanden, wie er vor tausend Jahren auch nicht anders gewesen fein kann. Weiber sahen vor den Hütten und säugten Kinder, Schweine und Hühner schienen zu einem wirren Schmutzknäuel geballt. Ein Mann stand vor einem Misthaufen und sog an einer langen weihen Tonpfeife.

Ich sagte meinem Führer, bah diese Reger noch lange gebrauchen dürften, bis sie fertige Mitglieder einer Gewerkschaft seien.

Er meinte, das sei nur eine Sache des Geldes, wenn man diese Menschen aus ihrem Mllicu herausnähme. sie anständig anzöge und ihnen gewisse Elementorlenntnisse beibrächte, seien sie so verändert, dah man sie nicht wiedererkenne.

Die Universität ist von einem Kranz von Häusern umgeben, die nach dem Muster der englischen Colleges die Wohnräume der Zög­linge enthalten. In jedem dieser kleinen Häuser wohnen etwa fünfzig schwarze Jünglinge, die durch ein Self Government nach modernster Me­thode zusammengehalten werden. Das Govern­ment ist eine Kommission, die monatlich durch eine Wahl aller Hausinsassen geschaffen wird. Sie bestimmt diktatorisch über alles, waS int Haus geschieht, in die Singe, die die Universität betreffen, darf sie sich natürlich nicht einmischen.

Mein Gewährsmann erzählte mir, dah die Kommissionen ein rücksichtsloses Regiment führ­ten, und dah in einigen Hc ufern, die zwar wegen ihrer strengen Zucht gefürchtet seien, aber einen hohen Rus genössen, für relativ kleine Vergehen die Prügelstrafe eingeführt sei.

Wir beobachteten eine Regerrnannschast beim Fußballspiel. Die eine Partei trug rote, die andere weihe Jumper, beide schrien sich die

Polizeigewalt, de diese über sämtliche Studenten ausuden. Die -.echt gesürcht ten Vertreter dieser Gewalt, die für die Ordnung innerhalb und auherhalb des Colleges zu sorgen haben, heißen Proktoren und sind mit weitgehenden Befug­nis en ausgestattei. Wenn sie des Abends die Straßen und Das en durchstreifen und nach Hebel» tätern fahnden, die gegen irgendeine der vielen, oft sehr veralteten Univer itätSvorschri ten ver­stoßen haben, sind >ie von zwei handfesten Ge- hil.en begleitet, die von den Studenten treffend Bulldoggen" genannt werden. Mit diesenBull­doggen" wirb mancher Wettlauf au8getragen, aus bem aber, bank ihrer sportlichen Tüchtig­keit, meist die Stubenten als Sieg« hervor­gehen.

(Sine große Rolle spielen in Oxsorb unb Cam­bridge auch heute noch ,,Cap and Oown, d. h. Barett unb Robe", bie die Studenten zu allen Vorlesungen und zu den gemein amen Abend­mahlzeiten In der Halle tragen müs cn. Es han­delt sich hierbei um eine auS dem Mittelalter stammende Dit c. 3n Deutschland nannte man diese RobenSludentenkragenSie unterscheidEN sich in der Länge unb zeigen baburch an. ob ber Träger schon einen akabemi ch:n Grad er­langt hat ober ein Stipendium bezieht. D.sonberS feierlich wir.en wegen blefer eigen ümlichen Stu- bentcntrad>t bie Prüfungen unb Würdenverlei­bungen. die außerdem noch von zahlreichen tra- oiHonetten Zeremonien begleitet werden.

Schwer erziehbare Kinder.

Don Dr. Willy Hettpach, profeffor an der Universität Heidelberg, cf)em. bad. Staatspräsidenten.

starb. Die (Eltern haben sich, begreiflich genug, wegen Ihrer Züchtigungen noch viele Jahre hin­durch Die schwersten Vorwürfe gemacht. Oester kommen solche Anzeichen von beginnender De- hirnerkrankung bei Jugendlichen vor, die keine Kinder mehr find, sondern schon in vorgerückten Gntwicklunasjahren stehen. Hl« Ist eS vor allem daS Jugend-Irresein, daS man jetzt meist Schizo­phrenie nennt, welches nicht selten bei sogen. Wusterkindern auSbricht, und durch ein völliges Umschlagen des lenksamen Charakters inS Au«- sällige, Störrische, ja BösarHge sich wetter- leuchtend anzeigen tonn. Ich habe eS auch mit angesehen, tote ähnliche Charaktecänderungen, die besonders ber empfindsameren Mutter ausge­fallen waren, ben ersten Ausbruch von Fallsucht, ihren ersten Krampfanfällen, vorausglngen. Plötz­lich unb grundlos hervo r tretende Schwererziehbar- keit bet einem vorher leicht erziehbaren jungen Menschen legt also immer den Verdacht nabe, bah ein tiefere- Leiden des Rervensystems im Anzuge ist. Eine gründliche fachmännische Unter­suchung sollte da alten pädagogischen Experi­menten vorausgehen.

Ab« eS gibt auch Schwankungen und Wand­lungen der Crziehbarkeit, bie buvchauS in ben Grenzen des normalen sich bewegen. Es gibt so­genannte Trotzperloden in ber Kindheit, wie die heutige Iugendkürrde sie nennt. Das sind kindliche Lebenskrisen, die häufig mit WachstuinS- «scheinungen zusammen fallen. Gewöhnlich macht das Kind nach einer solchen Krise, die einige Monate ober noch läng« währt, ben Eindruck größerer Reife, es ist gleichsam in einen neuen Lebensabschnitt eingetreten. Der wissenschaftliche Versuch, bestimmte Kindheitsjahre als solche Trotz­zeiten feftzulegen, ist noch nicht befrtebigenb ge­glückt. Es bestehen dabei große persönliche Ver­schiedenheiten. Da es sich sozusagen um normale Krisen handelt, die ber Organismus Durchläuft, so hat eS feinen Zweck, bie Erscheinungen gewalt­sam unterdrücken zu wvllen. Man wird Aus­artungen verhüten, aber im Ganzen eher nach­sichtig. sein, unb bie AuSbrüche der Auflehnung, Ignorieren, ähnlich wie bei einem Leibenden. Geht man aber auf sie ein, so muß es gütig unb ver­stehe nb geschehen, bas kann oft Wunder wirken. Das Kind, das sich in einer solchen Krise be­findet, hat das Bedürfnis, dah sich jemand seiner annehmc.

Inzwischen können solche Dertrohungen auch die Folgen von heimlichen Erlebnissen sein, und es sollte nie vergessen toerben, behut­sam und taktvoll hier nachzuforschen. Die aus- gebteltetc Schule, welche sich an die medizini-

Riemand entzieht sich dem Eindruck, ja ber Ge­wißheit, bah eine ganze Generation ba ist, die jede Erziehung in Frage stellt. Eine Weile lang bat man Krieg, Revolution, Inflation angeschul- blgl. Run liegt bas alles immer weiter hinter uns, aber bas ErziehungSproblera wirb immer kritischer. Und öle Krise am schwersten im Wark- organ alles Erziehens, im Haufe. Bielen Eltern ist der Mut gesunken, ob eS überhaupt noch eine Erziehungsmoglichteit gibt. Diese Lethargie ist vielleicht das Gefährlichste. Denn umgekehrt müßte daS angestrengteste Rachdenken an diese Fragen gewandt werden, das Rachbenken aller. Wan muh dahinter kommen, wodurch schwer er­ziehbare Kinder entstehen, vielleicht läßt sich die grohe Eraiehungskrise bann Überwinden. Sv mag jeder Uebecblick über bie Erscheinungsformen der Schwererziehbarkeil ein Scherflein zur Gesundung von einer höchst ernsten seelischen Dollslrankheit sein, bie uns Heimsucht, unb der wir unmöglich einfach das Feld überlasien können, indem wir ihre Diagnose stellen und sie für unbeeinfluhbar erklären.

Schwer erziehbar können Kinder sein, well ihr Gehirn krank, unnormal i t. In Diesem Sinne nennt der Arzt vor den bangenden Eltern manch­mal ein idiolrsches Kind, dessen Gebaren aussällt, schonend em schwer erziehbares Kind. Eigenllich kann man Dies keine gute Gewohnheit nennen. Die geprüften Ellern erfahren Die harte Wahrheit doch eme6 nahen Tages, und Die Bezeichnung schwer erziehbar" ist Durch solche Verwendung schwer kompromittiert- Jeder «schrickt bann un­willkürlich vor ihr, auch wenn sie in einem viel harmloseren Sinne angewenbet wird. Manchmal kann es sich auch ereignen, bah bei einem jungen Menschen, ber bis bahin leicht eralehbar war, mit einem Male Erziehungsschwierigkeiten auf­treten, bie Anzeichen einer beginnenben Gehirn­erkrankung sind. So entsinne ich mich aus mein« eigenen früheren nervenärztlichen Berufstätig­keit eine- neunjährigen Änaben, der vorher ein höchst gutartiges, fanfteS, ja zärtliche- und stet- lenkbares Krnd gewesen war und Plötzlich in Aussälliakell und Ungezogenheit verfiel, ja, « kehrte Zuge von Tücke unb Bösartigkeit hervor, bie mit einer unüberwindlichen Faulheit in der Schule, mit liederlich angefertigten Schularbeiten, mit aufsässigem Benehmen gegen die Lehrer zu­sammenhingen. Das Kind wurde hart ungefaßt, viel geschlagen unb gescholten. Da erlitt es eines Tages eine Lähmung ber Sprache. Die Untersuchung «gab eine beginnende Gehirn» geschwulst, b.e nicht operiert werden konnte unb an der der kleine Patient nach Fünfvierteljahren

Kehlen beiter, bas Spiel war gut, eS war wirk­lich zwischen schwarzen unb weihen Fußball­spielern nicht ber geringste Unterschieb. Qltein Führer bemerkte mein Interesse. Stolz gab er seiner Stimme eine Würbe, die mich etwas komisch berührte.

Gr führte mich in eines der Unterkunftshäuser, wir betraten einen Schlafsaal, in dem die weißen Bettüberzüge glänzten. Im Speiseraum waren mehrere Zöglinge mit dem Decken der Tische beschäftigt, es flirrte von Geschirr unb fröh­liches Lachen erfüllte ben hohen Raum

Wir fragten einen ber jungen Burschen, was es heute zu Tisch gäbe. Er gab uns eine Speise­karte, auf ber breimal rot unterstrichen etwas von Ham and Eggs stand.

Die Räume, in denen die 'Vorlesungen abge­halten werden, liegen in bem Hauptgebäude. Aus dem Hause wehten die englische Flagge und der alte burische Vierkteur in trautem Ver­ein. Da zur Zeit meines Besuches bzr Streit um die Landesflagge in der ganzen Union er­bitterte Formen angenommen hatte, fragte ich meinen Führ«, weshalb man hier zwei Flaggen führe.

Herr Brnjamin G. sagte mir, bah bie Reg« sich, soweit es ginge, politisch neutral ver­hielten, bie Lehrerschaft ber Universität habe sich entschlossen, in den Flaggen streit unter keinen Umständen einzugreifen. Die Sympathien der Reger seien weder bei den Engländern noch bei den Duren, sondern allein bei den Regern. Es sei sehr b^etchnend, dah die beiden Eroberer des Landes sich darum stritten, welches Symbol ihren Gewalttaten vorangehen solle, an eine Reaer- flagge habe bisher niemand gedacht. Und doch toecoe sie kommen, wenn vtell richt auch «ft in hundert Jahren.

Unser Gespräch, das sehr laut gesührt wurde, war von einem würdigen schwarzen Herrn mit Zylinder unb Bratenrock gehört worben. Ohne sich mir vorzustellen, mischte er sich in bie Dis­kussion. ES sei gar keine Frage, dah bie Reger eineS Tages ihre elaene Flagge haben würden. Dazu müßten sie sich allerdings «st bewuht toerben, bah sie eine Ration seien. Ungeheuere Hindernisse seien noch au überwinden, bis bie Reger zu bieser nottoenbigen Bewußtheit kommen könnten. Cs beständen Hindernisse beS Charak­ters und Hindernisse ber Bildung. Dies« letzte­ren suche man hier in L. noch Kräften zu helfen, aber ben zum PariikulariSmus neigenden Reger- charakler könne man natürlich nicht von heule auf morgen ändern.

..Wir Reger," sagte Der Wann mit Dera Braten­rock,müssen uns bewußt werde», daß wir eine

einheitliche, unter Dem Druck Der AuslänD« lei» Denbc Ration sinD. Die Reger sind ein verträum­tes, auf Das Geistige gerichtetes Bolk wie etwa Die Chinesen. Genau so schwer wie eS heute Die jungen Erzieher Der Chinesen haben, haben wir es auch. Dem Erwachen Des Dunkelen ErDtelleS, wie eS immer so schön in Ihren Zeitungen heißt, muß von unS energisch nachgeholsen werden."

Immer mehr schwarze Herren mit Zylinder unD Bratenrock hatten sich um uns gesammelt, sie hörten schweigend Der ReDe Des Alten zu, der mich mit seinen weihen Zähnen üb«zeugend an» blitzte.

Kommen Sie etwaS weiter," sagte mir Ben­jamin G. leise,da kommt Professor Q2L, er ist bekannt wegen seiner Feindseligkeit gegen Men­schen mit weih« Hautfarbe. Er hat neulich bei einer Sitzung der Lehrerschaft durchsetzen wollen, Dah der Besuch bet Universität burch Weihe ver­boten werbe. Es ist aber natürlich nicht bucch- gegangen. Die Engländer hätten uns wahrschein­lich bie Universität schließen lassen. M. ist in seiner Art ein Revolutionär."

Wir gingen burch einen Bogengang, ber an ben Gang eineS Kloster- erinnerte. In bleiern Moment ertönte eine schrille Glocke.Eine Lehr­stunde ist beendet," sagte Benjamin G. Ein Schwarm von Studenten brängte sich burch das Portal, sie lachten, schwatzten, zeigten sich Bucher unb tollten wie Schulknaben. Ueberhaupt machte mir bie Universität Im ganzen mehr ben Einbruck einer Schule. Benjamin G., Dem ich Die« sagte, meinte, man Dürfe nicht vergessen, Daß bie Vor- bilbung ber Schüler sehr gering sei, unb bah Der Lehrplan Darauf Rücksicht nehmen müsse. Reben Borlesungen über Erkenntnistheorie gehr es solche für Schönschreiben unb Elementarrech^ nen. Won bürte keine europäischen Maßstäbe an bie Anstalt anlegen.

Ich fragte noch, ob bei her Universität auch weibliche Hörer zugelassen seien.

Selbstverständlich! Aber biefe Erlaubnis Hat vorläufig nur theoretischen Charakter. Die Er- »iehung unserer Frauen ist noch nicht so weit, bah man ihnen einen Abschluß burch eine Uni­versität geben könnte."

Wir stanben wieder vor bem Auto, das mich gebracht hatte, ber schwarze Chauffeur sprang heraus, um mir ben Schlag aufzureihen. Al­ber Wagen sich schon bi Bewegung gesetzt hatte, kam ein junger Mann und überreichte mir einen Stotz von Propagandaschriften. Benjamin G. winlle mir freundlich zu. und in ber Ferne wür­ben mir zu Ehren einige würbige Zyllnderhüte gelüftet