Ausgabe 
28.2.1928
 
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It. 50 Zweites Blatt

6»parkommiffar und Länder.

Weg zur einheitlichen Durchführung der Berwallungsreform.

Anläßlich eines Antrages der Deutschen Volks- Qimei im Badischen Landtag, man solle den -2e-ich s s p a r k o m m i s s a r bei der Berwal- vtWsreform in Baden gutachtlich heran- L c-ah e n , wurden aus verschiedenen parlamen- Kr i chen Lagern Bedenken gegen diesen An- mg geäußert. Dieselben Bedenken haben auch !r Württemberg eine Rolle gespielt, doch ist : nzwischen zu einer offiziellen Aufnahme der Drehungen zwischen Württemberg und dem f-^rkommissar gekommen.

Wien diesen Bedenken liegt die falsche Ansicht ljaunbc. daß der Sparkommissar den Ländern i ainern solchen Falle etwa wie eine Art b akursvc r w a l t e r gegenüberstehe. Das iffi aber keinesfalls zu. Sowohl Baden, als :d$ Württemberg haben bereits wesentliches in r Berwaltungsrcform geleistet Und trotz­en oder vielleicht gerade deshalb ist Württem- cid auf dem Wege, ein Gutachten des Spar- cimissars einzuholen. Schon auf der Länder- t.f -renz wurde eine solche gutachtliche Arbeit el sehr zweckmäßig bezeichnet. Diese Stellung- Zichme der Länderkonferenz ist schließlich kein

Bor allem wurde damals betont, daß *ti bringend notwendig sei. die Gleichmäßig- lii i der Berwaltungsrcform, die sich in den En dern und schließlich auch im Reich immer auf) r anbahnt, sicherzustellen. Gerade dieser Ge- 'ftl^punkt ist auf der Länderkonferenz besonders Ido nt worden. Als die gegebene Stelle hat ttn. damals den Reichsspaäommissar und seine fit arbeitet bezeichnet. Man dachte dabei augen- K<?i nlich nicht nur an die dort gesammelten 'Bohrungen, sondern auch an die gerade ihm ifligrbencn großen Möglichkeiten der B e r m i 1t- lsttg zwischen den Reichsressorts und den Län- 'iiiit Da es sich aber ohnedies nur um R a t - s-l-ä g e handeln kann, wird die Selbständigkeit 3Wer Länder, und das betont das Reichsspar- : ikunissariat selber immer wieder, in keiner Dc ise beeinträchtigt. Es handelt sich also ur. keine Bormundschaft, sondern nur um eine Kimeinschaftsarbeit. Als zweites kommt hinzu, kl das Deichssparkommissariat in einem un- c^'ihnlichen Maße von den politischen rt c i c n unabhängig ist und so die -Tätlichkeit Hal, rexn sachlich den Reform- b lxn und die Reformpläne der Länder zu flirten. Sn diesem Sinne ist es auch besonders ^Ive-ichnend, daß fast gleichzeitig zwei politisch fyRS verschieden gerichtete Regierungen die ' sukS eingestellte Mecklenburger und die ii;tM ^gebundene Württembergische den Üllichssparkommissar zur Mitarbeit bei ihrer ^rLvaltungsreform hinzugez-g.m haben. Weiter Miautet, daß auch Anhalt und Oldenburg iii gleiche Ansicht haben, wenn auch bisher noch Win dahinlaufender Antrag unseres Wissens in ItcLin eingelaufen ist. Hessen und Thürin- otit sind augenblicklich in Arbeit, während die '* 1 Ddirnte sächsische Denkschrift von Anfang Örmar d. 3. vorher eingehend mit dem Reichs- ; sfulommissariat durchgesprochen worden war. Usberhaupt hat bisher das Reichssparkommis- Midi nur a u f Wunsch der betreffen- :' ItiL Länder sich gutachtlich zu den Berwal- trg.h:eformplänen geäußert. And auch dann ,. tni<c nur sehr zurückhaltend und im Rahmender '2-insche, die die betreffende ßänöerregierung Mg-cbracht hatte. Andererseits darf man auch f hiii't übersehen, daß es unter Umständen für -m Regierung außerordentlich angenehm sein ':km, wenn ihr von einer so unparteiischen und -tof-ralen Stelle wie dem Reichssparkommissariat ili; sachliche Dotwendigkeit der Reformen be - lHit.igt wird.

fcaten für Mittwoch, den 29. Februar.

Sonnenaufgang 6.48 Uhr, Sonnenuntergang 17.38 * Wir. Mondaufgang 10.54 Uhr, Monduntergang W llhr.

I

Oie goldenen Berge.

Vornan von Clara Viebig.

«lLpDright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart.

Nachdruck verboten.

1. Kapitel.

Mädchen kam, vor sich hinsummend, des 'Tkges. Maria Bremm ging auf der weißbe- ' liulten harten Chaussee, die sich in runder 'Äimdung durchschlängelt zwischen dem Fluß und i®ci Sergen. Steil stiegen die auf zur Rechten, mit iHcm schroffen Geklipp mehr Felsen gleichend iaab Sergen. Kaum Erde an ihren Hängen, nir»

I aaiotDO weicher Boden, den der Fuß bequem tttr.1 olles Schotter, Geröll, blaugraues Schiefer- »gcirsel, Platten und Plättchen, die jeden Son- innfiirahl aufsangen und verschlucken.

Zxih stehen im bis zum Sprühen erhöhten CSowfer die Weinstöcke: Sonne, noch immer mehr Ogmne wollen sic haben. Die Füße im Feuer, ZHk= tut ihnen gut, dann rinnt den Reben das ttitle Leben bis in die äußerste Spitze, dann flnub sie gesund. Dann sind aus versteckten ®e- BHenen im grünen Laub überall Beeren ge- tutirilcn; noch sind sie klein, nicht um vieles PQjfcv't als Stecknadelköpfe, aber der Behang iibfi schon gut zu erkennen. Der Sommer und sjkjno'Glut sind auf der Höhe, die Mittags- f'tt nist einem Funkenbrand gleich, einer lo° GÖcnben Fackel, die ihren Feuerregen in die CiEti ?.berge wirft. Die Luft steht still, sie ist cd- lockend im Weinberg. Luft und Berg ver° [Men Hitze, nur die Mosel, die unten, zur iBhlim der wcißschimmerndcn Straße gleitet, flftriät noch von Kühlung; aber sonnenbeglänzt ott auch sie. , , ..

dem Mädchen, das auf lexchten Fußen bxe HN!N«nhart gebrannte Straße ging, rannen 83claeibperlen unter den schwarzbraunen Fhch- drti vor, die sich in dickem Kranz txcf um ÖÖii chmale Stirn legten, liefen an dem ge» nrrobcTT. Rüschen herab und an ben_ warm ge- HiibBen, beflaumten Wangen. Die Sonne hatte Bi» gut gemeint mit diesem Gesicht, fxe batte ej-4 5 goldig getönt von erster Kindheit an.

N aria Bremm wischte sich mit dem Hand- ariWcii über das heiße Gesicht: was für em 'loiöiur Tag! 3hr Summen wurde zum Singen, uti' Dong bekam etwas Wiegendes; so gefiel sri&ntr Ijeute. Wenn das Wetter so warm blieb,

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Dienstag, 28. Zebruar 1928

1792: der Komponist Gioacchino Rossini in Pasero geboren (gestorben 1868); 1828: der norwegische Maler Morton Müller in Holmstrand geboren (ge­storben 1911); 1892: der Schriftsteller Felix von Holländer in Blankenburg a. Harz geboren.

Gedanken

zur Bottshochschularbeit.

Don Prof. Or. August Messer.

Auch bei Wohlmeinenden erweckt der Gedanke an die Volkshochschule leicht die Besorgnis, sie fördere im Grunde nur die sog.Halbbil­dung".

Wer aber vonHalb bildung" redet, der seht im stillen voraus, es gebe so etwas wieGanz- bildung", die zugleich eineabgeschlossene Bildung" wäre. An einer solchen Voraussetzung kann man aber nur solange festhalten, als man den BegriffBildung" wesentlich intellektualistisch faßt, als man annimmt, sie bestehe in dem Besitz eines bestimmten Wissens, das seine Träger be­fähige, in allen vorkommenden Fragen mitreden zu können und richtigen Gebrauch zu machen von Fremdwörtern.

Bei dieser Fassung des Bildungsbegriffs kann man dann auch noch der Meinung fein, sie werde durch Besuch bestimmter Schulen, den Erwerb be­stimmter Zeugnisse gleichsam garantiert. Dabei wird man freilich in eine gewisse Verlegenheit kommen, wenn man angeben soll, ob schon das Reifezeugnis für Obersekunda wirklicheBildung" gewährleiste oder das Maturitätszeugnis oder wohl gar erst das Doktordiplom.

Sn Wirklichkeit hat aber tieferdringende Päda­gogik jenen intellektualistischen Bildungsbcgrisf und damit auch den derabgeschlossenen" Bil­dung längst als irreführend erkannt. So erklärt z. B. Georg Kcrschensteiner in seinerTheorie der Bildung" (Leipzig, 1926, S. 227):Das Phantom derabgeschlossenen" Bildung, das die Schul­programme aufstellen und mit ihren enzyklopädi­schen Lehrplänen anstreben, ist ein Erzeugnis der E i n bildung und nicht der Bildung? Sst aber der Begriff derabgeschlossenen" Bildung, also derGanzbildung", unhaltbar, so wollen wir auch auf den Begriff derHalbbildung" lieber ver­zichten.

Sn der Tat. wer überhaupt ein Verständnis hat für dos Wesen geistigen Lebens, der erkennt, daß es als lebendiges immer im Fluß, immer in der Entwicklung bleiben muß; daßabge­schlossene" Bildung,Ganz bildung" innere Er­starrung und geistigen Tod bedeuten würde, also einen Zu st and, den die Studentensprache als Philistertum" oderSpießertum" bezeichnet.

Die Volkshochschule aber will solchemSpießer­tum" gerade entgegentoirfen, sie will geistig an­regen, wachhalten, innerlich bereichern, klären. Sic arbeitet bewußt nicht aufabgeschlossene" Bildung hin, stellt auch keine Zeugnisse über derartiges aus, und sie führt auch über jenen intellektualistischen Bildungsbegriff schon dadurch völlig hinaus, daß sie dazu hinleitet, den Wert des Menschen durchaus nicht in erster Linie nach seinem Wissensbesitz abzuschätzen.

Daß sich die Volkshochschule in der Tat noch ganz axxbete Aufgaben stecken farai als Wissens­mehrung, das zeigen die mit soviel Beifall auf«# genommenen Bestrebungen, künstlerische Werte weiten Kreisen von Volksgenossen zu vermitteln.

Aber auch darüber hinaus glaube ich, daß ge­rade die Volkshochschule in besonderem Maße ge­eignet und berufen ist, an einer nationalen Aufgabe mitzuarbeilen, die in der Gegenwart ebenso schwierig wie dringlich ist, an der Auf­gabe, die innere Volkseinheit zu fördern.

Wie tief die Gegensätze sind, die auf politi­schem, wirtschaftlichem und re.igios-weltanschau- lichem Geb et unser Volk zerklüsten, ift bekannt; ebenso welch erbitterte Kämpfe vielfach daraus entspringen; und daß mehrfach in den letzten Sohren die Gefahr des Bürgerkriegs nahegerückt war.

war es gut für die Reben. An viertausend Stöcke hatte der Vater im Warmenberg, vier Fuder konnte man davon kriegen! Sie lächelte. Ein Zug von Stolz legte sich um ihren Mund: viertausend Stöcke, da ist man schon ein mitt­lerer Winzer, keiner im Dorf hatte mehr.

Maria kam vom Weinberg her, sie hatte ihrem Vater das Essen gebracht. Der Weg war zu weit und zu zeitversäumend, Simon Bremm kam nicht heim zu Mittag. Heute hatte die Tochter den Essenstopf nicht in ein Tuch zu binden gebraucht, damit er warm blieb, er dampfte noch, als sie den Deckel abhob, als sei er eben vom Feuer genommen. Der Krug freilich war leider auch warm, obgleich sie ihn mehrmals unten am Wasser gekühlt hatte; der Fluppes. den sie im Weggehen erst aus dem Keller geholt hatte, schmeckte wie laues Spülicht. Der Mann hatte ausgespien in großem Dogen, und dann doch getrunken bis zum letzten Rest, war er doch ausgetrocknet, verdurstet, ganz aus- gedörrt. kein Tropfen Feuchtigkeit mehr in seinem Körper.

Der arme Vater! Auf Marias Gesicht legte sich ein Schatten, sie zog die Stirn kraus: o Sesus, nein, sie möchte nicht mit in den W.in- berg gehen! Die Frauen bekamen alle von dem Schleppen bergauf einen Kropf; und so rasch alt wurden sic. mit vierzig 3ahren schon sahen sie aus. tote ihre Mutter auch aussah. Rein, einen Winzer würde sie itiemals heiraten. Da kriegte man auch zu viele Kinder. Rur bei dcr Lese war's schön; bei der zu helfen war's auch nicht schwer, und man hatte viel, viel Spaß dabei! Unwillkürlich machte die Sunge einen hüpfenden Schritt, ein lustiges Lächert er­schien auf ihrem Gesicht, alle Schatten ver­flogen und alles Nachdenken: ha. war das schön auf der Welt!

Die Sonne vergoldete alles. Der Fluh war nicht Wasfer mehr, fein Spiegel war aus blan­kem Metall. Selbst der Staub, der sich auf die Schuhe legte, war Goldstaub. Der Kloster­berg drüben war wie mit Gold begossen, und die Wiese um die Klosterruine, über der droben das Kirchlein liegt, auch. Alles, alles so herr­lich und reich ach, und so froh! Maria jubelte auf.

Es war die Sugend, die aus ihr jubelte, das Land, dessen Kind sie war. Ein Land, in dem Walnüsse und Edelkastanien in Hainen wachsen, in dem das feinste Obst reift, in ge-

Streben wir aber nach Volkseinheit, so wäre cs phantastisch und utopisch, wollten wir etwa wähnen, die verschiedenen Parteien und Richtun­gen abschaffen zu können. Die Einheit als Ziel eines geistig so reichen und so individualistisch gearteten Volles wie des deutschen, kann und darf niemals verwechselt werden mit Einfachheit, Ein­förmigkeit, Gleichmacherei, sie kann nur sein Ein­heit des Mannigfaltigen. Das bedeutet: Die Verschiedenheiten und Gegensätze mögen weiter­bestehen, aber die Anhänger der verschiedenen Parteien müssen sich besser verstehen und tiefer achten lernen, und sie müssen vor dem Trennen­den nie das Einigende und Gemeinsame ver­gessen. Dazu kann aber gerade eine überpartei­liche Volkshochschule Helsen. Freilich darf sie ihre Neutralität" nicht dadurch bekunden, daß sic an all den bedeutsamen Fragen, an welchen die Geister sich scheiden. vorbeischleicht, sondern daß sie diese Probleme mutig und ehrlich in Angriff nimmt. Dabei wird ihre Absicht in erster Linie die sein, klar zu legen, was eigentlich zur Frage steht und warum die einen diese, die anderen jene Stellung nehmen. Versteht man einmal, aus welchen Wertschätzungen und sonsti­gen Gründen die verschiedenen Wege cinaeschla- gen werden, dann ist man ganz von selbst pinaus« gehoben über die gehässige Kampseswcisc, bei der im Gegner nur dumme oder schlechte Men­schen gesehen werden.

Soll aber die Volkshochschule wirklich in dieser Art erfolgreich an dcr inneren Volkseinheit Mit­arbeiten, dann müssen freilich auch die Vertreter der verschiedensten Richtungen vertrauensvoll und vorurteilslos als Lehrer und Hörer, als Freunde und Förderer sich an der Arbeit der Volkshoch­schule beteiligen.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 28. Februar 1928.

Oer Wanderstab.

Da steht er in der Ecke, mein Freund. Echt Eiche, der Griff gebogen, abgenutzt. Als einzigen Schmuck trägt er einen schmalen Silberring, den ich ifjm einst an der Ostsee anlegte. Am unteren Ende funkelt die neue Spitze, denn die alte war im wahrsten Sinne des Wortesabgegangen".

Stolz steht er da, als ob er sagen wollte: Ohne mich kann die Welt nicht bestehen!"

Wenn er erzählen könnte! Hat er doch meine schönsten Stunden miterlebt, sind wir doch zu­sammen säst durch alle deutscheir Gauen gewan­dert, und immer war er mir mein Freund, bergauf und bergab, in feuchtem Grund, auf felsigen Pfaden, durch Wälder und über die Heide. Selbst in den Schweizer Bergen habe ich nur ihn getragen und den langen Alpenstock verschmäht. Er war mir Stühe und Hilfe auf allen Wanderungen. Durch Gebüsch und Gestrüpp half er mir den Weg bahnen. Bei der Rast stand er aufrecht, tief in den Boden gestoßen, und diente da oft noch als Kleiderhaken.

Abends, nach mancher schönen Wanderung, wenn wir müde ins Städtchen oder Dörflein einzogen, bann klapperte er auf dem Pflaster den Takt. And nachts stand er als treuer Wächter im Zimmer.

Darum wird er hoch gehalten und soll mein treuer Freund und Begleiter bleiben. Wenn ich ihn fo betrachte, bann höre ich Waldesrauschen und Vogelgesang, lustige Wanderlieder und Lau­tenklang, sehe im Geiste unsere lauschigen Ruhe- plähchen unter dem schattigen Laubdach am plät­schernden Bergbach. Daneben, aufrecht wie eine Schildwache. mein Wanderstab. Deutschlands schönste ©egenben tauchen auf. verträumte Stäbt- chcn und hebe Wandergenossen.

Sa. wenn so ein Wanderstab doch einmal er­zählen konnte!

Sn meinen jungen Jahren hätte ich ihn Knüppel" getauft. Da wäre er mir nichtfein" genug gewesen. Schon als Sekundaner trugen wir Stöcke, aber elegant muhten sie sein. Fein dünn, zierlich.Poussierstöckchen" war der Fach- * ausdruck. Zum Stützen waren sie nicht. Rur zum

schützten Gärten die süße Mandel gedeiht, immer­grüne Sträucher den Winter überdauern, an den Felsen üppig dcr wilde Goldlack duftet, und Rosen noch zu Allerseelen die Kirchhöfe übcrblühen. Ein Land, das mit dem Glanz seiner Sonne vergessen macht, daß auch hier, wie einst im Garten des Paradieses, die Schlange ver­steckt liegt, die in die Ferse sticht.

Das Mädchen sprang von der Chaussee die niedrige Ascrböschung zur Linken hinab: ge­schwind ins Wasser! Ei, die Mosel, die war das beste am heutigen Tag, und die war einem fo vertraut. Sic floß am Dorf vorbei, nur schmal war das Aferland bis zu den Häusern. Sn sanfter Lautlosigkeit glitt sie freundlich dahin, ihr Flüstern war nur zu hören bei Nacht, wenn alles ruhig war, wenn das Schreien der Kinder verstummte, das Klappern der Schuhe, das Poltern der Karren, das Brüllen des Viehes. Wenn alle Geräusche der Wohnstätten versunken waren in stiller Dunkelh.it.

Das Mädchen schleuderte die grobbesohlten Schuhe von den brennenden Füßen, streifte die Strümpfe ab, das bunte Kattunkleid, Röckchen und Hemd, mit lächelnder Lieblichkeit winkte der Fluß schon war sie im Wasser. Mit kräftigem Schwung holte sie aus, sie schwamm wie ein Fisch Das hatte sie niemand gelehrt, bas konnten sie alle hier. Auf dem Rücken liegend, die Augen geschlossen, lieh sich Maria jetzt treiben. Kleine Wellen berührten sie weich, gleich zärtlichen, streichelnden Händ.n. wie lauter Liebkosung umschloß es sie. Da stieß sie einen laut jauchzenden Schrei aus und schnellte sich wie ein schnalzender Fisch aus dem Wasser. Don irgendwo antwortete eine Stimme wo kam die her? Dom , Klosterberg? Aus dem alten Gemäuer auf der Wiese? Oder rief sie jetzt in der Felsenlay des Warmenbergs? Das Echo war erwacht; in finbi djem Hebermut forderte die Schwimmerin wieder und wieder seine Antwort heraus.

Simon Bremm im Warmenberg hatte einen Augenblick aufgehorcht: da rief die Maria! Ein freundlicher Ausdruck überflog für Augenblicke sein ernsthaftes Gesicht, dessen Haut braunge­dörrt war wie gegerbtes Leder.

Der Winzer stand zwischen seinen obersten Stöcken im Warmenberg, fo hoch oben, daß es nicht viel weiter hinauf mehr ging. Nur ein kurzes Stück brüchiger Felswand kam noch, und dann Lust, lauter Luft, darüber Himmel.

schneidigen Schwingen in bet Lust, ilnb alle Monate einen neuen. Sch weih noch wie heute, mit welchem Verlangen ich nach den schwarzen Ebenholzstöcken mit silbernem Griff schaute. Un­erfüllbare Träume! Heute lächle ich darüber. Mein Eichenstock ist mir lieber. Man schätzt das Reelle. Und das ist der Wanderstab. Da weih man, was man hat. So ein Stock kann auch einmal etwas vertragen, er bricht nicht leicht. Er ist ein Freund, auf den man sich verlassen kann.

Wenn er auch auf dem Asphalt gewöhnlich und derb erscheint, das macht nichts. Er gehört nicht in die vornehmen ©traben. Sn Feld und Wald ist seine Heimat. Der Rucksack und er. die gehören zusammen.

Sn diesen sonnigen Tagen, die den Frühling einleiten, packt uns die Sehnsucht: Wenn wir doch wieder hinaus könnten in die weite Welt, mit dem Stab in dcr Hand!

Dulde, gedulde dich sein!" Ms.

Gics;c:ier Wochcnmarktpreisc.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 140 bis 160, Matte 30 bis 35, Käse (10 St.) 60 bis 140, Wirsing 40 bis 45, Weiß­kraut 20, Rotkraut 35, gelbe Rüben 20, rote Rüben 20, Spinat 40, Unter Kohlrabi 10 bis 12, Rosenkohl 50 bis 65. Feldsalat 150. Endivien 100 bis 120, Tomaten 150, Zwiebeln 20 bis 25, Meerrettich 40 bis 100, Schwarzwurzeln 40 bis 60. Kartoffeln 5 bis 5*/2. Aepfel 10 bis 15. Birnen 10 bis 15. Honig 45 bis 50, Suppen­hühner 100 bis 120 Pf. das Pfund; Eier 12 bis 13, Blumenkohl 60. Salat 20 bis 40, Lauch 10 bis 15, Sellerie 20 bis 60 Pf. das Stück.

Bornotizen.

Tageskalender für Dienstag. Stadttheatcr: 7.30 Uhr,Das Konzert" (Ende gegen 10 Uhr). Männer-Badc-Derem 1836: 8 Uhr,Pfälzer Hof", Generalversammlung. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Die schönsten Deine von Berlin". Astoria - Lichtspiele: Sühne".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Es fei darauf hingewiesen, daß die am morgigen Mittwoch stattsindende Aufführung von GogolsDer Revisor" die letzte des Werkes sein wird. Die Neueinstudierung dieses belustigenden Stückchens aus Alt-Rußland hat allgemein großen Anklang gefunden und wird als sehr sehenswert ge­rühmt.

Das Gastspiel des Marionetten- Theaters Münchener Künstler am Donnerstagnachmittag (Die Zaubcrgeige") und am Donnerstagabend (Das alte deutsche Faust­spiel") sei den Snteressenten noch einmal in Erinnerung gebracht. Dcr Besuch dieser Mün­chener Künstierschar dürfte in der diesjährigen Spielzeit unseres Theaters ein Ereignis werden. Vorbestellung der Plätze sind an die Kasse des Gießener Stadttheaters zu richten. Ueber Kar­ten. die nicht bis spätestens Vi Stunde vor Beginn der Vorstellung abgeholt sind, wird anderweitig verfügt.

* Altersschwach. Die alten Bäume vor dem Torhaus am Seltersweg sind in den letzten Tagen ihrer Aeste ledig geworden. Heute sind die Arbeiten zur Fällung der Stämme im Gange. Die Bäume waren infolge ihres hohen Alters morsch geworden und bildeten infolgedessen eine öffentliche Gefahr, so daß sie aus Gründen der Verkehrssicherheit beseitigt werden mußten.

* Personalien. Am 24. Februar wurde der Oberlandmesser Wilhelm Klinger beim Vermessungsamt Hungen in gleicher Diensteigen­schaft vom 1. April 1928 ab zum Dermessungs- amt Grünberg verseht. Durch die Kirchen­regierung wurde dem Pfarrer Herrn. Müller zu Maulbach die evangelische Pfarrstelle zu Eichelsdorf, Dekanat Nidda, übertragen.

"Arbeitsjubiläum. Ein seltenes Jubiläum begeht heute Frl. Elise Buß aus Gambach. 30 Jahre ist sie heute als Hausgehilfin bei Frau Geheimrat S t o e r i k o tätig, und 45 Jahre gehört sie jetzt überhaupt zum Haushalt der Familie Stoeriko,

Der Platz für die obersten Stöcke war gering, knapp genug Raum für ihrer sechs Stück und für Simon Bremm. Einem Gärtchen der Berg­geister gleich schien die bepflanzte Klippe, die der felsige Berg wie ein Tcllerchen vorstreckt. Senkrecht ging cs hinab, aber es waren gute Stöcke hier oben, hierher kam die Sonne zuerst und blieb auch am längsten, hier gab es Trau­ben, wenn der Behang weiter hinunter nut spärlich war.

Der Mann beugte sich weit vor zwischen den Stöcken, er trat ganz vorn an den äußersten Rand, um in die schwindelnde Tiefe hinab nach der Tochter zu spähen. Aber er konnte sie nicht entdecken. Ach je, die Augen, die waren so gut nicht mehr! Der scharfe Sonnenbrand hatte sie angegriffen und der beizende Dunst beim Spritzen; ihre Lider waren rot mit eitrig geschwollenen Rändern.

Den Rücken gebeugt unter der schweren Last der von Kupfervitriolbrühe giftblau ange­laufenen Pumpe, stand der Winzer auf dem gleichen Berg, auf dem einst bi? Römer schon Wein gebaut hatten; die hatten ihm auch den Namen gegeben:Warmer Berg", der älteste Weinberg der Mosel. Don den Römern wußte Simon Bremm nichts, aber das wußte er, daß sein Vater, fein Großvater, sein älr- großvatcr auch, hier in den Reben gearbeitet hatten, von der Sonne verbrannt, von der Naß- fälte des Winters durchfchauert, und immer in denselben, zu aller Zeit sich gleichbleibenden Aengsten des Winkers: wird auch feine Krank­heit den Weinstock befallen, keine schädliche Motte ihre Eier legen, nicht Schimmel und Brand das Laub ergreifen, daß die Berkel darunter schwarz werden? Wenn man die Hoffnung nicht hätte, nicht den Glauben an die segnende Hand Gottes und die Fürsprache seiner Heiligen, man könnte wahrlich den Mut nicht aufbringen, hier immer wieder aufs neue zu bauen. So wie Einund­zwanzig konnten ja nicht alle Sahre fein da war s ein seltener Herbst aber nun waren schon zwei Ausfälle hintereinander. Sm ersten Sohr wäre wohl der Ertrag leidlich geworden, aber die Trauben erfroren, und das Sahr darauf, nun, da erntete man kaum etwas, es hing ja nichts an den Stöcken. Aber dieses Sahr konnte es wieder was geben, so viel geben, daß man Snflation und Besatzung vergaß und noch andere Unbill, die Hierzuland über die Menschen gekommen. (Fortsetzung folgt.)